Symbol, Index, Ikon
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Einteilung der Zeichen bei PeirceCharles Sanders Peirce (1839-1914) gilt als einer der Gründungsväter der modernen Zeichentheorie. Auf ihn geht auch eine differenzierte Einteilung der Zeichenarten zurück (Abb. 1), von der zumindest ein Teil sehr weite Verbreitung gefunden hat. Grob skizziert unterscheidet Peirce drei zeichenrelevante Ebenen, die zumindest ungefähr mit der Einteilung in Pragmatik, Semantik und Syntax übereinstimmt. In jeder dieser Ebenen setzt er eine weitere Dreiteilung an. Syntaktisch differenziert er Zeichen in »Sinzeichen«, »Legizeichen« und »Qualizeichen«, während »Thema«, »Rhema« und »Dicent« pragmatische (wirkungsbezogene) Zeichenunterkategorien bilden.[1] Es ist allerdings die semantische Ebene, deren Peirce’sche Dreiteilung unter Semiotikern und Theoretikern benachbarter Disziplinen, wie Sprachphilosophie und Kunstgeschichte, machtvoll nachwirkt und nicht zuletzt in seinem Begriff der Ikonizität für die Bildtheorie große Relevanz aufweist.
Semantische Dreiteilung: Eigenheiten der BedeutungsbeziehungDa sie auf die semantische Ebene fokussiert sind, differenzieren die Peirceschen Zeichenkategorien »Index«, »Ikon« und »Symbol« die Klasse der Zeichen gemäß dem Charakter der Beziehung, die zwischen dem Zeichenträger und dem damit Bezeichneten besteht (in Abb. 1 als ‘Objektbezug’ charackterisiert). Diese “Objekt”beziehung gilt als konstitutiv für die Bedeutung, die dem Zeichen zugeschrieben wird.[2] Ikonizität und ÄhnlichkeitenDer Peircesche Ausdruck ‘Ikon’ (Plural: ‘Ikone’), der seine altgriechische Wurzel (εἰκών, etwa ‘Abbild’) ganz offensichtlich sowohl mit der mittelalterlich-religiösen Ikone als auch mit dem englischen Leihwort ‘Icon’ des Informationszeitalters (dazu ⊳ Bilderschrift und Piktogramm) teilt, mit beidem aber nicht verwechselt werden sollte, bezeichnet solche Zeichen, deren Bedeutungsbeziehung sich einer Ähnlichkeitsrelation zwischen Zeichenträger und Bezeichnetem verdankt. Dies trifft unter anderem auf “natürliche” Bilder (Spiegelbild) wie “normale” abbildende Bilder (Phantomskizze), auf “Foleys” (von einem Geräuschespezialisten für Hörspiel, Film oder Computerspiel erzeugte “Geräuschattrappen”) und synthetische Gerüche (künstliches Erbeeraroma), sowie im sprachlichen Bereich auf onomatopoetische Wörter (‘Kuckuck’) und form-ikonische Ausdrücke (‘T-Träger’) zu. Geht man von einem “ontologisch” gefassten Ähnlichkeitsbegriff aus, so stellt die Ähnlichkeitsbeziehung eine “an sich” bestehende Relation zwischen zwei Gegenständen dar, die nicht von spezifischen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten eines über Ähnlichkeit Urteilenden abhängen. Ein “epistemisch” gefasster Ähnlichkeitsbegriff würde hingegen auf das zurückgreifen, was einem bestimmten Betrachter[3] als ähnlich erscheint. Insofern sich ein Teil der (als objektiv oder subjektiv gefassten) “Eigenschaftsstruktur” eines Dings in der Eigenschaftsstruktur eines anderen Dings spiegelt, kann dieses als ikonisches Zeichen für jenes verwendet werden – und umgekehrt.[4] Bei einem (im weiten Sinn) behavioristischen Ähnlichkeitsbegriff verschiebt sich der Fokus darauf, dass ein Beobachter beurteilt, ob ein beobachtetes Wesen in seinem Verhalten Anlass zu der Behauptung gibt, etwas als etwas anderem ähnlich erkannt zu haben.[5] Beim ontologischen wie epistemischen Ähnlichkeitsbegriff genügt im Prinzip bereits eine einzige (objektive bzw. subjektive) geteilte Eigenschaft – neben beliebig vielen differierenden –, um Ikonizität der Zeichenbeziehung zu gewährleisten. Probleme ergeben sich hingegen, wenn alle Eigenschaften übereinstimmen: Im engen Sinne ähnlich sind sich zwei Gegenstände nur, wenn es mindestens auch eine Eigenschaft gibt, in der sie sich nicht gleichen.[6] Indexikalität und raumzeitlicher ZusammenhängeVon einem ‘Index’ (Plural ‘Indizes’) spricht Peirce bei einem Zeichen, dessen Träger aufgrund seines raumzeitlichen und insbesonderen kausalen Zusammenhangs mit dem Bezeichneten als Zeichen für letzteres verwendet wird:[7] wenn also beispielsweise Rauch das Zeichen für Feuer oder rote Hautflecken das Zeichen für (eine Infektion mit) Masern bilden. Alles was als Auswirkung, Anzeichen oder Symptom für ein Phänomen X in den entsprechenden Naturwissenschaften von Physik bis Medizin gilt, stellt mithin auch einen Peirceschen Index für X dar.[8] Zu beachten ist allerdings, dass die Definition der Indizes nicht notwendig von einer natürlichen Beziehung zwischen Zeichenträger und Bezeichnetem ausgeht: Auch das Ortseingangsschild am Rand einer Stadt steht in direkter, wenn auch absichtlich erzeugter raumzeitlicher Beziehung zu dem Bezeichneten (eben dem Rand jener Stadt). Gleiches gilt für das auf dieser Glossarseite links oben gezeigte Logo oder die farblichen Markierungen, die in diesem Glossartext anzeigen, an welchen Stellen durch Mausklick eine andere Seite erreicht werden kann. Nicht alle Indizes sind mithin auch Symptome im engen (physikalisch-kausalen) Sinn, oder, wie es dann auch heißt: ‘natürliche Indizes’. Im Gegensatz zu den natürlichen ist die raumzeitliche Beziehung, die zwischen Zeichenträger und Bezeichnetem vermittelt, bei den künstlichen Indizes mit Absicht erzeugt – Intentionalität ersetzt also in diesen Fällen Kausalität.[9] Gleichwohl besteht die semantische Pointe auch bei dieser Unterklasse darin, dass allein die raumzeitliche Nähe die Bedeutung des Zeichens bei der Verwendung zu induzieren scheint. Sprachliche Ausdrücke, wie insbesondere ‘hier’ und ‘jetzt’, aber auch ‘ich’, ‘wir’, ‘du’, ‘ihr’ hängen in ihrer jerweiligen Bedeutung ebenfalls stark ab vom Kontext ihrer Verwendung: die raumzeitliche Beziehung zu Ort und Zeit ihrer Äußerung bestimmt, welcher Ort mit ‘hier’, welche Person mit ‘du’ gemeint ist. Gleiches gilt natürlich auch für ‘içi’ oder ‘here’, für ‘tu’ oder ‘you’ – um nur zwei andere europäische Sprachen als Beispiele zu bemühen. Neben aller Konventionalität, die diese Art von Ausdrücken eigentlich zu Symbolen im Sinne von Peirce werden lässt, bleibt ihnen ein Moment an Indexikalität wesentlich, weshalb man auch von ‘indexikalischen Ausdrücken’ spricht. Einen weiteren Sonderfall indexikalischer Zeichen stellen Photographien (und verwandte technische Bildgebungsverfahren) dar: Offenkundig beruhen die hier betrachteten Produktionsverfahren für Zeichenträger darauf, dass eine mehr oder weniger lange aber geschlossene Kette streng kausaler, physikalisch-chemischer Schritte den Zeichenträger automatisch aus dem Bezeichneten (‘Abgebildeten’) ableiten.[10] Obwohl als Bilder eigentlich den ikonischen Zeichen zuzuordnen, schwingt zumindest bei dieser Untermenge auch Indexikalität in ihrem Begriff mit. Symbolhaftigkeit und BedeutungskonventionenIkone gleichen Indizes in einer wichtigen Hinsicht, in der die dritte semantische Zeichenkategorie von Pierce abweicht: Wegen des direkt erkennbaren Zusammenhangs zwischen Zeichenträger und Bezeichnetem scheint die Bedeutung des Zeichens nicht erst durch einen geeigneten Taufakt etabliert werden zu müssen. Indizes und Ikone funktionieren ohne vorangehende Festlegung einer