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Die Figur/Grund-Illusion wurde um 1915 durch den dänischen Psychologen Edgar Rubin (1886–1951) theoretisch untersucht. Die so genannte «Rubinsche Vase», bei der die Wahrnehmung zweier Gesichter in die Wahrnehmung einer Vase umspringt, spielt in Rubins zweibändigem Werk «Synsoplevede Figurer» (deutsch (1921): «Visuell wahrgenommene Figuren») zum ersten Mal eine wichtige Rolle.<ref>Rubin führte eine Reihe ähnlicher Bilder ein (etwa das schwarz-weiße Malteserkreuz), aber am bekanntesten wurde die «Rubinsche Vase».</ref> | Die Figur/Grund-Illusion wurde um 1915 durch den dänischen Psychologen Edgar Rubin (1886–1951) theoretisch untersucht. Die so genannte «Rubinsche Vase», bei der die Wahrnehmung zweier Gesichter in die Wahrnehmung einer Vase umspringt, spielt in Rubins zweibändigem Werk «Synsoplevede Figurer» (deutsch (1921): «Visuell wahrgenommene Figuren») zum ersten Mal eine wichtige Rolle.<ref>Rubin führte eine Reihe ähnlicher Bilder ein (etwa das schwarz-weiße Malteserkreuz), aber am bekanntesten wurde die «Rubinsche Vase».</ref> | ||
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Der aus Kopenhagen stammende Rubin verbrachte einige Zeit in Göttingen, worauf sich eine phänomenologische Perspektive in seiner Auffassung von visueller Wahrnehmung zurückführen lässt. Offensichtlicher noch ist allerdings seine Nähe zur [[Gestalt|Gestaltphilosophie]], insofern die «Rubinsche Vase» einen weiteren Beleg für die These lieferte, dass das Netzhautbild nicht mit dem visuell Wahrgenommenen identisch ist. Sie stellt vielmehr einen Spezialfall der so genannten multistabilen Wahrnehmung dar.<ref>Man spricht von ‘multistabiler Wahrnehmung’, wenn wir uns visuell zweideutigen Darstellungen wie der «Rubinsche Vase» oder dem «Necker-Würfel» gegenübersehen.</ref> An der «Rubinsche Vase» lässt sich so das Prinzip der Emergenz deutlich machen, nach dem wir Gegenstände unserer Umgebung als Ganze und auf einmal wahrnehmen. Der Prozess der Gegenstandskonstitution in der Wahrnehmung ist demnach ein produktiver Prozess, der das in unserer Erfahrung Wahrgenommene mit Inhalten zur Lage und Beschaffenheit der jeweiligen Gegenstände versorgt, die nicht schon in den reinen Sinnesdaten enthalten sind. | Der aus Kopenhagen stammende Rubin verbrachte einige Zeit in Göttingen, worauf sich eine [[Phänomenologie|phänomenologische]] Perspektive in seiner Auffassung von visueller Wahrnehmung zurückführen lässt. Offensichtlicher noch ist allerdings seine Nähe zur [[Gestalt|Gestaltphilosophie]], insofern die «Rubinsche Vase» einen weiteren Beleg für die These lieferte, dass das Netzhautbild nicht mit dem visuell Wahrgenommenen identisch ist. Sie stellt vielmehr einen Spezialfall der so genannten multistabilen Wahrnehmung dar.<ref>Man spricht von ‘multistabiler Wahrnehmung’, wenn wir uns visuell zweideutigen Darstellungen wie der «Rubinsche Vase» oder dem «Necker-Würfel» gegenübersehen.</ref> An der «Rubinsche Vase» lässt sich so das Prinzip der Emergenz deutlich machen, nach dem wir Gegenstände unserer Umgebung als Ganze und auf einmal wahrnehmen. Der Prozess der Gegenstandskonstitution in der Wahrnehmung ist demnach ein produktiver Prozess, der das in unserer Erfahrung Wahrgenommene mit Inhalten zur Lage und Beschaffenheit der jeweiligen Gegenstände versorgt, die nicht schon in den reinen Sinnesdaten enthalten sind. | ||
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Version vom 31. Oktober 2015, 14:40 Uhr
Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung
Entdeckung durch RubinDie Figur/Grund-Illusion wurde um 1915 durch den dänischen Psychologen Edgar Rubin (1886–1951) theoretisch untersucht. Die so genannte «Rubinsche Vase», bei der die Wahrnehmung zweier Gesichter in die Wahrnehmung einer Vase umspringt, spielt in Rubins zweibändigem Werk «Synsoplevede Figurer» (deutsch (1921): «Visuell wahrgenommene Figuren») zum ersten Mal eine wichtige Rolle.[1] Der aus Kopenhagen stammende Rubin verbrachte einige Zeit in Göttingen, worauf sich eine phänomenologische Perspektive in seiner Auffassung von visueller Wahrnehmung zurückführen lässt. Offensichtlicher noch ist allerdings seine Nähe zur Gestaltphilosophie, insofern die «Rubinsche Vase» einen weiteren Beleg für die These lieferte, dass das Netzhautbild nicht mit dem visuell Wahrgenommenen identisch ist. Sie stellt vielmehr einen Spezialfall der so genannten multistabilen Wahrnehmung dar.[2] An der «Rubinsche Vase» lässt sich so das Prinzip der Emergenz deutlich machen, nach dem wir Gegenstände unserer Umgebung als Ganze und auf einmal wahrnehmen. Der Prozess der Gegenstandskonstitution in der Wahrnehmung ist demnach ein produktiver Prozess, der das in unserer Erfahrung Wahrgenommene mit Inhalten zur Lage und Beschaffenheit der jeweiligen Gegenstände versorgt, die nicht schon in den reinen Sinnesdaten enthalten sind.
Was bedeutet «Figur und Grund»?Rubin formulierte 1915:
Anhand der «Rubinschen Vase» lässt sich untersuchen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten wir zwischen Figur und Grund hin- und herspringen. Das Gesichtsfeld ist immer durch die Figur bestimmt, die gegen einen Hintergrund, den Grund wahrgenommen wird. Im Falle multistabiler Wahrnehmung besteht die Möglichkeit, Figur und Grund auszutauschen: In Rubins berühmten Beispiel sehen wir entweder zwei Gesichter gegen einen weißen Hintergrund oder eine Vase gegen einen schwarzen Hintergrund. Zu einem gegebenen Zeitpunkt sehen wir also immer nur eine der beiden Möglichkeiten, und es ist nicht das Netzhautbild, das darüber entscheidet, was wir als Figur und was als Grund ansehen. Wie Rubin bereits festgehalten hatte, tendieren wir bei zweideutigen Darstellungen dazu, die kleinere, geschlossene Form als Figur anzusehen, gegen den Grund der größeren umgebenden Fläche. Der Figur kommt eine Dingqualität zu, während der Grund als eher schwer zu fassen und zu kategorisieren wahrgenommen wird. Die Figur sticht heraus, der Grund tritt dagegen zurück, und die sie trennende Kontur selbst wird der Figur zugerechnet, nicht dem Grund. Neuere psychologische Experimente haben Rubins Thesen hinsichtlich der Kontur empirisch bestätigt:
Auswirkungen«Rubins Vase» hat in den Bereichen Kunst und Design besonderen Einfluss gehabt. M. C. Escher nutzte Figur-Grund-Effekte analog zum Kippbild von Gesicht und Vase, die allerdings nicht spezifisch auf Rubins Entdeckung zurückzuführen sind.[3]
Im Bereich der Ingenieurwissenschaften spielt das Verhältnis von Signal und Rauschen eine wichtige Rolle, das auf denselben Prinzipien beruht wie das von Figur und Grund. Siehe auch: |
Anmerkungen
Literatur
[Andrews et.al. 2002a]Andrews, Timothy J.; Schluppeck, Denis; Homfray, Dave; Matthews, Paul & Blakemore, Colin (2002): Activity in the Fusiform Gyrus Predicts Conscious Perception of Rubin’s Vase—Face Illusion. NeuroImage, 17.[Arnheim 2000a]Arnheim, Rudolf (2000): Kunst und Sehen: Eine Psychologie des schöpferischen Auges. DeGruyter, Berlin, New York.[Gallistel 1980a]Gallistel, Randy (1980): The Organization of Action: A New Synthesis. Lawrence Erlbaum Assoc., Hillsdale, NJ.[Heider 1926a]Heider, Fritz (1926): Ding und Medium. Kulturverlag Kadmos, Berlin.[Mathesius 1911a]Mathesius, Vilém (1982): O potenciálnosti jevů jazykových (Über die Potentialität der Spracherscheinungen) (1911). In: Vachek, J. & Macek, E. (Hg.), V. Mathesius: Jazyk, kultura a slovesnost. Odeon, Prag.[Rubin 1921a]Rubin, Edgar (1921): Visuell wahrgenommene Figuren. Studien in psychologischer Analyse. Gyldendalske Boghandel, Kopenhagen.[Sherrington 1947a]Sherrington, Charles S. (1947): The Integrative Action of the Nervous System. Yale Univ. Press, New Haven.[Tritthart 2013a]Tritthart, Martina (2013): Der negative Raum oder die andere Seite des Lichts. Maria Nordman und Nan Hoover: Wahrnehmung Raum Kunst Architektur. ALL-OVER. Magazin für Kunst und Ästhetik, 5.[Velden 1982a]Velden, Manfred (1982): Die Signalentdeckungstheorie in der Psychologie. Kohlhammer, Stuttgart. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach, Dimitri Liebsch, Elisabeth Birk und Marcel Lemmes — (Hinweis) |