Theorien des Bildraums: Unterschied zwischen den Versionen
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:''Obwohl die Großaufnah­me das Gesicht (...) von jeder Raum-​Zeit-​Koor­dina­te ablöst, kann sie einen ihr eigenen Zeit-​Raum einbrin­gen (...) Einmal ist es der Tiefen­raum des Bildfel­des, der der Großauf­nahme einen Hinter­grund verleiht, ein ander­mal ist es im Gegen­teil die Nega­tion der Perspek­tive und der Bildtie­fe, die die Halbnah­einstel­lung einer Großauf­nahme angleicht“ (<bib id='Deleuze 1989a'>De­leuze 1989a</bib>: S. 151f.). | :''Obwohl die Großaufnah­me das Gesicht (...) von jeder Raum-​Zeit-​Koor­dina­te ablöst, kann sie einen ihr eigenen Zeit-​Raum einbrin­gen (...) Einmal ist es der Tiefen­raum des Bildfel­des, der der Großauf­nahme einen Hinter­grund verleiht, ein ander­mal ist es im Gegen­teil die Nega­tion der Perspek­tive und der Bildtie­fe, die die Halbnah­einstel­lung einer Großauf­nahme angleicht“ (<bib id='Deleuze 1989a'>De­leuze 1989a</bib>: S. 151f.). | ||
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Ungewohnt flächige Räume und | Ungewohnt flächige Räume und unübli­che Kombi­nati­onen von Vorder- und Hinter­grund sieht De­leuze aber nicht nur dank der filmi­schen Verge­sichtli­chungsver­fahren entste­hen. Räume ohne „Maßver­hältnis­se“ mit „takti­ler Wertig­keit“ entdeckt er auch in gleichsam umge­kehrten Verfah­ren der Entge­sichtli­chung wie etwa in den Filmen von Robert Bresson. Dessen Strate­gie der „Entthro­nung“ des Gesichts in unüb­lichen Kadrie­rungen und Monta­gefol­gen unter­werfe das Bewe­gungsbild einem „Gesetz der Fragmen­tierung“ (S. 152) und brächte eben­falls belie­bige Räume hervor. | ||
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Solchermaßen entziffert Deleuze die | Solchermaßen entziffert Deleuze die gesam­te Filmge­schichte auf Erfin­dungen neuer Raumbil­der hin: Im deutschen expres­sionis­tischen Film lasse der Einsatz von Licht und Schatten und deren „Hell-​Dunkel-​Werte“ das Räumli­che zu etwas „Unbe­grenztem“ (S. 155) werden. In den Filmen der „poeti­schen Abstrak­tion“ verlie­re das Räumli­che eben­falls seine herkömm­liche Begren­zung und werde „mit der Macht des Geistes, mit einer stets zu erneu­ernden geisti­gen Entschei­dung iden­tisch“ (S. 163). An struktu­ralis­tischen Filmen wie Alain Resnais’ «L’année dernière à Marien­bad» (F, 1961) stellt er richtungs­gebun­dene „topo­logi­sche“ Konstruk­tionen heraus, die der Verschwis­terung von Raum und Zeit Rechnung trügen. Belie­bige Räume sind für ihn sogar in Doku­mentar­filmen zu finden, wie beispiels­weise in Joris Ivens’ Film «Der Regen»: Der Regen, Subjekt des Films, wird dank der vielfäl­tigen Perspek­tivierun­gen in seinen schillern­den Erschei­nungswei­sen und [[Affekt und Kommunikation |Affekt­modi]] ins Bild gesetzt. | ||
==Zeitgenössische | ==Zeitgenössische Bild­raum­be­stim­mun­gen== | ||
In der Gegenwart lässt insbesondere der ''spatial turn'' der | In der Gegenwart lässt insbesondere der ''spatial turn'' der Kultur­wissen­schaften den Raumbe­zug des Bildes thema­tisch werden. Die moder­ne Kunst, die sich sogar in ihren reali­tätsna­hen Medien [[Fotografie|Foto­grafie]] und [[Film]] als konstruk­tive Praxis begreift, bear­beitet nach dem Zweiten Welt­krieg, mit der postmo­dernen Kritik am fort­schritts­beto­nenden Zeitpa­radig­ma, erneut ihr Verhält­nis zum Raum. Ihre selbst­refle­xiven Verfah­ren bringen einen neuen Reichtum an Raumzeit­expe­rimen­ten hervor, wodurch auch das Bedürf­nis aufkommt, den Raum des Kunstwerks zu über­schreiten hin auf Inter­venti­onen im „realen Raum“. Vor allem aber beför­dert die sich globa­lisie­rende Gegen­wart theore­tische und künstle­rische Raumbe­zugnah­men ohne gleichen, die sich im begin­nenden 21. Jahrhun­dert als Boom an Ausstel­lungen mit Raum­thema­tiken mani­festiert. | ||
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Der Katalog zur Ausstellung «RAUM. Orte der Kunst» (<bib id='Flügge et al. 2007a'></bib>) | Der Katalog zur Ausstellung «RAUM. Orte der Kunst» (<bib id='Flügge et al. 2007a'></bib>) begrün­det seine thema­tische Ausrich­tung damit, dass in der Moder­ne der Ort der Kunst fragwür­dig gewor­den sei und die gestei­gerte Mobi­lität der moder­nen Gesell­schaft zu einer Diffe­renzie­rung der Konzep­tionen und Refle­xionen über Raum und Räumlich­keit geführt habe. Unter­schieden wird dabei zwischen dem unbe­stimmten Raum als ima­ginä­rer Ressour­ce der Kunst und dem künstle­risch begrenz­ten Ort im Raum, sei er illu­sionis­tisch vorge­spiegelt oder als Ereig­nisraum insze­niert. Als namhaf­teste Umko­dierun­gen des künstle­rischen Verhält­nisses zwischen Raum und Ort werden die Einfüh­rung des Films, Duchamps Akzen­tuierung des Ausstel­lungskontexts und die wieder­kehren­de Uto­pie der Verei­nigung von Kunst und Leben im Sur­realis­mus ange­führt. | ||
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Der unübersichtlichen Vielzahl | Der unübersichtlichen Vielzahl künstle­rischer Raum­umbrü­che in der Moder­ne sucht man durch Nachzeich­nung signi­fikan­ter Filia­tionen nachzu­kommen: des ''bildne­rischen Raums'' in den Gemäl­den von Male­witsch bis Picas­so, des ''foto­grafi­schen Raums'' bei Medar­do Rosso und Man Ray, des ''leeren Raums'' bei Alber­to Giaco­metti und Francis Bacon, des ''sozi­alen Raums'' bei Gordon Matta-​Clark und Francis Alÿs, der ''Körper im Raum'' bei Gary Hill und Trisha Brown und ande­ren mehr. Als bedeut­same Umbrü­che werden gedeu­tet die Modi­fika­tionen des ''zentral­perspek­tivi­schen Kasten­raums'' (<bib id='Hofmann 2007a'></bib>: S. 14) von den ‘geome­trischen Puris­ten’ Donald Judd und Sol Lewitt über den ‘Orga­niker’ Frank Gehry zu den Laby­rinthbau­ern Gregor Schneider und Hans Schabus als Weiter­führer des ‘Merzbaus’ von Kurt Schwitters. Hervor­geho­ben werden die singu­lären Gestal­tungen (<bib id='Lammert 2007a'></bib>) der Filmräu­me Jean Pain­levés in «La quatri­ème dimen­sion» von 1937, der fernseh­gerech­ten Raumri­tuale Samuel Becketts in «Quadrat 2» von 1982 und Jacques Tatis filmi­sche Kritik an der Glas­archi­tektur in «Play­time» (F, 1967). Das Auftre­ten von „Hybrid­formen aus Medien und Raum“ (<bib id='Demuth 2007a'></bib>: S. 101) im 21. Jahrhun­dert wird in seiner Rückwir­kung auf den Status der Kunst­objek­te betont und das Infla­tionä­re zeitge­nössi­scher Museums­bauten kriti­siert (<bib id='Flügge et al. 2007b'></bib>: S. 7). Vorge­tragen wird aber auch die Hoffnung, in raumak­zentu­ieren­den Ausstel­lungen die „Poten­tiali­tät“ der Kunstwer­ke und neue Zusam­menhän­ge, Nachbar­schaften, Ortsbe­züge zu erschlie­ßen und aufzu­decken. Im Ergän­zungsband «RÄUME der Zeich­nung» werden unter ande­rem die Aufkün­digung der Linie-​Fläche-​Unter­scheidung und die maschi­nelle Ausfüh­rung von Zeichnun­gen unter­sucht und die Verän­derun­gen erör­tert, die mit der Projek­tion von Zeichnun­gen in den drei­dimen­siona­len Raum verbun­den sind. | ||
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Den dazugehörigen | Den dazugehörigen Tagungs­reader «Topos RAUM» eröff­net Georges Didi-​Huber­man (<bib id='Didi-Huberman 2005a'>Didi-​Huber­man 2005a</bib>) mit einer Betrach­tung über den leibre­lati­ven Raum in foto­grafi­schen und filmi­schen Werken der Moder­ne. Robert Kudiel­ka bestimmt das gegen­wärti­ge Raum-​Verhält­nis von Male­rei und [[Skulptur]] in Abgren­zung von der Befra­gung des Bildraums in den 1960er Jahren: Während damals Inhal­te der Kunst über deren räumli­che Eigen­schaften defi­niert worden seien, würden nunmehr künstle­rische Befra­gungen des „realen Raums“ vorherr­schen. Die Suche nach bild­inter­nen Gestal­tungslö­sungen, mit dem ame­rika­nischen Expres­sionis­mus und dessen „Auflö­sung der Inte­riori­tät des Kunst­werkes“ (<bib id='Kudielka 2005a'>Kudiel­ka 2005a</bib>: S. 51) an ein Ende gekom­men, werde in der Gegen­wart ersetzt durch die künstle­rische „Parzel­lierung von Erfah­rungsräu­men“ (S. 53) und die Thema­tisie­rung des Verhält­nisses der Kunst zu insti­tutio­nellen und gesell­schaftli­chen Räumen: Die „Auswei­tung künstle­rischer Konzep­tionen, Strate­gien und Verfah­renswei­sen auf poten­tiell alle Handlungs­räume“ (S. 45) habe zur „Insis­tenz auf orts­spezi­fische Setzun­gen und Eingrif­fe“ als dem gegen­wärtig „maßgeb­lichen Motiv in den Künsten“ (S. 52) geführt. Das Verhält­nis des Betrach­ters zur Kunst, früher durch „Gegen­über­treten und Davor­bleiben“ gekenn­zeichnet, habe sich damit in Richtung „Eintre­ten und Eintau­chen“ (S. 53) verscho­ben. Da „der Zusam­menhalt eines Kunst­werks nun von der räumli­chen Erfas­sung her garan­tiert erscheint“ (S. 54), seien [[Installation und Montage|Instal­lati­onen]] häufig allein durch „dispa­rate Anhäu­fungen“ mit unter­bestimm­ten Bezü­gen ausge­wiesen und bezö­gen gera­de daraus ihre Bedeut­samkeit. Insge­samt wird betont, dass Grenzgänge zwischen [[Skulptur]], Architektur, Installation, [[Performance]], [[Video]] und Film normal geworden seien und sich zum ''white cube'' des Ausstellungsraums die ''black box'' der Videoprojektion und die Online-Galerie für immaterielle Netzkunst gesellt habe. Lev Manovich skizziert eine Poetik des erweiterten Raums und den „mit Daten verdichteten physischen Raum“, der dank gewisser Erweiterungstechnologien „zum multidimensionalen Raum“ (<bib id='Manovich 2005a'></bib>: S. 343) werde. Raumkonfigurationen mit virtuellen Bildern bemühen häufig Deleuzes/Guattaris »Rhizom«- und »Plateau«-Begriff, um „nicht-lineare Techniken in der Kunst“ <bib id='Bechtloff 2001a'></bib>, Arbeiten im Raum als „amorphe Systeme“, „Bildcontainer“ und „Raumbilder-Bildräume“ <bib id='Pesch 2001a'></bib> vorzustellen. | ||
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Diagnostiziert wird aber auch die Mutation des Museumsraums dank der Einführung bewegter Bilder und installativer Präsentationen zu einer „new geography of (re)collection“ (<bib id='Bruno 2007a'></bib>: S. 5). Auch die künstlerischen Raumparzellen brächten einen neuen Museumstyp hervor (<bib id='Kudielka 2005a'></bib>), der von der europäischen Sammlungsanthologie abweicht, Containerhalden und riesige Stauräume hervorbringt wie in der ''Dia Art Foundation'' in Beacon, unweit von New York, der weltweit größten Ausstellungsanlage seit 2003. | Diagnostiziert wird aber auch die Mutation des Museumsraums dank der Einführung bewegter Bilder und installativer Präsentationen zu einer „new geography of (re)collection“ (<bib id='Bruno 2007a'></bib>: S. 5). Auch die künstlerischen Raumparzellen brächten einen neuen Museumstyp hervor (<bib id='Kudielka 2005a'></bib>), der von der europäischen Sammlungsanthologie abweicht, Containerhalden und riesige Stauräume hervorbringt wie in der ''Dia Art Foundation'' in Beacon, unweit von New York, der weltweit größten Ausstellungsanlage seit 2003. | ||
Version vom 8. Dezember 2013, 15:40 Uhr
Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung
Historischer Diskurs zum BildraumKants „transzendentale Ästhetik“ ([Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin. Bis heute überbieten sich Kognitions- und Wahrnehmungspsychologen mit Erklärungsmodellen für die Fähigkeit des Gehirns, aus zweidimensionalen Netzhautprojektionen räumliche Informationen zu entnehmen. Sie konzentrieren sich dabei weitgehend auf zentralperspektivisch organisierte Bildformate, die bekanntlich seit der Renaissance als der anthropomorphen Raumerfassung entsprechende Raumwiedergaben verstanden worden sind. Erwin Panofskys daran vorgetragene Kritik ([Panofsky 1924a]Panofsky, Erwin (1998): Die Perspektive als symbolische Form (1924). In: Michels, K. & Warnke, M. (Hg.), Erwin Panofsky, Deutschsprachige Aufsätze, Bd. 2. Akademie, Berlin. Erste gattungstheoretische Ausführungen zur Abgrenzung der bildenden von den literarischen Künsten entlang ihrer Raum- und Zeitbezugnahmen begegnen ebenfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 1766 unterscheidet Gotthold Ephraim Lessing ([Lessing 1974a]Lessing, Gotthold Ephraim (1974): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: Göpfert, H. G. (Hg.), Werke, Bd. 6. Hanser, München. Artikuliert sich bei Lessing noch eine Gleichrangigkeit der Künste, so privilegiert die auf ihn folgende idealistische Philosophie die Zeit- gegenüber den Raumkünsten, weshalb die Ästhetiken des 19. Jahrhunderts die Künste in eine entwicklungsgeschichtlich-logische Abfolge bringen. G. W. F. Hegel geht in den «Vorlesungen über die Ästhetik» zwischen 1818 und 1826 von der Vorstellung eines künstlerischen Einheitsraums aus, da „an sich, dem Begriffe nach, die Gesamtheit dieser neuen Wirklichkeit der Kunst zu einer Totalität“ ([Hegel 1970a]Hegel, Georg W. F. (1970): Vorlesungen über die Ästhetik II. In: Moldenhauer, E. & Michel, K. M. (Hg.), Werke. Suhrkamp, Frankfurt/M. Diesen philosophischen Raumabwertungen setzt Jakob Burckhardt 1855 seine kunsthistorische Schrift «Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens» entgegen, in welcher er dem Raumbegriff erstmals methodische Geltung verleiht: Er grenzt darin die italienische Gotik mit ihrer horizontalen „Weiträumigkeit“ vom „nordischen Raum der Höhe“ ([Burckhardt 2001a]Burckhardt, Jacob (2001): Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. In: B. Roeck et al. (Hg.), Werke. Kritische Gesamtausgabe. Beck, München, Basel. Burckhardts Ansatz macht Schule: Ende des 19. Jahrhunderts, als die an die Nachahmungstheorie gebundenen Erörterungen von Ort, Szene, Vertiefung und Bildtiefe von einer historisch-kritischen, stilanalytischen Kunstbetrachtung abgelöst werden, wird die Raumbehandlung „das allgemeinste Thema der modernen Kunstgeschichte“ ([Badt 1963a]Badt, Kurt (1963): Raumphantasien und Raumillusionen: Wesen der Plastik. DuMont, Köln. Alois Riegls historische Periodisierung des „Kunstwollens“ ([Riegl 1901a]Riegl, Alois (1901): Die spätrömische Kunstindustrie nach den Funden in Österreich-Ungarn im Zusammenhange mit der Gesamtentwicklung der Bildenden Künste bei den Mittelmeervölkern. KuK Hof- und Staatsdruckerei, Wien. Im 20. Jahrhundert vervielfachen sich trotz der naturwissenschaftlichen Formulierung der ‘Vierdimensionalität’ des Raums und der in Mathematik und Physik begründeten Verschwisterung von Raum und Zeit die kunstgeschichtlichen Überlegungen zu den Raumbezügen der Kunst. Auch andere Disziplinen tragen zur Vervielfältigung von Bildraumtheorien bei: die phänomenologische und psychologische Wahrnehmungslehre, medientheoretische Diskussionen zur Gattungsspezifik von Malerei und Film, erkenntniskritische Unterscheidungen von symbolischen, lebensweltlichen, ästhetischen Räumen und anderer mehr. Der Kunsthistoriker Adolf von Hildebrand erklärt 1903 ([Hildebrand 1969a]Hildebrand, Adolf von (1969): Das Problem der Form. In: Bock, H. (Hg.), Hildebrand: Gesammelte Schriften zur Kunst. Westdeutscher Verlag, Köln, Opladen. Philosophie und Kunstgeschichte zusammenführend, erkennt der Philosoph Ernst Cassirer in seinem Vortrag «Mystischer, ästhetischer und theoretischer Raum» ([Cassirer 1930a]Cassirer, Ernst (2004): Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum (1930). In: Recki, B. (Hg.), Ernst Cassirer: Gesammelte Werke, Bd. 17. Meiner, Hamburg. In der Nachkriegszeit bekundet sich in Max Raphaels «Raumgestaltungen» von 1949 schließlich eine ausdifferenzierte Wahrnehmung der unterschiedlichen Raumbezugnahmen der Malerei: „Hals, Velasquez und andere – der Raum der Traumwelt; Vermeer – der Raum des Unbewußten; Hugo van der Goes und Tintoretto – der Raum des Übergangs vom Diesseits zum Jenseits; […] Bosch – der Raum der Auflösung des Daseins“ ([Raphael 1986a]Raphael, Max (1986): Raumgestaltungen. Der Beginn der modernen Kunst im Kubismus und im Werk von Georges Braque. Auch in der Filmtheorie des 20. Jahrhunderts wird der Raumbezug des Filmbildes thematisiert, zunächst allerdings unter dem Blickwinkel der veränderten Raumwahrnehmung des Zuschauers im Kino, ausgelöst durch die neuen technischen Möglichkeiten des Films. Als einer der ersten erörtert der ungarische Filmtheoretiker Béla Balázs ([Balázs 2001a]Balázs, Béla (2001): Der Geist des Films. Suhrkamp, Frankfurt/M. Zeitgleich mit Balázs gelangt Siegfried Kracauer im Feuilleton «Über Arbeitsnachweise» (1930) zu einem eher soziologisch ausgerichteten Raumbefund:
Kracauers Suche nach unbewusst-affektiven Raumbildern motiviert nicht zuletzt seine Zuwendung zum filmischen Medium, wie seine Studie «From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film» von 1947 zeigt, in der er die psychischen Dispositionen der Gesellschaft der Weimarer Republik retrospektiv aus ihren filmischen Raumbildern erschließt. Raumbilder sind zwangsläufig unbestimmte, numinose Größen, die von affektiven und unbewussten Besetzungen erzählen und “in” dem von ihnen Dargestellten Ungesehenes und Ungedachtes mitartikulieren. Der französische Filmtheoriker André Bazin fordert in seinem gegenüber Kracauer zugespitzten Realismusverständnis der 50er Jahre, dass Filmbilder die raumzeitlichen Kontinua von Vorgängen, die vielfältigen und gegenläufigen Bewegungen des Lebens und dessen wesentliche „Ambiguität“ einzufangen hätten. Der Film habe durch filmische Raumgebungen wie in den Filmen Erich von Stoheims, Jean Renoirs und Orson Welles’, durch lange Plansequenzen mit bewegter Kamera, durch Schärfentiefe, tiefenräumliche Inszenierung und eine Wiedergabe des Dargestellten als Ausschnitt aus einem über den Bildrahmen hinausreichenden, realen Kontinuum der realen Dauer der Vorkommnisse zu entsprechen. In den 80er Jahren verbindet sich für Gilles Deleuze mit dem Filmischen, noch immer in Nähe zu Kracauer und Benjamin, die Forderung nach mikroskopischer Durchdringung der Realitätswiedergaben auf etwas “in” den Bildern hin – auch auf neue Raumzeitdimensionierungen. In seiner zeichenorientierten Perspektive bindet er die Erörterung des Räumlichen nicht an die Zuschauerwahrnehmung, sondern an die filmische Zeichengebung, der er die Potenz zu Entkonventionalisierung üblicher Raumperspektiven und zur Binnendifferenzierung des Bildes zuerkennt. Dank ihrer vom menschlichen Blickwinkel abweichenden Einstellungsgrößen und dank ihrer Bilderabfolge seien Filmbilder befähigt, unbestimmte Raumzeiten zu generieren. Diese von ihm geschätzten „beliebigen Räume“ sieht er immer dort entstehen, wo die Wiedergabe äußerer Raumkontinua und auswendiger Bewegungsabläufe durch filmspezifische Einstellungen und anders montierte Raumzeitformationen durchbrochen wird:
Wie in [Ott 2007a]Ott, Michaela (2007): Der unbestimmte Raum in Philosophie und Film. Philo, Berlin. In Nähe zu Balázs lobt Deleuze die Qualität der Großaufnahme und des „Affektbildes“ zur Hervorbringung neuer Raumrelationen, die den Fluss der filmischen Bewegung scheinbar arretieren und dem Film eine vertikale Intensitätsdimension verleihen:
Ungewohnt flächige Räume und unübliche Kombinationen von Vorder- und Hintergrund sieht Deleuze aber nicht nur dank der filmischen Vergesichtlichungsverfahren entstehen. Räume ohne „Maßverhältnisse“ mit „taktiler Wertigkeit“ entdeckt er auch in gleichsam umgekehrten Verfahren der Entgesichtlichung wie etwa in den Filmen von Robert Bresson. Dessen Strategie der „Entthronung“ des Gesichts in unüblichen Kadrierungen und Montagefolgen unterwerfe das Bewegungsbild einem „Gesetz der Fragmentierung“ (S. 152) und brächte ebenfalls beliebige Räume hervor. Solchermaßen entziffert Deleuze die gesamte Filmgeschichte auf Erfindungen neuer Raumbilder hin: Im deutschen expressionistischen Film lasse der Einsatz von Licht und Schatten und deren „Hell-Dunkel-Werte“ das Räumliche zu etwas „Unbegrenztem“ (S. 155) werden. In den Filmen der „poetischen Abstraktion“ verliere das Räumliche ebenfalls seine herkömmliche Begrenzung und werde „mit der Macht des Geistes, mit einer stets zu erneuernden geistigen Entscheidung identisch“ (S. 163). An strukturalistischen Filmen wie Alain Resnais’ «L’année dernière à Marienbad» (F, 1961) stellt er richtungsgebundene „topologische“ Konstruktionen heraus, die der Verschwisterung von Raum und Zeit Rechnung trügen. Beliebige Räume sind für ihn sogar in Dokumentarfilmen zu finden, wie beispielsweise in Joris Ivens’ Film «Der Regen»: Der Regen, Subjekt des Films, wird dank der vielfältigen Perspektivierungen in seinen schillernden Erscheinungsweisen und Affektmodi ins Bild gesetzt.