entsprechenden Bedeutungskonvention. Das gilt für die meisten der von uns im Alltag verwendeten Zeichengebräuche keineswegs, wie jeder leicht selbst feststellen kann, wenn er eine fremde Sprache erlernen will. Zeichen, deren Bedeutungsbeziehung mithilfe einer Konvention festgelegt werden müssen, nennt Peirce ‘Symbole’. Dieser Wortgebrauch differiert deutlich von einer anderen, vor allem im deutschsprachigen Raum verbreiteten Konvention, die ‘Zeichen’ ‘Symbolen’ gegenüberstellt, wobei ‘Symbol’ in diesem Sinn häufig synonym zu ‘Sinnbild’ gebraucht wird.[11] Markiert man die unterschiedlichen Wortgebräuche mit den Indizes ‘D’ (deutsch) und ‘P’ (Peirce), so ergibt sich: »SymboleD« sind gerade keine »ZeichenD«, während »SymboleP« eine Unterart von »ZeichenP« sind; des weiteren entsprechen »SymboleP« weitgehend »ZeichenD«, während »SymboleD« in etwa den Peirceschen »Ikonen« entsprechen, also zwar keine »ZeichenD«, wohl aber »ZeichenP« sind. Es empfiehlt sich entsprechend, – besonders in der bildwissenschaftlichen Dikussion – sehr genau darauf zu achten, in welcher Bedeutung die Ausdrücke ‘Zeichen’ und ‘Symbol’ jeweils verwendet werden.[12]
Ein (komplexes) BeispielDie Anwendung der drei Aspekte auf ein konkretes Beispiel mag verdeutlichen, wie vielfältig die semantischen Relationen letztendlich für einen einzigen Bildträger zusammenwirken: Abbildung 2 gibt das Schwarz-Weiß-Photo eines unbekannten Photographen wieder, das vermutlich in den letzten Monaten des Jahres 1945 aufgenommen wurde (evt. auch erst im Jahre 1946) und im Hiroshima Peace Memorial Museum aufbewahrt wird. Zu sehen sind zwei Stufen einer steinernen Treppe, die zum Eingang des Gebäudes der Sumitomo Bank im Zentrum der japanischen Stadt Hiroshima führen, sowie ein kleiner Ausschnitt der Wand des Gebäudes. Auf den Treppenstufen zeichnen sich schwärzliche Spuren im perspektivisch verzerrten Umriß eines menschlichen Körpers ab. Es wird angenommen, dass sie entstanden sind, als am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 eine Atombombe die Stadt zerstörte und Druck, Hitze und Strahlung die verglühenden Überreste einer Person, die zufällig zu diesem Zeitpunkt vor dem Gebäude auf den Stufen stand, in den Stein eingebrannt haben. Ikonizität, Indexikalität und Symbolhaftigkeit der PhotographieWegen der längeren, aber durchweg kausalen Kette von optischen, photochemischen und digitaltechnischen Transformationen, die den hier betrachteten Zeichenträger mit der Aufnahmesituation in Hiroshima zu einem unbekannten Zeitpunkt kurz nach der Bombenexplosion verbinden, hat das damit verwendete Zeichen offensichtlich Index-Charakter. Da zudem eine visuelle Ähnlichkeit zu den tatsächlichen Treppenstufen in Japan besteht, ist auch ein deutlicher ikonische Anteil gegeben. Symbolhaftigkeit tritt hinzu, weil die Signifikanz dieses Bildes erst klar werden kann, wenn ...: Zwar ist – ikonisch – eine Art menschlicher Schatten zu sehen, der – indexikalisch – als Teil einer real in Raum und Zeit existierenden Szene verstanden wird, doch dass diese Photographie etwa auch als Zeichen für die schreckliche Gewalt einer Atombombenexplosion über bewohntem Gebiet dienen mag, erschließt sich nur in einem durch Konventionen etablierten Verständnisrahmen.[13] Ikonizität, Indexikalität und Symbolhaftigkeit des abgebildeten SchattensTatsächlich lassen sich Ikonizität, Indexikalität und Symbolhaftigkeiten in diesem Beispiel (wie übrigens bei fast allen Bildern) auch noch auf einer zweiten Ebene anwenden: Denn auch der Schatten selbst wird in der Regel ja zeichenhaft gelesen. Als Symptom der ihn verursachenden Explosion kann er als Index für alle der in der zu ihm führenden Kausalkette enthaltenen Faktoren verwendet werden: Dominant in dieser Hinsicht sind sicherlich die Person, die in jenem verhängnisvollen Augenblick an jener Stelle stand, die Strahlungen, die in jenem Moment den Schatten in den Stein brannten, sowie das Ereignis, das die Strahlung ausgelöst hat.[14] Voraussetzung für eine solche indexikalische Zeichenverwendung mit einer dieser Bedeutungen ist die Einbettung des Schattens in eine kommunikative Interaktion (inklusive Selbstdarstellung des Senders) mit bewusster Kontrolle des kommunikativen Zwecks der Handlung (Reflexivierung inklusive Antizipation des Kommunikationspartners). Diese Bedingung ist auch erfüllt, wenn sich jemand selbst vor Ort mithilfe des Schattens auf die entsprechende Ursache aufmerksam macht. Insofern der Schatten eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem Menschen hat, kann er zudem als ein ikonisches Zeichen für jenen stehen. Auch hier ist die Einbettung in den komplexen Handlungszusammenhang einer Zeichenverwendung Voraussetzung. Als einem symbolischen Zeichen kann man sich dem Schatten schließlich zuwenden, wenn man damit etwa die eigene Aufmerksamkeit oder die eines anderen absichtlich auf den Sachverhalt lenken möchte, dass die Menschheit mit der Fähigkeit, Atombomben explodieren zu lassen, eine gefährliche Grenze überschritten hat. ... |
Anmerkungen
Literatur
[Berndt & Drügh 2009a] Berndt, Frauke & Drügh, Heinz J. (Hg.) (2009): Symbol – Grundlagentexte aus Ästhetik, Poetik und Kulturwissenschaft . Suhrkamp, Frankfurt/M.[Birk et al. 2014a]Birk, Elisabeth & Halawa, Mark A. & Mosbach, Doris (2014): Semiotik. In: Netzwerk Bildphilosophie (Hg.), Bild und Methode. Theoretische Hintergründe und methodische Verfahren der Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Cassirer 1930a]Cassirer, Ernst (2004): Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum (1930). In: Recki, B. (Hg.), Ernst Cassirer: Gesammelte Werke, Bd. 17. Meiner, Hamburg.[Cassirer 2009a]Cassirer, Ernst (2009): Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften. In: Schriften zur Philosophie der symbolischen Formen. Meiner, Hamburg.[Goodman 1970a]Goodman, Nelson (1970): Seven Strictures on Similarity. In: Foster, L. & Swanson, J. W. (Hg.), Experience and Theory. University of Massachusetts, Amherst.[Nöth 2009a]Nöth, Winfried (2009): Bildsemiotik. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Panofsky 1924a]Panofsky, Erwin (1998): Die Perspektive als symbolische Form (1924). In: Michels, K. & Warnke, M. (Hg.), Erwin Panofsky, Deutschsprachige Aufsätze, Bd. 2. Akademie, Berlin.[Peirce 1983a]Peirce, Charles S. (1983): Phänomen und Logik der Zeichen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Peirce 1998a]Peirce, Charles S. (1998): Collected Papers, Vol. 2: Elements of Logic. Thoemmes, Bristol.[Platon 1922a]Platon (1922): Kratylos. Meiner, Leipzig.[Schelske 2000a]Schelske, Andreas (2000): Bedeutung oder Bezeichnung. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Vom Realismus der Bilder. Scriptum, Magdeburg.[Schirra & Sachs-Hombach 2013a]Schirra, Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2013): The Anthropological Function of Pictures. In: Sachs-Hombach, K. & Schirra, J.R.J. (Hg.), Origins of Pictures. Anthropological Discourses in Image Science. Halem, Köln.[Trabant 1996a]Trabant, Jürgen (1996): Elemente der Semiotik. Franke, Tübingen. Verantwortlich:
Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Marcel Lemmes — (Hinweis) |

