Syntaktisch unkorrekte Bilder: Unterschied zwischen den Versionen
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==Kann es bei Bildern syntaktische Fehler geben?== | |||
Der Begriff der syntaktischen Korrekt­heit ist zunächst in seinem sprachli­chen Anwen­dungsfall vertraut: | |||
* Beispiel 1: ‘colorless green ideas sleep furiously’; | |||
* Beispiel 2: ‘sleep ideas green furiously color­less’. | |||
Der Unterschied zwischen einem syntak­tisch wohlge­formten ''Satz'' einer­seits (s. Beispiel 1), mag er Bedeu­tung haben und praktisch verwend­bar sein oder nicht, und einer syntak­tisch nicht korrek­ten Folge von ''Wörtern''<ref>Tat­säch­lich ist bei Bei­spiel 2 kei­nes­wegs klar, dass die ver­wen­de­ten En­ti­tä­ten tat­säch­lich als Wör­ter ge­se­hen wer­den soll­ten oder nicht viel­mehr als blo­ße Buch­sta­ben­fol­gen; vgl. et­wa <bib id='Ros 1979a'></bib>: S. 174f.</ref> ande­rerseits (s. Beispiel 2) ist für jeden, der Grundkennt­nisse der engli­schen Sprache hat, evi­dent (<bib id='Chomsky 1957a'></bib>: S. 15). Das histo­rische Beispiel bezieht sich zwar nur auf die engli­sche Sprache, doch gilt durchaus, dass Sprache gene­rell – im Sinne von ‘la langue’ – aus der Mannig­faltig­keit der mögli­chen Folgen syntak­tischer Ele­mente nur einen kleinen Teil als wohlge­formte [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen­träger]] klassi­fiziert und von syntak­tisch unkor­rekten Kombi­natio­nen abgrenzt. Syntak­tische Wohlge­formtheit unter­scheiden zu können soll, so Chomsky, in der Sprachkom­petenz selbst begrün­det liegen. | |||
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Kann man mit Erfolg für eine ana­loge Unter­scheidung bei Bildern argu­mentie­ren? Hierbei ist zunächst einmal zu beach­ten, dass es bei dieser Frage letztlich stets weni­ger um Bilder (im eigent­lichen, d.h. vollen Wort­sinn) als um poten­tielle Bildträ­ger geht: Der Ausdruck ‘Bild’ ist besten­falls unge­nau (und schlimmsten­falls schlicht verkehrt), wenn pragma­tische und seman­tische Gesichts­punkte expli­zit außer Acht gelas­sen werden sollen. | |||
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Auf den ersten Blick scheint es tatsäch­lich keine vergleich­bare, also nur auf die Struktur des (poten­tiellen) Bildträ­gers bezo­gene Klassi­fika­tion zu geben (cf. <bib id='Langer 1984a'></bib>). Eine räumli­che Umord­nung syntak­tischer (oder morpho­logi­scher) Ele­mente allein, dem Sprachbei­spiel nachemp­funden, genügt offen­sichtlich nicht:<ref>Man stel­le sich et­wa vor, zwei be­lie­bi­ge gleich gro­ße und gleich ge­form­te Be­rei­che ei­nes Bil­des wer­den aus­ge­tauscht.</ref> Das Ergeb­nis wird nach wie vor ein akzep­tabler Bildträ­ger sein – wovon sich im Übri­gen jeder an einem compu­terge­stützten Bildbe­arbei­tungssys­tem selbst leicht über­zeugen kann.<ref>Da bei Be­trach­tung der syn­tak­ti­schen Wohl­ge­formt­heit se­man­ti­sche und prag­ma­ti­sche As­pek­te aus­drück­lich nicht be­rück­sich­tigt wer­den, spielt es kei­ne Rol­le, wenn sich für den ent­ste­hen­den Bild­trä­ger kei­ne sinn­voll er­schei­nen­den se­man­ti­schen oder prag­ma­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge auf­drän­gen. For­mal er­füllt die Neu­kom­bi­na­ti­on al­les, was von ei­nem Bild­trä­ger er­war­tet wird, ganz im Ge­gen­satz zu der Um­ord­nung der Wör­ter im sprach­li­chen Bei­spiel.</ref> Zwar gilt für bestimm­te Teilklas­sen von Bildern, d.h. gewis­se bildhaf­te [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen­syste­me]], die nur einen kleinen Teil aller mögli­chen Bildträ­ger umfas­sen, durchaus, dass sich die zuge­höri­gen Zeichen­träger nach sprachar­tigen syntak­tischen Regeln in wohlge­formte und nicht-​wohlge­formte unter­teilen lassen – das System der techni­schen Zeichnun­gen mag als Beispiel dienen. Doch lässt sich hier nicht ohne Weite­res sehen, wie dieser Regel­bezug auf Bilder ganz allge­mein über­tragen und damit in der Bildkom­petenz selbst begrün­det werden könnte (<bib id='Plümacher 1999a'>Plüma­cher 1999a</bib>). | |||
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Das vermutete Fehlen eines echten Krite­riums syntak­tischer Wohlge­formtheit steht dabei in engem Zusam­menhang mit dem oft behaup­teten Fehlen eines bildhaf­ten Alpha­bets (⊳ [[Bildgrammatik|Bildgram­matik]]): Während für sprachli­che Zeichen­syste­me stets gilt, dass eine echte Teilmen­ge der prinzi­piell mögli­chen Phone­me oder Graphe­me als Baustei­ne komple­xer Zeichen verwen­det werden, scheint sich kein entspre­chendes beschränk­tes graphi­sches Alpha­bet ange­ben zu lassen, das Bildern ganz allge­mein zugrun­de läge (<bib id='Sachs-Hombach 1999a'>Sachs-​Hombach 1999a</bib>). Da das Fehlen eines Alpha­bets auch die kombi­nato­rischen Regeln des korrek­ten Zusam­menset­zens obso­let macht, die syntak­tische Wohlge­formtheit bei Sprache aber auf den jewei­ligen Kombi­nations­regeln für komple­xe Zeichen aus den Basis­ele­menten des betrach­teten Alpha­bets beruht, folgt nun, dass sich für Bilder kein entspre­chendes Krite­rium bilden ließe. | |||
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Zur genaueren Behandlung der Frage, ob es syntak­tisch unkor­rekte Bilder geben kann, hat sich die Unter­scheidung zwischen der [[Bildmorphologie|geomet­rischen Basis­struktur und den visu­ellen Marker­dimen­sionen]] als hilfreich heraus­gestellt. | |||
==Echte syntaktische Fehler: Störun­gen im geo­metri­schen Grund­gefü­ge== | |||
In der Tat führen ja alle Änderun­gen sowohl an der Menge und Auswahl der vorhan­denen geome­trischen Ele­mente und ihrer Anord­nung, wie auch an der Zuord­nung visuell unter­scheidba­rer Markie­rungen der geome­trischen Teile immer nur zu ande­ren Bildträ­gern, von denen sich ledig­lich sagen lässt, dass sie hinsicht­lich bestimm­ter [[Bildpragmatik|bildprag­mati­scher]] Funkti­onen besser oder schlechter zu gebrau­chen sind, nicht aber, dass sie syntak­tisch unkor­rekt, also allein wegen gewis­ser Eigen­heiten des ''[[Material|Mate­rials]]'' keine richti­gen Bilder wären. Wie im Begriff der [[syntaktische Dichte|syntak­tischen Dichte]] gefasst, führen bei Bildern im Prinzip belie­big kleine Verän­derun­gen am Zeichen­träger zu ande­ren Bildern: Daraus folgt, dass auch jede Folge solcher mini­malen Verän­derun­gen eben­falls wieder zu einem Bild führt. Es kann mithin keine durch Verschie­ben oder Austau­schen von Gebie­ten erzeug­bare Verän­derung einer Bildflä­che geben, die nicht wiede­rum zu einer syntak­tisch akzep­tablen Bildflä­che führt. | |||
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[[Datei:russian1.jpg|thumb|Ab­bil­dung 1: Ein syn­tak­tisch un­kor­rek­tes Bild? | |||
(A. E. Ark­hi­pov: «Bau­ern­mäd­chen» (1920er), mit ei­nem Riss des Bild­trä­gers)]] | |||
Al­ler­dings gibt es durch­aus ganz all­täg­li­che Hand­lun­gen an ei­nem Bild­trä­ger, die ganz un­mit­tel­bar sei­ne Bild­trä­ger­funk­ti­on von Grund auf be­ein­träch­ti­gen: näm­lich das Durch­lö­chern oder teil­wei­se Zer­schnei­den oder Zer­rei­ßen des Pa­piers, der Lein­wand etc. und ähn­li­che Be­schä­di­gun­gen. Ein Ge­mäl­de (etwa von Rem­brandt), ei­ne Skiz­ze (bei­spiels­wei­se von Pi­cas­so), der Pa­pier­aus­zug der Auf­nah­me ei­ner Wär­me­bild­ka­me­ra eben­so wie ein Fa­mi­li­en­schnapp­schuss wer­den je­weils mit ei­nem Schnitt oder Loch nicht ein­fach zu ei­nem an­de­ren Bild, son­dern zu dem­sel­ben Bild mit ei­ner Be­schä­di­gung (⊳ [[Identitätskriterien für Bildträger|Iden­ti­täts­kri­te­ri­en für Bild­trä­ger]] und [[Identität bildhafter Zeichen|Iden­ti­tät bild­haf­ter Zei­chen]]). Was ge­schieht hier­bei, syn­tak­tisch-mor­pho­lo­gisch ge­se­hen? | |||
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Wenn ein Bildträger auf die erwähnte Art verletzt wird, so wird letztlich die [[Raum und Geometrie|Topo­logie der zwei­dimen­siona­len geomet­rischen Basis­struktur]] partiell stark gestört: An Stelle der homo­genen (d.h. gleich­mäßig verteil­ten) und iso­tropen (d.h. in allen Rich­tungen der Bildflä­che gleicher­maßen gülti­gen) Nachbar­schaftsbe­ziehun­gen zwischen den Raumstel­len treten nun Lücken zwischen ursprüng­lich benach­barten Orten auf, die nicht zum Bildträ­ger gehö­ren, so dass diesen Raumstel­len nun echte Nachbar­pixe­me einfach fehlen.<ref>Auf der se­man­ti­schen Ebe­ne tre­ten al­so mit­ten im Bild­raum un­de­fi­nier­te Nicht-Or­te auf.<br/> In ge­wis­sen Gren­zen sind die­se syn­tak­ti­schen Stö­run­gen mit den Aus­wir­kun­gen von Be­schä­di­gun­gen der Netz­haut oder be­stimm­ter neu­ro­lo­gi­scher Stö­run­gen in den vi­su­el­len Zent­ren ver­gleich­bar, die zu stel­len­wei­ser Blind­heit (Sko­tom) füh­ren, wel­che aber oft von den Be­trof­fe­nen gar nicht be­merkt wird (vgl. <bib id='Sacks 1996a'></bib>): Die “un­ge­se­he­nen Or­te” wer­den zu ei­nem nicht-wahr­nehm­ba­ren “Un-Raum”.</ref> Die gesam­te geomet­rische Orga­nisa­tion des Bildträ­gers ist damit gestört, denn auch alle Pixe­me höhe­rer Ordnung (⊳ [[Bildmorphologie|Bildmor­pholo­gie]]), die auf diesen Nachbar­schaften beru­hen, sind davon tangiert. Solche Ruptu­ren betref­fen also insbe­sonde­re die geome­trische Basis­struktur, die nun unvoll­ständig und inkon­sistent gewor­den ist.<ref>Für ei­ne äqui­va­len­te syn­tak­ti­sche Stö­rung im Me­di­um der zeit­ba­sier­ten Zei­chen­sys­te­me, et­wa der Mu­sik, muss ent­spre­chend die Kon­ti­nu­i­tät der zeit­li­chen Ba­sis­struk­tur ver­letzt sein: Ei­ne “sprin­gen­de” Vi­nyl­plat­te mag da­für ein an­“schau”­li­ches Bei­spiel ge­ben. Feh­ler­haf­te Wie­der­ga­be oh­ne Stö­run­gen der tem­po­ra­len Nach­bar­schafts­be­zie­hun­gen, et­wa zu­ge­füg­tes Rau­schen, sind kei­ne syn­tak­ti­schen Feh­ler, da die Ge­räu­sche des Rau­schens auch als re­gu­lä­re Mar­ker­wer­te ver­wen­det wer­den kön­nen. </ref> | |||
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Auch die Annahme, dass Beschnei­dungen am Rand gegen­über Schnitten inner­halb der Bildflä­che als quali­tativ weni­ger gravie­rend gelten, da dabei zwar seman­tische und pragma­tische Aspek­te verän­dert, nicht aber der Zusam­menhang der Orte inner­halb der Bildflä­che gestört wird, spricht dafür, das Fehlen von Störun­gen im geome­trischen Grundge­füge als die Basis für syntak­tische Wohlge­formtheit von Bildern anzu­setzen. Die vollstän­digen Abtren­nungen eines Teils des Bildträ­gers führen letztlich zu zwei ande­ren (beschnit­tenen) Bildern, wobei die Art der Abtren­nung eher neben­sächlich ist: Auch ein geris­sener Rand bildet einen akzep­tablen [[Rahmung, Rahmen|Rahmen]]. Im Gegen­satz dazu bleiben bei parti­ellen Ruptu­ren die beide nun aufge­trennten Seiten Teil dersel­ben Bildflä­che, deren gestör­te geome­trische Basis­struktur die Wahrne­hmung des Bildes beein­trächtigt. | |||
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Eine Störung der geometrischen Basis­struktur muss im Übri­gen unter­schieden werden von [[Reflexion und Transparenz|transpa­renten Bildstel­len]], wie sie etwa bei Glasma­lerei oder Bildfen­stern auftre­ten: Solche transpa­renten Berei­che entspre­chen ganz regu­lären Pixe­men mit einer spezi­ellen, wenn auch im Vergleich aller Bilder weni­ger häufig verwen­deten Markie­rung. In der Tat haben syntak­tische Sonder­fälle wie Refle­xion und Transpa­renz in Bildern eine impli­zit ''deikti­sche'' Quali­tät: Hier spielen Aspek­te der ''Umge­bung'' des Bildträ­gers hinein. Bei Betrach­tung des Bild­(träger)s aus nur einer Perspek­tive fallen sie daher nicht unbe­dingt auf – es könnte sich um eine entspre­chende regu­läre Farbge­bung der Stelle handeln. Erst eine Bewe­gung des Betrach­ters und die damit erreich­te perspek­tivi­sche Verschie­bung lässt deutlich werden, dass diese Stellen vari­abel sind und von der Umge­bung abhän­gen.<ref>Ganz ähn­lich kön­nen “blin­de Stel­len” ei­nes Fern­seh­bild­schirms – al­so Or­te, an de­nen in­fol­ge ei­nes tech­ni­schen De­fekts kein Licht emit­tiert wird – nur er­kannt wer­den, wenn das ge­zeig­te Bild be­wegt ist, so dass ein Wech­sel der Mar­ker­werte zu er­war­ten wä­re. Da das nicht ge­schieht, kann die Schirm­stel­le als nicht tat­säch­lich zur geo­met­ri­schen Ba­sis­struk­tur des Bil­des ge­hö­rig be­ur­teilt wer­den.</ref> | |||
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Dieser Zusammenhang macht das [[Bildzitat|''Anfüh­ren'']] syntak­tisch unkor­rekter Bilder oft proble­matisch: Wenn nämlich statt des zerstör­ten Bildträ­gers selbst ein Bild von ihm präsen­tiert wird. Wie in Abbil­dung 1 demon­striert, ist die Abbil­dung eines syntak­tisch unkor­rekten Bildes tatsäch­lich selbst wiede­rum (in aller Regel) ein syntak­tisch wohlge­formtes Bild: Der Schnitt wird dabei durch ein regel­rechtes Pixem mit ganz norma­len Farbmar­kierun­gen darge­stellt, die Topo­logie der Basis­struktur ist nicht beein­trächtigt. | |||
==Pragmato-syntaktische Fehler: Störun­gen in der Marker­zuord­nung== | |||
Während Beschädigungen des räumli­chen Zusam­menhalts der geome­trischen Basis­struktur zu echten syntak­tischen Fehlern führen, die also allein schon aufgrund syntak­tischer Eigen­schaften unter­scheidbar sind, können Proble­me in den Dimen­sionen der Marker­werte nur solche Störun­gen der Syntax auslö­sen, die ledig­lich durch pragma­tische Fakto­ren als solche bestimm­bar sind. Das Absplit­tern von Pigmen­ten, das den Grund sichtbar werden lässt, kann nur rela­tiv zu einem für das jeweils betrach­tete Bild ange­setzten ''Normal­zustand'' als Fehler in der Zuord­nung der Marker­werte und damit als Nicht-Pixem ermit­telt werden. Es könnte sich eben­so gut um Absicht, also um ein in dieser Form inten­diertes Pixem handeln (vgl. etwa Sgraffi­to-Techni­ken). Das zeigt sich auch darin, dass das bildhaf­te Anfüh­ren eines so gestör­ten Bildes deutlich weni­ger proble­matisch ist: Die [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farb- und Textur­werte]], die das Zitat an der geschä­digten Stelle aufzeigt, befin­det sich ja in der Tat im beschä­digten [[Original|Ori­ginal]] an dieser Stelle. | |||
< | ==Reflexive Nutzung syntaktisch unkor­rekter Bilder== | ||
Als indirektes bildhaftes Zitat stellt Abbil­dung 1 einen typi­schen Fall [[Bild in reflexiver Verwendung|refle­xiver Bildnut­zung]] dar: Mit der Präsen­tation des Bildes soll hier nicht auf ein Bauern­mädchen hinge­wiesen werden, sondern exem­plarisch auf eini­ge Aspek­te der Bildver­wendung selbst. So, wie das Beispiel einer syntak­tisch unkor­rekten Wortfol­ge in einem Buch zur Sprachsyn­tax zitiert wird, wird das Beispiel eines geome­trisch gestör­ten Bildträ­gers als nega­tives Exem­pel für die syntak­tische Wohlge­formtheit von Bildträ­gern gezeigt. | |||
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[[Datei:Fontana1.jpg|thumb|Ab­bil­dung 2: Lu­cio Fon­ta­na: «Con­cet­to Spa­zia­le» (1965)]] | |||
Re­fle­xiv ge­nutz­te syn­tak­tisch un­kor­rek­te Bil­der di­rekt tre­ten an­son­sten auch im [[künstlerisches Bild und Alltagsbild|künst­le­ri­schen Kon­text]] auf: Ins­be­son­de­re L. Fon­ta­na (1899–​1968) spielt mit der Ab­wei­chung von syn­tak­tisch wohl­ge­form­ten Bild­trä­gern. Sei­ne ''Schnitt­bil­der'' sind re­fle­xiv ver­wen­de­te Bild­trä­ger, mit de­ren Hil­fe die [[Aufmerksamkeit|Auf­merk­sam­keit]] durch ei­ne ne­ga­ti­ve [[Exemplifikation|Exem­pli­fi­ka­ti­on]] auf die ''[[Materialität|Ma­te­ri­a­li­tät]]'' als Grund­be­din­gung des Bild­ge­brauchs ge­lenkt wer­den kann (cf. <bib id='Whitfield 1999a'>Whit­field 1999a</bib>, <bib id='Hynes 2005a'></bib> und <bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-​Hom­bach 2003a</bib>: S. 212ff). Ge­ra­de durch ih­re Ver­let­zung sticht die Vo­raus­set­zung ei­ner un­ge­stör­ten zwei­di­men­si­o­na­len Räum­lich­keit als geo­met­ri­sche Ba­sis­struk­tur des phy­si­schen Bild­trä­gers für die re­gu­lä­re Bild­ver­wen­dung ins Au­ge.<ref>Da es sich um Ar­gu­men­te han­delt, die ganz klar auf der prag­ma­ti­schen Ebe­ne spie­len, wird die iro­ni­sche Dopp­lung von Pin­sel­strich und Schnitt, die eben­falls im Hin­ter­grund von Fon­ta­nas Wer­ken steht, an die­ser Stel­le nicht wei­ter be­rück­sich­tigt.</ref> | |||
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Demnach wären “Bilder”, von der Art des in Abbil­dung 2 wieder­gege­bene Beispiels, wenn man sie nicht ohne­hin als Grenzfäl­le zur [[Skulptur]] verste­hen möchte, nur in demsel­ben unei­gentli­chen Sinn Bilder, wie die Buchsta­benfol­ge in Beispiel 2 oben in einem nur unei­gentli­chen Sinn als Satz eines Lingu­istik­lehrbuchs auftritt. Begrif­fe man sie hinge­gen als ganz regu­läre Bilder, über­ginge man gera­de die Pointe, die etwa auch den wesent­lichen Unter­schied zwischen dem Bild ‘Abbil­dung 2’ selbst und dem dort wieder­gege­benen Werk von Fonta­na ausmacht. | |||
== | ==Syntaktische (Un-)Korrekt­heit bei spezi­ellen Bild­klassen== | ||
[[Diagramm]]e, technische Zeichnungen und andere Gruppen von [[Strukturbild|Struktur­bilder]] sind in der Regel mit bestimm­ten expli­ziten Darstel­lungskon­venti­onen verbun­den. Diese Regeln lassen sich teilwei­se auf syntak­tischer Ebene prüfen, so dass sich für diese Bildgrup­pen dann auch aus entspre­chenden Ver­stößen gegen die jewei­lige Darstel­lungskon­vention eine Form der syntak­tischen Unkor­rektheit defi­nieren lässt. | |||
Ähnli­ches gilt für ande­re Konven­tionen zur Abgren­zung eines Teilbe­reichs von Bildern oder eines [[Bildmedien|Bildme­diums]], sofern diese Konven­tionen sich anhand syntak­tischer Merkma­le bestim­men lassen. Das kann insbe­sonde­re Aspek­te des [[Stil]]s betref­fen, so dass sich etwa hinsicht­lich einer bestimm­ten kunstge­schichtli­chen Epo­che ein Bild als syntak­tisch wohlge­formt oder aber unkor­rekt beur­teilen läßt. | |||
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Ursache sind in der Regel syntak­tisch diskre­te Subsys­teme, die in die an sich syntak­tisch dichten Dimen­sionen bildhaf­ter Zeichen einge­bettet sind. Das gilt mithin auch für die einfa­cheren Versi­onen von [[digitales Bild|Digi­talbil­dern]] mit ihren örtli­chen (gege­benen­falls auch zeitli­chen) und den Farbraum betref­fenden Raste­rungen. Rela­tiv zu den einge­schränkten Bildman­nigfal­tigkei­ten, die durch einen solchen [[Notation|Nota­tionsfor­malis­mus]] umfasst werden, müssen Bilder mit Pixe­men jenseits der Raste­rung als syntak­tisch unkor­rekt gelten. Praktisch ist dieser Fall für die Compu­tervisu­alis­tik wenig rele­vant, da übli­cherwei­se dann statt eines solchen syntak­tisch hinsicht­lich der Digi­tali­sierungs­konven­tion unkor­rekten Bildes einfach das ähnlich­ste syntak­tisch korrek­te Bild substi­tuiert wird, was häufig ausreicht. | |||
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Allerdings können verschiede­ne techni­sche Proble­me auch in der Compu­tervi­sualis­tik zum Auftre­ten syntak­tisch unkor­rekter Bilder im enge­ren Sinn führen. Natür­lich geht es hierbei nicht um digi­tale Bilder von syntak­tisch unkor­rekten Bildern (wie etwa Abb. 1), die in der Regel ja selbst durchaus syntak­tisch korrekt sind. So können etwa Störun­gen der Marker­werte entste­hen durch Fehler beim Projek­tionsver­fahren: “Blinde” Stellen des Bildschirms führen etwa dazu, dass an bestimm­ten Orten die Farbdar­stellung nicht mehr richtig funkti­oniert. Noch gravie­render sind techni­sche Proble­me beim Über­tragen oder Abspei­chern, die zu Fehlern in der Nota­tion führen: Die syntak­tische Beschrei­bung des Bildträ­gers kann unvoll­ständig oder inkon­sistent werden. Im Grenzfall lassen sich dann immer noch Teile der Bildflä­che proji­zieren, doch gibt es, wie im Fall der zerris­senen Leinwand, Flächen inner­halb des Rahmens, die tatsäch­lich gar nicht zum Bildträ­ger gehö­ren – also eine massi­ve Störung der geomet­rischen Basis­struktur dieses Bildes. | |||
{{GlossarSiehe}} | |||
* [[Aufmerksamkeit]] | |||
* [[Bild in reflexiver Verwendung]] | |||
* [[Bildgrammatik]] | |||
* [[Bildmedien]] | |||
* [[Bildmorphologie]] | |||
* [[Bildzitat]] | |||
* [[Diagramm]] | |||
* [[Digitales Bild]] | |||
* [[Exemplifikation]] | |||
* [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie]] | |||
* [[Identität bildhafter Zeichen]] | |||
* [[Identitätskriterien für Bildträger]] | |||
* [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild]] | |||
* [[Material]] | |||
* [[Materialität]] | |||
* [[Notation]] | |||
* [[Original]] | |||
* [[Rahmung, Rahmen]] | |||
* [[Raum und Geometrie]] | |||
* [[Reflexion und Transparenz]] | |||
* [[Skulptur]] | |||
* [[Strukturbild]] | |||
* [[Syntaktische Dichte]] | |||
