Digitales Bild: Unterschied zwischen den Versionen
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Eine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Funktionen ist der Verweis auf ,reale' Sachverhalte, die [[Referenz]] der Bilder. In den 1990er Jahren - und zum Teil noch bis in die jüngste Gegenwart - dominierte in der umfangreichen Diskussion (<bib id='Ritchin 1990a'></bib>, <bib id='Ritchin 1990b'></bib>; <bib id='Ullrich 1997a'></bib>; <bib id='Glüher 1998a'></bib>; <bib id='Baudrillard 2000a'></bib>; <bib id='Stiegler 2004a'></bib>) die Vorstellung ,digitale Bilder' (wobei in der Regel nicht zwischen digitalisierten und generierten Bildern differenziert wurde) seien im Unterschied zu ,analogen Bildern' (womit meist die Fotografie gemeint war) referenzlos. Zunächst stimmt es zwar, dass durch die Ausbreitung von PCs und Bildbearbeitungssoftware (⊳ [[Bildverarbeitung, digitale]]) seit Anfang der 1990er Jahre Bildmanipulationen erleichtert wurden.<ref>Am Rande kann also die Frage gestellt werden, ob die Klage über die erleichterte Manipulation der Bilder nicht vor allem eine Klage über die Demokratisierung der Manipulation ist (vgl. <bib id='Fiske 2001a'></bib>: S. 495).</ref> Es gab einige öffentliche Skandale um manipulierte Bilder | Eine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Funktionen ist der Verweis auf ,reale' Sachverhalte, die [[Referenz]] der Bilder. In den 1990er Jahren - und zum Teil noch bis in die jüngste Gegenwart - dominierte in der umfangreichen Diskussion (<bib id='Ritchin 1990a'></bib>, <bib id='Ritchin 1990b'></bib>; <bib id='Ullrich 1997a'></bib>; <bib id='Glüher 1998a'></bib>; <bib id='Baudrillard 2000a'></bib>; <bib id='Stiegler 2004a'></bib>) die Vorstellung, ,digitale Bilder' (wobei in der Regel nicht zwischen digitalisierten und (digital) generierten Bildern differenziert wurde) seien im Unterschied zu ,analogen Bildern' (womit meist die Fotografie gemeint war) referenzlos. Zunächst stimmt es zwar, dass durch die Ausbreitung von PCs und Bildbearbeitungssoftware (⊳ [[Bildverarbeitung, digitale]]) seit Anfang der 1990er Jahre Bildmanipulationen erleichtert wurden.<ref>Am Rande kann also die Frage gestellt werden, ob die Klage über die erleichterte Manipulation der Bilder nicht vor allem eine Klage über die Demokratisierung der Manipulation ist (vgl. <bib id='Fiske 2001a'></bib>: S. 495).</ref> Es gab einige öffentliche Skandale um manipulierte Bilder (so z.B. die ,schwärzer' gemachte Abbildung von O.J. Simpson auf der Time vom 27. Juni 1994 im Zuge des Mordprozesses gegen ihn, was ein Beispiel für die ,politics of representation' digitaler Bildmanipulationen ist<ref>Zu ‚politics of representation‘ vgl. <bib id='Holschbach 2003a'></bib>.</ref>. Allerdings wurde der angebliche Verlust der referentiellen Funktion - der im Falle der analogen Fotografie plötzlich als unproblematisch galt (als habe es dort nie Bildfälschungen gegeben, vgl. <bib id='Jaubert 1998a'></bib>; <bib id='Rosler 2000a'></bib>) - in Zusammenhang mit postmodernistischen Positionen v.a. Baudrillards über die so genannte ,Agonie des Realen' (vgl. <bib id='Baudrillard 1978a'></bib>) bisweilen zu einer kompletten De-Realisierung gesteigert. Ein solcher Diskurs passte zur Anfang bis Mitte der 1990er Jahre weit verbreiteten Rede um ,Virtual Reality' und ,Cyberspace' (vgl. <bib id='Rötzer 1993a'></bib>; kritisch dazu <bib id='Schröter 2004b'></bib>: S. 152-276), wobei es meistens um letztlich völlig unrealisierbare Phantasmen vollendet realistischer, immersiver und haptischer Räume ging - die von der Realität schlicht ununterscheidbar sein sollten und die noch Kinofilme wie The Matrix (1999) antrieben. In Zusammenhang mit solchen Vorstellungen war etwa von der "pure[n] Selbstreferentialität der digitalen Zeichen" (<bib id='Wimmer 1991a'></bib>: S. 529) die Rede, was schon deswegen problematisch ist, weil ein Zeichen per definitionem auf etwas anderes als sich selbst verweist, ein pur selbstreferentielles Zeichen also gar kein Zeichen ist. Geoffrey Batchen (<bib id='Batchen 2000a'></bib>: S. 15) schrieb noch 2000: "The main difference seems to be that, whereas photography still claims some sort of objectivity, digital imaging is an overtly fictional process."<ref>Zum Unterschied der Differenzen nicht-fiktional/fiktional und analog/digital siehe <bib id='Schröter 2010a'></bib>.</ref> Die These, digitale Bilder referierten nicht auf Welt, wurde meist auf zwei verschiedene Argumente gestützt, die beide aber diskussionswürdig sind: | ||
a. Die digitalen Bilder seien - anders als die Fotografie - nicht mehr indexikalisch, d.h. im Sinne der Semiotik von Peirce nicht mehr über das Licht kausal mit dem Gegenstand verbunden.<ref>Zur Problematik des Index-Begriffs von Peirce in Bezug auf die Fotografie siehe <bib id='Lefebvre 2007a'></bib>; <bib id='Brunet 2008a'></bib>.</ref> | a. Die digitalen Bilder seien - anders als die Fotografie - nicht mehr indexikalisch, d.h. im Sinne der Semiotik von Peirce nicht mehr über das Licht kausal mit dem Gegenstand verbunden.<ref>Zur Problematik des Index-Begriffs von Peirce in Bezug auf die Fotografie siehe <bib id='Lefebvre 2007a'></bib>; <bib id='Brunet 2008a'></bib>.</ref> | ||
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*'''''Zu a. (Nicht-)Indexikalität''''' | *'''''Zu a. (Nicht-)Indexikalität''''' | ||
Digitalisierte Bilder sind immer noch indexikalisch in dem Sinne, dass Licht vom Gegenstand (oder einer Vorlage) reflektiert wird und auf einen Sensor fällt - nur dass dieser nicht mehr fotochemisch, sondern quantenelektronisch ist. Daran ändert auch Hagens (<bib id='Hagen 2002a'></bib>: S. 231-235) Argument nichts, dass digital-elektronisch aufgezeichnete Fotografien anders als chemische Fotografien löschbar, also reversibel sind.<ref>Daher bemerkt (<bib id='Hagen 2002b'></bib>: S. 110): „So halten denn auch digitale Bilder beileibe nicht Nichts fest, aber sie halten, was sie halten, nur schwach fest [...].“ Zur Löschbarkeit von Bildern vgl. auch <bib id='Schröter 2004d'></bib>.</ref> Photo-Graphie heißt Schrift des Lichts, nichts an diesem Begriff bestimmt, ob die Aufzeichnung analog oder digital, dauerhaft oder flüchtig ist. Daher werden CCDs auch nach wie vor etwa in den Naturwissenschaften eingesetzt, um Spuren von Ereignissen festzuhalten, die es dann später auszuwerten und zu kommentieren gilt, damit Referenz erzeugt werden kann (vgl. am Beispiel der Astronomie <bib id='Smith & Tatarewicz 1985a'></bib>). Dies wäre sinnlos, wenn die Bilder keine Spur eines - wie auch immer definierten - Realen (wenn auch nur vorübergehend) speichern würden. Der Hinweis auf die mangelnde Indexikalität scheint eher auf generierte Bilder zuzutreffen, insofern diese keine Bilder einer realen Szene sind, aber durch ihren u.U. ,fotorealistischen' (<bib id='Schröter 2003a'></bib>) Look aussehen können wie Einschreibungen von Licht (s.u.).<br/> | Digitalisierte Bilder sind immer noch indexikalisch in dem Sinne, dass Licht vom Gegenstand (oder einer Vorlage) reflektiert wird und auf einen Sensor fällt - nur dass dieser nicht mehr fotochemisch, sondern quantenelektronisch ist. Daran ändert auch Hagens (<bib id='Hagen 2002a'></bib>: S. 231-235) Argument nichts, dass digital-elektronisch aufgezeichnete Fotografien anders als chemische Fotografien löschbar, also reversibel sind.<ref>Daher bemerkt (<bib id='Hagen 2002b'></bib>: S. 110): „So halten denn auch digitale Bilder beileibe nicht Nichts fest, aber sie halten, was sie halten, nur schwach fest [...].“ Zur Löschbarkeit von Bildern vgl. auch <bib id='Schröter 2004d'></bib>.</ref> Photo-Graphie heißt Schrift des Lichts, nichts an diesem Begriff bestimmt, ob die Aufzeichnung analog oder digital, dauerhaft oder flüchtig ist. Daher werden CCDs auch nach wie vor etwa in den Naturwissenschaften eingesetzt, um Spuren von Ereignissen festzuhalten, die es dann später auszuwerten und zu kommentieren gilt, damit Referenz erzeugt werden kann (vgl. am Beispiel der Astronomie <bib id='Smith & Tatarewicz 1985a'></bib>). Dies wäre sinnlos, wenn die Bilder keine Spur eines - wie auch immer definierten - Realen (wenn auch nur vorübergehend) speichern würden. Der Hinweis auf die mangelnde Indexikalität scheint eher auf (digital) generierte Bilder zuzutreffen, insofern diese keine Bilder einer realen Szene sind, aber durch ihren u.U. ,fotorealistischen' (<bib id='Schröter 2003a'></bib>) Look aussehen können wie Einschreibungen von Licht (s.u.).<br/> | ||
*'''''Zu b. Manipulierbarkeit''''' | *'''''Zu b. Manipulierbarkeit''''' | ||
Die glaubwürdige und fehlerfreie Manipulation größerer Teile komplexer bildlicher Szenen ist ein außerordentlich diffiziles Unterfangen (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: S. 31-37). Daher ist die Frage berechtigt, inwiefern in kritischen Fällen eine Nicht-Unterscheidbarkeit manipulierter von ,authentischen' Bildern (mindestens für die Augen von Experten) wirklich gegeben ist. Außerdem gibt es zahlreiche Fälle, in denen die Manipulation bzw. Bearbeitung eines Bildes notwendig und zulässig ist, z.B. bei der Aufbereitung von Bildern für den Druck. Es gibt also eine Grenze zwischen zulässigen und unzulässigen Manipulationen (vgl. <bib id='Pang 2002a'></bib>: S. 104), die keineswegs mit der Grenze analog/digital identisch ist. | Die glaubwürdige und fehlerfreie Manipulation größerer Teile komplexer bildlicher Szenen ist ein außerordentlich diffiziles Unterfangen (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: S. 31-37). Daher ist die Frage berechtigt, inwiefern in kritischen Fällen eine Nicht-Unterscheidbarkeit manipulierter von ,authentischen' Bildern (mindestens für die Augen von Experten) wirklich gegeben ist. Außerdem gibt es zahlreiche Fälle, in denen die Manipulation bzw. Bearbeitung eines Bildes notwendig und zulässig ist, z.B. bei der Aufbereitung von Bildern für den Druck. Es gibt also eine Grenze zwischen zulässigen und unzulässigen Manipulationen (vgl. <bib id='Pang 2002a'></bib>: S. 104), die keineswegs mit der Grenze analog/digital identisch ist. | ||
Wie dieses letzte Beispiel schon zeigt, sollte die Bearbeitung digitalisierter Bilder nicht automatisch | Wie dieses letzte Beispiel schon zeigt, sollte die Bearbeitung digitalisierter Bilder nicht automatisch mit dem Verlust von Referenz gleichgesetzt werden. Historisch lässt sich im Gegenteil zeigen, dass die Bearbeitung von Bildern (Image Processing) oft gerade Bedingung ihres Weltbezuges ist - z.B. im militärischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Praktiken (vgl. <bib id='Schröter 2001a'></bib>; <bib id='Schröter 2004a'></bib>; <bib id='Schröter 2009a'></bib>). Das korrespondiert mit neueren theoretischen Ansätzen etwa aus der Akteur-Netzwerk-Theorie, die den Gegensatz zwischen ,Konstruiertheit' und ,Wirklichkeit' - der in der Behauptung aufscheint, die Bearbeitbarkeit eines Bildes reduziere automatisch dessen Referenz - zu unterlaufen versuchen (vgl. <bib id='Latour 2007a'></bib>: S. 152-161). Natürlich gibt es böswillige Manipulationen an und mit digitalisierten Bildern, aber es hängt von konkreten Praktiken mit analogen und digitalen Bildern ab, ob es sich um eine Täuschung oder um eine Aufbereitung mit dem Ziel klareren Verständnisses handelt. Umgekehrt garantiert der Charakter eines [[Fotografie|fotografischen Bildes]] als indexikalische Spur keineswegs automatisch ein Wissen, worauf das Bild referiert. Auch analoge Fotografien benötigen oft Kommentare, um überhaupt verständlich zu sein (vgl. z.B. <bib id='Galison 1997a'></bib>: S. 370-384 zu ,reading regimes' an analogen Bildern in der historischen Praxis der Teilchenphysik). Statt einer ontologischen Fixierung von ,analog' und ,digital' ist die Bezugnahme auf das, was mit Bildern gemacht wird notwendig - da nach Luhmann (<bib id='Luhmann 1996a'></bib>: S. 9) das System der Massenmedien einen permanenten Manipulationsverdacht erzeugt, ist es nicht verwunderlich, dass die ganze Debatte um die angebliche Manipulation durch digitale Bilder vorwiegend in den Massenmedien (oder in der Debatte über Massenmedien) stattfindet. Dies gilt auch für (digital) generierte Bilder.<br/> | ||
Algorithmisch generierte Bilder<ref>Zu den Verfahren siehe die technischen Überblicke z.B. in <bib id='Foley et al. 1990a'></bib>; <bib id='Watt 2002a'></bib>. Zur Geschichte generierter Bilder vgl. u.a. <bib id='Roch 1998a'></bib> und <bib id='Berz 2009a'></bib>.</ref> scheinen zunächst eher dem Verdacht der Referenzlosigkeit zu entsprechen. Insbesondere wenn sie fotorealistisch gerendert sind (vgl. <bib id='Schröter 2003a'></bib>) - also im Grenzfall für Fotografien gehalten werden - können sie gerade wegen dieser Verwechslung eine Referenz vortäuschen. Allerdings verweisen algorithmisch generierte Bilder in der Regel selbst wieder a.) auf Daten und/oder b.) auf Modelle. Im Falle der fotorealistisch generierten Bilder verweisen diese auf jeden Fall auf die Geschichte der Fotografie bzw. auf ein aus dieser Geschichte destilliertes Modell von ,Fotografie überhaupt'.<br/> | |||
In vielen konkreten Fällen dienen generierte Bilder als visueller Output von Modellierungen bzw. Simulationen (vgl. <bib id='Schröter 2004c'></bib>; <bib id='Hinterwaldner 2008a'></bib>) und haben als solche wieder konkrete, referentielle Funktionen, auch wenn diese sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft beziehen. Mit Entwurfssoftware werden Gebäude, Maschinen usw. entworfen, die dann schließlich auch gebaut werden können (<bib id='Saxena & Sahay 2005a'></bib>). Generierte Bilder können in massenmedialen Nachrichtenformaten sogar gerade zur ,Enthüllung der Wahrheit' dienen <bib id='Adelmann 2004a'>Adelmann 2004a</bib>.<ref>Laut Fiske (<bib id='Fiske 2001a'></bib>: S. 493/494) können elektronische Bilder auch deswegen ‚objektiver‘ wirken, weil sie anders als chemische Fotografie nicht mehr durch den aufwendigen Dunkelkammer-Prozess müssen, also weniger Raum für Manipulation bieten.</ref> Sie können in einem Flugsimulator zusammen mit anderen Outputs dazu dienen, auf einen zukünftigen Flug zu verweisen. | In vielen konkreten Fällen dienen generierte Bilder als visueller Output von Modellierungen bzw. Simulationen (vgl. <bib id='Schröter 2004c'></bib>; <bib id='Hinterwaldner 2008a'></bib>) und haben als solche wieder konkrete, referentielle Funktionen, auch wenn diese sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft beziehen. Mit Entwurfssoftware werden Gebäude, Maschinen usw. entworfen, die dann schließlich auch gebaut werden können (<bib id='Saxena & Sahay 2005a'></bib>). Generierte Bilder können in massenmedialen Nachrichtenformaten sogar gerade zur ,Enthüllung der Wahrheit' dienen <bib id='Adelmann 2004a'>Adelmann 2004a</bib>.<ref>Laut Fiske (<bib id='Fiske 2001a'></bib>: S. 493/494) können elektronische Bilder auch deswegen ‚objektiver‘ wirken, weil sie anders als chemische Fotografie nicht mehr durch den aufwendigen Dunkelkammer-Prozess müssen, also weniger Raum für Manipulation bieten.</ref> Sie können in einem Flugsimulator zusammen mit anderen Outputs dazu dienen, auf einen zukünftigen Flug zu verweisen. Dazu müssen die generierten Bilder ausreichend ,realistisch' erscheinen, um als Vorbereitung überhaupt dienlich zu sein. Zugleich sind solche Simulator-Bilder - oder ,Simulationsbilder' (<bib id='Günzel 2008a'></bib>) - interaktiv in dem Sinne, dass das Verhalten des Betrachter/Nutzers zur Veränderung ihrer Darstellung genutzt wird. Hier schließt die mittlerweile ebenfalls umfangreiche Diskussion um die Bildlichkeit der Computerspiele an (u.a. <bib id='Günzel 2006a'></bib>; <bib id='Günzel 2009a'></bib>; <bib id='Venus 2009a'></bib>; <bib id='Beil 2010a'></bib>; ⊳ [[Cyberspace]] und [[interaktives Bild]]).<br/> | ||
Auch in den Wissenschaften werden vielfach und auf verschiedene Weise Bilder aus Daten und Modellen generiert, die auf diese Weise - wenn auch indirekt - auf ein Reales referieren. Derlei ,Datenbilder' (<bib id='Adelmann 2009a'></bib>) werden u.U. dazu verwendet, Phänomene dingfest zu machen und Ergebnisse vorherzusagen, deren Eintreten dann aber durch Experimente noch bestätigt werden muss. Eine wichtige Frage ist dabei, welche Weise der Darstellung oft selbst unsinnlicher und auf Unsichtbares referierender Daten und Modelle in welchen Kontexten und mit welchen Effekten gewählt wird (<bib id='Law & Whittaker 1988a'></bib>; <bib id='Lynch & Edgerton 1988a'></bib>; <bib id='Schirra 2005a'></bib>; <bib id='Badakshi 2006a'></bib>). | |||
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Version vom 7. Juli 2013, 15:44 Uhr
Unterpunkt zu: Bildmedien
Definition und GliederungDer Ausdruck ‘digitales Bild’ steht für einen Sammelbegriff für verschiedene Bildtypen, die mit digitalen Technologien hergestellt oder bearbeitet werden. Seit ca. Anfang der 1990er Jahre kommt es zu einer gesteigerten Ausbreitung von digitalen Kameras, Personal Computern mit Bildbearbeitungssoftware, aber auch von populären Kinofilmen mit spektakulären digitalen Trickeffekten, so z. B. Terminator II (James Cameron, 1991) oder Jurassic Park (Steven Spielberg, 1993). Auch ist zu dieser Zeit viel von ‘Cyberspace’ und ‘Virtual Reality’ die Rede. Infolgedessen entfaltet sich eine sich immer weiter verzweigende Diskussion um die Geschichte, die Theorie, die Potentiale und Probleme solcher Bilder. Hier wird eine Gliederung der umfänglichen Literatur vorgeschlagen, die nicht im engeren Sinne systematisch (also z.B. ‘Geschichte - Theorie - Ästhetik’), sondern an besonderen Problemfeldern orientiert ist, die im Lauf der Diskussion entstanden sind.[1] In Abschnitt 2 geht es um die Frage, ob der Ausdruck ‘digitale Bilder’ überhaupt sinnvoll ist. In Abschnitt 3 diskutiert das Problem der Referenz (oder auch des Welt- oder Wirklichkeitsbezuges) der verschiedenen digitalen Bilder - eine insbesondere in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zentrale Fragestellung. Abschnitt 4 skizziert die Diskussion um die Frage, ob und inwiefern die verschiedenen Typen digitaler Bilder spezifische formale bildliche Eigenschaften, einen spezifischen Look haben. In 5 werden schließlich die digitalen Bilder hinsichtlich der Perspektive des Archivs und der Zirkulation betrachtet. Es gibt kein digitales Bild?Eine erste Gruppe von Texten stellt die Sinnhaftigkeit des Begriffs des ‘digitalen Bildes' selbst in Frage (vgl. [Schneider 2009a]Schneider, Birgit (2009): Wissenschaftsbilder zwischen digitaler Transformation und Manipulation. Einige Anmerkungen zur Diskussion des “digitalen Bildes”. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld. Ein etwas anderes Argument gegen die Sinnhaftigkeit des Begriffs des ‘digitalen Bildes' schlägt Claus Pias vor. Digitale Bilder sind, wie alle anderen digitalen Daten auch, in Form von binären Codes gespeichert. Auf den Bildschirmen erscheinen analoge Bilder, nur ihr Code ist digital - wegen dieser Trennung zwischen Erscheinung und Speicherung mache der Ausdruck ,digitale Bilder' keinen Sinn. Auf der Ebene des Codes schon deshalb nicht, weil alle noch so verschiedenen Daten (Musik, Text, Video, ausführbarer Code etc.) auf dieselbe Weise gespeichert seien. Der Code, der ein Bild beschreibt, könnte z.B. auch als Text oder Sound dargestellt werden. Allerdings ist auch dieses Argument problematisch, denn die Daten, die ein Bild beschreiben, geben bei ihrer Darstellung als Sound bestenfalls "Musik im Cage'schen Sinn" ([Hagen 2002a]Hagen, Wolfgang (2002): Die Entropie der Fotografie. Skizzen zu einer Genealogie der digitalelektronischen Bildaufzeichnung. In: Wolf, H. (Hg.), Paradigma Fotografie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Generell kann gegen beide Kritiken eingewendet werden, dass Formulierungen wie ,Es gibt kein digitales Bild' (so der Titel von [Hagen 2002b]Hagen, Wolfgang (2002): Es gibt kein ‘digitales Bild’. Eine medienepistemologische Anmerkung. In: Engelt, L.; Siegert, B. & Vogel, J. (Hg.), Licht und Leitung. Bauhaus-Universität , Weimar. ReferenzenEine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Funktionen ist der Verweis auf ,reale' Sachverhalte, die Referenz der Bilder. In den 1990er Jahren - und zum Teil noch bis in die jüngste Gegenwart - dominierte in der umfangreichen Diskussion ([Ritchin 1990a]Ritchin, Fred (1990): In Our Image: The Coming Revolution in Photography. How Computer Technology is Changing our View of the World. Aperture, New York. a. Die digitalen Bilder seien - anders als die Fotografie - nicht mehr indexikalisch, d.h. im Sinne der Semiotik von Peirce nicht mehr über das Licht kausal mit dem Gegenstand verbunden.[7] b. Sie seien, da mathematisch verfasst, leichter manipulierbar und veränderbar als ,analoge Bilder'. Daher seien sie die "Fälschbarkeit schlechthin" ([Kittler 2002a]Kittler, Friedrich (2002): Computergrafik. Eine halbtechnische Einführung. In: Wolf, H. (Hg.), Paradigma Fotografie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Digitalisierte Bilder sind immer noch indexikalisch in dem Sinne, dass Licht vom Gegenstand (oder einer Vorlage) reflektiert wird und auf einen Sensor fällt - nur dass dieser nicht mehr fotochemisch, sondern quantenelektronisch ist. Daran ändert auch Hagens ([Hagen 2002a]Hagen, Wolfgang (2002): Die Entropie der Fotografie. Skizzen zu einer Genealogie der digitalelektronischen Bildaufzeichnung. In: Wolf, H. (Hg.), Paradigma Fotografie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Die glaubwürdige und fehlerfreie Manipulation größerer Teile komplexer bildlicher Szenen ist ein außerordentlich diffiziles Unterfangen (vgl. [Mitchell 1992a]Mitchell, William J.T. (1992): The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era. MIT Press, Cambridge, MA. Wie dieses letzte Beispiel schon zeigt, sollte die Bearbeitung digitalisierter Bilder nicht automatisch mit dem Verlust von Referenz gleichgesetzt werden. Historisch lässt sich im Gegenteil zeigen, dass die Bearbeitung von Bildern (Image Processing) oft gerade Bedingung ihres Weltbezuges ist - z.B. im militärischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Praktiken (vgl. [Schröter 2001a]Schröter, Jens (2001): Eine kurze Geschichte der digitalen Fotografie. In: Hesse, W. & Jaworek, W. (Hg.), Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken. Museumsverband Baden-Württemberg, Esslingen. Algorithmisch generierte Bilder[9] scheinen zunächst eher dem Verdacht der Referenzlosigkeit zu entsprechen. Insbesondere wenn sie fotorealistisch gerendert sind (vgl. [Schröter 2003a]Schröter, Jens (2003): Virtuelle Kamera. Zum Fortbestand fotografischer Medien in computergenerierten Bildern. Fotogeschichte, 23, 88. In vielen konkreten Fällen dienen generierte Bilder als visueller Output von Modellierungen bzw. Simulationen (vgl. [Schröter 2004c]Schröter, Jens (2004): Computer/Simulation. Kopie ohne Original oder das Original kontrollierende Kopie. In: Fehrmann, G.; Linz, E.; Schumacher, E. & Weingart, B. (Hg.), OriginalKopie. Praktiken des Sekundären. DuMont, Köln. Auch in den Wissenschaften werden vielfach und auf verschiedene Weise Bilder aus Daten und Modellen generiert, die auf diese Weise - wenn auch indirekt - auf ein Reales referieren. Derlei ,Datenbilder' ([Adelmann 2009a]Adelmann, Ralf (Hg.) (2009): Datenbilder. Zur digitalen Bildpraxis in den Naturwissenschaften. Transcript, Bielefeld. Digitale Bildlichkeit?Damit ist die Frage nach den visuellen Eigenheiten der digitalen Bilder, nach der ,digitalen Form' ([Pratschke 2005a]Pratschke, Margarete (Hg.) (2005): Digitale Form. Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Akademie, Berlin. Die prinzipielle Offenheit digitaler Computer ([Schröter 2004b]Schröter, Jens (2004): Das Netz und die Virtuelle Realität. Zur Selbstprogrammierung der Gesellschaft durch die universelle Maschine. Transcript, Bielefeld. Wenn man Elemente genuiner Bildlichkeit digitaler Bilder sucht, so können neben der genannten Hybridisierung mindestens noch drei weitere Aspekte erwähnt werden.
Der Hinweis auf die Simulation von fotografischen Fehlern lenkt den Blick auf die Fehler und Störungen digitaler Bilder selbst. Diese unterscheiden sich deutlich von den Störungen analoger Bilder und sind insofern als Teil einer genuinen digitalen Bildlichkeit anzusprechen. So sind z.B. die JPEG-Artefakte zu nennen, die auf die notwendige Kompression von Bildern für ihre Zirkulation (siehe 5) über Datennetze verweisen (zur Image Compression vgl. generell [Salomon 2008a]Salomon, David (2008): A Concise Introduction to Data Compression. Springer, London.
Ein bestimmtes Verfahren, das insbesondere mit dem 1991 erschienenen und sehr populären Film Terminator II (James Cameron) bekannt und angelegentlich fast zum Inbegriff digitaler Bildlichkeit wurde, ist das Morphing, also die fließende Umwandlung eines Bildes in ein anderes ([Sobchack 1997a]Sobchack, Vivian (1997): Meta-Morphing. Visual Transformation and the Culture of Quick-Change. Univ. of Minnesota Press, Minneapolis.
Schließlich sind die alltäglichen, grafischen Benutzeroberflächen zu nennen, die zumindest am Rande und partiell unter die Diskussion des digitalen Bildes fallen und die sich durch eine für die digitalen Bilder genuine, strukturelle Vervielfachung der Rahmenfunktion traditioneller Bilder ([Zaloscer 1974a]Zaloscer, Hilde (1974): Versuch einer Phänomenologie des Rahmens. Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 19, 2.
Das Archiv und die ZirkulationEine der wichtigsten Veränderungen gegenüber z.B. fotografischen Bildern besteht in den veränderten Formen der Archivierung und der Zirkulation bei digitalen Bildern. Das fotografische Archiv ist von Anfang an mit Belangen der Übertragung verbunden. Schon im 19. Jahrhundert schrieb Sir Oliver Wendell Holmes ([Holmes 1980a]Holmes, Sir Oliver Wendell (1980): Das Stereoskop und der Stereograph. In: Kemp, W. (Hg.), Theorie der Fotografie I. 1839-1912. Schirmer & Mosel, München.
Nur die Datenkompression erlaubt - wenn überhaupt - die Überführung des Bildarchivs in Datennetze, weil Bilder als zwei- oder dreidimensionale Matrizen für ihre Archivierung und Übertragung sehr viele Ressourcen benötigen. Es gibt lossless und lossy compression, gegebenenfalls muss also auf Information verzichtet werden ([Salomon 2008a]Salomon, David (2008): A Concise Introduction to Data Compression. Springer, London.
Durch die Digitalisierung existiert verschiedenes Zeichenmaterial (Fotografien, Gemälde, bewegte Bilder, Schrift, Klänge, Messdaten etc.) nebeneinander im gleichen Archiv, das heißt die traditionellen Grenzen zwischen den Medien und damit den ihnen zugeordneten akademischen Disziplinen werden tendenziell aufgelöst. Während eine traditionelle Fotografie noch ein relativ isolierter Gegenstand ist, muss man ein digitalisiertes Foto als ein Element unter anderen in einem intermedialen Verknüpfungszusammenhang (zum Beispiel auf einer Website) verstehen ([Lunenfeld 2002a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 161). Eine zukünftige Archivierung digitaler Information muss mithin mehr als nur die Anpassung an immer neue Datenformate etc. leisten. Vielmehr müssten auch die Kontexte einer spezifischen Information mitarchiviert werden ([Weber 2000a]Weber, Hartmut (2000): Windmühlen oder Mauern? Die Archive und der neue Wind in der Informationstechnik. In: Metzing, A. (Hg.), Digitale Archive - Ein neues Paradigma?. Archivschule, Marburg Dieser Intermedialität des digitalisierten Archivs entsprechen neue Formen der Adressierung von Bildern, denn "digitale Medien [können] im Unterschied zu den analogen eben nicht nur speichern, sondern auch sortieren und suchen" ([Heidenreich 2001a]Heidenreich, Stefan (2001): Effekte der Digitalisierung: Berechenbarkeit und Suche. In: Hesse, W. & Jaworek, W. (Hg.), Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken. Museumsverband Baden-Württemberg, Esslingen. Schließlich werden viele digitale Bildarchive durch Nutzeraktivitäten strukturiert und geordnet, die sich den klassischen Kriterien der Archivierung entziehen. Bei You Tube etwa schreibt sich die Aufmerksamkeit, die ein digitalisierter Film erfährt in die Struktur des Archivs selber ein. Die Erforschung der Logik dieser user-strukturierten Archive steht noch relativ am Anfang ([Appadurai 2003a]Appadurai, Arjun (2004): Archive and Aspiration. In: Brouwer, J. & Mulder, A. (Hg.), Information is Alive. V2_Publishing / NAI Publishers, Rotterdam.
Schließlich ändert sich die Permanenz des Archivs. Nochmal sei zum Vergleich die analoge Fotografie herangezogen: Die Haltbarkeit digitalisierter Fotografien oder genauer: der Datenträger, auf denen sie gespeichert sind, ist im Vergleich zu hochwertigen Schwarz/Weiß-Abzügen gering, obwohl die Daten durch Umkopieren auf neue Datenträger erhalten werden können. Es besteht die Gefahr, dass digital gespeicherte Bilddaten relativ plötzlich nicht mehr verwendet werden können - anders als bei analogen Medien, deren Aufzeichnungen langsam verfallen und lange Zeit noch lesbar bleiben. Überdies ist die Wiederlesbarkeit von Datenträgern angesichts häufig wechselnder Daten- und Software-Formate selbst ein Problem ([Künzli 1996/1997a]Künzli, Hansjörg (1996): Über die Haltbarkeit digitaler Daten. Rundbrief Fotografie.
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Anmerkungen
Literatur
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