Ästhesiologie: Unterschied zwischen den Versionen

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==Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’==
==Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’==


Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abgeleitet vom griechischen Wort ‘aisthesis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahrnehmung]]’. Er bedeutet im allgemeinen naturwissenschaftlichen oder medizinischen Sprachgebrauch die ‹Sinneslehre› oder die ‹Lehre von den Sinnesorganen bzw. Sinneswerkzeugen›.
Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthesis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahr­nehmung]]’. Er bedeutet im all­gemei­nen natur­wissenschaft­lichen oder medizi­nischen Sprach­gebrauch die ‹Sinnes­lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes­organen bzw. Sinnes­werkzeugen›.




==Ästhesiologie bei Plessner==
==Ästhesiologie bei Plessner==
Im Anschluss an diese Begriffsbedeutung, aber mit dem spezifischen Zusatz ‘des Geistes’, konzipiert der Philosoph Helmuth Plessner (1892-1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Hauptwerk von 1923, eine umfassende Philosophie der menschlichen Sinne (<bib id='Plessner 1923a'></bib>). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzelnen sinnlichen [[Modalität|Modalitäten]] zu verstehen. Die “Ästhesiologie des Geistes” läuft damit auf eine “Hermeneutik der Sinne” hinaus. In ihrem Eigensinn verstanden werden die sinnlichen Modalitäten dadurch, dass exklusive Kooperationen der einzelnen Sinne mit bestimmten Sinngebungsformen analysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nachweis zu liefern, “dass zwischen der Differenzierung unserer Sinnlichkeit in optische, akustische und andere Modalitäten, unseren Bewegungsmöglichkeiten genauer gesagt: motorischen Ausdrucksmöglichkeiten, ''und'' den Richtungen, in denen unser Verständnis (künstlerisch, sprachlich, wissenschaftlich) sich bewegen kann, Entsprechungen bestehen, welche einen genaueren Einblick in den menschlichen Funktionszusammenhang zwischen Leib und Seele gestatten, als er uns bisher möglich gewesen war” (<bib id='Plessner 1951a'></bib>: S. 184).
Im Anschluss an diese Begriffs&shy;bedeutung, aber mit dem spezi&shy;fischen Zusatz ‘des Geistes’, konzi&shy;piert der Philo&shy;soph Helmuth Plessner (1892-1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Haupt&shy;werk von 1923, eine umfassende Philo&shy;sophie der mensch&shy;lichen Sinne (<bib id='Plessner 1923a'></bib>). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzelnen sinn&shy;lichen [[Modalität|Moda&shy;litä&shy;ten]] zu ver&shy;stehen. Die ''Ästhe&shy;siolo&shy;gie des Geistes'' läuft damit auf eine ''Herme&shy;neutik der Sinne'' hinaus. In ihrem Eigen&shy;sinn ver&shy;standen werden die sinn&shy;lichen Moda&shy;litä&shy;ten dadurch, dass exklusive Koope&shy;rationen der einzelnen Sinne mit bestimmten Sinn&shy;gebungs&shy;formen ana&shy;lysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nach&shy;weis zu liefern,  
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Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unterscheidet sich in signifikanter Weise von einer physikalischen, psychologischen oder physiologischen, d.h. empirischen Erforschung der menschlichen Sinnesmodalitäten. Ähnlich wie die philosophischen Normwissenschaften Logik, Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik, die ebenfalls nicht-emprisch verfahren, begreift Plessner die von ihm intendierte Theorie der Sinnesqualitäten als eine Normwissenschaft, die von ihm auch im Anschluss an eine Formulierung Goethes als eine “Kritik der Sinne” bezeichnet wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 31). Damit steht seine Ästhesiologie unter einem strikt durchgehaltenen “Primat des Geistes” (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 260).  
:''dass zwischen der Diffe&shy;renzierung unserer Sinn&shy;lich&shy;keit in optische, akustische und andere Moda&shy;litäten, unseren Bewe&shy;gungs&shy;möglich&shy;keiten genauer gesagt: motorischen Aus&shy;drucks&shy;möglich&shy;keiten, ''und'' den Rich&shy;tungen, in denen unser Verständ&shy;nis (künst&shy;lerisch, sprach&shy;lich, wissen&shy;schaft&shy;lich) sich bewegen kann, Ent&shy;sprechungen bestehen, welche einen genaue&shy;ren Ein&shy;blick in den mensch&shy;lichen Funk&shy;tions&shy;zusam&shy;men&shy;hang zwischen Leib und Seele gestatten, als er uns bisher möglich gewesen war'' (<bib id='Plessner 1951a'></bib>: S. 184).
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Diese “Kritik der Sinne” zielt auf die Freilegung der “Sinngesetze der Sinnlichkeit” (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 32). Dazu arbeitet Plessner eine sehr komplexe und voraussetzungsreiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unternimmt, den “Sinn” der verschiedenen sinnlichen Modalitäten zu entdecken (vgl. <bib id='Lessing 1998a'></bib>).  
Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unterscheidet sich in signi&shy;fikan&shy;ter Weise von einer physika&shy;lischen, psycho&shy;logischen oder physio&shy;logischen, d.h. empi&shy;rischen Erfor&shy;schung der mensch&shy;lichen Sinnes&shy;modali&shy;täten. Ähnlich wie die philo&shy;sophischen Norm&shy;wissen&shy;schaf&shy;ten Logik, Er&shy;kenntnis&shy;theorie, Ethik und Ästhetik, die ebenfalls nicht-emprisch verfahren, begreift Plessner die von ihm intendierte Theorie der Sinnes&shy;qualitäten als eine Norm&shy;wissen&shy;schaft, die von ihm auch im An&shy;schluss an eine Formu&shy;lierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeich&shy;net wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 31). Damit steht seine Ästhe&shy;sio&shy;logie unter einem strikt durch&shy;gehal&shy;tenen „Primat des Geistes“ (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 260).  
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Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinngebungsformen, die er mit dem Ziel konzipiert, “aus der Einheit des Sinns” die “Mannigfaltigkeit der physischen Sinne” zu verstehen (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 197). Plessners Grundgedanke ist dabei, dass die qualitative Verschiedenheit der menschlichen Sinne durch “je besondere geistige Leistungen” ausgewertet wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 201). Dazu muss sich die Ästhesiologie auf Auswertungsbeziehungen von Sinnesfeld oder –funktion durch je spezifische Leistungen des Geistes, also Formen der Sinngebung, konzentrieren, die sich als unvertretbare erweisen. Plessner macht drei Wertbereiche aus, die auf einer ausschließlichen Kooperation sinnlicher und geistiger Faktoren beruhen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissenschaft.  
Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Frei&shy;legung der „Sinn&shy;gesetze der Sinn&shy;lich&shy;keit“ (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 32). Dazu arbeitet Plessner eine sehr kom&shy;plexe und voraus&shy;setzungs&shy;reiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unternimmt, den “Sinn” der ver&shy;schie&shy;denen sinnl&shy;ichen Moda&shy;litäten zu entdecken (vgl. <bib id='Lessing 1998a'></bib>).  
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Da für Plessner nur diejenigen kulturellen Phänomene ästhesiologisch bedeutsam sind, bei denen jeweils nur eine Sinngebungsform mit nur einer Sinnesmodalität ein Verbindung eingegangen sind, konzentriert sich die ästhesiologische Untersuchung auf die [[Raum und Geometrie|euklidische Geometrie]] (als Verbindung der Modalität des [[Sehen|Sehens]] mit der Sinngebungsform “Schematismus”) und die absolute Musik (als Verbindung der Modalität des Hörens mit der Sinngebungsform “Thematismus”). An diesen kulturellen Objektivationen entwickelt Plessner differenzierte Ästhesiologien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Einblick in den jeweiligen “Sinn” dieser Modi.  
Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinn&shy;gebungs&shy;formen, die er mit dem Ziel konzi&shy;piert, „aus der Ein&shy;heit des Sinns“ die „Mannig&shy;faltig&shy;keit der physi&shy;schen Sinne“ zu ver&shy;stehen (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 197). Plessners Grund&shy;gedanke ist dabei, dass die quali&shy;tative Ver&shy;schieden&shy;heit der mensch&shy;lichen Sinne durch „je beson&shy;dere geistige Leistun&shy;gen“ ausge&shy;wertet wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 201). Dazu muss sich die Ästhe&shy;sio&shy;logie auf Aus&shy;wertungs&shy;bezie&shy;hungen von Sinnes&shy;feld oder –funktion durch je spezifische Leistun&shy;gen des Geistes, also Formen der Sinn&shy;gebung, konzen&shy;trieren, die sich als unver&shy;tretbare erweisen. Plessner macht drei Wert&shy;bereiche aus, die auf einer aus&shy;schließ&shy;lichen Koope&shy;ration sinn&shy;licher und geistiger Faktoren beruhen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissen&shy;schaft.
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Da für Plessner nur diejenigen kulturellen Phäno&shy;mene ästhe&shy;sio&shy;logisch bedeut&shy;sam sind, bei denen jeweils nur eine Sinn&shy;gebungs&shy;form mit nur einer Sinnes&shy;modali&shy;tät ein Verbin&shy;dung einge&shy;gangen sind, konzen&shy;triert sich die ästhe&shy;siolo&shy;gische Unter&shy;suchung auf die [[Raum und Geometrie|eukli&shy;dische Geo&shy;metrie]] (als Verbin&shy;dung der Moda&shy;lität des [[Sehen|Sehens]] mit der Sinn&shy;gebungs&shy;form “Schema&shy;tismus”) und die abso&shy;lute Musik (als Verbin&shy;dung der Moda&shy;lität des Hörens mit der Sinn&shy;gebungs&shy;form “Thema&shy;tismus”). An diesen kultu&shy;rellen Objek&shy;tiva&shy;tionen entwickelt Plessner diffe&shy;renzierte Ästhe&shy;siolo&shy;gien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Ein&shy;blick in den jeweiligen “Sinn” dieser Modi.  





Version vom 25. Februar 2013, 17:27 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht


Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’

Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthesis’, ‘Wahr­nehmung’. Er bedeutet im all­gemei­nen natur­wissenschaft­lichen oder medizi­nischen Sprach­gebrauch die ‹Sinnes­lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes­organen bzw. Sinnes­werkzeugen›.


Ästhesiologie bei Plessner

Im Anschluss an diese Begriffs­bedeutung, aber mit dem spezi­fischen Zusatz ‘des Geistes’, konzi­piert der Philo­soph Helmuth Plessner (1892-1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Haupt­werk von 1923, eine umfassende Philo­sophie der mensch­lichen Sinne ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzelnen sinn­lichen Moda­litä­ten zu ver­stehen. Die Ästhe­siolo­gie des Geistes läuft damit auf eine Herme­neutik der Sinne hinaus. In ihrem Eigen­sinn ver­standen werden die sinn­lichen Moda­litä­ten dadurch, dass exklusive Koope­rationen der einzelnen Sinne mit bestimmten Sinn­gebungs­formen ana­lysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nach­weis zu liefern,

dass zwischen der Diffe­renzierung unserer Sinn­lich­keit in optische, akustische und andere Moda­litäten, unseren Bewe­gungs­möglich­keiten genauer gesagt: motorischen Aus­drucks­möglich­keiten, und den Rich­tungen, in denen unser Verständ­nis (künst­lerisch, sprach­lich, wissen­schaft­lich) sich bewegen kann, Ent­sprechungen bestehen, welche einen genaue­ren Ein­blick in den mensch­lichen Funk­tions­zusam­men­hang zwischen Leib und Seele gestatten, als er uns bisher möglich gewesen war ([Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 184).

Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unterscheidet sich in signi­fikan­ter Weise von einer physika­lischen, psycho­logischen oder physio­logischen, d.h. empi­rischen Erfor­schung der mensch­lichen Sinnes­modali­täten. Ähnlich wie die philo­sophischen Norm­wissen­schaf­ten Logik, Er­kenntnis­theorie, Ethik und Ästhetik, die ebenfalls nicht-emprisch verfahren, begreift Plessner die von ihm intendierte Theorie der Sinnes­qualitäten als eine Norm­wissen­schaft, die von ihm auch im An­schluss an eine Formu­lierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeich­net wird ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 31). Damit steht seine Ästhe­sio­logie unter einem strikt durch­gehal­tenen „Primat des Geistes“ ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 260).

Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Frei­legung der „Sinn­gesetze der Sinn­lich­keit“ ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 32). Dazu arbeitet Plessner eine sehr kom­plexe und voraus­setzungs­reiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unternimmt, den “Sinn” der ver­schie­denen sinnl­ichen Moda­litäten zu entdecken (vgl. [Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München
).

Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinn­gebungs­formen, die er mit dem Ziel konzi­piert, „aus der Ein­heit des Sinns“ die „Mannig­faltig­keit der physi­schen Sinne“ zu ver­stehen ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 197). Plessners Grund­gedanke ist dabei, dass die quali­tative Ver­schieden­heit der mensch­lichen Sinne durch „je beson­dere geistige Leistun­gen“ ausge­wertet wird ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 201). Dazu muss sich die Ästhe­sio­logie auf Aus­wertungs­bezie­hungen von Sinnes­feld oder –funktion durch je spezifische Leistun­gen des Geistes, also Formen der Sinn­gebung, konzen­trieren, die sich als unver­tretbare erweisen. Plessner macht drei Wert­bereiche aus, die auf einer aus­schließ­lichen Koope­ration sinn­licher und geistiger Faktoren beruhen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissen­schaft.

Da für Plessner nur diejenigen kulturellen Phäno­mene ästhe­sio­logisch bedeut­sam sind, bei denen jeweils nur eine Sinn­gebungs­form mit nur einer Sinnes­modali­tät ein Verbin­dung einge­gangen sind, konzen­triert sich die ästhe­siolo­gische Unter­suchung auf die eukli­dische Geo­metrie (als Verbin­dung der Moda­lität des Sehens mit der Sinn­gebungs­form “Schema­tismus”) und die abso­lute Musik (als Verbin­dung der Moda­lität des Hörens mit der Sinn­gebungs­form “Thema­tismus”). An diesen kultu­rellen Objek­tiva­tionen entwickelt Plessner diffe­renzierte Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Ein­blick in den jeweiligen “Sinn” dieser Modi.


Von der Ästhesiologie zur Anthropologie der Sinne

Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbesondere naturhermeneutische, erkenntnistheoretische und anthropologische, sondern auch dezidiert ästhetische Intentionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubismus, Futurismus und Expressionismus sowie am abstrakten Film um 1920: “Warum ist die bildende Kunst in ihrer thematischen Sinngebung an die Dinglichkeit der Darstellung gebunden? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so freischwebend behandeln wie die Töne?" ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 256). Plessner leitet seine Kritik aus einer “Wesensunvertauschbarkeit von Auge und Ohr” ab. Zusammen damit hängt die Entwicklung der “Grundlegung einer Philosophie der Musik”, die Plessner gewissermaßen als die “Theorie des musikalischen Verstehens” begreift, als ihre “aller Musikästhetik” vorausgehende Erkenntnistheorie ([Plessner 1923b]Plessner Helmuth (1998): Selbstanzeige der „Einheit der Sinne“ (ca. 1923). In: Lessing, H.-U. (Hg.), Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Aber, Freiburg/München.
: S. 384). Als Konsequenz seiner Ästhesiologien des Sehens und Hörens behauptet Plessner, dass es “Licht (und Farben) und Schall (und Töne)” gibt, sei nicht zufällig, sondern “sinngemäß”. Damit ist verbunden “der werttheoretische, d.h. kulturkritische Nachweis einer gewissen Unvertauschbarkeit der Sinne, ihrer Unvertretbarkeit als wertspezifischer materiae primae”. Diese Unvertretbarkeit bedeutet einerseits, dass “in Farben und Umrißlinien nicht musiziert werden kann – was der Expressionismus wollte” und andererseits, dass in Tönen und Melodien nicht schematisiert werden könne ([Plessner 1923b]Plessner Helmuth (1998): Selbstanzeige der „Einheit der Sinne“ (ca. 1923). In: Lessing, H.-U. (Hg.), Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Aber, Freiburg/München.
: S. 380).

Der späte Plessner greift das sinnesphilosophische Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezidierte “Anthropologie” der Sinne entwickelt ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) und sich von der Geisttheorie und dem transzendentalen Ansatz seines früheren Buches verabschiedet. Dabei revoziert er u.a. seine Kritik am Expressionismus, insofern er nun das Programm einer “Musikalisierung des Sehens” ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 340) nicht mehr als “Verirrung oder Abweichung vom rechten Weg” begreift ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 341).

Anmerkungen
Literatur
[Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München [Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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