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==Der Gesichtssinn<ref>Der fol­gen­de Bei­trag stellt ei­ni­ge Ar­gu­men­ten aus dem Buch <bib id='Schürmann 2008a'>Schür­mann 2008</bib> vor.</ref>== | ==Der Gesichtssinn<ref>Der fol­gen­de Bei­trag stellt ei­ni­ge Ar­gu­men­ten aus dem Buch <bib id='Schürmann 2008a'>Schür­mann 2008</bib> vor.</ref>== | ||
Die Spezifik des Gesichtssinnes besteht in seiner Nähe zu Prozes­sen des Verste­hens, Denkens und Ausle­gens. Sehen ist eine Tätig­keit von Auge und Gehirn und wirft damit bewusst­seinstheo­reti­sche Fragen auf. | Die Spezifik des Gesichtssinnes besteht in seiner Nähe zu Prozes­sen des Verste­hens, Denkens und Ausle­gens. Sehen ist eine Tätig­keit von [[Auge]] und Gehirn und wirft damit bewusst­seinstheo­reti­sche Fragen auf. | ||
Zwei entschei­dende Posi­tionen der Philo­sophie des 20. Jahrhun­derts behan­deln das Verhält­nis von Visu­ellem und Menta­lem als ein praktisch untrenn­bares Bezie­hungsge­füge, das in der theore­tischen Beschrei­bung jedoch ausein­ander divi­diert wird. Ludwig Wittgen­stein und Martin Heideg­ger kommen dabei zu weitge­henden Über­einstim­mungen in ihren Ausfüh­rungen dessen, was ein sinnvol­ler Gebrauch des Wortes ‘Sehen’ sein kann. | Zwei entschei­dende Posi­tionen der Philo­sophie des 20. Jahrhun­derts behan­deln das Verhält­nis von Visu­ellem und Menta­lem als ein praktisch untrenn­bares Bezie­hungsge­füge, das in der theore­tischen Beschrei­bung jedoch ausein­ander divi­diert wird. Ludwig Wittgen­stein und Martin Heideg­ger kommen dabei zu weitge­henden Über­einstim­mungen in ihren Ausfüh­rungen dessen, was ein sinnvol­ler Gebrauch des Wortes ‘Sehen’ sein kann. | ||
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:''Sehe ich jedesmal wirklich etwas ande­res, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschie­dene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum?'' (Ebd.: S. 550) | :''Sehe ich jedesmal wirklich etwas ande­res, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschie­dene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum?'' (Ebd.: S. 550) | ||
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Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzep­tion unter­scheidba­rer Vorgang. Das aber wäre notwen­dig, um einen eigen­ständi­gen Wahrneh­mungszu­stand von einer schlussfol­gernden Denk­ope­ration unter­scheiden zu können<ref>In sei­nem Kom­men­tar zu Witt­gen­steins Über­le­gun­gen schreibt Thor­sten Jant­schek, Deu­ten sei das Bil­den ei­ner An­nah­me über das Ge­se­he­ne hin­aus, aber wenn es so ein­fach wä­re, müss­te man das Ge­se­he­ne un­ab­hän­gig von sei­ner Deu­tung be­schrei­ben kön­nen(<bib id='Jantschek 1997a'>Jant­schek 1997</bib>). Es gibt aber kein Bild un­ab­hän­gig von sei­ner Auf­fas­sung als Ha­se oder En­te. Wei­ter führt uns dem­nach die „Ein­sicht, daß Den­ken und Se­hen (im­mer schon) auf­ein­an­der be­zo­gen sind und daß die­se Be­zie­hung im Se­hen-als zu­ta­ge tritt“. Ebd.: 319.</ref>. Das Aspekt­sehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrenn­barkeit von Wahrneh­mung und Sinnbil­dung: Ob ich die Kontu­ren der Strichfi­gur als Umris­se eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträg­lichen Urteils­findung, sondern mit dem visu­ellen Erfas­sen ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gege­ben. Es ähnelt auch darin dem Bilder­sehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgen­stein 1971</bib>: S. 519). | Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzep­tion unter­scheidba­rer Vorgang. Das aber wäre notwen­dig, um einen eigen­ständi­gen Wahrneh­mungszu­stand von einer schlussfol­gernden Denk­ope­ration unter­scheiden zu können<ref>In sei­nem Kom­men­tar zu Witt­gen­steins Über­le­gun­gen schreibt Thor­sten Jant­schek, Deu­ten sei das Bil­den ei­ner An­nah­me über das Ge­se­he­ne hin­aus, aber wenn es so ein­fach wä­re, müss­te man das Ge­se­he­ne un­ab­hän­gig von sei­ner Deu­tung be­schrei­ben kön­nen (<bib id='Jantschek 1997a'>Jant­schek 1997</bib>). Es gibt aber kein Bild un­ab­hän­gig von sei­ner Auf­fas­sung als Ha­se oder En­te. Wei­ter führt uns dem­nach die „Ein­sicht, daß Den­ken und Se­hen (im­mer schon) auf­ein­an­der be­zo­gen sind und daß die­se Be­zie­hung im Se­hen-als zu­ta­ge tritt“. Ebd.: 319.</ref>. Das Aspekt­sehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrenn­barkeit von Wahrneh­mung und Sinnbil­dung: Ob ich die Kontu­ren der Strichfi­gur als Umris­se eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträg­lichen Urteils­findung, sondern mit dem [[Theorien der visuellen Wahrnehmung|visu­ellen Erfas­sen]] ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gege­ben. Es ähnelt auch darin dem Bilder­sehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ (<bib id='Wittgenstein 1971a'>Wittgen­stein 1971</bib>: S. 519). | ||
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Das Beispiel macht insofern nur auf beson­ders griffi­ge Weise deutlich, dass Sehen oft bedeu­tet, [[Perspektivik|Perspek­tiven]] einzu­nehmen, aus denen heraus etwas als ''x'' und nicht als ''y'' erscheint. Dinge haben und veran­lassen verschie­dene Ansich­ten, was sie sind oder nicht sind, ist notwen­dig perspek­tivisch bedingt und auffas­sungsab­hängig. | Das Beispiel macht insofern nur auf beson­ders griffi­ge Weise deutlich, dass Sehen oft bedeu­tet, [[Perspektivik|Perspek­tiven]] einzu­nehmen, aus denen heraus etwas als ''x'' und nicht als ''y'' erscheint. Dinge haben und veran­lassen verschie­dene Ansich­ten, was sie sind oder nicht sind, ist notwen­dig perspek­tivisch bedingt und auffas­sungsab­hängig. | ||
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Nicht zufällig deutet der Sprachge­brauch des ‘Sehen’s und seiner Kompo­sita auf eine Intel­ligi­bili­tät des Gesichts­sinnes, die schwerlich nur als verblass­te Sprachliche [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Meta­phorik]] abzu­tun ist: Der genaue [[Beobachtung|Beobach­ter]] verschafft sich einen ''Durchblick'' oder gelangt zu einer ''Einsicht''; das ''Anse­hen'' einer Person ent­wickelt sich nicht unab­hängig von dem ''Anblick'', den sie bietet; welche ''Sicht'' man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie ''über­schaut'' oder wovon man ''absieht''; jemand wirft mir einen ''sprechen­den Blick'' zu, der zu sagen scheint: ''‘Sieh dich vor!’'' — Wollte man das alles nur als über­trage­ne Rede­weise disqua­lifi­zieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philo­sophi­schen Eigen­sinn ab, sondern verkenn­te vor allem die Unver­meidlich­keit, ja Unhin­tergeh­barkeit ihrer Meta­phori­zität. Von all den beschrie­benen Vorgän­gen lässt sich nicht mit Bestimmt­heit sagen, was an den damit verbun­denen Tätig­keiten des Schauens, Blickens oder Beobach­tens im enge­ren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‘Augen­blick’ oder ‘Anschau­ung’ in ande­re Sprachen zu über­setzen sind, so wenig ist die Sinnfäl­ligkeit von Worten wie ‘Einblick’ oder ‘Gesichts­punkt’ ersetz­bar durch eindeu­tige­re Bezeich­nungen. Diese Worte bezeich­nen nichts Para­phrasier­bares und sind kein Orna­ment von etwas, das sich auch einfa­cher sagen ließe. | Nicht zufällig deutet der Sprachge­brauch des ‘Sehen’s und seiner Kompo­sita auf eine Intel­ligi­bili­tät des Gesichts­sinnes, die schwerlich nur als verblass­te Sprachliche [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Meta­phorik]] abzu­tun ist: Der genaue [[Beobachtung|Beobach­ter]] verschafft sich einen ''Durchblick'' oder gelangt zu einer ''Einsicht''; das ''Anse­hen'' einer Person ent­wickelt sich nicht unab­hängig von dem ''Anblick'', den sie bietet; welche ''Sicht'' man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie ''über­schaut'' oder wovon man ''absieht''; jemand wirft mir einen ''sprechen­den Blick'' zu, der zu sagen scheint: ''‘Sieh dich vor!’'' — Wollte man das alles nur als über­trage­ne Rede­weise disqua­lifi­zieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philo­sophi­schen Eigen­sinn ab, sondern verkenn­te vor allem die Unver­meidlich­keit, ja Unhin­tergeh­barkeit ihrer Meta­phori­zität. Von all den beschrie­benen Vorgän­gen lässt sich nicht mit Bestimmt­heit sagen, was an den damit verbun­denen Tätig­keiten des Schauens, Blickens oder Beobach­tens im enge­ren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‘Augen­blick’ oder ‘Anschau­ung’ in ande­re Sprachen zu über­setzen sind, so wenig ist die Sinnfäl­ligkeit von Worten wie ‘Einblick’ oder ‘Gesichts­punkt’ ersetz­bar durch eindeu­tige­re Bezeich­nungen. Diese Worte bezeich­nen nichts Para­phrasier­bares und sind kein Orna­ment von etwas, das sich auch einfa­cher sagen ließe. | ||
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Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als ‘eine abso­lute Meta­pher’ bezeich­nen und sagen dürfen, dass die verba viden­di für „die logi­sche Verle­genheit [...] ein­spring[en]“ (<bib id='Blumenberg 1999a'>Blumen­berg 1999</bib>: S.10ff.<ref>Zu­erst in: ''Ar­chiv für Be­griffs­ge­schich­te'' 6 (1960), 7-142.</ref>), in die das Denken gerät, wenn es das Verhält­nis von »Sicht« | Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als ‘eine abso­lute Meta­pher’ bezeich­nen und sagen dürfen, dass die verba viden­di für „die logi­sche Verle­genheit [...] ein­spring[en]“ (<bib id='Blumenberg 1999a'>Blumen­berg 1999</bib>: S.10ff.<ref>Zu­erst in: ''Ar­chiv für Be­griffs­ge­schich­te'' 6 (1960), 7-142.</ref>), in die das Denken gerät, wenn es das Verhält­nis von »Sicht« und »Einsicht« bzw. von »Sehen« und »Sehwei­sen« erklären soll. Von der meta­phori­schen Rede übers Sehen lässt sich kein eindeu­tiger, “eigent­licher” Begriff abkop­peln. Vielmehr ist die figür­liche Rede Indiz einer Problem­lage und ihre Unver­meidlich­keit verdient Beach­tung,<ref>Ralf Ko­ners­mann hat ei­nen ähn­li­chen Ge­dan­ken für die Me­ta­pher des Spie­gels durch­ge­spielt, wel­che ge­ra­de in ih­rer ter­mi­no­lo­gi­schen Un­fi­xier­bar­keit das ge­eig­ne­te Dar­stel­lungs­me­di­um für die Un­greif­bar­keit der Sub­jek­ti­vi­tät in ih­rer sich selbst ent­zo­ge­nen Ge­ge­ben­heits­wei­se ist (<bib id='Konersmann 1991a'>Ko­ners­mann 1991</bib>).</ref> verweist sie doch darauf, dass die Reduk­tion des »Sehens« auf »Sinnes­wahrneh­mung« nur ein Moment eines holis­tischen Tätig­keitszu­sammen­hangs künstlich iso­liert. Die Meta­phori­zität des Begriffs­feldes stellt selbst eine sinnfäl­lige “Sicht” vom Sehen dar. Dieses steht unaus­gesetzt im Konno­tations­feld des »Verste­hens«, es ist “buchstäb­lich” die Bewe­gung einer Ein-Sicht, welche weder rein aisthe­tisch, noch rein mental verfasst sein kann. Es ist eine Weise der Welter­schließung, eine aisthe­tische Weise, deren ästhe­tische und ima­ginie­rende Ausgrif­fe im Einzel­nen zu unter­suchen sind. Einem holis­tischen Verständ­nis der Wahrneh­mungspra­xis nach können Tätig­keiten des »Sich-Vor-Sehens« oder des »Durchschau­ens« keine nur bildli­chen Redens­arten bezeich­nen. Eben­so wenig können sie freilich “schlichte”, “reine” oder “basa­le” perzep­tive Vorgän­ge sein, denn die Annah­me solcher Vorgän­ge ist selbst bereits ein irre­führen­der Sprachge­brauch. Als ins Prakti­sche ver­strickte Weisen, sich zu sich selbst und den anderen zu verhal­ten, sind solche [[Exkurs:Handlungen|Tätig­keiten]] aisthe­tisch und epis­temisch zugleich, sie sind an die Augen­tätigkeit gebun­den, ohne sich darin zu erschöp­fen. | ||
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erklären soll. Von der meta­phori­schen Rede übers Sehen lässt sich kein eindeu­tiger, “eigent­licher” Begriff abkop­peln. Vielmehr ist die figür­liche Rede Indiz einer Problem­lage und ihre Unver­meidlich­keit verdient Beach­tung,<ref>Ralf Ko­ners­mann hat ei­nen ähn­li­chen Ge­dan­ken für die Me­ta­pher des Spie­gels durch­ge­spielt, wel­che ge­ra­de in ih­rer ter­mi­no­lo­gi­schen Un­fi­xier­bar­keit das ge­eig­ne­te Dar­stel­lungs­me­di­um für die Un­greif­bar­keit der Sub­jek­ti­vi­tät in ih­rer sich selbst ent­zo­ge­nen Ge­ge­ben­heits­wei­se ist (<bib id='Konersmann 1991a'>Ko­ners­mann 1991</bib>).</ref> verweist sie doch darauf, dass die Reduk­tion des »Sehens« auf »Sinnes­wahrneh­mung« nur ein Moment eines holis­tischen Tätig­keitszu­sammen­hangs künstlich iso­liert. Die Meta­phori­zität des Begriffs­feldes stellt selbst eine sinnfäl­lige “Sicht” vom Sehen dar. Dieses steht unaus­gesetzt im Konno­tations­feld des »Verste­hens«, es ist “buchstäb­lich” die Bewe­gung einer Ein-Sicht, welche weder rein aisthe­tisch, noch rein mental verfasst sein kann. Es ist eine Weise der Welter­schließung, eine aisthe­tische Weise, deren ästhe­tische und ima­ginie­rende Ausgrif­fe im Einzel­nen zu unter­suchen sind. Einem holis­tischen Verständ­nis der Wahrneh­mungspra­xis nach können Tätig­keiten des »Sich-Vor-Sehens« oder des »Durchschau­ens« keine nur bildli­chen Redens­arten bezeich­nen. Eben­so wenig können sie freilich “schlichte”, “reine” oder “basa­le” perzep­tive Vorgän­ge sein, denn die Annah­me solcher Vorgän­ge ist selbst bereits ein irre­führen­der Sprachge­brauch. Als ins Prakti­sche ver­strickte Weisen, sich zu sich selbst und den anderen zu verhal­ten, sind solche [[Exkurs:Handlungen|Tätig­keiten]] aisthe­tisch und epis­temisch zugleich, sie sind an die Augen­tätigkeit gebun­den, ohne sich darin zu erschöp­fen. | |||
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Zwar kann es Einzelfälle eines vornehm­lich meta­phori­schen Sprachge­brauchs vom »Sehen« geben: Um zu “sehen”, was du meinst, muss mir nicht notwen­dig etwas Sichtba­res vor Augen stehen; das “Anse­hen” einer Person ist selbst nichts sinnlich Gege­benes etc. Aber solche vergleichs­weise eindeu­tigen Fälle sind gegen­über den vielschich­tigen Vernet­zungen des Aisthe­tischen und des Menta­len eher die Ausnah­me als die Regel. Ungleich häufi­ger ''sieht'' man jeman­dem regelrecht ''an'', dass er etwas sagen will, hängt das “Anse­hen” einer Person mit ihrem ''sichtba­ren Erschei­nungsbild'' zusam­men usw. | Zwar kann es Einzelfälle eines vornehm­lich meta­phori­schen Sprachge­brauchs vom »Sehen« geben: Um zu “sehen”, was du meinst, muss mir nicht notwen­dig etwas Sichtba­res vor Augen stehen; das “Anse­hen” einer Person ist selbst nichts sinnlich Gege­benes etc. Aber solche vergleichs­weise eindeu­tigen Fälle sind gegen­über den vielschich­tigen Vernet­zungen des Aisthe­tischen und des Menta­len eher die Ausnah­me als die Regel. Ungleich häufi­ger ''sieht'' man jeman­dem regelrecht ''an'', dass er etwas sagen will, hängt das “Anse­hen” einer Person mit ihrem ''sichtba­ren Erschei­nungsbild'' zusam­men usw. | ||
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Grundbegriffe der Bildlichkeit
Der Gesichtssinn[1]Die Spezifik des Gesichtssinnes besteht in seiner Nähe zu Prozessen des Verstehens, Denkens und Auslegens. Sehen ist eine Tätigkeit von Auge und Gehirn und wirft damit bewusstseinstheoretische Fragen auf. Zwei entscheidende Positionen der Philosophie des 20. Jahrhunderts behandeln das Verhältnis von Visuellem und Mentalem als ein praktisch untrennbares Beziehungsgefüge, das in der theoretischen Beschreibung jedoch auseinander dividiert wird. Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger kommen dabei zu weitgehenden Übereinstimmungen in ihren Ausführungen dessen, was ein sinnvoller Gebrauch des Wortes ‘Sehen’ sein kann. In seiner ununterbrochenen Beziehung zum Mentalen bezieht das Sehen sich nicht nur auf raumzeitlich Anwesendes, sondern auch auf sinnlich Abwesendes. Bereits einfache wahrnehmungspsychologische Experimente[2] zeigen, dass man eine Qualität des Vorstellens im Sehen annehmen muss, um etwa ergänzendes Sehen erklären zu können. Je höher der Vorstellungsgrad eines einzelnen Wahrnehmungsaktes ist, umso mehr sieht man, dass Kant Recht hatte, als er die Einbildungskraft eine „Ingredienz der Wahrnehmung“ ([Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin. Was Wittgenstein unter den Begriffen »Lebensform« und »Weltbild« beschrieben hat, das fraglos Gegebene einer Kultur- und Sprachgemeinschaft, „das Hinzunehmende“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Weltbilder im Sinne einer normativen “Hintergrundstrahlung” des Sprechens, Wahrnehmens und Handelns sind zugleich Voraussetzungen und Produkte perzeptiver Welterschließung. Man könnte statt von ‘Weltbildern’ auch von ‘Weltanschauungen’ reden[3], die in Einstellungen, Verhaltensweisen und normativen Orientierungen einer Kulturgemeinschaft präsent sind.
Wittgensteins »Aspektsehen«Mit dem vielzitierten Beispiel einer gezeichneten Gestalt, deren Konturen wahlweise einen Hasen- oder einen Entenkopf[4] sehen lässt, hat Wittgenstein das so genannte Aspektsehen beschrieben, das er „halb Seherlebnis, halb ein Denken“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Kippfiguren sind daher weit über ihren Status als wahrnehmungspsychologische Experimentierfelder hinaus interessant für das Verhältnis von »Sehen« und »Deuten«, »Wahrnehmen« und »Vorstellen«. Wittgenstein fragt sich:
Der Zuschreibungsakt ist phänomenal kein von der Perzeption unterscheidbarer Vorgang. Das aber wäre notwendig, um einen eigenständigen Wahrnehmungszustand von einer schlussfolgernden Denkoperation unterscheiden zu können[5]. Das Aspektsehen ist daher ein gutes Beispiel für die Untrennbarkeit von Wahrnehmung und Sinnbildung: Ob ich die Konturen der Strichfigur als Umrisse eines Hasens oder einer Ente sehe, ist keine Frage einer nachträglichen Urteilsfindung, sondern mit dem visuellen Erfassen ist sogleich der Eindruck dieser oder jener Figur gegeben. Es ähnelt auch darin dem Bildersehen. Wir „sehen sie, wie wir sie deuten.“ ([Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Das Beispiel macht insofern nur auf besonders griffige Weise deutlich, dass Sehen oft bedeutet, Perspektiven einzunehmen, aus denen heraus etwas als x und nicht als y erscheint. Dinge haben und veranlassen verschiedene Ansichten, was sie sind oder nicht sind, ist notwendig perspektivisch bedingt und auffassungsabhängig. Im Unterschied zu arbiträr vielen Sichtweisen sind Hasen- und Entenkopf aber beide gleichermaßen gegebene Sehmöglichkeiten und als solche keineswegs beliebig. Indem Wittgenstein nun nach einem Kriterium sucht für das, was ‘eigentliches Sehen’ genannt werden könnte, gerät er an die Grenzen des Sprachgebrauchs:
Die Schwierigkeiten sind solche der Beschreibungssprache, denn um diese Form des Sehens-als zu beschreiben, muss man so etwas wie eine erste Ebene basaler Sinneswahrnehmung zugrunde legen, auch wenn die Pointe des Aspektsehens gerade darin liegt, dass Visuelles und Mentales nicht getrennt voneinander vorkommen. Sie sind gewissermaßen zugleich getrennt und ungetrennt, weil man einerseits Akte responsiver Kenntnisnahme von Akten logischen Schließens oder narrativen Deutens generell unterscheiden kann, andererseits aber kein sinnliches Rohmaterial perzipiert, sondern eine je bedeutungshaft organisierte Wahrnehmung hat. Thomas Kuhn hat abrupte Paradigmenwechsel innerhalb der Wissenschaftsentwicklung als ‘Sehen-als’ bezeichnet. Nach einer wissenschaftlichen Revolution werde die Welt ‘als etwas anderes gesehen’. „Was in der Welt des Wissenschaftlers vor der Revolution Ente (sic) waren, sind nachher Kaninchen“ ([Kuhn 1973a]Kuhn, Thomas (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Heideggers »Auslegen«Martin Heidegger hat die Untrennbarkeit von »Denken« und »Sehen« als »Auslegen« erläutert. Heidegger schreibt, die Auffassung,
Bereits das “schlichte Sehen” trage diese „Auslegungsstruktur [...] ursprünglich in sich“, alles andere sei verständnisloses „Anstarren“ (ebd.: S. 149). Ein “als-freies” Erfassen sei weder eine ursprüngliche Form von Wahrnehmung, noch ein sinnvoller Gebrauch des Begriffs »Sehens«, sondern eine leere Abstraktion bzw. eine künstlich abgeleitete Privationsform verstehender, auslegender Weltwahrnehmung. Auslegung sei nicht das nachträgliche Verleihen einer Bedeutung über “an sich” Bedeutungsloses, sondern lege die Bewandtnisganzheit des Weltverstehens aus. Wie jede Welterschließung ist das Auslegen ein Verstehensprozess von zirkulärer Voraussetzungshaftigkeit: Die Auslegung von etwas-als-etwas gründet in einem Vorgriff auf eine bestimmte Grundbegrifflichkeit, für die sie sich endgültig oder vorbehaltlich immer schon entschieden hat. „Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen.“ (ebd.: S.150)‘Vorverstehen’ bezeichnet die hermeneutische Struktur einer jeweiligen kulturell und historisch bedingten Disposition des Verstehenden. Wenn man sich auf etwas “Gegebenes” berufe, so sei dieses (in Heideggers Beispiel der auszulegende Text) „nichts anderes als die selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers“(ebd.). Durchaus vergleichbar also mit dem »Weltbild« bei Wittgenstein entscheidet in der hermeneutischen Konzeption das Vorverstehen darüber, wie und als was etwas Sichtbares gesehen werden kann. Das Sichtbare ist stets nur unter den Bedingungen der „Vor-Struktur des Verstehens und der Als-Struktur der Auslegung“ (ebd.) sichtbar. Die Als-Struktur ist ebenso dem Bewusstsein geschuldet, das gerichtet ist und etwas-als-etwas wahrnimmt, wie auch dem Sichtbaren selbst, das sich stets als-etwas zeigt, nämlich im Lichte einer Situation und vor dem Hintergrund unsichtbarer Rahmenfaktoren, wie sie durch Geschichte, Kultur und Gesellschaft konstituiert werden. Welche Sicht ich einnehmen kann, hängt von Hinsichtnahmen des Vorverstehens ab: Die Umsicht des Besorgens, die Rücksicht der Fürsorge stellen weit entfernt davon, nur bildhafte Ausdrücke zu sein, existentielle Sichtweisen dar, Synthesen von Denken und Anschauung. Was Heidegger als ‘auslegendes Sehen’ bezeichnet, ist eine Form aisthetischer Welterschließung, die in hermeneutischen und interpretativen Vollzügen besteht, in denen man Bekanntes auf Neues appliziert, es in einen Horizont einordnet, Gegenwärtiges vernimmt und durch Hinzuerfundenes ergänzt. Es ist insofern rezeptiv und projektiv zugleich.
»Sehen« als absolute MetapherNicht zufällig deutet der Sprachgebrauch des ‘Sehen’s und seiner Komposita auf eine Intelligibilität des Gesichtssinnes, die schwerlich nur als verblasste Sprachliche Metaphorik abzutun ist: Der genaue Beobachter verschafft sich einen Durchblick oder gelangt zu einer Einsicht; das Ansehen einer Person entwickelt sich nicht unabhängig von dem Anblick, den sie bietet; welche Sicht man auf die Dinge einnimmt, hängt davon ab, wie sehr man sie überschaut oder wovon man absieht; jemand wirft mir einen sprechenden Blick zu, der zu sagen scheint: ‘Sieh dich vor!’ — Wollte man das alles nur als übertragene Redeweise disqualifizieren, spräche man nicht nur der Sprache jeden philosophischen Eigensinn ab, sondern verkennte vor allem die Unvermeidlichkeit, ja Unhintergehbarkeit ihrer Metaphorizität. Von all den beschriebenen Vorgängen lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, was an den damit verbundenen Tätigkeiten des Schauens, Blickens oder Beobachtens im engeren Sinne sinnlich ist. So schwierig Worte wie ‘Augenblick’ oder ‘Anschauung’ in andere Sprachen zu übersetzen sind, so wenig ist die Sinnfälligkeit von Worten wie ‘Einblick’ oder ‘Gesichtspunkt’ ersetzbar durch eindeutigere Bezeichnungen. Diese Worte bezeichnen nichts Paraphrasierbares und sind kein Ornament von etwas, das sich auch einfacher sagen ließe. Mit Blumenberg wird man das Sehen daher durchaus als ‘eine absolute Metapher’ bezeichnen und sagen dürfen, dass die verba videndi für „die logische Verlegenheit [...] einspring[en]“ ([Blumenberg 1999a]Blumenberg, Hans (1999): Paradigmen zu einer Metaphorologie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Zwar kann es Einzelfälle eines vornehmlich metaphorischen Sprachgebrauchs vom »Sehen« geben: Um zu “sehen”, was du meinst, muss mir nicht notwendig etwas Sichtbares vor Augen stehen; das “Ansehen” einer Person ist selbst nichts sinnlich Gegebenes etc. Aber solche vergleichsweise eindeutigen Fälle sind gegenüber den vielschichtigen Vernetzungen des Aisthetischen und des Mentalen eher die Ausnahme als die Regel. Ungleich häufiger sieht man jemandem regelrecht an, dass er etwas sagen will, hängt das “Ansehen” einer Person mit ihrem sichtbaren Erscheinungsbild zusammen usw. Es scheint daher nicht nur sinnvoll, sondern regelrecht geboten, davon auszugehen, dass es nicht bloß metaphorisch ist, wenn man sagt, man sehe sich vor, man revidiere etwas, etwas zeige sich in einem gewissen Licht, sehe von bestimmten “viewpoints” – Chladenius’ ‘Sehe-Punckte’ ([Chladenius 1742a]Chladenius, Ernst Martin (1742): Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Lanckisch, Leipzig. Übrigens erfährt diese Sicht auch von analytischer Seite Unterstützung, wenn der Bewusstseinstheoretiker Colin McGinn etwas Ähnliches mit dem entfaltet, was er ‘Mindsight’ ([McGinn 2004a]McGinn, Colinn (2004): Image, Dream, Meaning. Harvard University Press, Cambridge, Mass.
Im dritten Kapitel bespricht er eine Hybridform von “körperlichem” („a ‘with the body’ kind of seeing“) und “geistigem” Sehen, das er ‘imaginative seeing’ nennt. Dieses umfasst „the seeing of aspects, the seeing of pictures, and imagination-driven perceptual distortions. (Ebd.: S. 49) Gewissermaßen gegen seinen ursprünglichen Ausgangspunkt, nämlich gegen die Annahme einer strikten, analytischen Trennbarkeit von Wahrnehmungen und Vorstellungen, kommt McGinn zu der Einsicht, dass die Dichotomien praktisch kollabieren, denn es gibt eines Visualität von Vorstellungen und eine Bildlichkeit von Wahrnehmungen, die sich der prinzipiellen Separierung entziehen. |
Anmerkungen
Literatur
[Blumenberg 1999a]Blumenberg, Hans (1999): Paradigmen zu einer Metaphorologie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Chladenius 1742a]Chladenius, Ernst Martin (1742): Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Lanckisch, Leipzig.[Genova 1995a]Genova, Gérard (1995): Wittgenstein – A Way of Seeing. Routledge Chapman & Hall, New York, London.[Goldstein 1997a]Goldstein, E. Bruce (1997): Wahrnehmungspsychologie. Eine Einführung. Springer, Heidelberg u.a.[Heidegger 2006a]Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Niemeyer, Tübingen.[Jantschek 1997a]Jantschek, Thorsten (1997): Bemerkungen zum Begriff des Sehen-als. In: Konersmann, R. (Hg.), Kritik des Sehens. Reclam, Leipzig.[Jaspers 1994a]Jaspers, Karl (1994): Psychologie der Weltanschauungen. Piper, München.[Kant 1968a]Kant, Immanuel (1968): Kritik der reinen Vernunft. de Gruyter, Berlin.[Konersmann 1991a]Konersmann, Ralf (1991): Lebendige Spiegel. Die Metapher des Subjekts. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Kuhn 1973a]Kuhn, Thomas (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Suhrkamp, Frankfurt/M.[McGinn 2004a]McGinn, Colinn (2004): Image, Dream, Meaning. Harvard University Press, Cambridge, Mass.[Röttgers 1994a]Röttgers, K. (1994): Der Standpunkt und die Gesichtspunkte. Archiv für Begriffsgeschichte, 37.[Schürmann 2008a]Schürmann, Eva (2008): Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1984a]Wittgenstein, Ludwig (1984): Über Gewißheit. Suhrkamp, Frankfurt/M. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Eva Schürmann, Joerg R.J. Schirra, Franziska Kurz, Sebastian Spanknebel, Nicolas Romanacci, Marcel Lemmes und Mark A. Halawa — (Hinweis) Zitierhinweis: |