Sehen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==Wittgensteins »Aspekt­sehen«==  
==Wittgensteins »Aspekt­sehen«==  
Mit dem vielzitierten Beispiel einer gezeichneten Gestalt, deren Konturen wahlweise einen Hasen- oder einen Entenkopf<ref>Wittgenstein kannte diese Figur aus den Arbeiten des amerikanischen Psychologen Joseph Jastrow, der seine Überlegungen dazu bereits 1899 veröffentlichte.</ref> sehen lässt, hat Wittgenstein das so genannte Aspektsehen beschrieben, das er „halb Seherlebnis, halb ein Denken“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgenstein 1971</bib>: S. 525) nannte. Aspektsehen ist ein semantisches ‚Sehen-als’; ich sehe dabei etwas-als-etwas, nämlich die Strichfigur als Hasen resp. als Ente. Beide Bedeutungen sehe ich nicht ‚in die Strichfigur hinein’, wie ich etwa Geographien in Wolkenformationen hineinsehen kann, denn ich kann die Strichfigur nicht als etwas Amorphes wahrnehmen ohne entweder die eine oder die andere Figur darin zu erkennen. Vielmehr hat das Sehen des Bildes zwei Möglichkeiten: H oder E. Die Amphibolie von einem ins andere ist konstitutiv für das Aspektsehen. Es weist darin eine bedenkenswerte Übereinstimmung mit dem Darstellungssehen auf. Wenn man etwas Dargestelltes im Darstellenden sieht, Greta Garbo als Mata Hari etwa, hält sich das Sehen inmitten einer Differenz auf, die auch für das Aspektsehen charakteristisch ist. Das Gesichtsbild ändert sich nicht, wohl aber unsere Auffassung von ihm.
Mit dem vielzitierten Beispiel einer gezeich&shy;neten Gestalt, deren Kontu&shy;ren wahlwei&shy;se einen Hasen- oder einen Enten&shy;kopf<ref>Witt&shy;gen&shy;stein kann&shy;te die&shy;se Fi&shy;gur aus den Ar&shy;bei&shy;ten des ame&shy;ri&shy;ka&shy;ni&shy;schen Psy&shy;cho&shy;lo&shy;gen Jo&shy;seph Jas&shy;trow, der sei&shy;ne Über&shy;le&shy;gun&shy;gen da&shy;zu be&shy;reits 1899 ver&shy;öf&shy;fent&shy;lich&shy;te.</ref> sehen lässt, hat Wittgen&shy;stein das so genann&shy;te ''Aspektsehen'' beschrie&shy;ben, das er „halb Seher&shy;lebnis, halb ein Denken“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgen&shy;stein 1971</bib>: S. 525) nannte. Aspekt&shy;sehen ist ein seman&shy;tisches “Sehen-als”; ich sehe dabei etwas-als-etwas, nämlich die Strichfi&shy;gur als Hasen resp. als Ente. Beide Bedeu&shy;tungen sehe ich nicht “in die Strichfi&shy;gur hinein”, wie ich etwa Geogra&shy;phien in Wolken&shy;forma&shy;tionen hinein&shy;sehen kann, denn ich kann die Strichfi&shy;gur nicht als etwas Amor&shy;phes wahrneh&shy;men, ohne entwe&shy;der die eine oder die ande&shy;re Figur darin zu erken&shy;nen. Vielmehr hat das Sehen des Bildes zwei Möglich&shy;keiten: ''H'' oder ''E''. Die Amphi&shy;bolie von einem ins andere ist konsti&shy;tutiv für das Aspekt&shy;sehen. Es weist darin eine beden&shy;kenswer&shy;te Über&shy;einstim&shy;mung mit dem Darstel&shy;lungsse&shy;hen auf. Wenn man etwas Darge&shy;stelltes im Darstel&shy;lenden sieht, Greta Garbo als Mata Hari etwa, hält sich das Sehen inmit&shy;ten einer Diffe&shy;renz auf, die auch für das Aspekt&shy;sehen charak&shy;teristisch ist. Das Gesichts&shy;bild ändert sich nicht, wohl aber unsere Auffas&shy;sung von ihm.
[[Kippbild|Kippfiguren]] sind daher weit über ihren Status als wahrnehmungspsychologische Experementierfelder hinaus interessant für das Verhältnis von Sehen und Deuten, Wahrnehmen und Vorstellen. Wittgenstein fragt sich: „Sehe ich jedesmal wirklich etwas anderes, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum?“ (Ebd.: S. 550)
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Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzeption unterscheidbarer Vorgang. Das aber wäre notwendig, um einen eigenständigen Wahrnehmungszustand von einer schlussfolgernden Denkoperation unterscheiden zu können<ref>In seinem Kommentar zu Wittgensteins Überlegungen schreibt Thorsten Jantschek, Deuten sei das Bilden einer Annahme über das Gesehene hinaus, aber wenn es so einfach wäre, müsste man das Gesehene unabhängig von seiner Deutung beschreiben können.(<bib id='Jantschek 1997a'>Jantschek 1997</bib>) Es gibt aber kein Bild unabhängig von seiner Auffassung als Hase oder Ente. Weiter führt uns demnach die „Einsicht, daß Denken und Sehen (immer schon) aufeinander bezogen sind und daß diese Beziehung im Sehen-als zutage tritt“. Ebd.: 319.</ref>. Das Aspektsehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrennbarkeit von Wahrnehmung und Sinnbildung: Ob ich die Konturen der Strichfigur als Umrisse eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträglichen Urteilsfindung, sondern mit dem visuellen Erfassen ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gegeben. Es ähnelt auch darin dem Bildersehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgenstein 1971</bib>: S. 519).  
[[Kippbild|Kippfiguren]] sind daher weit über ihren Status als wahrneh&shy;mungspsy&shy;cholo&shy;gische Expe&shy;rimentier&shy;felder hinaus inte&shy;ressant für das Verhält&shy;nis von »Sehen« und »Deuten«, »Wahrnehmen« und »Vorstellen«. Wittgen&shy;stein fragt sich:  
Das Beispiel macht insofern nur auf besonders griffige Weise deutlich, dass Sehen oft bedeutet, Perspektiven einzunehmen, aus denen heraus etwas als x und nicht als y erscheint. Dinge haben und veranlassen verschiedene Ansichten, was sie sind oder nicht sind, ist notwendig perspektivisch bedingt und auffassungsabhängig.  
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Im Unterschied zu arbiträr vielen Sichtweisen sind Hasen- und Entenkopf aber beide gleichermaßen gegebene Sehmöglichkeiten und als solche keineswegs beliebig.
:''Sehe ich jedesmal wirklich etwas ande&shy;res, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschie&shy;dene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum?'' (Ebd.: S. 550)  
Indem Wittgenstein nun nach einem Kriterium sucht für das, was ‚eigentliches Sehen’ genannt werden könnte, gerät er an die Grenzen des Sprachgebrauchs: „,Das ist doch kein Sehen!’ – ‚Das ist doch ein Sehen!’ – Beide müssen sich begrifflich rechtfertigen lassen. [...] Inwiefern ist es ein Sehen?“<ref>Ebd.: 324f.</ref> Die Schwierigkeiten sind solche der Beschreibungssprache, denn um diese Form des Sehens-als zu beschreiben, muss man so etwas wie eine erste Ebene basaler Sinneswahrnehmung zugrunde legen, auch wenn die Pointe des Aspektsehens gerade darin liegt, dass Visuelles und Mentales nicht getrennt voneinander vorkommen. Sie sind gewissermaßen zugleich getrennt und ungetrennt, weil man einerseits Akte responsiver Kenntnisnahme von Akten logischen Schließens oder narrativen Deutens generell unterscheiden kann, andererseits aber kein sinnliches Rohmaterial perzipiert, sondern eine je bedeutungshaft organisierte Wahrnehmung hat.
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Thomas Kuhn hat abrupte Paradigmenwechsel innerhalb der Wissenschaftsentwicklung als Sehen-als bezeichnet. Nach einer wissenschaftlichen Revolution werde die Welt ‚als etwas anderes gesehen’. „Was in der Welt des Wissenschaftlers vor der Revolution Ente (sic) waren, sind nachher Kaninchen.“ (<bib id='Kuhn 1973a'>Kuhn 1973</bib>: S. 123) Anderssehen heißt in diesem Zusammenhang folglich im Rahmen anderer Theoriegebäude sehen<ref>Judith Genova versteht Wittgensteins ganzes Philosophieren als methodisch praktiziertes Aspektsehen, um anders als gewöhnlich wahrnehmen zu können; <bib id='Genova 1995a'>Genova 1995a</bib></ref>.
Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzep&shy;tion unter&shy;scheidba&shy;rer Vorgang. Das aber wäre notwen&shy;dig, um einen eigen&shy;ständi&shy;gen Wahrneh&shy;mungszu&shy;stand von einer schlussfol&shy;gernden Denk&shy;ope&shy;ration unter&shy;scheiden zu können<ref>In sei&shy;nem Kom&shy;men&shy;tar zu Witt&shy;gen&shy;steins Über&shy;le&shy;gun&shy;gen schreibt Thor&shy;sten Jant&shy;schek, Deu&shy;ten sei das Bil&shy;den ei&shy;ner An&shy;nah&shy;me über das Ge&shy;se&shy;he&shy;ne hin&shy;aus, aber wenn es so ein&shy;fach wä&shy;re, müss&shy;te man das Ge&shy;se&shy;he&shy;ne un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von sei&shy;ner Deu&shy;tung be&shy;schrei&shy;ben kön&shy;nen(<bib id='Jantschek 1997a'>Jant&shy;schek 1997</bib>). Es gibt aber kein Bild un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von sei&shy;ner Auf&shy;fas&shy;sung als Ha&shy;se oder En&shy;te. Wei&shy;ter führt uns dem&shy;nach die „Ein&shy;sicht, daß Den&shy;ken und Se&shy;hen (im&shy;mer schon) auf&shy;ein&shy;an&shy;der be&shy;zo&shy;gen sind und daß die&shy;se Be&shy;zie&shy;hung im Se&shy;hen-als zu&shy;ta&shy;ge tritt“. Ebd.: 319.</ref>. Das Aspekt&shy;sehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrenn&shy;barkeit von Wahrneh&shy;mung und Sinnbil&shy;dung: Ob ich die Kontu&shy;ren der Strichfi&shy;gur als Umris&shy;se eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträg&shy;lichen Urteils&shy;findung, sondern mit dem visu&shy;ellen Erfas&shy;sen ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gege&shy;ben. Es ähnelt auch darin dem Bilder&shy;sehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgen&shy;stein 1971</bib>: S. 519).  
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Das Beispiel macht insofern nur auf beson&shy;ders griffi&shy;ge Weise deutlich, dass Sehen oft bedeu&shy;tet, [[Perspektivik|Perspek&shy;tiven]] einzu&shy;nehmen, aus denen heraus etwas als ''x'' und nicht als ''y'' erscheint. Dinge haben und veran&shy;lassen verschie&shy;dene Ansich&shy;ten, was sie sind oder nicht sind, ist notwen&shy;dig perspek&shy;tivisch bedingt und auffas&shy;sungsab&shy;hängig.  
Im Unter&shy;schied zu arbit&shy;rär vielen Sichtwei&shy;sen sind Hasen- und Enten&shy;kopf aber beide gleicher&shy;maßen gege&shy;bene Sehmög&shy;lichkei&shy;ten und als solche keines&shy;wegs belie&shy;big.
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Indem Wittgenstein nun nach einem Krite&shy;rium sucht für das, was ‘eigent&shy;liches Sehen’ genannt werden könnte, gerät er an die Grenzen des Sprachge&shy;brauchs:
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:''‘Das ist doch kein Sehen!’ – ‘Das ist doch ein Sehen!’ – Beide müssen sich begriff&shy;lich rechtfer&shy;tigen lassen. [...] Inwie&shy;fern ist es ein Sehen?“ (Ebd.: 324f.)
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Die Schwierigkeiten sind solche der Beschrei&shy;bungsspra&shy;che, denn um diese Form des Sehens-als zu beschrei&shy;ben, muss man so etwas wie eine erste Ebene basa&shy;ler Sinnes&shy;wahrneh&shy;mung zugrun&shy;de legen, auch wenn die Pointe des Aspekt&shy;sehens gerade darin liegt, dass Visu&shy;elles und Menta&shy;les nicht getrennt vonein&shy;ander vorkom&shy;men. Sie sind ge&shy;wisser&shy;maßen zugleich getrennt und unge&shy;trennt, weil man einer&shy;seits Akte respon&shy;siver Kenntnis&shy;nahme von Akten logi&shy;schen Schließens oder narra&shy;tiven Deutens gene&shy;rell unter&shy;scheiden kann, ande&shy;rerseits aber kein sinnli&shy;ches Rohma&shy;terial perzi&shy;piert, sondern eine je bedeu&shy;tungshaft orga&shy;nisierte Wahrneh&shy;mung hat.
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Thomas Kuhn hat abrupte Paradigmen&shy;wechsel inner&shy;halb der Wissen&shy;schaftsent&shy;wicklung als ‘Sehen-als’ bezeich&shy;net. Nach einer wissen&shy;schaftli&shy;chen Revo&shy;lution werde die Welt ‘als etwas ande&shy;res gesehen’. „Was in der Welt des Wissen&shy;schaftlers vor der Revo&shy;lution Ente (sic) waren, sind nachher Kanin&shy;chen“ (<bib id='Kuhn 1973a'>Kuhn 1973</bib>: S. 123). ‘Anders&shy;sehen’ heißt in diesem Zusam&shy;menhang folglich ‘im Rahmen ande&shy;rer Theorie&shy;gebäu&shy;de sehen’<ref>Ju&shy;dith Ge&shy;no&shy;va ver&shy;steht Witt&shy;gen&shy;steins gan&shy;zes Phi&shy;lo&shy;so&shy;phie&shy;ren als me&shy;tho&shy;disch prak&shy;ti&shy;zier&shy;tes As&shy;pekt&shy;se&shy;hen, um an&shy;ders als ge&shy;wöhn&shy;lich wahr&shy;neh&shy;men zu kön&shy;nen; <bib id='Genova 1995a'>Ge&shy;no&shy;va 1995a</bib></ref>.




==Heideggers »Auslegen«==
==Heideggers »Ausle&shy;gen«==
Martin Heidegger hat die Untrennbarkeit von Denken und Sehen als Auslegen erläutert. Heidegger schreibt, die Auffassung, „zunächst ist ein pures Vorhandenes erfahren, das dann als Tür, als Haus aufgefaßt wird [...] wäre ein Mißverständnis der spezifischen Erschließungsfunktion der Auslegung“ (<bib id='Heidegger 2006a'>Heidegger 2006</bib>: S. 150).. Bereits das ‚schlichte Sehen’ trage diese „Auslegungsstruktur [...] ursprünglich in sich“, alles andere sei verständnisloses „Anstarren“ (ebd.: S. 149). Ein ‚als-freies’ Erfassen sei weder eine ursprüngliche Form von Wahrnehmung, noch ein sinnvoller Gebrauch des Begriffs Sehens, sondern eine leere Abstraktion bzw. eine künstlich abgeleitete Privationsform verstehender, auslegender Weltwahrnehmung. Auslegung sei nicht das nachträgliche Verleihen einer Bedeutung über ‚an sich’ Bedeutungsloses, sondern lege die Bewandtnisganzheit des Weltverstehens aus.
Martin Heidegger hat die Untrennbarkeit von Denken und Sehen als Auslegen erläutert. Heidegger schreibt, die Auffassung, „zunächst ist ein pures Vorhandenes erfahren, das dann als Tür, als Haus aufgefaßt wird [...] wäre ein Mißverständnis der spezifischen Erschließungsfunktion der Auslegung“ (<bib id='Heidegger 2006a'>Heidegger 2006</bib>: S. 150).. Bereits das ‚schlichte Sehen’ trage diese „Auslegungsstruktur [...] ursprünglich in sich“, alles andere sei verständnisloses „Anstarren“ (ebd.: S. 149). Ein ‚als-freies’ Erfassen sei weder eine ursprüngliche Form von Wahrnehmung, noch ein sinnvoller Gebrauch des Begriffs Sehens, sondern eine leere Abstraktion bzw. eine künstlich abgeleitete Privationsform verstehender, auslegender Weltwahrnehmung. Auslegung sei nicht das nachträgliche Verleihen einer Bedeutung über ‚an sich’ Bedeutungsloses, sondern lege die Bewandtnisganzheit des Weltverstehens aus.
Wie jede Welterschließung ist das Auslegen ein Verstehensprozess von zirkulärer Voraussetzungshaftigkeit: Die Auslegung von etwas-als-etwas gründet in einem Vorgriff auf eine bestimmte Grundbegrifflichkeit, für die sie sich endgültig oder vorbehaltlich immer schon entschieden hat. „Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen.“ (ebd.: S.150)‚Vorverstehen’ bezeichnet die hermeneutische Struktur einer jeweiligen kulturell und historisch bedingten Disposition des Verstehenden. Wenn man sich auf etwas ‚Gegebenes’ berufe, so sei dieses (in Heideggers Beispiel der auszulegende Text) „nichts anderes als die selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers“(ebd.).  
Wie jede Welterschließung ist das Auslegen ein Verstehensprozess von zirkulärer Voraussetzungshaftigkeit: Die Auslegung von etwas-als-etwas gründet in einem Vorgriff auf eine bestimmte Grundbegrifflichkeit, für die sie sich endgültig oder vorbehaltlich immer schon entschieden hat. „Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen.“ (ebd.: S.150)‚Vorverstehen’ bezeichnet die hermeneutische Struktur einer jeweiligen kulturell und historisch bedingten Disposition des Verstehenden. Wenn man sich auf etwas ‚Gegebenes’ berufe, so sei dieses (in Heideggers Beispiel der auszulegende Text) „nichts anderes als die selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers“(ebd.).  
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==Sehen als absolute Metapher==
==»Sehen« als absolute Meta&shy;pher==
Nicht zufällig deutet der Sprachgebrauch des Sehens und seiner Komposita auf eine Intelligibilität des Gesichtssinnes, die schwerlich nur als verblasste Metaphorik abzutun ist: Der genaue Beobachter verschafft sich einen Durchblick oder gelangt zu einer Einsicht; das Ansehen einer Person entwickelt sich nicht unabhängig von dem Anblick, den sie bietet; welche Sicht man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie überschaut oder wovon man absieht; jemand wirft mir eine sprechenden Blick zu, der zu sagen scheint: Sieh dich vor! – Wollte man das alles nur als übertragene Redeweise disqualifizieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philosophischen Eigensinn ab, sondern verkennte vor allem die Unvermeidlichkeit, ja Unhintergehbarkeit ihrer Metaphorizität. Von all den beschriebenen Vorgängen lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, was an den damit verbundenen Tätigkeiten des Schauens, Blickens oder Beobachtens im engeren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‚Augenblick’ oder ‚Anschauung’ in andere Sprachen zu übersetzen sind, so wenig ist die Sinnfälligkeit von Worten wie ‚Einblick’ oder ‚Gesichtspunkt’ ersetzbar durch eindeutigere Begriffe. Diese Worte bezeichnen nichts Paraphrasierbares und sind kein Ornament von etwas, das sich auch einfacher sagen ließe.
Nicht zufällig deutet der Sprachgebrauch des Sehens und seiner Komposita auf eine Intelligibilität des Gesichtssinnes, die schwerlich nur als verblasste Metaphorik abzutun ist: Der genaue Beobachter verschafft sich einen Durchblick oder gelangt zu einer Einsicht; das Ansehen einer Person entwickelt sich nicht unabhängig von dem Anblick, den sie bietet; welche Sicht man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie überschaut oder wovon man absieht; jemand wirft mir eine sprechenden Blick zu, der zu sagen scheint: Sieh dich vor! – Wollte man das alles nur als übertragene Redeweise disqualifizieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philosophischen Eigensinn ab, sondern verkennte vor allem die Unvermeidlichkeit, ja Unhintergehbarkeit ihrer Metaphorizität. Von all den beschriebenen Vorgängen lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, was an den damit verbundenen Tätigkeiten des Schauens, Blickens oder Beobachtens im engeren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‚Augenblick’ oder ‚Anschauung’ in andere Sprachen zu übersetzen sind, so wenig ist die Sinnfälligkeit von Worten wie ‚Einblick’ oder ‚Gesichtspunkt’ ersetzbar durch eindeutigere Begriffe. Diese Worte bezeichnen nichts Paraphrasierbares und sind kein Ornament von etwas, das sich auch einfacher sagen ließe.
Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als eine absolute Metapher bezeichnen und sagen dürfen, dass die verba videndi für „die logische Verlegenheit [...] einspring[en]“<ref><bib id='Blumenberg 1999a'>Blumenberg 1999</bib>: S.10ff. (Zuerst in: Archiv für Begriffsgeschichte 6 (1960). 7-142.)</ref>, in die das Denken gerät, wenn es das Verhältnis von Sicht und Einsicht bzw. von Sehen und Sehweisen erklären soll. Von der metaphorischen Rede übers Sehen lässt sich kein eindeutiger, ‚eigentlicher’ Begriff abzukoppeln. Vielmehr ist die figürliche Rede Indiz einer Problemlage und ihre Unvermeidlichkeit verdient Beachtung<ref>Ralf Konersmann hat einen ähnlichen Gedanken für die Metapher des Spiegels durchgespielt, welche gerade in ihrer terminologischen Unfixierbarkeit das geeignete Darstellungsmedium für die Ungreifbarkeit der Subjektivität in ihrer sich selbst entzogenen Gegebenheitsweise ist. <bib id='Konersmann 1991a'>Konersmann 1991</bib></ref>, verweist sie doch darauf, dass die Reduktion des Sehens auf Sinneswahrnehmung nur ein Moment eines holistischen Tätigkeitszusammenhangs künstlich isoliert. Die Metaphorizität des Begriffsfeldes stellt selbst eine sinnfällige Sicht vom Sehen dar. Dieses steht unausgesetzt im Konnotationsfeld des Verstehens, es ist ‚buchstäblich’ die Bewegung einer Ein-Sicht, welche weder rein aisthetisch, noch rein mental verfasst sein kann. Es ist eine Weise der Welterschließung, eine aisthetische Weise, deren ästhetische und imaginierende Ausgriffe im Einzelnen zu untersuchen sind. Einem holistischen Verständnis der Wahrnehmungspraxis nach können Tätigkeiten des Sich-Vor-Sehens oder des Durchschauens keine nur bildlichen Redensarten bezeichnen. Ebenso wenig können sie freilich „schlichte“, „reine“ oder „basale“ perzeptive Vorgänge sein, denn die Annahme solcher Vorgänge ist selbst bereits ein irreführender Sprachgebrauch. Als ins Praktische verstrickte Weisen, sich zu sich selbst und den anderen zu verhalten, sind solche Tätigkeiten aisthetisch und epistemisch zugleich, sie sind an die Augentätigkeit gebunden, ohne sich darin zu erschöpfen.
Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als eine absolute Metapher bezeichnen und sagen dürfen, dass die verba videndi für „die logische Verlegenheit [...] einspring[en]“<ref><bib id='Blumenberg 1999a'>Blumenberg 1999</bib>: S.10ff. (Zuerst in: Archiv für Begriffsgeschichte 6 (1960). 7-142.)</ref>, in die das Denken gerät, wenn es das Verhältnis von Sicht und Einsicht bzw. von Sehen und Sehweisen erklären soll. Von der metaphorischen Rede übers Sehen lässt sich kein eindeutiger, ‚eigentlicher’ Begriff abzukoppeln. Vielmehr ist die figürliche Rede Indiz einer Problemlage und ihre Unvermeidlichkeit verdient Beachtung<ref>Ralf Konersmann hat einen ähnlichen Gedanken für die Metapher des Spiegels durchgespielt, welche gerade in ihrer terminologischen Unfixierbarkeit das geeignete Darstellungsmedium für die Ungreifbarkeit der Subjektivität in ihrer sich selbst entzogenen Gegebenheitsweise ist. <bib id='Konersmann 1991a'>Konersmann 1991</bib></ref>, verweist sie doch darauf, dass die Reduktion des Sehens auf Sinneswahrnehmung nur ein Moment eines holistischen Tätigkeitszusammenhangs künstlich isoliert. Die Metaphorizität des Begriffsfeldes stellt selbst eine sinnfällige Sicht vom Sehen dar. Dieses steht unausgesetzt im Konnotationsfeld des Verstehens, es ist ‚buchstäblich’ die Bewegung einer Ein-Sicht, welche weder rein aisthetisch, noch rein mental verfasst sein kann. Es ist eine Weise der Welterschließung, eine aisthetische Weise, deren ästhetische und imaginierende Ausgriffe im Einzelnen zu untersuchen sind. Einem holistischen Verständnis der Wahrnehmungspraxis nach können Tätigkeiten des Sich-Vor-Sehens oder des Durchschauens keine nur bildlichen Redensarten bezeichnen. Ebenso wenig können sie freilich „schlichte“, „reine“ oder „basale“ perzeptive Vorgänge sein, denn die Annahme solcher Vorgänge ist selbst bereits ein irreführender Sprachgebrauch. Als ins Praktische verstrickte Weisen, sich zu sich selbst und den anderen zu verhalten, sind solche Tätigkeiten aisthetisch und epistemisch zugleich, sie sind an die Augentätigkeit gebunden, ohne sich darin zu erschöpfen.

Version vom 30. Oktober 2013, 18:18 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht


Der Gesichtssinn[1]

Die Spezifik des Gesichtssinnes besteht in seiner Nähe zu Prozes­sen des Verste­hens, Denkens und Ausle­gens. Sehen ist eine Tätig­keit von Auge und Gehirn und wirft damit bewusst­seinstheo­reti­sche Fragen auf. Zwei entschei­dende Posi­tionen der Philo­sophie des 20. Jahrhun­derts behan­deln das Verhält­nis von Visu­ellem und Menta­lem als ein praktisch untrenn­bares Bezie­hungsge­füge, das in der theore­tischen Beschrei­bung jedoch ausein­ander divi­diert wird. Ludwig Wittgen­stein und Martin Heideg­ger kommen dabei zu weitge­henden Über­einstim­mungen in ihren Ausfüh­rungen dessen, was ein sinnvol­ler Gebrauch des Wortes ‘Sehen’ sein kann.

In seiner ununterbrochenen Bezie­hung zum Menta­len bezieht das Sehen sich nicht nur auf raumzeit­lich Anwe­sendes, sondern auch auf sinnlich Abwe­sendes. Bereits einfa­che wahrneh­mungspsy­cholo­gische Expe­rimente[2] zeigen, dass man eine Quali­tät des Vorstel­lens im Sehen anneh­men muss, um etwa ergän­zendes Sehen erklä­ren zu können. Je höher der Vorstel­lungsgrad eines einzel­nen Wahrneh­mungsak­tes ist, umso mehr sieht man, dass Kant Recht hatte, als er die Einbil­dungskraft eine „Ingre­dienz der Wahrneh­mung“ ([Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin.
Notiz: A: 1781, B: 1787
: S. 89ff.) nannte. Wenn Vorge­stelltes, Erwar­tetes, Ergänz­tes oder Gedeu­tetes in die Wahrneh­mungspra­xis hinein­spielen, bedeu­tet das, dass sich etwas sinnlich Nicht-Gegen­wärti­ges ins Sichtba­re einmischt. Was Wittgen­stein unter den Begrif­fen »Lebens­form« und »Weltbild« beschrie­ben hat, das fraglos Gege­bene einer Kultur- und Sprachge­meinschaft, „das Hinzu­nehmen­de“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 572) und das, was „jenseits von berech­tigt und unbe­rechtigt“ ([Wittgenstein 1984a]Wittgenstein, Ludwig (1984): Über Gewißheit. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: § 359) als ausge­macht und sicher gilt, wirkt sich nicht nur auf den Sprachge­brauch, sondern auch auf die Wahrneh­mungsmög­lichkei­ten einer Zeit aus. Die Gesamt­heit gelten­der Normen und herrschen­der Über­zeugun­gen, Sitten und Wertvor­stellun­gen, die die Praxis einer Kultur und Gesell­schaft prägen, bilden deren Weltbild im Sinne eines „System[s] von Geglaub­tem“ (A.a.O.: § 144) aus.

Weltbilder im Sinne einer norma­tiven “Hinter­grundstrah­lung” des Sprechens, Wahrneh­mens und Handelns sind zugleich Voraus­setzun­gen und Produk­te perzep­tiver Welter­schließung. Man könnte statt von ‘Weltbil­dern’ auch von ‘Weltan­schauungen’ reden[3], die in Einstel­lungen, Verhal­tenswei­sen und norma­tiven Orien­tierun­gen einer Kultur­gemein­schaft präsent sind.


Wittgensteins »Aspekt­sehen«

Mit dem vielzitierten Beispiel einer gezeich­neten Gestalt, deren Kontu­ren wahlwei­se einen Hasen- oder einen Enten­kopf[4] sehen lässt, hat Wittgen­stein das so genann­te Aspektsehen beschrie­ben, das er „halb Seher­lebnis, halb ein Denken“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 525) nannte. Aspekt­sehen ist ein seman­tisches “Sehen-als”; ich sehe dabei etwas-als-etwas, nämlich die Strichfi­gur als Hasen resp. als Ente. Beide Bedeu­tungen sehe ich nicht “in die Strichfi­gur hinein”, wie ich etwa Geogra­phien in Wolken­forma­tionen hinein­sehen kann, denn ich kann die Strichfi­gur nicht als etwas Amor­phes wahrneh­men, ohne entwe­der die eine oder die ande­re Figur darin zu erken­nen. Vielmehr hat das Sehen des Bildes zwei Möglich­keiten: H oder E. Die Amphi­bolie von einem ins andere ist konsti­tutiv für das Aspekt­sehen. Es weist darin eine beden­kenswer­te Über­einstim­mung mit dem Darstel­lungsse­hen auf. Wenn man etwas Darge­stelltes im Darstel­lenden sieht, Greta Garbo als Mata Hari etwa, hält sich das Sehen inmit­ten einer Diffe­renz auf, die auch für das Aspekt­sehen charak­teristisch ist. Das Gesichts­bild ändert sich nicht, wohl aber unsere Auffas­sung von ihm.

Kippfiguren sind daher weit über ihren Status als wahrneh­mungspsy­cholo­gische Expe­rimentier­felder hinaus inte­ressant für das Verhält­nis von »Sehen« und »Deuten«, »Wahrnehmen« und »Vorstellen«. Wittgen­stein fragt sich:

Sehe ich jedesmal wirklich etwas ande­res, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschie­dene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? (Ebd.: S. 550)

Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzep­tion unter­scheidba­rer Vorgang. Das aber wäre notwen­dig, um einen eigen­ständi­gen Wahrneh­mungszu­stand von einer schlussfol­gernden Denk­ope­ration unter­scheiden zu können[5]. Das Aspekt­sehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrenn­barkeit von Wahrneh­mung und Sinnbil­dung: Ob ich die Kontu­ren der Strichfi­gur als Umris­se eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträg­lichen Urteils­findung, sondern mit dem visu­ellen Erfas­sen ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gege­ben. Es ähnelt auch darin dem Bilder­sehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 519).

Das Beispiel macht insofern nur auf beson­ders griffi­ge Weise deutlich, dass Sehen oft bedeu­tet, Perspek­tiven einzu­nehmen, aus denen heraus etwas als x und nicht als y erscheint. Dinge haben und veran­lassen verschie­dene Ansich­ten, was sie sind oder nicht sind, ist notwen­dig perspek­tivisch bedingt und auffas­sungsab­hängig. Im Unter­schied zu arbit­rär vielen Sichtwei­sen sind Hasen- und Enten­kopf aber beide gleicher­maßen gege­bene Sehmög­lichkei­ten und als solche keines­wegs belie­big.

Indem Wittgenstein nun nach einem Krite­rium sucht für das, was ‘eigent­liches Sehen’ genannt werden könnte, gerät er an die Grenzen des Sprachge­brauchs:

‘Das ist doch kein Sehen!’ – ‘Das ist doch ein Sehen!’ – Beide müssen sich begriff­lich rechtfer­tigen lassen. [...] Inwie­fern ist es ein Sehen?“ (Ebd.: 324f.)

Die Schwierigkeiten sind solche der Beschrei­bungsspra­che, denn um diese Form des Sehens-als zu beschrei­ben, muss man so etwas wie eine erste Ebene basa­ler Sinnes­wahrneh­mung zugrun­de legen, auch wenn die Pointe des Aspekt­sehens gerade darin liegt, dass Visu­elles und Menta­les nicht getrennt vonein­ander vorkom­men. Sie sind ge­wisser­maßen zugleich getrennt und unge­trennt, weil man einer­seits Akte respon­siver Kenntnis­nahme von Akten logi­schen Schließens oder narra­tiven Deutens gene­rell unter­scheiden kann, ande­rerseits aber kein sinnli­ches Rohma­terial perzi­piert, sondern eine je bedeu­tungshaft orga­nisierte Wahrneh­mung hat.

Thomas Kuhn hat abrupte Paradigmen­wechsel inner­halb der Wissen­schaftsent­wicklung als ‘Sehen-als’ bezeich­net. Nach einer wissen­schaftli­chen Revo­lution werde die Welt ‘als etwas ande­res gesehen’. „Was in der Welt des Wissen­schaftlers vor der Revo­lution Ente (sic) waren, sind nachher Kanin­chen“ ([Kuhn 1973a]Kuhn, Thomas (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 123). ‘Anders­sehen’ heißt in diesem Zusam­menhang folglich ‘im Rahmen ande­rer Theorie­gebäu­de sehen’[6].


Heideggers »Ausle­gen«

Martin Heidegger hat die Untrennbarkeit von Denken und Sehen als Auslegen erläutert. Heidegger schreibt, die Auffassung, „zunächst ist ein pures Vorhandenes erfahren, das dann als Tür, als Haus aufgefaßt wird [...] wäre ein Mißverständnis der spezifischen Erschließungsfunktion der Auslegung“ ([Heidegger 2006a]Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Niemeyer, Tübingen.
: S. 150).. Bereits das ‚schlichte Sehen’ trage diese „Auslegungsstruktur [...] ursprünglich in sich“, alles andere sei verständnisloses „Anstarren“ (ebd.: S. 149). Ein ‚als-freies’ Erfassen sei weder eine ursprüngliche Form von Wahrnehmung, noch ein sinnvoller Gebrauch des Begriffs Sehens, sondern eine leere Abstraktion bzw. eine künstlich abgeleitete Privationsform verstehender, auslegender Weltwahrnehmung. Auslegung sei nicht das nachträgliche Verleihen einer Bedeutung über ‚an sich’ Bedeutungsloses, sondern lege die Bewandtnisganzheit des Weltverstehens aus. Wie jede Welterschließung ist das Auslegen ein Verstehensprozess von zirkulärer Voraussetzungshaftigkeit: Die Auslegung von etwas-als-etwas gründet in einem Vorgriff auf eine bestimmte Grundbegrifflichkeit, für die sie sich endgültig oder vorbehaltlich immer schon entschieden hat. „Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen.“ (ebd.: S.150)‚Vorverstehen’ bezeichnet die hermeneutische Struktur einer jeweiligen kulturell und historisch bedingten Disposition des Verstehenden. Wenn man sich auf etwas ‚Gegebenes’ berufe, so sei dieses (in Heideggers Beispiel der auszulegende Text) „nichts anderes als die selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers“(ebd.). Durchaus vergleichbar also mit dem Weltbild bei Wittgenstein entscheidet in der hermeneutischen Konzeption das Vorverstehen darüber, wie und als was etwas Sichtbares gesehen werden kann. Das Sichtbare ist stets nur unter den Bedingungen der „Vor-Struktur des Verstehens und der Als-Struktur der Auslegung“ (ebd.) sichtbar. Die Als-Struktur ist ebenso dem Bewusstsein geschuldet, das gerichtet ist und etwas-als-etwas wahrnimmt, wie auch dem Sichtbaren selbst, das sich stets als-etwas zeigt, nämlich im Lichte einer Situation und vor dem Hintergrund unsichtbarer Rahmenfaktoren, wie sie durch Geschichte, Kultur und Gesellschaft konstituiert werden. Welche Sicht ich einnehmen kann, hängt von Hinsichtnahmen des Vorverstehens ab: Die Umsicht des Besorgens, die Rücksicht der Fürsorge stellen weit entfernt davon, nur bildhaften Ausdrücke zu sein, existentielle Sichtweisen dar, Synthesen von Denken und Anschauung. Was Heidegger als auslegendes Sehen bezeichnet, ist eine Form aisthetischer Welterschließung, die in hermeneutischen und interpretativen Vollzügen besteht, in denen man Bekanntes auf Neues appliziert, es in einen Horizont einordnet, Gegenwärtiges vernimmt und durch Hinzuerfundenes ergänzt. Es ist insofern rezeptiv und projektiv zugleich.


»Sehen« als absolute Meta­pher

Nicht zufällig deutet der Sprachgebrauch des Sehens und seiner Komposita auf eine Intelligibilität des Gesichtssinnes, die schwerlich nur als verblasste Metaphorik abzutun ist: Der genaue Beobachter verschafft sich einen Durchblick oder gelangt zu einer Einsicht; das Ansehen einer Person entwickelt sich nicht unabhängig von dem Anblick, den sie bietet; welche Sicht man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie überschaut oder wovon man absieht; jemand wirft mir eine sprechenden Blick zu, der zu sagen scheint: Sieh dich vor! – Wollte man das alles nur als übertragene Redeweise disqualifizieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philosophischen Eigensinn ab, sondern verkennte vor allem die Unvermeidlichkeit, ja Unhintergehbarkeit ihrer Metaphorizität. Von all den beschriebenen Vorgängen lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, was an den damit verbundenen Tätigkeiten des Schauens, Blickens oder Beobachtens im engeren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‚Augenblick’ oder ‚Anschauung’ in andere Sprachen zu übersetzen sind, so wenig ist die Sinnfälligkeit von Worten wie ‚Einblick’ oder ‚Gesichtspunkt’ ersetzbar durch eindeutigere Begriffe. Diese Worte bezeichnen nichts Paraphrasierbares und sind kein Ornament von etwas, das sich auch einfacher sagen ließe. Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als eine absolute Metapher bezeichnen und sagen dürfen, dass die verba videndi für „die logische Verlegenheit [...] einspring[en]“[7], in die das Denken gerät, wenn es das Verhältnis von Sicht und Einsicht bzw. von Sehen und Sehweisen erklären soll. Von der metaphorischen Rede übers Sehen lässt sich kein eindeutiger, ‚eigentlicher’ Begriff abzukoppeln. Vielmehr ist die figürliche Rede Indiz einer Problemlage und ihre Unvermeidlichkeit verdient Beachtung[8], verweist sie doch darauf, dass die Reduktion des Sehens auf Sinneswahrnehmung nur ein Moment eines holistischen Tätigkeitszusammenhangs künstlich isoliert. Die Metaphorizität des Begriffsfeldes stellt selbst eine sinnfällige Sicht vom Sehen dar. Dieses steht unausgesetzt im Konnotationsfeld des Verstehens, es ist ‚buchstäblich’ die Bewegung einer Ein-Sicht, welche weder rein aisthetisch, noch rein mental verfasst sein kann. Es ist eine Weise der Welterschließung, eine aisthetische Weise, deren ästhetische und imaginierende Ausgriffe im Einzelnen zu untersuchen sind. Einem holistischen Verständnis der Wahrnehmungspraxis nach können Tätigkeiten des Sich-Vor-Sehens oder des Durchschauens keine nur bildlichen Redensarten bezeichnen. Ebenso wenig können sie freilich „schlichte“, „reine“ oder „basale“ perzeptive Vorgänge sein, denn die Annahme solcher Vorgänge ist selbst bereits ein irreführender Sprachgebrauch. Als ins Praktische verstrickte Weisen, sich zu sich selbst und den anderen zu verhalten, sind solche Tätigkeiten aisthetisch und epistemisch zugleich, sie sind an die Augentätigkeit gebunden, ohne sich darin zu erschöpfen. Zwar kann es Einzelfälle eines vornehmlich metaphorischen Sprachgebrauchs vom Sehen geben: Um zu ‚sehen’, was du meinst, muss mir nicht notwendig etwas Sichtbares vor Augen stehen; das Ansehen einer Person ist selbst nichts sinnlich Gegebenes etc. Aber solche vergleichsweise eindeutigen Fälle sind gegenüber den vielschichtigen Vernetzungen des Aisthetischen und des Mentalen eher die Ausnahme als die Regel. Ungleich häufiger sieht man jemandem regelrecht an, dass er etwas sagen will, hängt das Ansehen einer Person mit ihrem sichtbaren Erscheinungsbild zusammen usw. Es scheint daher nicht nur sinnvoll, sondern regelrecht geboten, davon auszugehen, dass es nicht ‚bloß metaphorisch’ ist, wenn man sagt, man sehe sich vor, man revidiere etwas, etwas zeige sich in einem gewissen Licht, sehe von bestimmten ‚viewpoints’ – Chladenius’ ‚Sehe-Punckte’ ([Chladenius 1742a]Chladenius, Ernst Martin (1742): Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Lanckisch, Leipzig.
), die früher Standpunkte ([Röttgers 1994a]Röttgers, K. (1994): Der Standpunkt und die Gesichtspunkte. Archiv für Begriffsgeschichte, 37.
) waren, – so aus etc. Jenseits dieser Sprachbilder ist kein eigentlicher Begriff des Sehens zu haben, so der Befund.

Übrigens erfährt diese Sicht auch von analytischer Seite Unterstützung, wenn der Bewusstseinstheoretiker Colin McGinn etwas Ähnliches mit dem entfaltet, was er Mindsight ([McGinn 2004a]McGinn, Colinn (2004): Image, Dream, Meaning. Harvard University Press, Cambridge, Mass.
) nennt. Obwohl er sich mit einer Liste von Differenzkriterien zur Unterscheidung von Wahrnehmungen (percepts) und Vorstellungen (images) der Sicht Sartres anschließt, dass beide nicht nur graduell, sondern prinzipiell verschieden sind, kommt er im zweiten Kapitel seiner Studie auf ein ‚geistiges Auge’ zu sprechen, das keine metaphorische Redeweise sei: „I shall argue, that [...] the phrase ‚the mind’s eye’ is not metaphorical. It is literally true that we see with our mind.“ (ebd.: S.42) Im dritten Kapitel bespricht er eine Hybridform von ‚körperlichem’ („a ‚with the body’ kind of seeing“) und ‚geistigem’ Sehen, das er „imaginative seeing“ nennt. Dieses umfasst „the seeing of aspects, the seeing of pictures, and imagination-driven perceptual distortions“.[9] Gewissermaßen gegen seinen ursprünglichen Ausgangspunkt, nämlich gegen die Annahme einer strikten, analytischen Trennbarkeit von Wahrnehmungen und Vorstellungen, kommt McGinn zu der Einsicht, dass die Dichotomien praktisch kollabieren, denn es gibt eines Visualität von Vorstellungen und eine Bildlichkeit von Wahrnehmungen, die sich der prinzipiellen Separierung entziehen.

Anmerkungen
  1. ↑ Der fol­gen­de Bei­trag stellt ei­ni­ge Ar­gu­men­ten aus dem Buch [Schürmann 2008a]Schürmann, Eva (2008): Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    vor.
  2. ↑ Ei­nen um­fang­rei­chen Über­blick da­r­über gibt [Goldstein 1997a]Goldstein, E. Bruce (1997): Wahrnehmungspsychologie. Eine Einführung. Springer, Heidelberg u.a.
  3. ↑ Vgl. K. Jas­pers, der Welt­an­schau­un­gen nach sinn­lich-räum­li­chen, see­lisch-kul­tu­rel­len und me­ta­phy­si­schen Vor­kom­mens­wei­sen un­ter­schei­det [Jaspers 1994a]Jaspers, Karl (1994): Psychologie der Weltanschauungen. Piper, München.
  4. ↑ Witt­gen­stein kann­te die­se Fi­gur aus den Ar­bei­ten des ame­ri­ka­ni­schen Psy­cho­lo­gen Jo­seph Jas­trow, der sei­ne Über­le­gun­gen da­zu be­reits 1899 ver­öf­fent­lich­te.
  5. ↑ In sei­nem Kom­men­tar zu Witt­gen­steins Über­le­gun­gen schreibt Thor­sten Jant­schek, Deu­ten sei das Bil­den ei­ner An­nah­me über das Ge­se­he­ne hin­aus, aber wenn es so ein­fach wä­re, müss­te man das Ge­se­he­ne un­ab­hän­gig von sei­ner Deu­tung be­schrei­ben kön­nen([Jantschek 1997a]Jantschek, Thorsten (1997): Bemerkungen zum Begriff des Sehen-als. In: Konersmann, R. (Hg.), Kritik des Sehens. Reclam, Leipzig.
    ). Es gibt aber kein Bild un­ab­hän­gig von sei­ner Auf­fas­sung als Ha­se oder En­te. Wei­ter führt uns dem­nach die „Ein­sicht, daß Den­ken und Se­hen (im­mer schon) auf­ein­an­der be­zo­gen sind und daß die­se Be­zie­hung im Se­hen-als zu­ta­ge tritt“. Ebd.: 319.
  6. ↑ Ju­dith Ge­no­va ver­steht Witt­gen­steins gan­zes Phi­lo­so­phie­ren als me­tho­disch prak­ti­zier­tes As­pekt­se­hen, um an­ders als ge­wöhn­lich wahr­neh­men zu kön­nen; [Genova 1995a]Genova, Gérard (1995): Wittgenstein – A Way of Seeing. Routledge Chapman & Hall, New York, London.
  7. ↑ [Blumenberg 1999a]Blumenberg, Hans (1999): Paradigmen zu einer Metaphorologie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S.10ff. (Zuerst in: Archiv für Begriffsgeschichte 6 (1960). 7-142.)
  8. ↑ Ralf Konersmann hat einen ähnlichen Gedanken für die Metapher des Spiegels durchgespielt, welche gerade in ihrer terminologischen Unfixierbarkeit das geeignete Darstellungsmedium für die Ungreifbarkeit der Subjektivität in ihrer sich selbst entzogenen Gegebenheitsweise ist. [Konersmann 1991a]Konersmann, Ralf (1991): Lebendige Spiegel. Die Metapher des Subjekts. Suhrkamp, Frankfurt/M.
  9. ↑ Ebd.: S. 49
Literatur
[Blumenberg 1999a]Blumenberg, Hans (1999): Paradigmen zu einer Metaphorologie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Chladenius 1742a]Chladenius, Ernst Martin (1742): Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Lanckisch, Leipzig.[Genova 1995a]Genova, Gérard (1995): Wittgenstein – A Way of Seeing. Routledge Chapman & Hall, New York, London.[Goldstein 1997a]Goldstein, E. Bruce (1997): Wahrnehmungspsychologie. Eine Einführung. Springer, Heidelberg u.a.[Heidegger 2006a]Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Niemeyer, Tübingen.[Jantschek 1997a]Jantschek, Thorsten (1997): Bemerkungen zum Begriff des Sehen-als. In: Konersmann, R. (Hg.), Kritik des Sehens. Reclam, Leipzig.[Jaspers 1994a]Jaspers, Karl (1994): Psychologie der Weltanschauungen. Piper, München.[Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin.[Konersmann 1991a]Konersmann, Ralf (1991): Lebendige Spiegel. Die Metapher des Subjekts. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Kuhn 1973a]Kuhn, Thomas (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Suhrkamp, Frankfurt/M.[McGinn 2004a]McGinn, Colinn (2004): Image, Dream, Meaning. Harvard University Press, Cambridge, Mass.[Röttgers 1994a]Röttgers, K. (1994): Der Standpunkt und die Gesichtspunkte. Archiv für Begriffsgeschichte, 37.[Schürmann 2008a]Schürmann, Eva (2008): Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1984a]Wittgenstein, Ludwig (1984): Über Gewißheit. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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