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]] | |||
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* [[Benutzer:Joerg R.J. Schirra|Schirra, Jörg R.J. ]] | |||
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''Lektorat:'' | |||
* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]] | |||
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Bildsyntax
English Version: Syntactically Incorrect Images
Kann es bei Bildern syntaktische Fehler geben?Der Begriff der syntaktischen Korrektheit ist zunächst in seinem sprachlichen Anwendungsfall vertraut:
Der Unterschied zwischen einem syntaktisch wohlgeformten Satz einerseits (s. Beispiel 1), mag er Bedeutung haben und praktisch verwendbar sein oder nicht, und einer syntaktisch nicht korrekten Folge von Wörtern[1] andererseits (s. Beispiel 2) ist für jeden, der Grundkenntnisse der englischen Sprache hat, evident ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag. Kann man mit Erfolg für eine analoge Unterscheidung bei Bildern argumentieren? Hierbei ist zunächst einmal zu beachten, dass es bei dieser Frage letztlich stets weniger um Bilder (im eigentlichen, d.h. vollen Wortsinn) als um potentielle Bildträger geht: Der Ausdruck ‘Bild’ ist bestenfalls ungenau (und schlimmstenfalls schlicht verkehrt), wenn pragmatische und semantische Gesichtspunkte explizit außer Acht gelassen werden sollen. Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich keine vergleichbare, also nur auf die Struktur des (potentiellen) Bildträgers bezogene Klassifikation zu geben (cf. [Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M. Das vermutete Fehlen eines echten Kriteriums syntaktischer Wohlgeformtheit steht dabei in engem Zusammenhang mit dem oft behaupteten Fehlen eines bildhaften Alphabets (⊳ Bildgrammatik): Während für sprachliche Zeichensysteme stets gilt, dass eine echte Teilmenge der prinzipiell möglichen Phoneme oder Grapheme als Bausteine komplexer Zeichen verwendet werden, scheint sich kein entsprechendes beschränktes graphisches Alphabet angeben zu lassen, das Bildern ganz allgemein zugrunde läge ([Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg. Zur genaueren Behandlung der Frage, ob es syntaktisch unkorrekte Bilder geben kann, hat sich die Unterscheidung zwischen der geometrischen Basisstruktur und den visuellen Markerdimensionen als hilfreich herausgestellt.
Echte syntaktische Fehler: Störungen im geometrischen GrundgefügeIn der Tat führen ja alle Änderungen sowohl an der Menge und Auswahl der vorhandenen geometrischen Elemente und ihrer Anordnung, wie auch an der Zuordnung visuell unterscheidbarer Markierungen der geometrischen Teile immer nur zu anderen Bildträgern, von denen sich lediglich sagen lässt, dass sie hinsichtlich bestimmter bildpragmatischer Funktionen besser oder schlechter zu gebrauchen sind, nicht aber, dass sie syntaktisch unkorrekt, also allein wegen gewisser Eigenheiten des Materials keine richtigen Bilder wären. Wie im Begriff der syntaktischen Dichte gefasst, führen bei Bildern im Prinzip beliebig kleine Veränderungen am Zeichenträger zu anderen Bildern: Daraus folgt, dass auch jede Folge solcher minimalen Veränderungen ebenfalls wieder zu einem Bild führt. Es kann mithin keine durch Verschieben oder Austauschen von Gebieten erzeugbare Veränderung einer Bildfläche geben, die nicht wiederum zu einer syntaktisch akzeptablen Bildfläche führt. Allerdings gibt es durchaus ganz alltägliche Handlungen an einem Bildträger, die ganz unmittelbar seine Bildträgerfunktion von Grund auf beeinträchtigen: nämlich das Durchlöchern oder teilweise Zerschneiden oder Zerreißen des Papiers, der Leinwand etc. und ähnliche Beschädigungen. Ein Gemälde (etwa von Rembrandt), eine Skizze (beispielsweise von Picasso), der Papierauszug der Aufnahme einer Wärmebildkamera ebenso wie ein Familienschnappschuss werden jeweils mit einem Schnitt oder Loch nicht einfach zu einem anderen Bild, sondern zu demselben Bild mit einer Beschädigung (⊳ Identitätskriterien für Bildträger und Identität bildhafter Zeichen). Was geschieht hierbei, syntaktisch-morphologisch gesehen? Wenn ein Bildträger auf die erwähnte Art verletzt wird, so wird letztlich die Topologie der zweidimensionalen geometrischen Basisstruktur partiell stark gestört: An Stelle der homogenen (d.h. gleichmäßig verteilten) und isotropen (d.h. in allen Richtungen der Bildfläche gleichermaßen gültigen) Nachbarschaftsbeziehungen zwischen den Raumstellen treten nun Lücken zwischen ursprünglich benachbarten Orten auf, die nicht zum Bildträger gehören, so dass diesen Raumstellen nun echte Nachbarpixeme einfach fehlen.[4] Die gesamte geometrische Organisation des Bildträgers ist damit gestört, denn auch alle Pixeme höherer Ordnung (⊳ Bildmorphologie), die auf diesen Nachbarschaften beruhen, sind davon tangiert. Solche Rupturen betreffen also insbesondere die geometrische Basisstruktur, die nun unvollständig und inkonsistent geworden ist.[5] Auch die Annahme, dass Beschneidungen am Rand gegenüber Schnitten innerhalb der Bildfläche als qualitativ weniger gravierend gelten, da dabei zwar semantische und pragmatische Aspekte verändert, nicht aber der Zusammenhang der Orte innerhalb der Bildfläche gestört wird, spricht dafür, das Fehlen von Störungen im geometrischen Grundgefüge als die Basis für syntaktische Wohlgeformtheit von Bildern anzusetzen. Die vollständigen Abtrennungen eines Teils des Bildträgers führen letztlich zu zwei anderen (beschnittenen) Bildern, wobei die Art der Abtrennung eher nebensächlich ist: Auch ein gerissener Rand bildet einen akzeptablen Rahmen. Im Gegensatz dazu bleiben bei partiellen Rupturen die beide nun aufgetrennten Seiten Teil derselben Bildfläche, deren gestörte geometrische Basisstruktur die Wahrnehmung des Bildes beeinträchtigt. Eine Störung der geometrischen Basisstruktur muss im Übrigen unterschieden werden von transparenten Bildstellen, wie sie etwa bei Glasmalerei oder Bildfenstern auftreten: Solche transparenten Bereiche entsprechen ganz regulären Pixemen mit einer speziellen, wenn auch im Vergleich aller Bilder weniger häufig verwendeten Markierung. In der Tat haben syntaktische Sonderfälle wie Reflexion und Transparenz in Bildern eine implizit deiktische Qualität: Hier spielen Aspekte der Umgebung des Bildträgers hinein. Bei Betrachtung des Bild(träger)s aus nur einer Perspektive fallen sie daher nicht unbedingt auf – es könnte sich um eine entsprechende reguläre Farbgebung der Stelle handeln. Erst eine Bewegung des Betrachters und die damit erreichte perspektivische Verschiebung lässt deutlich werden, dass diese Stellen variabel sind und von der Umgebung abhängen.[6] Dieser Zusammenhang macht das Anführen syntaktisch unkorrekter Bilder oft problematisch: Wenn nämlich statt des zerstörten Bildträgers selbst ein Bild von ihm präsentiert wird. Wie in Abbildung 1 demonstriert, ist die Abbildung eines syntaktisch unkorrekten Bildes tatsächlich selbst wiederum (in aller Regel) ein syntaktisch wohlgeformtes Bild: Der Schnitt wird dabei durch ein regelrechtes Pixem mit ganz normalen Farbmarkierungen dargestellt, die Topologie der Basisstruktur ist nicht beeinträchtigt.
Pragmato-syntaktische Fehler: Störungen in der MarkerzuordnungWährend Beschädigungen des räumlichen Zusammenhalts der geometrischen Basisstruktur zu echten syntaktischen Fehlern führen, die also allein schon aufgrund syntaktischer Eigenschaften unterscheidbar sind, können Probleme in den Dimensionen der Markerwerte nur solche Störungen der Syntax auslösen, die lediglich durch pragmatische Faktoren als solche bestimmbar sind. Das Absplittern von Pigmenten, das den Grund sichtbar werden lässt, kann nur relativ zu einem für das jeweils betrachtete Bild angesetzten Normalzustand als Fehler in der Zuordnung der Markerwerte und damit als Nicht-Pixem ermittelt werden. Es könnte sich ebenso gut um Absicht, also um ein in dieser Form intendiertes Pixem handeln (vgl. etwa Sgraffito-Techniken). Das zeigt sich auch darin, dass das bildhafte Anführen eines so gestörten Bildes deutlich weniger problematisch ist: Die Farb- und Texturwerte, die das Zitat an der geschädigten Stelle aufzeigt, befindet sich ja in der Tat im beschädigten Original an dieser Stelle.
Reflexive Nutzung syntaktisch unkorrekter BilderAls indirektes bildhaftes Zitat stellt Abbildung 1 einen typischen Fall reflexiver Bildnutzung dar: Mit der Präsentation des Bildes soll hier nicht auf ein Bauernmädchen hingewiesen werden, sondern exemplarisch auf einige Aspekte der Bildverwendung selbst. So, wie das Beispiel einer syntaktisch unkorrekten Wortfolge in einem Buch zur Sprachsyntax zitiert wird, wird das Beispiel eines geometrisch gestörten Bildträgers als negatives Exempel für die syntaktische Wohlgeformtheit von Bildträgern gezeigt. ![]() Reflexiv genutzte syntaktisch unkorrekte Bilder direkt treten ansonsten auch im künstlerischen Kontext auf: Insbesondere L. Fontana (1899–1968) spielt mit der Abweichung von syntaktisch wohlgeformten Bildträgern. Seine Schnittbilder sind reflexiv verwendete Bildträger, mit deren Hilfe die Aufmerksamkeit durch eine negative Exemplifikation auf die Materialität als Grundbedingung des Bildgebrauchs gelenkt werden kann (cf. [Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London. Demnach wären “Bilder”, von der Art des in Abbildung 2 wiedergegebene Beispiels, wenn man sie nicht ohnehin als Grenzfälle zur Skulptur verstehen möchte, nur in demselben uneigentlichen Sinn Bilder, wie die Buchstabenfolge in Beispiel 2 oben in einem nur uneigentlichen Sinn als Satz eines Linguistiklehrbuchs auftritt. Begriffe man sie hingegen als ganz reguläre Bilder, überginge man gerade die Pointe, die etwa auch den wesentlichen Unterschied zwischen dem Bild ‘Abbildung 2’ selbst und dem dort wiedergegebenen Werk von Fontana ausmacht.
Syntaktische (Un-)Korrektheit bei speziellen BildklassenDiagramme, technische Zeichnungen und andere Gruppen von Strukturbilder sind in der Regel mit bestimmten expliziten Darstellungskonventionen verbunden. Diese Regeln lassen sich teilweise auf syntaktischer Ebene prüfen, so dass sich für diese Bildgruppen dann auch aus entsprechenden Verstößen gegen die jeweilige Darstellungskonvention eine Form der syntaktischen Unkorrektheit definieren lässt. Ähnliches gilt für andere Konventionen zur Abgrenzung eines Teilbereichs von Bildern oder eines Bildmediums, sofern diese Konventionen sich anhand syntaktischer Merkmale bestimmen lassen. Das kann insbesondere Aspekte des Stils betreffen, so dass sich etwa hinsichtlich einer bestimmten kunstgeschichtlichen Epoche ein Bild als syntaktisch wohlgeformt oder aber unkorrekt beurteilen läßt. Ursache sind in der Regel syntaktisch diskrete Subsysteme, die in die an sich syntaktisch dichten Dimensionen bildhafter Zeichen eingebettet sind. Das gilt mithin auch für die einfacheren Versionen von Digitalbildern mit ihren örtlichen (gegebenenfalls auch zeitlichen) und den Farbraum betreffenden Rasterungen. Relativ zu den eingeschränkten Bildmannigfaltigkeiten, die durch einen solchen Notationsformalismus umfasst werden, müssen Bilder mit Pixemen jenseits der Rasterung als syntaktisch unkorrekt gelten. Praktisch ist dieser Fall für die Computervisualistik wenig relevant, da üblicherweise dann statt eines solchen syntaktisch hinsichtlich der Digitalisierungskonvention unkorrekten Bildes einfach das ähnlichste syntaktisch korrekte Bild substituiert wird, was häufig ausreicht. Allerdings können verschiedene technische Probleme auch in der Computervisualistik zum Auftreten syntaktisch unkorrekter Bilder im engeren Sinn führen. Natürlich geht es hierbei nicht um digitale Bilder von syntaktisch unkorrekten Bildern (wie etwa Abb. 1), die in der Regel ja selbst durchaus syntaktisch korrekt sind. So können etwa Störungen der Markerwerte entstehen durch Fehler beim Projektionsverfahren: “Blinde” Stellen des Bildschirms führen etwa dazu, dass an bestimmten Orten die Farbdarstellung nicht mehr richtig funktioniert. Noch gravierender sind technische Probleme beim Übertragen oder Abspeichern, die zu Fehlern in der Notation führen: Die syntaktische Beschreibung des Bildträgers kann unvollständig oder inkonsistent werden. Im Grenzfall lassen sich dann immer noch Teile der Bildfläche projizieren, doch gibt es, wie im Fall der zerrissenen Leinwand, Flächen innerhalb des Rahmens, die tatsächlich gar nicht zum Bildträger gehören – also eine massive Störung der geometrischen Basisstruktur dieses Bildes. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005): Rethinking Reductionism. Culture Machine, 7.[Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M.[Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Sacks 1996a]Sacks, Oliver (1996): Migräne. Rowohlt , Hamburg.[Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch, Marcel Lemmes und Emilia Didier — (Hinweis) Zitierhinweis: |

