Gesichtsdarstellung: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==Allgemeiner Horizont: Kultur&shy;histo&shy;ri&shy;sches==


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Wir überblicken zurzeit eine Bild&shy;geschich&shy;te des mensch&shy;lichen Gesich&shy;tes über einen Zeitraum von ca. 30.000 Jahren. Der „ältes&shy;te Kunstge&shy;genstand der Welt“ (<bib id='Morris 1994a'></bib>: S. 187) aller&shy;dings, der soge&shy;nannte Maka&shy;pansgat-Stein, ist ein Kiesel aus Südaf&shy;rika, der auf ein Alter von 3 Milli&shy;onen Jahren geschätzt ist. Er trägt die Höhlun&shy;gen von zwei Augen und einem Mund, die ihn als Gesicht erschei&shy;nen lassen und vermut&shy;lich ein Grund sind, warum er in eine Höhle getra&shy;gen, dort aufbe&shy;wahrt und später auch gefun&shy;den wurde. Dass der Stein durch Einwir&shy;ken von Vormen&shy;schen ein Gesicht erhielt, ist unwahr&shy;scheinlich und keine Annah&shy;me, die notwen&shy;dig erschei&shy;nen lassen müsste, warum der Stein für den Finder wichtig war. Es handelt sich weit eher um natür&shy;liche Vertie&shy;fungen, und die Tatsa&shy;che, dass ein menschli&shy;ches Gesicht darin erkenn&shy;bar wurde, weist auf die Rolle der [[Bild und Wahrnehmung|''Wahrneh&shy;mung'']] für die zentra&shy;le Bedeu&shy;tung des Bildmo&shy;tivs ''Gesicht'' hin.
[[Kategorie:Bildklassen und Bildverwendungstypen]]
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Es gibt vielerlei Gründe für ein bildne&shy;risches Inte&shy;resse am Motiv. Das Gesicht stellt zweifels&shy;frei das inte&shy;ressan&shy;teste, persön&shy;lichste und aufschluss&shy;reichste Merkmal des Menschen dar. In keinem Bereich der physi&shy;schen mensch&shy;lichen Erschei&shy;nung treten die indi&shy;viduel&shy;len Eigen&shy;schaften so dicht gehäuft zutage wie in der Physio&shy;gnomie eines Menschen, sie bilden die wesent&shy;lichen Marker seiner Persön&shy;lichkeit und Iden&shy;tität.
Unterpunkt zu: [[Bildklassen und Bildverwendungstypen]]
[[Datei:Holbein_1541a-Ausschnitt.jpg|thumb|Abb. 1: H. Holbein: Bild&shy;nis ei&shy;nes jun&shy;gen Kauf&shy;manns (1541), KHM Wien]]
<!--beides sollte in der Regel der gleiche Text sein-->
Darü&shy;ber hin&shy;aus ist das Ge&shy;sicht auch der ex&shy;pres&shy;siv&shy;ste und kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;tiv&shy;ste Teil des mensch&shy;li&shy;chen Kör&shy;pers und we&shy;sent&shy;li&shy;cher Trä&shy;ger des Aus&shy;drucks von Stim&shy;mun&shy;gen, Be&shy;find&shy;lich&shy;kei&shy;ten und Ge&shy;fühl, die im Mie&shy;nen&shy;spiel auf dif&shy;fe&shy;ren&shy;zier&shy;te Wei&shy;se mit&shy;ge&shy;teilt wer&shy;den (⊳ [[Affekt und Kommunikation|Af&shy;fekt und Kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;on]]). Auch Al&shy;ter, Ge&shy;sund&shy;heit und Ge&shy;schlecht wer&shy;den am Ge&shy;sicht ab&shy;ge&shy;le&shy;sen, sodass sich damit eine Ressou&shy;rce für vieler&shy;lei Nachrich&shy;ten erschließt, die bildlich genutzt werden können. Seltsa&shy;merwei&shy;se dauert es histo&shy;risch ver&shy;hältnis&shy;mäßig lange, bis diese Quelle erschlos&shy;sen wurde.
:
Was wir mit Entwick&shy;lungen der Gesichts&shy;darstel&shy;lung verbin&shy;den, die in der Kunst von Holbein, Raffael, Rembrandt und Goya ihren Höhe&shy;punkt erreicht hat, geht auf die vergan&shy;genen 500 bis 2.000 Jahre zurück, eine erstaun&shy;lich kurze Zeit&shy;spanne für ein Motiv von dieser Bedeu&shy;tung (Abb. 1).
 
===Von frühen Darstellungen ...===
 
[[Datei:VenusDolniVestonice.jpg|thumb|Abb. 2: Frauen&shy;statu&shy;ette («Venus») von Dolni Vesto&shy;nice (Süd-Mähren). Kera&shy;mik, Gravet&shy;tien, mit rudi&shy;mentä&shy;rer Gesichts&shy;einzeich&shy;nung (ca. 25.000 v.Chr.)]]
Über wei&shy;te Strecken der Vor- und Früh&shy;ge&shy;schich&shy;te er&shy;scheint die Dar&shy;stel&shy;lung des mensch&shy;li&shy;chen Ge&shy;sich&shy;tes un&shy;ter&shy;drückt, mas&shy;ken&shy;haft oder mar&shy;gi&shy;nal, als ru&shy;di&shy;men&shy;tä&shy;re Ein&shy;zeich&shy;nung auf dem oft amor&shy;phen Fort&shy;satz (Kopf) von recht ein&shy;fa&shy;chen, sche&shy;ma&shy;ti&shy;sie&shy;ren&shy;den Kör&shy;per&shy;dar&shy;stel&shy;lun&shy;gen aus Stein und Kno&shy;chen (Vo&shy;gel&shy;herd, Au&shy;rig&shy;na&shy;cien; Dol&shy;ni Ves&shy;to&shy;ni&shy;ce, Gra&shy;vet&shy;tien). Es han&shy;delt sich um ein ver&shy;all&shy;ge&shy;mei&shy;ner&shy;tes Ge&shy;sichts&shy;sche&shy;ma, um Merk&shy;ma&shy;le, die von ei&shy;nem spe&shy;zi&shy;fi&shy;schen mor&shy;pho&shy;lo&shy;gi&shy;schen Ty&shy;pus ab&shy;se&shy;hen (Abb. 2). Auf eine cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;ti&shy;sche Kenn&shy;zeich&shy;nung wird auch dann ver&shy;zich&shy;tet, als die Ma&shy;te&shy;ri&shy;a&shy;lien (Ton, Mar&shy;mor) leich&shy;ter zu be&shy;ar&shy;be&shy;iten sind, etwa auf su&shy;me&shy;ri&shy;schen Sie&shy;geln oder ky&shy;kla&shy;di&shy;schen Ido&shy;len. Auf eine Darstel&shy;lung von Indi&shy;viduen scheint es lange nicht anzu&shy;kommen. Die Gesichts&shy;darstel&shy;lung bleibt emble&shy;matisch, stereo&shy;typ bis typi&shy;sierend. Dies gilt selbst noch für die griechi&shy;sche Plastik, wobei sich eine Aus&shy;prägung ''verschie&shy;dener'' Typen, diffe&shy;renziert nach geschlecht&shy;lichen und sozia&shy;len Rollen etab&shy;liert. Auch finden sich erste “ideal-typi&shy;sche” Ausprä&shy;gungen, wo es sich um die Darstel&shy;lung von Göttern handelt.
 
===... zu personen-orien&shy;tierten Gesichts&shy;darstel&shy;lungen===
[[Datei:Röm-Portrait.png|thumb|Abb. 3: Por&shy;trait einer Frau. Rö&shy;misch (4. Jh.)]]
Der Be&shy;ginn ei&shy;ner per&shy;so&shy;nen-ori&shy;en&shy;tier&shy;ten Ge&shy;sichts&shy;dar&shy;stel&shy;lung fin&shy;det sich in den ägyp&shy;ti&shy;schen Mu&shy;mien&shy;bil&shy;dern der pto&shy;le&shy;mä&shy;i&shy;schen Zeit (Fa&shy;yum), den To&shy;ten-Bild&shy;nis&shy;sen in hel&shy;le&shy;nis&shy;ti&shy;scher sowie den Herr&shy;scher&shy;bild&shy;nis&shy;sen in rö&shy;mi&shy;scher Zeit (Abb. 3). Mu&shy;mi&shy;en- wie To&shy;ten&shy;bild&shy;nis sind funk&shy;ti&shy;o&shy;nell stär&shy;ker an der Sub&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;on der Per&shy;son ori&shy;en&shy;tiert, wäh&shy;rend die Kai&shy;ser&shy;bild&shy;nis&shy;se durch die Aus&shy;deh&shy;nung des rö&shy;mi&shy;schen Rei&shy;ches als bild&shy;li&shy;che Ver&shy;tre&shy;tung (Sym&shy;bol) der kon&shy;kre&shy;ten Herr&shy;scher&shy;per&shy;son in den Pro&shy;vin&shy;zen wich&shy;tig wur&shy;den. In der rö&shy;mi&shy;schen Plas&shy;tik spie&shy;gelt sich die&shy;se Ten&shy;denz durch ei&shy;ne stär&shy;ke&shy;re In&shy;di&shy;vi&shy;du&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung bis hin zum Port&shy;rait wieder.
:
Was wir mit Portrait-Darstel&shy;lung verbin&shy;den, ist aber erst eine Frucht der Renais&shy;sance&shy;kunst, welche dem Ausdruck der souve&shy;ränen Persön&shy;lichkeit erstmals eine eige&shy;ne Bühne berei&shy;tet. Das perso&shy;nenbe&shy;zoge&shy;ne Bildnis bleibt bis ins 20. Jahrhun&shy;dert und darü&shy;ber hinaus (A. Jaw&shy;lenski, P. Picas&shy;so, E.L. Kirchner, M. Beck&shy;mann etc.) eine viel gepfleg&shy;te Bildgat&shy;tung der Kunst. In der mehr bildbe&shy;zoge&shy;nen Rezep&shy;tion moder&shy;ner Darstel&shy;lungen gewinnt das mensch&shy;liche Gesicht als Motiv die Bedeu&shy;tung einer neu zu er&shy;schließen&shy;den Reiz-Land&shy;schaft, als semio&shy;tisches Expe&shy;rimen&shy;tier&shy;feld sowie als Stim&shy;mungs- und Werbe&shy;träger mit höchst vielfäl&shy;tigem Nachrich&shy;tenpo&shy;tential. Im Grunde jedoch geht es um die Er&shy;schließung einer visu&shy;ellen Wirkungs&shy;dimen&shy;sion, die im Menschen präfi&shy;guriert ist und sich auch in viel frühe&shy;ren Gesichts&shy;darstel&shy;lungen wie in einem Buddha-Kopf der Khmer oder einer hölzer&shy;nen Idol&shy;statue der Baule (Afri&shy;ka) längst mani&shy;festiert hat.


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<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
==Cerebrale Deutungsschichten: Zur Neuro&shy;psycho&shy;logie der Gesichts&shy;wahrneh&shy;mung==
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
===Gesichtsschema als ange&shy;bore&shy;ne Wahr&shy;nehmungs&shy;kate&shy;gorie===
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
Das menschliche Gesicht stellt visu&shy;ell auf verschie&shy;dene Ebe&shy;nen mögli&shy;cher Ausdeu&shy;tungen ab, welche sich in der kultur&shy;histo&shy;rischen Matrix seiner Reprä&shy;senta&shy;tion durchaus abbil&shy;den. Die lange währen&shy;de und uni&shy;versell über viele Kultu&shy;ren zu beobach&shy;tende Präsenz des strengen masken&shy;haften Schema&shy;gesich&shy;tes in der frühen Bildge&shy;schichte lässt sich einer&shy;seits mit der Darstel&shy;lungsfunk&shy;tion der persön&shy;lichen Verhül&shy;lung (Indif&shy;ferenz) im Kult bzw. mit gött&shy;licher oder spiri&shy;tuel&shy;ler Bedeu&shy;tung (Unbe&shy;stimmbar&shy;keit) im Bild verknüp&shy;fen. Auf das Indi&shy;viduum kam es kultur&shy;geschicht&shy;lich offen&shy;bar nicht an, weit eher auf einen Umgang mit den höhe&shy;ren Mächten.
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
:
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
Neuropsychologisch gibt es offen&shy;bar eine sehr alte Grund&shy;lage (Struktur), welche auf das visu&shy;elle Zeichen oder Emblem ‘Gesicht’ in auto&shy;nomer Weise anspricht. Säug&shy;linge bis zu einem Alter von 12 Wochen rea&shy;gieren zunächst auf einfa&shy;che Gesichts&shy;attrap&shy;pen stärker als auf bild&shy;liche Ausprä&shy;gungen eines komple&shy;xeren oder indi&shy;viduel&shy;len Gesich&shy;tes, ausge&shy;nommen auf das der Mutter oder Bezugs&shy;person (<bib id='Fantz 1966a'></bib>; <bib id='Goren et al. 1975a'></bib>; <bib id='de Schonen et al. 1994a'></bib>). Eine neue&shy;re Studie bestä&shy;tigt den Zusam&shy;menhang auf einer weite&shy;ren Ebene. Gezeigt wurden sechs Mona&shy;te alten Säug&shy;lingen Gesichts&shy;schemen mit verschie&shy;denen Merkmals&shy;varian&shy;ten (Gesichts- und Nasen&shy;länge, Nasen&shy;breite und Augen&shy;abstand) sowie Gesich&shy;ter, die einen präzi&shy;se errech&shy;neten Mittel&shy;wert aus diesen Muster&shy;gesich&shy;tern darstell&shy;ten, so genannte ''Proto&shy;typen''. Die Bevor&shy;zugung galt signi&shy;fikant den Proto&shy;typen und unter&shy;schied sich in nichts von jener in Tests mit erwach&shy;senen Versuchs&shy;perso&shy;nen (<bib id='Strauss 1979a'></bib>). Auch sind bereits Neuge&shy;bore&shy;ne imstan&shy;de, gesichts&shy;ähnli&shy;che von gesichts&shy;unähn&shy;lichen Attrap&shy;pen zu unter&shy;scheiden. In der gesichts&shy;ähnli&shy;chen Attrap&shy;pe waren zwei Augen&shy;flecken über einem Mundfleck ange&shy;ordnet, in der Vergleichs&shy;form diese Vertei&shy;lung um 180° gedreht (<bib id='Valenza et al. 1996a'></bib>). Krite&shy;rium der Aufmerk&shy;samkeit war immer die Betrach&shy;tungsdau&shy;er. Proto&shy;typen, d.h. Durchschnitts&shy;gesich&shy;ter, spielen auch eine Rolle bei der Schönheits&shy;bewer&shy;tung von Gesich&shy;tern (s. weiter unten). Es könnte sein, dass das rudi&shy;mentä&shy;re Ele&shy;mentar&shy;gesicht auf einer eige&shy;nen alten Wahrneh&shy;mungsstruk&shy;tur beruht, die mögli&shy;cherwei&shy;se unter dem Selek&shy;tionsdruck entstanden ist, Menschen auf große Distanz als Menschen erken&shy;nen und von größe&shy;ren Tieren unter&shy;scheiden zu können. Man spricht auch von Wahrneh&shy;mungs&shy;kate&shy;gorie (<bib id='Pöppel 1982a'></bib>: S. 126 f (<bib id='Groß et al. 1981a'></bib>)). Dazu genü&shy;gen weni&shy;ge Merkma&shy;le.
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->


===Grundlage der Wahrneh&shy;mung indi&shy;vidu&shy;eller Gesich&shy;ter===
Die Ausprägung diffe&shy;renzier&shy;ter persön&shy;licher Gesichts&shy;merkma&shy;le, wie sie mit der Entwick&shy;lung des Portraits einher&shy;geht und in der [[Malerei|Male&shy;rei]] wie [[Skulptur|Skulptur]] zu unge&shy;ahnten künstle&shy;rischen Höhe&shy;punkten geführt hat, hängt kultur&shy;histo&shy;risch mit der wachsen&shy;den Geltung indi&shy;viduel&shy;ler Leistun&shy;gen des Menschen als Kultur&shy;träger wie auch als Verant&shy;wortungs&shy;träger in Wirtschaft und Wissen&shy;schaft zusam&shy;men.
:
Neuropsychologisch gibt es auch dafür den Nachweis eige&shy;ner Wahr&shy;nehmungs&shy;struktu&shy;ren im mensch&shy;lichen Gehirn. Aus der Patho&shy;logie sind Hinwei&shy;se bekannt, nach welchen offen&shy;bar korti&shy;kale Zellpo&shy;pula&shy;tionen im Tempo&shy;ralhirn für die Speiche&shy;rung indi&shy;vidu&shy;eller Gesich&shy;ter (Physio&shy;gnomien) zustän&shy;dig sind. Bei deren Beschä&shy;digung sind Menschen nicht mehr imstan&shy;de, ande&shy;re Menschen an ihrem Gesicht zu erken&shy;nen, wohl aber an zusätz&shy;lichen Merkma&shy;len wie Stimme, Schritt, Haar&shy;tracht etc. Dieser Ausfall nennt sich Proso&shy;pagno&shy;sie (Gesichts&shy;blindheit).
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Nicht davon betroffen ist dabei das Erken&shy;nen mimi&shy;scher Signa&shy;le wie Lachen, Lächeln, Ausdruck von Zorn, Über&shy;raschung, Ekel etc., welches zu den grundle&shy;genden Leistun&shy;gen des Gehirns gehört und offen&shy;bar an einem ande&shy;ren Ort statt&shy;findet. Menschen mit dieser Beein&shy;trächti&shy;gung sind also nicht mehr imstan&shy;de zu sagen, ob sie das Gesicht einer Person schon einmal gese&shy;hen haben (kennen), wohl aber, ob es sich um ein fröhli&shy;ches, trauri&shy;ges oder zorni&shy;ges Gesicht handelt. Mit diesen auto&shy;nomen Formen der Gesichts&shy;verar&shy;beitung ist das Gehirn gegen einen ganzheit&shy;lichen Ausfall der Gesichts&shy;wahrneh&shy;mung gut abge&shy;sichert.
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Dass für die Wahrnehmung indi&shy;vidu&shy;eller Gesich&shy;ter eine eige&shy;ne neuro&shy;nale Struktur aufge&shy;baut wurde weist auf die zentra&shy;le Bedeu&shy;tung des Erken&shy;nens einzel&shy;ner Perso&shy;nen hin, das mit dem Wachsen mensch&shy;licher Verbän&shy;de und Gesell&shy;schaften notwen&shy;dig wurde. Kate&shy;goria&shy;le (Was-)Erken&shy;nung und physio&shy;gnomi&shy;sche (Wer-)Unter&shy;scheidung stellen zwei verschie&shy;dene Leistun&shy;gen der Gesichts&shy;wahrneh&shy;mung dar, welche unab&shy;hängig entstan&shy;den sind und auf neuro&shy;nalen Struktu&shy;ren beruhen. Die Annah&shy;me, dass das lange Vorherr&shy;schen des Ele&shy;mentar&shy;gesich&shy;tes in der Bildent&shy;wicklung auf einer verzö&shy;gerten Entwick&shy;lung der entspre&shy;chenden korti&shy;kalen Struktu&shy;ren für physio&shy;gnomi&shy;sches Erken&shy;nen beru&shy;he, wäre aller&shy;dings ein Fehl&shy;schluss. Indi&shy;vidu&shy;elles Erken&shy;nen ist sicher&shy;lich so alt wie schema&shy;tisch-kate&shy;goria&shy;les und war von Anbe&shy;ginn für eine Homi&shy;nisa&shy;tion in der Klein&shy;gruppe wichtig. Kultur&shy;geschicht&shy;liche Fakto&shy;ren spielen bei allen kultu&shy;rellen Prozes&shy;sen eine hemmen&shy;de oder fördern&shy;de Rolle.


===Mimik als art&shy;spezi&shy;fisches Aus&shy;drucks&shy;mittel===
Ausdruck und Mimik sind ein weiteres diffe&shy;renzier&shy;tes Gesichts&shy;merkmal, das zu den mensch&shy;lichen Uni&shy;versa&shy;lien gehört. Das Grund&shy;reper&shy;toire ist art&shy;spezi&shy;fisch ange&shy;legt und über alle Kultu&shy;ren vergleich&shy;bar, vor allem in den Basis-Emo&shy;tionen Angst, Zorn, Freude, Trauer, Ekel und Er&shy;schrecken. Grund&shy;lage dafür sind 23 Muskel&shy;paare, deren Kontrak&shy;tion je nach Emo&shy;tion nach gleichem Muster erfolgt (<bib id='Darwin 1872a'></bib>, <bib id='Ekman 1973a'></bib>; <bib id='Musterle & Roessler 1986a'></bib>). Auch Taub&shy;blinde zeigen dieses Ausdrucks&shy;verhal&shy;ten, obwohl sie es an keinem sozia&shy;len Modell erler&shy;nen konnten (<bib id='Eibl-Eibesfeldt 1973a'></bib>). Zusätz&shy;lich gibt es kultu&shy;relle Vari&shy;anten. Inter&shy;kultu&shy;relle Überein&shy;stimmung gibt es auch im Beur&shy;teilen und Verste&shy;hen der Gesichts&shy;aus&shy;drücke durch Vertre&shy;ter unter&shy;schied&shy;licher kultu&shy;reller Herkunft (<bib id='Ekman 1973b'></bib>; <bib id='Eibl-Eibesfeldt 1995a'></bib>: S. 219 ff; 639). Dies macht die Mimik zu einem verläss&shy;lichen nonver&shy;balen kommu&shy;nika&shy;tiven System.




=====Engere Begriffsbestimmung=====
==Moderne Gesichts&shy;deutun&shy;gen==


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Auch die moderne Gesichts&shy;darstel&shy;lung zeigt sich in der Ausdeu&shy;tung der drei verschie&shy;denen Reprä&shy;senta&shy;tionen in Kunst und ande&shy;ren Bildmedien ergie&shy;big.


===Bildende Kunst===
[[Datei:KleeFace-1.jpg|thumb|Abb. 4: Paul Klee: «Stig&shy;ma&shy;ti&shy;siert»]]


=====optional Beispiele=====
Das Ele&shy;men&shy;tar&shy;ge&shy;sicht er&shy;weist sich ge&shy;ra&shy;de&shy;zu als ein bild&shy;li&shy;cher Ar&shy;che&shy;typ in sehr per&shy;si&shy;sten&shy;ter Auf&shy;la&shy;ge, etwa bei P. Klee, J. Du&shy;buf&shy;fet, A. Jaw&shy;lens&shy;ki u.a.. (Abb. 4) Ei&shy;ne gan&shy;ze Ge&shy;ne&shy;ra&shy;tion von öf&shy;fent&shy;li&shy;chen Zei&shy;chen und Hin&shy;weis&shy;schil&shy;dern be&shy;dient sich über&shy;dies des pu&shy;ren Ge&shy;sichts&shy;sche&shy;mas, bis hin zu den Smi&shy;lies auf ur&shy;ba&shy;nen Leer&shy;flä&shy;chen (Graf&shy;fi&shy;ti) (<bib id='Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a'></bib>: S. 221f). Nach&shy;rich&shy;ten mit öf&shy;fent&shy;li&shy;chem Cha&shy;rak&shy;ter lei&shy;hen sich mit der Beistel&shy;lung eines belie&shy;bigen, für die Sache zumeist uner&shy;hebli&shy;chen “persön&shy;lichen” Gesich&shy;tes den Charak&shy;ter der Glaub&shy;würdig&shy;keit und Haftbar&shy;keit.
:
Die Malerei selbst enthebt sich seit gerau&shy;mer Zeit der konkre&shy;ten Physio&shy;gnomie, weil der Perso&shy;nenbe&shy;zug nicht mehr wichtig erscheint; selbst im Foto&shy;realis&shy;mus (Ch. Close, F. Gertsch) geht es weni&shy;ger um Portraits als um die Dar&shy;stellung des physio&shy;gnomi&shy;schen Events als Beispiel unse&shy;rer Gesell&shy;schaft. Physio&shy;gnomie als Reiz über&shy;dauert das Inte&shy;resse an der Person, indem sie per se eine Aussa&shy;ge ist. Ausnah&shy;men bilden mit Sicher&shy;heit Francis Bacon und Lucian Freud, bei welchen die Gesich&shy;ter in der darge&shy;stellten existen&shy;tiellen Bild-Situ&shy;ation gleich&shy;sam für nichts anderes als für sich selber stehen.
:
[[Datei:Liechtenstein-1.jpg‎|thumb|Abb. 5: Roy Lich&shy;ten&shy;stein: «Blon&shy;de Wai&shy;ting» (1964)]]


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Physio&shy;gno&shy;mien spie&shy;len al&shy;ler&shy;dings ge&shy;mein&shy;sam mit mi&shy;mi&shy;schen Zei&shy;chen in den mo&shy;der&shy;nen [[Comic|Co&shy;mics]] ei&shy;ne tra&shy;gen&shy;de Rol&shy;le, hier wie&shy;de&shy;rum im Dien&shy;ste ei&shy;nes Nar&shy;ra&shy;tivs, wel&shy;ches Funk&shy;ti&shy;on und Rol&shy;le der Fi&shy;gu&shy;ren be&shy;stimmt («Hard Boiled» von F. Mil&shy;ler und G. Dar&shy;row). Nicht ein&shy;mal die gra&shy;phi&shy;schen Ste&shy;reo&shy;ty&shy;pen von Roy Lich&shy;ten&shy;stein und Julian Opie ver&shy;mö&shy;gen es, phy&shy;sio&shy;go&shy;mi&shy;sche Zei&shy;chen und Mi&shy;mik völ&shy;lig aus den Ge&shy;sich&shy;tern ih&shy;rer Pro&shy;ta&shy;go&shy;nis&shy;ten zu ne&shy;hmen – weil wir sie auch in mi&shy;ni&shy;ma&shy;len Zei&shy;chen le&shy;sen wol&shy;len und kön&shy;nen (Abb. 5).


===Werbung===
Ausdruck und Mimik gehören hinge&shy;gen wie die Gesichts&shy;schönheit zum zentra&shy;len Instru&shy;menta&shy;rium der [[Werbung|Bild&shy;werbung]]. Nach Studien von B. De&shy;Paulo wirken Menschen mit einer ausdrucks&shy;starken Mimik sympa&shy;thischer als solche mit wenig Mimik (<bib id='Depaulo 1992a'></bib>). Außer&shy;dem kann Mimik eine Mittei&shy;lung enorm verstär&shy;ken. Redu&shy;zierte Mimik ist u.a. auch Zeichen einer klini&shy;schen Depres&shy;sion (<bib id='Ellgring 1989a'></bib>). Physio&shy;gnomi&shy;sche Merkma&shy;le lassen sich vor allem als ‘Schön&shy;heit’ oder ‘markan&shy;te Männlich&shy;keit’ mit Bild-Bedeu&shy;tung aufla&shy;den, bis hin zur poli&shy;tischen Propa&shy;ganda. Ein ausge&shy;prägtes Kinn (Testos&shy;teron) wird an Führungs&shy;persön&shy;lichkei&shy;ten betont, Jugend und Schönheit an Befür&shy;wortern eines Produkts oder poli&shy;tischen Systems (⊳ [[Bildpolitik|Bildpo&shy;litik]]).


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
===Film===
Ein neueres Medium, das die Reize des Gesich&shy;tes seman&shy;tisiert, ist der ''[[Film]]''. Die volle Band&shy;breite der mögli&shy;chen Charak&shy;tere vom Böse&shy;wicht und Feig&shy;ling bis zum Helden wird hier physio&shy;gnomisch ausge&shy;schöpft, wobei die Hauptrollen meist durch “attrak&shy;tive” Darstel&shy;ler besetzt werden (<bib id='Etcoff 2001a'></bib>; <bib id='Renz 2006a'></bib>). Expe&shy;rimen&shy;tell wurden hohe Symme&shy;triewer&shy;te als Krite&shy;rium der Schön&shy;heit belegt, wobei bio&shy;logisch ein Zusam&shy;menhang mit Hetero&shy;zygotie (Mischer&shy;bigkeit und Para&shy;sitenre&shy;sistenz) vermutet wird (<bib id='Thornhill & Gangestad 1993a'></bib>). Auch ''Ave&shy;rage'' (Durch&shy;schnitt&shy;lichkeit) wurde biomet&shy;risch als konsis&shy;tentes Merkmal ermit&shy;telt (<bib id='Langlois & Roggman 1990a'></bib>). Diese Proto&shy;typen-Bildung ist gleich&shy;zeitig ein Kenn&shy;zeichen unse&shy;rer visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung, die unent&shy;wegt die Vari&shy;anzen einzel&shy;ner Vorkom&shy;men kate&shy;gori&shy;siert und “mittelt” (<bib id='Rosch 1978a'></bib>; <bib id='Sütterlin 1998a'></bib>). Bio&shy;metrisch ermit&shy;telte Durch&shy;schnitts&shy;gesich&shy;ter einer Popu&shy;lation werden in vielen Kultu&shy;ren als attrak&shy;tiver beur&shy;teilt als die indi&shy;viduel&shy;len Gesich&shy;ter, wobei auch gerne unter&shy;schieden wird zwischen der Persön&shy;lichkeit und Ausstrah&shy;lung eines Gesich&shy;tes und seiner bloßen physi&shy;schen Schönheit (<bib id='Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a'></bib>: S. 301).<br/>
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Perfekte Formen von Symmet&shy;rie und Durch&shy;schnitt&shy;lichkeit können aller&shy;dings noch opti&shy;miert werden. Die Tendenz geht dabei in Richtung ''Grazi&shy;lisierung'' (<bib id='Johnston & Franklin 1993a'></bib>; <bib id='Grammer et al. 2002a'></bib>). Grazi&shy;lisierung spielt bei der Attrak&shy;tivität beider Geschlech&shy;ter – als “Jugend&shy;merkmal” – eine wichti&shy;ge Rolle und ist aus evo&shy;lutions&shy;biolo&shy;gischer Sicht gut belegt.<ref><bib id='Cunningham 1986a'></bib>; <bib id='Eibl-Eibesfeldt 1995a'></bib>: S. 921f.; <bib id='Johnston et al. 2001a'></bib>. Sie kom&shy;bi&shy;niert of&shy;fen&shy;bar ty&shy;pi&shy;sche “Kind&shy;chen&shy;merk&shy;ma&shy;le” (große Au&shy;gen, klei&shy;ner Mund) mit sol&shy;chen der (hor&shy;mo&shy;nel&shy;len) Rei&shy;fe (ho&shy;he pro&shy;mi&shy;nen&shy;te Wan&shy;gen&shy;kno&shy;chen).</ref> Inte&shy;ressant ist dabei, dass diese allge&shy;meinen Schönheits&shy;merkma&shy;le inter&shy;kultu&shy;rell als konsis&shy;tent gelten (<bib id='Cunningham et al. 1995a'></bib>; <bib id='Dion 2002a'></bib>).
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Das Gesicht ist von den altstein&shy;zeitli&shy;chen und Mega&shy;lith-Kultu&shy;ren bis in die Moder&shy;ne ein Motiv von einzig&shy;arti&shy;ger Aussa&shy;gekraft für die vielfäl&shy;tige bild&shy;liche Ausdeut&shy;barkeit des Menschen (⊳ [[Maske]]).


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* [[Affekt und Kommunikation]]
* [[Bildpolitik]]
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* [[Skulptur]]
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''Ausgabe 1: 2013''
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[[Benutzer:Christa Sütterlin|Christa Sütterlin]]
 
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* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]]
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildverwendungstypen


Allgemeiner Horizont: Kultur­histo­ri­sches

Wir überblicken zurzeit eine Bild­geschich­te des mensch­lichen Gesich­tes über einen Zeitraum von ca. 30.000 Jahren. Der „ältes­te Kunstge­genstand der Welt“ ([Morris 1994a]Morris, Desmond (1994): Das Tier Mensch. Verlagsgesellschaft, Köln.
: S. 187) aller­dings, der soge­nannte Maka­pansgat-Stein, ist ein Kiesel aus Südaf­rika, der auf ein Alter von 3 Milli­onen Jahren geschätzt ist. Er trägt die Höhlun­gen von zwei Augen und einem Mund, die ihn als Gesicht erschei­nen lassen und vermut­lich ein Grund sind, warum er in eine Höhle getra­gen, dort aufbe­wahrt und später auch gefun­den wurde. Dass der Stein durch Einwir­ken von Vormen­schen ein Gesicht erhielt, ist unwahr­scheinlich und keine Annah­me, die notwen­dig erschei­nen lassen müsste, warum der Stein für den Finder wichtig war. Es handelt sich weit eher um natür­liche Vertie­fungen, und die Tatsa­che, dass ein menschli­ches Gesicht darin erkenn­bar wurde, weist auf die Rolle der Wahrneh­mung für die zentra­le Bedeu­tung des Bildmo­tivs Gesicht hin.

Es gibt vielerlei Gründe für ein bildne­risches Inte­resse am Motiv. Das Gesicht stellt zweifels­frei das inte­ressan­teste, persön­lichste und aufschluss­reichste Merkmal des Menschen dar. In keinem Bereich der physi­schen mensch­lichen Erschei­nung treten die indi­viduel­len Eigen­schaften so dicht gehäuft zutage wie in der Physio­gnomie eines Menschen, sie bilden die wesent­lichen Marker seiner Persön­lichkeit und Iden­tität.

Abb. 1: H. Holbein: Bild­nis ei­nes jun­gen Kauf­manns (1541), KHM Wien

Darü­ber hin­aus ist das Ge­sicht auch der ex­pres­siv­ste und kom­mu­ni­ka­tiv­ste Teil des mensch­li­chen Kör­pers und we­sent­li­cher Trä­ger des Aus­drucks von Stim­mun­gen, Be­find­lich­kei­ten und Ge­fühl, die im Mie­nen­spiel auf dif­fe­ren­zier­te Wei­se mit­ge­teilt wer­den (⊳ Af­fekt und Kom­mu­ni­ka­ti­on). Auch Al­ter, Ge­sund­heit und Ge­schlecht wer­den am Ge­sicht ab­ge­le­sen, sodass sich damit eine Ressou­rce für vieler­lei Nachrich­ten erschließt, die bildlich genutzt werden können. Seltsa­merwei­se dauert es histo­risch ver­hältnis­mäßig lange, bis diese Quelle erschlos­sen wurde.

Was wir mit Entwick­lungen der Gesichts­darstel­lung verbin­den, die in der Kunst von Holbein, Raffael, Rembrandt und Goya ihren Höhe­punkt erreicht hat, geht auf die vergan­genen 500 bis 2.000 Jahre zurück, eine erstaun­lich kurze Zeit­spanne für ein Motiv von dieser Bedeu­tung (Abb. 1).

Von frühen Darstellungen ...

Abb. 2: Frauen­statu­ette («Venus») von Dolni Vesto­nice (Süd-Mähren). Kera­mik, Gravet­tien, mit rudi­mentä­rer Gesichts­einzeich­nung (ca. 25.000 v.Chr.)

Über wei­te Strecken der Vor- und Früh­ge­schich­te er­scheint die Dar­stel­lung des mensch­li­chen Ge­sich­tes un­ter­drückt, mas­ken­haft oder mar­gi­nal, als ru­di­men­tä­re Ein­zeich­nung auf dem oft amor­phen Fort­satz (Kopf) von recht ein­fa­chen, sche­ma­ti­sie­ren­den Kör­per­dar­stel­lun­gen aus Stein und Kno­chen (Vo­gel­herd, Au­rig­na­cien; Dol­ni Ves­to­ni­ce, Gra­vet­tien). Es han­delt sich um ein ver­all­ge­mei­ner­tes Ge­sichts­sche­ma, um Merk­ma­le, die von ei­nem spe­zi­fi­schen mor­pho­lo­gi­schen Ty­pus ab­se­hen (Abb. 2). Auf eine cha­rak­te­ris­ti­sche Kenn­zeich­nung wird auch dann ver­zich­tet, als die Ma­te­ri­a­lien (Ton, Mar­mor) leich­ter zu be­ar­be­iten sind, etwa auf su­me­ri­schen Sie­geln oder ky­kla­di­schen Ido­len. Auf eine Darstel­lung von Indi­viduen scheint es lange nicht anzu­kommen. Die Gesichts­darstel­lung bleibt emble­matisch, stereo­typ bis typi­sierend. Dies gilt selbst noch für die griechi­sche Plastik, wobei sich eine Aus­prägung verschie­dener Typen, diffe­renziert nach geschlecht­lichen und sozia­len Rollen etab­liert. Auch finden sich erste “ideal-typi­sche” Ausprä­gungen, wo es sich um die Darstel­lung von Göttern handelt.

... zu personen-orien­tierten Gesichts­darstel­lungen

Abb. 3: Por­trait einer Frau. Rö­misch (4. Jh.)

Der Be­ginn ei­ner per­so­nen-ori­en­tier­ten Ge­sichts­dar­stel­lung fin­det sich in den ägyp­ti­schen Mu­mien­bil­dern der pto­le­mä­i­schen Zeit (Fa­yum), den To­ten-Bild­nis­sen in hel­le­nis­ti­scher sowie den Herr­scher­bild­nis­sen in rö­mi­scher Zeit (Abb. 3). Mu­mi­en- wie To­ten­bild­nis sind funk­ti­o­nell stär­ker an der Sub­sti­tu­ti­on der Per­son ori­en­tiert, wäh­rend die Kai­ser­bild­nis­se durch die Aus­deh­nung des rö­mi­schen Rei­ches als bild­li­che Ver­tre­tung (Sym­bol) der kon­kre­ten Herr­scher­per­son in den Pro­vin­zen wich­tig wur­den. In der rö­mi­schen Plas­tik spie­gelt sich die­se Ten­denz durch ei­ne stär­ke­re In­di­vi­du­a­li­sie­rung bis hin zum Port­rait wieder.

Was wir mit Portrait-Darstel­lung verbin­den, ist aber erst eine Frucht der Renais­sance­kunst, welche dem Ausdruck der souve­ränen Persön­lichkeit erstmals eine eige­ne Bühne berei­tet. Das perso­nenbe­zoge­ne Bildnis bleibt bis ins 20. Jahrhun­dert und darü­ber hinaus (A. Jaw­lenski, P. Picas­so, E.L. Kirchner, M. Beck­mann etc.) eine viel gepfleg­te Bildgat­tung der Kunst. In der mehr bildbe­zoge­nen Rezep­tion moder­ner Darstel­lungen gewinnt das mensch­liche Gesicht als Motiv die Bedeu­tung einer neu zu er­schließen­den Reiz-Land­schaft, als semio­tisches Expe­rimen­tier­feld sowie als Stim­mungs- und Werbe­träger mit höchst vielfäl­tigem Nachrich­tenpo­tential. Im Grunde jedoch geht es um die Er­schließung einer visu­ellen Wirkungs­dimen­sion, die im Menschen präfi­guriert ist und sich auch in viel frühe­ren Gesichts­darstel­lungen wie in einem Buddha-Kopf der Khmer oder einer hölzer­nen Idol­statue der Baule (Afri­ka) längst mani­festiert hat.


Cerebrale Deutungsschichten: Zur Neuro­psycho­logie der Gesichts­wahrneh­mung

Gesichtsschema als ange­bore­ne Wahr­nehmungs­kate­gorie

Das menschliche Gesicht stellt visu­ell auf verschie­dene Ebe­nen mögli­cher Ausdeu­tungen ab, welche sich in der kultur­histo­rischen Matrix seiner Reprä­senta­tion durchaus abbil­den. Die lange währen­de und uni­versell über viele Kultu­ren zu beobach­tende Präsenz des strengen masken­haften Schema­gesich­tes in der frühen Bildge­schichte lässt sich einer­seits mit der Darstel­lungsfunk­tion der persön­lichen Verhül­lung (Indif­ferenz) im Kult bzw. mit gött­licher oder spiri­tuel­ler Bedeu­tung (Unbe­stimmbar­keit) im Bild verknüp­fen. Auf das Indi­viduum kam es kultur­geschicht­lich offen­bar nicht an, weit eher auf einen Umgang mit den höhe­ren Mächten.

Neuropsychologisch gibt es offen­bar eine sehr alte Grund­lage (Struktur), welche auf das visu­elle Zeichen oder Emblem ‘Gesicht’ in auto­nomer Weise anspricht. Säug­linge bis zu einem Alter von 12 Wochen rea­gieren zunächst auf einfa­che Gesichts­attrap­pen stärker als auf bild­liche Ausprä­gungen eines komple­xeren oder indi­viduel­len Gesich­tes, ausge­nommen auf das der Mutter oder Bezugs­person ([Fantz 1966a]Fantz, Robert L. (1966): Pattern Discrimination and Selective Attention as Determinants of Perceptual Development from Birth. In: Kidd, A.H. & Rivoire, J.L (Hg.), Perceptual Development in Children. University Press, New York.
; [Goren et al. 1975a]Goren, Carolyn C.; Sarty, Merrill & Wu, Paull Y. K. (1975): Visual Following and Pattern Discrimination of Face-like Stimuli by Newborn Infants. Pediatrics, 56.
Webadresse: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1165958?dopt=abstract
; [de Schonen et al. 1994a]de Schonen, S.; Deruelle, C.; Pascalis, O.; & Mancini, J. (1994): About Functional Brain Specialization. The Development of Face Recognition (Functional Cerebral Specialization in the Development of Face Recognition / A propos de la notion de specialisation cerebrale fonctionnelle: le développement de la reconnaissance des visages). Psychologie française, 39, 3.
). Eine neue­re Studie bestä­tigt den Zusam­menhang auf einer weite­ren Ebene. Gezeigt wurden sechs Mona­te alten Säug­lingen Gesichts­schemen mit verschie­denen Merkmals­varian­ten (Gesichts- und Nasen­länge, Nasen­breite und Augen­abstand) sowie Gesich­ter, die einen präzi­se errech­neten Mittel­wert aus diesen Muster­gesich­tern darstell­ten, so genannte Proto­typen. Die Bevor­zugung galt signi­fikant den Proto­typen und unter­schied sich in nichts von jener in Tests mit erwach­senen Versuchs­perso­nen ([Strauss 1979a]Strauss, M.S. (1979): Abstraction of Prototypical Information by Adults and 10-month-old Infants. J. of Experimental Psychology: Human Leraning and Memory, 5.
). Auch sind bereits Neuge­bore­ne imstan­de, gesichts­ähnli­che von gesichts­unähn­lichen Attrap­pen zu unter­scheiden. In der gesichts­ähnli­chen Attrap­pe waren zwei Augen­flecken über einem Mundfleck ange­ordnet, in der Vergleichs­form diese Vertei­lung um 180° gedreht ([Valenza et al. 1996a]Valenza, E. & Simion, F. & Cassia, V.M. & Umiltà, C. (1996): Face Preference at Birth. J. of Experimental Psychology (Human Perception and Performance) , 22, 4.
). Krite­rium der Aufmerk­samkeit war immer die Betrach­tungsdau­er. Proto­typen, d.h. Durchschnitts­gesich­ter, spielen auch eine Rolle bei der Schönheits­bewer­tung von Gesich­tern (s. weiter unten). Es könnte sein, dass das rudi­mentä­re Ele­mentar­gesicht auf einer eige­nen alten Wahrneh­mungsstruk­tur beruht, die mögli­cherwei­se unter dem Selek­tionsdruck entstanden ist, Menschen auf große Distanz als Menschen erken­nen und von größe­ren Tieren unter­scheiden zu können. Man spricht auch von Wahrneh­mungs­kate­gorie ([Pöppel 1982a]Pöppel, E. (1982): Lust und Schmerz. Severin & Siedler, München.
: S. 126 f ([Groß et al. 1981a]Gross, C.G. & Bruce, C.J. & Desimone, R. & Fleming, J. & Gattass, R. (1981): Cortical Visual Areas of the Temporal Lobe: Three Areas in the Macaque. In: Woolsey, C.N. (Hg.), Cortical Sensory Organization. Vol. 2: Multiple Visual Areas. Humana Press, Totowa N.J.
)). Dazu genü­gen weni­ge Merkma­le.

Grundlage der Wahrneh­mung indi­vidu­eller Gesich­ter

Die Ausprägung diffe­renzier­ter persön­licher Gesichts­merkma­le, wie sie mit der Entwick­lung des Portraits einher­geht und in der Male­rei wie Skulptur zu unge­ahnten künstle­rischen Höhe­punkten geführt hat, hängt kultur­histo­risch mit der wachsen­den Geltung indi­viduel­ler Leistun­gen des Menschen als Kultur­träger wie auch als Verant­wortungs­träger in Wirtschaft und Wissen­schaft zusam­men.

Neuropsychologisch gibt es auch dafür den Nachweis eige­ner Wahr­nehmungs­struktu­ren im mensch­lichen Gehirn. Aus der Patho­logie sind Hinwei­se bekannt, nach welchen offen­bar korti­kale Zellpo­pula­tionen im Tempo­ralhirn für die Speiche­rung indi­vidu­eller Gesich­ter (Physio­gnomien) zustän­dig sind. Bei deren Beschä­digung sind Menschen nicht mehr imstan­de, ande­re Menschen an ihrem Gesicht zu erken­nen, wohl aber an zusätz­lichen Merkma­len wie Stimme, Schritt, Haar­tracht etc. Dieser Ausfall nennt sich Proso­pagno­sie (Gesichts­blindheit).

Nicht davon betroffen ist dabei das Erken­nen mimi­scher Signa­le wie Lachen, Lächeln, Ausdruck von Zorn, Über­raschung, Ekel etc., welches zu den grundle­genden Leistun­gen des Gehirns gehört und offen­bar an einem ande­ren Ort statt­findet. Menschen mit dieser Beein­trächti­gung sind also nicht mehr imstan­de zu sagen, ob sie das Gesicht einer Person schon einmal gese­hen haben (kennen), wohl aber, ob es sich um ein fröhli­ches, trauri­ges oder zorni­ges Gesicht handelt. Mit diesen auto­nomen Formen der Gesichts­verar­beitung ist das Gehirn gegen einen ganzheit­lichen Ausfall der Gesichts­wahrneh­mung gut abge­sichert.

Dass für die Wahrnehmung indi­vidu­eller Gesich­ter eine eige­ne neuro­nale Struktur aufge­baut wurde weist auf die zentra­le Bedeu­tung des Erken­nens einzel­ner Perso­nen hin, das mit dem Wachsen mensch­licher Verbän­de und Gesell­schaften notwen­dig wurde. Kate­goria­le (Was-)Erken­nung und physio­gnomi­sche (Wer-)Unter­scheidung stellen zwei verschie­dene Leistun­gen der Gesichts­wahrneh­mung dar, welche unab­hängig entstan­den sind und auf neuro­nalen Struktu­ren beruhen. Die Annah­me, dass das lange Vorherr­schen des Ele­mentar­gesich­tes in der Bildent­wicklung auf einer verzö­gerten Entwick­lung der entspre­chenden korti­kalen Struktu­ren für physio­gnomi­sches Erken­nen beru­he, wäre aller­dings ein Fehl­schluss. Indi­vidu­elles Erken­nen ist sicher­lich so alt wie schema­tisch-kate­goria­les und war von Anbe­ginn für eine Homi­nisa­tion in der Klein­gruppe wichtig. Kultur­geschicht­liche Fakto­ren spielen bei allen kultu­rellen Prozes­sen eine hemmen­de oder fördern­de Rolle.

Mimik als art­spezi­fisches Aus­drucks­mittel

Ausdruck und Mimik sind ein weiteres diffe­renzier­tes Gesichts­merkmal, das zu den mensch­lichen Uni­versa­lien gehört. Das Grund­reper­toire ist art­spezi­fisch ange­legt und über alle Kultu­ren vergleich­bar, vor allem in den Basis-Emo­tionen Angst, Zorn, Freude, Trauer, Ekel und Er­schrecken. Grund­lage dafür sind 23 Muskel­paare, deren Kontrak­tion je nach Emo­tion nach gleichem Muster erfolgt ([Darwin 1872a]Darwin, Charles (1872): On the Expression of the Emotions in Man and Animals. Murray, London.
, [Ekman 1973a]Ekman, Paul (Hg.) (1973): Darwin and Facial Expression. Academic Press, New York, London.
; [Musterle & Roessler 1986a]Musterle, Wilfried A. & Roessler, Otto E. (1986): Computer Faces: The Human Lorenz Matrix. Bio Systems, 19.
). Auch Taub­blinde zeigen dieses Ausdrucks­verhal­ten, obwohl sie es an keinem sozia­len Modell erler­nen konnten ([Eibl-Eibesfeldt 1973a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1973): The Expressive Behavior of the Deaf and Blind Born. In: Cranach, M. v. & Vine, I. (Hg.), Social Communication and Movement. Academic Press, London.
). Zusätz­lich gibt es kultu­relle Vari­anten. Inter­kultu­relle Überein­stimmung gibt es auch im Beur­teilen und Verste­hen der Gesichts­aus­drücke durch Vertre­ter unter­schied­licher kultu­reller Herkunft ([Ekman 1973b]Ekman, Paul (1973): Cross Cultural Studies of Facial Expression. In: Ekman, P. (Hg.), Darwin and Facial Expression. Academic Press, New York, London.
; [Eibl-Eibesfeldt 1995a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1995): Die Biologie menschlichen Verhaltens. Lehrbuch der Humanethologie. Piper, München.
: S. 219 ff; 639). Dies macht die Mimik zu einem verläss­lichen nonver­balen kommu­nika­tiven System.


Moderne Gesichts­deutun­gen

Auch die moderne Gesichts­darstel­lung zeigt sich in der Ausdeu­tung der drei verschie­denen Reprä­senta­tionen in Kunst und ande­ren Bildmedien ergie­big.

Bildende Kunst

Abb. 4: Paul Klee: «Stig­ma­ti­siert»

Das Ele­men­tar­ge­sicht er­weist sich ge­ra­de­zu als ein bild­li­cher Ar­che­typ in sehr per­si­sten­ter Auf­la­ge, etwa bei P. Klee, J. Du­buf­fet, A. Jaw­lens­ki u.a.. (Abb. 4) Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­tion von öf­fent­li­chen Zei­chen und Hin­weis­schil­dern be­dient sich über­dies des pu­ren Ge­sichts­sche­mas, bis hin zu den Smi­lies auf ur­ba­nen Leer­flä­chen (Graf­fi­ti) ([Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus & Sütterlin, Christa (2008): Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation. Brandstätter, Wien.
: S. 221f). Nach­rich­ten mit öf­fent­li­chem Cha­rak­ter lei­hen sich mit der Beistel­lung eines belie­bigen, für die Sache zumeist uner­hebli­chen “persön­lichen” Gesich­tes den Charak­ter der Glaub­würdig­keit und Haftbar­keit.

Die Malerei selbst enthebt sich seit gerau­mer Zeit der konkre­ten Physio­gnomie, weil der Perso­nenbe­zug nicht mehr wichtig erscheint; selbst im Foto­realis­mus (Ch. Close, F. Gertsch) geht es weni­ger um Portraits als um die Dar­stellung des physio­gnomi­schen Events als Beispiel unse­rer Gesell­schaft. Physio­gnomie als Reiz über­dauert das Inte­resse an der Person, indem sie per se eine Aussa­ge ist. Ausnah­men bilden mit Sicher­heit Francis Bacon und Lucian Freud, bei welchen die Gesich­ter in der darge­stellten existen­tiellen Bild-Situ­ation gleich­sam für nichts anderes als für sich selber stehen.

Abb. 5: Roy Lich­ten­stein: «Blon­de Wai­ting» (1964)

Physio­gno­mien spie­len al­ler­dings ge­mein­sam mit mi­mi­schen Zei­chen in den mo­der­nen Co­mics ei­ne tra­gen­de Rol­le, hier wie­de­rum im Dien­ste ei­nes Nar­ra­tivs, wel­ches Funk­ti­on und Rol­le der Fi­gu­ren be­stimmt («Hard Boiled» von F. Mil­ler und G. Dar­row). Nicht ein­mal die gra­phi­schen Ste­reo­ty­pen von Roy Lich­ten­stein und Julian Opie ver­mö­gen es, phy­sio­go­mi­sche Zei­chen und Mi­mik völ­lig aus den Ge­sich­tern ih­rer Pro­ta­go­nis­ten zu ne­hmen – weil wir sie auch in mi­ni­ma­len Zei­chen le­sen wol­len und kön­nen (Abb. 5).

Werbung

Ausdruck und Mimik gehören hinge­gen wie die Gesichts­schönheit zum zentra­len Instru­menta­rium der Bild­werbung. Nach Studien von B. De­Paulo wirken Menschen mit einer ausdrucks­starken Mimik sympa­thischer als solche mit wenig Mimik ([Depaulo 1992a]DePaulo, Bella M. (1992): Nonverbal Behavior and Self Presentation. Psychological Bulletin, 111, 2.
). Außer­dem kann Mimik eine Mittei­lung enorm verstär­ken. Redu­zierte Mimik ist u.a. auch Zeichen einer klini­schen Depres­sion ([Ellgring 1989a]Ellgring, Heiner (1989): Nonverbal communication in depression. Cambridge University Press, Cambridge.
). Physio­gnomi­sche Merkma­le lassen sich vor allem als ‘Schön­heit’ oder ‘markan­te Männlich­keit’ mit Bild-Bedeu­tung aufla­den, bis hin zur poli­tischen Propa­ganda. Ein ausge­prägtes Kinn (Testos­teron) wird an Führungs­persön­lichkei­ten betont, Jugend und Schönheit an Befür­wortern eines Produkts oder poli­tischen Systems (⊳ Bildpo­litik).

Film

Ein neueres Medium, das die Reize des Gesich­tes seman­tisiert, ist der Film. Die volle Band­breite der mögli­chen Charak­tere vom Böse­wicht und Feig­ling bis zum Helden wird hier physio­gnomisch ausge­schöpft, wobei die Hauptrollen meist durch “attrak­tive” Darstel­ler besetzt werden ([Etcoff 2001a]Etcoff, Nancy (2001): Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen. Diederichs, München.
; [Renz 2006a]Renz, U. (2006): Schönheit. Eine Wissenschaft für sich. Berlin Verlag, Berlin.
). Expe­rimen­tell wurden hohe Symme­triewer­te als Krite­rium der Schön­heit belegt, wobei bio­logisch ein Zusam­menhang mit Hetero­zygotie (Mischer­bigkeit und Para­sitenre­sistenz) vermutet wird ([Thornhill & Gangestad 1993a]Thornhill, R. & Gangestad, S.W. (1993): Human Facial Beauty: Averageness, Symmetry, and Parasite Resistance. Human Nature, 4.
). Auch Ave­rage (Durch­schnitt­lichkeit) wurde biomet­risch als konsis­tentes Merkmal ermit­telt ([Langlois & Roggman 1990a]Langlois, Judith H. & Roggman, Lori A. (1990): Attractive Faces Are Only Average. American Psychol. Society, 1/2.
). Diese Proto­typen-Bildung ist gleich­zeitig ein Kenn­zeichen unse­rer visu­ellen Wahrneh­mung, die unent­wegt die Vari­anzen einzel­ner Vorkom­men kate­gori­siert und “mittelt” ([Rosch 1978a]Rosch, E.H. (1978): Principles of Categorization. In: Rosch, E.H. & Lloyd, B. B. (Hg.), Cognition and Categorization. Erlbaum, Hillsdale, NJ.
; [Sütterlin 1998a]Sütterlin, Christa (1998): Grenzen der Komplexität. Die Kunst als Bild der Wirklichkeit. Neuropsychologische und ethologische Erkenntnisse in der Kunst. In: Wobus, A.M. & Wobus, U. (Hg.), Vom Einfachen zur Ganzheitlichkeit. Das Problem der Komplexität auf organismischer und soziokultureller Ebene. Barth, Heidelberg [u.a.].
Nicht angezeigt: Nova Acta Leopoldina 77(304)
). Bio­metrisch ermit­telte Durch­schnitts­gesich­ter einer Popu­lation werden in vielen Kultu­ren als attrak­tiver beur­teilt als die indi­viduel­len Gesich­ter, wobei auch gerne unter­schieden wird zwischen der Persön­lichkeit und Ausstrah­lung eines Gesich­tes und seiner bloßen physi­schen Schönheit ([Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus & Sütterlin, Christa (2008): Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation. Brandstätter, Wien.
: S. 301).

Perfekte Formen von Symmet­rie und Durch­schnitt­lichkeit können aller­dings noch opti­miert werden. Die Tendenz geht dabei in Richtung Grazi­lisierung ([Johnston & Franklin 1993a]Johnston, Victor S. & Franklin, Melissa (1993): Is Beauty in the Eye of the Beholder?. Ethology and Sociobiology, 14.
; [Grammer et al. 2002a]Grammer, Karl, Fink, Bernhard & Renninger, LeeAnn (2002): Dynamic Systems and Inferential Information Processing in Human Communication. Neuroendocrinology Letters, 23.
). Grazi­lisierung spielt bei der Attrak­tivität beider Geschlech­ter – als “Jugend­merkmal” – eine wichti­ge Rolle und ist aus evo­lutions­biolo­gischer Sicht gut belegt.[1] Inte­ressant ist dabei, dass diese allge­meinen Schönheits­merkma­le inter­kultu­rell als konsis­tent gelten ([Cunningham et al. 1995a]Cunningham, Michael R.; Roberts, Alan R.; Barbee, Anita P.; Druen, Perri B. & Wu, Cheng-Huan (1995): „Their Ideas of Beauty are, on the Whole, the Same as Ours“: Consistency and Variability in the Cross-Cultural Perception of Female Physical Attractiveness. J. Personality and Social Psychology, 68.
; [Dion 2002a]Dion, Karen K. (2002): Cultural Perspectives on Facial Attractiveness. In: Rhodes, G. & Zebrowitz, L.A. (Hg.), Facial Attractiveness. Evolutionary, Cognitive, and Social Perspectives. Ablex, Westport, CT.
).

Das Gesicht ist von den altstein­zeitli­chen und Mega­lith-Kultu­ren bis in die Moder­ne ein Motiv von einzig­arti­ger Aussa­gekraft für die vielfäl­tige bild­liche Ausdeut­barkeit des Menschen (⊳ Maske).

Anmerkungen
  1. ↑ [Cunningham 1986a]Cunningham, Michael R. (1986): Measuring the Physical in Physical Attractiveness: Quasi-Experiments on the Sociobiology of Female Facial Beauty. J. Personality and Social Psychology, 50.
    ; [Eibl-Eibesfeldt 1995a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1995): Die Biologie menschlichen Verhaltens. Lehrbuch der Humanethologie. Piper, München.
    : S. 921f.; [Johnston et al. 2001a]Johnston, Victor S. & Hagel, Rebecca & Franklin, Melissa & Fink, Bernhard & Grammer, Karl (2001): Male Facial Attractiveness. Evidence for Hormone-mediated Adaptive Design. Evolution and Human Behavior, 22.
    . Sie kom­bi­niert of­fen­bar ty­pi­sche “Kind­chen­merk­ma­le” (große Au­gen, klei­ner Mund) mit sol­chen der (hor­mo­nel­len) Rei­fe (ho­he pro­mi­nen­te Wan­gen­kno­chen).
Literatur
[Cunningham 1986a]Cunningham, Michael R. (1986): Measuring the Physical in Physical Attractiveness: Quasi-Experiments on the Sociobiology of Female Facial Beauty. J. Personality and Social Psychology, 50.[Cunningham et al. 1995a]Cunningham, Michael R.; Roberts, Alan R.; Barbee, Anita P.; Druen, Perri B. & Wu, Cheng-Huan (1995): „Their Ideas of Beauty are, on the Whole, the Same as Ours“: Consistency and Variability in the Cross-Cultural Perception of Female Physical Attractiveness. J. Personality and Social Psychology, 68.[Darwin 1872a]Darwin, Charles (1872): On the Expression of the Emotions in Man and Animals. Murray, London.[Depaulo 1992a]DePaulo, Bella M. (1992): Nonverbal Behavior and Self Presentation. Psychological Bulletin, 111, 2.[Dion 2002a]Dion, Karen K. (2002): Cultural Perspectives on Facial Attractiveness. In: Rhodes, G. & Zebrowitz, L.A. (Hg.), Facial Attractiveness. Evolutionary, Cognitive, and Social Perspectives. 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Ausgabe 1: 2013

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Sütterlin, Christa (2013). Gesichtsdarstellung. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Gesichtsdarstellung].