Bildrhetorik: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Version vom 25. Februar 2013, 15:16 Uhr

Unterpunkt zu: Bildpragmatik


Die Rhetorik eines Bildes (verstanden als zwei­dimen­sionales still) ist sein kommunikatives, auf mentalen Wechsel beim Adressaten gerichtetes Beein­flussungs­potenzial. Die so verstandene Bild­rhetorik ist Teil der weiter reichenden visuellen Rhetorik, die auch Bilder­folgen, kulturelle Symbole, Filme und sonstige visuelle Arte­fakte unter­sucht. Dem rhetorischen Verständnis des Bildes liegt der allgemein­rhetorische Ansatz zugrunde, der von produktions­theoretischen Über­legungen ausgeht und auch Bild­texturen (also geordnete, begrenzte Bild­zeichen­komplexe in kommunikativer Absicht) als Ergebnis von Beein­flussungs­kalkülen sieht. Sie regieren aus rhetorischer Sicht die Produktion eines Bildes ganz oder teilweise. Rhetorische Kalküle sind Botschafts­kalküle. Sie sind auf die Konstruktion von Aspekten der Bildsemantik orientiert, die den abgebildeten Sach­verhalten eine Tendenz geben (daher „Orientierungs­aspekte“, siehe [Knape 2008a]Knape, Joachim (2008): Rhetorik der Künste. In: Fix, U.; Gardt, A. & Knape, J. (Hg.), Rhetorik und Stilistik / Rhetoric and Stylistics. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung / An International Handbook of Historical and Systematic Research, 1. Halbband/​Volume 1. de Gruyter, Berlin, New York.
Nicht angezeigt: HSK. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / Handbooks of Linguistics and Communication Science, 31.1
). Damit sind sie in der Lage, eine Bewusst­seins­differenz beim Adressaten zu evozieren.

Rhetoriktheoretisch ist damit aber nur teilweise das umstrittene Problem gelöst, ob Bild­texturen “für sich genommen” persuasiv sein können (also aus sich heraus mentalen Wechsel von A nach B bewirken können) oder ob sie nicht immer einen laut­sprachlichen Kontext brauchen, um persuasiv zu sein. Das hängt damit zusammen, dass Bild­texte, wenn es Bilder im strengen Sinn sind, (anders als laut­sprachliche Texte) nicht dazu in der Lage sind, allein mit Bild­zeichen eine logisch-syl­logistische Struktur abzubilden. Sie können als “Texte” (konstruiert aus Bildzeichen) folglich auch keine argumen­tativen Schlüsse “formulieren” bzw. enthalten. Eventuelle Schluss­folgerungen ergeben sich nur mithilfe externer frames, die bild­externe Voraus­setzungen und post­perzeptuelle mentale Anschluss­operationen bedingen. In der Diskussion steht auch die Frage, inwieweit sich die klassische Figuren­lehre der Rhetorik auf das Bild über­tragen und in die Theorie der Bild­rhetorik integrieren lässt (vgl. etwa [Doelker 2007a]Doelker, Christian (2007): Figuren der visuellen Rhetorik in werblichen Gesamttexten. In: Knape, J. (Hg.), Bildrhetorik. Koerner, Baden-Baden.
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; siehe dagegen die skeptische Position bei [Knape 1994a]Knape, Joachim (1994): Rhetorizität und Semiotik. Kategorientransfer zwischen Rhetorik und Kunsttheorie in der Frühen Neuzeit. In: Kühlmann, W. & Neuber, W. (Hg.), Intertextualität in der Frühen Neuzeit. Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven. Lang, Bern etc.
; [Knape 2005a]Knape, Joachim (2005): Rhetorik. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 140-142 und [Knape 2007a]Knape, Joachim (2007): Bildrhetorik. Einführung in die Beiträge des Bandes. In: Knape, J. (Hg.), Bildrhetorik. Koerner, Baden-Baden.
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: S. 20; ⊳ Bild und rhetorische Figur).

Regelmäßig sind bei der Bildproduktion aber auch ästhetische Kalküle am Werk, die etwa auf Wohl­gefallens­effekte orientiert sind. Sie müssen von den rhetorischen Kalkülen systematisch unterschieden werden. Wenn sie gegen­über den rhetorischen Kalkülen dominieren, spricht man den Bildern oft Kunstcharakter zu. Dennoch kann man bei Kunst­werken ebenfalls meistens davon ausgehen, dass solche Bilder zumindest einen rhetorischen Orientierungsfaktor (Botschafts­faktor) besitzen.

Generell besteht die rhetorische Analyse von Bildern darin, die der Produktion zugrunde liegenden und im Bild sedimentierten rhetorischen Kalküle heraus­zu­arbeiten und in ihrem strategischen Ansatz zu rekonstruieren. Das Augen­merk ist dabei auf das erkennbare Evokations­potenzial des Bildes gerichtet, d.h. auf Bild­text­aspekte, die bestimmte kognitive oder emotionale Anschluss­operationen beim Adressaten hervorzurufen vermögen. Es lassen sich sieben, oft auch im Verbund rhetorisch einsetz­bare Orientierungs­aspekte unterscheiden: der instruktive (die Sache wird konkret so und nicht anders dar­gestellt), der verifikative (für die Sache wird in der außer­semiotischen Realtität, also jenseits der Bild­textur, eine faktische Entsprechung/Referenz postuliert), der axiomative (die Geltung von Werten und Regeln steht in Frage), der evaluative (etwas wird bewertet), emotive (die Affekte werden angesprochen), der direkt-stimulative (Evokationen werden über direkte Stimulus-Response-Mechanismen ausgelöst) und der voluntative Aspekt (Appell an handlungsauslösende Willens­impulse) (vgl. [Knape 2008a]Knape, Joachim (2008): Rhetorik der Künste. In: Fix, U.; Gardt, A. & Knape, J. (Hg.), Rhetorik und Stilistik / Rhetoric and Stylistics. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung / An International Handbook of Historical and Systematic Research, 1. Halbband/​Volume 1. de Gruyter, Berlin, New York.
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: S. 918-924).

Anmerkungen
Literatur
[Doelker 2007a]Doelker, Christian (2007): Figuren der visuellen Rhetorik in werblichen Gesamttexten. In: Knape, J. (Hg.), Bildrhetorik. Koerner, Baden-Baden.[Knape 1994a]Knape, Joachim (1994): Rhetorizität und Semiotik. Kategorientransfer zwischen Rhetorik und Kunsttheorie in der Frühen Neuzeit. In: Kühlmann, W. & Neuber, W. (Hg.), Intertextualität in der Frühen Neuzeit. Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven. Lang, Bern etc.[Knape 2005a]Knape, Joachim (2005): Rhetorik. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Knape 2007a]Knape, Joachim (2007): Bildrhetorik. Einführung in die Beiträge des Bandes. In: Knape, J. (Hg.), Bildrhetorik. Koerner, Baden-Baden.[Knape 2008a]Knape, Joachim (2008): Rhetorik der Künste. In: Fix, U.; Gardt, A. & Knape, J. (Hg.), Rhetorik und Stilistik / Rhetoric and Stylistics. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung / An International Handbook of Historical and Systematic Research, 1. Halbband/​Volume 1. de Gruyter, Berlin, New York.

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Marcel Lemmes — (Hinweis)