Film

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildmedien


Etymologie und Wort­bedeu­tung

Der Ausdruck ‘Film’ leitet sich vom engli­schen Ausdruck ‘film’ (zur Bezeich­nung von Membran oder dünnem Häut­chen) ab und verweist in einer appa­rati­ven Perspek­tive auf das dünne und elas­tische Mate­rial (Foto-Film, Film­rolle etc.), welches durch einen Belich­tungsvor­gang verän­dert und für die Projek­tion genutzt wird. Diente der Ausdruck in diesem Sinne zunächst zur Bezeich­nung des mate­riellen Trägers der Bilder, so wurde bald auch das illu­sionis­tische Ergeb­nis der Projek­tion oder eine Gesamt­heit von aufge­nomme­nen und proji­zierten Bildern “Film” genannt (vgl. [Bulgakowa 2001a]Bulgakowa, Oksana (2001): Film/filmisch. In: Barck, K. & Fontius, M. & Schlenstedt, D. & Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 2: Dekadent — Grotesk. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.
: S. 429ff.)

Darüberhinaus bezeichnet ‘Film’ nicht allein eine einzel­ne derar­tige Gesamt­heit (also ein einzel­nes Werk), sondern dient auch als Ober­begriff für die Klassi­fizie­rung in Kino- und Fernseh­filme.


Dynamische Bildlich­keit

Der Film strukturiert generell eine spezi­fische Bildlich­keit und Visua­lität, die nach dynami­schen Prinzi­pien orga­nisiert ist. In dieser Perspek­tive unter­scheidet sich die filmi­sche Bildlich­keit von statisch struktu­rierten Bildkon­zepten, wie z.B. Foto­grafie, Dia-Projek­tion oder Gemäl­den.

Die im Film manifestierte Dynamik zeigt sich - aufgrund des technisch-appa­rati­ven Systems - inner­halb eines Be­wegungs­bildes: „Es ist die elek­trische Geschwin­digkeit, die die mecha­nischen Filmse­quenzen aus ihrer mecha­nischen Auf­einander­folge zur Gleich­zeitig­keit des elek­trischen Bewe­gungsbil­des (siehe auch ⊳ Ani­mation) beschleu­nigt. Im Lichte des elektri­schen Stroms ist der Film nicht mehr eine Folge von Bildern in Bewe­gung, sondern in der Gleich­zeitig­keit von Figur und Bewe­gung ein Be­wegungs­bild, das nicht mehr wie Bilder in Bewe­gung, sondern ganzheit­lich als ein Bild wahrge­nommen wird, ein kine­matogra­phisches Be­wegungs­bild“ ([Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.
: S. 99). Die technisch-appa­rative Dimen­sion des kine­mato­graphi­schen Bewegungs­bildes ist prinzi­piell offen ange­legt und findet ihre Erwei­terung in vielfäl­tigen tech­nischen Inno­vatio­nen. So zeigt sich das Bewegungs­bild im Kontext von Fernseh- und Video­geräten (siehe auch ⊳ Fern­sehen und Video) und Compu­termo­nito­ren als infor­matio­nelles elek­troni­sches Bild (vgl. [Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.
: S. 105), welches gänzlich unab­hängig von der kine­mato­graphi­schen Dispo­sitiv­struktur (siehe auch ⊳ Kino) konsti­tuiert wird: Es struktu­riert sich dann „als rein ener­geti­sches (elek­trisches) Bild, das seinen für die Bewe­gungsdar­stellung konsti­tutiven Ähnlich­keits-/Diffe­renzfak­tor in die punktu­elle Konstruk­tion des Bildes tausend­fach herein­genommen hat. Bewe­gung ist nicht mehr die Figur der Über­setzung oder Transfor­mation einer ana­logen mecha­nischen Kette zur ener­geti­schen Darstel­lung ihrer sukzes­siven figu­ralen Ähnlich­keiten/Diffe­renzen im Lichte des Bewe­gungsbil­des“ ([Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.
: S. 105-106).


Kinematographische Bildlichkeit

Zeigt sich das informatio­nelle elek­troni­sche Be­wegungs­bild im Kontext digi­taler Prozes­se, so ist das kine­mato­graphi­sche Be­wegungs­bild analog konfi­guriert: Es „resul­tiert aus der Über­setzung oder Trans­forma­tion einer mecha­nischen Form der Bewe­gung appa­rati­ver Darstel­lung in eine ästhe­tische, darge­stellte Bewe­gung über die gemein­same Figur der Ähnlich­keit/Dif­ferenz“ ([Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.
: 102). Grund­voraus­setzung für die Reali­sierung des kine­mato­graphi­schen Be­wegungs­bildes ist das tria­dische Arran­gement von Film, Projek­tion und Projek­tions­fläche, „wo sich das Be­wegungs­bild als Ergeb­nis seiner technisch-appa­rati­ven Dispo­sition mani­festiert“ ([Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.
: 92).


Bild-Wiedergabe / Bildfrequenz

In der Kinematographie etablier­te sich über Jahr­zehnte techni­scher Entwick­lungen ein Bild-Wieder­gabe-Standard von 24 Bildern pro Sekun­de. Diese inno­vati­ve Entwick­lung führte zu einer idea­len Wechsel­wirkung von techni­scher Appa­ratur und sinnes­physio­logi­scher Wahr­nehmungs­kapa­zität des Rezi­pienten. Bei einer Wieder­gabe von ca. 24 Einzel­bildern inner­halb einer Sekun­de, ist das Gehirn in der Lage, aus der figu­rati­ven Diffe­renz (vgl. [Paech 2005a]Paech, Joachim (2005): Medienwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: 88) der Einzel­bilder eine konti­nuier­liche Be­wegung zu errech­nen und auto­matisch ent­steht der Illu­sionsein­druck einer realen Bewe­gung – ein reali­siertes Be­wegungs­bild. Während einer Filmvor­führung wird der Film­streifen aller­dings nicht konstant und konti­nuier­lich an der Projek­tionslin­se vorbei­geführt, dies würde keine konsis­tente Bildwahr­nehmung erlau­ben. So wird in kine­mato­graphi­schen Appa­ratu­ren ein Vorschub­mecha­nismus verwen­det, z.B. ein Malte­serkreuz­getrie­be, durch welches die Rolle mit dem aufge­spulten Film­streifen diskon­tinuier­lich immer nur ein Stück weiter transpor­tiert wird und zwischen­zeitlich zum Still­stand kommt. Der Wechsel zwischen Trans­port und Still­stand ereig­net sich in Abhän­gigkeit von der Anzahl der Bilder die pro Sekun­de proji­ziert werden. Während das Bild weiter­transpor­tiert wird (in der Bild-Zwischen-Zeit) sorgt eine Flügel­scheibe dafür, dass die Linse des Vorführ­gerätes abge­blendet wird. Dieser optische Effekt wird auch als Strobo­skopef­fekt bezeich­net und inter­agiert mit dem Nachbild­effekt der Wahr­nehmung. Da die neuro­nalen Rezep­toren im Auge des Zuschau­ers während der Phase, in denen die Projek­tion abge­dunkelt bleibt, keine neue Reizung erhal­ten, wirkt das vorher­gehende Bild, als Reiz­muster auf der Reti­na des Auges für einen “Augen­blick” nach. In dieser Form reali­siert sich das Be­wegungs­bild.

Beim Fernsehen hat sich hingegen der Standard von 25 Einzelbildern pro Sekunde etabliert, wobei diese in der Form von 50 Halbbildern pro Sekunde übertragen werden. Diese Entwicklung bezeichnet man auch als Zeilensprungverfahren oder Zwischenzeilenverfahren, dessen Hauptintention die Verringerung des Bildflimemrns darstellt. Computermonitore arbeiten hingegen mit einer Wiedergabe von z.B. 60 Vollbildern pro Sekunde (im Kontext einer Auflösung von 1024 x 788).

Filmische Bild-Schichten

Die für die filmästhetische Bild-Dimension relevanten Bezugsgrößen lassen sich als technische Schicht und funktionale Schicht klassifizieren, wobei diese Begriffe in erzähltheoretischer Perspektive mit ‘Discours’ und ‘Histoire’ (vgl. [Decker & Krah 2008a]Decker, Jan-Oliver & Krah, Hans (2008): Einführung: Zeichen(-Systeme) im Film. Zeitschrift für Semiotik, 30, 3.
: S. 227) und in filmsemiotischer Perspektive mit ‘kinematographische Schicht’ und ‘repräsentische Schicht’ (vgl. [Möller 1984a]Möller, Karl-Dietmar (1984): Schichten des Filmbildes und Ebenen des Films. In: Münsteraner Arbeitskreis für Semiotik MakS (Hg.), Die Einstellung als Größe einer Filmsemiotik. MakS Publikationen, Münster.
: S. 77ff.) übersetzt werden können.

Die technische Schicht beschreibt das Wie? des Gezeigten, d.h. die Art und Weise, wie der Film als darstellende Instanz konstituiert ist. Hierbei strukturieren die Elemente Einstellung (Kamerafahrten, Perspektiven, Zoom etc.), Schnitt und Montage die Elemente Bewegung, Zeitlichkeit und Raumeindruck: Die Einstellung inszeniert, der Schnitt arrangiert und die Montage rhythmisiert das Filmbild (vgl. [Decker & Krah 2008a]Decker, Jan-Oliver & Krah, Hans (2008): Einführung: Zeichen(-Systeme) im Film. Zeitschrift für Semiotik, 30, 3.
: S. 227). Die technische Schicht des filmischen Bildes ist eine vollständige und autonome Sinneinheit, deren Analyse die spezifische Materialität des filmischen Bildes offenlegt.

Hingegen beschreibt die funktionale Schicht das Was? des Gezeigten, d.h. den Inhalt und die Entwicklung einer Erzählhandlung. Die Elemente Thema, Motiv, Figurenkonstellation und Handlungsverlauf (Komponenten, Ereignisse, Klimax, retardierendes Moment etc.) strukturieren dabei Inhalt und Entwicklung der Erzählhandlung. Das Filmbild ist grundsätzlich „Bild einer Menge von Objekten und Ereignissen, die in einem abgebildeten oder aus der Abbildung zu erschließenden Bezugsrahmen […] als Dinge […] oder als Zeichen fungieren. Das Filmbild ist also ein ikonisches Zeichen von etwas, das selbst Zeichen sein kann und daher selbst interpretiert werden muß“ ([Möller 1984a]Möller, Karl-Dietmar (1984): Schichten des Filmbildes und Ebenen des Films. In: Münsteraner Arbeitskreis für Semiotik MakS (Hg.), Die Einstellung als Größe einer Filmsemiotik. MakS Publikationen, Münster.
: S. 78f.). Die funktionale Schicht verdichtet ihren autonomen Sinngehalt durch die Strukturierung szenischer Inhalte, so dass Situationen und Szenen zu ihrer primären syntagmatischen Größe werden (vgl. [Möller 1984a]Möller, Karl-Dietmar (1984): Schichten des Filmbildes und Ebenen des Films. In: Münsteraner Arbeitskreis für Semiotik MakS (Hg.), Die Einstellung als Größe einer Filmsemiotik. MakS Publikationen, Münster.
: S. 79). Situationen und Szenen fungieren demgemäß als „kontextueller Bezugsrahmen, der die Zeichenfunktion von abgebildeten Ereignissen und Objekten determiniert“ ([Möller 1984a]Möller, Karl-Dietmar (1984): Schichten des Filmbildes und Ebenen des Films. In: Münsteraner Arbeitskreis für Semiotik MakS (Hg.), Die Einstellung als Größe einer Filmsemiotik. MakS Publikationen, Münster.
: S. 79).

Der Film zeigt sich generell als multimodales Konstrukt, welches die technische Schicht und die funktionale Schicht in ein komplexes System von Zeichen und Bedeutungen überführt: „Die Filmgeschichte im traditionellen Verständnis, die um 1910, mit den komplexen Erzählformen des langen Spielfilms, ihren Anfang nahm, hat uns die nachgerade unerschöpflichen Möglichkeiten der Montage, den Ton, den Dialog, die Farbe, den ›Realismus‹, die psychologische Kameraführung, den ›unsichtbaren Schnitt‹, die Multiperspektivität von Zeit und Raum, die vielfachen Nuancen des Lichts, kurzum: die verfeinerten Mittel einer den Sinnen sich einschmeichelnden Filmsprache und sogar die Illusion der Dreidimensionalität beschert“ ([Kreimeier 2012a]Kreimeier, Klaus (2010): Die Poesie der Maschine. Gedankensplitter zu einer Theorie des frühen Kinos. In: Kirchner, A. & Pohl, A. & Riedel, P. (Hg.), Kritik des Ästhetischen - Ästhetik der Kritik. Schüren, Marburg.
: S. 159).

Anmerkungen
Literatur
[Bulgakowa 2001a]Bulgakowa, Oksana (2001): Film/filmisch. In: Barck, K. & Fontius, M. & Schlenstedt, D. & Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 2: Dekadent — Grotesk. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.[Decker & Krah 2008a]Decker, Jan-Oliver & Krah, Hans (2008): Einführung: Zeichen(-Systeme) im Film. Zeitschrift für Semiotik, 30, 3.[Kreimeier 2012a]Kreimeier, Klaus (2010): Die Poesie der Maschine. Gedankensplitter zu einer Theorie des frühen Kinos. In: Kirchner, A. & Pohl, A. & Riedel, P. (Hg.), Kritik des Ästhetischen - Ästhetik der Kritik. Schüren, Marburg.[Möller 1984a]Möller, Karl-Dietmar (1984): Schichten des Filmbildes und Ebenen des Films. In: Münsteraner Arbeitskreis für Semiotik MakS (Hg.), Die Einstellung als Größe einer Filmsemiotik. MakS Publikationen, Münster.[Paech 2005a]Paech, Joachim (2005): Medienwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Paech 2006a]Paech, Joachim (2006): Was ist ein kinematographisches Bewegungsbild?. In: Koebner, Th. & Meder, Th. (Hg.), Bildtheorie und Film. Edition Text + Kritik, München.

Lektorat: