Bildwissenschaft vs. Bildtheorie: Unterschied zwischen den Versionen
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Für Wiesing besteht die entscheidende Pointe, die aus der Grenzziehung zwischen ''Bildtheorie'' auf der einen und ''Bildwissenschaft'' auf der anderen Seite folgt, darin, dass die bild''theoretische'' Untersuchungsebene aufgrund ihres postulierten argumentativen Grundcharakters "gar nicht anders als ''philosophisch'' geschehen kann" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 16; meine Hervorhebung). Begründet wird diese These durch den Hinweis, dass die systematische Auseinandersetzung mit Begriffsfragen für die besondere Art und Weise philosophischen Forschens geradezu konstitutiv sei. ''Bildtheorie'' wäre demnach immer auch ''Bildphilosophie'', wobei zu vermerken ist, dass eine Philosophie des Bildes nach Wiesings Dafürhalten stets mit einer Phänomenologie des Bildes einhergeht ([[Phänomenologische Bildtheorien]], [[Phänomenologie des Bildes]]). | Für Wiesing besteht die entscheidende Pointe, die aus der Grenzziehung zwischen ''Bildtheorie'' auf der einen und ''Bildwissenschaft'' auf der anderen Seite folgt, darin, dass die bild''theoretische'' Untersuchungsebene aufgrund ihres postulierten argumentativen Grundcharakters "gar nicht anders als ''philosophisch'' geschehen kann" (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 16; meine Hervorhebung). Begründet wird diese These durch den Hinweis, dass die systematische Auseinandersetzung mit Begriffsfragen für die besondere Art und Weise philosophischen Forschens geradezu konstitutiv sei. ''Bildtheorie'' wäre demnach immer auch ''Bildphilosophie'', wobei zu vermerken ist, dass eine Philosophie des Bildes nach Wiesings Dafürhalten stets mit einer Phänomenologie des Bildes einhergeht ([[Phänomenologische Bildtheorien]], [[Phänomenologie des Bildes]]). | ||
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Es ist zu empfehlen, Wiesings Differenz zwischen ''Bildtheorie'' und ''Bildwissenschaft'' lediglich in einem idealtypischen Sinne zu verstehen; Wiesing selbst regt an, zwischen beiden Untersuchungsebenen ein komplementäres Verhältnis zu sehen (vgl. <bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IV). Zum einen wird sich eine lediglich mit begrifflichen Problemen beschäftigende Bildtheorie in letzter Konsequenz auch an ihrem praktischen Nutzen messen lassen müssen. Wer erklären möchte, durch welche Faktoren allgemeine Kriterien für Bildlichkeit bereitgestellt werden, kommt nicht umhin, eben diese Faktoren einem praktischen Test zu unterziehen. Anders gesagt: Eine allgemeine Theorie (oder Philosophie) des Bildes hat herauszustellen, aus welchen Gründen ein konkretes Objekt berechtigterweise als Bild bezeichnet werden kann und warum anderen konkreten Objekten die Kategorisierung als Bild verwehrt bleiben sollte. So sehr zu diesem Zweck abstrakte Argumente vorgebracht werden müssen, so wenig kann sich eine mit dem Begriff des Bildes beschäftigende | Es ist zu empfehlen, Wiesings Differenz zwischen ''Bildtheorie'' und ''Bildwissenschaft'' lediglich in einem idealtypischen Sinne zu verstehen; Wiesing selbst regt an, zwischen beiden Untersuchungsebenen ein komplementäres Verhältnis zu sehen (vgl. <bib id='Wiesing 2008a'></bib>: S. IV). Zum einen wird sich eine lediglich mit begrifflichen Problemen beschäftigende Bildtheorie in letzter Konsequenz auch an ihrem praktischen Nutzen messen lassen müssen. Wer erklären möchte, durch welche Faktoren allgemeine Kriterien für Bildlichkeit bereitgestellt werden, kommt nicht umhin, eben diese Faktoren einem praktischen Test zu unterziehen. Anders gesagt: Eine allgemeine Theorie (oder Philosophie) des Bildes hat herauszustellen, aus welchen Gründen ein konkretes Objekt berechtigterweise als Bild bezeichnet werden kann und warum anderen konkreten Objekten die Kategorisierung als Bild verwehrt bleiben sollte. So sehr zu diesem Zweck abstrakte Argumente vorgebracht werden müssen, so wenig kann sich eine mit dem Begriff des Bildes beschäftigende Bildtheorie bzw. -philosophie von konkreten Anschauungsbezügen ablösen. | ||
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Zum anderen ist keinesfalls auszuschließen, dass eine empirisch arbeitende ''Bildwissenschaft'' nicht auch bildbegriffliche und damit bild''theoretische'' Erkenntnisse ans Licht bringen kann. Dazu ein Beispiel: Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat in seinen Arbeiten über Galileo Galilei aufgezeigt, wie wichtig die persönliche Kunstfertigkeit Galileis für die Entstehung seiner bahnbrechenden astronomischen Theorien gewesen ist (<bib id='Bredekamp 2007a'></bib>). Obwohl Bredekamp in diesem Zusammenhang ausgiebig auf Skizzen, Zeichnungen und Bilder zurückgreift, um seine Thesen zu untermauern, beschränkt sich seine Forschung nicht darin, lediglich empirisch-historisches Material aufzuarbeiten und auszudeuten. Vielmehr wird anhand von konkreten Bildern demonstriert, welch bedeutenden Stellenwert bildliche Darstellungen für die Genese von wissenschaftlichem Wissen besitzen. Thematisiert werden damit nicht nur kunst- und wissenschaftshistorische Problemstellungen, sondern auch Fragen über die erkenntnisstiftende Kraft und Evidenz von Bildern - Fragen, die seit jeher auch in der Philosophie des Bildes untersucht worden sind und insofern zugleich ein bild''theoretisches'' Erkenntnisinteresse bedienen. | Zum anderen ist keinesfalls auszuschließen, dass eine empirisch arbeitende ''Bildwissenschaft'' nicht auch bildbegriffliche und damit bild''theoretische'' Erkenntnisse ans Licht bringen kann. Dazu ein Beispiel: Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat in seinen Arbeiten über Galileo Galilei aufgezeigt, wie wichtig die persönliche Kunstfertigkeit Galileis für die Entstehung seiner bahnbrechenden astronomischen Theorien gewesen ist (<bib id='Bredekamp 2007a'></bib>). Obwohl Bredekamp in diesem Zusammenhang ausgiebig auf Skizzen, Zeichnungen und Bilder zurückgreift, um seine Thesen zu untermauern, beschränkt sich seine Forschung nicht darin, lediglich empirisch-historisches Material aufzuarbeiten und auszudeuten. Vielmehr wird anhand von konkreten Bildern demonstriert, welch bedeutenden Stellenwert bildliche Darstellungen für die Genese von wissenschaftlichem Wissen besitzen. Thematisiert werden damit nicht nur kunst- und wissenschaftshistorische Problemstellungen, sondern auch Fragen über die erkenntnisstiftende Kraft und Evidenz von Bildern - Fragen, die seit jeher auch in der Philosophie des Bildes untersucht worden sind und insofern zugleich ein bild''theoretisches'' Erkenntnisinteresse bedienen. | ||
Version vom 11. April 2011, 21:51 Uhr
Unterpunkt zu: Bildphilosophische Abgrenzungen
Darstellung des gr. ZusammenhangsDie bildwissenschaftliche Forschungsdebatte ist durch ein hohes Maß an Heterogenität charakterisiert. Nicht nur gibt es eine kontroverse Diskussion über die Frage, welche Disziplin(en) und Methode(n) den Ausgangspunkt einer allgemeinen Bildwissenschaft zu bilden haben; auch herrscht große Uneinigkeit darüber, mit welchem Oberbegriff die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Bildes versehen werden sollte. In der Tat werden die verschiedensten Ansätze und Methoden häufig einheitlich als »Bildwissenschaft« bezeichnet. Diese Vorgehensweise stößt bei einigen Bildwissenschaftlern auf Kritik. Ihrer Meinung nach werden die Differenzen, die zwischen höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen bestehen, durch eine mangelnde terminologische Trennschärfe nur schwer ersichtlich oder sogar unkenntlich gemacht. Aus diesem Grund fordern sie dazu auf, vorhandene programmatische Differenzen terminologisch klar zu kennzeichnen. Bildwissenschaft vs. BildtheorieDer vielleicht einfachste Vorschlag zur terminologischen Differenzierung von höchst unterschiedlich aufgebauten bildwissenschaftlichen Konzeptionen stammt von dem Philosophen Lambert Wiesing. Um den programmatischen und methodischen Unterschieden zwischen empirisch-historisch und theoretisch-begrifflich ausgerichteten bildwissenschaftlichen Forschungsansätzen bereits terminologisch Rechnung zu tragen, schlägt Wiesing vor, eine bildwissenschaftliche und eine bildtheoretische Untersuchungsebene voneinander zu differenzieren. Dabei zählt er zur Bildwissenschaft solche Disziplinen, die Bilder als "konkrete Dinge" ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Bilderwissenschaft vs. BildwissenschaftLambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mithilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R. J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch stark voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen, bei näherem Hinsehen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Konsequenzen und Schwerpunkte implizieren. Für die Analyse der "spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken" ([Sachs-Hombach & Schirra 2006a]Sachs-Hombach, Klaus; Jörg R.J. Schirra (2006): Darstellungsstil als bild-rhetorische Kategorie. Einige Vorüberlegungen. IMAGE. Themenheft Bild-Stil: Strukturierung der Bildinformation, 3.
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Anmerkungen
Literatur
[Brandom 2000a]Brandom, Robert (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung (1994). Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bredekamp 2007a]Bredekamp, Horst (2007): Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand. Akademie, Berlin.[Habermas 1995a]Habermas, Jürgen (1995): Theorie des kommunikativen Handelns (1981), 2 Bd.. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Halawa 2011a]Halawa, Mark A. (2011): Editorial: Homo pictor und animal symbolicum: Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer philosophischen Bildanthropologie. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Halawa 2012a]Halawa, Mark A. (2012): Die Bilderfrage als Machtfrage. Perspektiven einer Kritik des Bildes. Kadmos, Berlin.[Halawa 2014a]Halawa, Mark A. (2014): Anthropologie: Bilder als Bedingung des Menschseins. In: Günzel, S. & Mersch, D. (Hg.), Bild: Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart.[Herder 2001a]Irmscher, H.D. (Hg.) (2001): Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772). Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Popper 2002a]Bohnet, H. & Stadler, K. (Hg.) (2002): Alle Menschen sind Philosophen. Piper, München, Zürich.[Sachs-Hombach & Schirra 2009a]Sachs-Hombach, Klaus & Schirra, Jörg R.J. (2009): Medientheorie, visuelle Kultur und Bildanthropologie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Schirra & Sachs-Hombach 2006a]Schirra, Jörg R. J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Bild und Wort. Ein Vergleich aus bildwissenschaftlicher Sicht. ELiSe: Essener Linguistische Skripte – elektronisch, 6, 1.[Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.[Ulama 2011a]Ulama, Nisaar (2011): Von Bildfreiheit und Geschichtsverlust: Zu Hans Jonas' homo pictor. IMAGE - Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, 14.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |