Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 38: | Zeile 38: | ||
Um­ge­kehrt öf­fnet die ge­mein­sa­me und se­pa­rier­te Be­deu­tung den Blick auch für den rein phy­si­schen As­pekt der Zei­chen­hand­lung: den ''Zei­chen­trä­ger''. Erst in die­ser kom­ple­xen Hand­lungs­kon­stel­la­ti­on macht das ''se­mi­o­ti­sche Drei­eck'' als für die Han­deln­den selbst un­ter­scheid­ba­re Or­ga­ni­sa­ti­on von As­pek­ten ei­ner ent­spre­chen­den Hand­lungs­aus­füh­rung Sinn: der Zei­chen­trä­ger als Be­zeich­nen­des (Abb. 2: „Sym­bol“), der Sach­be­zug als Be­zeich­ne­tes („Re­fe­rent“) und der bei­des al­ler­erst zu­sam­men­bin­den­de Voll­zug ei­ner (ele­men­ta­re­ren) kom­mu­ni­ka­ti­ven In­ter­ak­ti­on (in den Stan­dard­fas­sun­gen des se­mi­o­ti­schen Drei­ecks meist ver­kürzt zu „Ge­dan­ke/Be­zug“).<ref>Zu den ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen des se­mi­o­ti­schen Drei­ecks seit sei­ner Ein­füh­rung in <bib id='Richards & Ogden 1923a'>Ri­chards & Og­den 1923a</bib> so­wie den di­ver­sen Aus­wei­tun­gen (z.B. ein Vier­eck bei der Eco­le de Pa­ris) oder Re­duk­ti­o­nen (et­wa das bi­po­la­re Zei­chen­kon­zept bei Saus­sure) vgl. <bib id='Eco 1977a'></bib> und <bib id='Trabant 1996a'>Tra­bant 1996a</bib>, so­wie [http://www.hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/sa/SEMIOTISCHES%20DREIECK%20%20Tri%C3%A1ngulo%20sem%C3%A1ntico%20o%20semi%C3%B3tico.htm Jus­to Fer­nán­dez Ló­pez’ Zu­sam­men­stel­lung zu »Se­mi­o­ti­sches Drei­eck/Tri­án­gu­lo se­mán­ti­co o se­mi­ó­ti­co«] und [http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck Wi­ki­pe­dia: Se­mi­o­ti­sches Drei­eck]. </ref> | Um­ge­kehrt öf­fnet die ge­mein­sa­me und se­pa­rier­te Be­deu­tung den Blick auch für den rein phy­si­schen As­pekt der Zei­chen­hand­lung: den ''Zei­chen­trä­ger''. Erst in die­ser kom­ple­xen Hand­lungs­kon­stel­la­ti­on macht das ''se­mi­o­ti­sche Drei­eck'' als für die Han­deln­den selbst un­ter­scheid­ba­re Or­ga­ni­sa­ti­on von As­pek­ten ei­ner ent­spre­chen­den Hand­lungs­aus­füh­rung Sinn: der Zei­chen­trä­ger als Be­zeich­nen­des (Abb. 2: „Sym­bol“), der Sach­be­zug als Be­zeich­ne­tes („Re­fe­rent“) und der bei­des al­ler­erst zu­sam­men­bin­den­de Voll­zug ei­ner (ele­men­ta­re­ren) kom­mu­ni­ka­ti­ven In­ter­ak­ti­on (in den Stan­dard­fas­sun­gen des se­mi­o­ti­schen Drei­ecks meist ver­kürzt zu „Ge­dan­ke/Be­zug“).<ref>Zu den ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen des se­mi­o­ti­schen Drei­ecks seit sei­ner Ein­füh­rung in <bib id='Richards & Ogden 1923a'>Ri­chards & Og­den 1923a</bib> so­wie den di­ver­sen Aus­wei­tun­gen (z.B. ein Vier­eck bei der Eco­le de Pa­ris) oder Re­duk­ti­o­nen (et­wa das bi­po­la­re Zei­chen­kon­zept bei Saus­sure) vgl. <bib id='Eco 1977a'></bib> und <bib id='Trabant 1996a'>Tra­bant 1996a</bib>, so­wie [http://www.hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/sa/SEMIOTISCHES%20DREIECK%20%20Tri%C3%A1ngulo%20sem%C3%A1ntico%20o%20semi%C3%B3tico.htm Jus­to Fer­nán­dez Ló­pez’ Zu­sam­men­stel­lung zu »Se­mi­o­ti­sches Drei­eck/Tri­án­gu­lo se­mán­ti­co o se­mi­ó­ti­co«] und [http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck Wi­ki­pe­dia: Se­mi­o­ti­sches Drei­eck]. </ref> | ||
===Regeln und Gewohnheiten: Zeichen­ | ===Regeln und Gewohnheiten: Zeichen­syste­me=== | ||
Im Gegensatz zum einfachen | Im Gegensatz zum einfachen Ausfüh­ren von ele­menta­ren Kommu­nika­tionshand­lungen werden mit dem Zeigen solcher Handlun­gen die entspre­chenden Teilhand­lungen und ihr Zusam­menspiel zumin­dest partiell den Kommu­nizie­renden selbst bewusst.<ref>Beim ein­fa­chen Aus­füh­ren ei­ner nicht-zei­chen­haf­ten kom­mu­ni­ka­ti­ven In­ter­ak­ti­on führt der Han­deln­de zwar ei­ne be­stimm­te Hand­lung vor und hat da­mit auch ent­spre­chen­den “Zu­gang” da­zu, dass es eben die­se Hand­lung ist und kei­ne an­de­re, aber der Akt des Vor­füh­rens, der Selbst­dar­stel­lung, der für die kom­mu­ni­ka­ti­ve In­ter­ak­ti­on be­stim­mend ist, bleibt da­von un­be­rührt.</ref> Das heißt insbe­sonde­re, dass sie dem Zeichen­handeln­den als jeweils eine von verschie­denen Alter­nati­ven erschei­nen, zwischen denen er sich entschei­den kann – und zwischen denen entschei­den zu können er auch dem Kommu­nika­tionspart­ner unter­stellt. Die Zeichen­handlung ist damit eine Kommu­nika­tionshand­lung, die als Teil eines ganzen Systems mögli­cher Vari­anten zu verste­hen ist: Sie ist ein Element eines ''Zeichen­systems''. | ||
: | : | ||
