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Eine ausführliche Themati­sierung des Ori­ginals findet sich auch in der Studie «Das Kunstwerk im Zeit­alter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit» des Philo­sophen und Medien­theore­tikers Benja­min. Prämis­se dieser Studie aus den 1930er Jahren ist, dass [[Fotografie|Foto­grafie]] und [[Film|Film]] um 1900 eine Krise ausge­löst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigen­schaft als Repro­duktions- wie auch als Produk­tionstech­niken. Anstatt die seiner­zeit übli­che Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwie­fern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspek­tive um und unter­sucht, in welchem Maße sie ihrer­seits den „Gesamt­charak­ter der Kunst“ verän­dert haben (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 486). Ihm zufol­ge gibt es bei Kunstwer­ken tradi­tionell eine Quali­tät, die nicht repro­duziert werden kann, nämlich die Echt­heit.<ref>Es sind Wer­ke der bil­den­den Kunst, al­so Bil­der, Plas­ti­ken und Bau­wer­ke, die ei­ne der­ar­ti­ge Qua­li­tät be­sit­zen. Wie ins­be­son­de­re die noch zu er­ör­tern­de Sym­bol­the­o­rie Good­mans deut­lich ge­macht hat, ist die Su­che nach dem „Hier und Jetzt des Ori­gi­nals“ in der Li­te­ra­tur und Mu­sik nicht oder nur be­grenzt sinn­voll; vgl. <bib id='Goodman 1995a'>Good­man 1995a</bib>: S. 112-121.</ref> Zu ihr expli­ziert er: „Das Hier und Jetzt des Ori­ginals macht den Begriff seiner Echt­heit aus, und auf deren Grund ihrer­seits liegt die Vorstel­lung einer Tradi­tion, welche dieses Objekt bis auf den heuti­gen Tag als ein Selbes und Iden­tisches weiter­gelei­tet hat.“ (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 437). Während nach Benja­min der Status des Ori­ginals und die von ihm gestif­tete Tradi­tion – oder mit einem Wort: die „Aura“ – durch die manu­elle Repro­duktion nicht berührt werden, sieht er sie durch die massen­weise Repro­duktion per Foto­grafie oder grundsätz­lich in Frage gestellt. | Eine ausführliche Themati­sierung des Ori­ginals findet sich auch in der Studie «Das Kunstwerk im Zeit­alter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit» des Philo­sophen und Medien­theore­tikers Benja­min. Prämis­se dieser Studie aus den 1930er Jahren ist, dass [[Fotografie|Foto­grafie]] und [[Film|Film]] um 1900 eine Krise ausge­löst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigen­schaft als Repro­duktions- wie auch als Produk­tionstech­niken. Anstatt die seiner­zeit übli­che Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwie­fern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspek­tive um und unter­sucht, in welchem Maße sie ihrer­seits den „Gesamt­charak­ter der Kunst“ verän­dert haben (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 486). Ihm zufol­ge gibt es bei Kunstwer­ken tradi­tionell eine Quali­tät, die nicht repro­duziert werden kann, nämlich die Echt­heit.<ref>Es sind Wer­ke der bil­den­den Kunst, al­so Bil­der, Plas­ti­ken und Bau­wer­ke, die ei­ne der­ar­ti­ge Qua­li­tät be­sit­zen. Wie ins­be­son­de­re die noch zu er­ör­tern­de Sym­bol­the­o­rie Good­mans deut­lich ge­macht hat, ist die Su­che nach dem „Hier und Jetzt des Ori­gi­nals“ in der Li­te­ra­tur und Mu­sik nicht oder nur be­grenzt sinn­voll; vgl. <bib id='Goodman 1995a'>Good­man 1995a</bib>: S. 112-121.</ref> Zu ihr expli­ziert er: „Das Hier und Jetzt des Ori­ginals macht den Begriff seiner Echt­heit aus, und auf deren Grund ihrer­seits liegt die Vorstel­lung einer Tradi­tion, welche dieses Objekt bis auf den heuti­gen Tag als ein Selbes und Iden­tisches weiter­gelei­tet hat.“ (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 437). Während nach Benja­min der Status des Ori­ginals und die von ihm gestif­tete Tradi­tion – oder mit einem Wort: die „Aura“ – durch die manu­elle Repro­duktion nicht berührt werden, sieht er sie durch die massen­weise Repro­duktion per Foto­grafie oder grundsätz­lich in Frage gestellt. | ||
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:''Erstens erweist sich die | :''Erstens erweist sich die techni­sche Repro­duktion dem Ori­ginal gegen­über selbstän­diger als die manu­elle. Sie kann, beispiels­weise, in der Photo­graphie Ansich­ten des Ori­ginals hervor­heben, die nur der verstell­baren und ihren Blick­punkt willkür­lich wählen­den Linse, nicht aber dem menschli­chen Auge zugäng­lich sind, oder mit Hilfe gewis­ser Verfah­ren wie der Ver­größe­rung und der Zeit­lupe Bilder festhal­ten, die sich der natür­lichen Optik schlecht­weg entzie­hen. [...] Sie kann zudem zweitens das Abbild des Ori­ginals in Situ­ationen bringen, die dem Origi­nals selbst nicht erreich­bar sind. Vor allem macht sie es möglich, dem Aufneh­menden entge­gen zu kommen'' (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja­min 1974a</bib>: S. 476). | ||
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Qua | Qua Reproduktionstechni­ken unter­graben Foto­grafie und Film nach Benja­min die zeitli­che/his­tori­sche und räumli­che Beson­derheit beste­hender Ori­gina­le; qua Produk­tionstech­niken erzeu­gen sie außer­dem keine neuen Ori­gina­le im empha­tischen Sinn mehr, sondern nur noch von vornhe­rein auf Repro­duktion ausge­richte­te Arte­fakte. Inwie­fern haben nach Benja­min nun Foto­grafie und Film den Gesamt­charak­ter der Kunst verän­dert? Benja­mins kultur­revo­lutio­näres Programm sieht in ihnen einer­seits die Depo­tenzie­rung des ritu­ellen Umgangs mit der Kunst, der sich auf das Ori­ginal gestützt hatte,<ref>Ré­gis De­bray, der Be­grün­der der [[Mediologie|Me­di­o­lo­gie]], hat ge­gen Ben­ja­min ein­ge­wandt, dass die Eman­zi­pa­ti­on des Bil­des vom Ri­tu­al be­reits weit­aus frü­her an­zu­set­zen sei, näm­lich im 15. Jahr­hun­dert, dem Jahr­hun­dert der Re­nais­san­ce und der frü­hen Re­pro­duk­ti­ons­tech­ni­ken wie Holz­schnitt, Stich und Ra­die­rung; vgl. <bib id='Debray 1999a'>De­bray 1999a</bib>: S. 122.</ref> ande­rerseits die Option auf einen poli­tischen Umgang mit ihr in der Zukunft. | ||
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Für die Symboltheorie und die | Für die Symboltheorie und die Klassi­fika­tion der Künste, die rund 30 Jahre nach Benja­min der ana­lyti­sche Philo­soph Goodman vorge­legt hat, sind insbe­sonde­re die rechtli­chen und ästhe­tischen Aspek­te des Ori­ginals wichtig bzw. die ästhe­tischen Konse­quenzen, die sich aus der (rechtli­chen) Diffe­renz zwischen Ori­ginal und Fälschung erge­ben. Nach Goodman sind Male­rei und Bildhau­erei auto­graphi­sche Künste. „Wir wollen ein Kunstwerk ''auto­graphisch'' nennen dann und nur dann, wenn der Unter­schied zwischen dem Ori­ginal und einer Fälschung von ihm bedeut­sam ist; oder, besser, dann und nur dann, wenn selbst das exak­teste Dupli­kat dadurch nicht als echt gilt.“ (<bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 113). Das „exak­teste Dupli­kat“, an dem Goodman seine Defi­nition illus­triert, ist eines, das durch bloßes Anschau­en nicht vom Ori­ginal unter­schieden werden kann. Selbst hier ist der Unter­schied zwischen Ori­ginal und Dupli­kat noch auf drei Ebe­nen ästhe­tisch rele­vant, | ||
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:''weil das Wissen um diese | :''weil das Wissen um diese Tatsa­che (1) als Grund dafür gilt, daß es mögli­cherwei­se einen Unter­schied zwischen ihnen gibt, den zu sehen ich lernen kann, (2) dem gegen­wärti­gen Anschau­en die Rolle zuschreibt, durch Schulung auf eine solche sinnli­che Wahrneh­mungsfä­higkeit hinzu­arbeiten, und (3) konse­quenter­weise Forde­rungen aufstellt, die meine gegen­wärti­ge Erfah­rung beim Anschau­en der beiden Bilder modi­fizie­ren und diffe­renzie­ren.'' (<bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 106). | ||
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Bei Werken, die für eine [[Notation]] | Bei Werken, die für eine [[Notation|Nota­tion]] geeig­net sind, etwa bei lite­rari­schen Texten und musi­kali­schen Kompo­siti­onen, stellt sich eine derar­tige Frage nach der Echt­heit nicht; sie zeichnen sich vielmehr durch eine begrenz­te Menge von Ele­menten und deren Anord­nung aus (vgl. <bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 116); bei Texten handelt es sich um die korrek­te Abfol­ge von Buchsta­ben, Satzzei­chen und Zwischen­räumen, bei Parti­turen übli­cherwei­se um die korrek­te Abfol­gen von Markie­rungen für Tonhö­he und Tondau­er im Noten­system. Für das lite­rari­sche oder musi­kali­sche Werk macht es keinen Unter­schied, ob es als Ori­ginal­manus­kript oder x-belie­biger Druck vorliegt, solan­ge es nur die iden­tischen Ele­mente und die entspre­chende Anord­nung aufweist. Goodmans Aufwer­tung des Ori­ginals in der bilden­den Kunst hinge­gen ergibt sich aus einem Bildbe­griff, für den [[Syntaktische Dichte|syntak­tische Dichte]] eine notwen­dige Bedin­gung darstellt. Syntak­tische Dichte besagt, alltags­sprachlich formu­liert, dass noch die kleinsten Unter­schiede für die Betrach­tung und Bewer­tung eines Bildes wichtig sind. Ein Bild ist daher in seiner konkre­ten mate­riel­len Beschaf­fenheit uner­setzlich, wir können uns bei Kopien niemals sicher sein, ob rele­vante Eigen­schaften im Kopier­prozess vernach­lässigt wurden. | ||
==Ausblick== | ==Ausblick== | ||
Aus dem Vorhergehenden lässt sich | Aus dem Vorhergehenden lässt sich ablei­ten, dass sich die Seman­tik von ‘Ori­ginal’ mit zentra­len Ele­menten der allge­meinen Bildthe­orie über­schneidet, dass sie komplex und biswei­len para­dox ist und kontro­vers disku­tiert wird. Ele­mente wie in der allge­meinen Bildthe­orie finden sich inso­fern, als auch hier Ähnlich­keit und Kausa­lität Gegen­stand der Refle­xion sind und da­rüber hinaus ‘Ori­ginal’ als Syno­nym für ‘Arche­typ’ gebraucht werden kann (vgl. <bib id='Hüllen 1971a'></bib>: S. 497); mit Letzte­rem schließt ‘Ori­ginal’ an das für Anti­ke und Mittel­alter ausschlag­geben­de Wortfeld um das griechi­sche [[griechisch: 'typos' und 'eidolon'|‘typtein’]] und [[griechisch: 'typos' und 'eidolon'|‘typos’]] an. Komplex ist die Seman­tik von ‘Ori­ginal’ wegen der klassi­fika­tori­schen und eva­luati­ven Verwen­dungswei­sen, der unter­schiedli­chen Gegen­begrif­fe, der sich über­lagern­den Diskur­se und Praxis­felder und der Möglich­keit, sowohl auf Produ­zenten als auch auf Arte­fakte zu refe­rieren. Para­dox wird sie dort, wo ausge­rechnet Neues und Ursprüng­liches verschmel­zen, und auch dort, wo Ori­ginal und Kopie inter­ferie­ren. Abge­sehen davon, dass Ori­gina­lität in Anbe­tracht von Ori­gina­litäts­zwang ausge­rechnet in der Kopie beste­hen könnte, gibt es in diesem Zusam­menhang vor allem das Problem der Ori­ginal­grafik. Unter bestimm­ten Aufla­gen kann ein Druckblatt, also eine Repro­duktion, den Status eines Ori­ginals erhal­ten, beispiels­weise wenn der Künstler den Entwurf und die Druckform anfer­tigt, den Druckpro­zess über­wacht und die Abzü­ge signiert (vgl. <bib id='Rebel 2009a'></bib>: S. 238). Kontro­vers disku­tiert wird schließlich insbe­sonde­re die Frage, inwie­fern die Herauf­kunft der [[Technische Medien|techni­schen Medien]] die ästhe­tische Rele­vanz des Ori­ginals berührt: Während Benja­min das Ori­ginal in der bilden­den Kunst schwinden sieht, hält Goodman an diesem fest. Dies ist nicht zuletzt der Wahl des zentra­len Gegen­stands geschul­det: Benja­mins Augen­merk gilt vor allem der Foto­grafie und dem Film, für Goodman hinge­gen steht noch die Male­rei im Fokus. | ||
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Version vom 11. September 2013, 16:19 Uhr
Unterpunkt zu: Bildsyntax
Etymologie und allgemeine Bedeutung/enDer Ausdruck ‘Original’ und seine Pendants im Englischen, Französischen, Italienischen usw. leiten sich etymologisch von ‘origo’, dem lateinischen Wort für ‘Ursprung’ ab. Dem Grimmschen Wörterbuch zufolge ist ein Original etwas Ursprüngliches, entweder im Sinne des Eigentümlichen und Angeborenen oder aber im Gegensatz zu Kopie oder Nachahmung (siehe auch ⊳ Mimesis). Dieser Gegensatz ist nicht nur für schriftliche Artefakte von Belang, etwa bei Übersetzungen oder Abschriften eines Originals, sondern auch und gerade für Bilder, nämlich dann, wenn sie ein Vor- oder Urbild (siehe auch ⊳ Bildtermini im modernen Deutsch) nachbilden; wie etwa der Fall des Porträts zeigt, muss das Original jedoch nicht zwangsläufig selbst ein Bild sein (vgl. [Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig.
Diskurse und PraxisfelderFür das Thema des Originals besitzen mindestens vier, teils sich überlagernde Diskurse oder Praxisfelder Relevanz, und ihnen gemäß sind technische, wirtschaftliche, juristische und ästhetische Aspekte zu berücksichtigen.[2] Auch deswegen ist die Rede vom Original oft vieldeutig. In technischer Hinsicht ist das Original vor allem der Bezugspunkt für die Kopie: Das Original ist einerseits für die Kopie kausal (mit-)verantwortlich (⊳ Index), andererseits ist sie ihm ähnlich. Originale sind schon immer kopiert worden. Von Skulpturen wurden Güsse hergestellt, und Gemälde etwa lassen sich beispielsweise malerisch oder zeichnerisch reproduzieren. In der Entwicklung der Reproduktionstechniken, zu denen im Laufe der Zeit neben die manuellen mehr und mehr auch maschinelle, elektronische und IT-gestützte Techniken getreten sind, lässt sich eine Tendenz beobachten: Das Original profiliert sich in der Regel gegen eine immer schneller hergestellte und immer größere Anzahl von Kopien. Entscheidend zu dieser Tendenz beigetragen haben technische Erfindungen und Massenmedien – oder detaillierter: seit dem 15. Jahrhundert der Buchdruck, der Holzschnitt, der Stich und die Radierung, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Lithographie und die Zeitung, seit dem 19. Jahrhundert die Fotografie und das industrielle Druckraster sowie in jüngerer Zeit natürlich die EDV (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart. In wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht wird das Original teils schon in der Renaissance, vor allem aber in der Frühen Neuzeit relevant, als die überkommenen Produktions- und Distributionsmuster allmählich von neuen überlagert werden. Für das herkömmliche Patronagesystem war die persönliche Bekanntschaft zwischen Auftraggeber und Künstler ausschlaggebend gewesen, die mündliche Empfehlung, der direkte Kontakt während des Arbeitsprozesses und vor allem eine Fülle von Vorgaben und Interventionen seitens des Auftraggebers (in Bezug auf Thema, Ausgestaltung, zu verwendende kostbare Materialien usw.).[3] Bei der dann allmählich einsetzenden Produktion für den anonymen Markt findet eine Emanzipation, aber auch Isolierung der Künstler statt, die jetzt vermehrt fertige Produkte anbieten (vgl. [Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M. Rechtliche und ästhetische Hinsichten überlagern einander insofern, als der Bezug auf das Original nicht allein den urheberrechtlichen Anspruch des Künstlers begründet, sondern parallel dazu auch die Auflösung der alteuropäischen Auffassung der Künste vorantreibt.[4] Seit der griechischen Antike wurden Künste als Mimesis der Natur begriffen, als Nachahmung also, die nach den Regeln einer techne ins Werk zu setzen war; die lateinische Tradition spricht analog dazu von imitatio, die auch auf hervorragende exempla und nicht nur auf die Natur ausgerichtet sein konnte, und von Regeln der ars. Die Ästhetiken des Originals ersetzen im 18. Jahrhundert diese objektive Fundierung durch eine subjektive. Demnach soll der Künstler nicht mehr Regeln, sondern nur seiner Originalität verpflichtet sein, was sich in der Produktion des authentischen Originalwerks niederzuschlagen hat, das sich von älteren Werken als neu abhebt. Das Original steht im Kern der Genieästhetik und auch der späteren romantischen Kunstauffassung.
TheorienVon den zahlreichen Theorien, die das Original erfolgreich zum Gegenstand gemacht haben, seien im Folgenden drei der wichtigsten kurz vorgestellt. Dabei handelt es sich um die Genieästhetik Edward Youngs, das kulturrevolutionäre Programm Walter Benjamins und die Symboltheorie Nelson Goodmans. Die «Conjectures on Original Composition», die der Dichter und Theoretiker Young 1759 veröffentlichte, stellen in mehrfacher Hinsicht eine Sammlung der bis dato entwickelten Theorien des Genies dar und kombinieren rechtliche, wirtschaftliche und ästhetische Aspekte. In seiner Kritik an der regelgeleiteten Produktion von Werken und in der Feier des Künstlers als eines starken Individuums stützt er sich vor allem auf ein Vokabular der Natur und des Eigentums bzw. der Eigentümlichkeit:
Dem Original (dem Künstler) und auch den von ihm produzierten Originalen (den Werken) attestiert Young damit, selbst schon das zu sein, was für die alteuropäische Mimesis noch der Bezugspunkt war: nämlich Natur. Als Original rücken Künstler und Werk so in den Rang des Primären, Ursprünglichen. Darüber hinaus liefern die «Conjectures» allerdings Einblicke in das Bedingungsverhältnis von technischen und ästhetischen Aspekten, die die zeittypische Aufwertung ansatzweise dekonstruieren. Nach Young gibt es in der Moderne schlichtweg zu viele Artefakte, was er im (Buch-)Druck, in der „perpetuating power of the press“ begründet sieht ([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay. Eine ausführliche Thematisierung des Originals findet sich auch in der Studie «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» des Philosophen und Medientheoretikers Benjamin. Prämisse dieser Studie aus den 1930er Jahren ist, dass Fotografie und Film um 1900 eine Krise ausgelöst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigenschaft als Reproduktions- wie auch als Produktionstechniken. Anstatt die seinerzeit übliche Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwiefern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspektive um und untersucht, in welchem Maße sie ihrerseits den „Gesamtcharakter der Kunst“ verändert haben ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Qua Reproduktionstechniken untergraben Fotografie und Film nach Benjamin die zeitliche/historische und räumliche Besonderheit bestehender Originale; qua Produktionstechniken erzeugen sie außerdem keine neuen Originale im emphatischen Sinn mehr, sondern nur noch von vornherein auf Reproduktion ausgerichtete Artefakte. Inwiefern haben nach Benjamin nun Fotografie und Film den Gesamtcharakter der Kunst verändert? Benjamins kulturrevolutionäres Programm sieht in ihnen einerseits die Depotenzierung des rituellen Umgangs mit der Kunst, der sich auf das Original gestützt hatte,[7] andererseits die Option auf einen politischen Umgang mit ihr in der Zukunft. Für die Symboltheorie und die Klassifikation der Künste, die rund 30 Jahre nach Benjamin der analytische Philosoph Goodman vorgelegt hat, sind insbesondere die rechtlichen und ästhetischen Aspekte des Originals wichtig bzw. die ästhetischen Konsequenzen, die sich aus der (rechtlichen) Differenz zwischen Original und Fälschung ergeben. Nach Goodman sind Malerei und Bildhauerei autographische Künste. „Wir wollen ein Kunstwerk autographisch nennen dann und nur dann, wenn der Unterschied zwischen dem Original und einer Fälschung von ihm bedeutsam ist; oder, besser, dann und nur dann, wenn selbst das exakteste Duplikat dadurch nicht als echt gilt.“ ([Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Bei Werken, die für eine Notation geeignet sind, etwa bei literarischen Texten und musikalischen Kompositionen, stellt sich eine derartige Frage nach der Echtheit nicht; sie zeichnen sich vielmehr durch eine begrenzte Menge von Elementen und deren Anordnung aus (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
AusblickAus dem Vorhergehenden lässt sich ableiten, dass sich die Semantik von ‘Original’ mit zentralen Elementen der allgemeinen Bildtheorie überschneidet, dass sie komplex und bisweilen paradox ist und kontrovers diskutiert wird. Elemente wie in der allgemeinen Bildtheorie finden sich insofern, als auch hier Ähnlichkeit und Kausalität Gegenstand der Reflexion sind und darüber hinaus ‘Original’ als Synonym für ‘Archetyp’ gebraucht werden kann (vgl. [Hüllen 1971a]Hüllen, Jürgen (1971): Archetypus. In: Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1 (A-C). Schwabe, Basel. |
Anmerkungen
Literatur
[Baxandall 1999a]Baxandall, Michael (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Malerei und Erfahrung im Italien der Renaissance. Klaus Wagenbach, Berlin.[Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Debray 1999a]Debray, Régis (1999): Für eine Mediologie. In: Pias, C. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.[Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig.[Häseler 2002a]Häseler, Jens (2002): Original/Originalität. In: Barck, K.; Fontius, M.; Schlenstedt, D.; Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4: Medien – Populär. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.[Hüllen 1971a]Hüllen, Jürgen (1971): Archetypus. In: Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1 (A-C). Schwabe, Basel.[Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plumpe 1988a]Plumpe, Gerhard (1988): Kunst und juristischer Diskurs. Mit einer Vorbemerkung zum Diskursbegriff. In: Fohrmann, J. & Müller, H. (Hg.), Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Schmücker 2011a]Schmücker, Reinold (2011): Lob der Fälschung. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.[Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |