Original: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Die Seite wurde neu angelegt: „<!-- "This is comment" --> <!--Vorlage für Unterpunkte--> <!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern--> {{GlosHeader}} Kategorie:Unterpunkt <!--Ende…“
 
K Textersetzung - „{{GlosTab5}}↵<bibdummy>“ durch „{{GlosTab5}}“
 
(85 dazwischenliegende Versionen von 3 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
<!--  "This is comment"  -->
<!--  "This is comment"  -->
<!--Vorlage für Unterpunkte-->
<!--Vorlage für Unterpunkte-->
<!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern-->
<!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern-->
{{GlosHeader}}
{{GlosHeader}}
[[Kategorie:Unterpunkt]]
[[Kategorie:Unterpunkt]]
<!--Ende header-->
<!--In der folgenden Zeile bitte die (Wiki)Kategorie eintragen, wo jetzt XXX steht-->
[[Kategorie:Bildsyntax]]
[[Kategorie:Bildsyntax]]
<!--In der folgenden Zeile bitte die (Glossar)Kategorie eintragen, wo jetzt XXX steht-->
Unterpunkt zu: [[Bildsyntax]]
Unterpunkt zu: [[Bildsyntax]]
<!--beides sollte in der Regel der gleiche Text sein-->
<!--Den folgenden Abschnitt bitte nicht ändern-->
{{GlosTab1}}
{{GlosTab1}}
{{GlossarBoxMain}}
{{GlossarBoxMain}}
<!--Ende header-->
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt-->
==Etymologie und allge&shy;meine Bedeu&shy;tung/en==


<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
Der Ausdruck ‘Original’ und seine Pendants im Engli&shy;schen, Franzö&shy;sischen, Italie&shy;nischen usw. leiten sich ety&shy;molo&shy;gisch von ‘ori&shy;go’, dem latei&shy;nischen Wort für ‘Ursprung’ ab. Dem Grimmschen Wörter&shy;buch zufol&shy;ge ist ein Ori&shy;ginal etwas ''Ursprüng&shy;liches'', entwe&shy;der im Sinne des Eigen&shy;tümli&shy;chen und Ange&shy;bore&shy;nen oder aber im Gegen&shy;satz zu [[Replika, Faksimile und Kopie|Kopie]] oder Nachah&shy;mung (siehe auch ⊳ [[Mimesis|Mime&shy;sis]]). Dieser Gegen&shy;satz ist nicht nur für schriftli&shy;che Arte&shy;fakte von Belang, etwa bei Über&shy;setzun&shy;gen oder Abschrif&shy;ten eines Ori&shy;ginals, sondern auch und gera&shy;de für Bilder, nämlich dann, wenn sie ein Vor- oder Urbild (siehe auch ⊳ [[Bildtermini im modernen Deutsch|Bildter&shy;mini im moder&shy;nen Deutsch]]) nachbil&shy;den; wie etwa der Fall des Porträts zeigt, muss das Ori&shy;ginal jedoch nicht zwangsläu&shy;fig selbst ein Bild sein (vgl. <bib id='Grimm 1889a'></bib>: S. 1347ff. [http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GO02293]). Zwei Kompo&shy;nenten, die sich aus diesem allge&shy;meinen Befund erge&shy;ben, sind noch zu ergän&shy;zen. Erstens ist die Rede vom Ori&shy;ginal oft, wenn gleich nicht immer, mit einer ''eva&shy;luati&shy;ven'' Kompo&shy;nente verbun&shy;den. So kann es sich beim Origi&shy;nal um das Echte handeln, auf dessen Auto&shy;rität sich die Kopie stützt oder dessen Auto&shy;rität die Fälschung zu Unrecht für sich rekla&shy;miert.<ref>An&shy;ders ge&shy;sagt: ne&shy;ben ‘Ko&shy;pie’ ist auch ‘Fäl&shy;schung’ oder ‘Pla&shy;gi&shy;at’ ein Ge&shy;gen&shy;be&shy;griff zu ‘Ori&shy;gi&shy;nal’. — Zu den ver&shy;schie&shy;de&shy;nen Ar&shy;ten der Fäl&shy;schung, ih&shy;rem Wert für die und ih&shy;ren Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen in der Kunst vgl. <bib id='Schmücker 2011a'>Schmü&shy;cker 2011a</bib>.</ref> Zweitens sind für das Ori&shy;ginal häufig histo&shy;rische Kompo&shy;nenten oder genau&shy;er: beson&shy;dere Verhält&shy;nisse zur ''Tradi&shy;tion'' konsti&shy;tutiv. Der Logik von Ori&shy;ginal und Kopie folgend kann das Origi&shy;nal in der Vergan&shy;genheit eine Tradi&shy;tion gestif&shy;tet haben, die durch Kopien in der Gegen&shy;wart aufrecht&shy;erhal&shy;ten wird. Im Sinne des Eigen&shy;tümli&shy;chen aber kann das Ori&shy;ginal in der Gegen&shy;wart mit beste&shy;henden Tradi&shy;tionen brechen (was natür&shy;lich nicht ausschließt, dass mit diesem Tradi&shy;tionsbruch eine neue Tradi&shy;tion inau&shy;guriert wird).
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
 
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->




==Diskurse und Praxis&shy;felder==
Für das Thema des Origi&shy;nals besit&shy;zen mindes&shy;tens vier, teils sich über&shy;lagern&shy;de Diskur&shy;se oder Praxis&shy;felder Rele&shy;vanz, und ihnen gemäß sind techni&shy;sche, wirtschaft&shy;liche, juris&shy;tische und ästhe&shy;tische Aspek&shy;te zu berück&shy;sichti&shy;gen.<ref>In ei&shy;ner leicht ab&shy;wei&shy;chen&shy;den Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve führt Jens Hä&shy;se&shy;ler „künst&shy;le&shy;risch-tech&shy;ni&shy;sche, äs&shy;the&shy;ti&shy;sche und wirt&shy;schaft&shy;li&shy;che Fak&shy;to&shy;ren“ an (vgl. <bib id='Häseler 2002a'>Hä&shy;se&shy;ler 2002a</bib>: S. 642).</ref> Auch deswe&shy;gen ist die Rede vom Ori&shy;ginal oft vieldeu&shy;tig.
:
In ''technischer'' Hinsicht ist das Origi&shy;nal vor allem der Bezugs&shy;punkt für die Kopie: Das Ori&shy;ginal ist einer&shy;seits für die Kopie kausal (mit-)verant&shy;wortlich (⊳ [[Index]]), ande&shy;rerseits ist sie ihm [[Ähnlichkeit|ähnlich]]. Ori&shy;gina&shy;le sind schon immer kopiert worden. Von [[Skulptur|Skulptu&shy;ren]] wurden Güsse herge&shy;stellt, und [[Malerei|Gemäl&shy;de]] etwa lassen sich beispiels&shy;weise male&shy;risch oder zeichne&shy;risch repro&shy;duzie&shy;ren. In der Entwick&shy;lung der Repro&shy;duktions&shy;techni&shy;ken, zu denen im Laufe der Zeit neben die manu&shy;ellen mehr und mehr auch maschi&shy;nelle, elek&shy;troni&shy;sche und IT-gestütz&shy;te Techni&shy;ken getre&shy;ten sind, lässt sich eine Tendenz beobach&shy;ten: Das Ori&shy;ginal profi&shy;liert sich in der Regel gegen eine immer schneller herge&shy;stellte und immer größe&shy;re Anzahl von Kopien. Entschei&shy;dend zu dieser Tendenz beige&shy;tragen haben techni&shy;sche Erfin&shy;dungen und [[Massenmedien|Massen&shy;medien]] – oder detail&shy;lierter: seit dem 15. Jahrhun&shy;dert der Buchdruck, der Holzschnitt, der Stich und die Radie&shy;rung, seit dem Ende des 18. Jahrhun&shy;derts die Litho&shy;graphie und die Zeitung, seit dem 19. Jahrhun&shy;dert die [[Fotografie|Foto&shy;grafie]] und das indus&shy;trielle Druckras&shy;ter sowie in jünge&shy;rer Zeit natür&shy;lich die EDV (vgl. <bib id='Rebel 2009a'></bib>: S. 14, 126f., 138f.). Der Effekt dieser Tendenz ist zweideu&shy;tig. Das Ori&shy;ginal mag aufgrund seiner Einzig&shy;keit gegen&shy;über der durch die Kopien ausge&shy;lösten Infla&shy;tion an Wert gewin&shy;nen; praktisch wird das Ori&shy;ginal jedoch zumin&shy;dest inso&shy;fern nutzlo&shy;ser, als der Blick auf das Ori&shy;ginal zumeist durch den auf eine der vorhan&shy;denen Kopien ersetzt werden kann.
:
In ''wirtschaftlicher'' und ''recht&shy;licher'' Hinsicht wird das Ori&shy;ginal teils schon in der Renais&shy;sance, vor allem aber in der Frühen Neuzeit rele&shy;vant, als die über&shy;komme&shy;nen Produk&shy;tions- und Distri&shy;butions&shy;muster allmäh&shy;lich von neuen über&shy;lagert werden. Für das herkömm&shy;liche Patro&shy;nage&shy;system war die persön&shy;liche Bekannt&shy;schaft zwischen Auftrag&shy;geber und Künstler ausschlag&shy;gebend gewe&shy;sen, die mündli&shy;che Empfeh&shy;lung, der direk&shy;te Kontakt während des Arbeits&shy;prozes&shy;ses und vor allem eine Fülle von Vorga&shy;ben und Inter&shy;venti&shy;onen seitens des Auftrag&shy;gebers (in Bezug auf Thema, Ausge&shy;staltung, zu verwen&shy;dende kostba&shy;re Mate&shy;riali&shy;en usw.).<ref>Vgl. da&shy;zu ex&shy;em&shy;pla&shy;risch <bib id='Baxandall 1999a'>Ba&shy;xan&shy;dall 1999a</bib>: S. 9-38).</ref> Bei der dann allmäh&shy;lich einset&shy;zenden Produk&shy;tion für den ano&shy;nymen Markt findet eine Eman&shy;zipa&shy;tion, aber auch Iso&shy;lierung der Künstler statt, die jetzt vermehrt ferti&shy;ge Produk&shy;te anbie&shy;ten (vgl. <bib id='Luhmann 1995a'></bib>: S. 262ff.). Ori&shy;ginal, also eigen&shy;tümlich, kann auf diesem Markt sowohl der Künstler als auch das Werk sein. Einer&shy;seits unter&shy;scheidet sich damit der ori&shy;gina&shy;le Künstler von ande&shy;ren Künstlern und das ori&shy;gina&shy;le Werk von ande&shy;ren Werken und Kopien, ande&shy;rerseits wird es so möglich, die Urhe&shy;berschaft an den eige&shy;nen Werken zu bean&shy;spruchen oder sie sich als (ver&shy;äuße&shy;rungsfä&shy;higes) geisti&shy;ges Eigen&shy;tum zuschrei&shy;ben zu lassen.
:
''Rechtliche'' und ''ästhetische'' Hinsich&shy;ten über&shy;lagern einan&shy;der inso&shy;fern, als der Bezug auf das Ori&shy;ginal nicht allein den urhe&shy;berrecht&shy;lichen Anspruch des Künstlers begrün&shy;det, sondern paral&shy;lel dazu auch die Auflö&shy;sung der alt&shy;euro&shy;päischen Auffas&shy;sung der Künste voran&shy;treibt.<ref>Vgl. da&shy;zu <bib id='Häseler 2002a'>Hä&shy;se&shy;ler 2002a</bib>: S. 642 und <bib id='Plumpe 1988a'>Plum&shy;pe 1988a</bib>, der auch die Kom&shy;pli&shy;ka&shy;ti&shy;o&shy;nen be&shy;rück&shy;sich&shy;tigt, die ein&shy;tre&shy;ten, als im Lau&shy;fe des 19. Jahr&shy;hun&shy;derts Fo&shy;to&shy;gra&shy;fien jus&shy;ti&shy;zi&shy;a&shy;bel wer&shy;den und sich die Fra&shy;ge nach dem Ur&shy;he&shy;ber&shy;recht in ih&shy;rem Fal&shy;le stellt.</ref> Seit der griechi&shy;schen Anti&shy;ke wurden Künste als Mime&shy;sis der Natur begrif&shy;fen, als Nachah&shy;mung also, die nach den Regeln einer ''techne'' ins Werk zu setzen war; die latei&shy;nische Tradi&shy;tion spricht ana&shy;log dazu von ''imi&shy;tatio'', die auch auf hervor&shy;ragende ''exempla'' und nicht nur auf die Natur ausge&shy;richtet sein konnte, und von Regeln der ''ars''. Die Ästhe&shy;tiken des Ori&shy;ginals erset&shy;zen im 18. Jahrhun&shy;dert diese objek&shy;tive Fundie&shy;rung durch eine subjek&shy;tive. Demnach soll der Künstler nicht mehr Regeln, sondern nur seiner Ori&shy;gina&shy;lität verpflich&shy;tet sein, was sich in der Produk&shy;tion des [[Authentizität|authen&shy;tischen]] Ori&shy;ginal&shy;werks nieder&shy;zuschla&shy;gen hat, das sich von älte&shy;ren Werken als neu abhebt. Das Ori&shy;ginal steht im Kern der Genie&shy;ästhe&shy;tik und auch der späte&shy;ren roman&shy;tischen Kunstauf&shy;fassung.




=====Engere Begriffsbestimmung=====
==Theorien==


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Von den zahlreichen Theorien, die das Ori&shy;ginal erfolg&shy;reich zum Gegen&shy;stand gemacht haben, seien im Folgen&shy;den drei der wichtig&shy;sten kurz vorge&shy;stellt. Dabei handelt es sich um die Genie&shy;ästhe&shy;tik Edward Youngs, das kultur&shy;revo&shy;lutio&shy;näre Programm Walter Benja&shy;mins und die Symbol&shy;theorie Nelson Goodmans.
:
Die «Conjectures on Original Compo&shy;sition», die der Dichter und Theore&shy;tiker Young 1759 veröf&shy;fentlich&shy;te, stellen in mehrfa&shy;cher Hinsicht eine Sammlung der bis dato ent&shy;wickel&shy;ten Theorien des Genies dar und kombi&shy;nieren rechtli&shy;che, wirtschaft&shy;liche und ästhe&shy;tische Aspek&shy;te. In seiner Kritik an der regel&shy;gelei&shy;teten Produk&shy;tion von Werken und in der Feier des Künstlers als eines starken Indi&shy;viduums stützt er sich vor allem auf ein Voka&shy;bular der Natur und des Eigen&shy;tums bzw. der Eigen&shy;tümlich&shy;keit:
:
:''An Original may be said to be of a veg&shy;etable nature; it rises sponta&shy;neously, from the vital root of genius; it grows, it is not made: Imi&shy;tations are often a sort of manu&shy;facture wrought up by those mechan&shy;ics, art, and labour, out of pre-existent mate&shy;rials not their own'' (<bib id='Young 1918a'></bib>: S. 7).
:
Dem Original (dem Künstler) und auch den von ihm produ&shy;zierten Ori&shy;gina&shy;len (den Werken) attes&shy;tiert Young damit, selbst schon das zu sein, was für die alt&shy;euro&shy;päische Mime&shy;sis noch der Bezugs&shy;punkt war: nämlich Natur. Als Ori&shy;ginal rücken Künstler und Werk so in den Rang des Primä&shy;ren, Ursprüng&shy;lichen. Darüber hinaus liefern die «Conjec&shy;tures» aller&shy;dings Ein&shy;blicke in das Bedin&shy;gungsver&shy;hältnis von techni&shy;schen und ästhe&shy;tischen Aspek&shy;ten, die die zeitty&shy;pische Aufwer&shy;tung ansatz&shy;weise dekon&shy;struieren. Nach Young gibt es in der Moder&shy;ne schlichtweg zu viele Arte&shy;fakte, was er im (Buch-)Druck, in der „perpe&shy;tuating power of the press“ begrün&shy;det sieht (<bib id='Young 1918a'></bib>: S. 8f.). Um nicht weite&shy;re Dupli&shy;kate des ohne&shy;hin schon Vorhan&shy;denen anzu&shy;ferti&shy;gen, muss der Künstler einer Forde&shy;rung gerecht werden, die Young durch einen Vergleich zwischen dem (Buch-)Druck und einem der ältes&shy;ten Repro&shy;duktions&shy;verfah&shy;ren über&shy;haupt beschreibt, nämlich der Münzprä&shy;gung: „we should send new metal to the mint, that is, new meaning to the press“ (<bib id='Young 1918a'></bib>: S. 7f.). Wenn nun aber Ori&shy;gina&shy;le in ästhe&shy;tischer Hinsicht aller&shy;erst durch die von den Massen&shy;medien erzeug&shy;ten Kopien notwen&shy;dig werden, so ist – pointiert gesagt – das Ori&shy;ginal das Sekun&shy;däre und die Kopie das Primä&shy;re.<ref>Wäh&shy;rend die&shy;se Di&shy;a&shy;lek&shy;tik Young ge&shy;wis&shy;ser&shy;ma&shy;ßen nur “un&shy;ter&shy;läuft”, wird Ben&shy;ja&shy;min spä&shy;ter ex&shy;pli&shy;zit auf sie – oder zu&shy;min&shy;dest ei&shy;ne ver&shy;gleich&shy;ba&shy;re – hin&shy;wei&shy;sen, wenn er an&shy;merkt: „‘Echt’ war ein mit&shy;tel&shy;al&shy;ter&shy;li&shy;ches Ma&shy;don&shy;nen&shy;bild ja zur Zeit sei&shy;ner An&shy;fer&shy;ti&shy;gung noch nicht“ (<bib id='Benjamin 1974a'>Ben&shy;ja&shy;min 1974a</bib>: S. 476).</ref>
:
Eine ausführliche Themati&shy;sierung des Ori&shy;ginals findet sich auch in der Studie «Das Kunstwerk im Zeit&shy;alter seiner techni&shy;schen Repro&shy;duzier&shy;barkeit» des Philo&shy;sophen und Medien&shy;theore&shy;tikers Benja&shy;min. Prämis&shy;se dieser Studie aus den 1930er Jahren ist, dass [[Fotografie|Foto&shy;grafie]] und [[Film|Film]] um 1900 eine Krise ausge&shy;löst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigen&shy;schaft als Repro&shy;duktions- wie auch als Produk&shy;tionstech&shy;niken. Anstatt die seiner&shy;zeit übli&shy;che Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwie&shy;fern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspek&shy;tive um und unter&shy;sucht, in welchem Maße sie ihrer&shy;seits den „Gesamt&shy;charak&shy;ter der Kunst“ verän&shy;dert haben (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja&shy;min 1974a</bib>: S. 486). Ihm zufol&shy;ge gibt es bei Kunstwer&shy;ken tradi&shy;tionell eine Quali&shy;tät, die nicht repro&shy;duziert werden kann, nämlich die Echt&shy;heit.<ref>Es sind Wer&shy;ke der bil&shy;den&shy;den Kunst, al&shy;so Bil&shy;der, Plas&shy;ti&shy;ken und Bau&shy;wer&shy;ke, die ei&shy;ne der&shy;ar&shy;ti&shy;ge Qua&shy;li&shy;tät be&shy;sit&shy;zen. Wie ins&shy;be&shy;son&shy;de&shy;re die noch zu er&shy;ör&shy;tern&shy;de Sym&shy;bol&shy;the&shy;o&shy;rie Good&shy;mans deut&shy;lich ge&shy;macht hat, ist die Su&shy;che nach dem „Hier und Jetzt des Ori&shy;gi&shy;nals“ in der Li&shy;te&shy;ra&shy;tur und Mu&shy;sik nicht oder nur be&shy;grenzt sinn&shy;voll; vgl. <bib id='Goodman 1995a'>Good&shy;man 1995a</bib>: S. 112-121.</ref> Zu ihr expli&shy;ziert er: „Das Hier und Jetzt des Ori&shy;ginals macht den Begriff seiner Echt&shy;heit aus, und auf deren Grund ihrer&shy;seits liegt die Vorstel&shy;lung einer Tradi&shy;tion, welche dieses Objekt bis auf den heuti&shy;gen Tag als ein Selbes und Iden&shy;tisches weiter&shy;gelei&shy;tet hat.“ (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja&shy;min 1974a</bib>: S. 437). Während nach Benja&shy;min der Status des Ori&shy;ginals und die von ihm gestif&shy;tete Tradi&shy;tion – oder mit einem Wort: die „Aura“ – durch die manu&shy;elle Repro&shy;duktion nicht berührt werden, sieht er sie durch die massen&shy;weise Repro&shy;duktion per Foto&shy;grafie oder grundsätz&shy;lich in Frage gestellt.
:
:''Erstens erweist sich die techni&shy;sche Repro&shy;duktion dem Ori&shy;ginal gegen&shy;über selbstän&shy;diger als die manu&shy;elle. Sie kann, beispiels&shy;weise, in der Photo&shy;graphie Ansich&shy;ten des Ori&shy;ginals hervor&shy;heben, die nur der verstell&shy;baren und ihren Blick&shy;punkt willkür&shy;lich wählen&shy;den Linse, nicht aber dem menschli&shy;chen Auge zugäng&shy;lich sind, oder mit Hilfe gewis&shy;ser Verfah&shy;ren  wie der Ver&shy;größe&shy;rung und der Zeit&shy;lupe Bilder festhal&shy;ten, die sich der natür&shy;lichen Optik schlecht&shy;weg entzie&shy;hen. [...] Sie kann zudem zweitens das Abbild des Ori&shy;ginals in Situ&shy;ationen bringen, die dem Origi&shy;nals selbst nicht erreich&shy;bar sind. Vor allem macht sie es möglich, dem Aufneh&shy;menden entge&shy;gen zu kommen'' (<bib id='Benjamin 1974a'>Benja&shy;min 1974a</bib>: S. 476).
:
Qua Reproduktionstechni&shy;ken unter&shy;graben Foto&shy;grafie und Film nach Benja&shy;min die zeitli&shy;che/his&shy;tori&shy;sche und räumli&shy;che Beson&shy;derheit beste&shy;hender Ori&shy;gina&shy;le; qua Produk&shy;tionstech&shy;niken erzeu&shy;gen sie außer&shy;dem keine neuen Ori&shy;gina&shy;le im empha&shy;tischen Sinn mehr, sondern nur noch von vornhe&shy;rein auf Repro&shy;duktion ausge&shy;richte&shy;te Arte&shy;fakte. Inwie&shy;fern haben nach Benja&shy;min nun Foto&shy;grafie und Film den Gesamt&shy;charak&shy;ter der Kunst verän&shy;dert? Benja&shy;mins kultur&shy;revo&shy;lutio&shy;näres Programm sieht in ihnen einer&shy;seits die Depo&shy;tenzie&shy;rung des ritu&shy;ellen Umgangs mit der Kunst, der sich auf das Ori&shy;ginal gestützt hatte,<ref>Ré&shy;gis De&shy;bray, der Be&shy;grün&shy;der der [[Mediologie|Me&shy;di&shy;o&shy;lo&shy;gie]], hat ge&shy;gen Ben&shy;ja&shy;min ein&shy;ge&shy;wandt, dass die Eman&shy;zi&shy;pa&shy;ti&shy;on des Bil&shy;des vom Ri&shy;tu&shy;al be&shy;reits weit&shy;aus frü&shy;her an&shy;zu&shy;set&shy;zen sei, näm&shy;lich im 15. Jahr&shy;hun&shy;dert, dem Jahr&shy;hun&shy;dert der Re&shy;nais&shy;san&shy;ce und der frü&shy;hen Re&shy;pro&shy;duk&shy;ti&shy;ons&shy;tech&shy;ni&shy;ken wie Holz&shy;schnitt, Stich und Ra&shy;die&shy;rung; vgl. <bib id='Debray 1999a'>De&shy;bray 1999a</bib>: S. 122.</ref> ande&shy;rerseits die Option auf einen poli&shy;tischen Umgang mit ihr in der Zukunft.
:
Für die Symboltheorie und die Klassi&shy;fika&shy;tion der Künste, die rund 30 Jahre nach Benja&shy;min der ana&shy;lyti&shy;sche Philo&shy;soph Goodman vorge&shy;legt hat, sind insbe&shy;sonde&shy;re die rechtli&shy;chen und ästhe&shy;tischen Aspek&shy;te des Ori&shy;ginals wichtig bzw. die ästhe&shy;tischen Konse&shy;quenzen, die sich aus der (rechtli&shy;chen) Diffe&shy;renz zwischen Ori&shy;ginal und Fälschung erge&shy;ben. Nach Goodman sind Male&shy;rei und Bildhau&shy;erei auto&shy;graphi&shy;sche Künste. „Wir wollen ein Kunstwerk ''auto&shy;graphisch'' nennen dann und nur dann, wenn der Unter&shy;schied zwischen dem Ori&shy;ginal und einer Fälschung von ihm bedeut&shy;sam ist; oder, besser, dann und nur dann, wenn selbst das exak&shy;teste Dupli&shy;kat dadurch nicht als echt gilt.“ (<bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 113). Das „exak&shy;teste Dupli&shy;kat“, an dem Goodman seine Defi&shy;nition illus&shy;triert, ist eines, das durch bloßes Anschau&shy;en nicht vom Ori&shy;ginal unter&shy;schieden werden kann. Selbst hier ist der Unter&shy;schied zwischen Ori&shy;ginal und Dupli&shy;kat noch auf drei Ebe&shy;nen ästhe&shy;tisch rele&shy;vant,
:
:''weil das Wissen um diese Tatsa&shy;che (1) als Grund dafür gilt, daß es mögli&shy;cherwei&shy;se einen Unter&shy;schied zwischen ihnen gibt, den zu sehen ich lernen kann, (2) dem gegen&shy;wärti&shy;gen Anschau&shy;en die Rolle zuschreibt, durch Schulung auf eine solche sinnli&shy;che Wahr&shy;neh&shy;mungs&shy;fä&shy;hig&shy;keit hinzu&shy;arbeiten, und (3) konse&shy;quenter&shy;weise Forde&shy;run&shy;gen aufstellt, die meine gegen&shy;wärti&shy;ge Erfah&shy;rung beim Anschau&shy;en der beiden Bilder modi&shy;fizie&shy;ren und diffe&shy;renzie&shy;ren.'' (<bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 106).
:
Bei Werken, die für eine [[Notation|Nota&shy;tion]] geeig&shy;net sind, etwa bei lite&shy;rari&shy;schen Texten und musi&shy;kali&shy;schen Kompo&shy;siti&shy;onen, stellt sich eine derar&shy;tige Frage nach der Echt&shy;heit nicht; sie zeichnen sich vielmehr durch eine begrenz&shy;te Menge von Ele&shy;menten und deren Anord&shy;nung aus (vgl. <bib id='Goodman 1995a'></bib>: S. 116); bei Texten handelt es sich um die korrek&shy;te Abfol&shy;ge von Buchsta&shy;ben, Satzzei&shy;chen und Zwischen&shy;räumen, bei Parti&shy;turen übli&shy;cherwei&shy;se um die korrek&shy;te Abfol&shy;gen von Markie&shy;rungen für Tonhö&shy;he und Tondau&shy;er im Noten&shy;system. Für das lite&shy;rari&shy;sche oder musi&shy;kali&shy;sche Werk macht es keinen Unter&shy;schied, ob es als Ori&shy;ginal&shy;manus&shy;kript oder x-belie&shy;biger Druck vorliegt, solan&shy;ge es nur die iden&shy;tischen Ele&shy;mente und die entspre&shy;chende Anord&shy;nung aufweist. Goodmans Aufwer&shy;tung des Ori&shy;ginals in der bilden&shy;den Kunst hinge&shy;gen ergibt sich aus einem Bildbe&shy;griff, für den [[Syntaktische Dichte|syntak&shy;tische Dichte]] eine notwen&shy;dige Bedin&shy;gung darstellt. Syntak&shy;tische Dichte besagt, alltags&shy;sprachlich formu&shy;liert, dass noch die kleinsten Unter&shy;schiede für die Betrach&shy;tung und Bewer&shy;tung eines Bildes wichtig sind. Ein Bild ist daher in seiner konkre&shy;ten mate&shy;riel&shy;len Beschaf&shy;fenheit uner&shy;setzlich, wir können uns bei Kopien niemals sicher sein, ob rele&shy;vante Eigen&shy;schaften im Kopier&shy;prozess vernach&shy;lässigt wurden.




=====optional Beispiele=====
==Ausblick==
Aus dem Vorhergehenden lässt sich ablei&shy;ten, dass sich die Seman&shy;tik von ‘Ori&shy;ginal’ mit zentra&shy;len Ele&shy;menten der allge&shy;meinen Bildthe&shy;orie über&shy;schneidet, dass sie komplex und biswei&shy;len para&shy;dox ist und kontro&shy;vers disku&shy;tiert wird. Ele&shy;mente wie in der allge&shy;meinen Bildthe&shy;orie finden sich inso&shy;fern, als auch hier Ähnlich&shy;keit und Kausa&shy;lität Gegen&shy;stand der Refle&shy;xion sind und da&shy;rüber hinaus ‘Ori&shy;ginal’ als Syno&shy;nym für ‘Arche&shy;typ’ gebraucht werden kann (vgl. <bib id='Hüllen 1971a'></bib>: S. 497); mit Letzte&shy;rem schließt ‘Ori&shy;ginal’ an das für Anti&shy;ke und Mittel&shy;alter ausschlag&shy;geben&shy;de Wortfeld um das griechi&shy;sche [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|‘typtein’]] und [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|‘typos’]] an. Komplex ist die Seman&shy;tik von ‘Ori&shy;ginal’ wegen der klassi&shy;fika&shy;tori&shy;schen und eva&shy;luati&shy;ven Verwen&shy;dungswei&shy;sen, der unter&shy;schiedli&shy;chen Gegen&shy;begrif&shy;fe, der sich über&shy;lagern&shy;den Diskur&shy;se und Praxis&shy;felder und der Möglich&shy;keit, sowohl auf Produ&shy;zenten als auch auf Arte&shy;fakte zu refe&shy;rieren. Para&shy;dox wird sie dort, wo ausge&shy;rechnet Neues und Ursprüng&shy;liches verschmel&shy;zen, und auch dort, wo Ori&shy;ginal und Kopie inter&shy;ferie&shy;ren. Abge&shy;sehen davon, dass Ori&shy;gina&shy;lität in Anbe&shy;tracht von Ori&shy;gina&shy;litäts&shy;zwang ausge&shy;rechnet in der Kopie beste&shy;hen könnte, gibt es in diesem Zusam&shy;menhang vor allem das Problem der Ori&shy;ginal&shy;grafik. Unter bestimm&shy;ten Aufla&shy;gen kann ein Druckblatt, also eine Repro&shy;duktion, den Status eines Ori&shy;ginals erhal&shy;ten, beispiels&shy;weise wenn der Künstler den Entwurf und die Druckform anfer&shy;tigt, den Druckpro&shy;zess über&shy;wacht und die Abzü&shy;ge signiert (vgl. <bib id='Rebel 2009a'></bib>: S. 238). Kontro&shy;vers disku&shy;tiert wird schließlich insbe&shy;sonde&shy;re die Frage, inwie&shy;fern die Herauf&shy;kunft der [[Technische Medien|techni&shy;schen Medien]] die ästhe&shy;tische Rele&shy;vanz des Ori&shy;ginals berührt: Während Benja&shy;min das Ori&shy;ginal in der bilden&shy;den Kunst schwinden sieht, hält Goodman an diesem fest. Dies ist nicht zuletzt der Wahl des zentra&shy;len Gegen&shy;stands geschul&shy;det: Benja&shy;mins Augen&shy;merk gilt vor allem der Foto&shy;grafie und dem Film, für Goodman hinge&shy;gen steht noch die Male&shy;rei im Fokus.


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
{{GlossarSiehe}}
 
* [[Ähnlichkeit]]
 
* [[Authentizität]]
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
* [[Bildtermini im modernen Deutsch]]
 
* [[Film]]
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
* [[Fotografie]]
* [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|Griechisch: ‘agalma’, ‘phantasma’, ‘eidolon’, ‘typos’, ‘eikon’]]
* [[Index]]
* [[Malerei]]
* [[Massenmedien]]
* [[Mediologie]]
* [[Mimesis]]
* [[Notation]]
* [[Replika, Faksimile und Kopie]]
* [[Skulptur]]
* [[Syntaktische Dichte]]
* [[Technische Medien]]


<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern-->
<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern-->
Zeile 50: Zeile 76:
{{GlosTab2}}
{{GlosTab2}}
{{GlosTab3}}
{{GlosTab3}}
''Ausgabe 1: 2013''
{{GlosTab4}}
''Verantwortlich:''  
''Verantwortlich:''  


<!--in der folgenden Zeile XXX durch Benutzernamen ersetzen-->
* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri ]]
[[Benutzer:XXX]]
* [[Benutzer:Klaus Sachs-hombach|Sachs-Hombach, Klaus ]]
 
{{GlosTab4}}
''Lektorat:''
* [[Benutzer:Joerg R.J. Schirra|Schirra, J.R.J.]]
{{GlosTab5}}
<!--den Schluß nicht verändern-->
<!--den Schluß nicht verändern-->
{{GlosEnd}}
{{GlosEndB}}
<!--Das war's-->
<!--Das war's-->

Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsyntax


Etymologie und allge­meine Bedeu­tung/en

Der Ausdruck ‘Original’ und seine Pendants im Engli­schen, Franzö­sischen, Italie­nischen usw. leiten sich ety­molo­gisch von ‘ori­go’, dem latei­nischen Wort für ‘Ursprung’ ab. Dem Grimmschen Wörter­buch zufol­ge ist ein Ori­ginal etwas Ursprüng­liches, entwe­der im Sinne des Eigen­tümli­chen und Ange­bore­nen oder aber im Gegen­satz zu Kopie oder Nachah­mung (siehe auch ⊳ Mime­sis). Dieser Gegen­satz ist nicht nur für schriftli­che Arte­fakte von Belang, etwa bei Über­setzun­gen oder Abschrif­ten eines Ori­ginals, sondern auch und gera­de für Bilder, nämlich dann, wenn sie ein Vor- oder Urbild (siehe auch ⊳ Bildter­mini im moder­nen Deutsch) nachbil­den; wie etwa der Fall des Porträts zeigt, muss das Ori­ginal jedoch nicht zwangsläu­fig selbst ein Bild sein (vgl. [Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig.
: S. 1347ff. [1]). Zwei Kompo­nenten, die sich aus diesem allge­meinen Befund erge­ben, sind noch zu ergän­zen. Erstens ist die Rede vom Ori­ginal oft, wenn gleich nicht immer, mit einer eva­luati­ven Kompo­nente verbun­den. So kann es sich beim Origi­nal um das Echte handeln, auf dessen Auto­rität sich die Kopie stützt oder dessen Auto­rität die Fälschung zu Unrecht für sich rekla­miert.[1] Zweitens sind für das Ori­ginal häufig histo­rische Kompo­nenten oder genau­er: beson­dere Verhält­nisse zur Tradi­tion konsti­tutiv. Der Logik von Ori­ginal und Kopie folgend kann das Origi­nal in der Vergan­genheit eine Tradi­tion gestif­tet haben, die durch Kopien in der Gegen­wart aufrecht­erhal­ten wird. Im Sinne des Eigen­tümli­chen aber kann das Ori­ginal in der Gegen­wart mit beste­henden Tradi­tionen brechen (was natür­lich nicht ausschließt, dass mit diesem Tradi­tionsbruch eine neue Tradi­tion inau­guriert wird).


Diskurse und Praxis­felder

Für das Thema des Origi­nals besit­zen mindes­tens vier, teils sich über­lagern­de Diskur­se oder Praxis­felder Rele­vanz, und ihnen gemäß sind techni­sche, wirtschaft­liche, juris­tische und ästhe­tische Aspek­te zu berück­sichti­gen.[2] Auch deswe­gen ist die Rede vom Ori­ginal oft vieldeu­tig.

In technischer Hinsicht ist das Origi­nal vor allem der Bezugs­punkt für die Kopie: Das Ori­ginal ist einer­seits für die Kopie kausal (mit-)verant­wortlich (⊳ Index), ande­rerseits ist sie ihm ähnlich. Ori­gina­le sind schon immer kopiert worden. Von Skulptu­ren wurden Güsse herge­stellt, und Gemäl­de etwa lassen sich beispiels­weise male­risch oder zeichne­risch repro­duzie­ren. In der Entwick­lung der Repro­duktions­techni­ken, zu denen im Laufe der Zeit neben die manu­ellen mehr und mehr auch maschi­nelle, elek­troni­sche und IT-gestütz­te Techni­ken getre­ten sind, lässt sich eine Tendenz beobach­ten: Das Ori­ginal profi­liert sich in der Regel gegen eine immer schneller herge­stellte und immer größe­re Anzahl von Kopien. Entschei­dend zu dieser Tendenz beige­tragen haben techni­sche Erfin­dungen und Massen­medien – oder detail­lierter: seit dem 15. Jahrhun­dert der Buchdruck, der Holzschnitt, der Stich und die Radie­rung, seit dem Ende des 18. Jahrhun­derts die Litho­graphie und die Zeitung, seit dem 19. Jahrhun­dert die Foto­grafie und das indus­trielle Druckras­ter sowie in jünge­rer Zeit natür­lich die EDV (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Nicht angezeigt: 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage
: S. 14, 126f., 138f.). Der Effekt dieser Tendenz ist zweideu­tig. Das Ori­ginal mag aufgrund seiner Einzig­keit gegen­über der durch die Kopien ausge­lösten Infla­tion an Wert gewin­nen; praktisch wird das Ori­ginal jedoch zumin­dest inso­fern nutzlo­ser, als der Blick auf das Ori­ginal zumeist durch den auf eine der vorhan­denen Kopien ersetzt werden kann.

In wirtschaftlicher und recht­licher Hinsicht wird das Ori­ginal teils schon in der Renais­sance, vor allem aber in der Frühen Neuzeit rele­vant, als die über­komme­nen Produk­tions- und Distri­butions­muster allmäh­lich von neuen über­lagert werden. Für das herkömm­liche Patro­nage­system war die persön­liche Bekannt­schaft zwischen Auftrag­geber und Künstler ausschlag­gebend gewe­sen, die mündli­che Empfeh­lung, der direk­te Kontakt während des Arbeits­prozes­ses und vor allem eine Fülle von Vorga­ben und Inter­venti­onen seitens des Auftrag­gebers (in Bezug auf Thema, Ausge­staltung, zu verwen­dende kostba­re Mate­riali­en usw.).[3] Bei der dann allmäh­lich einset­zenden Produk­tion für den ano­nymen Markt findet eine Eman­zipa­tion, aber auch Iso­lierung der Künstler statt, die jetzt vermehrt ferti­ge Produk­te anbie­ten (vgl. [Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 262ff.). Ori­ginal, also eigen­tümlich, kann auf diesem Markt sowohl der Künstler als auch das Werk sein. Einer­seits unter­scheidet sich damit der ori­gina­le Künstler von ande­ren Künstlern und das ori­gina­le Werk von ande­ren Werken und Kopien, ande­rerseits wird es so möglich, die Urhe­berschaft an den eige­nen Werken zu bean­spruchen oder sie sich als (ver­äuße­rungsfä­higes) geisti­ges Eigen­tum zuschrei­ben zu lassen.

Rechtliche und ästhetische Hinsich­ten über­lagern einan­der inso­fern, als der Bezug auf das Ori­ginal nicht allein den urhe­berrecht­lichen Anspruch des Künstlers begrün­det, sondern paral­lel dazu auch die Auflö­sung der alt­euro­päischen Auffas­sung der Künste voran­treibt.[4] Seit der griechi­schen Anti­ke wurden Künste als Mime­sis der Natur begrif­fen, als Nachah­mung also, die nach den Regeln einer techne ins Werk zu setzen war; die latei­nische Tradi­tion spricht ana­log dazu von imi­tatio, die auch auf hervor­ragende exempla und nicht nur auf die Natur ausge­richtet sein konnte, und von Regeln der ars. Die Ästhe­tiken des Ori­ginals erset­zen im 18. Jahrhun­dert diese objek­tive Fundie­rung durch eine subjek­tive. Demnach soll der Künstler nicht mehr Regeln, sondern nur seiner Ori­gina­lität verpflich­tet sein, was sich in der Produk­tion des authen­tischen Ori­ginal­werks nieder­zuschla­gen hat, das sich von älte­ren Werken als neu abhebt. Das Ori­ginal steht im Kern der Genie­ästhe­tik und auch der späte­ren roman­tischen Kunstauf­fassung.


Theorien

Von den zahlreichen Theorien, die das Ori­ginal erfolg­reich zum Gegen­stand gemacht haben, seien im Folgen­den drei der wichtig­sten kurz vorge­stellt. Dabei handelt es sich um die Genie­ästhe­tik Edward Youngs, das kultur­revo­lutio­näre Programm Walter Benja­mins und die Symbol­theorie Nelson Goodmans.

Die «Conjectures on Original Compo­sition», die der Dichter und Theore­tiker Young 1759 veröf­fentlich­te, stellen in mehrfa­cher Hinsicht eine Sammlung der bis dato ent­wickel­ten Theorien des Genies dar und kombi­nieren rechtli­che, wirtschaft­liche und ästhe­tische Aspek­te. In seiner Kritik an der regel­gelei­teten Produk­tion von Werken und in der Feier des Künstlers als eines starken Indi­viduums stützt er sich vor allem auf ein Voka­bular der Natur und des Eigen­tums bzw. der Eigen­tümlich­keit:

An Original may be said to be of a veg­etable nature; it rises sponta­neously, from the vital root of genius; it grows, it is not made: Imi­tations are often a sort of manu­facture wrought up by those mechan­ics, art, and labour, out of pre-existent mate­rials not their own ([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay.
Notiz: hrsg. v. E. J. Morley
: S. 7).

Dem Original (dem Künstler) und auch den von ihm produ­zierten Ori­gina­len (den Werken) attes­tiert Young damit, selbst schon das zu sein, was für die alt­euro­päische Mime­sis noch der Bezugs­punkt war: nämlich Natur. Als Ori­ginal rücken Künstler und Werk so in den Rang des Primä­ren, Ursprüng­lichen. Darüber hinaus liefern die «Conjec­tures» aller­dings Ein­blicke in das Bedin­gungsver­hältnis von techni­schen und ästhe­tischen Aspek­ten, die die zeitty­pische Aufwer­tung ansatz­weise dekon­struieren. Nach Young gibt es in der Moder­ne schlichtweg zu viele Arte­fakte, was er im (Buch-)Druck, in der „perpe­tuating power of the press“ begrün­det sieht ([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay.
Notiz: hrsg. v. E. J. Morley
: S. 8f.). Um nicht weite­re Dupli­kate des ohne­hin schon Vorhan­denen anzu­ferti­gen, muss der Künstler einer Forde­rung gerecht werden, die Young durch einen Vergleich zwischen dem (Buch-)Druck und einem der ältes­ten Repro­duktions­verfah­ren über­haupt beschreibt, nämlich der Münzprä­gung: „we should send new metal to the mint, that is, new meaning to the press“ ([Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay.
Notiz: hrsg. v. E. J. Morley
: S. 7f.). Wenn nun aber Ori­gina­le in ästhe­tischer Hinsicht aller­erst durch die von den Massen­medien erzeug­ten Kopien notwen­dig werden, so ist – pointiert gesagt – das Ori­ginal das Sekun­däre und die Kopie das Primä­re.[5]

