Visual Culture / Visual Studies: Unterschied zwischen den Versionen
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Visual Culture und Visual Studies sind in vielen Hinsich­ten umstrit­ten. Eine erste Hinsicht zeigt sich bereits an den zugrun­de liegen­den Bezeich­nungen. ‘Visual cul­ture’, ‘visual studies’ und auch ‘visual cul­ture studies’ können ein­ander teilwei­se, aber eben nur teilwei­se vertre­ten. Die am meisten verwen­dete, aber eine zugleich auch zweideu­tige Bezeichnung ist ‘visual cul­ture’. So heißt es anläss­lich des ''Visual Cul­ture Question­naire'', mit dem die Kunstzeit­schrift «Octo­ber» 1996 erstma­lig die ''scienti­fic commu­nity'' zur allge­meinen Refle­xion über das Thema einlud: | Visual Culture und Visual Studies sind in vielen Hinsich­ten umstrit­ten. Eine erste Hinsicht zeigt sich bereits an den zugrun­de liegen­den Bezeich­nungen. ‘Visual cul­ture’, ‘visual studies’ und auch ‘visual cul­ture studies’ können ein­ander teilwei­se, aber eben nur teilwei­se vertre­ten. Die am meisten verwen­dete, aber eine zugleich auch zweideu­tige Bezeichnung ist ‘visual cul­ture’. So heißt es anläss­lich des ''Visual Cul­ture Question­naire'', mit dem die Kunstzeit­schrift «Octo­ber» 1996 erstma­lig die ''scienti­fic commu­nity'' zur allge­meinen Refle­xion über das Thema einlud: | ||
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:''‘Visual culture’ does double service: it is both a partial descrip­tion of a social world medi­ated by commod­ity images and visual tech­nolo­gies, and an aca­demic rubric for inter­disci­plinary conver­gences among art history, film theory, media anal­ysis and cul­tural studies'' (<bib id=' Foster & Krauss 1996a'></bib>: S. 3). | :''‘Visual culture’ does double service: it is both a partial descrip­tion of a social world medi­ated by commod­ity images and visual tech­nolo­gies, and an aca­demic rubric for inter­disci­plinary conver­gences among art history, film theory, media anal­ysis and cul­tural studies'' (<bib id='Foster & Krauss 1996a'></bib>: S. 3). | ||
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Demnach trifft auf ‘visual cul­ture’ Ähnli­ches zu wie auf das deutsche ‘Kunstge­schichte’, das sowohl das Objekt als auch die Dis­ziplin bezeich­net. Diese – in der Regel durch den Kontext disam­bigu­ierte – Zweideu­tigkeit ist bis in die jüngsten Schriften anzu­treffen. | Demnach trifft auf ‘visual cul­ture’ Ähnli­ches zu wie auf das deutsche ‘Kunstge­schichte’, das sowohl das Objekt als auch die Dis­ziplin bezeich­net. Diese – in der Regel durch den Kontext disam­bigu­ierte – Zweideu­tigkeit ist bis in die jüngsten Schriften anzu­treffen. | ||
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==Disziplin, Inter­diszi­plina­rität, “Un­diszi­pliniert­heit”== | ==Disziplin, Inter­diszi­plina­rität, “Un­diszi­pliniert­heit”== | ||
Ebenfalls umstritten ist, ob und inwie­fern es sich bei Visual Studies um eine Diszi­plin handelt. Die Frage wird selten bejaht und wenn, dann ist von Diszi­plin in einem eher schwachen Sinn die Rede. Gemeint ist damit zumeist, dass es seit den 1990er Jahren zunächst im englisch­sprachi­gen Raum mani­feste Formen der päda­gogi­schen, wissen­schaftli­chen und publi­zisti­schen Insti­tuti­ona­lisie­rung gibt, also Aufnah­men in uni­versi­täre Curri­cula, einschlä­gige Konfe­renzen und Veröf­fentli­chungen bis hin zu spezi­fischen Zeit­schriften.<ref>Für die Un­ter­schie­de zwi­schen den Vi­sual Stud­ies und der Aus­ein­an­der­set­zung der deutsch­spra­chi­gen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten mit den vi­su­el­len Kul­tu­ren vgl. <bib id='Rimmele & Stiegler 2012a'>Rim­me­le & Stieg­ler 2012a</bib>: S. 20ff.</ref> Da­rüber hinaus lassen sich auch Vorschlä­ge zu weiter­gehen­den Festle­gungen inhalt­licher und metho­discher Art finden, etwa in Bezug auf Grundla­gentex­te, kano­nische Auto­ren, bevor­zugte Objek­te und Inter­preta­tionsme­thoden. Als theore­tische Refe­renzen, die die Arbeit der Visual Studies grundie­ren, werden am häufig­sten die Arbei­ten von Walter Benja­min und die der Poststruk­tura­listen Roland Barthes, Jacques Lacan und Michel Foucault genannt.<ref>Vgl. da­zu Su­san Buck-​Morss in <bib id='VCQ 1996a'></bib>: S. 29f. und <bib id='Evans & Hall 1999a'></bib>: S. 43. — Selbst James El­kins, der ei­ne „po­ten­tial­ly end­less list“ von the­o­re­ti­schen Re­fe­ren­zen am Wer­ke sieht, räumt den ge­nann­ten vier ei­nen be­son­de­ren Stel­len­wert ein (vgl. <bib id='Elkins 2003a'>El­kins 2003a</bib>: S. 32f.).</ref> Auch weil diese Vorschlä­ge insge­samt eher disku­tiert als geteilt werden, hat es sich einge­bürgert, die Visual Studies statt als Diszi­plin eher vage als aka­demi­sches Feld anzu­sprechen.<ref>Vgl. da­zu bei­spiels­wei­se <bib id='Walker & Chaplin 1997a'>Wal­ker & Chap­lin 1997a</bib>: passim, <bib id='Morra & Smith 2006a'>Mor­ra & Smith 2006a</bib>: S. 1f., 14 oder <bib id='Sturken & Cartwright 2001a'>Stur­ken & Cart­wright 2001a</bib>: S. 5f.</ref> Ferner sind die Visual Studies wie schon die älte­ren Cul­tural Studies auch als „diskur­sive Forma­tion“ apo­strophiert worden<ref>Vgl. da­zu im An­schluss an Stuart Hall <bib id='Jones 2003a'>Jo­nes 2003a</bib>: S. 35. — Im Ge­brauch, den Hall von Mi­chel Fou­caults Kon­zept der „dis­kur­si­ven For­ma­ti­on“ macht, liegt der Ak­zent vor al­lem auf Di­ver­si­tät und Wan­del­bar­keit; dem­nach ver­fü­gen die Stu­dies nicht über „sim­ple ori­gins“, aber über „mul­ti­ple dis­courses“, „a num­ber of dif­fer­ent his­to­ries“ und „many dif­fer­ent tra­jec­to­ries“ (<bib id='Hall | Ebenfalls umstritten ist, ob und inwie­fern es sich bei Visual Studies um eine Diszi­plin handelt. Die Frage wird selten bejaht und wenn, dann ist von Diszi­plin in einem eher schwachen Sinn die Rede. Gemeint ist damit zumeist, dass es seit den 1990er Jahren zunächst im englisch­sprachi­gen Raum mani­feste Formen der päda­gogi­schen, wissen­schaftli­chen und publi­zisti­schen Insti­tuti­ona­lisie­rung gibt, also Aufnah­men in uni­versi­täre Curri­cula, einschlä­gige Konfe­renzen und Veröf­fentli­chungen bis hin zu spezi­fischen Zeit­schriften.<ref>Für die Un­ter­schie­de zwi­schen den Vi­sual Stud­ies und der Aus­ein­an­der­set­zung der deutsch­spra­chi­gen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten mit den vi­su­el­len Kul­tu­ren vgl. <bib id='Rimmele & Stiegler 2012a'>Rim­me­le & Stieg­ler 2012a</bib>: S. 20ff.</ref> Da­rüber hinaus lassen sich auch Vorschlä­ge zu weiter­gehen­den Festle­gungen inhalt­licher und metho­discher Art finden, etwa in Bezug auf Grundla­gentex­te, kano­nische Auto­ren, bevor­zugte Objek­te und Inter­preta­tionsme­thoden. Als theore­tische Refe­renzen, die die Arbeit der Visual Studies grundie­ren, werden am häufig­sten die Arbei­ten von Walter Benja­min und die der Poststruk­tura­listen Roland Barthes, Jacques Lacan und Michel Foucault genannt.<ref>Vgl. da­zu Su­san Buck-​Morss in <bib id='VCQ 1996a'></bib>: S. 29f. und <bib id='Evans & Hall 1999a'></bib>: S. 43. — Selbst James El­kins, der ei­ne „po­ten­tial­ly end­less list“ von the­o­re­ti­schen Re­fe­ren­zen am Wer­ke sieht, räumt den ge­nann­ten vier ei­nen be­son­de­ren Stel­len­wert ein (vgl. <bib id='Elkins 2003a'>El­kins 2003a</bib>: S. 32f.).</ref> Auch weil diese Vorschlä­ge insge­samt eher disku­tiert als geteilt werden, hat es sich einge­bürgert, die Visual Studies statt als Diszi­plin eher vage als aka­demi­sches Feld anzu­sprechen.<ref>Vgl. da­zu bei­spiels­wei­se <bib id='Walker & Chaplin 1997a'>Wal­ker & Chap­lin 1997a</bib>: passim, <bib id='Morra & Smith 2006a'>Mor­ra & Smith 2006a</bib>: S. 1f., 14 oder <bib id='Sturken & Cartwright 2001a'>Stur­ken & Cart­wright 2001a</bib>: S. 5f.</ref> Ferner sind die Visual Studies wie schon die älte­ren Cul­tural Studies auch als „diskur­sive Forma­tion“ apo­strophiert worden<ref>Vgl. da­zu im An­schluss an Stuart Hall <bib id='Jones 2003a'>Jo­nes 2003a</bib>: S. 35. — Im Ge­brauch, den Hall von Mi­chel Fou­caults Kon­zept der „dis­kur­si­ven For­ma­ti­on“ macht, liegt der Ak­zent vor al­lem auf Di­ver­si­tät und Wan­del­bar­keit; dem­nach ver­fü­gen die Stu­dies nicht über „sim­ple ori­gins“, aber über „mul­ti­ple dis­courses“, „a num­ber of dif­fer­ent his­to­ries“ und „many dif­fer­ent tra­jec­to­ries“ (<bib id='Hall 1992a'></bib>: S. 278.</ref> und als nicht nur aka­demi­sche, sondern auch poli­tische – genau­er: linke und mar­xistisch inspi­rierte – Bewe­gung (vgl. <bib id='Bal 2003a'></bib>: S. 5f.). | ||
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Über einen Aspekt dieses Feldes oder dieser Bewe­gung besteht Konsens: Die Visual Studies gelten als inter­diszi­plinär, wobei nur über die Anzahl der betei­ligten Diszi­plinen, Metho­den oder – auch hier – Felder gestrit­ten wird. Sie reicht von der oben erwähn­ten Handvoll, die in den Aufzäh­lungen zumeist (mit-)​genannt wird, über „nearly two dozen fields“ aus den Kultur­wissen­schaften (vgl. <bib id='Elkins 2003a'></bib>: S. 25) bis zu insge­samt 34 verschie­denen, nämlich: | Über einen Aspekt dieses Feldes oder dieser Bewe­gung besteht Konsens: Die Visual Studies gelten als inter­diszi­plinär, wobei nur über die Anzahl der betei­ligten Diszi­plinen, Metho­den oder – auch hier – Felder gestrit­ten wird. Sie reicht von der oben erwähn­ten Handvoll, die in den Aufzäh­lungen zumeist (mit-)​genannt wird, über „nearly two dozen fields“ aus den Kultur­wissen­schaften (vgl. <bib id='Elkins 2003a'></bib>: S. 25) bis zu insge­samt 34 verschie­denen, nämlich: | ||
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Unter die Vorgeschichten der Visual Studies fallen auch die ab den 1950er Jahren ent­wickel­ten Cul­tural Studies. Von diesen über­nehmen die Visual Studies neben Inter­diszi­plina­rität und “Undis­zipli­niertheit” auch den facet­tenrei­chen Kultur­begriff. Kultur lässt sich demnach erstens nicht mehr erschöp­fend als ein norma­tives Projekt beschrei­ben, so wie es noch Matthew Arnold konnte, der die Formel prägte: „the best which has been thought and known in the world“ (<bib id='Arnold 1869a'></bib>: S. 70); Kultur umfasst vielmehr außer der Hochkul­tur einen „whole way of life“ (<bib id='Williams 1958a'></bib>: S. 92f.), der das Gewöhn­liche und den Alltag mit einschließt. Zweitens stehen neben den Arte­fakten oft die Prakti­ken im Fokus, und zwar insbe­sonde­re die Prakti­ken der Bedeu­tungser­zeugung: | Unter die Vorgeschichten der Visual Studies fallen auch die ab den 1950er Jahren ent­wickel­ten Cul­tural Studies. Von diesen über­nehmen die Visual Studies neben Inter­diszi­plina­rität und “Undis­zipli­niertheit” auch den facet­tenrei­chen Kultur­begriff. Kultur lässt sich demnach erstens nicht mehr erschöp­fend als ein norma­tives Projekt beschrei­ben, so wie es noch Matthew Arnold konnte, der die Formel prägte: „the best which has been thought and known in the world“ (<bib id='Arnold 1869a'></bib>: S. 70); Kultur umfasst vielmehr außer der Hochkul­tur einen „whole way of life“ (<bib id='Williams 1958a'></bib>: S. 92f.), der das Gewöhn­liche und den Alltag mit einschließt. Zweitens stehen neben den Arte­fakten oft die Prakti­ken im Fokus, und zwar insbe­sonde­re die Prakti­ken der Bedeu­tungser­zeugung: | ||
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:''Primarily, culture is concerned with the production and the exchange of meanings – the ‚giving and taking of meaning’ – between the members of a society or group'' (<bib id='Hall 1997a '></bib>: S. 2). | :''Primarily, culture is concerned with the production and the exchange of meanings – the ‚giving and taking of meaning’ – between the members of a society or group'' (<bib id='Hall 1997a'></bib>: S. 2). | ||
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Nicht zuletzt wegen der sozialen Gene­se von Bedeu­tung erschei­nen drittens in der Ana­lyse nicht ausschließ­lich iso­lierte Indi­viduen als Träger von Kultur, sondern eher um Hege­monie kämpfen­de Gruppen – Gruppen, deren Struktu­ren oft anhand der Kate­gorien ''race'', ''class'' und ''gender'' ana­lysiert werden. Dabei adap­tieren die Visual Studies nicht allein wesent­liche Ele­mente der Cul­tural Studies, sondern sie korri­gieren zugleich die Vorlie­be, die die Cul­tural Studies noch dem Text als zentra­ler Bezugs­einheit entge­genbrach­ten (vgl. <bib id='Jones 2003a'></bib>: S. 35). | Nicht zuletzt wegen der sozialen Gene­se von Bedeu­tung erschei­nen drittens in der Ana­lyse nicht ausschließ­lich iso­lierte Indi­viduen als Träger von Kultur, sondern eher um Hege­monie kämpfen­de Gruppen – Gruppen, deren Struktu­ren oft anhand der Kate­gorien ''race'', ''class'' und ''gender'' ana­lysiert werden. Dabei adap­tieren die Visual Studies nicht allein wesent­liche Ele­mente der Cul­tural Studies, sondern sie korri­gieren zugleich die Vorlie­be, die die Cul­tural Studies noch dem Text als zentra­ler Bezugs­einheit entge­genbrach­ten (vgl. <bib id='Jones 2003a'></bib>: S. 35). | ||
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:''Innerhalb großer geschicht­licher Zeiträu­me verän­dert sich mit der gesam­ten Daseins­weise der menschli­chen Kollek­tiva auch die Art und Weise ihrer Sinnes­wahrneh­mung'' (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 478). | :''Innerhalb großer geschicht­licher Zeiträu­me verän­dert sich mit der gesam­ten Daseins­weise der menschli­chen Kollek­tiva auch die Art und Weise ihrer Sinnes­wahrneh­mung'' (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 478). | ||
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Statt von Sinneswahrneh­mung spricht Irit Rogoff in diesem Zusam­menhang von „viewing appa­ratuses“, die durch Techno­logie und Narra­tive modi­fiziert werden können (<bib id='Rogoff | Statt von Sinneswahrneh­mung spricht Irit Rogoff in diesem Zusam­menhang von „viewing appa­ratuses“, die durch Techno­logie und Narra­tive modi­fiziert werden können (<bib id='Rogoff 1998a'></bib>: S. 18). Aufschluss über derar­tige techno­logische Modi­fika­tionen liefern beispiels­weise Benja­mins Ana­lysen zur Medien­entwick­lung (zu Druck, Foto­grafie und Film) oder die oben im Zusam­menhang mit der Geschich­te von »visual cul­ture« gege­benen Beispiele; narra­tiv erzeug­te Modi­fika­tionen lassen sich etwa an dem Kontrast able­sen, der zwischen der heuti­gen Optik und mittel­alter­lichen, der Theo­logie affi­nen Erklä­rungsmo­dellen besteht, die die visu­elle Wahrneh­mung in körper­liche, intel­lektu­elle und spiri­tuelle aufge­teilt haben (vgl. <bib id='Biernoff 2002a'></bib>: S. 3). Eine Verbindung von techni­schen und narra­tiven Aspek­ten thema­tisieren schließlich Crarys Ana­lysen zu Geschich­te des „ob­server“, die zwischen einer an der Optik und der Came­ra obscu­ra orien­tierten Phase und einer sie im 19. Jahrhun­dert ablö­senden Phase unter­scheiden, für die dann die Physio­logie und neben dem Stereo­skop vermehrt die Appa­rate aus dem Kontext der Bewe­gungsbil­der rele­vant werden (vgl. <bib id='Crary 1990a'></bib>). | ||
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''b) Weltverhältnis''. Wie schon der Fall des „ob­server“ zeigt, bei dem Crary im 19. Jh. eine Entwick­lung vom stati­schen und unbe­teilig­ten zum akti­ven und invol­vierten Betrach­ten feststellt, gehen Modi­fika­tionen der Wahrneh­mung mit Modi­fika­tionen des Verhält­nisses von Subjekt und Objek­ten bzw. Subjekt und Welt einher. Dieser Aspekt ist ausge­hend von einer filmwis­senschaft­lichen Anre­gung in den Visual Studies häufig unter dem Titel des „skopi­schen Regi­mes“ oder „Blick­regimes“ verhandelt worden. Während sich die Filmwis­senschaf­ten dabei auf ein schlichtes, durch einen konkre­ten Raum bestimm­tes Dispo­sitiv konzen­trieren, nämlich das Kino,<ref>Nach Chri­sti­an Metz un­ter­schei­det sich das „sko­pi­sche Ki­no-​Re­gi­me“ vom Vo­yeu­ris­mus des The­a­ters da­durch, dass es er­stens mehr Din­ge prä­sen­tiert und zwei­tens ei­ne stär­ke­re Ver­bin­dung zum Ima­gi­nä­ren (vgl. ⊳ [[Psychoanalytische Theorien des Bildes|Psy­cho­ana­ly­ti­sche The­o­ri­en des Bil­des]]) be­sitzt, da die ge­zeig­ten Din­ge ab­we­send und nur [[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|„in ef­fi­gie“]] vor­han­den sei­en (vgl. <bib id='Metz 2000a'></bib>: S. 58f.).</ref> stehen in den Visual Studies speku­lati­vere Korres­ponden­zen von Prakti­ken des Sehens, Theorien und ihrer Mate­riali­sierung in Arte­fakten zur Debat­te. Jay etwa benennt für die Moder­ne drei konkur­rieren­de skopi­sche Re­gime: | ''b) Weltverhältnis''. Wie schon der Fall des „ob­server“ zeigt, bei dem Crary im 19. Jh. eine Entwick­lung vom stati­schen und unbe­teilig­ten zum akti­ven und invol­vierten Betrach­ten feststellt, gehen Modi­fika­tionen der Wahrneh­mung mit Modi­fika­tionen des Verhält­nisses von Subjekt und Objek­ten bzw. Subjekt und Welt einher. Dieser Aspekt ist ausge­hend von einer filmwis­senschaft­lichen Anre­gung in den Visual Studies häufig unter dem Titel des „skopi­schen Regi­mes“ oder „Blick­regimes“ verhandelt worden. Während sich die Filmwis­senschaf­ten dabei auf ein schlichtes, durch einen konkre­ten Raum bestimm­tes Dispo­sitiv konzen­trieren, nämlich das Kino,<ref>Nach Chri­sti­an Metz un­ter­schei­det sich das „sko­pi­sche Ki­no-​Re­gi­me“ vom Vo­yeu­ris­mus des The­a­ters da­durch, dass es er­stens mehr Din­ge prä­sen­tiert und zwei­tens ei­ne stär­ke­re Ver­bin­dung zum Ima­gi­nä­ren (vgl. ⊳ [[Psychoanalytische Theorien des Bildes|Psy­cho­ana­ly­ti­sche The­o­ri­en des Bil­des]]) be­sitzt, da die ge­zeig­ten Din­ge ab­we­send und nur [[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|„in ef­fi­gie“]] vor­han­den sei­en (vgl. <bib id='Metz 2000a'></bib>: S. 58f.).</ref> stehen in den Visual Studies speku­lati­vere Korres­ponden­zen von Prakti­ken des Sehens, Theorien und ihrer Mate­riali­sierung in Arte­fakten zur Debat­te. Jay etwa benennt für die Moder­ne drei konkur­rieren­de skopi­sche Re­gime: | ||
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''d) Identität''. Konstitutiv für Iden­tität – sei es für die von Subjek­ten oder die von Gruppen – sind den Visual Studies zufol­ge einer­seits das Gesehen-​Werden, der Blick der ande­ren und jene Dispo­siti­ve und Arte­fakte, die im wörtli­chen oder über­trage­nen Sinne [[Spiegel|Spiege­lungen]] ermög­lichen.<ref>Vgl. da­zu grund­sätz­lich <bib id='Lacan 1949a'>La­can 1949a</bib>.</ref> Vor diesem Hinter­grund lässt sich beispiels­weise in Bezug auf weibli­che Iden­tität geltend machen, dass sie von patri­archa­len, hege­monia­len Erwar­tungen abhän­gig ist, durch Bilder, Fotos, Filme usw. kondi­tioniert wird<ref>Vgl. da­zu pa­ra­dig­ma­tisch Lau­ra Mul­veys Ma­ni­fest «Vi­sual Plea­sure and Nar­ra­tive Cin­ema» von 1975, wo­nach das Main­stream-​Ki­no als Ma­te­ri­a­li­sie­rung ei­nes kon­trol­lie­ren­den männ­li­chen Blicks gilt, in der männ­li­che Fi­gu­ren han­deln und weib­li­che Fi­gu­ren im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes als An­schau­ungs­ob­jek­te gel­ten (<bib id='Mulvey 2009a'>Mul­vey 2009a</bib>: S. xvii, 14-​27).</ref> und eine Spaltung des weibli­chen Blicks mit sich bringt; jeder weibli­che Blick in den Spiegel ist zugleich ein inter­nali­sierter hege­monia­ler Blick, der das Spiegel­bild auf seine Konfor­mität mit der eta­blierten Erwar­tung prüft (vgl. <bib id='Silverman 1996a'>Silver­man 1996a</bib>). Konsti­tutiv für Iden­tität ist ande­rerseits, dass sie – wie fragil und vorü­berge­hend auch immer – im visu­ellen Feld über „nega­tive dif­feren­tiation“ erzeugt wird: | ''d) Identität''. Konstitutiv für Iden­tität – sei es für die von Subjek­ten oder die von Gruppen – sind den Visual Studies zufol­ge einer­seits das Gesehen-​Werden, der Blick der ande­ren und jene Dispo­siti­ve und Arte­fakte, die im wörtli­chen oder über­trage­nen Sinne [[Spiegel|Spiege­lungen]] ermög­lichen.<ref>Vgl. da­zu grund­sätz­lich <bib id='Lacan 1949a'>La­can 1949a</bib>.</ref> Vor diesem Hinter­grund lässt sich beispiels­weise in Bezug auf weibli­che Iden­tität geltend machen, dass sie von patri­archa­len, hege­monia­len Erwar­tungen abhän­gig ist, durch Bilder, Fotos, Filme usw. kondi­tioniert wird<ref>Vgl. da­zu pa­ra­dig­ma­tisch Lau­ra Mul­veys Ma­ni­fest «Vi­sual Plea­sure and Nar­ra­tive Cin­ema» von 1975, wo­nach das Main­stream-​Ki­no als Ma­te­ri­a­li­sie­rung ei­nes kon­trol­lie­ren­den männ­li­chen Blicks gilt, in der männ­li­che Fi­gu­ren han­deln und weib­li­che Fi­gu­ren im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes als An­schau­ungs­ob­jek­te gel­ten (<bib id='Mulvey 2009a'>Mul­vey 2009a</bib>: S. xvii, 14-​27).</ref> und eine Spaltung des weibli­chen Blicks mit sich bringt; jeder weibli­che Blick in den Spiegel ist zugleich ein inter­nali­sierter hege­monia­ler Blick, der das Spiegel­bild auf seine Konfor­mität mit der eta­blierten Erwar­tung prüft (vgl. <bib id='Silverman 1996a'>Silver­man 1996a</bib>). Konsti­tutiv für Iden­tität ist ande­rerseits, dass sie – wie fragil und vorü­berge­hend auch immer – im visu­ellen Feld über „nega­tive dif­feren­tiation“ erzeugt wird: | ||
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:''that whiteness needs blackness to constitute itself as whiteness, that masculinity needs femininity or feminized masculinity to constitute its masculinity in agreed upon normative modes; that civility and bourgeois respectability need the stereotypical unruly “other”'' (<bib id='Rogoff | :''that whiteness needs blackness to constitute itself as whiteness, that masculinity needs femininity or feminized masculinity to constitute its masculinity in agreed upon normative modes; that civility and bourgeois respectability need the stereotypical unruly “other”'' (<bib id='Rogoff 1998a'></bib>: S. 21f.). | ||
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In diesem Sinne fungieren die Wahrneh­mung und die Darstel­lung des (vermeint­lich) Ande­ren zugleich immer auch als Stabi­lisie­rungen des eige­nen Selbst. | In diesem Sinne fungieren die Wahrneh­mung und die Darstel­lung des (vermeint­lich) Ande­ren zugleich immer auch als Stabi­lisie­rungen des eige­nen Selbst. | ||
Aktuelle Version vom 27. Dezember 2025, 11:05 Uhr
Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze
Bezeichnungen: ‘visual culture’, ‘visual studies’ (und ‘visual culture studies’)Visual Culture und Visual Studies sind in vielen Hinsichten umstritten. Eine erste Hinsicht zeigt sich bereits an den zugrunde liegenden Bezeichnungen. ‘Visual culture’, ‘visual studies’ und auch ‘visual culture studies’ können einander teilweise, aber eben nur teilweise vertreten. Die am meisten verwendete, aber eine zugleich auch zweideutige Bezeichnung ist ‘visual culture’. So heißt es anlässlich des Visual Culture Questionnaire, mit dem die Kunstzeitschrift «October» 1996 erstmalig die scientific community zur allgemeinen Reflexion über das Thema einlud:
Demnach trifft auf ‘visual culture’ Ähnliches zu wie auf das deutsche ‘Kunstgeschichte’, das sowohl das Objekt als auch die Disziplin bezeichnet. Diese – in der Regel durch den Kontext disambiguierte – Zweideutigkeit ist bis in die jüngsten Schriften anzutreffen. Daneben haben sich Redeweisen etabliert, die um terminologische Eindeutigkeit bemüht sind. Douglas Crimp empfiehlt beispielsweise:
John A. Walker und Sarah Chaplin verwenden eine analoge Unterscheidung, sprechen sich jedoch anstatt für die Bezeichnung ‘visual studies’ für ‘visual culture studies’ aus ([Walker & Chaplin 1997a]Walker, John A. & Chaplin, Sarah (1997): Visual Culture. An Introduction. Manchester University Press, Manchester, New York. Um terminologische Eindeutigkeit zu gewährleisten und auch um die Umständlichkeit des Ausdrucks ‘visual culture studies’ zu vermeiden (vgl. dazu [Elkins 2003a]Elkins, James (2003): Visual Studies. A Skeptical Introduction. Routledge, New York, London. Disziplin, Interdisziplinarität, “Undiszipliniertheit”Ebenfalls umstritten ist, ob und inwiefern es sich bei Visual Studies um eine Disziplin handelt. Die Frage wird selten bejaht und wenn, dann ist von Disziplin in einem eher schwachen Sinn die Rede. Gemeint ist damit zumeist, dass es seit den 1990er Jahren zunächst im englischsprachigen Raum manifeste Formen der pädagogischen, wissenschaftlichen und publizistischen Institutionalisierung gibt, also Aufnahmen in universitäre Curricula, einschlägige Konferenzen und Veröffentlichungen bis hin zu spezifischen Zeitschriften.[2] Darüber hinaus lassen sich auch Vorschläge zu weitergehenden Festlegungen inhaltlicher und methodischer Art finden, etwa in Bezug auf Grundlagentexte, kanonische Autoren, bevorzugte Objekte und Interpretationsmethoden. Als theoretische Referenzen, die die Arbeit der Visual Studies grundieren, werden am häufigsten die Arbeiten von Walter Benjamin und die der Poststrukturalisten Roland Barthes, Jacques Lacan und Michel Foucault genannt.[3] Auch weil diese Vorschläge insgesamt eher diskutiert als geteilt werden, hat es sich eingebürgert, die Visual Studies statt als Disziplin eher vage als akademisches Feld anzusprechen.[4] Ferner sind die Visual Studies wie schon die älteren Cultural Studies auch als „diskursive Formation“ apostrophiert worden[5] und als nicht nur akademische, sondern auch politische – genauer: linke und marxistisch inspirierte – Bewegung (vgl. [Bal 2003a]Bal, Mieke (2003): Visual Essentialism and the Object of Visual Culture. Journal of Visual Culture, 1, 2. Über einen Aspekt dieses Feldes oder dieser Bewegung besteht Konsens: Die Visual Studies gelten als interdisziplinär, wobei nur über die Anzahl der beteiligten Disziplinen, Methoden oder – auch hier – Felder gestritten wird. Sie reicht von der oben erwähnten Handvoll, die in den Aufzählungen zumeist (mit-)genannt wird, über „nearly two dozen fields“ aus den Kulturwissenschaften (vgl. [Elkins 2003a]Elkins, James (2003): Visual Studies. A Skeptical Introduction. Routledge, New York, London.
Nicht zuletzt in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Visual Studies zunehmend den Naturwissenschaften öffnen, kann jedoch auch diese Liste nicht erschöpfend sein. — Motiviert ist diese methodische Interdisziplinarität auch durch eine besondere Tendenz im Gegenstandsbereich, nämlich die wachsende Medienkonvergenz unter den Vorzeichen von technischer Entwicklung und globalem Kapitalismus:[6] Wir begegnen dem Kinofilm in der DVD, dem Fernsehen im Netz und den alten Meistern als Druck auf T-Shirt und Teetasse; und schon der Film wurde von keiner isolierten Industrie realisiert, sondern entstand an den Schnittlinien von Konsumgütern, Elektrizität, Beleuchtung, Make-Up und Mode. Dass von einer Disziplin nur in einem schwachen Sinne und zugleich von einer ausufernden Interdisziplinarität die Rede sein muss, ist die Kehrseite der Dynamik der Visual Studies, ihres politischen und kritischen Impetus’. William John Thomas Mitchell spricht hier – mit leicht ironischem Akzent – von einer „Disziplinlosigkeit“ („indiscipline“, [Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Vorgeschichte/nAuch aufgrund der Vielzahl der beteiligten Disziplinen verfügt das Feld oder die Bewegung der Visual Studies über keine verbindliche und homogene Vorgeschichte. Es lassen sich dennoch mindestens drei Vorgeschichten anführen, die für die Entwicklung der Visual Studies aussagekräftig sind: die Transgressionen der traditionellen Kunstgeschichte, die Geschichte des Begriffs »visual culture« sowie auch und vor allem die Cultural Studies. Zu einer Art Visual Studies avant la lettre zählt der unvollendete «Bilderatlas Mnemosyne» (1924-29), mit dem der Kunsthistoriker Aby Warburg die „kunstgestaltende Gebärdensprache“ der Renaissance mit derjenigen der Antike in Verbindung zu setzen versuchte. Für diese Inventarisierung der „Formenwelt vorgeprägter Ausdruckswerte“ stützte sich Warburg nicht allein auf traditionelle Gegenstände der Kunstgeschichte, sondern auch auf Nachrichtenfotos, Zeitungen, Briefmarken oder Werbeplakate (vgl. [Warburg 2000a]Warburg, Aby (2000): Der Bilderatlas Mnemosyne. Akademie, Berlin. Dass sich die Visual Studies jedoch nicht ausschließlich als eine Transformation der älteren Kunstgeschichte begreifen lassen wird spätestens an der zweiten Vorgeschichte deutlich. Der Begriff »visual culture« wird zwar üblicherweise auf zwei kunsthistorische Arbeiten zurückgeführt, auf Michael Baxandalls «Painting and Experience in Fifteenth Century Italy. A Primer in the Social History of Pictorial Style» von 1972 und auf Svetlana Alpers’ «The Art of Describing. Dutch Art in the Seventeenth Century» von 1983. [10] Dies sind jedoch keineswegs die einzigen, geschweige denn die ältesten Quellen. Fakt ist, dass Baxandall den Ausdruck ‘visual culture’ nur beiläufig verwendet und dass sich erst Alpers um eine Explikation von »visual culture« als eine – für eine bestimmte Gesellschaft in einer bestimmten Epoche typische – kulturelle Strukturierung der visuellen Wahrnehmung bemüht.[11] Dazu hält sie fest:
Ebenfalls Fakt – wenngleich weitgehend übersehen – ist, dass der Ausdruck in Medienwissenschaft und Filmtheorie schon weitaus länger eine Rolle spielt. In Marshall McLuhans «Understanding Media» von 1964 meint er entweder eine kulturelle Strukturierung ähnlich derjenigen bei Alpers oder (seltener) auch eine vom Visuellen dominierte gesellschaftliche Epoche, wobei in beiden Fällen Medien wie phonetischer Schrift, Buchdruck, Fernsehen usw. ein starker Einfluss eingeräumt wird (vgl. [McLuhan 1964b]McLuhan, Marshall (1968): Die magischen Kanäle. Understanding Media. Econ, Düsseldorf, Wien. Unter die Vorgeschichten der Visual Studies fallen auch die ab den 1950er Jahren entwickelten Cultural Studies. Von diesen übernehmen die Visual Studies neben Interdisziplinarität und “Undiszipliniertheit” auch den facettenreichen Kulturbegriff. Kultur lässt sich demnach erstens nicht mehr erschöpfend als ein normatives Projekt beschreiben, so wie es noch Matthew Arnold konnte, der die Formel prägte: „the best which has been thought and known in the world“ ([Arnold 1869a]Arnold, Matthew (1932): Culture and Anarchy. Cambridge University Press, Cambridge.
Nicht zuletzt wegen der sozialen Genese von Bedeutung erscheinen drittens in der Analyse nicht ausschließlich isolierte Individuen als Träger von Kultur, sondern eher um Hegemonie kämpfende Gruppen – Gruppen, deren Strukturen oft anhand der Kategorien race, class und gender analysiert werden. Dabei adaptieren die Visual Studies nicht allein wesentliche Elemente der Cultural Studies, sondern sie korrigieren zugleich die Vorliebe, die die Cultural Studies noch dem Text als zentraler Bezugseinheit entgegenbrachten (vgl. [Jones 2003a]Jones, Amelia (2003): Introduction. Conceiving the Intersection of Feminism and Visual Culture. In: Jones, A. (Hg.), The Feminism and Visual Culture Reader. Routledge, New York.
GegenständeEs gibt nicht den einen, klar umgrenzten Gegenstand für dieses interdisziplinäre und undisziplinierte Feld mit seiner facettenreichen Vorgeschichte. Das lässt sich auch an der eingangs gegebenen formalen Gegenstandsbestimmung, nämlich Visual Culture, verdeutlichen, wenn man ihre beiden Komponenten genauer betrachtet. Für die erste Komponente, das Visuelle, hat der Kunsthistoriker Martin Jay die positivistisch angehauchte Bestimmung ausgegeben, es handele sich dabei um „anything that can imprint itself on the retina“ ([VCQ 1996a]VCQ (1996): Visual Culture Questionnaire. October, 77. Einerseits kann der Gegenstand der Visual Studies auch hybride sein. Dies ist der Fall, wenn das Visuelle in multimodale Komplexe eingebettet wird oder wenn es – und spätestens hier lässt sich die zweite Komponente, die Kultur, nicht mehr übersehen – mit Praktiken und ihrer Institutionalisierung verbunden ist:
Andererseits muss der Gegenstand der Visual Studies noch nicht einmal selbst sichtbar sein, solange er sich nur auf das Visuelle bezieht, wie der Kunsthistoriker Jonathan Crary zu den sozialen und historischen Bedingungen, also jenen Teilen der Kultur, ausgeführt hat, die regeln, was wir sehen oder zu sehen bekommen. In solchen Fällen handelt es sich bei den Visual Studies um „the study of colorless, nonvisual discursive and systemic formations and their historical mutations“ (vgl. [VCQ 1996a]VCQ (1996): Visual Culture Questionnaire. October, 77. Kurz, in formaler Hinsicht sind die Gegenstände der Visual Studies eher hybride als rein visuell und können sich im Extremfall auf Teile der Kultur beschränken, die nicht selbst visuell sind, sondern sich auf das Visuelle nur beziehen.[14]
AspekteUm wiederum diesem weiten Feld der Gegenstände Struktur zu geben, seien fünf zentrale Aspekte (Entnaturalisierung, Weltverhältnis, Repräsentation, Identität und Macht) vorgestellt, unter denen die Visual Studies häufig ihre Gegenstände analysieren. a) Entnaturalisierung. Im Anschluß an die Marxsche Ideologiekritik und Barthes’ Mythenanalyse zielen die Visual Studies darauf, das vermeintlich Natürliche als gesellschaftlich oder kulturell bedingt und damit als kontingent und änderbar zu entschlüsseln ([Barthes 1957a]Barthes, Roland (1996): Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Statt von Sinneswahrnehmung spricht Irit Rogoff in diesem Zusammenhang von „viewing apparatuses“, die durch Technologie und Narrative modifiziert werden können ([Rogoff 1998a]Rogoff, Irit (1998): Studying Visual Culture. In: Mirzoeff, N. (Hg.), The Visual Culture Reader. Routledge, London, New York. b) Weltverhältnis. Wie schon der Fall des „observer“ zeigt, bei dem Crary im 19. Jh. eine Entwicklung vom statischen und unbeteiligten zum aktiven und involvierten Betrachten feststellt, gehen Modifikationen der Wahrnehmung mit Modifikationen des Verhältnisses von Subjekt und Objekten bzw. Subjekt und Welt einher. Dieser Aspekt ist ausgehend von einer filmwissenschaftlichen Anregung in den Visual Studies häufig unter dem Titel des „skopischen Regimes“ oder „Blickregimes“ verhandelt worden. Während sich die Filmwissenschaften dabei auf ein schlichtes, durch einen konkreten Raum bestimmtes Dispositiv konzentrieren, nämlich das Kino,[15] stehen in den Visual Studies spekulativere Korrespondenzen von Praktiken des Sehens, Theorien und ihrer Materialisierung in Artefakten zur Debatte. Jay etwa benennt für die Moderne drei konkurrierende skopische Regime:
c) Repräsentation. Nicht zuletzt motiviert durch Entwicklungen in den Medientechniken zeichnen die Visual Studies eine Reihe von Tendenzen nach, die das Verhältnis der repräsentierenden Artefakte zur Welt nachhaltig ändern und diversifizieren. Zunächst einmal ist die Quantität der repräsentierenden Artefakte vom Buchdruck bis zum Handyfoto dramatisch gestiegen.[16] Im Zusammenhang mit jüngeren Bildgebungsverfahren, wie wir sie etwa aus der Medizin (über Röntgen, Ultraschall, MRT oder CT) oder auch aus der Rastertunnelmikroskopie in den Nanowissenschaften kennen, tritt dazu das Faktum, dass zusehends nicht mehr nur die sichtbare Welt sichtbar repräsentiert wird: „One of the most striking features of the new visual culture is the growing tendency to visualize things that are not in themselves visual.“[17] Aufgrund der Masse an Reproduktionen lässt sich schließlich ein dialektischer Umschlag beobachten, und zwar in der Angst, die Welt könne hinter der “Bilderflut” verschwinden. Seine noch ungebrochen kulturkritische Formulierung hat dieser Umschlag – im Anschluss an Marx’ Auseinandersetzung mit dem „Fetischcharakter der Ware“ – in Guy Debords Theorie des „Spektakels“ gefunden; das „Spektakel“ gilt hier als eine durch Bilder vermittelte Gesellschaft, in der „die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern ersetzt wird“.[18] Seine postmoderne Version zieht – darin Jean Baudrillards Theorien der Simulation und des Simulakrums folgend – den referentiellen Charakter der “Bilderflut” auch aufgrund der Möglichkeiten digitaler Bildproduktion generell in Zweifel. d) Identität. Konstitutiv für Identität – sei es für die von Subjekten oder die von Gruppen – sind den Visual Studies zufolge einerseits das Gesehen-Werden, der Blick der anderen und jene Dispositive und Artefakte, die im wörtlichen oder übertragenen Sinne Spiegelungen ermöglichen.[19] Vor diesem Hintergrund lässt sich beispielsweise in Bezug auf weibliche Identität geltend machen, dass sie von patriarchalen, hegemonialen Erwartungen abhängig ist, durch Bilder, Fotos, Filme usw. konditioniert wird[20] und eine Spaltung des weiblichen Blicks mit sich bringt; jeder weibliche Blick in den Spiegel ist zugleich ein internalisierter hegemonialer Blick, der das Spiegelbild auf seine Konformität mit der etablierten Erwartung prüft (vgl. [Silverman 1996a]Silverman, Kaja (1996): The Threshold of the Visible World. Routledge, London, New York.
In diesem Sinne fungieren die Wahrnehmung und die Darstellung des (vermeintlich) Anderen zugleich immer auch als Stabilisierungen des eigenen Selbst. e) Macht. Für Fragen der Macht setzen die Visual Studies die Arbeiten Foucaults fort, der Institutionen wie Klinik, Schule, Fabrik oder Gefängnis als Orte entschlüsselt hat, in denen Kontrolle und/oder Herrschaft mit Hilfe visueller Beobachtung installiert wird. Sowohl diese Arbeiten als auch jüngere Analysen zu Closed Circuit Television (Formen der Überwachung, die über Kamera, Monitor und ggf. Mittel zur Speicherung der Aufnahmen verfügen) kommen darin überein, dass oftmals gar keine aktuelle visuelle Überwachung mehr stattfindet, sondern dass sie nur noch erwartet werden muss: Bereits die Internalisierung des hegemonialen Blicks, die Erwartung, überwacht zu werden, erzeugt demnach einen Ordnungs- oder Normierungseffekt.[21] Macht artikuliert sich darüber hinaus auch allgemein in visuellen Artefakten. Ihrem Selbstverständnis als politische Bewegung entsprechend verfolgen die Visual Studies daher
Die fünf Aspekte sind keineswegs isoliert, sondern weitgehend miteinander kombinierbar. Über die Internalisierung ist Identität beispielsweise mit Macht verknüpft; diese beeinflusst, was überhaupt und – wenn ja – wie es repräsentiert wird; für die drei gerade genannten Aspekte gilt ebenso wie für das Weltverhältnis, dass sie nicht schlicht gegeben, sondern gesellschaftlicher Herkunft sind und daher nur im Modus der Entnaturalisierung erklärt werden können usw. |
Anmerkungen
Literatur
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