Bild und Wahrnehmung

Aus Glossar der Bildphilosophie
(Weitergeleitet von Wahrnehmung)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Theorieperspektive im Glossar der Bildphilosophie


Die Einheit von Bild und Wahrnehmung

Bild und Wahrnehmung bilden eine untrenn­bare Einheit. Wer von Bildern spricht, und sei es noch so abstrakt, spricht von Objek­ten, die wenig­stens poten­ziell wahrnehm­bar sind. Noch bevor Bilder komple­xe Symbol­welten auffä­chern und kommu­nika­tive Botschaf­ten über­mitteln, bringen sie Gegen­stände und Sachver­halte zur Anschau­ung. Bilder sind inso­fern zunächst Medien der Sichtbar­machung.

Diese Begriffsbestimmung scheint eini­gen alltäg­lichen Rede­weisen über das Bild zu wider­sprechen. Redu­ziert sie den Begriff des Bildes nicht auf äuße­re, mate­rielle bzw. physisch greif­bare Bildme­dien? Geht sie nicht über die Tatsa­che hinweg, dass wir im Alltag für gewöhn­lich auch Vorstel­lungen, Träume oder Gedanken als ‘Bilder’ zu bezeich­nen pflegen? Schon Ludwig Wittgen­stein hat sich diesem denkba­ren kriti­schen Einwurf gestellt und ihn mit folgen­der Aussa­ge entkräf­tet:

Der Begriff des ‘inneren Bildes’ ist irre­führend, denn das Vorbild für diesen Begriff ist das ‘äuße­re Bild’ […] ([Wittgenstein 1984b]Wittgenstein, Ludwig (1984): Werkausgabe, Band 1: Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 523).

Die durch Wittgenstein nahege­legte Unter­scheidung zwischen inne­ren und äuße­ren Bildern darf freilich nicht zu weit getrie­ben werden. Nicht umsonst stützt sich etwa der Begriff der Ima­gina­tion auf den latei­nischen Ausdruck ‘ima­go’, wodurch die Exis­tenz einer gewis­sen Wahlver­wandtschaft zwischen inne­ren und äuße­ren Bildern sugge­riert wird. Aller­dings: Niemand würde ernsthaft behaup­ten wollen, dass zwischen physi­schen Bildern, die wahrnehm­bar sind, und Vorstel­lungsbil­dern, die letztlich als “gedach­te” Einhei­ten anzu­sprechen sind, eine vollstän­dige Struktur­iden­tität besteht. Wie der Philo­soph Hans Jonas hervor­geho­ben hat, ist die Fähig­keit zur Produk­tion und Rezep­tion eines Bildes an das Vermö­gen der Ima­gina­tion gekop­pelt. Zur iko­nischen „Dar-stel­lung“ kann sodann nur gelangen, wer auch zur „Vor-stel­lung“ fähig ist ([Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.
Nicht angezeigt: Wieder abgedruckt in: Jonas, Hans: <em>Zwischen Nichts und Ewigkeit – Zur Lehre vom Menschen</em>. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, 26–43
: S. 174). Eine reine Iden­tität zwischen beiden Kapa­zitä­ten lässt sich aus diesem Bedin­gungsver­hältnis indes nicht ablei­ten. Denn was für die Freiset­zung der Bildfä­higkeit unab­dingbar ist (die Vorstel­lungskraft), kann nicht mit dem iden­tisch sein, was durch es über­haupt erst konsti­tuiert wird (der produk­tive wie rezep­tive Umgang mit Bildern).


Wie nehmen wir Bilder wahr?

Wenn Bilder nun als besondere Wahrneh­mungsphä­nome­ne zu begrei­fen sind, stellt sich natür­lich die Frage, woran genau sich diese Beson­derheit festmacht. Wie werden Bilder wahrge­nommen? Worin unter­scheidet sich die Wahrneh­mung von Bildern von der Wahrneh­mung nicht-bildli­cher Objek­te? Welchen Mustern folgt die Wahrneh­mung eines Bildes? Und wäre es denkbar, dass uns die Unter­suchung der spezi­fischen Bildwahr­nehmung Einsich­ten über die allge­meine Struktur von Wahrneh­mung überhaupt bereit­stellen könnte?

Fragen wie diese werden in der bildwis­senschaft­lichen bzw. bildphi­loso­phischen Forschungs­debat­te biswei­len über­aus kontro­vers disku­tiert. Im Raum stehen dabei mit­unter höchst unter­schiedli­che Posi­tionen. Der Phäno­meno­loge Lambert Wiesing ist etwa davon über­zeugt, dass es für eine philo­sophi­sche Ausein­ander­setzung mit dem Problem der Bildwahr­nehmung vollkom­men ausreicht, sich allei­ne auf den Sehsinn zu konzen­trieren. Bilder sind nach seinem Dafür­halten Medien, die sich ausschließ­lich an das visu­elle Wahrneh­mungsre­gister des Menschen wenden ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Der Philo­soph John Michael Krois ist demge­genüber der Meinung, dass die Fähig­keit zum produk­tiven wie rezep­tiven Umgang mit Bildern keines­falls nur eine Frage des Sehens ist. So betont er, dass selbst blinde Menschen dazu in der Lage seien, Bilder wahrzu­nehmen (vgl. [Krois 2006a]Krois, John Michael (2006): Für Bilder braucht man keine Augen. Zur Verkörperungstheorie des Ikonischen. In: Krois, J.M. & Meuter, N. (Hg.), Kulturelle Existenz und symbolische Form. Philosophische Essays zu Kultur und Medien. Parerga, Berlin.
).

Ganz egal, welcher der beiden Posi­tionen man den Vorzug gibt: Fest steht, dass im einen wie im ande­ren Fall möglichst präzi­se geklärt werden sollte, in welchem Sinne die Einheit von Bild und Wahrneh­mung zu verste­hen ist. Zu diesem Zweck empfiehlt es sich, zunächst einmal einen grundle­genden Überblick über vorherr­schende Wahrneh­mungstheo­rien zu erhal­ten. Einen solchen Über­blick verschaf­fen die Beiträ­ge der Rubrik «Wahrneh­mungsthe­orien: Über­sicht». Bespro­chen werden hier nicht nur einzel­ne wahrneh­mungstheo­reti­sche Posi­tionen, sondern eben­falls eini­ge Grundbe­griffe, die mit Blick auf das Phäno­men der Bildwahr­nehmung ins Spiel kommen. Die Beiträ­ge der Rubrik «Bildwahr­nehmung» konzen­trieren sich spezi­fischer auf jene perzep­tuellen Fakto­ren, die im Akt des Bilder­sehens zum Tragen kommen. Disku­tiert werden dabei auch die kreati­ven bzw. transfor­mati­ven Poten­ziale des Bilder­sehens, wie sie etwa in der Ausein­ander­setzung mit Kunstbil­dern zum Vorschein kommen können (vgl. dazu etwa den Arti­kel «Sehen­des Sehen»). Die Rubrik «Bildbe­wusstsein und Einbil­dungskraft» grenzt den Ana­lyse­fokus noch weiter ein: Weitaus ausführ­licher als in diesen einlei­tenden Darle­gungen wird hier der Frage nachge­gangen, in welchem Verhält­nis Bild und Ima­gina­tion zuein­ander stehen.

Anmerkungen
Literatur
[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Krois 2006a]Krois, John Michael (2006): Für Bilder braucht man keine Augen. Zur Verkörperungstheorie des Ikonischen. In: Krois, J.M. & Meuter, N. (Hg.), Kulturelle Existenz und symbolische Form. Philosophische Essays zu Kultur und Medien. Parerga, Berlin.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1984b]Wittgenstein, Ludwig (1984): Werkausgabe, Band 1: Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Eva Schürmann — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Halawa, Mark A. (2013). Bild und Wahrnehmung. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Bild_und_Wahrnehmung].