Ästhesiologie: Unterschied zwischen den Versionen
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Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthesis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahr­nehmung]]’. Er bedeutet im all­gemei­nen natur­ | Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthesis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahr­nehmung]]’. Er bedeutet im all­gemei­nen natur­wissen­schaft­lichen oder medizi­nischen Sprach­gebrauch die ‹Sinnes­lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes­organen bzw. Sinnes­werkzeugen›. | ||
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Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur | Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe­sondere natur­herme­neuti­sche, erkennt­nistheo­retische und anthro­polo­gische, sondern auch dezi­diert ästhe­tische Inten­tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis­mus, Futu­rismus und Expres­sionis­mus sowie am abstrakten Film um 1920: „Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema­tischen Sinn­gebung an die Ding­lich­keit der Dar­stellung gebunden? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei­schwebend behandeln wie die Töne?“ (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 256). Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens­unver­tausch­bar­keit von Auge und Ohr“ ab. Zusammen damit hängt die Ent­wicklung der „Grund­legung einer Philo­sophie der Musik“, die Plessner gewisser­maßen als die „Theorie des musi­kalischen Verstehens“ begreift, als ihre „aller Musik­ästhe­tik“ voraus­gehende Erkennt­nistheo­rie (<bib id='Plessner 1923b'></bib>: S. 384). Als Konse­quenz seiner Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens behauptet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl­lig, sondern „sinn­gemäß“. Damit ist verbun­den „der wert­theo­reti­sche, d.h. kultur­kriti­sche Nach­weis einer gewissen Unver­tausch­bar­keit der Sinne, ihrer Un­ver­tret­bar­keit als wert­spezi­fischer materiae primae“. Diese Unver­tretbar­keit bedeutet einer­seits, dass „in Farben und Umriß­linien nicht ''musiziert'' werden kann – was der ''Ex­pressi­onismus'' wollte“ und anderer­seits, dass in Tönen und Melo­dien nicht schema­tisiert werden könne (<bib id='Plessner 1923b'></bib>: S. 380). | ||
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Der späte Plessner greift das | Der späte Plessner greift das sinnes­philo­sophische Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezi­dierte ''Anthro­pologie'' der Sinne entwickelt (<bib id='Plessner 1970a'></bib>) und sich von der Geist­theorie und dem trans­zenden­talen Ansatz seines früheren Buches verab­schiedet. Dabei revoziert er u.a. seine Kritik am Expres­sionis­mus, inso­fern er nun das Programm einer „Musi­kali­sierung des Sehens“ (<bib id='Plessner 1970a'></bib>: S. 340) nicht mehr als „Ver­irrung oder Ab­weichung vom rechten Weg“ begreift (<bib id='Plessner 1970a'></bib>: S. 341). | ||
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Version vom 25. Februar 2013, 17:35 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abgeleitet vom griechischen Wort ‘aisthesis’, ‘Wahrnehmung’. Er bedeutet im allgemeinen naturwissenschaftlichen oder medizinischen Sprachgebrauch die ‹Sinneslehre› oder die ‹Lehre von den Sinnesorganen bzw. Sinneswerkzeugen›.
Ästhesiologie bei PlessnerIm Anschluss an diese Begriffsbedeutung, aber mit dem spezifischen Zusatz ‘des Geistes’, konzipiert der Philosoph Helmuth Plessner (1892-1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Hauptwerk von 1923, eine umfassende Philosophie der menschlichen Sinne ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unterscheidet sich in signifikanter Weise von einer physikalischen, psychologischen oder physiologischen, d.h. empirischen Erforschung der menschlichen Sinnesmodalitäten. Ähnlich wie die philosophischen Normwissenschaften Logik, Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik, die ebenfalls nicht-emprisch verfahren, begreift Plessner die von ihm intendierte Theorie der Sinnesqualitäten als eine Normwissenschaft, die von ihm auch im Anschluss an eine Formulierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeichnet wird ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Freilegung der „Sinngesetze der Sinnlichkeit“ ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinngebungsformen, die er mit dem Ziel konzipiert, „aus der Einheit des Sinns“ die „Mannigfaltigkeit der physischen Sinne“ zu verstehen ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. Da für Plessner nur diejenigen kulturellen Phänomene ästhesiologisch bedeutsam sind, bei denen jeweils nur eine Sinngebungsform mit nur einer Sinnesmodalität ein Verbindung eingegangen sind, konzentriert sich die ästhesiologische Untersuchung auf die euklidische Geometrie (als Verbindung der Modalität des Sehens mit der Sinngebungsform “Schematismus”) und die absolute Musik (als Verbindung der Modalität des Hörens mit der Sinngebungsform “Thematismus”). An diesen kulturellen Objektivationen entwickelt Plessner differenzierte Ästhesiologien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Einblick in den jeweiligen “Sinn” dieser Modi.
Von der Ästhesiologie zur Anthropologie der SinneMit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbesondere naturhermeneutische, erkenntnistheoretische und anthropologische, sondern auch dezidiert ästhetische Intentionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubismus, Futurismus und Expressionismus sowie am abstrakten Film um 1920: „Warum ist die bildende Kunst in ihrer thematischen Sinngebung an die Dinglichkeit der Darstellung gebunden? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so freischwebend behandeln wie die Töne?“ ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. Der späte Plessner greift das sinnesphilosophische Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezidierte Anthropologie der Sinne entwickelt ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. |
Anmerkungen
Literatur
[Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München [Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |