Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Bildsemantik
Zur Typologie der ZeichenNach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die Angabe des relevanten Oberbegriffs und der jeweiligen spezifischen Differenz im Verhältnis zu diesem untergeordneten Begriffen expliziert. Bilder können diesem Verfahren gemäß als spezielle Zeichen eingeführt werden. Hierbei dient der Zeichenbegriff als Oberbegriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezifisches, die unterschiedlichen Zeichen unterscheidendes Merkmal eingegrenzt werden muss. Wahrnehmungsnähe ist als ein solches Merkmal intendiert, das nur den bildlichen Zeichen zukommen und das daher als spezifische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigenschaft der Wahrnehmungsnähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähnlichkeit, ist aber keineswegs mit Ähnlichkeit zu identifizieren. Gegenstände, die nach Ähnlichkeitskriterien interpretiert werden, müssen keine wahrnehmungsnahen Zeichen sein, zudem ist Ähnlichkeit auch nicht das einzige Kriterium einer wahrnehmungsnahen Rezeption. Die Explikation von Bildern als wahrnehmungsnahe Zeichen (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezifische Eigenschaft von BildernWas zeichnet bildliche Zeichen aus? Die spezifische Differenz, die Bilder vor allem von sprachlichen Zeichen abhebt, liegt dem Kriterium der Wahrnehmungsnähe zufolge darin, dass ihre Verwendung in besonderer Weise an bestimmte Wahrnehmungsprozesse gekoppelt ist. Diese Koppelung muss natürlich mehr als die Wahrnehmung der Zeichenträger sein, denn auch sprachliche Zeichen müssen offensichtlich wahrgenommen werden. Über die Wahrnehmung der Zeichenträger hinaus soll Wahrnehmungsnähe für die Zeicheninterpretation relevant sein: Zumindest einige Aspekte der Bedeutung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich demnach aus der Struktur der Zeichenträger ergeben, während die Zeichenträger arbiträrer Zeichen in der Regel keinerlei Hinweise auf die entsprechende Bedeutung enthalten. Dies entspricht dem semiotischen Begriff der Motiviertheit. Ein Gegenstand kann also immer dann als ein wahrnehmungsnahes Zeichen aufgefasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grundlage unserer Wahrnehmungskompetenzen zuweisen. Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahrnehmung logisch vorgeschaltet. Während der Wahrnehmungsbegriff eine spezielle Klasse psychischer Erlebnisse umfasst, bezeichnet der Begriff der Wahrnehmungsnähe eine Relation, die wir einem Gegenstand mit Bezug auf eine spezifische Einstellung bzw. Wahrnehmung zuschreiben: Ein Zeichen ist wahrnehmungsnah relativ zum Wahrnehmenden und zu dessen Wahrnehmungskompetenzen, seien diese nun kulturinvariant oder nicht. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe meint sodann eine vom Zeichenverwender abhängige graduelle Eigenschaft. Die Besonderheit einer wahrnehmungsnahen Interpretation liegt am stärksten bei illusionistischen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits verstanden haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine allgemeine Zeichenkompetenz besitzen, die auch konventionelle Vorgaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild dargestellt ist, können wir im Wesentlichen auf die Prozesse zurückgreifen, die wir mit der Fähigkeit zur Gegenstandswahrnehmung bereits besitzen. Wahrnehmungsnähe meint in diesem Fall also eine weitgehende Identität von Gegenstands- und Bildwahrnehmung. Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegenstand als figürliches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegenstandswahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe ist aber durchaus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahrnehmungsmodalitäten, sondern ist zudem auf Gegenstände anwendbar, die wir üblicherweise gar nicht als Zeichen auffassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegenständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hiervon liegt bei Wahrnehmungstäuschungen vor, wenn wir beispielsweise im Dämmerlicht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahrnehmungsnähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visuellen Eigenschaften und relativ zu unseren Wahrnehmungsstandards eine Wahrnehmungsgestalt zu evozieren vermag, die üblicherweise für die Wahrnehmung von Personen vorgesehen ist (⊳ Dezeptiver und immersiver Modus). Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst eingesetzt, wenn wir beispielsweise im wolkendurchzogenen Abendhimmel ausgedehnte Landschaften erkennen oder – einer Empfehlung Leonardo da Vincis folgend (vgl. [da Vinci 1990a]da Vinci, Leonardo (1990): Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/Mosel, München.
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu verwandten BegriffenDer Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semiotik gebräuchlichen Begriffen der Motiviertheit und der Ikonizität (vgl. [Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund. Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbesondere an Richard Wollheims Theorie der Bildwahrnehmung, für die er den Ausdruck ‘Seeing-in’ vorgeschlagen hat (vgl. [Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M. Wollheims Theorie des Seeing-In wird oft der Gombrich zugeschriebenen Illusionstheorie gegenübergestellt. Gombrich hatte in «Art and Illusion» die Bildwahrnehmung in Zusammenhang mit dem Aspektsehen erläutert (vgl. [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London. Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildtheorie, wie sie etwa Wollheim beschreibt, wird von phänomenologischer Seite üblicherweise akzeptiert. Differenzen gibt es in der Regel mit der Goodman nahe stehenden Tradition der semiotischen Bildtheorie, wenn diese als dezidiert anti-perzeptualistisch verstanden wird. Legt man jedoch Wollheims Charakterisierung der Bildwahrnehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Überlegungen offen, ob sie mit Goodmans Theorie in Konflikt steht. Denn Goodman bestreitet nicht generell die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildrezeption, sondern lediglich die ähnlichkeitstheoretische Variante der perzeptuellen Bildtheorie. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Blanke 2003a]Blanke, Börries (2003): Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden.[Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.[Hopkins 1998a]Hopkins, Robert (1998): Picture, Image and Experience. Cambridge University Press, Cambridge.[Lopes 1996a]Lopes, Dominic (1996): Understanding Pictures. Claredon Press, Oxford.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.[Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wollheim 1987a]Wollheim, Richard (1987): Painting, Metaphor, and the Body: Titian, Bellini, De Kooning, etc.. In: Wollheim, R. (Hg.), Painting as an Art. Princeton University Press, Princeton.[da Vinci 1990a]da Vinci, Leonardo (1990): Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/Mosel, München. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa, Marcel Lemmes und Stefan Kahl — (Hinweis) Zitierhinweis: |