Ästhesiologie: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe­sonde­re natur­herme­neuti­sche, erkennt­nistheo­retische und anthro­polo­gische, sondern auch dezi­diert ästhe­tische Inten­tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis­mus, Futu­rismus und Expres­sionis­mus sowie am abstrak­ten Film um 1920:  
Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe­sonde­re natur­herme­neuti­sche, erkennt­nistheo­retische und anthro­polo­gische, sondern auch dezi­diert ästhe­tische Inten­tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis­mus, Futu­rismus und Expres­sionis­mus sowie am abstrak­ten Film um 1920:  
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''Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema&shy;tischen Sinn&shy;gebung an die Ding&shy;lich&shy;keit der Dar&shy;stellung gebun&shy;den? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei&shy;schwebend behan&shy;deln wie die Töne?'' (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 256).  
:''Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema&shy;tischen Sinn&shy;gebung an die Ding&shy;lich&shy;keit der Dar&shy;stellung gebun&shy;den? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei&shy;schwebend behan&shy;deln wie die Töne?'' (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 256).  
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Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens&shy;unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit von Auge und Ohr“ ab. Zusam&shy;men damit hängt die Ent&shy;wicklung der „Grund&shy;legung einer Philo&shy;sophie der Musik“, die Plessner ge&shy;wisser&shy;maßen als die „Theorie des musi&shy;kali&shy;schen Verste&shy;hens“ begreift, als ihre „aller Musik&shy;ästhe&shy;tik“ voraus&shy;gehen&shy;de Erkennt&shy;nistheo&shy;rie (ebd.: S. 384). Als Konse&shy;quenz seiner Ästhe&shy;siolo&shy;gien des Sehens und Hörens behaup&shy;tet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl&shy;lig, sondern „sinn&shy;gemäß“. Damit ist verbun&shy;den „der wert&shy;theo&shy;reti&shy;sche, d.h. kultur&shy;kriti&shy;sche Nach&shy;weis einer gewis&shy;sen Unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit der Sinne, ihrer Un&shy;ver&shy;tret&shy;bar&shy;keit als wert&shy;spezi&shy;fischer mate&shy;riae primae“. Diese Unver&shy;tretbar&shy;keit bedeu&shy;tet einer&shy;seits, dass „in Farben und Umriß&shy;linien nicht ''musi&shy;ziert'' werden kann – was der ''Ex&shy;pressi&shy;onismus'' wollte“ und an&shy;derer&shy;seits, dass in Tönen und Melo&shy;dien nicht schema&shy;tisiert werden könne (ebd.: S. 380).
Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens&shy;unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit von Auge und Ohr“ ab. Zusam&shy;men damit hängt die Ent&shy;wicklung der „Grund&shy;legung einer Philo&shy;sophie der Musik“, die Plessner ge&shy;wisser&shy;maßen als die „Theorie des musi&shy;kali&shy;schen Verste&shy;hens“ begreift, als ihre „aller Musik&shy;ästhe&shy;tik“ voraus&shy;gehen&shy;de Erkennt&shy;nistheo&shy;rie (ebd.: S. 384). Als Konse&shy;quenz seiner Ästhe&shy;siolo&shy;gien des Sehens und Hörens behaup&shy;tet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl&shy;lig, sondern „sinn&shy;gemäß“. Damit ist verbun&shy;den „der wert&shy;theo&shy;reti&shy;sche, d.h. kultur&shy;kriti&shy;sche Nach&shy;weis einer gewis&shy;sen Unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit der Sinne, ihrer Un&shy;ver&shy;tret&shy;bar&shy;keit als wert&shy;spezi&shy;fischer mate&shy;riae primae“. Diese Unver&shy;tretbar&shy;keit bedeu&shy;tet einer&shy;seits, dass „in Farben und Umriß&shy;linien nicht ''musi&shy;ziert'' werden kann – was der ''Ex&shy;pressi&shy;onismus'' wollte“ und an&shy;derer&shy;seits, dass in Tönen und Melo&shy;dien nicht schema&shy;tisiert werden könne (ebd.: S. 380).

Version vom 2. Januar 2014, 17:08 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht


Der Ausdruck ‘Ästhesio­logie’

Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthe­sis’, ‘Wahr­nehmung’. Er bedeu­tet im all­gemei­nen natur­wissen­schaft­lichen oder medizi­nischen Sprach­gebrauch die ‹Sinnes­lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes­orga­nen bzw. Sinnes­werkzeu­gen›.


Ästhesiologie bei Plessner

Im Anschluss an diese Begriffs­bedeu­tung, aber mit dem spezi­fischen Zusatz ‘des Geistes’, konzi­piert der Philo­soph Helmuth Plessner (1892-​1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Haupt­werk von 1923, eine umfas­sende Philo­sophie der mensch­lichen Sinne ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzel­nen sinn­lichen Moda­litä­ten zu ver­stehen. Die Ästhe­siolo­gie des Geistes läuft damit auf eine Herme­neutik der Sinne hinaus. In ihrem Eigen­sinn ver­standen werden die sinn­lichen Moda­litä­ten dadurch, dass exklu­sive Koope­ratio­nen der einzel­nen Sinne mit bestimm­ten Sinn­gebungs­formen ana­lysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nach­weis zu liefern,

dass zwischen der Diffe­renzie­rung unse­rer Sinn­lich­keit in opti­sche, akus­tische und ande­re Moda­litä­ten, unse­ren Bewe­gungs­möglich­keiten genau­er gesagt: moto­rischen Aus­drucks­möglich­keiten, und den Rich­tungen, in denen unser Verständ­nis (künst­lerisch, sprach­lich, wissen­schaft­lich) sich bewe­gen kann, Ent­sprechun­gen beste­hen, welche einen genaue­ren Ein­blick in den mensch­lichen Funk­tions­zusam­men­hang zwischen Leib und Seele gestat­ten, als er uns bisher möglich gewe­sen war ([Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 184).

Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unter­scheidet sich in signi­fikan­ter Weise von einer physika­lischen, psycho­logi­schen oder physio­logi­schen, d.h. empi­rischen Erfor­schung der mensch­lichen Sinnes­modali­täten. Ähnlich wie die philo­sophi­schen Norm­wissen­schaf­ten Logik, Er­kenntnis­theorie, Ethik und Ästhe­tik, die eben­falls nicht-​emprisch verfah­ren, begreift Plessner die von ihm inten­dierte Theorie der Sinnes­quali­täten als eine Norm­wissen­schaft, die von ihm auch im An­schluss an eine Formu­lierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeich­net wird ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 31). Damit steht seine Ästhe­sio­logie unter einem strikt durch­gehal­tenen „Primat des Geistes“ (ebd.: S. 260).

Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Frei­legung der „Sinn­geset­ze der Sinn­lich­keit“ (ebd.: S. 32). Dazu arbei­tet Plessner eine sehr kom­plexe und voraus­setzungs­reiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unter­nimmt, den “Sinn” der ver­schie­denen sinnl­ichen Moda­litä­ten zu ent­decken (vgl. [Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München
).

Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinn­gebungs­formen, die er mit dem Ziel konzi­piert, „aus der Ein­heit des Sinns“ die „Mannig­faltig­keit der physi­schen Sinne“ zu ver­stehen ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 197). Plessners Grund­gedan­ke ist dabei, dass die quali­tati­ve Ver­schieden­heit der mensch­lichen Sinne durch „je beson­dere geisti­ge Leistun­gen“ ausge­wertet wird (ebd.: S. 201). Dazu muss sich die Ästhe­sio­logie auf Aus­wertungs­bezie­hungen von Sinnes­feld oder –funktion durch je spezi­fische Leistun­gen des Geistes, also Formen der Sinn­gebung, konzen­trieren, die sich als unver­tretba­re erwei­sen. Plessner macht drei Wert­berei­che aus, die auf einer aus­schließ­lichen Koope­ration sinn­licher und geisti­ger Fakto­ren beru­hen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissen­schaft.

Da für Plessner nur diejenigen kultu­rellen Phäno­mene ästhe­sio­logisch bedeut­sam sind, bei denen jeweils nur eine Sinn­gebungs­form mit nur einer Sinnes­modali­tät ein Verbin­dung einge­gangen sind, konzen­triert sich die ästhe­siolo­gische Unter­suchung auf die eukli­dische Geo­metrie (als Verbin­dung der Moda­lität des Sehens mit der Sinn­gebungs­form “Schema­tismus”) und die abso­lute Musik (als Verbin­dung der Moda­lität des Hörens mit der Sinn­gebungs­form “Thema­tismus”). An diesen kultu­rellen Objek­tiva­tionen ent­wickelt Plessner diffe­renzier­te Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Ein­blick in den jewei­ligen “Sinn” dieser Modi.


Von der Ästhesiologie zur Anthro­polo­gie der Sinne

Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe­sonde­re natur­herme­neuti­sche, erkennt­nistheo­retische und anthro­polo­gische, sondern auch dezi­diert ästhe­tische Inten­tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis­mus, Futu­rismus und Expres­sionis­mus sowie am abstrak­ten Film um 1920:

Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema­tischen Sinn­gebung an die Ding­lich­keit der Dar­stellung gebun­den? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei­schwebend behan­deln wie die Töne? ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 256).

Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens­unver­tausch­bar­keit von Auge und Ohr“ ab. Zusam­men damit hängt die Ent­wicklung der „Grund­legung einer Philo­sophie der Musik“, die Plessner ge­wisser­maßen als die „Theorie des musi­kali­schen Verste­hens“ begreift, als ihre „aller Musik­ästhe­tik“ voraus­gehen­de Erkennt­nistheo­rie (ebd.: S. 384). Als Konse­quenz seiner Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens behaup­tet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl­lig, sondern „sinn­gemäß“. Damit ist verbun­den „der wert­theo­reti­sche, d.h. kultur­kriti­sche Nach­weis einer gewis­sen Unver­tausch­bar­keit der Sinne, ihrer Un­ver­tret­bar­keit als wert­spezi­fischer mate­riae primae“. Diese Unver­tretbar­keit bedeu­tet einer­seits, dass „in Farben und Umriß­linien nicht musi­ziert werden kann – was der Ex­pressi­onismus wollte“ und an­derer­seits, dass in Tönen und Melo­dien nicht schema­tisiert werden könne (ebd.: S. 380).

Der späte Plessner greift das sinnes­philo­sophi­sche Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezi­dierte Anthro­pologie der Sinne ent­wickelt ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) und sich von der Geist­theorie und dem trans­zenden­talen Ansatz seines frühe­ren Buches verab­schiedet. Dabei revo­ziert er u.a. seine Kritik am Expres­sionis­mus, inso­fern er nun das Programm einer „Musi­kali­sierung des Sehens“ (ebd.: S. 340) nicht mehr als „Ver­irrung oder Ab­weichung vom rechten Weg“ begreift (ebd.: S. 341).

Anmerkungen
Literatur
[Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München [Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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