Replika, Faksimile und Kopie: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==Etymologien und allgemeine Bedeu&shy;tungen==
‘Replika’ (oder ‘Replik’), ‘Faksi&shy;mile’, ‘Kopie’ und die entspre&shy;chenden Aus&shy;drücke im Engli&shy;schen, Franzö&shy;sischen, Italie&shy;nischen usw. sind latei&shy;nischen Ursprungs. ‘Replik/a’ stammt von einer Bezeich&shy;nung für  ‘Wieder&shy;holen’ (ursprüng&shy;lich: ‘Zurück&shy;falten’) ab. ‘Faksi&shy;mile’ lässt sich auf den Impe&shy;rativ ‘fac simi&shy;le’ (‘mache es ähnlich!’) zurück&shy;führen und wird nach 1880 im hier rele&shy;vanten Kontext von bilden&shy;der Kunst, Druck und Medien verwen&shy;det (vgl. <bib id='Rebel 2009a'></bib>: S. 184). ‘Kopie’ besitzt die längste Vorge&shy;schichte der drei und stellt eine Fili&shy;ation von ‘co-ops’ dar, dem Wort für Reichtum und Überfluss. In der anti&shy;ken und mittel&shy;alter&shy;lichen Rheto&shy;rik fallen unter ‘copia’ die Vielfalt von Ideen oder Vorstel&shy;lungen, die Vielfalt des Voka&shy;bulars sowie allge&shy;mein die Fähig&shy;keiten, die einem Redner zur Verfü&shy;gung stehen; mit dem Übergang von mündlich domi&shy;nierten zu stärker schrift- und druckba&shy;sierten Kultu&shy;ren in Mittel&shy;alter und Neuzeit beginnt ‘copia’ die Produk&shy;te von Verviel&shy;fälti&shy;gungspro&shy;zessen wie vor allem Abschrif&shy;ten und Drucke zu bezeich&shy;nen (vgl. <bib id='Margolin 1994a'>Margo&shy;lin 1994a</bib>).
:
‘Replik/a’, ‘Faksimile’ und ‘Kopie’ sind Aus&shy;drücke, die mit leichten Bedeu&shy;tungsun&shy;terschie&shy;den Gegen&shy;stände bezeich&shy;nen, die nach der Vorla&shy;ge eines [[Original|Ori&shy;ginals]] herge&shy;stellt bzw. gestal&shy;tet worden sind; den von ihnen bezeich&shy;neten Gegen&shy;ständen ist der Bezug auf ein Ori&shy;ginal gemein&shy;sam.


<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
==Begriffsverhältnis&shy;se==
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
Die Verhältnisse der drei Begriffe zuein&shy;ander sind im moder&shy;nen Gebrauch nicht eindeu&shy;tig. Nicht immer, aber zumeist dient »Kopie« als Oberbe&shy;griff, dem die beiden ande&shy;ren subsu&shy;miert werden.<ref>So&shy;weit nicht an&shy;ders ver&shy;merkt, ist das auch in die&shy;sem Ar&shy;ti&shy;kel der Fall.</ref> In diesem Sinne handelt es sich bei der Re&shy;plik/a um die nicht flächi&shy;ge, sondern vollplas&shy;tische Kopie eines drei&shy;dimen&shy;siona&shy;len Ori&shy;ginals (also einer [[Skulptur|Skulptur]], eines Reliefs usw.). Eben&shy;falls in diesem Sinne geht es beim Faksi&shy;mile nicht um eine „ide&shy;ale“, sondern um eine „mate&shy;riale“ Kopie; mit dem Faksi&shy;mile ist keine „medi&shy;ale Über&shy;setzung“ beab&shy;sichtigt, wie etwa der Kupfer&shy;stich den Pinsel&shy;strich eines Gemäl&shy;des in das Linea&shy;ment der Druck&shy;platte über&shy;setzt, sondern ein „quasi-authen&shy;tischer Ersatz“, der in Format, Form, Farbe und Mate&shy;rial maxi&shy;male [[Ähnlichkeit|Ähnlich&shy;keit]] mit dem Ori&shy;ginal aufwei&shy;sen soll (vgl. <bib id='Rebel 2009a'></bib>: S. 184, 215; auch ⊳ [[Authentizität]]).
:
Außer im Verhältnis der Unter&shy;ordnung können »Kopie« und »Re&shy;plik/a« auch in dem der Neben&shy;ordnung stehen. In diesem Sinne wird die Kopie als Nachbil&shy;dung eines Kunst&shy;werkes durch fremde Hand begrif&shy;fen und der Re&shy;plik/a gegen&shy;über&shy;gestellt, die sich dem Künstler selbst oder seiner Werkstatt verdankt (vgl. <bib id='Olbrich 1987a'></bib>: Bd. 4, S. 7).
:
Ebenfalls quer zu einem schlichten Verhält&shy;nis der Unter&shy;ordnung steht die Tatsa&shy;che, dass zwar alle drei Aus&shy;drücke deskrip&shy;tiv verwen&shy;det werden können, von ‘Kopie’ aber auch ausdrück&shy;lich ein eva&shy;luati&shy;ver Gebrauch gemacht wird – genau&shy;er gesagt: ein pejo&shy;rati&shy;ver. Dieser Gebrauch stützt sich auf die Unter&shy;schiede zwischen Ori&shy;ginal und Kopie in Bezug auf Sequenz und Quanti&shy;tät: Die Kopie ist nichts Erstes, sondern ein Folgen&shy;des oder Zweites (also nicht ein Primä&shy;res, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: ein Sekun&shy;däres); und sie ist übli&shy;cherwei&shy;se auch nicht einzig&shy;artig oder zumin&shy;dest nicht selten. Anders als ‘Re&shy;plik/a’ oder ‘Faksi&shy;mile’, die sich in der Regel auf Gegen&shy;stände bezie&shy;hen, die in gerin&shy;gerer Anzahl vorkom&shy;men, hat sich ‘Kopie’ als (ab-)wer&shy;tende Meta&shy;pher für Produk&shy;te und Rezi&shy;pienten einer (durch [[Massenmedien|Massen&shy;medien]] bestimm&shy;ten) “Massen&shy;kultur” etab&shy;liert.<ref>In die&shy;sen Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang ge&shy;hört so&shy;wohl die Be&shy;griffs&shy;prä&shy;gung Sten&shy;dhals, der Men&shy;schen oh&shy;ne aus&shy;ge&shy;präg&shy;te In&shy;di&shy;vi&shy;du&shy;a&shy;li&shy;tät als „hom&shy;mes-co&shy;pies“ be&shy;zeich&shy;ne&shy;te (<bib id='Stendhal 1868a'>Sten&shy;dhal 1868a</bib>: S. 265), wie auch die Ver&shy;wen&shy;dung wei&shy;te&shy;rer ur&shy;sprüng&shy;lich druck&shy;tech&shy;ni&shy;scher Ter&shy;mi&shy;ni wie ‘Ab&shy;klatsch’, ‘Kli&shy;schee’ und ‘Ste&shy;reo&shy;typ’ im eben&shy;falls pe&shy;jo&shy;ra&shy;ti&shy;ven Sinn.</ref>


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->


==Diskurse und Praxis&shy;felder==
Für die Themen der Replik/a, des Faksi&shy;miles und der Kopie sind mehre&shy;re sich über&shy;lagern&shy;de Diskur&shy;se oder Praxis&shy;felder von Bedeu&shy;tung. Zu berück&shy;sichti&shy;gen sind hier ana&shy;log zum Fall des Ori&shy;ginals insbe&shy;sonde&shy;re techni&shy;sche, rechtli&shy;che, wirtschaft&shy;liche und ästhe&shy;tische Aspek&shy;te und darü&shy;ber hinaus päda&shy;gogi&shy;sche und reli&shy;giöse. Auch deswe&shy;gen ist die Rede von der Kopie oft vieldeu&shy;tig.
:
In [[Technische Medien|''technischer'']] Hinsicht weisen alle drei Repro&shy;duktions&shy;formen auf das Ori&shy;ginal zurück, das sie (mit-)ver&shy;ursacht (dazu auch ⊳ [[Index]]) und dem sie ähnlich sind. Dass sich die Repro&shy;duktions&shy;techni&shy;ken stetig ent&shy;wickelt haben und die frühen manu&shy;ellen nach und nach durch maschi&shy;nelle, elek&shy;troni&shy;sche und IT-gestütz&shy;te Techni&shy;ken ergänzt worden sind, mündet anders als im Fall des Ori&shy;ginals nicht allein in einer (vergleich&shy;baren) über&shy;greifen&shy;den Tendenz, sondern auch in wachsen&shy;der Diver&shy;sifi&shy;kation. Zwar lässt sich auf der einen Seite durchaus als Entwick&shy;lungsten&shy;denz festhal&shy;ten, dass es für immer mehr Perso&shy;nen möglich wird, immer schneller und immer einfa&shy;cher immer mehr Repro&shy;duktio&shy;nen herzu&shy;stellen;<ref>Gro&shy;ßen An&shy;teil an die&shy;ser Ten&shy;denz hat die er&shy;folg&shy;rei&shy;che Kop&shy;pe&shy;lung von Bild&shy;re&shy;pro&shy;duk&shy;ti&shy;ons- und Druck&shy;tech&shy;ni&shy;ken wie et&shy;wa die Ver&shy;bin&shy;dung von Holz&shy;schnitt, Stich und Buch&shy;druck seit dem 15. Jahr&shy;hun&shy;dert oder die von Li&shy;tho&shy;gra&shy;phie und Zei&shy;tungs&shy;druck ab der ers&shy;ten Hälf&shy;te des 19. Jahr&shy;hun&shy;derts (vgl. <bib id='Rebel 2009a'>Re&shy;bel 2009a</bib>: S. 102f., 165ff.).</ref> um beispiels&shy;weise ein Fax (ursprüng&shy;lich: ‘Tele&shy;faksi&shy;mile’) zu versen&shy;den oder Foto&shy;kopien anzu&shy;ferti&shy;gen, bedarf es nur noch des Knopfdrucks des Laien und nicht mehr der aufwen&shy;digen Arbeit eines oder mehre&shy;rer handwerk&shy;lich oder künstle&shy;risch ausge&shy;bilde&shy;ten Spezia&shy;listen. Auf der ande&shy;ren Seite kann sich das Profil der je mögli&shy;chen Repro&shy;duktio&shy;nen deutlich vonein&shy;ander unter&shy;scheiden, was sich schon an ihrem Verhält&shy;nis zur Exakt&shy;heit able&shy;sen lässt. Eine manu&shy;elle, gemal&shy;te oder gezeich&shy;nete, Kopie etwa wird immer von ihrem Ori&shy;ginal abwei&shy;chen, wohin&shy;gegen eine von ihrem ana&shy;logen Daten&shy;träger wie Papier, Zellu&shy;loid oder Stein gelös&shy;te, also [[digitales Bild|digi&shy;tali&shy;sierte]] Vorla&shy;ge „ohne Quali&shy;tätsver&shy;lust“ immer wieder repro&shy;duziert werden kann (vgl. <bib id='von Gehlen 2011a'></bib>: S. 15, 38). Das quali&shy;fiziert keine der beiden ''per se'' als besse&shy;re oder schlechte&shy;re Kopie, ermög&shy;licht aber unter&shy;schiedli&shy;che Funkti&shy;onen.
:
Neben den speziellen Fragen von Druckpri&shy;vileg, Urhe&shy;berrecht und Copy&shy;right ist in ''rechtli&shy;cher'' Hinsicht insbe&shy;sonde&shy;re die Unter&shy;scheidung zwischen Kopie und Fälschung (bzw. Plagiat) ele&shy;mentar. Jede Kopie, die auf maxi&shy;male Ähnlich&shy;keit zielt, teilt nahe&shy;liegen&shy;der Weise zumin&shy;dest ''eine'' Inten&shy;tion mit der Fälschung. Während die Fälschung jedoch in betrü&shy;geri&shy;scher Absicht als Ori&shy;ginal ausge&shy;geben wird, ist das Faksi&shy;mile als Kopie kenntlich zu machen.
:
Was die ''ästhetische'' Hinsicht betrifft, so findet sich neben der Kopie als Kopie ''eines Arte&shy;faktes'' in den alteu&shy;ropä&shy;ischen Theorien der [[Mimesis|Mime&shy;sis]] bis in das 18. Jahrhun&shy;dert auch die Auffas&shy;sung, dass Kunstwer&shy;ke Kopien ''der Natur'' sind.<ref>Ein&shy;fluss&shy;rei&shy;che Bei&shy;spie&shy;le da&shy;für sind Jo&shy;na&shy;than Ri&shy;chard&shy;sons «The The&shy;ory of Paint&shy;ing» (1715), der es auch als Auf&shy;ga&shy;be des Ma&shy;lers sieht „to copy na&shy;ture“ (<bib id='Richardson 1792a'>Ri&shy;chard&shy;son 1792a</bib>: S. 157), und Charles Bat&shy;teux’ Ab&shy;hand&shy;lung «Les Beaux-Arts ré&shy;duits à un même prin&shy;cipe». Ihr zu&shy;fol&shy;ge ist das Kunst&shy;werk ei&shy;ne „co&shy;pie“, die den „pro&shy;to&shy;type“ oder „mo&shy;dèle“ (aus der Na&shy;tur) nach&shy;ahmt (vgl. <bib id='Batteux 1746a'>Bat&shy;teux 1746a</bib>: S. 12 und ⊳ [[[[Griechisch: 'ἄγαλμα', 'φάντασμα', 'εἴδωλον', 'τύπος', 'εἰκών'|Griechisch: ‘ἄγαλμα’, ‘φάντασμα’, ‘εἴδωλον’, ‘τύπος’, ‘εἰκών’]]).</ref> Wie auch die Rheto&shy;rik verlie&shy;ren diese Theorien aber durch die Verbrei&shy;tung des Buchdrucks und die moder&shy;nen Ästhe&shy;tiken des Genies und Ori&shy;ginals allmäh&shy;lich an Einfluss. Selbst die manu&shy;elle Kopie erlei&shy;det in diesem Zusam&shy;menhang einen Verlust an Renom&shy;mee, da auch sie Tradi&shy;tionen fortsetzt, anstatt – wie von der moder&shy;nen Doktrin gefor&shy;dert – mit ihnen zu brechen oder gar neue zu etab&shy;lieren. ''Vice versa'' gilt, wie sich schon an der Praxis des Renais&shy;sance-Bio&shy;graphen Giorgio Vasa&shy;ri zeigen lässt, die Anzahl der Kopien, die ein Ori&shy;ginal nach sich zieht, als ein Indi&shy;kator für dessen ästhe&shy;tischen Wert (vgl. <bib id='Zorach & Rodini 2005'>Zorach & Rodi&shy;ni 2005</bib>: S. 2).
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In ''wirtschaftlicher'' Hinsicht erschöpft sich die Rolle der Kopie keines&shy;wegs darin, als das (in der Regel) weni&shy;ger knappe Gut auch weni&shy;ger wert zu sein als das Ori&shy;ginal – selbst wenn dies durch die moder&shy;ne Ästhe&shy;tik des Ori&shy;ginals nahe&shy;gelegt wird. Unter vormo&shy;dernen Bedin&shy;gungen kann das Kopie-Sein durchaus ein Verkaufs&shy;argu&shy;ment be&shy;inhal&shy;ten, dann nämlich, wenn es sich um die Kopie eines appro&shy;bierten Ori&shy;ginals handelt, das einen hohen Quali&shy;tätsstan&shy;dard verspricht (vgl. <bib id='Mensger 2012a'></bib>: S. 33). Noch unter moder&shy;nen Bedin&shy;gungen dienen Kopien eines Ori&shy;ginals ferner dazu, auf letzte&shy;res und seinen ästhe&shy;tischen wie wirtschaft&shy;lichen Wert zu verwei&shy;sen. Damit über&shy;nehmen Kopien für das Ori&shy;ginal Aufga&shy;ben, die denen des Merchan&shy;dising vergleich&shy;bar sind (vgl. <bib id='Küster 2012a'></bib>: S. 67).
:
Ungeachtet der ästhetischen Abwer&shy;tung in der Moder&shy;ne kommt der Kopie in einer – im weites&shy;ten Sinne – ''päda&shy;gogi&shy;schen'' Hinsicht fast konti&shy;nuier&shy;lich ein hoher Stellen&shy;wert zu. Einer&shy;seits ermög&shy;licht die Kopie, egal, mit welcher Technik sie auch produ&shy;ziert sein mag, eine Distri&shy;bution von Ansich&shy;ten des Ori&shy;ginals und ist damit ein wichti&shy;ger Faktor bei Tradi&shy;tionsver&shy;mittlung und ästhe&shy;tischer  [[Bildung|Bildung]]. Ande&shy;rerseits spielt das (vor allem manu&shy;elle) Erstel&shy;len von Kopien eine wesent&shy;liche Rolle in der Ausbil&shy;dung von Künstlern und Laien.<ref>Auch in die&shy;sem Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang wird die funk&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;le Viel&shy;falt der Ko&shy;pie deut&shy;lich. Sie kann bei&shy;spiels&shy;wei&shy;se ei&shy;ne Ge&shy;dächt&shy;nis&shy;stüt&shy;ze sein, den Blick schu&shy;len oder auch der kre&shy;a&shy;ti&shy;ven Aus&shy;ein&shy;an&shy;der&shy;set&shy;zung mit Vor&shy;bil&shy;dern die&shy;nen. Das Spek&shy;trum reicht da&shy;bei von der ge&shy;treu&shy;en oder ge&shy;nau&shy;en Ko&shy;pie auf der ei&shy;nen Sei&shy;te bis zur frei&shy;en, in&shy;ter&shy;pre&shy;tie&shy;ren&shy;den oder Stu&shy;dien&shy;ko&shy;pie auf der an&shy;de&shy;ren Sei&shy;te (vgl. <bib id='Eiling 2012a'>Ei&shy;ling 2012a</bib>: S. 102 und <bib id='Betz 2012a'></bib>: S. 86).</ref> Diese Rolle wird schon früh insti&shy;tutio&shy;nali&shy;siert. Um 1500 betont Dürer, dass ein Maler nur durch das Kopie&shy;ren einschlä&shy;giger Vorbil&shy;der zu einer „freien hant“ gelangt (<bib id='Dürer 1966a'></bib>: S. 99), im 17. Jahrhun&shy;dert wird das manu&shy;elle Kopie&shy;ren Bestand&shy;teil des aka&shy;demi&shy;schen Curri&shy;culums (vgl. <bib id='Betz 2012a'></bib>: S. 86 und <bib id='Mensger 2012a'></bib>: S. 40), und im 18. Jahrhun&shy;dert ist das Kopie&shy;ren in päda&shy;gogi&shy;schen Zusam&shy;menhän&shy;gen derart präsent, dass in der gera&shy;de entste&shy;henden Kunstge&shy;schichte das ästhe&shy;tische Empfin&shy;den allge&shy;mein mit Meta&shy;phern beschrie&shy;ben werden kann, die aus dem Umfeld von Kopien (bzw. Abgüs&shy;sen von Plasti&shy;ken) stammen:
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:''Das wahre Gefühl des Schönen gleichet einem flüssi&shy;gen Gypse, welcher über den Kopf des Apol&shy;lo gegos&shy;sen wird, und densel&shy;ben in allen Theilen berüh&shy;ret und umgibt'' (<bib id='Winckelmann 1763a'>Winckel&shy;mann 1763a</bib>: S. 245).
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Besonderes Interesse in ''religi&shy;öser'' Hinsicht erfährt die Kopie im Kontext der vormo&shy;dernen [[Bildmagie| Bildma&shy;gie]]. Im ursprüng&shy;lich [[Idolatrie und Ikonoklasmus|bilder&shy;feindli&shy;chen]] Christen&shy;tum werden die so genann&shy;ten Acheiro&shy;poeita (wörtlich: ‘die nicht von Menschen&shy;hand Gemach&shy;ten’) früh vom Bilder&shy;verbot ausge&shy;nommen: Bilder, die ohne menschli&shy;ches Zutun entstan&shy;den sein sollen, wie in der Anti&shy;ke vom Mandy&shy;lion (Tuchbild) von Edes&shy;sa und im Mittel&shy;alter vom Suda&shy;rium (Schweißtuch) in Rom behaup&shy;tet.<ref>Das Chris&shy;ten&shy;tum knüpft hier di&shy;rekt an ei&shy;nen äl&shy;te&shy;ren pa&shy;ga&shy;nen Bil&shy;der&shy;kult an, der den Di&shy;i&shy;pe&shy;tes, den an&shy;geb&shy;lich (von Zeus) vom Him&shy;mel her&shy;ab&shy;ge&shy;wor&shy;fe&shy;nen Bil&shy;dern, ei&shy;ge&shy;nes Le&shy;ben zu&shy;ge&shy;spro&shy;chen hat&shy;te (vgl. <bib id='von Dobschütz 1899a'>von Dob&shy;schütz 1899a</bib>: S. 264f.).</ref> Folgt man der Legen&shy;de, sind sie Indi&shy;zes, da sich auf ihnen das Gesicht Jesu durch Berüh&shy;rung abge&shy;zeichnet haben soll. Um wiede&shy;rum diese Kopien zu repro&shy;duzie&shy;ren, werden zwei Vari&shy;anten namhaft gemacht: Der Legen&shy;de nach erzeugt das Tuchbild durch Abfär&shy;ben auto&shy;matisch selbst eine Kopie (also einen weite&shy;ren Index) von sich; in der tatsäch&shy;lichen Praxis bemü&shy;hen sich die Maler darum, ähnli&shy;che Bilder (also [[Symbol, Index, Ikon|Iko&shy;ne]]) herzu&shy;stellen, indem sie Ori&shy;gina&shy;lität vermei&shy;den und iko&shy;nogra&shy;phische Konti&shy;nuität wahren (vgl. <bib id='Belting 2004a'></bib>: S. 233-252 und <bib id='Mensger 2012a'></bib>: S. 33). Dies soll die Bilder nicht nur in einem offen oder latent bilder&shy;feindli&shy;chen Kontext legi&shy;timie&shy;ren und sie von den von Menschen&shy;hand geschaf&shy;fenen Götzen&shy;bildern unter&shy;scheiden, sondern auch die ihnen – ähnlich wie einer Berüh&shy;rungsre&shy;liquie – zuge&shy;schriebe&shy;ne Wunder&shy;tätig&shy;keit erhal&shy;ten.




==Theorien und Strömun&shy;gen==


=====Engere Begriffsbestimmung=====
Obwohl Replik/a, Faksimile und Kopie in der sozi&shy;alen Praxis mehr Aufga&shy;ben als das Ori&shy;ginal über&shy;nehmen (vgl. <bib id='Küster 2012a'></bib>: S. 64), sind sie im Vergleich zu diesem nur selten ein direk&shy;ter Gegen&shy;stand für die theore&shy;tische Neugier (gewe&shy;sen). Insbe&shy;sonde&shy;re in der Moder&shy;ne werden sie zumeist nur als das Ande&shy;re des Ori&shy;ginals neben&shy;bei mitthe&shy;mati&shy;siert. Die im Folgen&shy;den skizzier&shy;ten Ansät&shy;ze zu einer Theorie der Kopie entstam&shy;men den vormo&shy;dernen Krite&shy;rien zur Bewer&shy;tung von Werken, der moder&shy;nen Theorie des Ori&shy;ginals, den Über&shy;legun&shy;gen zur techni&shy;schen Inno&shy;vation der Druckver&shy;fahren, der refle&shy;xiven Strömung der Appro&shy;priation Art sowie der Bild&shy;onto&shy;logie.
:
In den Kunsttheorien von ''Renais&shy;sance und früher Neuzeit'' ist trotz des allmäh&shy;lichen Aufstiegs des Ori&shy;ginals und der Ent&shy;wicklung von Kenner&shy;schaft, die sich auch und gera&shy;de den Unter&shy;scheidun&shy;gen von Ori&shy;ginal und Kopie widmet, noch kein Platz für eine dezi&shy;dierte Abwer&shy;tung von Kopien. Dies verdankt sich einer teils noch in der Rheto&shy;rik fundier&shy;ten, weiter beste&shy;henden Tradi&shy;tion, die das Werk vor allem anhand der ''inven&shy;tio'', der Bild&shy;idee, beur&shy;teilt. Dement&shy;sprechend findet sich hier noch keine klare Asym&shy;metrie zwischen Ori&shy;ginal und Kopie, sondern eine Unter&shy;scheidung von in unter&shy;schiedli&shy;chen Medien reali&shy;sierten Versi&shy;onen, die je über ihre eige&shy;nen Meri&shy;ten verfü&shy;gen:
:
:''War das Werk durch die Bild&shy;idee – die Kompo&shy;sition oder Inter&shy;preta&shy;tion eines Sujets – defi&shy;niert, galt für verschie&shy;dene Versi&shy;onen (eine in Öl auf Leinwand, eine als Kohle&shy;zeichnung und eine dritte im Kupfer&shy;stich) grundsätz&shy;lich Gleichbe&shy;rechti&shy;gung. Vielleicht war das Gemäl&shy;de wegen des höhe&shy;ren Mate&shy;rialauf&shy;wands teurer, doch das gestal&shy;teri&shy;sche Vermö&shy;gen eines Künstlers zeigte sich vermut&shy;lich besser bei den Bildfor&shy;men, die auf das Wesent&shy;liche – die kompo&shy;sito&shy;rischen Grundfor&shy;men des ''diseg&shy;no'' – redu&shy;ziert waren.'' (<bib id='Ullrich 2009a'></bib>: S. 11).
:
Diese Bezugsgröße einer über&shy;greifen&shy;den Bild&shy;idee wird erst allmäh&shy;lich durch die des – genial oder zumin&shy;dest ori&shy;ginell reali&shy;sierten – Indi&shy;vidu&shy;ellen ersetzt, aus dem sich dann auch der rechtli&shy;che Anspruch auf geisti&shy;ges Eigen&shy;tum ablei&shy;ten lassen kann. 
:
Die Abwertung, die die Kopie dann in den ''moder&shy;nen Theorien des Ori&shy;ginals'' erfährt, greift nicht erst bei den quasi auto&shy;matisch, also technisch bzw. indus&shy;triell erzeug&shy;ten Kopien, sondern schon bei den manu&shy;ell verfer&shy;tigten, wie man einem Standard&shy;werk gegen Ende des 18. Jahrhun&shy;derts entneh&shy;men kann. In «Copey», dem einschlä&shy;gigen Eintrag in Johann Georg Sulzers «Allge&shy;meine Theorie der schönen Künste», heißt es:
:
:''Hieraus folget erstlich, daß es unend&shy;lich leichter ist, eine gute Copey, als ein gutes Ori&shy;ginal zu machen. In der That findet man, daß ofte ganz mittel&shy;mäßi&shy;ge Künstler sehr gut copi&shy;ren. Zweytens folget daraus, daß die Copey immer von gerin&shy;gerer Schönheit, als das Ori&shy;ginal sey, weil der Copist, der in einem ganz andern Geist, als sein Vorgän&shy;ger arbei&shy;tet, unmög&shy;lich so denken kann, wie jener gedacht hat. Der größte Unter&shy;schied muß sich darin zeigen, daß in dem Ori&shy;ginal mehr Freyheit ist, weil alles mit Gewiß&shy;heit bear&shy;beitet worden, und aus der Quelle geflos&shy;sen ist; da der Copist seine Gedan&shy;ken nach den Gedan&shy;ken des andern hat zwingen müssen'' (<bib id='Sulzer 1771a'></bib>: S. 231).
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Dass es sich bei Kopien um Arte&shy;fakte handelt, die ohne größe&shy;ren künstle&shy;rischen Aufwand herge&shy;stellt werden, minder&shy;wertig sind und als “unei&shy;gentlich” ange&shy;sehen werden müssen, wird bis in die Gegen&shy;wart zum nur gele&shy;gentlich in Frage gestell&shy;ten, aber meist stabi&shy;len Funda&shy;ment einer Theorie der Kopie zählen.
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Mit Blick auf die ''technische Inno&shy;vation'' in den Repro&shy;duktions&shy;verfah&shy;ren, nament&shy;lich durch [[Fotografie|Foto&shy;grafie]] und [[Film|Film]], hat Walter Benja&shy;min diese Theorie in Frage gestellt. In seinem Aufsatz «Das Kunst&shy;werk im Zeital&shy;ter seiner techni&shy;schen Repro&shy;duzier&shy;barkeit» aus den 1930er Jahren begrüß&shy;te er zum einen – als einer der ersten – die oben ange&shy;sproche&shy;ne Tendenz, immer schneller und einfa&shy;cher Repro&shy;duktio&shy;nen herzu&shy;stellen und über sie verfü&shy;gen zu können (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja&shy;min 1974a</bib>: S. 474-478). Zum ande&shy;ren betont er: „Das repro&shy;duzier&shy;te Kunstwerk wird in immer steigen&shy;dem Maße die Repro&shy;duktion eines auf Repro&shy;duzier&shy;barkeit ange&shy;legten Kunstwerks“; in Anbe&shy;tracht der Möglich&shy;keit, von einer Foto&shy;platte viele Abzü&shy;ge zu ziehen, gilt daher: „die Frage nach dem echten Abzug hat keinen Sinn“ (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja&shy;min 1974a</bib>: S. 481f). Ähnli&shy;ches trifft für den Film zu, inso&shy;fern die in den [[Kino|Kinos]] verwen&shy;deten Filmrol&shy;len (bzw. DVDs) immer Kopien sind. Im Falle von Foto und Film hat demnach die techni&shy;sche Inno&shy;vation zu einer Nivel&shy;lierung des Unter&shy;schieds von Ori&shy;ginal und Kopie geführt.<ref>Die wei&shy;ter&shy;ge&shy;hen&shy;de kul&shy;tur&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;ti&shy;o&shy;nä&shy;re Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve Ben&shy;ja&shy;mins bleibt um&shy;strit&shy;ten: Trotz der tech&shy;nisch in&shy;du&shy;zier&shy;ten Flut von Ko&shy;pi&shy;en ist schließ&shy;lich die „Au&shy;ra“ von Ge&shy;mäl&shy;den, Zeich&shy;nun&shy;gen, Skulp&shy;tu&shy;ren usw. nicht ver&shy;schwun&shy;den. Auch ist bei sol&shy;chen Küns&shy;ten der Un&shy;ter&shy;schied zwi&shy;schen dem Ori&shy;gi&shy;nal und der fälsch&shy;lich als Ori&shy;gi&shy;nal aus&shy;ge&shy;ge&shy;be&shy;nen Ko&shy;pie im&shy;mer noch von Be&shy;lang, wie bei&shy;spiels&shy;wei&shy;se Nel&shy;son Good&shy;man zeigt, des&shy;sen Sym&shy;bol&shy;the&shy;o&shy;rie an die&shy;sen Un&shy;ter&shy;schied auch den&shy;je&shy;ni&shy;gen zwi&shy;schen au&shy;to&shy;gra&shy;phi&shy;schen und al&shy;lo&shy;gra&shy;phi&shy;schen Küns&shy;ten knüpft (vgl. <bib id='Goodman 1995a'>Good&shy;man 1995a</bib>: S. 115-121 und ⊳ [[Notation|No&shy;ta&shy;ti&shy;on]]).</ref>
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Synergien zwischen Theorien und Werken bieten die im Umfeld der postmo&shy;dernen ''Appro&shy;priation Art'' entstan&shy;denen Arbei&shy;ten. Nachwei&shy;sen lassen sie sich bereits seit den 1960er Jahren bei Elaine Sturte&shy;vants, in den 1980er Jahren brechen sie sich als neo&shy;konzep&shy;tuelle Strömung ihre Bahn. Hier findet keine primär technisch, sondern vor allem eine ästhe&shy;tisch moti&shy;vierte Aufwer&shy;tung der Kopie statt.
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:''Als Appropriation Art (von lat. appro&shy;priare = zu eigen machen), ‘Aneig&shy;nungskunst’, bezeich&shy;net man Kunst, die sich fremde Bildlich&shy;keit aneig&shy;net, indem sie bereits exis&shy;tieren&shy;de Kunstwer&shy;ke kopiert, also in Format, Technik, Motiv und Stil so exakt wie möglich wieder&shy;holt – und dies nicht, um Plagi&shy;ate herzu&shy;stellen, sondern eigen&shy;ständi&shy;ge, ori&shy;gina&shy;le Kunst&shy;werke im Sinne von Elaine Sturte&shy;vant: „Die Kopie ist das Ori&shy;ginal“'' <bib id='Zuschlag 2012a'></bib>: S. 127).
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Gestützt und angeregt wird diese werk&shy;imma&shy;nente Refle&shy;xion durch Kriti&shy;ker, Kura&shy;toren und Gale&shy;rien im Umfeld der Kunst&shy;zeitschrift «Octo&shy;ber», die den franzö&shy;sischen Post&shy;struktu&shy;ralis&shy;mus in die US-ame&shy;rika&shy;nische Kunstwelt einge&shy;führt hat – und das heißt auch: Jacques Derri&shy;das Dekon&shy;struktion des (vermeint&shy;lich) Primä&shy;ren, hier also vor allem des Ori&shy;ginals, sowie Baudril&shy;lards Theorie des [[Simulation, Simulakrum|Simu&shy;lakrums]]. Die Nähe der Appro&shy;priation Art zur Theorie betont auch Arthur C. Danto, der in ihr die Verkör&shy;perung der „post&shy;histo&shy;rischen“ Kunst sieht: Einer&shy;seits verlei&shy;he sie „Bildern mit einer festge&shy;legten Bedeu&shy;tung und Iden&shy;tität“ eine „neue Bedeu&shy;tung und Iden&shy;tität“, ande&shy;rerseits sprenge sie, da sich ein Picas&shy;so oder Duchamp eben&shy;so aneig&shy;nen lasse wie ein Piero della Frances&shy;ca, die noch in der künstle&shy;rischen Moder&shy;ne propa&shy;gierte „wahrnehm&shy;bare stilis&shy;tische Einheit“ (<bib id='Danto 2000a'></bib>: S. 34-37; auch ⊳ [[Iden&shy;tität]]).
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Für die ''bildontologische Refle&shy;xion'' ist schließlich die Kopie in multip&shy;len Künsten wie Kupfer&shy;stich, Litho&shy;graphie oder Foto&shy;grafie inte&shy;ressant (vgl. <bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 114, 117 u.ö.). In ihnen ist die Kopie (im Sinne eines Drucks oder eines Abzugs) das eigent&shy;liche Bild, während die Vorla&shy;ge, also die bearbei&shy;tete Kupfer- oder Kalkstein&shy;platte oder das foto&shy;grafi&shy;sche Nega&shy;tiv, nicht als Bild gilt bzw. in der Regel nicht als Bild ausge&shy;stellt wird. Das legt nahe, im Kontext derar&shy;tiger Kopien den Ausdruck ‘Bild’ als Bezeich&shy;nung für einen abstrak&shy;ten Gegen&shy;stand zu verste&shy;hen, wohin&shy;gegen konkre&shy;te Gegen&shy;stände gemeint sind, wenn von Bildern im Sinne von Ori&shy;gina&shy;len die Rede ist. Die – geschätzt – 1.000 bis 3.000 Drucke, die es beispiels&shy;weise von Henri Tou&shy;louse-Lautrecs Litho&shy;graphie «Divan Japo&shy;nais» (1892/93) gibt, müssen daher als mehr oder weni&shy;ger gleichwer&shy;tige Instan&shy;tiierun&shy;gen eines Bildes ange&shy;sehen werden.<ref>Zum hier an&shy;hän&shy;gi&shy;gen Problem der Ori&shy;gi&shy;nal&shy;dru&shy;cke, die der Kup&shy;fer&shy;ste&shy;cher, Li&shy;tho&shy;graph usw. durch Über&shy;wa&shy;chen des Druck&shy;vor&shy;gangs und ge&shy;ge&shy;be&shy;nen&shy;falls durch Num&shy;me&shy;rie&shy;ren und Sig&shy;nie&shy;ren der Dru&shy;cke  au&shy;to&shy;ri&shy;siert, vgl. <bib id='Koschatzky 1975a'>Ko&shy;schatz&shy;ky 1975a</bib>: S. 27-44.</ref> Der Ausdruck ‘Divan Japo&shy;nais’ dient dabei als Eigen&shy;name, der nicht einen einzel&shy;nen konkre&shy;ten Bildträ&shy;ger bezeich&shy;net, sondern die Klasse der Drucke, die dieses Bild reali&shy;sieren. In diesem Sinn schreibt etwa Hans Jonas:
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:''Wenn ein Gemälde oder eine Statue genau kopiert wird, so haben wir in der Kopie nicht ein Bild eines Bildes, sondern die Verdop&shy;pelung ein und dessel&shy;ben Bildes'' (<bib id='Jonas 1973a'></bib>: S. 234f.).<ref>Jo&shy;nas über&shy;trägt da&shy;mit auf das Ver&shy;hält&shy;nis von Bild und Ko&shy;pie ei&shy;ne Ein&shy;sicht, die Pla&shy;ton im Dia&shy;log «Kra&shy;ty&shy;los» am Ver&shy;hält&shy;nis von Ge&shy;gen&shy;stand und Bild ge&shy;won&shy;nen hat&shy;te. Aus&shy;gangs&shy;punkt war dort die Fra&shy;ge, ob ei&shy;ne in al&shy;len Ein&shy;zel&shy;hei&shy;ten ex&shy;ak&shy;te Nach&shy;bil&shy;dung der Per&shy;son Kra&shy;ty&shy;los ein Bild von Kra&shy;ty&shy;los oder ein zwei&shy;ter Kra&shy;ty&shy;los sei (432c; zit. nach <bib id='Platon 1922a'>Pla&shy;ton 1922a</bib>: S. 117).</ref>
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Vergleichbares trifft, wie Benja&shy;min gezeigt hat, auch für die Vielzahl der in den Kinos zirku&shy;lieren&shy;den Kopien eines Filmes zu (vgl. auch <bib id='Carroll 2010a'></bib>: S. 167ff.) und ferner auch für im Druck instan&shy;tiierte Werke mit digi&shy;taler Basis.


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==Ausblick==


=====optional Beispiele=====
Analog zur Semantik von ‘Original’ lässt sich auch für dieje&shy;nige von ‘Kopie’ behaup&shy;ten, dass sich in ihr zentra&shy;­le Ele&shy;­mente der allge&shy;meinen Bild&shy;the­orie wieder&shy;finden und dass sie komplex und biswei&shy;len para&shy;dox ist. Wie für die allge&shy;meine Bild&shy;theorie sind auch im Falle der Kopie Fragen der Kausa&shy;lität und Ähnlich&shy;keit von Bedeu&shy;tung.
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Komplex ist die Seman­tik von ‘Kopie’ wegen der klassi&shy;fika&shy;tori&shy;schen und eva&shy;luati&shy;ven Verwen&shy;dungswei&shy;sen und der verschie&shy;denen Diskur&shy;se, Praxis&shy;felder und Theorien. Aller&shy;dings ist diese Komple&shy;xität durch die Domi&shy;nanz der moder&shy;nen Ästhe&shy;tik des gemal&shy;ten, gezeich&shy;neten oder plasti&shy;schen Ori&shy;ginals lange Zeit verdeckt worden.<ref>Auch vor die&shy;sem Hin&shy;ter&shy;grund ist die öf&shy;ters an&shy;zu&shy;tref&shy;fen&shy;de Be&shy;haup&shy;tung zu re&shy;la&shy;ti&shy;vie&shy;ren, im Ge&shy;gen&shy;satz zu den asi&shy;a&shy;ti&shy;schen Kul&shy;tu&shy;ren der Ko&shy;pie sei die west&shy;li&shy;che Kul&shy;tur ei&shy;ne des Ori&shy;gi&shy;nals. Letz&shy;te&shy;res trifft we&shy;der in der Vor- noch Post&shy;mo&shy;der&shy;ne zu und ist auch in der Mo&shy;der&shy;ne frag&shy;wür&shy;dig – je&shy;den&shy;falls dann, wenn man et&shy;wa Druck-, Foto- und Film&shy;tech&shy;nik oder die gra&shy;vie&shy;ren&shy;den wirt&shy;schaft&shy;li&shy;chen und pä&shy;da&shy;go&shy;gi&shy;schen Ef&shy;fek&shy;te der Ko&shy;pie be&shy;rück&shy;sich&shy;tigt.</ref>
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Vom Paradox schließlich lässt sich zum Einen mit Blick auf den Sonder&shy;fall der Appro&shy;priation Art sprechen, deren Kopien sich zunächst der moder&shy;nen Ori&shy;gina&shy;litäts&shy;pflicht zu entzie&shy;hen scheinen, aber gera&shy;de darin wieder ori&shy;ginell sind (vgl. <bib id='Ullrich 2011a'></bib>: S. 110). Zum Ande&shy;ren zeigt sich in der jünge&shy;ren Forschung inso&shy;fern ein allge&shy;meines Para&shy;dox, als sie das älte&shy;re line&shy;are Modell über&shy;formt, in dem auf das primä&shy;re Ori&shy;ginal noch schlicht die sekun&shy;däre Kopie folgte: sei es, dass die Forschung nun die Unter&shy;scheidung zwischen Ori&shy;ginal und Kopie gene&shy;rell in Zweifel zieht, sei es, dass sie an dessen Stelle eine kompli&shy;zierte&shy;re, meist dialek&shy;tische Struktur zu setzen versucht. Gestützt wird dieses neue Modell zumeist mit dem Hinweis auf die techni&shy;sche Ent&shy;wicklung, insbe&shy;sonde&shy;re die Digi&shy;tali&shy;sierung, und/oder auf den sozi&shy;alen und daher vermit&shy;telten Charak&shy;ter der Kunstpro&shy;duktion.<ref>Vgl. hier&shy;zu exem&shy;pla&shy;risch <bib id='Shields 2010a'></bib>, <bib id='von Gehlen 2011a'>von Geh&shy;len 2011a</bib> und – in kri&shy;ti&shy;scher Aus&shy;ein&shy;an&shy;der&shy;set&shy;zung mit Good&shy;man und Cris&shy;pin Sart&shy;well – <bib id='Elkins 1993a'>El&shy;kins 1993a</bib>.</ref>


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{{GlossarSiehe}}
 
* [[Ähnlichkeit]]
 
* [[Authentizität]]
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
* [[Bildmagie]]
 
* [[Bildung]]
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
* [[digitales Bild]]
* [[Film]]
* [[Fotografie]]
* [[Griechisch: 'ἄγαλμα', 'φάντασμα', 'εἴδωλον', 'τύπος', 'εἰκών'|Griechisch: ‘ἄγαλμα’, ‘φάντασμα’, ‘εἴδωλον’, ‘τύπος’, ‘εἰκών’]]
* [[Identität]]
* [[Idolatrie und Ikonoklasmus]]
* [[Kino]]
* [[Komposition]]
* [[Malerei]]
* [[Massenmedien]]
* [[Mimesis]]
* [[Notation]]
* [[Original]]
* [[Simulation, Simulakrum]]
* [[Skulptur]]
* [[Symbol, Index, Ikon]]
* [[Syntaktische Dichte]]
* [[Technische Medien]]


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Aktuelle Version vom 26. Dezember 2025, 20:07 Uhr

Unterpunkt zu: Bildverwendungstypen


Etymologien und allgemeine Bedeu­tungen

‘Replika’ (oder ‘Replik’), ‘Faksi­mile’, ‘Kopie’ und die entspre­chenden Aus­drücke im Engli­schen, Franzö­sischen, Italie­nischen usw. sind latei­nischen Ursprungs. ‘Replik/a’ stammt von einer Bezeich­nung für ‘Wieder­holen’ (ursprüng­lich: ‘Zurück­falten’) ab. ‘Faksi­mile’ lässt sich auf den Impe­rativ ‘fac simi­le’ (‘mache es ähnlich!’) zurück­führen und wird nach 1880 im hier rele­vanten Kontext von bilden­der Kunst, Druck und Medien verwen­det (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Nicht angezeigt: 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage
: S. 184). ‘Kopie’ besitzt die längste Vorge­schichte der drei und stellt eine Fili­ation von ‘co-ops’ dar, dem Wort für Reichtum und Überfluss. In der anti­ken und mittel­alter­lichen Rheto­rik fallen unter ‘copia’ die Vielfalt von Ideen oder Vorstel­lungen, die Vielfalt des Voka­bulars sowie allge­mein die Fähig­keiten, die einem Redner zur Verfü­gung stehen; mit dem Übergang von mündlich domi­nierten zu stärker schrift- und druckba­sierten Kultu­ren in Mittel­alter und Neuzeit beginnt ‘copia’ die Produk­te von Verviel­fälti­gungspro­zessen wie vor allem Abschrif­ten und Drucke zu bezeich­nen (vgl. [Margolin 1994a]Margolin, J.-C. (1994): Copia. In: Ueding, G. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 2 (Bie – Eul). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
).

‘Replik/a’, ‘Faksimile’ und ‘Kopie’ sind Aus­drücke, die mit leichten Bedeu­tungsun­terschie­den Gegen­stände bezeich­nen, die nach der Vorla­ge eines Ori­ginals herge­stellt bzw. gestal­tet worden sind; den von ihnen bezeich­neten Gegen­ständen ist der Bezug auf ein Ori­ginal gemein­sam.

Begriffsverhältnis­se

Die Verhältnisse der drei Begriffe zuein­ander sind im moder­nen Gebrauch nicht eindeu­tig. Nicht immer, aber zumeist dient »Kopie« als Oberbe­griff, dem die beiden ande­ren subsu­miert werden.[1] In diesem Sinne handelt es sich bei der Re­plik/a um die nicht flächi­ge, sondern vollplas­tische Kopie eines drei­dimen­siona­len Ori­ginals (also einer Skulptur, eines Reliefs usw.). Eben­falls in diesem Sinne geht es beim Faksi­mile nicht um eine „ide­ale“, sondern um eine „mate­riale“ Kopie; mit dem Faksi­mile ist keine „medi­ale Über­setzung“ beab­sichtigt, wie etwa der Kupfer­stich den Pinsel­strich eines Gemäl­des in das Linea­ment der Druck­platte über­setzt, sondern ein „quasi-authen­tischer Ersatz“, der in Format, Form, Farbe und Mate­rial maxi­male Ähnlich­keit mit dem Ori­ginal aufwei­sen soll (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Nicht angezeigt: 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage
: S. 184, 215; auch ⊳ Authentizität).

Außer im Verhältnis der Unter­ordnung können »Kopie« und »Re­plik/a« auch in dem der Neben­ordnung stehen. In diesem Sinne wird die Kopie als Nachbil­dung eines Kunst­werkes durch fremde Hand begrif­fen und der Re­plik/a gegen­über­gestellt, die sich dem Künstler selbst oder seiner Werkstatt verdankt (vgl. [Olbrich 1987a]Olbrich, Harald (1987): Lexikon der Kunst. Architektur, bildende Kunst, angewandte Kunst, industrielle Formgestaltung, Kunsttheorie. Bd. 1-7. Seemann, Leipzig.
: Bd. 4, S. 7).

Ebenfalls quer zu einem schlichten Verhält­nis der Unter­ordnung steht die Tatsa­che, dass zwar alle drei Aus­drücke deskrip­tiv verwen­det werden können, von ‘Kopie’ aber auch ausdrück­lich ein eva­luati­ver Gebrauch gemacht wird – genau­er gesagt: ein pejo­rati­ver. Dieser Gebrauch stützt sich auf die Unter­schiede zwischen Ori­ginal und Kopie in Bezug auf Sequenz und Quanti­tät: Die Kopie ist nichts Erstes, sondern ein Folgen­des oder Zweites (also nicht ein Primä­res, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: ein Sekun­däres); und sie ist übli­cherwei­se auch nicht einzig­artig oder zumin­dest nicht selten. Anders als ‘Re­plik/a’ oder ‘Faksi­mile’, die sich in der Regel auf Gegen­stände bezie­hen, die in gerin­gerer Anzahl vorkom­men, hat sich ‘Kopie’ als (ab-)wer­tende Meta­pher für Produk­te und Rezi­pienten einer (durch Massen­medien bestimm­ten) “Massen­kultur” etab­liert.[2]


Diskurse und Praxis­felder

Für die Themen der Replik/a, des Faksi­miles und der Kopie sind mehre­re sich über­lagern­de Diskur­se oder Praxis­felder von Bedeu­tung. Zu berück­sichti­gen sind hier ana­log zum Fall des Ori­ginals insbe­sonde­re techni­sche, rechtli­che, wirtschaft­liche und ästhe­tische Aspek­te und darü­ber hinaus päda­gogi­sche und reli­giöse. Auch deswe­gen ist die Rede von der Kopie oft vieldeu­tig.

In technischer Hinsicht weisen alle drei Repro­duktions­formen auf das Ori­ginal zurück, das sie (mit-)ver­ursacht (dazu auch ⊳ Index) und dem sie ähnlich sind. Dass sich die Repro­duktions­techni­ken stetig ent­wickelt haben und die frühen manu­ellen nach und nach durch maschi­nelle, elek­troni­sche und IT-gestütz­te Techni­ken ergänzt worden sind, mündet anders als im Fall des Ori­ginals nicht allein in einer (vergleich­baren) über­greifen­den Tendenz, sondern auch in wachsen­der Diver­sifi­kation. Zwar lässt sich auf der einen Seite durchaus als Entwick­lungsten­denz festhal­ten, dass es für immer mehr Perso­nen möglich wird, immer schneller und immer einfa­cher immer mehr Repro­duktio­nen herzu­stellen;[3] um beispiels­weise ein Fax (ursprüng­lich: ‘Tele­faksi­mile’) zu versen­den oder Foto­kopien anzu­ferti­gen, bedarf es nur noch des Knopfdrucks des Laien und nicht mehr der aufwen­digen Arbeit eines oder mehre­rer handwerk­lich oder künstle­risch ausge­bilde­ten Spezia­listen. Auf der ande­ren Seite kann sich das Profil der je mögli­chen Repro­duktio­nen deutlich vonein­ander unter­scheiden, was sich schon an ihrem Verhält­nis zur Exakt­heit able­sen lässt. Eine manu­elle, gemal­te oder gezeich­nete, Kopie etwa wird immer von ihrem Ori­ginal abwei­chen, wohin­gegen eine von ihrem ana­logen Daten­träger wie Papier, Zellu­loid oder Stein gelös­te, also digi­tali­sierte Vorla­ge „ohne Quali­tätsver­lust“ immer wieder repro­duziert werden kann (vgl. [von Gehlen 2011a]Von Gehlen, Dirk (2011): Mashup. Lob der Kopie. Suhrkamp, Berlin.
: S. 15, 38). Das quali­fiziert keine der beiden per se als besse­re oder schlechte­re Kopie, ermög­licht aber unter­schiedli­che Funkti­onen.

Neben den speziellen Fragen von Druckpri­vileg, Urhe­berrecht und Copy­right ist in rechtli­cher Hinsicht insbe­sonde­re die Unter­scheidung zwischen Kopie und Fälschung (bzw. Plagiat) ele­mentar. Jede Kopie, die auf maxi­male Ähnlich­keit zielt, teilt nahe­liegen­der Weise zumin­dest eine Inten­tion mit der Fälschung. Während die Fälschung jedoch in betrü­geri­scher Absicht als Ori­ginal ausge­geben wird, ist das Faksi­mile als Kopie kenntlich zu machen.

Was die ästhetische Hinsicht betrifft, so findet sich neben der Kopie als Kopie eines Arte­faktes in den alteu­ropä­ischen Theorien der Mime­sis bis in das 18. Jahrhun­dert auch die Auffas­sung, dass Kunstwer­ke Kopien der Natur sind.[4] Wie auch die Rheto­rik verlie­ren diese Theorien aber durch die Verbrei­tung des Buchdrucks und die moder­nen Ästhe­tiken des Genies und Ori­ginals allmäh­lich an Einfluss. Selbst die manu­elle Kopie erlei­det in diesem Zusam­menhang einen Verlust an Renom­mee, da auch sie Tradi­tionen fortsetzt, anstatt – wie von der moder­nen Doktrin gefor­dert – mit ihnen zu brechen oder gar neue zu etab­lieren. Vice versa gilt, wie sich schon an der Praxis des Renais­sance-Bio­graphen Giorgio Vasa­ri zeigen lässt, die Anzahl der Kopien, die ein Ori­ginal nach sich zieht, als ein Indi­kator für dessen ästhe­tischen Wert (vgl. [Zorach & Rodini 2005]Zorach, Rebecca & Rodini, Elizabeth (2005): On Imitation and Invention. An Introduction to the Reproductive Print. In: Zorach, R. & Rodini, E. (Hg.), Paper Museums. The Reproductive Print in Europe, 1500-1800. University of Chicago Press, Chicago, IL.
: S. 2).

In wirtschaftlicher Hinsicht erschöpft sich die Rolle der Kopie keines­wegs darin, als das (in der Regel) weni­ger knappe Gut auch weni­ger wert zu sein als das Ori­ginal – selbst wenn dies durch die moder­ne Ästhe­tik des Ori­ginals nahe­gelegt wird. Unter vormo­dernen Bedin­gungen kann das Kopie-Sein durchaus ein Verkaufs­argu­ment be­inhal­ten, dann nämlich, wenn es sich um die Kopie eines appro­bierten Ori­ginals handelt, das einen hohen Quali­tätsstan­dard verspricht (vgl. [Mensger 2012a]Mensger, Ariane (2012): Déjà-vu. Von Kopien und anderen Originalen. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 33). Noch unter moder­nen Bedin­gungen dienen Kopien eines Ori­ginals ferner dazu, auf letzte­res und seinen ästhe­tischen wie wirtschaft­lichen Wert zu verwei­sen. Damit über­nehmen Kopien für das Ori­ginal Aufga­ben, die denen des Merchan­dising vergleich­bar sind (vgl. [Küster 2012a]Küster, Bärbel (2012): Reisen zwischen Original und Kopie im 18. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 67).

Ungeachtet der ästhetischen Abwer­tung in der Moder­ne kommt der Kopie in einer – im weites­ten Sinne – päda­gogi­schen Hinsicht fast konti­nuier­lich ein hoher Stellen­wert zu. Einer­seits ermög­licht die Kopie, egal, mit welcher Technik sie auch produ­ziert sein mag, eine Distri­bution von Ansich­ten des Ori­ginals und ist damit ein wichti­ger Faktor bei Tradi­tionsver­mittlung und ästhe­tischer Bildung. Ande­rerseits spielt das (vor allem manu­elle) Erstel­len von Kopien eine wesent­liche Rolle in der Ausbil­dung von Künstlern und Laien.[5] Diese Rolle wird schon früh insti­tutio­nali­siert. Um 1500 betont Dürer, dass ein Maler nur durch das Kopie­ren einschlä­giger Vorbil­der zu einer „freien hant“ gelangt ([Dürer 1966a]Dürer, Albrecht (1966): Schriftlicher Nachlass. Zweiter Band. Die Anfänge der theoretischen Studien / Das Lehrbuch der Malerei: Von der Maß der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben / Ein Unterricht alle Maß zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
Nicht angezeigt: Hrsg. von Hans Rupprich
: S. 99), im 17. Jahrhun­dert wird das manu­elle Kopie­ren Bestand­teil des aka­demi­schen Curri­culums (vgl. [Betz 2012a]Betz, Juliane (2012): Ein ‘Bedürfniß und Eigenthum Aller’. Die Verbreitung von Kunst durch Reproduktionen im 19. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 86 und [Mensger 2012a]Mensger, Ariane (2012): Déjà-vu. Von Kopien und anderen Originalen. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 40), und im 18. Jahrhun­dert ist das Kopie­ren in päda­gogi­schen Zusam­menhän­gen derart präsent, dass in der gera­de entste­henden Kunstge­schichte das ästhe­tische Empfin­den allge­mein mit Meta­phern beschrie­ben werden kann, die aus dem Umfeld von Kopien (bzw. Abgüs­sen von Plasti­ken) stammen:

Das wahre Gefühl des Schönen gleichet einem flüssi­gen Gypse, welcher über den Kopf des Apol­lo gegos­sen wird, und densel­ben in allen Theilen berüh­ret und umgibt ([Winckelmann 1763a]Winckelmann, Johann Joachim (1825): Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben. In: Eiselein, J. (Hg.), Johann Winckelmanns Sämtliche Werke. Einzig vollständige Ausgabe. Bd. 1. Verlag Deutscher Classiker, Donauöschingen.
Nicht angezeigt: Neudruck Olms (Osnabrück)
: S. 245).

Besonderes Interesse in religi­öser Hinsicht erfährt die Kopie im Kontext der vormo­dernen Bildma­gie. Im ursprüng­lich bilder­feindli­chen Christen­tum werden die so genann­ten Acheiro­poeita (wörtlich: ‘die nicht von Menschen­hand Gemach­ten’) früh vom Bilder­verbot ausge­nommen: Bilder, die ohne menschli­ches Zutun entstan­den sein sollen, wie in der Anti­ke vom Mandy­lion (Tuchbild) von Edes­sa und im Mittel­alter vom Suda­rium (Schweißtuch) in Rom behaup­tet.[6] Folgt man der Legen­de, sind sie Indi­zes, da sich auf ihnen das Gesicht Jesu durch Berüh­rung abge­zeichnet haben soll. Um wiede­rum diese Kopien zu repro­duzie­ren, werden zwei Vari­anten namhaft gemacht: Der Legen­de nach erzeugt das Tuchbild durch Abfär­ben auto­matisch selbst eine Kopie (also einen weite­ren Index) von sich; in der tatsäch­lichen Praxis bemü­hen sich die Maler darum, ähnli­che Bilder (also Iko­ne) herzu­stellen, indem sie Ori­gina­lität vermei­den und iko­nogra­phische Konti­nuität wahren (vgl. [Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.
Notiz: 6. Auflage
: S. 233-252 und [Mensger 2012a]Mensger, Ariane (2012): Déjà-vu. Von Kopien und anderen Originalen. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 33). Dies soll die Bilder nicht nur in einem offen oder latent bilder­feindli­chen Kontext legi­timie­ren und sie von den von Menschen­hand geschaf­fenen Götzen­bildern unter­scheiden, sondern auch die ihnen – ähnlich wie einer Berüh­rungsre­liquie – zuge­schriebe­ne Wunder­tätig­keit erhal­ten.


Theorien und Strömun­gen

Obwohl Replik/a, Faksimile und Kopie in der sozi­alen Praxis mehr Aufga­ben als das Ori­ginal über­nehmen (vgl. [Küster 2012a]Küster, Bärbel (2012): Reisen zwischen Original und Kopie im 18. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 64), sind sie im Vergleich zu diesem nur selten ein direk­ter Gegen­stand für die theore­tische Neugier (gewe­sen). Insbe­sonde­re in der Moder­ne werden sie zumeist nur als das Ande­re des Ori­ginals neben­bei mitthe­mati­siert. Die im Folgen­den skizzier­ten Ansät­ze zu einer Theorie der Kopie entstam­men den vormo­dernen Krite­rien zur Bewer­tung von Werken, der moder­nen Theorie des Ori­ginals, den Über­legun­gen zur techni­schen Inno­vation der Druckver­fahren, der refle­xiven Strömung der Appro­priation Art sowie der Bild­onto­logie.

In den Kunsttheorien von Renais­sance und früher Neuzeit ist trotz des allmäh­lichen Aufstiegs des Ori­ginals und der Ent­wicklung von Kenner­schaft, die sich auch und gera­de den Unter­scheidun­gen von Ori­ginal und Kopie widmet, noch kein Platz für eine dezi­dierte Abwer­tung von Kopien. Dies verdankt sich einer teils noch in der Rheto­rik fundier­ten, weiter beste­henden Tradi­tion, die das Werk vor allem anhand der inven­tio, der Bild­idee, beur­teilt. Dement­sprechend findet sich hier noch keine klare Asym­metrie zwischen Ori­ginal und Kopie, sondern eine Unter­scheidung von in unter­schiedli­chen Medien reali­sierten Versi­onen, die je über ihre eige­nen Meri­ten verfü­gen:

War das Werk durch die Bild­idee – die Kompo­sition oder Inter­preta­tion eines Sujets – defi­niert, galt für verschie­dene Versi­onen (eine in Öl auf Leinwand, eine als Kohle­zeichnung und eine dritte im Kupfer­stich) grundsätz­lich Gleichbe­rechti­gung. Vielleicht war das Gemäl­de wegen des höhe­ren Mate­rialauf­wands teurer, doch das gestal­teri­sche Vermö­gen eines Künstlers zeigte sich vermut­lich besser bei den Bildfor­men, die auf das Wesent­liche – die kompo­sito­rischen Grundfor­men des diseg­no – redu­ziert waren. ([Ullrich 2009a]Ullrich, Wolfgang (2009): Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen. Wagenbach, Berlin.
: S. 11).

Diese Bezugsgröße einer über­greifen­den Bild­idee wird erst allmäh­lich durch die des – genial oder zumin­dest ori­ginell reali­sierten – Indi­vidu­ellen ersetzt, aus dem sich dann auch der rechtli­che Anspruch auf geisti­ges Eigen­tum ablei­ten lassen kann.

Die Abwertung, die die Kopie dann in den moder­nen Theorien des Ori­ginals erfährt, greift nicht erst bei den quasi auto­matisch, also technisch bzw. indus­triell erzeug­ten Kopien, sondern schon bei den manu­ell verfer­tigten, wie man einem Standard­werk gegen Ende des 18. Jahrhun­derts entneh­men kann. In «Copey», dem einschlä­gigen Eintrag in Johann Georg Sulzers «Allge­meine Theorie der schönen Künste», heißt es:

Hieraus folget erstlich, daß es unend­lich leichter ist, eine gute Copey, als ein gutes Ori­ginal zu machen. In der That findet man, daß ofte ganz mittel­mäßi­ge Künstler sehr gut copi­ren. Zweytens folget daraus, daß die Copey immer von gerin­gerer Schönheit, als das Ori­ginal sey, weil der Copist, der in einem ganz andern Geist, als sein Vorgän­ger arbei­tet, unmög­lich so denken kann, wie jener gedacht hat. Der größte Unter­schied muß sich darin zeigen, daß in dem Ori­ginal mehr Freyheit ist, weil alles mit Gewiß­heit bear­beitet worden, und aus der Quelle geflos­sen ist; da der Copist seine Gedan­ken nach den Gedan­ken des andern hat zwingen müssen ([Sulzer 1771a]Sulzer, Johann Georg (1771): Allgemeine Theorie der Schönen Künste. In einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln abgehandelt. Bd. 1. M. G. Weidmanns Erben, Leipzig.
: S. 231).

Dass es sich bei Kopien um Arte­fakte handelt, die ohne größe­ren künstle­rischen Aufwand herge­stellt werden, minder­wertig sind und als “unei­gentlich” ange­sehen werden müssen, wird bis in die Gegen­wart zum nur gele­gentlich in Frage gestell­ten, aber meist stabi­len Funda­ment einer Theorie der Kopie zählen.

Mit Blick auf die technische Inno­vation in den Repro­duktions­verfah­ren, nament­lich durch Foto­grafie und Film, hat Walter Benja­min diese Theorie in Frage gestellt. In seinem Aufsatz «Das Kunst­werk im Zeital­ter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit» aus den 1930er Jahren begrüß­te er zum einen – als einer der ersten – die oben ange­sproche­ne Tendenz, immer schneller und einfa­cher Repro­duktio­nen herzu­stellen und über sie verfü­gen zu können ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 474-478). Zum ande­ren betont er: „Das repro­duzier­te Kunstwerk wird in immer steigen­dem Maße die Repro­duktion eines auf Repro­duzier­barkeit ange­legten Kunstwerks“; in Anbe­tracht der Möglich­keit, von einer Foto­platte viele Abzü­ge zu ziehen, gilt daher: „die Frage nach dem echten Abzug hat keinen Sinn“ ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 481f). Ähnli­ches trifft für den Film zu, inso­fern die in den Kinos verwen­deten Filmrol­len (bzw. DVDs) immer Kopien sind. Im Falle von Foto und Film hat demnach die techni­sche Inno­vation zu einer Nivel­lierung des Unter­schieds von Ori­ginal und Kopie geführt.[7]

Synergien zwischen Theorien und Werken bieten die im Umfeld der postmo­dernen Appro­priation Art entstan­denen Arbei­ten. Nachwei­sen lassen sie sich bereits seit den 1960er Jahren bei Elaine Sturte­vants, in den 1980er Jahren brechen sie sich als neo­konzep­tuelle Strömung ihre Bahn. Hier findet keine primär technisch, sondern vor allem eine ästhe­tisch moti­vierte Aufwer­tung der Kopie statt.

Als Appropriation Art (von lat. appro­priare = zu eigen machen), ‘Aneig­nungskunst’, bezeich­net man Kunst, die sich fremde Bildlich­keit aneig­net, indem sie bereits exis­tieren­de Kunstwer­ke kopiert, also in Format, Technik, Motiv und Stil so exakt wie möglich wieder­holt – und dies nicht, um Plagi­ate herzu­stellen, sondern eigen­ständi­ge, ori­gina­le Kunst­werke im Sinne von Elaine Sturte­vant: „Die Kopie ist das Ori­ginal“ [Zuschlag 2012a]Zuschlag, Christoph (2012): „Die Kopie ist das Original“. Über Appropriation Art. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
: S. 127).

Gestützt und angeregt wird diese werk­imma­nente Refle­xion durch Kriti­ker, Kura­toren und Gale­rien im Umfeld der Kunst­zeitschrift «Octo­ber», die den franzö­sischen Post­struktu­ralis­mus in die US-ame­rika­nische Kunstwelt einge­führt hat – und das heißt auch: Jacques Derri­das Dekon­struktion des (vermeint­lich) Primä­ren, hier also vor allem des Ori­ginals, sowie Baudril­lards Theorie des Simu­lakrums. Die Nähe der Appro­priation Art zur Theorie betont auch Arthur C. Danto, der in ihr die Verkör­perung der „post­histo­rischen“ Kunst sieht: Einer­seits verlei­he sie „Bildern mit einer festge­legten Bedeu­tung und Iden­tität“ eine „neue Bedeu­tung und Iden­tität“, ande­rerseits sprenge sie, da sich ein Picas­so oder Duchamp eben­so aneig­nen lasse wie ein Piero della Frances­ca, die noch in der künstle­rischen Moder­ne propa­gierte „wahrnehm­bare stilis­tische Einheit“ ([Danto 2000a]Danto, Arthur C. (2000): Das Fortleben der Kunst. Fink, München.
: S. 34-37; auch ⊳ Iden­tität).

Für die bildontologische Refle­xion ist schließlich die Kopie in multip­len Künsten wie Kupfer­stich, Litho­graphie oder Foto­grafie inte­ressant (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 114, 117 u.ö.). In ihnen ist die Kopie (im Sinne eines Drucks oder eines Abzugs) das eigent­liche Bild, während die Vorla­ge, also die bearbei­tete Kupfer- oder Kalkstein­platte oder das foto­grafi­sche Nega­tiv, nicht als Bild gilt bzw. in der Regel nicht als Bild ausge­stellt wird. Das legt nahe, im Kontext derar­tiger Kopien den Ausdruck ‘Bild’ als Bezeich­nung für einen abstrak­ten Gegen­stand zu verste­hen, wohin­gegen konkre­te Gegen­stände gemeint sind, wenn von Bildern im Sinne von Ori­gina­len die Rede ist. Die – geschätzt – 1.000 bis 3.000 Drucke, die es beispiels­weise von Henri Tou­louse-Lautrecs Litho­graphie «Divan Japo­nais» (1892/93) gibt, müssen daher als mehr oder weni­ger gleichwer­tige Instan­tiierun­gen eines Bildes ange­sehen werden.[8] Der Ausdruck ‘Divan Japo­nais’ dient dabei als Eigen­name, der nicht einen einzel­nen konkre­ten Bildträ­ger bezeich­net, sondern die Klasse der Drucke, die dieses Bild reali­sieren. In diesem Sinn schreibt etwa Hans Jonas:

Wenn ein Gemälde oder eine Statue genau kopiert wird, so haben wir in der Kopie nicht ein Bild eines Bildes, sondern die Verdop­pelung ein und dessel­ben Bildes ([Jonas 1973a]Jonas, Hans (1973): Homo pictor. Von der Freiheit des Bildens. In: Jonas, H. (Hg.), Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
: S. 234f.).[9]

Vergleichbares trifft, wie Benja­min gezeigt hat, auch für die Vielzahl der in den Kinos zirku­lieren­den Kopien eines Filmes zu (vgl. auch [Carroll 2010a]Carroll, Noël (2010): Auf dem Weg zu einer Ontologie des bewegten Bildes. In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Grundlagentexte. mentis, Paderborn.
Nicht angezeigt: dritte, aktualisierte Auflage
: S. 167ff.) und ferner auch für im Druck instan­tiierte Werke mit digi­taler Basis.


Ausblick

Analog zur Semantik von ‘Original’ lässt sich auch für dieje­nige von ‘Kopie’ behaup­ten, dass sich in ihr zentra­­le Ele­­mente der allge­meinen Bild­the­orie wieder­finden und dass sie komplex und biswei­len para­dox ist. Wie für die allge­meine Bild­theorie sind auch im Falle der Kopie Fragen der Kausa­lität und Ähnlich­keit von Bedeu­tung.

Komplex ist die Seman­tik von ‘Kopie’ wegen der klassi­fika­tori­schen und eva­luati­ven Verwen­dungswei­sen und der verschie­denen Diskur­se, Praxis­felder und Theorien. Aller­dings ist diese Komple­xität durch die Domi­nanz der moder­nen Ästhe­tik des gemal­ten, gezeich­neten oder plasti­schen Ori­ginals lange Zeit verdeckt worden.[10]

Vom Paradox schließlich lässt sich zum Einen mit Blick auf den Sonder­fall der Appro­priation Art sprechen, deren Kopien sich zunächst der moder­nen Ori­gina­litäts­pflicht zu entzie­hen scheinen, aber gera­de darin wieder ori­ginell sind (vgl. [Ullrich 2011a]Ullrich, Wolfgang (2011): Gurskyesque: Das Web 2.0, das Ende des Originalitätszwangs und die Rückkehr des nachahmenden Künstlers. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Kunst und Philosophie. Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.
: S. 110). Zum Ande­ren zeigt sich in der jünge­ren Forschung inso­fern ein allge­meines Para­dox, als sie das älte­re line­are Modell über­formt, in dem auf das primä­re Ori­ginal noch schlicht die sekun­däre Kopie folgte: sei es, dass die Forschung nun die Unter­scheidung zwischen Ori­ginal und Kopie gene­rell in Zweifel zieht, sei es, dass sie an dessen Stelle eine kompli­zierte­re, meist dialek­tische Struktur zu setzen versucht. Gestützt wird dieses neue Modell zumeist mit dem Hinweis auf die techni­sche Ent­wicklung, insbe­sonde­re die Digi­tali­sierung, und/oder auf den sozi­alen und daher vermit­telten Charak­ter der Kunstpro­duktion.[11]

Anmerkungen
  1. ↑ So­weit nicht an­ders ver­merkt, ist das auch in die­sem Ar­ti­kel der Fall.
  2. ↑ In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört so­wohl die Be­griffs­prä­gung Sten­dhals, der Men­schen oh­ne aus­ge­präg­te In­di­vi­du­a­li­tät als „hom­mes-co­pies“ be­zeich­ne­te ([Stendhal 1868a]Stendhal (Beyle, Henri) (1868): De l'amour. Seule édition complète, augmentée de préfaces et de fragments entièrement inédits. Michel-Lévy frères, Paris.
    : S. 265), wie auch die Ver­wen­dung wei­te­rer ur­sprüng­lich druck­tech­ni­scher Ter­mi­ni wie ‘Ab­klatsch’, ‘Kli­schee’ und ‘Ste­reo­typ’ im eben­falls pe­jo­ra­ti­ven Sinn.
  3. ↑ Gro­ßen An­teil an die­ser Ten­denz hat die er­folg­rei­che Kop­pe­lung von Bild­re­pro­duk­ti­ons- und Druck­tech­ni­ken wie et­wa die Ver­bin­dung von Holz­schnitt, Stich und Buch­druck seit dem 15. Jahr­hun­dert oder die von Li­tho­gra­phie und Zei­tungs­druck ab der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.
    Nicht angezeigt: 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage
    : S. 102f., 165ff.).
  4. ↑ Ein­fluss­rei­che Bei­spie­le da­für sind Jo­na­than Ri­chard­sons «The The­ory of Paint­ing» (1715), der es auch als Auf­ga­be des Ma­lers sieht „to copy na­ture“ ([Richardson 1792a]Richardson, Jonathan (1792): The Theory of Painting. In: Richardson, J. (Hg.), Works. T. & J. Egerton, London.
    : S. 157), und Charles Bat­teux’ Ab­hand­lung «Les Beaux-Arts ré­duits à un même prin­cipe». Ihr zu­fol­ge ist das Kunst­werk ei­ne „co­pie“, die den „pro­to­type“ oder „mo­dèle“ (aus der Na­tur) nach­ahmt (vgl. [Batteux 1746a]Batteux, Charles (1746): Les Beaux-Arts réduits à un même principe. Durand, Paris.
    : S. 12 und ⊳ [[Griechisch: ‘ἄγαλμα’, ‘φάντασμα’, ‘εἴδωλον’, ‘τύπος’, ‘εἰκών’).
  5. ↑ Auch in die­sem Zu­sam­men­hang wird die funk­ti­o­na­le Viel­falt der Ko­pie deut­lich. Sie kann bei­spiels­wei­se ei­ne Ge­dächt­nis­stüt­ze sein, den Blick schu­len oder auch der kre­a­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit Vor­bil­dern die­nen. Das Spek­trum reicht da­bei von der ge­treu­en oder ge­nau­en Ko­pie auf der ei­nen Sei­te bis zur frei­en, in­ter­pre­tie­ren­den oder Stu­dien­ko­pie auf der an­de­ren Sei­te (vgl. [Eiling 2012a]Eiling, Alexander (2012): Le Louvre est le livre où nous apprenons à lire. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
    : S. 102 und [Betz 2012a]Betz, Juliane (2012): Ein ‘Bedürfniß und Eigenthum Aller’. Die Verbreitung von Kunst durch Reproduktionen im 19. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.
    : S. 86).
  6. ↑ Das Chris­ten­tum knüpft hier di­rekt an ei­nen äl­te­ren pa­ga­nen Bil­der­kult an, der den Di­i­pe­tes, den an­geb­lich (von Zeus) vom Him­mel her­ab­ge­wor­fe­nen Bil­dern, ei­ge­nes Le­ben zu­ge­spro­chen hat­te (vgl. [von Dobschütz 1899a]von Dobschütz, Ernst (1899): Christusbilder. Untersuchungen zur christlichen Legende. Hinrichs, Leipzig.
    : S. 264f.).
  7. ↑ Die wei­ter­ge­hen­de kul­tur­re­vo­lu­ti­o­nä­re Per­spek­ti­ve Ben­ja­mins bleibt um­strit­ten: Trotz der tech­nisch in­du­zier­ten Flut von Ko­pi­en ist schließ­lich die „Au­ra“ von Ge­mäl­den, Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren usw. nicht ver­schwun­den. Auch ist bei sol­chen Küns­ten der Un­ter­schied zwi­schen dem Ori­gi­nal und der fälsch­lich als Ori­gi­nal aus­ge­ge­be­nen Ko­pie im­mer noch von Be­lang, wie bei­spiels­wei­se Nel­son Good­man zeigt, des­sen Sym­bol­the­o­rie an die­sen Un­ter­schied auch den­je­ni­gen zwi­schen au­to­gra­phi­schen und al­lo­gra­phi­schen Küns­ten knüpft (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S. 115-121 und ⊳ No­ta­ti­on).
  8. ↑ Zum hier an­hän­gi­gen Problem der Ori­gi­nal­dru­cke, die der Kup­fer­ste­cher, Li­tho­graph usw. durch Über­wa­chen des Druck­vor­gangs und ge­ge­be­nen­falls durch Num­me­rie­ren und Sig­nie­ren der Dru­cke au­to­ri­siert, vgl. [Koschatzky 1975a]Koschatzky, Walter (1975): Die Kunst der Graphik. Technik, Geschichte, Meisterwerke. dtv, München.
    : S. 27-44.
  9. ↑ Jo­nas über­trägt da­mit auf das Ver­hält­nis von Bild und Ko­pie ei­ne Ein­sicht, die Pla­ton im Dia­log «Kra­ty­los» am Ver­hält­nis von Ge­gen­stand und Bild ge­won­nen hat­te. Aus­gangs­punkt war dort die Fra­ge, ob ei­ne in al­len Ein­zel­hei­ten ex­ak­te Nach­bil­dung der Per­son Kra­ty­los ein Bild von Kra­ty­los oder ein zwei­ter Kra­ty­los sei (432c; zit. nach [Platon 1922a]Platon (1922): Kratylos. Meiner, Leipzig.
    Nicht angezeigt: übersetzt und erläutert von Otto Apelt
    : S. 117).
  10. ↑ Auch vor die­sem Hin­ter­grund ist die öf­ters an­zu­tref­fen­de Be­haup­tung zu re­la­ti­vie­ren, im Ge­gen­satz zu den asi­a­ti­schen Kul­tu­ren der Ko­pie sei die west­li­che Kul­tur ei­ne des Ori­gi­nals. Letz­te­res trifft we­der in der Vor- noch Post­mo­der­ne zu und ist auch in der Mo­der­ne frag­wür­dig – je­den­falls dann, wenn man et­wa Druck-, Foto- und Film­tech­nik oder die gra­vie­ren­den wirt­schaft­li­chen und pä­da­go­gi­schen Ef­fek­te der Ko­pie be­rück­sich­tigt.
  11. ↑ Vgl. hier­zu exem­pla­risch [Shields 2010a]Shields, David (2010): Reality Hunger. A Manifesto. Knopf, New York.
    , [von Gehlen 2011a]Von Gehlen, Dirk (2011): Mashup. Lob der Kopie. Suhrkamp, Berlin.
    und – in kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung mit Good­man und Cris­pin Sart­well – [Elkins 1993a]Elkins, James (1993): From Original to Copy and Back Again. British Journal of Aesthetics, 33/2.
    .
Literatur
[Batteux 1746a]Batteux, Charles (1746): Les Beaux-Arts réduits à un même principe. Durand, Paris.[Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.[Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Betz 2012a]Betz, Juliane (2012): Ein ‘Bedürfniß und Eigenthum Aller’. Die Verbreitung von Kunst durch Reproduktionen im 19. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.[Carroll 2010a]Carroll, Noël (2010): Auf dem Weg zu einer Ontologie des bewegten Bildes. In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Grundlagentexte. mentis, Paderborn.[Danto 2000a]Danto, Arthur C. (2000): Das Fortleben der Kunst. Fink, München.[Dürer 1966a]Dürer, Albrecht (1966): Schriftlicher Nachlass. Zweiter Band. Die Anfänge der theoretischen Studien / Das Lehrbuch der Malerei: Von der Maß der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben / Ein Unterricht alle Maß zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.[Eiling 2012a]Eiling, Alexander (2012): Le Louvre est le livre où nous apprenons à lire. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.[Elkins 1993a]Elkins, James (1993): From Original to Copy and Back Again. British Journal of Aesthetics, 33/2.[Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Jonas 1973a]Jonas, Hans (1973): Homo pictor. Von der Freiheit des Bildens. In: Jonas, H. (Hg.), Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Koschatzky 1975a]Koschatzky, Walter (1975): Die Kunst der Graphik. Technik, Geschichte, Meisterwerke. dtv, München.[Küster 2012a]Küster, Bärbel (2012): Reisen zwischen Original und Kopie im 18. Jahrhundert. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.[Margolin 1994a]Margolin, J.-C. (1994): Copia. In: Ueding, G. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 2 (Bie – Eul). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Mensger 2012a]Mensger, Ariane (2012): Déjà-vu. Von Kopien und anderen Originalen. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.[Olbrich 1987a]Olbrich, Harald (1987): Lexikon der Kunst. Architektur, bildende Kunst, angewandte Kunst, industrielle Formgestaltung, Kunsttheorie. Bd. 1-7. Seemann, Leipzig.[Platon 1922a]Platon (1922): Kratylos. Meiner, Leipzig.[Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Richardson 1792a]Richardson, Jonathan (1792): The Theory of Painting. In: Richardson, J. (Hg.), Works. T. & J. Egerton, London.[Shields 2010a]Shields, David (2010): Reality Hunger. A Manifesto. Knopf, New York.[Stendhal 1868a]Stendhal (Beyle, Henri) (1868): De l'amour. Seule édition complète, augmentée de préfaces et de fragments entièrement inédits. Michel-Lévy frères, Paris.[Sulzer 1771a]Sulzer, Johann Georg (1771): Allgemeine Theorie der Schönen Künste. In einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln abgehandelt. Bd. 1. M. G. Weidmanns Erben, Leipzig.[Ullrich 2009a]Ullrich, Wolfgang (2009): Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen. Wagenbach, Berlin.[Ullrich 2011a]Ullrich, Wolfgang (2011): Gurskyesque: Das Web 2.0, das Ende des Originalitätszwangs und die Rückkehr des nachahmenden Künstlers. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Kunst und Philosophie. Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.[Winckelmann 1763a]Winckelmann, Johann Joachim (1825): Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben. In: Eiselein, J. (Hg.), Johann Winckelmanns Sämtliche Werke. Einzig vollständige Ausgabe. Bd. 1. Verlag Deutscher Classiker, Donauöschingen.[Zorach & Rodini 2005]Zorach, Rebecca & Rodini, Elizabeth (2005): On Imitation and Invention. An Introduction to the Reproductive Print. In: Zorach, R. & Rodini, E. (Hg.), Paper Museums. The Reproductive Print in Europe, 1500-1800. University of Chicago Press, Chicago, IL.[Zuschlag 2012a]Zuschlag, Christoph (2012): „Die Kopie ist das Original“. Über Appropriation Art. In: Mensger, A. (Hg.), Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube. Kerber, Bielefeld.[von Dobschütz 1899a]von Dobschütz, Ernst (1899): Christusbilder. Untersuchungen zur christlichen Legende. Hinrichs, Leipzig.[von Gehlen 2011a]Von Gehlen, Dirk (2011): Mashup. Lob der Kopie. Suhrkamp, Berlin.

Ausgabe 1: 2013

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Liebsch, Dimitri (2013). Replika, Faksimile und Kopie. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Replika,_Faksimile_und_Kopie].