Eine ausführliche Themati­sierung des Ori­ginals findet sich auch in der Studie «Das Kunstwerk im Zeit­alter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit» des Philo­sophen und Medien­theore­tikers Benja­min. Prämis­se dieser Studie aus den 1930er Jahren ist, dass Foto­grafie und Film um 1900 eine Krise ausge­löst haben, und zwar sowohl in ihrer Eigen­schaft als Repro­duktions- wie auch als Produk­tionstech­niken. Anstatt die seiner­zeit übli­che Frage zu stellen, ob und – wenn ja – inwie­fern es sich bei diesen Techniken um Kunst handeln kann, kehrt Benjamin die Perspek­tive um und unter­sucht, in welchem Maße sie ihrer­seits den „Gesamt­charak­ter der Kunst“ verän­dert haben ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 486). Ihm zufol­ge gibt es bei Kunstwer­ken tradi­tionell eine Quali­tät, die nicht repro­duziert werden kann, nämlich die Echt­heit.[6] Zu ihr expli­ziert er: „Das Hier und Jetzt des Ori­ginals macht den Begriff seiner Echt­heit aus, und auf deren Grund ihrer­seits liegt die Vorstel­lung einer Tradi­tion, welche dieses Objekt bis auf den heuti­gen Tag als ein Selbes und Iden­tisches weiter­gelei­tet hat.“ ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 437). Während nach Benja­min der Status des Ori­ginals und die von ihm gestif­tete Tradi­tion – oder mit einem Wort: die „Aura“ – durch die manu­elle Repro­duktion nicht berührt werden, sieht er sie durch die massen­weise Repro­duktion per Foto­grafie oder grundsätz­lich in Frage gestellt.

Erstens erweist sich die techni­sche Repro­duktion dem Ori­ginal gegen­über selbstän­diger als die manu­elle. Sie kann, beispiels­weise, in der Photo­graphie Ansich­ten des Ori­ginals hervor­heben, die nur der verstell­baren und ihren Blick­punkt willkür­lich wählen­den Linse, nicht aber dem menschli­chen Auge zugäng­lich sind, oder mit Hilfe gewis­ser Verfah­ren wie der Ver­größe­rung und der Zeit­lupe Bilder festhal­ten, die sich der natür­lichen Optik schlecht­weg entzie­hen. [...] Sie kann zudem zweitens das Abbild des Ori­ginals in Situ­ationen bringen, die dem Origi­nals selbst nicht erreich­bar sind. Vor allem macht sie es möglich, dem Aufneh­menden entge­gen zu kommen ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 476).

Qua Reproduktionstechni­ken unter­graben Foto­grafie und Film nach Benja­min die zeitli­che/his­tori­sche und räumli­che Beson­derheit beste­hender Ori­gina­le; qua Produk­tionstech­niken erzeu­gen sie außer­dem keine neuen Ori­gina­le im empha­tischen Sinn mehr, sondern nur noch von vornhe­rein auf Repro­duktion ausge­richte­te Arte­fakte. Inwie­fern haben nach Benja­min nun Foto­grafie und Film den Gesamt­charak­ter der Kunst verän­dert? Benja­mins kultur­revo­lutio­näres Programm sieht in ihnen einer­seits die Depo­tenzie­rung des ritu­ellen Umgangs mit der Kunst, der sich auf das Ori­ginal gestützt hatte,[7] ande­rerseits die Option auf einen poli­tischen Umgang mit ihr in der Zukunft.

Für die Symboltheorie und die Klassi­fika­tion der Künste, die rund 30 Jahre nach Benja­min der ana­lyti­sche Philo­soph Goodman vorge­legt hat, sind insbe­sonde­re die rechtli­chen und ästhe­tischen Aspek­te des Ori­ginals wichtig bzw. die ästhe­tischen Konse­quenzen, die sich aus der (rechtli­chen) Diffe­renz zwischen Ori­ginal und Fälschung erge­ben. Nach Goodman sind Male­rei und Bildhau­erei auto­graphi­sche Künste. „Wir wollen ein Kunstwerk auto­graphisch nennen dann und nur dann, wenn der Unter­schied zwischen dem Ori­ginal und einer Fälschung von ihm bedeut­sam ist; oder, besser, dann und nur dann, wenn selbst das exak­teste Dupli­kat dadurch nicht als echt gilt.“ ([Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 113). Das „exak­teste Dupli­kat“, an dem Goodman seine Defi­nition illus­triert, ist eines, das durch bloßes Anschau­en nicht vom Ori­ginal unter­schieden werden kann. Selbst hier ist der Unter­schied zwischen Ori­ginal und Dupli­kat noch auf drei Ebe­nen ästhe­tisch rele­vant,

weil das Wissen um diese Tatsa­che (1) als Grund dafür gilt, daß es mögli­cherwei­se einen Unter­schied zwischen ihnen gibt, den zu sehen ich lernen kann, (2) dem gegen­wärti­gen Anschau­en die Rolle zuschreibt, durch Schulung auf eine solche sinnli­che Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit hinzu­arbeiten, und (3) konse­quenter­weise Forde­run­gen aufstellt, die meine gegen­wärti­ge Erfah­rung beim Anschau­en der beiden Bilder modi­fizie­ren und diffe­renzie­ren. ([Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 106).

Bei Werken, die für eine Nota­tion geeig­net sind, etwa bei lite­rari­schen Texten und musi­kali­schen Kompo­siti­onen, stellt sich eine derar­tige Frage nach der Echt­heit nicht; sie zeichnen sich vielmehr durch eine begrenz­te Menge von Ele­menten und deren Anord­nung aus (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 116); bei Texten handelt es sich um die korrek­te Abfol­ge von Buchsta­ben, Satzzei­chen und Zwischen­räumen, bei Parti­turen übli­cherwei­se um die korrek­te Abfol­gen von Markie­rungen für Tonhö­he und Tondau­er im Noten­system. Für das lite­rari­sche oder musi­kali­sche Werk macht es keinen Unter­schied, ob es als Ori­ginal­manus­kript oder x-belie­biger Druck vorliegt, solan­ge es nur die iden­tischen Ele­mente und die entspre­chende Anord­nung aufweist. Goodmans Aufwer­tung des Ori­ginals in der bilden­den Kunst hinge­gen ergibt sich aus einem Bildbe­griff, für den syntak­tische Dichte eine notwen­dige Bedin­gung darstellt. Syntak­tische Dichte besagt, alltags­sprachlich formu­liert, dass noch die kleinsten Unter­schiede für die Betrach­tung und Bewer­tung eines Bildes wichtig sind. Ein Bild ist daher in seiner konkre­ten mate­riel­len Beschaf­fenheit uner­setzlich, wir können uns bei Kopien niemals sicher sein, ob rele­vante Eigen­schaften im Kopier­prozess vernach­lässigt wurden.


Ausblick

Aus dem Vorhergehenden lässt sich ablei­ten, dass sich die Seman­tik von ‘Ori­ginal’ mit zentra­len Ele­menten der allge­meinen Bildthe­orie über­schneidet, dass sie komplex und biswei­len para­dox ist und kontro­vers disku­tiert wird. Ele­mente wie in der allge­meinen Bildthe­orie finden sich inso­fern, als auch hier Ähnlich­keit und Kausa­lität Gegen­stand der Refle­xion sind und da­rüber hinaus ‘Ori­ginal’ als Syno­nym für ‘Arche­typ’ gebraucht werden kann (vgl. [Hüllen 1971a]Hüllen, Jürgen (1971): Archetypus. In: Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1 (A-C). Schwabe, Basel.
: S. 497); mit Letzte­rem schließt ‘Ori­ginal’ an das für Anti­ke und Mittel­alter ausschlag­geben­de Wortfeld um das griechi­sche ‘typtein’ und ‘typos’ an. Komplex ist die Seman­tik von ‘Ori­ginal’ wegen der klassi­fika­tori­schen und eva­luati­ven Verwen­dungswei­sen, der unter­schiedli­chen Gegen­begrif­fe, der sich über­lagern­den Diskur­se und Praxis­felder und der Möglich­keit, sowohl auf Produ­zenten als auch auf Arte­fakte zu refe­rieren. Para­dox wird sie dort, wo ausge­rechnet Neues und Ursprüng­liches verschmel­zen, und auch dort, wo Ori­ginal und Kopie inter­ferie­ren. Abge­sehen davon, dass Ori­gina­lität in Anbe­tracht von Ori­gina­litäts­zwang ausge­rechnet in der Kopie beste­hen könnte, gibt es in diesem Zusam­menhang vor allem das Problem der Ori­ginal­grafik. Unter bestimm­ten Aufla­gen kann ein Druckblatt, also eine Repro­duktion, den Status eines Ori­ginals erhal­ten, beispiels­weise wenn der Künstler den Entwurf und die Druckform anfer­tigt, den Druckpro­zess über­wacht und die Abzü­ge signiert (vgl. [Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Nicht angezeigt: 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage
: S. 238). Kontro­vers disku­tiert wird schließlich insbe­sonde­re die Frage, inwie­fern die Herauf­kunft der techni­schen Medien die ästhe­tische Rele­vanz des Ori­ginals berührt: Während Benja­min das Ori­ginal in der bilden­den Kunst schwinden sieht, hält Goodman an diesem fest. Dies ist nicht zuletzt der Wahl des zentra­len Gegen­stands geschul­det: Benja­mins Augen­merk gilt vor allem der Foto­grafie und dem Film, für Goodman hinge­gen steht noch die Male­rei im Fokus.

Anmerkungen
  1. ↑ An­ders ge­sagt: ne­ben ‘Ko­pie’ ist auch ‘Fäl­schung’ oder ‘Pla­gi­at’ ein Ge­gen­be­griff zu ‘Ori­gi­nal’. — Zu den ver­schie­de­nen Ar­ten der Fäl­schung, ih­rem Wert für die und ih­ren Funk­ti­o­nen in der Kunst vgl. [Schmücker 2011a]Schmücker, Reinold (2011): Lob der Fälschung. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.
    Nicht angezeigt: Kunst und Philosophie. Bd. 3
    .
  2. ↑ In ei­ner leicht ab­wei­chen­den Per­spek­ti­ve führt Jens Hä­se­ler „künst­le­risch-tech­ni­sche, äs­the­ti­sche und wirt­schaft­li­che Fak­to­ren“ an (vgl. [Häseler 2002a]Häseler, Jens (2002): Original/Originalität. In: Barck, K.; Fontius, M.; Schlenstedt, D.; Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4: Medien – Populär. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.
    : S. 642).
  3. ↑ Vgl. da­zu ex­em­pla­risch [Baxandall 1999a]Baxandall, Michael (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Malerei und Erfahrung im Italien der Renaissance. Klaus Wagenbach, Berlin.
    Nicht angezeigt: nach der korrigierten zweiten Auflage von: <em>Painting and Experience in 15<sup>th</sup> Century Italy. A Primer in the Social History of Pictorial Style</em>, Oxford University Press 1988
    : S. 9-38).
  4. ↑ Vgl. da­zu [Häseler 2002a]Häseler, Jens (2002): Original/Originalität. In: Barck, K.; Fontius, M.; Schlenstedt, D.; Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4: Medien – Populär. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.
    : S. 642 und [Plumpe 1988a]Plumpe, Gerhard (1988): Kunst und juristischer Diskurs. Mit einer Vorbemerkung zum Diskursbegriff. In: Fohrmann, J. & Müller, H. (Hg.), Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    , der auch die Kom­pli­ka­ti­o­nen be­rück­sich­tigt, die ein­tre­ten, als im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts Fo­to­gra­fien jus­ti­zi­a­bel wer­den und sich die Fra­ge nach dem Ur­he­ber­recht in ih­rem Fal­le stellt.
  5. ↑ Wäh­rend die­se Di­a­lek­tik Young ge­wis­ser­ma­ßen nur “un­ter­läuft”, wird Ben­ja­min spä­ter ex­pli­zit auf sie – oder zu­min­dest ei­ne ver­gleich­ba­re – hin­wei­sen, wenn er an­merkt: „‘Echt’ war ein mit­tel­al­ter­li­ches Ma­don­nen­bild ja zur Zeit sei­ner An­fer­ti­gung noch nicht“ ([Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S. 476).
  6. ↑ Es sind Wer­ke der bil­den­den Kunst, al­so Bil­der, Plas­ti­ken und Bau­wer­ke, die ei­ne der­ar­ti­ge Qua­li­tät be­sit­zen. Wie ins­be­son­de­re die noch zu er­ör­tern­de Sym­bol­the­o­rie Good­mans deut­lich ge­macht hat, ist die Su­che nach dem „Hier und Jetzt des Ori­gi­nals“ in der Li­te­ra­tur und Mu­sik nicht oder nur be­grenzt sinn­voll; vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S. 112-121.
  7. ↑ Ré­gis De­bray, der Be­grün­der der Me­di­o­lo­gie, hat ge­gen Ben­ja­min ein­ge­wandt, dass die Eman­zi­pa­ti­on des Bil­des vom Ri­tu­al be­reits weit­aus frü­her an­zu­set­zen sei, näm­lich im 15. Jahr­hun­dert, dem Jahr­hun­dert der Re­nais­san­ce und der frü­hen Re­pro­duk­ti­ons­tech­ni­ken wie Holz­schnitt, Stich und Ra­die­rung; vgl. [Debray 1999a]Debray, Régis (1999): Für eine Mediologie. In: Pias, C. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.
    : S. 122.
Literatur
[Baxandall 1999a]Baxandall, Michael (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Malerei und Erfahrung im Italien der Renaissance. Klaus Wagenbach, Berlin.[Benjamin 1974a]Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hg.) (1974): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Debray 1999a]Debray, Régis (1999): Für eine Mediologie. In: Pias, C. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.[Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1889a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1889): Deutsches Wörterbuch. Bd. 13: N – Quuren. Hirzel, Leipzig.[Häseler 2002a]Häseler, Jens (2002): Original/Originalität. In: Barck, K.; Fontius, M.; Schlenstedt, D.; Steinwachs, B. & Wolfzettel, F. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4: Medien – Populär. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar.[Hüllen 1971a]Hüllen, Jürgen (1971): Archetypus. In: Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1 (A-C). Schwabe, Basel.[Luhmann 1995a]Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plumpe 1988a]Plumpe, Gerhard (1988): Kunst und juristischer Diskurs. Mit einer Vorbemerkung zum Diskursbegriff. In: Fohrmann, J. & Müller, H. (Hg.), Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rebel 2009a]Rebel, Ernst (2009): Druckgrafik. Geschichte und Fachbegriffe. Mit 56 Abbildungen und Risszeichnungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart.[Schmücker 2011a]Schmücker, Reinold (2011): Lob der Fälschung. In: Nida-Rümelin, J. & Steinbrenner, J. (Hg.), Original und Fälschung. Hatje Cantz, Ostfildern.[Young 1918a]Young, Edward (1759): Conjectures on Original Composition. Longman, Greens, London, New York, Bombay.

Ausgabe 1: 2013

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Liebsch, Dimitri & Sachs-Hombach, Klaus (2013). Original. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Original].