Bildwissenschaft vs. Bildtheorie: Unterschied zwischen den Versionen
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Lambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mithilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R. J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch stark voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen, bei näherem Hinsehen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Konsequenzen und Schwerpunkte implizieren. Für die Analyse der "spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken" (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: S. 52) reservieren Sachs-Hombach und Schirra den Pluralis ''Bilder''wissenschaft. Von der Singularform ''Bild''wissenschaft sollte ihres Erachtens indessen "dann die Rede sein, wenn sich das wissenschaftliche Interesse der Frage zuwendet, was es ''grundsätzlich'' bedeutet, mit Bildern (als solchen) umgehen zu können." (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: ebd.; Hervorhebung im Original) Anders als in ''bilder''wissenschaftlichen Analysen stehen auf der ''bild''wissenschaftlichen Untersuchungsebene sodann "gar nicht einzelne Bilder im unmittelbaren Fokus des Interesses, sondern vielmehr die Fähigkeit, Bilder verwenden (d.h. erzeugen und rezipieren) zu können." (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: ebd.) Im Zentrum ''bild''wissenschaftlicher Forschung stehen insofern Fragen der Bildkompetenz ([[Auswirkungen der Bildlichkeit]]) und [[Bildpragmatik]]. | Lambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mithilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R. J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch stark voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen, bei näherem Hinsehen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Konsequenzen und Schwerpunkte implizieren. Für die Analyse der "spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken" (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: S. 52) reservieren Sachs-Hombach und Schirra den Pluralis ''Bilder''wissenschaft. Von der Singularform ''Bild''wissenschaft sollte ihres Erachtens indessen "dann die Rede sein, wenn sich das wissenschaftliche Interesse der Frage zuwendet, was es ''grundsätzlich'' bedeutet, mit Bildern (als solchen) umgehen zu können." (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: ebd.; Hervorhebung im Original) Anders als in ''bilder''wissenschaftlichen Analysen stehen auf der ''bild''wissenschaftlichen Untersuchungsebene sodann "gar nicht einzelne Bilder im unmittelbaren Fokus des Interesses, sondern vielmehr die Fähigkeit, Bilder verwenden (d.h. erzeugen und rezipieren) zu können." (<bib id='Sachs-Hombach & Schirra 2006a'></bib>: ebd.) Im Zentrum ''bild''wissenschaftlicher Forschung stehen insofern Fragen der Bildkompetenz ([[Auswirkungen der Bildlichkeit]]) und [[Bildpragmatik]]. | ||
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Oberflächlich betrachtet, spiegelt sich in der Distinktion von Sachs-Hombach und Schirra dieselbe methodologische Intention wie bei Wiesing wider. Deren Dichotomie ›Bildwissenschaft vs. Bilderwissenschaft‹ scheint in keiner Weise von Wiesings Differenz ›Bildtheorie vs. Bildwissenschaft‹ abzuweichen. Allein: Dieser Eindruck trügt. Zwar ist es richtig, dass Sachs-Hombach und Schirra mit der Wendung '' | Oberflächlich betrachtet, spiegelt sich in der Distinktion von Sachs-Hombach und Schirra dieselbe methodologische Intention wie bei Wiesing wider. Deren Dichotomie ›Bildwissenschaft vs. Bilderwissenschaft‹ scheint in keiner Weise von Wiesings Differenz ›Bildtheorie vs. Bildwissenschaft‹ abzuweichen. Allein: Dieser Eindruck trügt. Zwar ist es richtig, dass Sachs-Hombach und Schirra mit der Wendung ''Bilder''wissenschaft ebenso wie Wiesing mit seiner Konzeption der ''Bildwissenschaft'' eine im weitesten Sinne ''empirische'' Betrachtungsweise einzufangen versuchen. In Bezug auf die eher ''systematisch-begrifflich'' akzentuierten Termini ''Bild''wissenschaft (Sachs-Hombach & Schirra) resp. Bild''theorie'' (Wiesing) lässt sich allerdings ein gewichtiger Unterschied feststellen: Für Wiesing führt eine bild''theoretische'' Betrachtungsweise in erster Linie zu der Forschungsfrage: "''Was soll als Bild bezeichnet werden?''" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 14; Hervorhebungen im Original) Sinn und Zweck der Bild''theorie'' ist es ferner, diejenigen allgemeinen Kriterien zu ermitteln, die es erlauben, ein bestimmtes Phänomen ''als Bild'' zu bestimmen. Bild''theoretische'' Forschung konzentriert sich hier demgemäß vorwiegend auf Fragen der Kategorisierung bzw. Klassifikation. | ||
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Bei Sachs-Hombach und Schirra findet sich demgegenüber eine andere Schwerpunktsetzung. Ihnen geht es primär um die bildpragmatische Frage, über welche kognitiven und perzeptiven Kompetenzen ein Wesen verfügen muss, um eine grundsätzliche [[Bildfähigkeit]] unter Beweis stellen zu können. Dreht sich Wiesings Bild''theorie'' vordergründig um Probleme der Kategorisierung, zielen Sachs-Hombach und Schirra in letzter Konsequenz auf eine ''anthropologische'' Zuspitzung ihrer Konzeption einer allgemeinen ''Bild''wissenschaft ab ([[Bildanthropologie]]). Obwohl auch sie die systematische Untersuchung von bildbegrifflichen Forschungsfragen mit ihrem Terminus ''Bild''wissenschaft ausdrücklich in einen philosophischen Kontext rücken, dient ihnen das Studium des Bildes nicht alleine dem Zweck, sämtliche kategorialen Bedingungen des Bildbegriffs zu ermitteln. Vielmehr hoffen sie, durch ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes allgemeine Einsichten über das Wesen des Menschen zu erlangen. Insofern knüpfen sie an bildanthropologische Überlegungen an, die auf den Philosophen Hans Jonas (1903-1993) zurückgehen. Jonas, der gemeinhin als Begründer der [[Bildanthropologie]] bezeichnet wird, verstand den Menschen als einen ''homo pictor''. In dieser Bezeichnung verdichtet sich die auch von Sachs-Hombach und Schirra geteilte Überzeugung, dass die Fähigkeit zur Produktion und Rezeption von Bildwerken als sicherer Beweis für die "mehr-als-tierische" (<bib id='Jonas 1961a'></bib>: S. 162) Natur des Menschen zu deuten sei. | Bei Sachs-Hombach und Schirra findet sich demgegenüber eine andere Schwerpunktsetzung. Ihnen geht es primär um die bildpragmatische Frage, über welche kognitiven und perzeptiven Kompetenzen ein Wesen verfügen muss, um eine grundsätzliche [[Bildfähigkeit]] unter Beweis stellen zu können. Dreht sich Wiesings Bild''theorie'' vordergründig um Probleme der Kategorisierung, zielen Sachs-Hombach und Schirra in letzter Konsequenz auf eine ''anthropologische'' Zuspitzung ihrer Konzeption einer allgemeinen ''Bild''wissenschaft ab ([[Bildanthropologie]]). Obwohl auch sie die systematische Untersuchung von bildbegrifflichen Forschungsfragen mit ihrem Terminus ''Bild''wissenschaft ausdrücklich in einen philosophischen Kontext rücken, dient ihnen das Studium des Bildes nicht alleine dem Zweck, sämtliche kategorialen Bedingungen des Bildbegriffs zu ermitteln. Vielmehr hoffen sie, durch ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes allgemeine Einsichten über das Wesen des Menschen zu erlangen. Insofern knüpfen sie an bildanthropologische Überlegungen an, die auf den Philosophen Hans Jonas (1903-1993) zurückgehen. Jonas, der gemeinhin als Begründer der [[Bildanthropologie]] bezeichnet wird, verstand den Menschen als einen ''homo pictor''. In dieser Bezeichnung verdichtet sich die auch von Sachs-Hombach und Schirra geteilte Überzeugung, dass die Fähigkeit zur Produktion und Rezeption von Bildwerken als sicherer Beweis für die "mehr-als-tierische" (<bib id='Jonas 1961a'></bib>: S. 162) Natur des Menschen zu deuten sei. | ||
Version vom 11. April 2011, 21:59 Uhr
Unterpunkt zu: Bildphilosophische Abgrenzungen
Darstellung des gr. ZusammenhangsDie bildwissenschaftliche Forschungsdebatte ist durch ein hohes Maß an Heterogenität charakterisiert. Nicht nur gibt es eine kontroverse Diskussion über die Frage, welche Disziplin(en) und Methode(n) den Ausgangspunkt einer allgemeinen Bildwissenschaft zu bilden haben; auch herrscht große Uneinigkeit darüber, mit welchem Oberbegriff die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes versehen werden sollte. In der Tat werden die verschiedensten Ansätze und Methoden häufig einheitlich als »Bildwissenschaft« bezeichnet. Diese Vorgehensweise stößt bei einigen Bildwissenschaftlern auf Kritik. Ihrer Meinung nach werden die Differenzen, die zwischen höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen bestehen, durch eine mangelnde terminologische Trennschärfe nur schwer ersichtlich oder sogar unkenntlich gemacht. Aus diesem Grund fordern sie dazu auf, vorhandene programmatische Differenzen terminologisch klar zu kennzeichnen. Bildwissenschaft vs. BildtheorieDer vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung von höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen empirisch-historisch und theoretisch-begrifflich ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine bildwissenschaftliche und eine bildtheoretische Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Dabei zählt er zur Bildwissenschaft solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Bilderwissenschaft vs. BildwissenschaftLambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mithilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R. J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch stark voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen, bei näherem Hinsehen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Konsequenzen und Schwerpunkte implizieren. Für die Analyse der "spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken" ([Sachs-Hombach & Schirra 2006a]Sachs-Hombach, Klaus; Jörg R.J. Schirra (2006): Darstellungsstil als bild-rhetorische Kategorie. Einige Vorüberlegungen. IMAGE. Themenheft Bild-Stil: Strukturierung der Bildinformation, 3.
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Anmerkungen
Literatur
[Brandom 2000a]Brandom, Robert (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung (1994). Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bredekamp 2007a]Bredekamp, Horst (2007): Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand. Akademie, Berlin.[Habermas 1995a]Habermas, Jürgen (1995): Theorie des kommunikativen Handelns (1981), 2 Bd.. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Halawa 2011a]Halawa, Mark A. (2011): Editorial: Homo pictor und animal symbolicum: Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer philosophischen Bildanthropologie. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Halawa 2012a]Halawa, Mark A. (2012): Die Bilderfrage als Machtfrage. Perspektiven einer Kritik des Bildes. Kadmos, Berlin.[Halawa 2014a]Halawa, Mark A. (2014): Anthropologie: Bilder als Bedingung des Menschseins. In: Günzel, S. & Mersch, D. (Hg.), Bild: Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart.[Herder 2001a]Irmscher, H.D. (Hg.) (2001): Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772). Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Popper 2002a]Bohnet, H. & Stadler, K. (Hg.) (2002): Alle Menschen sind Philosophen. Piper, München, Zürich.[Sachs-Hombach & Schirra 2009a]Sachs-Hombach, Klaus & Schirra, Jörg R.J. (2009): Medientheorie, visuelle Kultur und Bildanthropologie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Schirra & Sachs-Hombach 2006a]Schirra, Jörg R. J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Bild und Wort. Ein Vergleich aus bildwissenschaftlicher Sicht. ELiSe: Essener Linguistische Skripte – elektronisch, 6, 1.[Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.[Ulama 2011a]Ulama, Nisaar (2011): Von Bildfreiheit und Geschichtsverlust: Zu Hans Jonas' homo pictor. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |