Bildwissenschaft vs. Bildtheorie: Unterschied zwischen den Versionen

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Mark A. Halawa (Diskussion | Beiträge)
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=====Bildwissenschaft vs. Bildtheorie=====
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Der vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung zwischen höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen ''empirisch-historisch'' und ''theoretisch-begrifflich'' ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine ''bildwissenschaftliche'' und eine ''bildtheoretische'' Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Zur Bildwissenschaft zählt er solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IV) zur Grundlage haben. Bilder werden hier als "reale Gegenstände in ihrer Entstehung, in ihren psychologischen Wirkungen, in ihren medialen Voraussetzungen, in ihrer inhaltlich und sozialen Bedeutung, in ihren historischen Zusammenhängen und noch zahlreichen anderen empirischen Aspekten erforscht [...]." (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.)
Der vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung von höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen ''empirisch-historisch'' und ''theoretisch-begrifflich'' ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine ''bildwissenschaftliche'' und eine ''bildtheoretische'' Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Dabei zählt er zur Bild''wissenschaft'' solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IV) zur Grundlage haben. Bilder werden hier als "reale Gegenstände in ihrer Entstehung, in ihren psychologischen Wirkungen, in ihren medialen Voraussetzungen, in ihrer inhaltlich und sozialen Bedeutung, in ihren historischen Zusammenhängen und noch zahlreichen anderen empirischen Aspekten erforscht [...]." (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.) Eine Kunsthistorikerin, die zum Beispiel über die sozialen und politischen Ursachen und Auswirkungen des byzantinischen oder reformatorischen Bilderstreits forscht, würde dieser Erklärung zufolge bild''wissenschaftliche'' Studien betreiben. Im Zentrum ihrer Analysen stehen eine Reihe von konkreten Bildwerken, die unter anderem im Hinblick auf ihre Urheberschaft, ihre materielle Beschaffenheit oder ihren ursprünglichen Aufstellungsort untersucht werden. Das Ziel solchen Forschens kann es etwa sein, einzelne Bildwerke oder sogar einen geschlossenen Korpus von Bildern in Bezug auf Stil, Epoche, Authentizität, soziale bzw. politische Funktion usw. zu kategorisieren.


Eine gänzlich andere Betrachtungs- und Vorgehensweise lässt sich laut Wiesing auf der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene beobachten. Hier "interessiert [man] sich nicht für das konkrete Bild, sondern für das Bild als Medium" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.). Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das einzelne, empirisch zugängliche Bildwerk, sondern auf das Phänomen der Bildlichkeit. Auf der Ebene der Bild''theorie'' geht es somit ausschließlich "um den Begriff des Bildes" (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: ebd.), nicht um individuelle Besonderheiten eines konkreten Bildwerkes. Beachtung finden konkrete Bilder allenfalls dann, wenn sie sich dazu eignen, allgemeine Aussagen über das Wesen der Bildlichkeit - also über die Frage, "''was etwas zu einem Bild macht'' (<bib id='Wiesing 2008a'></bib>: IX; Hervorhebungen im Original) - zu treffen. Meist handelt es sich bei derartigen Bildern um so genannte ''Metabilder'', d.h. Bilder, die sich in besonderer Weise "auf sich selbst oder auf andere Bilder beziehen, [...] um zu zeigen, was ein Bild ist." (<bib id='Mitchell 2008a'></bib>: S. 172) Das wohl berühmteste Beispiel für ein solches Metabild ist das Kipp- bzw. Vexierbild, das häufig herangezogen wird, um die Besonderheit der Bildwahrnehmung zu illustrieren ([[Kippbild]]).


Ein Kunsthistoriker, der zum Beispiel über die Ursachen und Auswirkungen des byzantinischen oder reformatorischen Bilderstreits forscht, würde demzufolge bildwissenschaftliche Studien betreiben. Er beschäftigt sich in vielfältiger Weise mit einer Reihe von konkreten Bildwerken, die unter anderem in Bezug auf ihre Herkunft, ihre materielle Beschaffenheit und/oder ihren ursprünglichen Aufstellungsort analysiert werden. Ziel solchen Forschens kann es etwa sein, einzelne Bilder oder sogar ganze Bilderserien im Hinblick auf Stil, Epoche, Funktion usw. zu kategorisieren.
Der größte und wichtigste Unterschied zwischen der bild''wissenschaftlichen'' und der bild''theoretischen'' Untersuchungsebene besteht nach Wiesing darin, dass die Bildtheorie einen "Schritt ins Kategoriale" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 13) nach sich zieht, "der notwendigerweise einen Wechsel der Methoden verlangt" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: ebd.).


Eine gänzlich andere Annäherung an das Phänomen des Bildes lässt sich laut Wiesing auf der bildtheoretischen Untersuchungsebene beobachten. Hier „interessiert [man] sich nicht für das konkrete Bild, sondern für das Bild als ein Medium“ (ebd.). Beachtung finden konkrete Bilder allenfalls dann, wenn sie sich dazu eignen, prinzipielle Aussagen über das Wesen der Bildlichkeit – also über die Frage Was ist ein Bild? – zu tätigen. Auf der Ebene der Bildtheorie geht es somit ausschließlich „um den Begriff des Bildes“ (ebd.), nicht um die soziale, kulturelle und/oder historische Besonderheit eines Bildwerkes.
Da der Bildtheoretiker – anders als der immerzu empirisch vorgehende Bildwissenschaftler – eine Klärung des Bildbegriffs bewirken möchte, macht er sich auf die Suche nach Kriterien, die für alle Phänomene, die unter den Begriff des Bildes fallen, gültig sind. Im Vordergrund steht für ihn also „die Frage, was aus welchen Gründen ein Bild ist […]“ (ebd., S. 14). Für Wiesing handelt es sich dabei um eine Frage, die sich in keiner Weise empirisch, sondern „ausschließlich argumentativ beantworten [läßt]“ (ebd.). Es sind abstrakte Gründe, die darüber entscheiden, welche Phänomene zu Recht unter den Begriff des Bildes subsumiert werden dürfen – nicht konkrete Bildwerke, die beispielsweise als historische Dokumente einen empirischen, nicht aber einen begrifflichen Wert besitzen können.
 
Die größte und wichtigste Unterschied zwischen der bildwissenschaftlichen und der bildtheoretischen Untersuchungsebene besteht Wiesing zufolge darin, dass die Bildtheorie einen „Schritt ins Kategoriale“ (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 13) nach sich zieht, „der notwendigerweise einen Wechsel der Methoden verlangt“ (ebd.). Da der Bildtheoretiker – anders als der immerzu empirisch vorgehende Bildwissenschaftler – eine Klärung des Bildbegriffs bewirken möchte, macht er sich auf die Suche nach Kriterien, die für alle Phänomene, die unter den Begriff des Bildes fallen, gültig sind. Im Vordergrund steht für ihn also „die Frage, was aus welchen Gründen ein Bild ist […]“ (ebd., S. 14). Für Wiesing handelt es sich dabei um eine Frage, die sich in keiner Weise empirisch, sondern „ausschließlich argumentativ beantworten [läßt]“ (ebd.). Es sind abstrakte Gründe, die darüber entscheiden, welche Phänomene zu Recht unter den Begriff des Bildes subsumiert werden dürfen – nicht konkrete Bildwerke, die beispielsweise als historische Dokumente einen empirischen, nicht aber einen begrifflichen Wert besitzen können.


So kommt es, dass Wiesings Grenzziehung zwischen Bildtheorie auf der einen und Bildwissenschaft auf der anderen Seite gerade auch dafür sorgt, dass sich die Frage, was eine Bilddisziplin mit welchen Mitteln konkret leisten kann und soll, auf unterschiedliche Weise beantworten lässt. Ein Bildforscher, der herausfinden möchte, ob Leonardo da Vinci in seiner „Mona Lisa“ tatsächlich eine ‚empirische‘ Frau abgebildet hat (und wenn ja: welche), kann und soll laut Wiesing einen bildwissenschaftlichen, nicht aber einen bildtheoretischen Beitrag leisten. Demgegenüber leistet ein Bildforscher, der ergründen möchte, ob bzw. inwieweit Gemälde, Skulpturen und die Virtual Reality allesamt in gleichem Maße die wesentlichen Kriterien der Bildlichkeit erfüllen, einen bildtheoretischen Beitrag.
So kommt es, dass Wiesings Grenzziehung zwischen Bildtheorie auf der einen und Bildwissenschaft auf der anderen Seite gerade auch dafür sorgt, dass sich die Frage, was eine Bilddisziplin mit welchen Mitteln konkret leisten kann und soll, auf unterschiedliche Weise beantworten lässt. Ein Bildforscher, der herausfinden möchte, ob Leonardo da Vinci in seiner „Mona Lisa“ tatsächlich eine ‚empirische‘ Frau abgebildet hat (und wenn ja: welche), kann und soll laut Wiesing einen bildwissenschaftlichen, nicht aber einen bildtheoretischen Beitrag leisten. Demgegenüber leistet ein Bildforscher, der ergründen möchte, ob bzw. inwieweit Gemälde, Skulpturen und die Virtual Reality allesamt in gleichem Maße die wesentlichen Kriterien der Bildlichkeit erfüllen, einen bildtheoretischen Beitrag.

Version vom 5. April 2011, 18:22 Uhr

Unterpunkt zu: Bildphilosophische Abgrenzungen


Darstellung des gr. Zusammenhangs

Die bildwissenschaftliche Forschungsdebatte ist durch ein hohes Maß an Heterogenität charakterisiert. Nicht nur gibt es eine kontroverse Diskussion über die Frage, welche Disziplin(en) und Methode(n) den Ausgangspunkt einer allgemeinen Bildwissenschaft zu bilden haben; auch herrscht große Uneinigkeit darüber, mit welchem Oberbegriff die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes versehen werden sollte. In der Tat werden die verschiedensten Ansätze und Methoden häufig einheitlich als »Bildwissenschaft« bezeichnet. Diese Vorgehensweise stößt bei einigen Bildwissenschaftlern auf Kritik. Ihrer Meinung nach werden die Differenzen, die zwischen höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen bestehen, durch eine mangelnde terminologische Trennschärfe nur schwer ersichtlich oder sogar unkenntlich gemacht. Aus diesem Grund fordern sie dazu auf, vorhandene programmatische Differenzen terminologisch klar zu kennzeichnen.

Bildwissenschaft vs. Bildtheorie

Der vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung von höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen empirisch-historisch und theoretisch-begrifflich ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine bildwissenschaftliche und eine bildtheoretische Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Dabei zählt er zur Bildwissenschaft solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
: S. IV) zur Grundlage haben. Bilder werden hier als "reale Gegenstände in ihrer Entstehung, in ihren psychologischen Wirkungen, in ihren medialen Voraussetzungen, in ihrer inhaltlich und sozialen Bedeutung, in ihren historischen Zusammenhängen und noch zahlreichen anderen empirischen Aspekten erforscht [...]." ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
: ebd.) Eine Kunsthistorikerin, die zum Beispiel über die sozialen und politischen Ursachen und Auswirkungen des byzantinischen oder reformatorischen Bilderstreits forscht, würde dieser Erklärung zufolge bildwissenschaftliche Studien betreiben. Im Zentrum ihrer Analysen stehen eine Reihe von konkreten Bildwerken, die unter anderem im Hinblick auf ihre Urheberschaft, ihre materielle Beschaffenheit oder ihren ursprünglichen Aufstellungsort untersucht werden. Das Ziel solchen Forschens kann es etwa sein, einzelne Bildwerke oder sogar einen geschlossenen Korpus von Bildern in Bezug auf Stil, Epoche, Authentizität, soziale bzw. politische Funktion usw. zu kategorisieren.

Eine gänzlich andere Betrachtungs- und Vorgehensweise lässt sich laut Wiesing auf der bildtheoretischen Untersuchungsebene beobachten. Hier "interessiert [man] sich nicht für das konkrete Bild, sondern für das Bild als Medium" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
: ebd.). Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das einzelne, empirisch zugängliche Bildwerk, sondern auf das Phänomen der Bildlichkeit. Auf der Ebene der Bildtheorie geht es somit ausschließlich "um den Begriff des Bildes" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
: ebd.), nicht um individuelle Besonderheiten eines konkreten Bildwerkes. Beachtung finden konkrete Bilder allenfalls dann, wenn sie sich dazu eignen, allgemeine Aussagen über das Wesen der Bildlichkeit - also über die Frage, "was etwas zu einem Bild macht ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
: IX; Hervorhebungen im Original) - zu treffen. Meist handelt es sich bei derartigen Bildern um so genannte Metabilder, d.h. Bilder, die sich in besonderer Weise "auf sich selbst oder auf andere Bilder beziehen, [...] um zu zeigen, was ein Bild ist." ([Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: hrsg. von Gustav Frank
: S. 172) Das wohl berühmteste Beispiel für ein solches Metabild ist das Kipp- bzw. Vexierbild, das häufig herangezogen wird, um die Besonderheit der Bildwahrnehmung zu illustrieren (Kippbild).

Der größte und wichtigste Unterschied zwischen der bildwissenschaftlichen und der bildtheoretischen Untersuchungsebene besteht nach Wiesing darin, dass die Bildtheorie einen "Schritt ins Kategoriale" ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 13) nach sich zieht, "der notwendigerweise einen Wechsel der Methoden verlangt" ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: ebd.).

Da der Bildtheoretiker – anders als der immerzu empirisch vorgehende Bildwissenschaftler – eine Klärung des Bildbegriffs bewirken möchte, macht er sich auf die Suche nach Kriterien, die für alle Phänomene, die unter den Begriff des Bildes fallen, gültig sind. Im Vordergrund steht für ihn also „die Frage, was aus welchen Gründen ein Bild ist […]“ (ebd., S. 14). Für Wiesing handelt es sich dabei um eine Frage, die sich in keiner Weise empirisch, sondern „ausschließlich argumentativ beantworten [läßt]“ (ebd.). Es sind abstrakte Gründe, die darüber entscheiden, welche Phänomene zu Recht unter den Begriff des Bildes subsumiert werden dürfen – nicht konkrete Bildwerke, die beispielsweise als historische Dokumente einen empirischen, nicht aber einen begrifflichen Wert besitzen können.

So kommt es, dass Wiesings Grenzziehung zwischen Bildtheorie auf der einen und Bildwissenschaft auf der anderen Seite gerade auch dafür sorgt, dass sich die Frage, was eine Bilddisziplin mit welchen Mitteln konkret leisten kann und soll, auf unterschiedliche Weise beantworten lässt. Ein Bildforscher, der herausfinden möchte, ob Leonardo da Vinci in seiner „Mona Lisa“ tatsächlich eine ‚empirische‘ Frau abgebildet hat (und wenn ja: welche), kann und soll laut Wiesing einen bildwissenschaftlichen, nicht aber einen bildtheoretischen Beitrag leisten. Demgegenüber leistet ein Bildforscher, der ergründen möchte, ob bzw. inwieweit Gemälde, Skulpturen und die Virtual Reality allesamt in gleichem Maße die wesentlichen Kriterien der Bildlichkeit erfüllen, einen bildtheoretischen Beitrag.

Die entscheidende Pointe der Wiesingschen Differenzierung äußert sich darin, dass die bildtheoretische Reflexion auf den Bildbegriff aufgrund ihres argumentativen Charakters „gar nicht anders als philosophisch geschehen kann“ (ebd., S. 16), denn schließlich – so Wiesing – sei die kritische Auseinandersetzung mit Begriffsfragen für die besondere Art und Weise philosophischen Forschens geradezu konstitutiv. Für Wiesing versteht es sich daher von selbst, dass ‚Bildtheorie‘ nur ein anderes Wort für ‚Bildphilosophie‘ ist und die Bildwissenschaft (hier wiederum verstanden als Disziplin, die sich im weitesten Sinne mit der Erforschung des Bildes beschäftigt) unabdingbar „einer Philosophie des Bildes bedarf“ (ebd.). Nur sie – so ist Wiesing überzeugt – ist dazu in der Lage, dem ausgedehnten Feld der bildwissenschaftlichen Forschung ein begriffliches Fundament zur Verfügung zu stellen. Die Bildtheorie ließe sich diesem Szenario zufolge ferner als grundlagentheoretische Basis der Bildwissenschaft verstehen.


Anmerkungen
Literatur
[Brandom 2000a]Brandom, Robert (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung (1994). Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bredekamp 2007a]Bredekamp, Horst (2007): Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand. Akademie, Berlin.[Habermas 1995a]Habermas, Jürgen (1995): Theorie des kommunikativen Handelns (1981), 2 Bd.. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Halawa 2011a]Halawa, Mark A. (2011): Editorial: Homo pictor und animal symbolicum: Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer philosophischen Bildanthropologie. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Halawa 2012a]Halawa, Mark A. (2012): Die Bilderfrage als Machtfrage. Perspektiven einer Kritik des Bildes. Kadmos, Berlin.[Halawa 2014a]Halawa, Mark A. (2014): Anthropologie: Bilder als Bedingung des Menschseins. In: Günzel, S. & Mersch, D. (Hg.), Bild: Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart.[Herder 2001a]Irmscher, H.D. (Hg.) (2001): Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772). Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Popper 2002a]Bohnet, H. & Stadler, K. (Hg.) (2002): Alle Menschen sind Philosophen. Piper, München, Zürich.[Sachs-Hombach & Schirra 2009a]Sachs-Hombach, Klaus & Schirra, Jörg R.J. (2009): Medientheorie, visuelle Kultur und Bildanthropologie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Schirra & Sachs-Hombach 2006a]Schirra, Jörg R. J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Bild und Wort. Ein Vergleich aus bildwissenschaftlicher Sicht. ELiSe: Essener Linguistische Skripte – elektronisch, 6, 1.[Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.[Ulama 2011a]Ulama, Nisaar (2011): Von Bildfreiheit und Geschichtsverlust: Zu Hans Jonas' homo pictor. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.

Verantwortlich:

Mark A. Halawa

Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis)