Original
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Etymologie und allgemeine Bedeutung/enDer Ausdruck „Original“ und seine Pendants im Englischen, Französischen, Italienischen usw. leiten sich etymologisch von „origo“, dem lateinischen Wort für ‚Ursprung’ ab. Dem Grimmschen Wörterbuch zufolge ist ein Original etwas Ursprüngliches, entweder im Sinne des Eigentümlichen und Angeborenen oder aber im Gegensatz zu Kopie oder Nachahmung (⊳ Mimesis). Dieser Gegensatz ist nicht nur für schriftliche Artefakte von Belang, etwa bei Übersetzungen oder Abschriften eines Originals, sondern auch und gerade für Bilder, nämlich dann, wenn sie ein Vor- oder Urbild# nachbilden; wie etwa der Fall des Porträts zeigt, muss das Original jedoch nicht zwangsläufig selbst ein Bild# sein (vgl. [Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig. Diskurse und PraxisfelderFür das Thema des Originals besitzen mindestens vier, teils sich überlagernde Diskurse oder Praxisfelder Relevanz, und ihnen gemäß sind technische, wirtschaftlich, juristische und ästhetische Aspekte zu berücksichtigen.[1] Auch deswegen ist die Rede vom Original oft vieldeutig. In technischer Hinsicht ist das Original vor allem der Bezugspunkt für die Kopie: Das Original ist einerseits für die Kopie kausal (mit-)verantwortlich (⊳ Index), andererseits ist sie ihm ähnlich. Originale sind schon immer kopiert worden. Von Skulpturen wurden Güsse hergestellt, und Gemälde etwa lassen sich beispielsweise malerisch oder zeichnerisch reproduzieren. In der Entwicklung der Reproduktionstechniken, zu denen im Laufe der Zeit neben die manuellen mehr und mehr auch maschinelle, elektronische und IT-gestützte Techniken getreten sind, lässt sich eine Tendenz beobachten: Das Original profiliert sich in der Regel gegen eine immer schneller hergestellte und immer größere Anzahl von Kopien. Entscheidend zu dieser Tendenz beigetragen haben technische Erfindungen und Massenmedien — oder detaillierter: seit dem 15. Jahrhundert der Buchdruck, der Holzschnitt, der Stich und die Radierung, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Lithographie und die Zeitung, seit dem 19. Jahrhundert die Fotografie und das industrielle Druckraster sowie in jünger Zeit natürlich die EDV (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart. In wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht wird das Original teils schon in der Renaissance, vor allem aber in der Frühen Neuzeit relevant, als die überkommenen Produktions- und Distributionsmuster allmählich von neuen überlagert werden. Für das herkömmliche Patronagesystem war die persönliche Bekanntschaft zwischen Auftraggeber und Künstler ausschlaggebend gewesen, die mündliche Empfehlung, der direkte Kontakt während des Arbeitsprozesses und vor allem eine Fülle von Vorgaben und Interventionen seitens des Auftraggebers (in Bezug auf Thema, Ausgestaltung, zu verwendende kostbare Materialien usw.).[2] Bei der dann allmählich einsetzenden Produktion für den anonymen Markt findet eine Emanzipation, aber auch Isolierung der Künstler statt, die jetzt vermehrt fertige Produkte anbieten (vgl. [Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M. Rechtliche und ästhetische Hinsichten überlagern einander insofern, als der Bezug auf das Original nicht allein den urheberrechtlichen Anspruch des Künstlers begründet, sondern parallel dazu auch die Auflösung der alteuropäischen Auffassung der Künste vorantreibt.[3] Seit der griechischen Antike wurden Künste als Mimesis der Natur begriffen, als Nachahmung also, die nach den Regeln einer techne ins Werk zu setzen war; die lateinische Tradition spricht analog dazu von imitatio, die auch auf hervorragende exempla und nicht nur auf die Natur ausgerichtet sein konnte, und von Regeln der ars. Die Ästhetiken des Originals ersetzen im 18. Jahrhundert diese objektive Fundierung durch eine subjektive. Demnach soll der Künstler nicht mehr Regeln, sondern nur seiner Originalität verpflichtet sein, was sich in der Produktion des authentischen Originalwerks niederzuschlagen hat, das sich von älteren Werken als neu abhebt. Das Original steht im Kern der Genieästhetik und auch der späteren romantischen Kunstauffassung.
TheorienVon den zahlreichen Theorien, die das Original erfolgreich zum Gegenstand gemacht haben, seien im Folgenden drei der wichtigsten kurz vorgestellt. Dabei handelt es sich um die Genieästhetik Edward Youngs, das kulturrevolutionäre Programm Walter Benjamins und die Symboltheorie Nelson Goodmans. Die Conjectures on Original Composition, die der Dichter und Theoretiker Young 1759 veröffentlichte, stellen in mehrfacher Hinsicht eine Sammlung der bis dato entwickelten Theorien des Genies dar und kombinieren rechtliche, wirtschaftliche und ästhetische Aspekte. In seiner Kritik an der regelgeleiteten Produktion von Werken und in der Feier des Künstlers als eines starken Individuums stützt er sich vor allem auf ein Vokabular der Natur und des Eigentums bzw. der Eigentümlichkeit: „An Original may be said to be of a vegetable nature; it rises spontaneously, from the vital root of genius; it grows, it is not made: Imitations are often a sort of manufacture wrought up by those mechanics, art, and labour, out of pre-existent materials not their own.“ ([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay. Eine ausführliche Thematisierung des Originals findet sich auch in Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit aus den 1930er Jahren. Prämisse dieser Studie ist, dass Fotografie und Film um 1900 eine Krise ausgelöst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigenschaft als Reproduktions- wie auch als Produktionstechniken. Anstatt die seinerzeit übliche Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwiefern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspektive um und untersucht, in welchem Maße sie ihrerseits den „Gesamtcharakter der Kunst“ verändert haben ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
optional Beispiele([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay. ([a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. #) ([a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. #) Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Baxandall 1999a]Baxandall, Michael (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Malerei und Erfahrung im Italien der Renaissance. Klaus Wagenbach, Berlin.[Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Debray 1999a]Debray, Régis (1999): Für eine Mediologie. In: Pias, C. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.[Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig.[Häseler 2002a]Häseler, Jens (2002): Original/Originalität. In: Barck, K.; Fontius, M.; Schlenstedt, D.; Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4: Medien – Populär. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.[Hüllen 1971a]Hüllen, Jürgen (1971): Archetypus. In: Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1 (A-C). Schwabe, Basel.[Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plumpe 1988a]Plumpe, Gerhard (1988): Kunst und juristischer Diskurs. Mit einer Vorbemerkung zum Diskursbegriff. In: Fohrmann, J. & Müller, H. (Hg.), Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Schmücker 2011a]Schmücker, Reinold (2011): Lob der Fälschung. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.[Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay. Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |