Gesichtsdarstellung: Unterschied zwischen den Versionen
Verantwortlich |
K Textersetzung - „{{GlosTab5}}↵<bibdummy>“ durch „{{GlosTab5}}“ |
||
| (65 dazwischenliegende Versionen von 3 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
<!-- "This is comment" --> | <!-- "This is comment" --> | ||
<!--Vorlage für Unterpunkte--> | <!--Vorlage für Unterpunkte--> | ||
<!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern--> | <!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern--> | ||
{{GlosHeader}} | {{GlosHeader}} | ||
[[Kategorie:Unterpunkt]] | [[Kategorie:Unterpunkt]] | ||
[[Kategorie:Bildverwendungstypen]] | |||
Unterpunkt zu: [[Bildverwendungstypen]] | |||
{{GlosTab1}} | |||
{{GlossarBoxMain}} | |||
<!--Ende header--> | <!--Ende header--> | ||
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen--> | |||
==Allgemeiner Horizont: Kultur­histo­ri­sches== | |||
< | Wir überblicken zurzeit eine Bild­geschich­te des mensch­lichen Gesich­tes über einen Zeitraum von ca. 30.000 Jahren. Der „ältes­te Kunstge­genstand der Welt“ (<bib id='Morris 1994a'></bib>: S. 187) aller­dings, der soge­nannte Maka­pansgat-Stein, ist ein Kiesel aus Südaf­rika, der auf ein Alter von 3 Milli­onen Jahren geschätzt ist. Er trägt die Höhlun­gen von zwei Augen und einem Mund, die ihn als Gesicht erschei­nen lassen und vermut­lich ein Grund sind, warum er in eine Höhle getra­gen, dort aufbe­wahrt und später auch gefun­den wurde. Dass der Stein durch Einwir­ken von Vormen­schen ein Gesicht erhielt, ist unwahr­scheinlich und keine Annah­me, die notwen­dig erschei­nen lassen müsste, warum der Stein für den Finder wichtig war. Es handelt sich weit eher um natür­liche Vertie­fungen, und die Tatsa­che, dass ein menschli­ches Gesicht darin erkenn­bar wurde, weist auf die Rolle der [[Bild und Wahrnehmung|''Wahrneh­mung'']] für die zentra­le Bedeu­tung des Bildmo­tivs ''Gesicht'' hin. | ||
[[ | : | ||
Es gibt vielerlei Gründe für ein bildne­risches Inte­resse am Motiv. Das Gesicht stellt zweifels­frei das inte­ressan­teste, persön­lichste und aufschluss­reichste Merkmal des Menschen dar. In keinem Bereich der physi­schen mensch­lichen Erschei­nung treten die indi­viduel­len Eigen­schaften so dicht gehäuft zutage wie in der Physio­gnomie eines Menschen, sie bilden die wesent­lichen Marker seiner Persön­lichkeit und Iden­tität. | |||
[[Datei:Holbein_1541a-Ausschnitt.jpg|thumb|Abb. 1: H. Holbein: Bild­nis ei­nes jun­gen Kauf­manns (1541), KHM Wien]] | |||
Darü­ber hin­aus ist das Ge­sicht auch der ex­pres­siv­ste und kom­mu­ni­ka­tiv­ste Teil des mensch­li­chen Kör­pers und we­sent­li­cher Trä­ger des Aus­drucks von Stim­mun­gen, Be­find­lich­kei­ten und Ge­fühl, die im Mie­nen­spiel auf dif­fe­ren­zier­te Wei­se mit­ge­teilt wer­den (⊳ [[Affekt und Kommunikation|Af­fekt und Kom­mu­ni­ka­ti­on]]). Auch Al­ter, Ge­sund­heit und Ge­schlecht wer­den am Ge­sicht ab­ge­le­sen, sodass sich damit eine Ressou­rce für vieler­lei Nachrich­ten erschließt, die bildlich genutzt werden können. Seltsa­merwei­se dauert es histo­risch ver­hältnis­mäßig lange, bis diese Quelle erschlos­sen wurde. | |||
: | |||
Was wir mit Entwick­lungen der Gesichts­darstel­lung verbin­den, die in der Kunst von Holbein, Raffael, Rembrandt und Goya ihren Höhe­punkt erreicht hat, geht auf die vergan­genen 500 bis 2.000 Jahre zurück, eine erstaun­lich kurze Zeit­spanne für ein Motiv von dieser Bedeu­tung (Abb. 1). | |||