Zeitgenössische BildraumbestimmungenIn der Gegenwart lässt insbesondere der spatial turn der Kulturwissenschaften den Raumbezug des Bildes thematisch werden. Die moderne Kunst, die sich sogar in ihren realitätsnahen Medien Fotografie und Film als konstruktive Praxis begreift, bearbeitet nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der postmodernen Kritik am fortschrittsbetonenden Zeitparadigma, erneut ihr Verhältnis zum Raum. Ihre selbstreflexiven Verfahren bringen einen neuen Reichtum an Raumzeitexperimenten hervor, wodurch auch das Bedürfnis aufkommt, den Raum des Kunstwerks zu überschreiten hin auf Interventionen im „realen Raum“. Vor allem aber befördert die sich globalisierende Gegenwart theoretische und künstlerische Raumbezugnahmen ohne gleichen, die sich im beginnenden 21. Jahrhundert als Boom an Ausstellungen mit Raumthematiken manifestiert. Der Katalog zur Ausstellung «RAUM. Orte der Kunst» ([Flügge et al. 2007a]Flügge, Matthias & Kudielka, Robert & Lammert, Angela (Hg.) (2007): RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg. Der unübersichtlichen Vielzahl künstlerischer Raumumbrüche in der Moderne sucht man durch Nachzeichnung signifikanter Filiationen nachzukommen: des bildnerischen Raums in den Gemälden von Malewitsch bis Picasso, des fotografischen Raums bei Medardo Rosso und Man Ray, des leeren Raums bei Alberto Giacometti und Francis Bacon, des sozialen Raums bei Gordon Matta-Clark und Francis Alÿs, der Körper im Raum bei Gary Hill und Trisha Brown und anderen mehr. Als bedeutsame Umbrüche werden gedeutet die Modifikationen des zentralperspektivischen Kastenraums ([Hofmann 2007a]Hofmann, Werner (2007): Spielräume und Raumverstecke. In: Flügge, M.; Kudielka, R. & Lammert, A. (Hg.), RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg. Den dazugehörigen Tagungsreader «Topos RAUM» eröffnet Georges Didi-Huberman ([Didi-Huberman 2005a]Didi-Huberman, Georges (2005): L’espace danse – Der Raum tanzt. In: Lammert, A.; Diers, M.; Kudielka, R. & Mattenklott, G. (Hg.), Topos RAUM. Die Aktualität des Raumes in den Künsten der Gegenwart. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg. Diagnostiziert wird aber auch die Mutation des Museumsraums dank der Einführung bewegter Bilder und installativer Präsentationen zu einer „new geography of (re)collection“ ([Bruno 2007a]Bruno, Giuliana (2007): Public Intimacy. Architecture and the Visual Arts. MIT Press, Cambridge. Diese frenetischen Ausstellungs- und Theoriebewegungen unter dem Zeichen des Räumlichen lassen abschließend deutlich werden, dass der ‘Raum’ die letzte umfassende Bezeichnung für die zeitgenössischen Umbrüche im Theorie- und Kunstselbstverständis abzugeben scheint. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Badt 1963a]Badt, Kurt (1963): Raumphantasien und Raumillusionen: Wesen der Plastik. DuMont, Köln.[Balázs 2001a]Balázs, Béla (2001): Der Geist des Films. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bechtloff 2001a]Bechtloff, Dieter (Hg.) (2001): Choreographie der Gewalt. Kunstforum International.[Bruno 2007a]Bruno, Giuliana (2007): Public Intimacy. Architecture and the Visual Arts. MIT Press, Cambridge.[Burckhardt 2001a]Burckhardt, Jacob (2001): Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. In: B. Roeck et al. (Hg.), Werke. Kritische Gesamtausgabe. Beck, München, Basel.[Cassirer 1930a]Cassirer, Ernst (2004): Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum (1930). In: Recki, B. (Hg.), Ernst Cassirer: Gesammelte Werke, Bd. 17. Meiner, Hamburg.[Deleuze 1989a]Deleuze, Gilles (1989): Das Bewegungs-Bild. Kino1. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Demuth 2007a]Demuth, Volker (2007): Extreme Expeditionen. Digitale, hybride und künstlerische Räume. In: Flügge, M.; Kudielka, R. & Lammert, A. (Hg.), RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Didi-Huberman 2005a]Didi-Huberman, Georges (2005): L’espace danse – Der Raum tanzt. In: Lammert, A.; Diers, M.; Kudielka, R. & Mattenklott, G. (Hg.), Topos RAUM. Die Aktualität des Raumes in den Künsten der Gegenwart. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Flügge et al. 2007a]Flügge, Matthias & Kudielka, Robert & Lammert, Angela (Hg.) (2007): RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Flügge et al. 2007b]Flügge, Matthias; Kudielka, Robert & Lammert, Angela (2007): Vorwort und Dank. In: Flügge, M.; Kudielka, R. & Lammert, A. (Hg.), RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Hegel 1970a]Hegel, Georg W. F. (1970): Vorlesungen über die Ästhetik II. In: Moldenhauer, E. & Michel, K. M. (Hg.), Werke. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hildebrand 1969a]Hildebrand, Adolf von (1969): Das Problem der Form. In: Bock, H. (Hg.), Hildebrand: Gesammelte Schriften zur Kunst. Westdeutscher Verlag, Köln, Opladen.[Hofmann 2007a]Hofmann, Werner (2007): Spielräume und Raumverstecke. In: Flügge, M.; Kudielka, R. & Lammert, A. (Hg.), RAUM. Orte der Kunst. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin.[Kracauer 1992a]Kracauer, Siegfried (1992): Der verbotene Blick. Reclam, Leipzig.[Kudielka 2005a]Kudielka, Robert (2005): Gegenstände der Betrachtung – Orte der Erfahrung. Zum Wandel der Kunstauffassung im 20. Jahrhundert. In: Lammert, A.; Diers, M.; Kudielka, R. & Mattenklott, G. (Hg.), Topos RAUM. Die Aktualität des Raumes in den Künsten der Gegenwart. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Lammert 2007a]Lammert, Angela (2007): Die vertrauten Sichtweisen sind umzustoßen. Zum Raum der Nachkriegszeit in ungewohnten Begegnungen. In: Flügge, M.; Kudielka, R. & Lammert, A. (Hg.), RAUM. Orte der Kunst.[Lessing 1974a]Lessing, Gotthold Ephraim (1974): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: Göpfert, H. G. (Hg.), Werke, Bd. 6. Hanser, München.[Lipps 1920a]Lipps, Theodor (1920): Zur Einfühlung, in: «Psychologische Untersuchungen» 2/3, 1913. In: Lipps, T. (Hg.), Die ästhetische Betrachtung und die bildende Kunst. Voss, Leipzig.[Manovich 2005a]Manovich, Lev (2005): Die Poetik des erweiterten Raums. In: Lammert, A.; Diers, M.; Kudielka, R. & Mattenklott, G. (Hg.), Topos RAUM. Die Aktualität des Raumes in den Künsten der Gegenwart. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg.[Ott 2007a]Ott, Michaela (2007): Der unbestimmte Raum in Philosophie und Film. Philo, Berlin.[Panofsky 1924a]Panofsky, Erwin (1998): Die Perspektive als symbolische Form (1924). In: Michels, K. & Warnke, M. (Hg.), Erwin Panofsky, Deutschsprachige Aufsätze, Bd. 2. Akademie, Berlin.[Pesch 2001a]Pesch, Martin (2001): Raumbilder-Bildräume. Zu den Arbeiten von Julia Ziegler. Kunstforum International, 153.[Raphael 1986a]Raphael, Max (1986): Raumgestaltungen. Der Beginn der modernen Kunst im Kubismus und im Werk von Georges Braque. [Riegl 1901a]Riegl, Alois (1901): Die spätrömische Kunstindustrie nach den Funden in Österreich-Ungarn im Zusammenhange mit der Gesamtentwicklung der Bildenden Künste bei den Mittelmeervölkern. KuK Hof- und Staatsdruckerei, Wien.[Riegl 1931a]Riegl, Alois (1931): Das holländische Gruppenporträt. Staatsdruckerei, Wien. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Julia Bonn und Marcel Lemmes — (Hinweis) |