Bildwissenschaft vs. Bildtheorie: Unterschied zwischen den Versionen
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Eine gänzlich andere Betrachtungs- und Vorgehensweise lässt sich laut Wiesing auf der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene beobachten. Hier "interessiert [man] sich nicht für das konkrete Bild, sondern für das Bild als Medium" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.). Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das einzelne, empirisch zugängliche Bildwerk, sondern auf das Phänomen der Bildlichkeit. Auf der Ebene der Bild''theorie'' geht es somit ausschließlich "um den Begriff des Bildes" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.), nicht um individuelle Besonderheiten eines konkreten Bildwerkes. Beachtung finden konkrete Bilder allenfalls dann, wenn sie sich dazu eignen, allgemeine Aussagen über das Wesen der Bildlichkeit - also über die Frage, "''was etwas zu einem Bild macht'' (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IX; Hervorhebungen im Original) - zu treffen. Meist handelt es sich bei derartigen Bildern um so genannte ''Metabilder'', d.h. um Bilder, die sich in besonderer Weise "auf sich selbst oder auf andere Bilder beziehen, [...] um zu zeigen, was ein Bild ist." (<bib id='Mitchell 2008a'></bib>: S. 172) Das wohl berühmteste Beispiel für ein solches Metabild ist das Kipp- bzw. Vexierbild, das häufig herangezogen wird, um die Besonderheit der Bildwahrnehmung zu illustrieren ([[Kippbild]], [[Vexierbild]]). | Eine gänzlich andere Betrachtungs- und Vorgehensweise lässt sich laut Wiesing auf der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene beobachten. Hier "interessiert [man] sich nicht für das konkrete Bild, sondern für das Bild als Medium" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.). Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das einzelne, empirisch zugängliche Bildwerk, sondern auf das Phänomen der Bildlichkeit. Auf der Ebene der Bild''theorie'' geht es somit ausschließlich "um den Begriff des Bildes" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.), nicht um individuelle Besonderheiten eines konkreten Bildwerkes. Beachtung finden konkrete Bilder allenfalls dann, wenn sie sich dazu eignen, allgemeine Aussagen über das Wesen der Bildlichkeit - also über die Frage, "''was etwas zu einem Bild macht'' (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IX; Hervorhebungen im Original) - zu treffen. Meist handelt es sich bei derartigen Bildern um so genannte ''Metabilder'', d.h. um Bilder, die sich in besonderer Weise "auf sich selbst oder auf andere Bilder beziehen, [...] um zu zeigen, was ein Bild ist." (<bib id='Mitchell 2008a'></bib>: S. 172) Das wohl berühmteste Beispiel für ein solches Metabild ist das Kipp- bzw. Vexierbild, das häufig herangezogen wird, um die Besonderheit der Bildwahrnehmung zu illustrieren ([[Kippbild]], [[Vexierbild]]). | ||
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Der größte und wichtigste Unterschied zwischen der bild''wissenschaftlichen'' und der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene besteht nach Wiesing darin, dass die Bildtheorie einen "Schritt ins Kategoriale" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 13) nach sich zieht, "der notwendigerweise einen Wechsel der Methoden verlangt" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: ebd.). Da die | Der größte und wichtigste Unterschied zwischen der bild''wissenschaftlichen'' und der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene besteht nach Wiesing darin, dass die Bildtheorie einen "Schritt ins Kategoriale" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 13) nach sich zieht, "der notwendigerweise einen Wechsel der Methoden verlangt" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: ebd.). Da die Bildtheorie - anders als die Bildwissenschaft - eine Klärung des Bildbegriffs anstrebt, macht sie sich auf die Suche nach Kriterien, die für ''alle'' Phänomene, die unter den Begriff des Bildes fallen, gültig sein sollen. Im Vordergrund steht in der Bildtheorie also "die Frage, was aus welchen Gründen ein Bild ist […]" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 14). Wiesing ist davon überzeugt, dass es sich hierbei um eine Frage handelt, die sich in keiner Weise empirisch, sondern "ausschließlich argumentativ beantworten" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: ebd.) lässt. Ausdrücklich heißt es: "Jeglicher Versuch einer empirischen Untersuchung sämtlicher Bilder würde notgedrungen an einem Problem scheitern, welches spezifisch für die meisten philosophischen Probleme ist. Es geht nicht um die Erforschung dessen, was schon kategorisiert ist, sondern um die Erforschung der Kategorisierung: eben um den Begriff des Bildes." (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: ebd.) Es sind ferner abstrakte Gründe, die darüber entscheiden, unter welchen Prämissen welche Phänomene zu Recht oder zu Unrecht unter den Begriff des Bildes gefasst werden. Demgegenüber können konkrete Bildwerke lediglich einen empirischen, keineswegs aber einen begrifflichen Wert besitzen. | ||
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Für Wiesing besteht die entscheidende Pointe, die aus der Grenzziehung zwischen ''Bildtheorie'' auf der einen und ''Bildwissenschaft'' auf der anderen Seite folgt, darin, dass die bild''theoretische'' Untersuchungsebene aufgrund ihres postulierten argumentativen Grundcharakters "gar nicht anders als ''philosophisch'' geschehen kann" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 16; meine Hervorhebung). Begründet wird diese These durch den Hinweis, dass die systematische Auseinandersetzung mit Begriffsfragen für die besondere Art und Weise philosophischen Forschens geradezu konstitutiv sei. ''Bildtheorie'' wäre demnach immer auch ''Bildphilosophie'', wobei zu vermerken ist, dass eine Philosophie des Bildes nach Wiesings Dafürhalten stets mit einer Phänomenologie des Bildes einhergeht ([[Phänomenologische Bildtheorien]], [[Phänomenologie des Bildes]]). | Für Wiesing besteht die entscheidende Pointe, die aus der Grenzziehung zwischen ''Bildtheorie'' auf der einen und ''Bildwissenschaft'' auf der anderen Seite folgt, darin, dass die bild''theoretische'' Untersuchungsebene aufgrund ihres postulierten argumentativen Grundcharakters "gar nicht anders als ''philosophisch'' geschehen kann" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 16; meine Hervorhebung). Begründet wird diese These durch den Hinweis, dass die systematische Auseinandersetzung mit Begriffsfragen für die besondere Art und Weise philosophischen Forschens geradezu konstitutiv sei. ''Bildtheorie'' wäre demnach immer auch ''Bildphilosophie'', wobei zu vermerken ist, dass eine Philosophie des Bildes nach Wiesings Dafürhalten stets mit einer Phänomenologie des Bildes einhergeht ([[Phänomenologische Bildtheorien]], [[Phänomenologie des Bildes]]). | ||
Version vom 11. April 2011, 21:47 Uhr
Unterpunkt zu: Bildphilosophische Abgrenzungen
Darstellung des gr. ZusammenhangsDie bildwissenschaftliche Forschungsdebatte ist durch ein hohes Maß an Heterogenität charakterisiert. Nicht nur gibt es eine kontroverse Diskussion über die Frage, welche Disziplin(en) und Methode(n) den Ausgangspunkt einer allgemeinen Bildwissenschaft zu bilden haben; auch herrscht große Uneinigkeit darüber, mit welchem Oberbegriff die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes versehen werden sollte. In der Tat werden die verschiedensten Ansätze und Methoden häufig einheitlich als »Bildwissenschaft« bezeichnet. Diese Vorgehensweise stößt bei einigen Bildwissenschaftlern auf Kritik. Ihrer Meinung nach werden die Differenzen, die zwischen höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen bestehen, durch eine mangelnde terminologische Trennschärfe nur schwer ersichtlich oder sogar unkenntlich gemacht. Aus diesem Grund fordern sie dazu auf, vorhandene programmatische Differenzen terminologisch klar zu kennzeichnen. Bildwissenschaft vs. BildtheorieDer vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung von höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen empirisch-historisch und theoretisch-begrifflich ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine bildwissenschaftliche und eine bildtheoretische Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Dabei zählt er zur Bildwissenschaft solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Bilderwissenschaft vs. BildwissenschaftLambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mithilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R. J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch stark voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen, bei näherem Hinsehen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Konsequenzen und Schwerpunkte implizieren. Für die Analyse der "spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken" ([Sachs-Hombach & Schirra 2006a]Sachs-Hombach, Klaus; Jörg R.J. Schirra (2006): Darstellungsstil als bild-rhetorische Kategorie. Einige Vorüberlegungen. IMAGE. Themenheft Bild-Stil: Strukturierung der Bildinformation, 3.
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Anmerkungen
Literatur
[Brandom 2000a]Brandom, Robert (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung (1994). Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bredekamp 2007a]Bredekamp, Horst (2007): Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand. Akademie, Berlin.[Habermas 1995a]Habermas, Jürgen (1995): Theorie des kommunikativen Handelns (1981), 2 Bd.. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Halawa 2011a]Halawa, Mark A. (2011): Editorial: Homo pictor und animal symbolicum: Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer philosophischen Bildanthropologie. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Halawa 2012a]Halawa, Mark A. (2012): Die Bilderfrage als Machtfrage. Perspektiven einer Kritik des Bildes. Kadmos, Berlin.[Halawa 2014a]Halawa, Mark A. (2014): Anthropologie: Bilder als Bedingung des Menschseins. In: Günzel, S. & Mersch, D. (Hg.), Bild: Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart.[Herder 2001a]Irmscher, H.D. (Hg.) (2001): Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772). Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Popper 2002a]Bohnet, H. & Stadler, K. (Hg.) (2002): Alle Menschen sind Philosophen. Piper, München, Zürich.[Sachs-Hombach & Schirra 2009a]Sachs-Hombach, Klaus & Schirra, Jörg R.J. (2009): Medientheorie, visuelle Kultur und Bildanthropologie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Schirra & Sachs-Hombach 2006a]Schirra, Jörg R. J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Bild und Wort. Ein Vergleich aus bildwissenschaftlicher Sicht. ELiSe: Essener Linguistische Skripte – elektronisch, 6, 1.[Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.[Ulama 2011a]Ulama, Nisaar (2011): Von Bildfreiheit und Geschichtsverlust: Zu Hans Jonas' homo pictor. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |