Kommunikologie: Unterschied zwischen den Versionen

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=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
==Kommunikologie als Lehre von der menschli&shy;chen Kommu&shy;nika&shy;tion==
 
Der Begriff der Kommu&shy;niko&shy;logie geht auf Vilém Flusser zurück.<ref>Die nach&shy;fol&shy;gen&shy;den Aus&shy;füh&shy;run&shy;gen leh&shy;nen sich grob an die ent&shy;spre&shy;chen&shy;den Ka&shy;pi&shy;tel von <bib id='Bidlo 2008a'>Bid&shy;lo 2008a</bib> an.</ref> Flusser bezeich&shy;net die Lehre von der menschli&shy;chen [[Interaktion und Kommunikation|Kommu&shy;nika&shy;tion]] als Kommu&shy;niko&shy;logie. Menschli&shy;che Kommu&shy;nika&shy;tion ist ihm zufol&shy;ge ein kultu&shy;reller Vorgang, der sich auf die Erfin&shy;dung von zu Codes orga&shy;nisier&shy;ten Symbo&shy;len gründet. Diese Codes verhül&shy;len die Natur, und diese Hülle ist für Flusser die Kultur. Und da die Welt der Symbo&shy;le gedeu&shy;tet und nicht erklärt werden muss, sie also inter&shy;preta&shy;tiv anzu&shy;gehen ist, veror&shy;tet er die menschli&shy;che Kommu&shy;nika&shy;tion in den Bereich der Geistes&shy;wissen&shy;schaft und verzich&shy;tet darauf, „in der Symbo&shy;lisie&shy;rung ein ''biolo&shy;gisches'' Phäno&shy;men zu sehen“ (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 74).
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<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
Flusser untersucht, wie über den kommu&shy;nika&shy;tiven Prozess Infor&shy;mati&shy;onen gespei&shy;chert, verän&shy;dert und weiter&shy;verteilt werden. Auf diesem Wege kommt er zu einer Sichtwei&shy;se und Bewer&shy;tung von (Me&shy;dien)Tech&shy;nolo&shy;gie, durch die er einen Wandel im zwischen&shy;menschli&shy;chen Verhält&shy;nis konsta&shy;tiert. Die Codes, mit denen und durch die sich die Menschen verstän&shy;digen und der Welt einen Sinn zu geben vermö&shy;gen, wandeln sich. Flusser sieht sogar einen „Umsturz der Codes“ durch [[Fernsehen|TV]], [[Video|Video]] und Compu&shy;ter gegeben, den er in seiner Heftig&shy;keit mit der indus&shy;triel&shy;len Revo&shy;lution und ihrer Auswir&shy;kung auf die Arbeits&shy;welt gleichsetzt. Ausge&shy;hend vom Menschen, seinen Codes, der Sprache, seinen Gesten, weiter&shy;gehend in Richtung Bilder und [[technisches Bild|Techno&shy;bilder]] hin zu techni&shy;schen Appa&shy;ratu&shy;ren wie TV, Video oder Computer wirft Flusser einen Blick auf die damit einher&shy;gehen&shy;den Verän&shy;derun&shy;gen in der menschli&shy;chen Kommu&shy;nika&shy;tion und den Auswir&shy;kungen auf die Gesell&shy;schaft.
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 




 
==Kommunikologie als Dialog und Diskurs==
=====Engere Begriffsbestimmung=====
Flusser unterscheidet in seinem Buch «Kommu&shy;niko&shy;logie» zwei unter&shy;schiedli&shy;che Formen der Kommu&shy;nika&shy;tion, den Dialog und den Diskurs, die er später an Medien knüpft, welche er dahin&shy;gehend in dialo&shy;gische und diskur&shy;sive Medien einteilt.<ref>Flus&shy;sers Un&shy;ter&shy;schei&shy;dung von Di&shy;a&shy;log und Dis&shy;kurs ist stark von Mar&shy;tin Bu&shy;bers Ich-Du- und Ich-Es-Un&shy;ter&shy;schei&shy;dung ge&shy;prägt (vgl. <bib id='Buber 1995a'>Bu&shy;ber 1995a</bib>, <bib id='Bidlo 2006a'>Bid&shy;lo 2006a</bib>).</ref>  
 
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<!--===Dialog und Diskurs===-->
 
Flusser versteht den Dia&shy;log als einen Prozess, „bei dem auf verschie&shy;dene Gedächt&shy;nisse aufge&shy;teilte Infor&shy;matio&shy;nen zu einer neuen Infor&shy;mation synthe&shy;tisiert werden“ (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 286). Dialo&shy;gische Medien sind dann Medien, die den Dialog in seiner Entfal&shy;tung unter&shy;stützen und die Neuschöp&shy;fung von Infor&shy;matio&shy;nen ermög&shy;lichen. Der Diskurs verteilt dage&shy;gen vorhan&shy;dene Infor&shy;matio&shy;nen. Beide Formen, Dialog und Diskurs, benö&shy;tigen einan&shy;der; der Dialog benö&shy;tigt Infor&shy;matio&shy;nen, die zuvor von den Betei&shy;ligten durch Diskur&shy;se ange&shy;sammelt wurden. Der Diskurs wiede&shy;rum entsteht erst aus der Vertei&shy;lung von Infor&shy;matio&shy;nen, die zuvor in einem Dialog neu synthe&shy;tisiert wurden. Solcher&shy;art gibt es keine Präze&shy;denz, denn jedes dialo&shy;gische Medium kann zu einem diskur&shy;siven und umge&shy;kehrt werden.
 
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=====optional Beispiele=====
Flusser synthestisiert aus zwei Dialog&shy;arten, die er unter&shy;scheidet, eine neue Form des Dialogs. Zum einen nennt Flusser den griechi&shy;schen (kreisför&shy;migen) Dialog, so wie er von Sokra&shy;tes prakti&shy;ziert wurde. Hier steht der Logos im Mittel&shy;punkt und der Erkennt&shy;nisge&shy;winn. Wissen soll durch den Dialog gewon&shy;nen (oder vali&shy;diert) werden. Davon abzu&shy;grenzen ist nun eine jüdisch-christli&shy;che Dialog&shy;vorstel&shy;lung, die Flusser als Netzdia&shy;log fasst und die bisher noch nicht oder nur wenig in den Blick der westli&shy;chen Denktra&shy;dition gekom&shy;men ist.
 
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:''Hingegen gibt es eine impli&shy;zite Ana&shy;lyse des Dialogs in der jüdisch-christli&shy;chen Tradi&shy;tion, welche in Bubers «Dialo&shy;gischem Leben» ganz expli&shy;zit wird und in über&shy;raschen&shy;der Weise das dem Netzdia&shy;log inhä&shy;rente exis&shy;tentiel&shy;le Problem beleuch&shy;tet.'' (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 293)
 
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Der Netzdialog ist vom Kreisdia&shy;log durch seine Offen&shy;heit zu unter&shy;scheiden und fußt auf eine ande&shy;re, eben jüdi&shy;sche Onto&shy;logie. In der griechi&shy;schen Onto&shy;logie wird der Mensch zur Welt in einem Subjekt-Objekt-Verhält&shy;nis gese&shy;hen: Der Mensch ist als »Ich« der Welt als »Es« gegen&shy;über&shy;gestellt. Im Juden&shy;tum dage&shy;gen steigt das »Ich« aus dem Ange&shy;sprochen&shy;werden des »Du Gottes« empor. Es ist ein partner&shy;schaftli&shy;ches „»Du«“, das den Griechen fremd ist.
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
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Während die Form des griechi&shy;schen Dialogs auf die Bildung neuer Infor&shy;matio&shy;nen aus ist, betont der jüdi&shy;sche Dialog das Antwor&shy;ten auf das Ange&shy;sprochen&shy;werden und die daraus erwach&shy;sende Verant&shy;wortung für das Du. Aus diesen beiden Dialog&shy;formen synthe&shy;tisiert Flusser seine Dialog&shy;form, die zum einen die Erzeu&shy;gung von Infor&shy;matio&shy;nen als Kennzei&shy;chen des griechi&shy;schen Dialogs be&shy;inhal&shy;tet. Zum ande&shy;ren kommt damit der Aspekt des Antwor&shy;tens und Verant&shy;wortens als exis&shy;tenziel&shy;ler Aspekt des jüdi&shy;schen Dialogs hinzu. Die Einschrän&shy;kungen des Kreisdia&shy;logs führen Flusser zur Präfe&shy;renz einer Netzstruk&shy;tur als das Muster, welches die Bedin&shy;gungen – Infor&shy;mations&shy;gene&shy;rierung und ''Ausbil&shy;dung'' zwischen&shy;menschli&shy;cher Bezie&shy;hung als exis&shy;tentiel&shy;le ''Erfül&shy;lung'' des Menschen – am besten erfül&shy;len und sich zugleich den sich ausbrei&shy;tenden Diskur&shy;sen entge&shy;genstel&shy;len kann. Kommu&shy;nika&shy;tion kann nach Flusser nur dann ihren Zweck erfül&shy;len, nämlich die Einsam&shy;keit und Sinnlo&shy;sigkeit zu über&shy;winden, „wenn sich Diskurs und Dialog das Gleichge&shy;wicht halten“ (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 17). Dieses Gleichge&shy;wicht sieht Flusser aber durch eine über&shy;mäßi&shy;ge Ausbrei&shy;tung und der Vorherr&shy;schaft des Diskur&shy;ses gestört, und damit die Gefahr der aufstei&shy;genden Einsam&shy;keit und Sinnlo&shy;sigkeit.
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Durch die Unterscheidung der beiden Kommu&shy;nika&shy;tionsfor&shy;men »Dialog« und »Diskurs« kommt Flusser zu einer Eintei&shy;lung der Medien, die sich in diskur&shy;sive und dialo&shy;gische Medien eintei&shy;len lassen und in denen beson&shy;ders die elek&shy;troni&shy;schen Medien zur Geltung kommen. Denn gerade das [[Fernsehen|Fernse&shy;hen]] ist ein Beispiel für eine Besied&shy;lung des Lebens&shy;raumes der Menschen mit einer Diskurs&shy;form, die keine Antwort- und Reakti&shy;onsmög&shy;lichkeit mehr gestat&shy;tet. Und ein weite&shy;rer wichti&shy;ger Punkt tritt in diesem Zusam&shy;menhang auf, der über die struktu&shy;rellen Aspek&shy;te hinaus geht. Denn z.B. mit dem Fernse&shy;her ist eine beson&shy;dere Plattform für die [[technisches Bild|Techno&shy;bilder]] geboten: diese stellen einen völlig ande&shy;ren Code dar, der ein ande&shy;res Grundver&shy;ständnis als der alte alpha&shy;nume&shy;rische Code und das tradi&shy;tionel&shy;le Bild als Code erfor&shy;dern. Der Code der techni&shy;schen Bilder, der nun Einzug in die Wohnzim&shy;mer hält, ist als ein Wechsel in der Kodie&shy;rung anzu&shy;sehen. Und die Codes sind es, die uns program&shy;mieren.
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Die menschliche Kommu&shy;nika&shy;tion, so wie sie Flusser in seiner Kommu&shy;niko&shy;logie fasst, dient dazu,  Infor&shy;matio&shy;nen zu speichern, zu prozes&shy;sieren und zugleich weiter&shy;zuge&shy;ben. Entspre&shy;chend ist Kultur eine menschli&shy;che Vorrich&shy;tung, um Infor&shy;matio&shy;nen zu speichern und weiter&shy;zuge&shy;ben. Die Menschen versu&shy;chen durch Kommu&shy;nika&shy;tion zugleich sich selbst zu transzen&shy;dieren, indem sie neue Infor&shy;matio&shy;nen prozes&shy;sieren, um so der Entro&shy;pie des Uni&shy;versums zu entkom&shy;men. Der Mensch kommu&shy;niziert derge&shy;stalt, um den Tod und die Einsam&shy;keit zu über&shy;winden.
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

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Kommunikologie als Lehre von der menschli­chen Kommu­nika­tion

Der Begriff der Kommu­niko­logie geht auf Vilém Flusser zurück.[1] Flusser bezeich­net die Lehre von der menschli­chen Kommu­nika­tion als Kommu­niko­logie. Menschli­che Kommu­nika­tion ist ihm zufol­ge ein kultu­reller Vorgang, der sich auf die Erfin­dung von zu Codes orga­nisier­ten Symbo­len gründet. Diese Codes verhül­len die Natur, und diese Hülle ist für Flusser die Kultur. Und da die Welt der Symbo­le gedeu­tet und nicht erklärt werden muss, sie also inter­preta­tiv anzu­gehen ist, veror­tet er die menschli­che Kommu­nika­tion in den Bereich der Geistes­wissen­schaft und verzich­tet darauf, „in der Symbo­lisie­rung ein biolo­gisches Phäno­men zu sehen“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 74).

Flusser untersucht, wie über den kommu­nika­tiven Prozess Infor­mati­onen gespei­chert, verän­dert und weiter­verteilt werden. Auf diesem Wege kommt er zu einer Sichtwei­se und Bewer­tung von (Me­dien)Tech­nolo­gie, durch die er einen Wandel im zwischen­menschli­chen Verhält­nis konsta­tiert. Die Codes, mit denen und durch die sich die Menschen verstän­digen und der Welt einen Sinn zu geben vermö­gen, wandeln sich. Flusser sieht sogar einen „Umsturz der Codes“ durch TV, Video und Compu­ter gegeben, den er in seiner Heftig­keit mit der indus­triel­len Revo­lution und ihrer Auswir­kung auf die Arbeits­welt gleichsetzt. Ausge­hend vom Menschen, seinen Codes, der Sprache, seinen Gesten, weiter­gehend in Richtung Bilder und Techno­bilder hin zu techni­schen Appa­ratu­ren wie TV, Video oder Computer wirft Flusser einen Blick auf die damit einher­gehen­den Verän­derun­gen in der menschli­chen Kommu­nika­tion und den Auswir­kungen auf die Gesell­schaft.


Kommunikologie als Dialog und Diskurs

Flusser unterscheidet in seinem Buch «Kommu­niko­logie» zwei unter­schiedli­che Formen der Kommu­nika­tion, den Dialog und den Diskurs, die er später an Medien knüpft, welche er dahin­gehend in dialo­gische und diskur­sive Medien einteilt.[2]

Flusser versteht den Dia­log als einen Prozess, „bei dem auf verschie­dene Gedächt­nisse aufge­teilte Infor­matio­nen zu einer neuen Infor­mation synthe­tisiert werden“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 286). Dialo­gische Medien sind dann Medien, die den Dialog in seiner Entfal­tung unter­stützen und die Neuschöp­fung von Infor­matio­nen ermög­lichen. Der Diskurs verteilt dage­gen vorhan­dene Infor­matio­nen. Beide Formen, Dialog und Diskurs, benö­tigen einan­der; der Dialog benö­tigt Infor­matio­nen, die zuvor von den Betei­ligten durch Diskur­se ange­sammelt wurden. Der Diskurs wiede­rum entsteht erst aus der Vertei­lung von Infor­matio­nen, die zuvor in einem Dialog neu synthe­tisiert wurden. Solcher­art gibt es keine Präze­denz, denn jedes dialo­gische Medium kann zu einem diskur­siven und umge­kehrt werden.

Flusser synthestisiert aus zwei Dialog­arten, die er unter­scheidet, eine neue Form des Dialogs. Zum einen nennt Flusser den griechi­schen (kreisför­migen) Dialog, so wie er von Sokra­tes prakti­ziert wurde. Hier steht der Logos im Mittel­punkt und der Erkennt­nisge­winn. Wissen soll durch den Dialog gewon­nen (oder vali­diert) werden. Davon abzu­grenzen ist nun eine jüdisch-christli­che Dialog­vorstel­lung, die Flusser als Netzdia­log fasst und die bisher noch nicht oder nur wenig in den Blick der westli­chen Denktra­dition gekom­men ist.

Hingegen gibt es eine impli­zite Ana­lyse des Dialogs in der jüdisch-christli­chen Tradi­tion, welche in Bubers «Dialo­gischem Leben» ganz expli­zit wird und in über­raschen­der Weise das dem Netzdia­log inhä­rente exis­tentiel­le Problem beleuch­tet. ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 293)

Der Netzdialog ist vom Kreisdia­log durch seine Offen­heit zu unter­scheiden und fußt auf eine ande­re, eben jüdi­sche Onto­logie. In der griechi­schen Onto­logie wird der Mensch zur Welt in einem Subjekt-Objekt-Verhält­nis gese­hen: Der Mensch ist als »Ich« der Welt als »Es« gegen­über­gestellt. Im Juden­tum dage­gen steigt das »Ich« aus dem Ange­sprochen­werden des »Du Gottes« empor. Es ist ein partner­schaftli­ches „»Du«“, das den Griechen fremd ist.

Während die Form des griechi­schen Dialogs auf die Bildung neuer Infor­matio­nen aus ist, betont der jüdi­sche Dialog das Antwor­ten auf das Ange­sprochen­werden und die daraus erwach­sende Verant­wortung für das Du. Aus diesen beiden Dialog­formen synthe­tisiert Flusser seine Dialog­form, die zum einen die Erzeu­gung von Infor­matio­nen als Kennzei­chen des griechi­schen Dialogs be­inhal­tet. Zum ande­ren kommt damit der Aspekt des Antwor­tens und Verant­wortens als exis­tenziel­ler Aspekt des jüdi­schen Dialogs hinzu. Die Einschrän­kungen des Kreisdia­logs führen Flusser zur Präfe­renz einer Netzstruk­tur als das Muster, welches die Bedin­gungen – Infor­mations­gene­rierung und Ausbil­dung zwischen­menschli­cher Bezie­hung als exis­tentiel­le Erfül­lung des Menschen – am besten erfül­len und sich zugleich den sich ausbrei­tenden Diskur­sen entge­genstel­len kann. Kommu­nika­tion kann nach Flusser nur dann ihren Zweck erfül­len, nämlich die Einsam­keit und Sinnlo­sigkeit zu über­winden, „wenn sich Diskurs und Dialog das Gleichge­wicht halten“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 17). Dieses Gleichge­wicht sieht Flusser aber durch eine über­mäßi­ge Ausbrei­tung und der Vorherr­schaft des Diskur­ses gestört, und damit die Gefahr der aufstei­genden Einsam­keit und Sinnlo­sigkeit.

Durch die Unterscheidung der beiden Kommu­nika­tionsfor­men »Dialog« und »Diskurs« kommt Flusser zu einer Eintei­lung der Medien, die sich in diskur­sive und dialo­gische Medien eintei­len lassen und in denen beson­ders die elek­troni­schen Medien zur Geltung kommen. Denn gerade das Fernse­hen ist ein Beispiel für eine Besied­lung des Lebens­raumes der Menschen mit einer Diskurs­form, die keine Antwort- und Reakti­onsmög­lichkeit mehr gestat­tet. Und ein weite­rer wichti­ger Punkt tritt in diesem Zusam­menhang auf, der über die struktu­rellen Aspek­te hinaus geht. Denn z.B. mit dem Fernse­her ist eine beson­dere Plattform für die Techno­bilder geboten: diese stellen einen völlig ande­ren Code dar, der ein ande­res Grundver­ständnis als der alte alpha­nume­rische Code und das tradi­tionel­le Bild als Code erfor­dern. Der Code der techni­schen Bilder, der nun Einzug in die Wohnzim­mer hält, ist als ein Wechsel in der Kodie­rung anzu­sehen. Und die Codes sind es, die uns program­mieren.

Die menschliche Kommu­nika­tion, so wie sie Flusser in seiner Kommu­niko­logie fasst, dient dazu, Infor­matio­nen zu speichern, zu prozes­sieren und zugleich weiter­zuge­ben. Entspre­chend ist Kultur eine menschli­che Vorrich­tung, um Infor­matio­nen zu speichern und weiter­zuge­ben. Die Menschen versu­chen durch Kommu­nika­tion zugleich sich selbst zu transzen­dieren, indem sie neue Infor­matio­nen prozes­sieren, um so der Entro­pie des Uni­versums zu entkom­men. Der Mensch kommu­niziert derge­stalt, um den Tod und die Einsam­keit zu über­winden.

Anmerkungen
  1. ↑ Die nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen leh­nen sich grob an die ent­spre­chen­den Ka­pi­tel von [Bidlo 2008a]Bidlo, Oliver (2008): Vilém Flusser. Einführung. Oldib, Essen.
    an.
  2. ↑ Flus­sers Un­ter­schei­dung von Di­a­log und Dis­kurs ist stark von Mar­tin Bu­bers Ich-Du- und Ich-Es-Un­ter­schei­dung ge­prägt (vgl. [Buber 1995a]Martin Buber (1995): Ich und Du. Reclam, Stuttgart.
    , [Bidlo 2006a]Bidlo, Oliver (2002): Martin Buber. Ein vergessener Klassiker der Kommunikationswissenschaft? Dialogphilosophie in kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Tectum, Marburg.
    ).
Literatur
[Bidlo 2006a]Bidlo, Oliver (2002): Martin Buber. Ein vergessener Klassiker der Kommunikationswissenschaft? Dialogphilosophie in kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Tectum, Marburg.[Bidlo 2008a]Bidlo, Oliver (2008): Vilém Flusser. Einführung. Oldib, Essen.[Buber 1995a]Martin Buber (1995): Ich und Du. Reclam, Stuttgart.[Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Zitierhinweis:

Bidlo, Oliver (2013). Kommunikologie. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Kommunikologie].