Komposition: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
==Komposition, Bildsyntax und Stil==
 
Etymologisch bezeichnet ‘Kompo&shy;sition’ etwas Zusam&shy;menge&shy;setztes und ist daher weitge&shy;hend iden&shy;tisch mit der Bildsyn&shy;tax; der übli&shy;che Wortge&shy;brauch mit seiner Herkunft aus der Musik impli&shy;ziert jedoch ein wesen&shy;lich stärke&shy;res Moment der hierar&shy;chischen Orga&shy;nisa&shy;tion von Teilen als im syntak&shy;tischen Kontext. Es ist gerade diese Bestim&shy;mung, die dem Begriff der Kompo&shy;sition einen [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|meta&shy;phori&shy;schen]] Charak&shy;ter verlie&shy;hen und ihn für Jahr&shy;zehnte zur Grund&shy;lage aller Bildkri&shy;tik hat werden lassen. Mehr als viele andere Begrif&shy;fe ist die Entleh&shy;nung der Kompo&shy;sition aus dem Reper&shy;toire der Kunstwis&shy;senschaft für ihre eige&shy;ne Bestim&shy;mung wichtig gewor&shy;den; kein Kunstwerk ist ohne sie denkbar. Dass jedes Bild als Kompo&shy;sition aufzu&shy;fassen ist kann dagegen keine direk&shy;te Konno&shy;tation zur Kunst nach sich ziehen. Jedes Bild – von der [[Mimesis|mime&shy;tischen]] Darstel&shy;lung eines präzi&shy;se erkenn&shy;baren Ausschnitts der Reali&shy;tät bis zur mono&shy;chromen, nur durch ihre Kante defi&shy;nierten Fläche – kann als Kompo&shy;sition gese&shy;hen, begrif&shy;fen und beur&shy;teilt werden.
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<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
In der Ästhetik ist die Kompo&shy;sition Grundla&shy;ge eines Geschmacks&shy;urteils; diese Bestim&shy;mung gilt dann für alle Sinnes&shy;orga&shy;ne: Ein Duft wird eben&shy;so kompo&shy;niert wie ein Menu, ein Musik&shy;stück oder ein Bild. Im Bereich des Tastsinns – für die bilden&shy;de Kunst primär im Bereich der [[Skulptur]] – ist die Kompo&shy;sition Ele&shy;ment einer sinnli&shy;chen Substi&shy;tution; was nicht erfühlt werden kann oder darf, wird als Kompo&shy;sition in die [[Anschauung|Anschau&shy;ung]] transfor&shy;miert. Für die [[Malerei|Male&shy;rei]] wird diese Substi&shy;tution zu einer eige&shy;nen Unter&shy;kate&shy;gorie der Kompo&shy;sition, der ''Faktur'' als visu&shy;elle Evo&shy;kation einer hapti&shy;schen Sensa&shy;tion (⊳ [[Textur]]). In allen diesen Kontex&shy;ten fungiert Kompo&shy;sition – ähnlich wie der Begriff des [[Stil]]s (<bib id='Gumbrecht 1986a'></bib>) – als sprachli&shy;che Konven&shy;tion mit hohem Konno&shy;tations&shy;poten&shy;tial und ist eine der wesent&shy;lichen Beschrei&shy;bungs&shy;kate&shy;gorien der Ästhe&shy;tik. Im Sinn des Geschmacks&shy;urteils wird eine Kompo&shy;sition dann als ausge&shy;wogen und posi&shy;tiv beur&shy;teilt, wenn die Anord&shy;nung ihrer Teile und des Ganzen in klaren, einfach beschreib&shy;baren Verhält&shy;nissen zu bestim&shy;men ist – hier gibt es eine onto&shy;logi&shy;sche Inter&shy;depen&shy;denz der Kompo&shy;sition zur Mathe&shy;matik.
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
:
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
Die letztliche Unbestimmt&shy;heit des Ausdrucks ‘Kompo&shy;sition’ – vor allem in seinem Alltags&shy;gebrauch – macht ihn zu einer Gene&shy;ral&shy;meta&shy;pher, semio&shy;tisch gespro&shy;chen: zu einem Leerzei&shy;chen der Bildsyn&shy;tax, denn das Verhält&shy;nis von iko&shy;nischen Teilen eines Bildes zu&shy;einan&shy;der oder zum Ganzen samt seinem Umraum ist begriff&shy;lich durch ande&shy;re syntak&shy;tische Kate&shy;gorien – sprachli&shy;che und/oder mathe&shy;mati&shy;sche Formdif&shy;feren&shy;zen – leichter zu fassen als durch eine meist meta&shy;physisch umwölk&shy;te Kompo&shy;sition (<bib id='Worringer 1908a'>Worrin&shy;ger 1908a</bib>). Anders als in der Musik, in der die Kompo&shy;sition durch die [[Notation|Nota&shy;tion]] nach einem festen Regel&shy;werk (und dessen geziel&shy;ter Verlet&shy;zung im Detail) fixiert ist, hat die Kompo&shy;sition für die Bildsyn&shy;tax nicht mehr die Bedeu&shy;tung, die sie ursprüng&shy;lich für die Selbstde&shy;finition eines Fachs wie der Kunstge&shy;schichte hatte.
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 




==Elemente der Kompo&shy;sition==
Komposition ist die Anord&shy;nung von [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen]] auf der Fläche des Bildes. Dies geschieht unab&shy;hängig von einer forma&shy;len Defi&shy;nition dieser Zeichen. Kompo&shy;niert werden können [[Raum und Geometrie|Linien, Flächen]], [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farben]], [[Perspektive und Projektion|Perspek&shy;tiven]], [[Körper]](teile) sowie deren Kombi&shy;natio&shy;nen und Inte&shy;grale. Zwei Ebe&shy;nen der Kompo&shy;sition sind zu unter&shy;scheiden: die akti&shy;ve, inten&shy;dierte und auf Effekt ausge&shy;richte&shy;te Tätig&shy;keit des Zusam&shy;menfü&shy;gens in einer Kompo&shy;sition sowie der Prozess im Erken&shy;nen einer Kompo&shy;sition bei der Betrach&shy;tung eines Bildes. Beide Ebe&shy;nen können unab&shy;hängig von&shy;einan&shy;der konstru&shy;iert werden, weisen aber auch gemein&shy;same Ele&shy;mente auf, die sich als umgangs&shy;sprachli&shy;che Nebel über das Verständ&shy;nis eines Bildauf&shy;baus legen. Dies geschieht vor allem da, wo die Anord&shy;nung so getrof&shy;fen wird, dass die verschie&shy;denen Zeichen zu&shy;einan&shy;der in hierar&shy;chischen Bezie&shy;hungen stehen und dadurch gewich&shy;tet wie gewer&shy;tet werden. Insbe&shy;sonde&shy;re [[Ikonografie, Ikonologie, Ikonik|iko&shy;nolo&shy;gische]] Unter&shy;suchun&shy;gen von Kunstwer&shy;ken und bildli&shy;chen Darstel&shy;lungen bedie&shy;nen sich der Kompo&shy;sition als Grundla&shy;ge von Wertur&shy;teilen im Kontext einer Inter&shy;preta&shy;tion.
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Der aktive Begriff einer Kompo&shy;sition impli&shy;ziert also die Anord&shy;nung von Zeichen im Bild; dies setzt nicht unbe&shy;dingt voraus, dass diese Anord&shy;nung – wie etwa in den klassi&shy;schen Medien der bilden&shy;den Kunst – willent&shy;lich und wissent&shy;lich getrof&shy;fen wird. Es ist nachge&shy;rade ein Spezi&shy;fikum der [[Technische Medien|techni&shy;schen Bildme&shy;dien]] seit dem Auftre&shy;ten von Came&shy;ra Obscu&shy;ra und [[Fotografie|Foto&shy;grafie]], dass die Ausrich&shy;tung eines Zeichen&shy;geräts und die Auswahl eines zu betrach&shy;tenden Ausschnitts sämtli&shy;che Ele&shy;mente einer – auch und gerade – subor&shy;dinie&shy;renden Kompo&shy;sition nach sich zieht.
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Selbstverständlich sind Bilder aus Auto&shy;maten und gene&shy;rati&shy;ven, auch compu&shy;tieren&shy;den Konstruk&shy;tionen als Kompo&shy;sitio&shy;nen anzu&shy;sehen; allein die nachfol&shy;gende Inter&shy;preta&shy;tion wird durch das Wissen einer solchen Gene&shy;se verän&shy;dert. Dennoch impli&shy;ziert die Verwen&shy;dung des Begriffs der Kompo&shy;sition zwei inten&shy;dierte Nutzun&shy;gen: die der wissent&shy;lichen Anord&shy;nung von Ele&shy;menten in einer noch zu schaffen&shy;den Kompo&shy;sition – prinzi&shy;piell als Arbeit des (musi&shy;kali&shy;schen) Kompo&shy;nisten, (visu&shy;ellen) Künstlers oder (alle Sinne umfas&shy;senden) Desig&shy;ners verstan&shy;den; ande&shy;rerseits als Grundla&shy;ge der Erkennt&shy;nis der ästhe&shy;tischen, künstle&shy;rischen oder geschmacks&shy;bilden&shy;den Ele&shy;mente eines gege&shy;benen Werks, Objekts oder Prozes&shy;ses.
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Die aktive Definition der Kompo&shy;sition ist in der Geschich&shy;te der Ästhe&shy;tik direkt mit der Entwick&shy;lung des Genie&shy;begriffs gekop&shy;pelt (<bib id='Sulzer 1774a'></bib>). Das Zusam&shy;menstel&shy;len einer gelin&shy;genden Kompo&shy;sition, gleich in welchem Medium, entzieht sich der sprachli&shy;chen Kritik durch Dritte – allein der Nachvoll&shy;zug kann in Form einer Herme&shy;neutik gefasst werden. Im akti&shy;ven Bereich der Fügung einer Kompo&shy;sition kann nicht einmal mehr von einer klaren Distink&shy;tion ihrer einzel&shy;nen Teile ausge&shy;gangen werden, zumal dies dem Auto&shy;ren/Künst&shy;ler/Kom&shy;ponis&shy;ten im Prozess der Verfer&shy;tigung nicht bewusst werden muss. Aller&shy;dings sind hier defi&shy;nito&shy;rische Grenzen gege&shy;ben, die sich durch die Geschich&shy;te der Kunst in allen ihren Ausprä&shy;gungen gezo&shy;gen haben: Vom Einsatz hallu&shy;zino&shy;gener Mittel im krea&shy;tiven Prozess bis zur Nutzung zufäl&shy;liger, auto&shy;poëti&shy;scher und schließlich auto&shy;matisch gene&shy;rieren&shy;der Verfah&shy;ren im Finden und Arran&shy;gieren einzel&shy;ner Teile der Kompo&shy;sition ist die Gene&shy;se eines Werks immer wieder im Begriff der Kunst kriti&shy;siert worden. Mit Joseph Beuys mag zwar davon gespro&shy;chen werden, dass jeder Mensch ein Künstler sei – aber eine Kompo&shy;sition aus dem Compu&shy;ter ist in dieser Sicht niemals als Kunstwerk zu beschrei&shy;ben (<bib id='Klotz 1995a'></bib>: S. 64).
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Einfacher ist die Kompo&shy;sition als Moment der Erkennt&shy;nis von Bildern zu fassen: Wo ein [[Rahmung, Rahmen|Rahmen]], Rand oder Umraum gege&shy;ben sind, können diese propor&shy;tional unter&shy;teilt werden, darin enthal&shy;tene Flächen nach ihren Teilen und Zusam&shy;menhän&shy;gen über&shy;prüft, dreidi&shy;mensio&shy;nale Formen auf ihre Verhält&shy;nismäßig&shy;keit nach innen und außen betrach&shy;tet werden; und diese Erkennt&shy;nisse lassen sich mit eini&shy;ger Übung in Worte fassen. Erkennt&shy;nis und Beschrei&shy;bung einer Kompo&shy;sition sind demnach erste Schritte einer [[Bildhermeneutik|Bildher&shy;meneu&shy;tik]], insbe&shy;sonde&shy;re für alle die Fälle, wo nicht ein media&shy;les Vorwis&shy;sen, repro&shy;dukti&shy;ves Vorbild oder repro&shy;duzier&shy;barer Sinnes&shy;eindruck (Klang, in gerin&shy;gerem Maße Geruch oder Geschmack) aufge&shy;rufen werden kann. Diese Betrach&shy;tung ist für jedes Bild gege&shy;ben, das als solches erkannt wird, unab&shy;hängig von irgend&shy;einer Defi&shy;nition seiner Gene&shy;se oder Eigen&shy;schaft als Musik&shy;stück, Kunstwerk, Design&shy;objekt, Medien-Image oder wissen&shy;schaftli&shy;che Illus&shy;tration. Aller&shy;dings setzt die Bildung eines auf der Kompo&shy;sition beru&shy;henden, posi&shy;tiven Geschmacks&shy;urteils einen Konven&shy;tiona&shy;lisie&shy;rungs&shy;prozess in Gang, der in (zeitlich) späte&shy;re Defi&shy;nitio&shy;nen von Kunst einfließt.
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In diesen Prozess der Konven&shy;tiona&shy;lisie&shy;rung mündet eine Betrach&shy;tung des Vorgangs der Erkennt&shy;nis einer Kompo&shy;sition in einem gege&shy;benen Ganzen (''Werk''), die zu einer Binnen&shy;diffe&shy;renzie&shy;rung als Grundla&shy;ge der Speiche&shy;rung im Gedächt&shy;nis führt: Aus einer kompo&shy;sito&shy;rischen Betrach&shy;tung werden [[Symbol, Index, Ikon|iko&shy;nische]] Super&shy;zeichen heraus&shy;gebro&shy;chen, die als Fragmen&shy;te im Gedächt&shy;nis verblei&shy;ben, wo sie bei Abruf als neuer, memo&shy;rierter Sinnes&shy;eindruck zusam&shy;menge&shy;setzt, also kompo&shy;niert werden. Dieser Vorgang ist unter dem Begriff der »Formkon&shy;stanz« an zahlrei&shy;chen [[Sortale Gegenstände und Individuation|Gegen&shy;ständen des Alltags]] über&shy;prüft worden, wobei sich in der Re-Kompo&shy;sition enor&shy;me Abwei&shy;chungen erge&shy;ben können, ohne dass das Wieder&shy;kennen eines Objekts oder Zeichen&shy;komple&shy;xes darun&shy;ter leidet (<bib id='Biederman 1995a'>Bieder&shy;man 1995a</bib>). Aller&shy;dings macht die Betrach&shy;tung derar&shy;tiger Prozes&shy;se im Mikro- und Makro&shy;bereich der Zeichen&shy;erken&shy;nung und –vali&shy;disie&shy;rung unter dem Begriff der Kompo&shy;sition wenig Sinn, weil sie einer&shy;seits in ihrer Physio&shy;logie zu schnell ablau&shy;fen, um noch mit einem Begriff der Inten&shy;tiona&shy;lität verbun&shy;den zu werden, ande&shy;rerseits aber auch nicht wirklich zu einem tiefe&shy;ren Verständ&shy;nis der forma&shy;len Zusam&shy;menhän&shy;ge in einem Bild führen.


=====Engere Begriffsbestimmung=====
{{GlossarSiehe}}
 
* [[Anschauung]]
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* [[Bildhermeneutik]]
 
* [[Fotografie]]
 
* [[Ikonografie, Ikonologie, Ikonik]]
=====optional Beispiele=====
* [[Körper]]
 
* [[Malerei]]
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
* [[Mimesis]]
 
* [[Notation]]
 
* [[Perspektive und Projektion]]
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
* [[Rahmung, Rahmen]]
 
* [[Raum und Geometrie]]
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* [[Skulptur]]
 
* [[Sortale Gegenstände und Individuation]]
* [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie]]
* [[Stil]]
* [[Symbol, Index, Ikon]]
* [[Technische Medien]]
* [[Textur]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]
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''Ausgabe 1: 2013''
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[[Benutzer:XXX]]
 
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* [[Benutzer:Joerg R.J. Schirra|Schirra, J.R.J.]]
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsyntax


Komposition, Bildsyntax und Stil

Etymologisch bezeichnet ‘Kompo­sition’ etwas Zusam­menge­setztes und ist daher weitge­hend iden­tisch mit der Bildsyn­tax; der übli­che Wortge­brauch mit seiner Herkunft aus der Musik impli­ziert jedoch ein wesen­lich stärke­res Moment der hierar­chischen Orga­nisa­tion von Teilen als im syntak­tischen Kontext. Es ist gerade diese Bestim­mung, die dem Begriff der Kompo­sition einen meta­phori­schen Charak­ter verlie­hen und ihn für Jahr­zehnte zur Grund­lage aller Bildkri­tik hat werden lassen. Mehr als viele andere Begrif­fe ist die Entleh­nung der Kompo­sition aus dem Reper­toire der Kunstwis­senschaft für ihre eige­ne Bestim­mung wichtig gewor­den; kein Kunstwerk ist ohne sie denkbar. Dass jedes Bild als Kompo­sition aufzu­fassen ist kann dagegen keine direk­te Konno­tation zur Kunst nach sich ziehen. Jedes Bild – von der mime­tischen Darstel­lung eines präzi­se erkenn­baren Ausschnitts der Reali­tät bis zur mono­chromen, nur durch ihre Kante defi­nierten Fläche – kann als Kompo­sition gese­hen, begrif­fen und beur­teilt werden.

In der Ästhetik ist die Kompo­sition Grundla­ge eines Geschmacks­urteils; diese Bestim­mung gilt dann für alle Sinnes­orga­ne: Ein Duft wird eben­so kompo­niert wie ein Menu, ein Musik­stück oder ein Bild. Im Bereich des Tastsinns – für die bilden­de Kunst primär im Bereich der Skulptur – ist die Kompo­sition Ele­ment einer sinnli­chen Substi­tution; was nicht erfühlt werden kann oder darf, wird als Kompo­sition in die Anschau­ung transfor­miert. Für die Male­rei wird diese Substi­tution zu einer eige­nen Unter­kate­gorie der Kompo­sition, der Faktur als visu­elle Evo­kation einer hapti­schen Sensa­tion (⊳ Textur). In allen diesen Kontex­ten fungiert Kompo­sition – ähnlich wie der Begriff des Stils ([Gumbrecht 1986a]Gumbrecht, Hans Ulrich (1986): Schwindende Stabilität der Wirklichkeit. Eine Geschichte des Stilbegriffs. In: Gumbrecht, H. U. & Pfeiffer, K. L. (Hg.), Stil. Geschichten und Funktionen eines kunstwissenschaftlichen Diskurses. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) – als sprachli­che Konven­tion mit hohem Konno­tations­poten­tial und ist eine der wesent­lichen Beschrei­bungs­kate­gorien der Ästhe­tik. Im Sinn des Geschmacks­urteils wird eine Kompo­sition dann als ausge­wogen und posi­tiv beur­teilt, wenn die Anord­nung ihrer Teile und des Ganzen in klaren, einfach beschreib­baren Verhält­nissen zu bestim­men ist – hier gibt es eine onto­logi­sche Inter­depen­denz der Kompo­sition zur Mathe­matik.

Die letztliche Unbestimmt­heit des Ausdrucks ‘Kompo­sition’ – vor allem in seinem Alltags­gebrauch – macht ihn zu einer Gene­ral­meta­pher, semio­tisch gespro­chen: zu einem Leerzei­chen der Bildsyn­tax, denn das Verhält­nis von iko­nischen Teilen eines Bildes zu­einan­der oder zum Ganzen samt seinem Umraum ist begriff­lich durch ande­re syntak­tische Kate­gorien – sprachli­che und/oder mathe­mati­sche Formdif­feren­zen – leichter zu fassen als durch eine meist meta­physisch umwölk­te Kompo­sition ([Worringer 1908a]Worringer, Wilhelm (1908): Abstraktion und Einfühlung, Ein Beitrag zur Stilpsychologie. Piper, München.
Notiz: (Berlin, 1959)
). Anders als in der Musik, in der die Kompo­sition durch die Nota­tion nach einem festen Regel­werk (und dessen geziel­ter Verlet­zung im Detail) fixiert ist, hat die Kompo­sition für die Bildsyn­tax nicht mehr die Bedeu­tung, die sie ursprüng­lich für die Selbstde­finition eines Fachs wie der Kunstge­schichte hatte.


Elemente der Kompo­sition

Komposition ist die Anord­nung von Zeichen auf der Fläche des Bildes. Dies geschieht unab­hängig von einer forma­len Defi­nition dieser Zeichen. Kompo­niert werden können Linien, Flächen, Farben, Perspek­tiven, Körper(teile) sowie deren Kombi­natio­nen und Inte­grale. Zwei Ebe­nen der Kompo­sition sind zu unter­scheiden: die akti­ve, inten­dierte und auf Effekt ausge­richte­te Tätig­keit des Zusam­menfü­gens in einer Kompo­sition sowie der Prozess im Erken­nen einer Kompo­sition bei der Betrach­tung eines Bildes. Beide Ebe­nen können unab­hängig von­einan­der konstru­iert werden, weisen aber auch gemein­same Ele­mente auf, die sich als umgangs­sprachli­che Nebel über das Verständ­nis eines Bildauf­baus legen. Dies geschieht vor allem da, wo die Anord­nung so getrof­fen wird, dass die verschie­denen Zeichen zu­einan­der in hierar­chischen Bezie­hungen stehen und dadurch gewich­tet wie gewer­tet werden. Insbe­sonde­re iko­nolo­gische Unter­suchun­gen von Kunstwer­ken und bildli­chen Darstel­lungen bedie­nen sich der Kompo­sition als Grundla­ge von Wertur­teilen im Kontext einer Inter­preta­tion.

Der aktive Begriff einer Kompo­sition impli­ziert also die Anord­nung von Zeichen im Bild; dies setzt nicht unbe­dingt voraus, dass diese Anord­nung – wie etwa in den klassi­schen Medien der bilden­den Kunst – willent­lich und wissent­lich getrof­fen wird. Es ist nachge­rade ein Spezi­fikum der techni­schen Bildme­dien seit dem Auftre­ten von Came­ra Obscu­ra und Foto­grafie, dass die Ausrich­tung eines Zeichen­geräts und die Auswahl eines zu betrach­tenden Ausschnitts sämtli­che Ele­mente einer – auch und gerade – subor­dinie­renden Kompo­sition nach sich zieht.

Selbstverständlich sind Bilder aus Auto­maten und gene­rati­ven, auch compu­tieren­den Konstruk­tionen als Kompo­sitio­nen anzu­sehen; allein die nachfol­gende Inter­preta­tion wird durch das Wissen einer solchen Gene­se verän­dert. Dennoch impli­ziert die Verwen­dung des Begriffs der Kompo­sition zwei inten­dierte Nutzun­gen: die der wissent­lichen Anord­nung von Ele­menten in einer noch zu schaffen­den Kompo­sition – prinzi­piell als Arbeit des (musi­kali­schen) Kompo­nisten, (visu­ellen) Künstlers oder (alle Sinne umfas­senden) Desig­ners verstan­den; ande­rerseits als Grundla­ge der Erkennt­nis der ästhe­tischen, künstle­rischen oder geschmacks­bilden­den Ele­mente eines gege­benen Werks, Objekts oder Prozes­ses.

Die aktive Definition der Kompo­sition ist in der Geschich­te der Ästhe­tik direkt mit der Entwick­lung des Genie­begriffs gekop­pelt ([Sulzer 1774a]Sulzer, Johann Georg (1771): Allgemeine Theorie der Schönen Künste. In: Lexikon der Künster und der Ästhetik. Leipzig.
Notiz: Digitale Bibliothek Bd. 67, Berlin, 2004
). Das Zusam­menstel­len einer gelin­genden Kompo­sition, gleich in welchem Medium, entzieht sich der sprachli­chen Kritik durch Dritte – allein der Nachvoll­zug kann in Form einer Herme­neutik gefasst werden. Im akti­ven Bereich der Fügung einer Kompo­sition kann nicht einmal mehr von einer klaren Distink­tion ihrer einzel­nen Teile ausge­gangen werden, zumal dies dem Auto­ren/Künst­ler/Kom­ponis­ten im Prozess der Verfer­tigung nicht bewusst werden muss. Aller­dings sind hier defi­nito­rische Grenzen gege­ben, die sich durch die Geschich­te der Kunst in allen ihren Ausprä­gungen gezo­gen haben: Vom Einsatz hallu­zino­gener Mittel im krea­tiven Prozess bis zur Nutzung zufäl­liger, auto­poëti­scher und schließlich auto­matisch gene­rieren­der Verfah­ren im Finden und Arran­gieren einzel­ner Teile der Kompo­sition ist die Gene­se eines Werks immer wieder im Begriff der Kunst kriti­siert worden. Mit Joseph Beuys mag zwar davon gespro­chen werden, dass jeder Mensch ein Künstler sei – aber eine Kompo­sition aus dem Compu­ter ist in dieser Sicht niemals als Kunstwerk zu beschrei­ben ([Klotz 1995a]Klotz, Heinrich (1995): Zur Ästhetik der elektronischen Kunst. In: Klotz, H. (Hg.), Eine neue Hochschule (für neue Künste). Cantz, Stuttgart.
Nicht angezeigt: Schriftenreihe der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Bd.5
: S. 64).

Einfacher ist die Kompo­sition als Moment der Erkennt­nis von Bildern zu fassen: Wo ein Rahmen, Rand oder Umraum gege­ben sind, können diese propor­tional unter­teilt werden, darin enthal­tene Flächen nach ihren Teilen und Zusam­menhän­gen über­prüft, dreidi­mensio­nale Formen auf ihre Verhält­nismäßig­keit nach innen und außen betrach­tet werden; und diese Erkennt­nisse lassen sich mit eini­ger Übung in Worte fassen. Erkennt­nis und Beschrei­bung einer Kompo­sition sind demnach erste Schritte einer Bildher­meneu­tik, insbe­sonde­re für alle die Fälle, wo nicht ein media­les Vorwis­sen, repro­dukti­ves Vorbild oder repro­duzier­barer Sinnes­eindruck (Klang, in gerin­gerem Maße Geruch oder Geschmack) aufge­rufen werden kann. Diese Betrach­tung ist für jedes Bild gege­ben, das als solches erkannt wird, unab­hängig von irgend­einer Defi­nition seiner Gene­se oder Eigen­schaft als Musik­stück, Kunstwerk, Design­objekt, Medien-Image oder wissen­schaftli­che Illus­tration. Aller­dings setzt die Bildung eines auf der Kompo­sition beru­henden, posi­tiven Geschmacks­urteils einen Konven­tiona­lisie­rungs­prozess in Gang, der in (zeitlich) späte­re Defi­nitio­nen von Kunst einfließt.

In diesen Prozess der Konven­tiona­lisie­rung mündet eine Betrach­tung des Vorgangs der Erkennt­nis einer Kompo­sition in einem gege­benen Ganzen (Werk), die zu einer Binnen­diffe­renzie­rung als Grundla­ge der Speiche­rung im Gedächt­nis führt: Aus einer kompo­sito­rischen Betrach­tung werden iko­nische Super­zeichen heraus­gebro­chen, die als Fragmen­te im Gedächt­nis verblei­ben, wo sie bei Abruf als neuer, memo­rierter Sinnes­eindruck zusam­menge­setzt, also kompo­niert werden. Dieser Vorgang ist unter dem Begriff der »Formkon­stanz« an zahlrei­chen Gegen­ständen des Alltags über­prüft worden, wobei sich in der Re-Kompo­sition enor­me Abwei­chungen erge­ben können, ohne dass das Wieder­kennen eines Objekts oder Zeichen­komple­xes darun­ter leidet ([Biederman 1995a]Biederman, Irving (1995): Visual Object Recognition. In: Kosslyn, S. F. & Osherson, D. N. (Hg.), An Invitation to Cognitive Science, Vol. 2, Visual Cognition. MIT, Cambridge MA.
Notiz: 2<sup>nd</sup> edition
). Aller­dings macht die Betrach­tung derar­tiger Prozes­se im Mikro- und Makro­bereich der Zeichen­erken­nung und –vali­disie­rung unter dem Begriff der Kompo­sition wenig Sinn, weil sie einer­seits in ihrer Physio­logie zu schnell ablau­fen, um noch mit einem Begriff der Inten­tiona­lität verbun­den zu werden, ande­rerseits aber auch nicht wirklich zu einem tiefe­ren Verständ­nis der forma­len Zusam­menhän­ge in einem Bild führen.

Anmerkungen
Literatur
[Biederman 1995a]Biederman, Irving (1995): Visual Object Recognition. In: Kosslyn, S. F. & Osherson, D. N. (Hg.), An Invitation to Cognitive Science, Vol. 2, Visual Cognition. MIT, Cambridge MA.[Gumbrecht 1986a]Gumbrecht, Hans Ulrich (1986): Schwindende Stabilität der Wirklichkeit. Eine Geschichte des Stilbegriffs. In: Gumbrecht, H. U. & Pfeiffer, K. L. (Hg.), Stil. Geschichten und Funktionen eines kunstwissenschaftlichen Diskurses. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Klotz 1995a]Klotz, Heinrich (1995): Zur Ästhetik der elektronischen Kunst. In: Klotz, H. (Hg.), Eine neue Hochschule (für neue Künste). Cantz, Stuttgart.[Sulzer 1774a]Sulzer, Johann Georg (1771): Allgemeine Theorie der Schönen Künste. In: Lexikon der Künster und der Ästhetik. Leipzig.[Worringer 1908a]Worringer, Wilhelm (1908): Abstraktion und Einfühlung, Ein Beitrag zur Stilpsychologie. Piper, München.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Sachsse, Rolf (2013). Komposition. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Komposition].