Zwar bilden auch Signale durchaus | Zwar bilden auch Signale durchaus Syste­me von Alter­nati­ven: Die Warn­schreie bestimm­ter Prima­ten (wie auch die Reak­tionen darauf) sind etwa nach dem gesich­teten Feind diffe­renziert – Leopard, Adler oder Python. Was für einen etho­logi­schen Beobach­ter schnell als Zusam­menhang zwischen verschie­denen, alter­nati­ven Signal­ausprä­gungen eines gemein­samen Schemas heraus­zufin­den ist, kann gleichwohl von nicht-zeichen­verwen­denden Tieren noch nicht in einen regel­haften Zusam­menhang gebracht werden, da sie sich jeweils nur auf die aktu­elle Situ­ation und die darin vorzu­führen­de auf einen Fall beschränk­te Selbstdar­stellung bezie­hen können. Die zu beobach­tenden Regel­mäßig­keiten sind ''Gewohn­heiten'', die nicht wie ''Regeln'' durch wechsel­seiti­ge (d.h. inter­indi­vidu­elle) Abstim­mungen der Handeln­den selbst kontrol­liert werden und sich in ihren Ausprä­gungen nur “hinter dem Rücken der Akteu­re” (etwa durch evo­lutio­näre Prozes­se) verän­dern. | ||
: | : | ||
Erst mit der Kompetenz zu | Erst mit der Kompetenz zu Zeichen­handlun­gen gewin­nen die Handeln­den auch die Fähig­keit, diese Gewohn­heiten mitein­ander abzu­stimmen, sie zu echten Regeln umzu­formen. Der Umfang alter­nati­ver Zeichen­handlun­gen, die ein Zeichen­system bilden, ist daher durch Regeln bestimmt: Die Alter­nati­ven können dabei auf der [[Pragmatik, Semantik, Syntax|syntak­tischen, der seman­tischen oder der pragma­tischen Ebe­ne]] auftre­ten.<ref>Das heißt nun al­ler­dings nicht, dass Zei­chen­sys­te­me stets und aus­schließ­lich durch ex­pli­zit aus­ge­han­del­te Re­geln be­stimmt wä­ren.</ref> | ||
| Zeile 51: | Zeile 51: | ||
===Umgangssprachlicher Zeichen­begriff=== | ===Umgangssprachlicher Zeichen­begriff=== | ||
In der Umgangssprache wird mit dem Ausdruck ‘Zeichen’ häufig auf den | In der Umgangssprache wird mit dem Ausdruck ‘Zeichen’ häufig auf den Zeichen­träger als einem von der Zeichen­handlung abtrenn­baren Gegen­stand hinge­wiesen. Das geschieht beson­ders häufig, wenn der Zeichen­träger außer­halb seiner Zeichen­funktion verwen­det wird: ‘Stelle das Plakat hinter das Halte­verbots­zeichen!’ (statt ‘Schild’) Aller­dings wird diese außer-semio­tische Verwen­dungswei­se oft auch als Basis für den alltags­sprachli­chen Zeichen­begriff genutzt, der damit als ein ''uni­late­raler Zeichen­begriff'' bestimmt werden kann, bei dem das Zeichen nur über die Eigen­schaften eines einzi­gen Gegen­standes (des Zeichen­trägers) charak­teri­siert wird. | ||
: | : | ||
Ein solcher unilateraler | Ein solcher unilateraler Bildbe­griff liegt gele­gentlich auch medien­infor­mati­schen Darstel­lungen zugrun­de: Die digi­tale Kodie­rung von Bildern in einer Bild­datei (beispiels­weise als jpg oder tiff), welche übli­cherwei­se von Infor­mati­kern einfach als ‘Bild’ bezeich­net wird, ist tatsäch­lich ledig­lich eine Beschrei­bung von syntak­tischen Ele­menten des eigent­lichen Bild­zeichens, das Datei-Format eine [[Notation|Nota­tion]] nur für Bild­''träger'' (⊳ [[digitales Bild|Digi­tales Bild]]). | ||
: | : | ||
Diese Betrachtungsweise verschleiert | Diese Betrachtungsweise verschleiert aller­dings den Blick darauf, dass (1) eine weite­re Enti­tät – das, was bezeich­net wird – eine den Gegen­stand als Zeichen bestim­mende Rolle spielt, und dass darü­ber hinaus (2) diese Bedeu­tungsbe­ziehung sich nur in einem bestimm­ten Handlungs­rahmen – nämlich einer Kommu­nika­tion – instan­tiieren lässt, so dass zwei weite­re Rollen (‘Sender’ und ‘Empfän­ger’) eben­falls zur Defi­nition des Zeichen­begriffs notwen­dig gehö­ren. | ||
===Bilaterale und | ===Bilaterale und multi­late­rale Zeichen­begrif­fe === | ||
''Bilaterale'' (oder ''dyadische'') | ''Bilaterale'' (oder ''dyadische'') Zeichen­begriffe, wie etwa der von Saus­sure (<bib id='Saussure 1916a'>Saussu­re 1916a</bib>) aber auch schon von Aristo­teles (<bib id='Keller 1995a'></bib>), versu­chen im Wesent­lichen das beim uni­late­ralen Begriff erwähn­te Problem (1) zu behe­ben, wird hier doch ein Zeichen als Gegen­stand verstan­den, sofern er eine seman­tische Bezie­hung zu einem weite­ren Gegen­stand aufweist. Je nach Theorie kann dieser zweite Gegen­stand insbe­sonde­re ein menta­ler Gegen­stand (eine [[Vorstellung|Vorstel­lung]]), ein Abstrak­tum (etwa eine Klasse) oder ein Konkre­tum (physi­scher Einzel­gegen­stand) sein. Alle Verwen­dungen des Zeichen­trägers ''als Zeichen'' beru­hen aber auf der Bedeu­tungs- oder Darstel­lungsre­lation.<ref>Auch das se­mi­o­ti­sche Drei­eck ist al­so ei­gent­lich den bi­la­te­ra­len Zei­chen­be­grif­fen zu­zu­ord­nen, denn es wird nur die Dar­stel­lungs­funk­ti­on (Be­zie­hung zwi­schen Zei­chen­trä­ger und Be­zeich­ne­tem) ar­ti­ku­liert und über ei­ne Zwi­schen­in­s­tanz er­läu­tert.</ref> | ||
: | : | ||
[[Datei:Organon-Modell-corr.png|thumb| | [[Datei:Organon-Modell-corr.png|thumb|Ab­bil­dung 3: Das Or­ga­non-Mo­dell von Büh­ler]] | ||
Bei ''multilateralen'' | Bei ''multilateralen'' Zeichen­begrif­fen, wie sie etwas von Bühler (<bib id='Bühler 1934a'></bib>) und Peirce (<bib id='Peirce 1983a'></bib>) vorge­schlagen wurden, ist die Darstel­lungsfunk­tion hinge­gen nur ''ein'' Aspekt des Zeichens, neben den ande­re pragma­tische Aspek­te treten, die auf die Zeichen­verwen­der fokus­sieren und damit auch auf die Akti­vitä­ten, die mit der Zeichen­handlung in Zusam­menhang stehen (sollen) und so ihre Bedeu­tung im weite­ren Sinn bestim­men. Damit erge­ben sich also auch Ansät­ze zur Behe­bung des oben erwähn­ten Problems (2). Das Orga­non-Modell Bühlers etwa inte­griert den Zeichen imma­nenten Inter­aktions­aspekt, indem es den beiden betei­ligten Akti­vitäts­trägern schema­tisch jeweils spezi­fische mit der Zeichen­handlung vollzo­gene Funkti­onen zuord­net, nämlich die Ausdrucks­funktion für den Sender und die Appell­funktion für den Empfän­ger (Abb. 3). | ||
===Handlungstheoretischer Zeichen­begriff=== | ===Handlungstheoretischer Zeichen­begriff=== | ||
Bühler und Peirce entwickeln zwar einen bereits | Bühler und Peirce entwickeln zwar einen bereits dezi­diert auf Handlung ausge­richte­ten Zeichen­begriff. Doch bleiben sie bei dessen Ausar­beitung noch stark an der semio­tischen Tradi­tion des bila­tera­len Zeichen­begriffs orien­tiert: So ist etwa der Inter­pretant eines Zeichens bei Peirce zunächst eine Art menta­les Zeichen, das der Zeichen­nutzer zur Inter­preta­tion des “äuße­ren” Zeichens erzeugt (und zu dessen Inter­preta­tion er jeweils weite­re Inter­pretan­ten hinzu­zieht). Die Kette der Inter­pretan­ten führe schließlich zum „ulti­mate logi­cal inter­pretant“, den Kuno Lorenz als Ände­rung einer Verhal­tensge­wohnheit – „habit change“ – inter­pretiert (<bib id='Lorenz 1990a'></bib>: S. 121), so dass hier endlich die Veran­kerung des Zeichens in Handlun­gen erfolgt. | ||
: | : | ||
Nun steht Lorenz in der | Nun steht Lorenz in der Tradi­tion des Erlan­ger Konstruk­tivis­mus von Kamlah und Loren­zen, der in der Folge des [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn|linguis­tic turns]] und der handlungs­theore­tischen Umdeu­tung psychi­scher Phäno­mene bei Mead, Wittgen­stein, v. Holst u.a. einen weni­ger menta­listi­schen Zeichen­begriff aus dem Begriff der Zeichen­handlung entwickelt hat. Fokus­siert wird dabei nicht der Zeichen­träger, der etwas bedeu­tet, indem er in einer speziel­len Form von Handlung benutzt wird, sondern das, was als allen Ausfüh­rungen einer Art von Zeichen­handlun­gen (allen „Aktu­ali­sierun­gen“ dieses Typs) gemein bestimmt wird: Ein Zeichen im Sinne von Kamlah, Loren­zen und auch Lorenz ist das Handlungs­''schema'' einer Zeige­handlung (= Vorführ­handlung, d.h. das Schema einer bewuss­ten kommu­nika­tiven Inter­aktion; <bib id='Kamlah & Lorenzen 1973a'>Kamlah & Loren­zen 1973a</bib>, <bib id='Lorenz 1970a'></bib>). | ||
: | : | ||
Das Beziehungsgeflecht zwischen einer | Das Beziehungsgeflecht zwischen einer Zeichen­handlung und ihren Teilhand­lungen einer­seits und den kontex­tuellen Akti­vitä­ten (insbe­sonde­re die jeweils dabei voraus­gesetz­ten Vorbe­reitungs­handlun­gen und die verur­sachten Folge­handlun­gen) ande­rerseits werden auf diese Weise wesent­lich unmit­telba­rer in den Fokus der semio­tischen Betrach­tung gerückt. Es geht nicht um mate­rielle Gegen­stände, sondern um äußerst komple­xe Formen von Inter­aktio­nen. | ||
: | : | ||
Dieses Vorgehen trägt daher auch der | Dieses Vorgehen trägt daher auch der Eigen­tümlich­keit bestimm­ter Zeichen­handlun­gen Rechnung, bei denen der Zeichen­träger gar kein von der Zeichen­verwen­dung sepa­rierba­rer Gegen­stand ist: Wenn etwa ein Fahrrad­fahrer an einer Kreuzung mit der linken Hand Wedel­bewe­gungen ausführt, um den ande­ren Verkehrs­teilneh­mern zu verste­hen zu geben, dass er beab­sichtigt, nach links abzu­biegen - dann ist das durchaus ein klarer Fall von Zeichen­verwen­dung. Gleichwohl ist es hier schwierig, den Zeichen­träger unab­hängig von der Zeichen­handlung über­haupt zu bestim­men. | ||
: | : | ||
Abtrennbare und insbesondere als solche über die | Abtrennbare und insbesondere als solche über die eigent­lichen Zeichen­teilhand­lung hinaus beste­hende (d.h. persis­tente) Zeichen­träger werden entspre­chend nicht einfach ‘Zeichen’ genannt – auch nicht abkür­zend – sondern als ‘Marken’ bezeich­net.<ref>Mar­ken bil­den da­mit die Grund­la­ge für Kom­mu­ni­ka­ti­o­nen in [[Typologien der Medien|se­kun­dä­ren Me­dien]]. Auch Bil­der müss­ten im Sin­ne der hand­lungs­the­o­re­ti­schen Se­mi­o­tik als Mar­ken ver­stan­den wer­den. </ref> Eine Marke kann dem Empfän­ger als Symptom für die vorgän­gige produ­zenten­seiti­gen Teilhand­lungen dienen, die er sich vorstellt und nun durch die entspre­chenden rezi­pienten­seiti­gen Teilhand­lungen zu einer Zeichen­handlung vervoll­ständi­gen kann: Er stellt sich anhand des vorlie­genden Gegen­standes sich selber gegen­über dar als einer, der an einer kommu­nika­tiven Inter­aktion unter Betei­ligung der Marke in Gegen­wart eines vorge­stellten Senders verste­hend teilnimmt. | ||
| Zeile 119: | Zeile 118: | ||
* [[Darstellung]] | * [[Darstellung]] | ||
* [[Dezeptiver und immersiver Modus]] | * [[Dezeptiver und immersiver Modus]] | ||
* [[Digitales Bild]] | |||
* [[Ikonische Differenz]] | * [[Ikonische Differenz]] | ||
* [[Illokution]] | * [[Illokution]] | ||
| Zeile 124: | Zeile 124: | ||
* [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug]] | * [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug]] | ||
* [[Kontextbildung]] | * [[Kontextbildung]] | ||
* [[ | * [[[[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn]] | ||
* [[Morphologie und Syntax]] | * [[Morphologie und Syntax]] | ||
* [["natürliche" Bilder]] | * [["natürliche" Bilder]] | ||
* [[Nomination]] | * [[Nomination]] | ||
* [[Notation]] | |||
* [[Phänomenologische Bildtheorien]] | * [[Phänomenologische Bildtheorien]] | ||
* [[Prädikation]] | * [[Prädikation]] | ||
| Zeile 134: | Zeile 135: | ||
* [[Symbol, Index, Ikon]] | * [[Symbol, Index, Ikon]] | ||
* [[Typologien der Medien]] | * [[Typologien der Medien]] | ||
* [[Vorstellung]] | |||
{{GlosTab2}} | {{GlosTab2}} | ||
Version vom 6. Oktober 2013, 17:09 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
|
Es gibt viele unterschiedliche Verwendungsweisen des Ausdrucks ‘Zeichen’,[1] was seinen Einsatz in der Bildphilosophie kompliziert macht. Im Folgenden soll nur auf die bildphilosophisch relevantesten Aspekte der Zeichendiskussion eingegangen werden.
Kommunikative Interaktionen und ZeichenhandlungenVon Kritikern wird den semiotischen Bildtheorien häufig vorgeworfen, dass in ihnen allein die Darstellungsfunktion eines Bildes fokussiert werde. Medientheoretische Ansätze klagen seine kommunikativen Aspekte ein, während wahrnehmungstheoretische Positionen die Arbitrarität und Konventionalität kritisieren, die sie unterstellen, wenn Bilder als eine Art von Zeichen verstanden werden. Beide Kritiken richten sich an Zeichenbegriffen aus, die zwar in der “Vor- und Frühgeschichte” der Semiotik häufiger verwendet wurden: ‹Ein Ding, das für ein anderes steht› bzw. ‹eine Vorstellung, die willkürlich für eine andere Vorstellung eintritt›. Die damit umrissenen ontologischen oder mentalistischen Zeichenbegriffe sind in der Tat wenig geeignet, die charakteristischen Eigenheiten von Bildern zu erfassen. Doch spricht nichts gegen Zeichenbegriffe, die – nicht zuletzt in der Folge des linguistic turn – aus einem weiten Kommunikationsbegriff handlungstheoretisch entwickelt werden. Als eine solche Ausgangsbasis bietet sich etwa die Unterscheidung zwischen sachbezüglichen und kommunikativen Interaktionen an. Zeichengebrauch wird damit als eine Handlung[2] begriffen, die zwischen zwei Handlungssubjekten stattfindet.[3] Die Rollen dieser beiden Agenten werden meist als ‘Sender’ und ‘Empfänger’ (oder auch ‘Produzent’ und ‘Rezipient’) bezeichnet. Die Pointe der kommunikativen Interaktionen liegt darin, dass sich hier der Sender an den Empfänger richtet, indem er sich selbst in besonderer Weise darstellt. In dieser Selbstdarstellung (Ostention) wird für den Empfänger etwas Drittes erkennbar – das Dargestellte, bei dem es sich etwa auch um einen fiktiven Sachverhalt handeln kann, den wahrzunehmen der Sender sich darstellt. Es ist offensichtlich, dass ein auf diesen verschachtelten Handlungstypus gegründeter Zeichenbegriff sehr viel komplexer ist, als der unmittelbar an der Darstellungsfunktion orientierte der frühen Semiotik. Anzeichen und SignaleZum einen fällt auf, dass der handlungstheoretische Kommunikationsbegriff Anzeichen (Symptome) nicht mehr ohne weiteres als Zeichen zu verstehen erlaubt. Zwar ist es möglich, Anzeichen als Zeichen für das sie verursachende Phänomen zu verwenden, doch muss dann zumindest die entsprechende Selbstdarstellung eines Senders in einer kommunikativen Interaktion hinzutreten (⊳ “natürliche” Bilder). Beispielsweise ist nämlich Rauch, obzwar ein Symptom von Feuer, als solcher noch kein Zeichen für Feuer; er kann aber von jemandem in einer kommunikativen Interaktion dafür verwendet werden, den Empfänger auf Feuer aufmerksam zu machen.[4] Das Problem der Auffassung, dass Anzeichen eine Art von Zeichen seien, besteht also im Wesentlichen darin, dass sie (in der Regel) keine kommunikativen Interaktionen sind und ihnen die entsprechenden Handlungssubjekte – Sender und Empfänger – fehlen. Das gilt für (tierische) Signale nicht.[5] Der Warnschrei eines Affen vor einem Raubtier, die pulsierende Färbung eines Kraken vor einem Geschlechtspartner oder das Fletschen der Zähne eines Hundes einem ihn ärgernden Kind gegenüber sind zweifelsfrei Fälle von kommunikativer Interaktion mit der dafür charakteristischen Selbstdarstellung des Senders. Gleichwohl sollen sie nicht als Instanzen von Zeichen gelten. Der Grund liegt darin, dass die dabei zu beobachtende Selbstdarstellung nur für den Beobachter den Zweck der Kommunikation erfüllt; für den Handelnden selbst ist dieser Zweck (noch) nicht zugänglich. Aus diesem Grund auch lässt sich bei Signalen stets die Senderbedeutung von der Empfängerbedeutung unterscheiden: Im dafür angesetzten behavioristischen Bedeutungsbegriff ist erstere durch die (von einem Beobachter als solche genommenen inneren und äußeren) Voraussetzungen gegeben, die für den Sender vorliegen müssen, dass er das Signal äußert, während letztere den durch den Empfang des Signals (in den Augen des Beobachters) ausgelösten Aktivitäten entspricht. Für Zeichen soll hingegen gelten, dass ihre Bedeutung für Sender und Empfänger selbst dieselbe ist.[6] Zeichenhandlungen und die kommunikative IntentionZeichenhandlungen unterscheiden sich von anderen kommunikativen Interaktionen (insbesondere Signalen) dadurch, dass sie von den beteiligten Handlungssubjekten mit Einsicht in ihren Zweck verwendet werden. Sender und Empfänger kommunizieren also nicht einfach nur miteinander, indem sie etwa einem erlernten Handlungsmuster folgen (‹in der und der Situation: tue dies!›), wobei der eigentliche Zweck der (Gesamt-)Handlungen nur einem externen Beobachter klar ist. Sie tun das vielmehr im eigenen Bewusstsein des damit verfolgten Ziels der Verständigung mit einem (auch vorgestellten) anderen (‹tue dies, um dich mit dem anderen zu koordinieren›). Zeichenhandlungen sind also genau die kommunikativen Interaktionen, die zugleich Handlungen im engeren Sinn sind.[7] Ein Zeichenhandelnder stellt sich damit einem anderen gegenüber (oder sich selbst in der Rolle des Rezipienten) stets insbesondere dar als ein Wesen, das eine kommunikative Interaktion mit diesem Gegenüber durchführt: Der Produzent stellt sich also dar als einer, der sich darstellt als einer, der sich einer bestimmten Situation gegenüber sieht (die kursive Passage artikuliert genau das Senderverhalten bei kommunikativen Interaktionen ganz allgemein). Analoges gilt für den Rezipienten, der sich darstellt als einer, der an einer kommunikativen Interaktion verstehend teilnimmt. Während bei signalhaften kommunikativen Interaktionen der rezeptive Teilnehmer keine Ostentation zu vollziehen braucht, ändert sich eben das bei Zeichenhandlungen. Indem die Ostentation auf diese zweifache Weise verdoppelt wird, eröffnet sich für die Handelnden selbst die Möglichkeit, die produzentenseitige Bedeutung und die rezipientenseitige Bedeutung aufeinander zu beziehen und damit letztlich: sie zu einer einzigen, kontrolliert geteilten Bedeutung zu vereinheitlichen. Eben das bildet die Grundlage dafür, dass sich bei Zeichen ein von anderen Komponenten der Zeichenhandlung separierbarer Sachbezug festlegen lässt.[8] (hier in der Fassung von [Bußmann 1983a]Bußmann, Hadumod (1983): Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart. ) Umgekehrt öffnet die gemeinsame und separierte Bedeutung den Blick auch für den rein physischen Aspekt der Zeichenhandlung: den Zeichenträger. Erst in dieser komplexen Handlungskonstellation macht das semiotische Dreieck als für die Handelnden selbst unterscheidbare Organisation von Aspekten einer entsprechenden Handlungsausführung Sinn: der Zeichenträger als Bezeichnendes (Abb. 2: „Symbol“), der Sachbezug als Bezeichnetes („Referent“) und der beides allererst zusammenbindende Vollzug einer (elementareren) kommunikativen Interaktion (in den Standardfassungen des semiotischen Dreiecks meist verkürzt zu „Gedanke/Bezug“).[9] Regeln und Gewohnheiten: ZeichensystemeIm Gegensatz zum einfachen Ausführen von elementaren Kommunikationshandlungen werden mit dem Zeigen solcher Handlungen die entsprechenden Teilhandlungen und ihr Zusammenspiel zumindest partiell den Kommunizierenden selbst bewusst.[10] Das heißt insbesondere, dass sie dem Zeichenhandelnden als jeweils eine von verschiedenen Alternativen erscheinen, zwischen denen er sich entscheiden kann – und zwischen denen entscheiden zu können er auch dem Kommunikationspartner unterstellt. Die Zeichenhandlung ist damit eine Kommunikationshandlung, die als Teil eines ganzen Systems möglicher Varianten zu verstehen ist: Sie ist ein Element eines Zeichensystems. Zwar bilden auch Signale durchaus Systeme von Alternativen: Die Warnschreie bestimmter Primaten (wie auch die Reaktionen darauf) sind etwa nach dem gesichteten Feind differenziert – Leopard, Adler oder Python. Was für einen ethologischen Beobachter schnell als Zusammenhang zwischen verschiedenen, alternativen Signalausprägungen eines gemeinsamen Schemas herauszufinden ist, kann gleichwohl von nicht-zeichenverwendenden Tieren noch nicht in einen regelhaften Zusammenhang gebracht werden, da sie sich jeweils nur auf die aktuelle Situation und die darin vorzuführende auf einen Fall beschränkte Selbstdarstellung beziehen können. Die zu beobachtenden Regelmäßigkeiten sind Gewohnheiten, die nicht wie Regeln durch wechselseitige (d.h. interindividuelle) Abstimmungen der Handelnden selbst kontrolliert werden und sich in ihren Ausprägungen nur “hinter dem Rücken der Akteure” (etwa durch evolutionäre Prozesse) verändern. Erst mit der Kompetenz zu Zeichenhandlungen gewinnen die Handelnden auch die Fähigkeit, diese Gewohnheiten miteinander abzustimmen, sie zu echten Regeln umzuformen. Der Umfang alternativer Zeichenhandlungen, die ein Zeichensystem bilden, ist daher durch Regeln bestimmt: Die Alternativen können dabei auf der syntaktischen, der semantischen oder der pragmatischen Ebene auftreten.[11]
‘Zeichen’ als »Zeichenträger« und als »Zeichenhandlungsschemata«Umgangssprachlicher ZeichenbegriffIn der Umgangssprache wird mit dem Ausdruck ‘Zeichen’ häufig auf den Zeichenträger als einem von der Zeichenhandlung abtrennbaren Gegenstand hingewiesen. Das geschieht besonders häufig, wenn der Zeichenträger außerhalb seiner Zeichenfunktion verwendet wird: ‘Stelle das Plakat hinter das Halteverbotszeichen!’ (statt ‘Schild’) Allerdings wird diese außer-semiotische Verwendungsweise oft auch als Basis für den alltagssprachlichen Zeichenbegriff genutzt, der damit als ein unilateraler Zeichenbegriff bestimmt werden kann, bei dem das Zeichen nur über die Eigenschaften eines einzigen Gegenstandes (des Zeichenträgers) charakterisiert wird. Ein solcher unilateraler Bildbegriff liegt gelegentlich auch medieninformatischen Darstellungen zugrunde: Die digitale Kodierung von Bildern in einer Bilddatei (beispielsweise als jpg oder tiff), welche üblicherweise von Informatikern einfach als ‘Bild’ bezeichnet wird, ist tatsächlich lediglich eine Beschreibung von syntaktischen Elementen des eigentlichen Bildzeichens, das Datei-Format eine Notation nur für Bildträger (⊳ Digitales Bild). Diese Betrachtungsweise verschleiert allerdings den Blick darauf, dass (1) eine weitere Entität – das, was bezeichnet wird – eine den Gegenstand als Zeichen bestimmende Rolle spielt, und dass darüber hinaus (2) diese Bedeutungsbeziehung sich nur in einem bestimmten Handlungsrahmen – nämlich einer Kommunikation – instantiieren lässt, so dass zwei weitere Rollen (‘Sender’ und ‘Empfänger’) ebenfalls zur Definition des Zeichenbegriffs notwendig gehören. Bilaterale und multilaterale ZeichenbegriffeBilaterale (oder dyadische) Zeichenbegriffe, wie etwa der von Saussure ([Saussure 1916a]Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. Payot, Paris. Bei multilateralen Zeichenbegriffen, wie sie etwas von Bühler ([Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart. Handlungstheoretischer ZeichenbegriffBühler und Peirce entwickeln zwar einen bereits dezidiert auf Handlung ausgerichteten Zeichenbegriff. Doch bleiben sie bei dessen Ausarbeitung noch stark an der semiotischen Tradition des bilateralen Zeichenbegriffs orientiert: So ist etwa der Interpretant eines Zeichens bei Peirce zunächst eine Art mentales Zeichen, das der Zeichennutzer zur Interpretation des “äußeren” Zeichens erzeugt (und zu dessen Interpretation er jeweils weitere Interpretanten hinzuzieht). Die Kette der Interpretanten führe schließlich zum „ultimate logical interpretant“, den Kuno Lorenz als Änderung einer Verhaltensgewohnheit – „habit change“ – interpretiert ([Lorenz 1990a]Lorenz, Kuno (1990): Einführung in die philosophische Anthropologie. WBG, Darmstadt. Nun steht Lorenz in der Tradition des Erlanger Konstruktivismus von Kamlah und Lorenzen, der in der Folge des linguistic turns und der handlungstheoretischen Umdeutung psychischer Phänomene bei Mead, Wittgenstein, v. Holst u.a. einen weniger mentalistischen Zeichenbegriff aus dem Begriff der Zeichenhandlung entwickelt hat. Fokussiert wird dabei nicht der Zeichenträger, der etwas bedeutet, indem er in einer speziellen Form von Handlung benutzt wird, sondern das, was als allen Ausführungen einer Art von Zeichenhandlungen (allen „Aktualisierungen“ dieses Typs) gemein bestimmt wird: Ein Zeichen im Sinne von Kamlah, Lorenzen und auch Lorenz ist das Handlungsschema einer Zeigehandlung (= Vorführhandlung, d.h. das Schema einer bewussten kommunikativen Interaktion; [Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München. Das Beziehungsgeflecht zwischen einer Zeichenhandlung und ihren Teilhandlungen einerseits und den kontextuellen Aktivitäten (insbesondere die jeweils dabei vorausgesetzten Vorbereitungshandlungen und die verursachten Folgehandlungen) andererseits werden auf diese Weise wesentlich unmittelbarer in den Fokus der semiotischen Betrachtung gerückt. Es geht nicht um materielle Gegenstände, sondern um äußerst komplexe Formen von Interaktionen. Dieses Vorgehen trägt daher auch der Eigentümlichkeit bestimmter Zeichenhandlungen Rechnung, bei denen der Zeichenträger gar kein von der Zeichenverwendung separierbarer Gegenstand ist: Wenn etwa ein Fahrradfahrer an einer Kreuzung mit der linken Hand Wedelbewegungen ausführt, um den anderen Verkehrsteilnehmern zu verstehen zu geben, dass er beabsichtigt, nach links abzubiegen - dann ist das durchaus ein klarer Fall von Zeichenverwendung. Gleichwohl ist es hier schwierig, den Zeichenträger unabhängig von der Zeichenhandlung überhaupt zu bestimmen. Abtrennbare und insbesondere als solche über die eigentlichen Zeichenteilhandlung hinaus bestehende (d.h. persistente) Zeichenträger werden entsprechend nicht einfach ‘Zeichen’ genannt – auch nicht abkürzend – sondern als ‘Marken’ bezeichnet.[13] Eine Marke kann dem Empfänger als Symptom für die vorgängige produzentenseitigen Teilhandlungen dienen, die er sich vorstellt und nun durch die entsprechenden rezipientenseitigen Teilhandlungen zu einer Zeichenhandlung vervollständigen kann: Er stellt sich anhand des vorliegenden Gegenstandes sich selber gegenüber dar als einer, der an einer kommunikativen Interaktion unter Beteiligung der Marke in Gegenwart eines vorgestellten Senders verstehend teilnimmt.
Sprachliche ZeichenSicherlich ist Sprache das am besten untersuchte Zeichensystem.[14] Die Struktur sprachlicher Zeichen hat entsprechend die Begrifflichkeit der Zeichentheorie stark geprägt. Kritiker des semiotischen Bildbegriffs äußern in der Folge gelegentlich die Befürchtung, dass eine dezidiert am Zeichenbegriff ausgerichtete Bildtheorie zu sprachlastig operiere und dadurch die Unterschiede, die zwischen Bild und Wort bestehen, nicht hinreichend beachtet würden (⊳ Ikonische Differenz). Allerdings ist weder der Ausdruck ‘Zeichen’ synonym mit ‘sprachliche Zeichen’ noch der Terminus ‘Zeichensystem’ mit ‘Zeichensprache’. Sprachliche Zeichen sind auch nicht dasselbe wie Sprache(n) im Sinne der Linguistik, die sich semiotisch eher als Wort/Satz-sprachliche Zeichensysteme (s.u.) charakterisieren lassen. Verallgemeinerter Sprachbegriff und nicht-sprachliche ZeichensystemeGegenüber dem primär an der Linguistik ausgerichteten (engen) Sprachbegriff kann eine allgemeinere semiotische Unterscheidung ins Feld geführt werden, die darauf beruht, dass die Zeichen eines Zeichensystems sich – in einem weiten Sinne – syntaktisch gliedern lassen: Die zugehörigen Zeichenhandlungsschemata bestehen aus Teilen, die in unterschiedlichen Kombinationen verschiedene Zeichen des Systems konstituieren (siehe nochmals Abb. 1). Bei nicht-sprachlichen Zeichensystemen liegt mithin keine solche Gliederung vor. Das System besitzt keine Morphologie, mit deren Hilfe sich die einzelnen Zeichen bereits anhand von Eigenschaften des Zeichenträgers alleine (d.h. rein syntaktisch) sinnvoll semiotisch zueinander in Beziehung setzen ließen.[15] Für sprachliche Zeichensysteme muss sich hingegen eine Morphologie angeben lassen. Nicht gefordert ist für sprachliche Zeichensysteme (Zeichensprachen), dass die Teile selbst wiederum Zeichen sein müssen, wie es bei der Relation zwischen Wort und Satz der Fall wäre. Betrachten wir daher zunächst den Fall der Zeichensysteme, bei denen die Zeichenteile generell keine Zeichen sind – genauer formuliert: keine der Teilhandlungen, die die Zeichenhandlungschemata eines solchen Zeichensystems konstituieren, ist bereits eine Zeichenhandlung. Im Gegensatz zu den nicht-sprachlichen Zeichensystemen lässt sich also eine syntaktische Gliederung der Zeichensprache angeben, die aber noch nicht der Kombination von Wörtern zu Sätzen entspricht, sondern, um ein linguistisches Analogon zu bemühen, eher der Zusammensetzung von (nicht eigenständig verwendbaren) Morphemen zu Wörtern. Als Beispiel mag das dem »Fährten lesen« zugrunde liegende Zeichensystem dienen. Die Zeichen dieses Systems unterscheiden sich als Interpretation der Variationen von Eigenschaften der Abdrücke (etc.) und ihrer Teile: So mag etwa der Grad der Verwischung der Kanten im Zusammenhang mit anderen Eigenheiten als Altersindiz dienen.[16] Dabei ist aber das Erkennen von “Verwischtheit” noch kein eigenständiges Zeichen, das innerhalb des Systems losgelöst von anderen Zeichenkomponenten verwendet werden könnte. Gleichwohl bestimmt es gemeinsam mit den anderen relevanten Dimensionen die Morphologie der Zeichen dieses Systems. Wort/Satz-sprachliche Zeichensysteme: Sprachen im engeren SinnVon den allgemeinen Zeichensprachen ist die Klasse der Wort/Satz-sprachlichen Zeichensysteme zu differenzieren. Diese verfügen über eine syntaktische Gliederung im engen Sinn, insofern die Teilhandlungen, die ein Zeichen dieser Systeme bilden, zum Teil selber bereits Zeichen sind: nämlich Wörter, die Sätze bilden. Dadurch wird die Unterscheidung zwischen Wörtern und Sätzen überhaupt erst möglich und damit eine über reine Morphologie hinausgehende kombinative Syntax etwa im Sinne von Chomsky ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag. Die Festlegung der Begriffe »Wort« und »Satz« ist in Linguistik und Semiotik umstritten:[17] Das liegt nicht zuletzt an den dabei zumeist betrachteten bi- und multilateralen Bildbegriffen, die kaum Kriterien für eine Unterscheidung zwischen nur morphologisch organisierten und im engeren Sinn syntaktisch organisierten Sprachzeichensystemen bereitstellen. Handlungstheoretisch betrachtet liegt es hingegen durchaus nahe,
Die Pointe satzsprachlicher Zeichensystem besteht mithin darin, dass nicht nur die Gesamtzeichenhandlung (der Satz) in Form und Gebrauch an Regeln ausgerichtet wird, sondern bereits Form und Gebrauch der Teilzeichenhandlungen (der Wörter) jeweils vollständig an Regeln orientiert sind. Die korrekte (syntaktische) Form und der richtige (pragmatische) Gebrauch der Sätze (und damit auch ihre Bedeutungen) lassen sich dann bei Bedarf kompositional aus den morphologischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften der Wörter ableiten. Analoge Argumentationen fehlen für einfache Zeichensprachen. Die massive Komplexitätssteigerung, die mit dem Gebrauch von Teilzeichenhandlungen verbunden ist, macht sich mit einer außerordentlich erhöhten Flexibilität dieser Sprachsysteme bezahlt.[18] Propositionale und explizit performative ZeichenhandlungenZwar sind wort/satzsprachliche Zeichenhandlungen noch nicht hinreichend zur Artikulation eines expliziten Sachbezugs. Ein solcher entfaltet sich erst mit propositionalen Sprachzeichenhandlungen. Allerdings ist die echte syntaktische Gliederung des Zeichensystems eine notwendige Voraussetzung für letztere, denn die für die Proposition charakteristischen Teilhandlungen – Prädikation, Nomination und Kontextbildung – müssen als eigenständige Zeichenhandlungen mit je eigenen Interpretationsregeln auftreten. Erst dadurch ist es auch möglich, über nicht anwesende Sachverhalte (als solche) zu kommunizieren.[19] Des weiteren setzen explizit performative Zeichenhandlungen – etwa ‘hiermit taufe ich dich auf den Namen «Titanic»’ oder ‘hiermit schwöre ich (dir), dass p’ – die Kompetenz zu satz/wortsprachlichen Kommunikationshandlungen (bzw. im zweiten Beispiel sogar von propositionalen Zeichenhandlungen) voraus: Die ausdrückliche Artikulation der mit der Zeichenhandlung durchgeführten Illokution kann nur gelingen, wenn die Benennung als eigenständiges (Teil)Zeichen verfügbar und als solches in den Gesamtzeichenakt eingebettet ist. Sprachen im linguistischen Sinn umfassen offensichtlich stets propositionale und explizit performative Zeichenhandlungen, gehören mithin zu den komplexesten Zeichensprachen.[20] Die genaue semiotische Einordnung von Bildern ist hingegen derzeit noch umstritten. Siehe auch:
|
Anmerkungen
Literatur
[Born 1983a]Born, Rainer (1983): Schizo-Semantik: Provokationen zum Thema Bedeutungstheorien und Wissenschaftsphilosophie im allgemeinen. Conceptus, 17, 41.[Bußmann 1983a]Bußmann, Hadumod (1983): Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Eco 1977a]Eco, Umberto (1977): Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Eibl-Eibesfeldt 1974a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1974): Stammesgeschichtliche Anpassungen im menschlichen Verhalten. In: Immelmann, K. (Hg.), Grzimeks Tierleben. Ergänzungsband Verhaltensforschung. Kindler , Zürich.[Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München.[Keller 1995a]Keller, Rudi (1995): Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens. Francke, Tübingen, Basel.[Krah & Titzmann2013a]Krah, Hans & Titzmann, Michael (2013): Medien und Kommunikation. Eine interdisziplinäe Einführung. Stutz, Passau.[Lorenz 1970a]Lorenz, Kuno (1970): Elemente der Sprachkritik – Eine Alternative zum Dogmatismus und Skeptizismus in der Analytischen Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Lorenz 1990a]Lorenz, Kuno (1990): Einführung in die philosophische Anthropologie. WBG, Darmstadt.[Nöth 2005a]Nöth, Winfried (2005): Zeichentheoretische Grundlagen der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.[Peirce 1983a]Peirce, Charles S. (1983): Phänomen und Logik der Zeichen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Richards & Ogden 1923a]Richards, I.A. & Ogden, R.G. (1923): The Meaning of Meaning. Routledge & Kegan Paul, London.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Ros 1989/90a]Ros, Arno (1989): Begründung und Begriff. Wandlungen des Verständnisses begrifflicher Argumentationen. Meiner, Hamburg.[Saussure 1916a]Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. Payot, Paris.[Shannon & Weaver 1949a]Shannon, Claude & Weaver, Warren (1949): The Mathematical Theory of Communication. University of Illinois Press, Champaign.[Trabant 1996a]Trabant, Jürgen (1996): Elemente der Semiotik. Franke, Tübingen. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Marcel Lemmes — (Hinweis) |