===Von frühen Darstellungen ...=== | |||
[[Datei:VenusDolniVestonice.jpg|thumb|Abb. 2: Frauen­statu­ette («Venus») von Dolni Vesto­nice (Süd-Mähren). Kera­mik, Gravet­tien, mit rudi­mentä­rer Gesichts­einzeich­nung (ca. 25.000 v.Chr.)]] | |||
Über wei­te Strecken der Vor- und Früh­ge­schich­te er­scheint die Dar­stel­lung des mensch­li­chen Ge­sich­tes un­ter­drückt, mas­ken­haft oder mar­gi­nal, als ru­di­men­tä­re Ein­zeich­nung auf dem oft amor­phen Fort­satz (Kopf) von recht ein­fa­chen, sche­ma­ti­sie­ren­den Kör­per­dar­stel­lun­gen aus Stein und Kno­chen (Vo­gel­herd, Au­rig­na­cien; Dol­ni Ves­to­ni­ce, Gra­vet­tien). Es han­delt sich um ein ver­all­ge­mei­ner­tes Ge­sichts­sche­ma, um Merk­ma­le, die von ei­nem spe­zi­fi­schen mor­pho­lo­gi­schen Ty­pus ab­se­hen (Abb. 2). Auf eine cha­rak­te­ris­ti­sche Kenn­zeich­nung wird auch dann ver­zich­tet, als die Ma­te­ri­a­lien (Ton, Mar­mor) leich­ter zu be­ar­be­iten sind, etwa auf su­me­ri­schen Sie­geln oder ky­kla­di­schen Ido­len. Auf eine Darstel­lung von Indi­viduen scheint es lange nicht anzu­kommen. Die Gesichts­darstel­lung bleibt emble­matisch, stereo­typ bis typi­sierend. Dies gilt selbst noch für die griechi­sche Plastik, wobei sich eine Aus­prägung ''verschie­dener'' Typen, diffe­renziert nach geschlecht­lichen und sozia­len Rollen etab­liert. Auch finden sich erste “ideal-typi­sche” Ausprä­gungen, wo es sich um die Darstel­lung von Göttern handelt. | |||
===... zu personen-orien­tierten Gesichts­darstel­lungen=== | |||
[[Datei:Röm-Portrait.png|thumb|Abb. 3: Por­trait einer Frau. Rö­misch (4. Jh.)]] | |||
Der Be­ginn ei­ner per­so­nen-ori­en­tier­ten Ge­sichts­dar­stel­lung fin­det sich in den ägyp­ti­schen Mu­mien­bil­dern der pto­le­mä­i­schen Zeit (Fa­yum), den To­ten-Bild­nis­sen in hel­le­nis­ti­scher sowie den Herr­scher­bild­nis­sen in rö­mi­scher Zeit (Abb. 3). Mu­mi­en- wie To­ten­bild­nis sind funk­ti­o­nell stär­ker an der Sub­sti­tu­ti­on der Per­son ori­en­tiert, wäh­rend die Kai­ser­bild­nis­se durch die Aus­deh­nung des rö­mi­schen Rei­ches als bild­li­che Ver­tre­tung (Sym­bol) der kon­kre­ten Herr­scher­per­son in den Pro­vin­zen wich­tig wur­den. In der rö­mi­schen Plas­tik spie­gelt sich die­se Ten­denz durch ei­ne stär­ke­re In­di­vi­du­a­li­sie­rung bis hin zum Port­rait wieder. | |||
: | |||
Was wir mit Portrait-Darstel­lung verbin­den, ist aber erst eine Frucht der Renais­sance­kunst, welche dem Ausdruck der souve­ränen Persön­lichkeit erstmals eine eige­ne Bühne berei­tet. Das perso­nenbe­zoge­ne Bildnis bleibt bis ins 20. Jahrhun­dert und darü­ber hinaus (A. Jaw­lenski, P. Picas­so, E.L. Kirchner, M. Beck­mann etc.) eine viel gepfleg­te Bildgat­tung der Kunst. In der mehr bildbe­zoge­nen Rezep­tion moder­ner Darstel­lungen gewinnt das mensch­liche Gesicht als Motiv die Bedeu­tung einer neu zu er­schließen­den Reiz-Land­schaft, als semio­tisches Expe­rimen­tier­feld sowie als Stim­mungs- und Werbe­träger mit höchst vielfäl­tigem Nachrich­tenpo­tential. Im Grunde jedoch geht es um die Er­schließung einer visu­ellen Wirkungs­dimen­sion, die im Menschen präfi­guriert ist und sich auch in viel frühe­ren Gesichts­darstel­lungen wie in einem Buddha-Kopf der Khmer oder einer hölzer­nen Idol­statue der Baule (Afri­ka) längst mani­festiert hat. | |||
==Cerebrale Deutungsschichten: Zur Neuro­psycho­logie der Gesichts­wahrneh­mung== | |||
< | ===Gesichtsschema als ange­bore­ne Wahr­nehmungs­kate­gorie=== | ||
< | Das menschliche Gesicht stellt visu­ell auf verschie­dene Ebe­nen mögli­cher Ausdeu­tungen ab, welche sich in der kultur­histo­rischen Matrix seiner Reprä­senta­tion durchaus abbil­den. Die lange währen­de und uni­versell über viele Kultu­ren zu beobach­tende Präsenz des strengen masken­haften Schema­gesich­tes in der frühen Bildge­schichte lässt sich einer­seits mit der Darstel­lungsfunk­tion der persön­lichen Verhül­lung (Indif­ferenz) im Kult bzw. mit gött­licher oder spiri­tuel­ler Bedeu­tung (Unbe­stimmbar­keit) im Bild verknüp­fen. Auf das Indi­viduum kam es kultur­geschicht­lich offen­bar nicht an, weit eher auf einen Umgang mit den höhe­ren Mächten. | ||
< | : | ||
< | Neuropsychologisch gibt es offen­bar eine sehr alte Grund­lage (Struktur), welche auf das visu­elle Zeichen oder Emblem ‘Gesicht’ in auto­nomer Weise anspricht. Säug­linge bis zu einem Alter von 12 Wochen rea­gieren zunächst auf einfa­che Gesichts­attrap­pen stärker als auf bild­liche Ausprä­gungen eines komple­xeren oder indi­viduel­len Gesich­tes, ausge­nommen auf das der Mutter oder Bezugs­person (<bib id='Fantz 1966a'></bib>; <bib id='Goren et al. 1975a'></bib>; <bib id='de Schonen et al. 1994a'></bib>). Eine neue­re Studie bestä­tigt den Zusam­menhang auf einer weite­ren Ebene. Gezeigt wurden sechs Mona­te alten Säug­lingen Gesichts­schemen mit verschie­denen Merkmals­varian­ten (Gesichts- und Nasen­länge, Nasen­breite und Augen­abstand) sowie Gesich­ter, die einen präzi­se errech­neten Mittel­wert aus diesen Muster­gesich­tern darstell­ten, so genannte ''Proto­typen''. Die Bevor­zugung galt signi­fikant den Proto­typen und unter­schied sich in nichts von jener in Tests mit erwach­senen Versuchs­perso­nen (<bib id='Strauss 1979a'></bib>). Auch sind bereits Neuge­bore­ne imstan­de, gesichts­ähnli­che von gesichts­unähn­lichen Attrap­pen zu unter­scheiden. In der gesichts­ähnli­chen Attrap­pe waren zwei Augen­flecken über einem Mundfleck ange­ordnet, in der Vergleichs­form diese Vertei­lung um 180° gedreht (<bib id='Valenza et al. 1996a'></bib>). Krite­rium der Aufmerk­samkeit war immer die Betrach­tungsdau­er. Proto­typen, d.h. Durchschnitts­gesich­ter, spielen auch eine Rolle bei der Schönheits­bewer­tung von Gesich­tern (s. weiter unten). Es könnte sein, dass das rudi­mentä­re Ele­mentar­gesicht auf einer eige­nen alten Wahrneh­mungsstruk­tur beruht, die mögli­cherwei­se unter dem Selek­tionsdruck entstanden ist, Menschen auf große Distanz als Menschen erken­nen und von größe­ren Tieren unter­scheiden zu können. Man spricht auch von Wahrneh­mungs­kate­gorie (<bib id='Pöppel 1982a'></bib>: S. 126 f (<bib id='Groß et al. 1981a'></bib>)). Dazu genü­gen weni­ge Merkma­le. | ||
< | |||
===Grundlage der Wahrneh­mung indi­vidu­eller Gesich­ter=== | |||
Die Ausprägung diffe­renzier­ter persön­licher Gesichts­merkma­le, wie sie mit der Entwick­lung des Portraits einher­geht und in der [[Malerei|Male­rei]] wie [[Skulptur|Skulptur]] zu unge­ahnten künstle­rischen Höhe­punkten geführt hat, hängt kultur­histo­risch mit der wachsen­den Geltung indi­viduel­ler Leistun­gen des Menschen als Kultur­träger wie auch als Verant­wortungs­träger in Wirtschaft und Wissen­schaft zusam­men. | |||
: | |||
Neuropsychologisch gibt es auch dafür den Nachweis eige­ner Wahr­nehmungs­struktu­ren im mensch­lichen Gehirn. Aus der Patho­logie sind Hinwei­se bekannt, nach welchen offen­bar korti­kale Zellpo­pula­tionen im Tempo­ralhirn für die Speiche­rung indi­vidu­eller Gesich­ter (Physio­gnomien) zustän­dig sind. Bei deren Beschä­digung sind Menschen nicht mehr imstan­de, ande­re Menschen an ihrem Gesicht zu erken­nen, wohl aber an zusätz­lichen Merkma­len wie Stimme, Schritt, Haar­tracht etc. Dieser Ausfall nennt sich Proso­pagno­sie (Gesichts­blindheit). | |||
: | |||
Nicht davon betroffen ist dabei das Erken­nen mimi­scher Signa­le wie Lachen, Lächeln, Ausdruck von Zorn, Über­raschung, Ekel etc., welches zu den grundle­genden Leistun­gen des Gehirns gehört und offen­bar an einem ande­ren Ort statt­findet. Menschen mit dieser Beein­trächti­gung sind also nicht mehr imstan­de zu sagen, ob sie das Gesicht einer Person schon einmal gese­hen haben (kennen), wohl aber, ob es sich um ein fröhli­ches, trauri­ges oder zorni­ges Gesicht handelt. Mit diesen auto­nomen Formen der Gesichts­verar­beitung ist das Gehirn gegen einen ganzheit­lichen Ausfall der Gesichts­wahrneh­mung gut abge­sichert. | |||
: | |||
Dass für die Wahrnehmung indi­vidu­eller Gesich­ter eine eige­ne neuro­nale Struktur aufge­baut wurde weist auf die zentra­le Bedeu­tung des Erken­nens einzel­ner Perso­nen hin, das mit dem Wachsen mensch­licher Verbän­de und Gesell­schaften notwen­dig wurde. Kate­goria­le (Was-)Erken­nung und physio­gnomi­sche (Wer-)Unter­scheidung stellen zwei verschie­dene Leistun­gen der Gesichts­wahrneh­mung dar, welche unab­hängig entstan­den sind und auf neuro­nalen Struktu­ren beruhen. Die Annah­me, dass das lange Vorherr­schen des Ele­mentar­gesich­tes in der Bildent­wicklung auf einer verzö­gerten Entwick­lung der entspre­chenden korti­kalen Struktu­ren für physio­gnomi­sches Erken­nen beru­he, wäre aller­dings ein Fehl­schluss. Indi­vidu­elles Erken­nen ist sicher­lich so alt wie schema­tisch-kate­goria­les und war von Anbe­ginn für eine Homi­nisa­tion in der Klein­gruppe wichtig. Kultur­geschicht­liche Fakto­ren spielen bei allen kultu­rellen Prozes­sen eine hemmen­de oder fördern­de Rolle. | |||
===Mimik als art­spezi­fisches Aus­drucks­mittel=== | |||
Ausdruck und Mimik sind ein weiteres diffe­renzier­tes Gesichts­merkmal, das zu den mensch­lichen Uni­versa­lien gehört. Das Grund­reper­toire ist art­spezi­fisch ange­legt und über alle Kultu­ren vergleich­bar, vor allem in den Basis-Emo­tionen Angst, Zorn, Freude, Trauer, Ekel und Er­schrecken. Grund­lage dafür sind 23 Muskel­paare, deren Kontrak­tion je nach Emo­tion nach gleichem Muster erfolgt (<bib id='Darwin 1872a'></bib>, <bib id='Ekman 1973a'></bib>; <bib id='Musterle & Roessler 1986a'></bib>). Auch Taub­blinde zeigen dieses Ausdrucks­verhal­ten, obwohl sie es an keinem sozia­len Modell erler­nen konnten (<bib id='Eibl-Eibesfeldt 1973a'></bib>). Zusätz­lich gibt es kultu­relle Vari­anten. Inter­kultu­relle Überein­stimmung gibt es auch im Beur­teilen und Verste­hen der Gesichts­aus­drücke durch Vertre­ter unter­schied­licher kultu­reller Herkunft (<bib id='Ekman 1973b'></bib>; <bib id='Eibl-Eibesfeldt 1995a'></bib>: S. 219 ff; 639). Dies macht die Mimik zu einem verläss­lichen nonver­balen kommu­nika­tiven System. | |||
== | ==Moderne Gesichts­deutun­gen== | ||
Auch die moderne Gesichts­darstel­lung zeigt sich in der Ausdeu­tung der drei verschie­denen Reprä­senta­tionen in Kunst und ande­ren Bildmedien ergie­big. | |||
===Bildende Kunst=== | |||
[[Datei:KleeFace-1.jpg|thumb|Abb. 4: Paul Klee: «Stig­ma­ti­siert»]] | |||
= | Das Ele­men­tar­ge­sicht er­weist sich ge­ra­de­zu als ein bild­li­cher Ar­che­typ in sehr per­si­sten­ter Auf­la­ge, etwa bei P. Klee, J. Du­buf­fet, A. Jaw­lens­ki u.a.. (Abb. 4) Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­tion von öf­fent­li­chen Zei­chen und Hin­weis­schil­dern be­dient sich über­dies des pu­ren Ge­sichts­sche­mas, bis hin zu den Smi­lies auf ur­ba­nen Leer­flä­chen (Graf­fi­ti) (<bib id='Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a'></bib>: S. 221f). Nach­rich­ten mit öf­fent­li­chem Cha­rak­ter lei­hen sich mit der Beistel­lung eines belie­bigen, für die Sache zumeist uner­hebli­chen “persön­lichen” Gesich­tes den Charak­ter der Glaub­würdig­keit und Haftbar­keit. | ||
: | |||
Die Malerei selbst enthebt sich seit gerau­mer Zeit der konkre­ten Physio­gnomie, weil der Perso­nenbe­zug nicht mehr wichtig erscheint; selbst im Foto­realis­mus (Ch. Close, F. Gertsch) geht es weni­ger um Portraits als um die Dar­stellung des physio­gnomi­schen Events als Beispiel unse­rer Gesell­schaft. Physio­gnomie als Reiz über­dauert das Inte­resse an der Person, indem sie per se eine Aussa­ge ist. Ausnah­men bilden mit Sicher­heit Francis Bacon und Lucian Freud, bei welchen die Gesich­ter in der darge­stellten existen­tiellen Bild-Situ­ation gleich­sam für nichts anderes als für sich selber stehen. | |||
: | |||
[[Datei:Liechtenstein-1.jpg|thumb|Abb. 5: Roy Lich­ten­stein: «Blon­de Wai­ting» (1964)]] | |||
Physio­gno­mien spie­len al­ler­dings ge­mein­sam mit mi­mi­schen Zei­chen in den mo­der­nen [[Comic|Co­mics]] ei­ne tra­gen­de Rol­le, hier wie­de­rum im Dien­ste ei­nes Nar­ra­tivs, wel­ches Funk­ti­on und Rol­le der Fi­gu­ren be­stimmt («Hard Boiled» von F. Mil­ler und G. Dar­row). Nicht ein­mal die gra­phi­schen Ste­reo­ty­pen von Roy Lich­ten­stein und Julian Opie ver­mö­gen es, phy­sio­go­mi­sche Zei­chen und Mi­mik völ­lig aus den Ge­sich­tern ih­rer Pro­ta­go­nis­ten zu ne­hmen – weil wir sie auch in mi­ni­ma­len Zei­chen le­sen wol­len und kön­nen (Abb. 5). | |||
===Werbung=== | |||
Ausdruck und Mimik gehören hinge­gen wie die Gesichts­schönheit zum zentra­len Instru­menta­rium der [[Werbung|Bild­werbung]]. Nach Studien von B. De­Paulo wirken Menschen mit einer ausdrucks­starken Mimik sympa­thischer als solche mit wenig Mimik (<bib id='Depaulo 1992a'></bib>). Außer­dem kann Mimik eine Mittei­lung enorm verstär­ken. Redu­zierte Mimik ist u.a. auch Zeichen einer klini­schen Depres­sion (<bib id='Ellgring 1989a'></bib>). Physio­gnomi­sche Merkma­le lassen sich vor allem als ‘Schön­heit’ oder ‘markan­te Männlich­keit’ mit Bild-Bedeu­tung aufla­den, bis hin zur poli­tischen Propa­ganda. Ein ausge­prägtes Kinn (Testos­teron) wird an Führungs­persön­lichkei­ten betont, Jugend und Schönheit an Befür­wortern eines Produkts oder poli­tischen Systems (⊳ [[Bildpolitik|Bildpo­litik]]). | |||
===== | ===Film=== | ||
Ein neueres Medium, das die Reize des Gesich­tes seman­tisiert, ist der ''[[Film]]''. Die volle Band­breite der mögli­chen Charak­tere vom Böse­wicht und Feig­ling bis zum Helden wird hier physio­gnomisch ausge­schöpft, wobei die Hauptrollen meist durch “attrak­tive” Darstel­ler besetzt werden (<bib id='Etcoff 2001a'></bib>; <bib id='Renz 2006a'></bib>). Expe­rimen­tell wurden hohe Symme­triewer­te als Krite­rium der Schön­heit belegt, wobei bio­logisch ein Zusam­menhang mit Hetero­zygotie (Mischer­bigkeit und Para­sitenre­sistenz) vermutet wird (<bib id='Thornhill & Gangestad 1993a'></bib>). Auch ''Ave­rage'' (Durch­schnitt­lichkeit) wurde biomet­risch als konsis­tentes Merkmal ermit­telt (<bib id='Langlois & Roggman 1990a'></bib>). Diese Proto­typen-Bildung ist gleich­zeitig ein Kenn­zeichen unse­rer visu­ellen Wahrneh­mung, die unent­wegt die Vari­anzen einzel­ner Vorkom­men kate­gori­siert und “mittelt” (<bib id='Rosch 1978a'></bib>; <bib id='Sütterlin 1998a'></bib>). Bio­metrisch ermit­telte Durch­schnitts­gesich­ter einer Popu­lation werden in vielen Kultu­ren als attrak­tiver beur­teilt als die indi­viduel­len Gesich­ter, wobei auch gerne unter­schieden wird zwischen der Persön­lichkeit und Ausstrah­lung eines Gesich­tes und seiner bloßen physi­schen Schönheit (<bib id='Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a'></bib>: S. 301).<br/> | |||
: | |||
Perfekte Formen von Symmet­rie und Durch­schnitt­lichkeit können aller­dings noch opti­miert werden. Die Tendenz geht dabei in Richtung ''Grazi­lisierung'' (<bib id='Johnston & Franklin 1993a'></bib>; <bib id='Grammer et al. 2002a'></bib>). Grazi­lisierung spielt bei der Attrak­tivität beider Geschlech­ter – als “Jugend­merkmal” – eine wichti­ge Rolle und ist aus evo­lutions­biolo­gischer Sicht gut belegt.<ref><bib id='Cunningham 1986a'></bib>; <bib id='Eibl-Eibesfeldt 1995a'></bib>: S. 921f.; <bib id='Johnston et al. 2001a'></bib>. Sie kom­bi­niert of­fen­bar ty­pi­sche “Kind­chen­merk­ma­le” (große Au­gen, klei­ner Mund) mit sol­chen der (hor­mo­nel­len) Rei­fe (ho­he pro­mi­nen­te Wan­gen­kno­chen).</ref> Inte­ressant ist dabei, dass diese allge­meinen Schönheits­merkma­le inter­kultu­rell als konsis­tent gelten (<bib id='Cunningham et al. 1995a'></bib>; <bib id='Dion 2002a'></bib>). | |||
: | |||
Das Gesicht ist von den altstein­zeitli­chen und Mega­lith-Kultu­ren bis in die Moder­ne ein Motiv von einzig­arti­ger Aussa­gekraft für die vielfäl­tige bild­liche Ausdeut­barkeit des Menschen (⊳ [[Maske]]). | |||
{{GlossarSiehe}} | |||
* [[Affekt und Kommunikation]] | |||
* [[Bildpolitik]] | |||
* [[Film]] | |||
* [[Malerei]] | |||
* [[Maske]] | |||
* [[Skulptur]] | |||
* [[Wahrnehmung]] | |||
<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern--> | <!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern--> | ||
| Zeile 50: | Zeile 92: | ||
{{GlosTab2}} | {{GlosTab2}} | ||
{{GlosTab3}} | {{GlosTab3}} | ||
''Ausgabe 1: 2013'' | |||
{{GlosTab4}} | |||
''Verantwortlich:'' | ''Verantwortlich:'' | ||
* [[Benutzer:Sütterlin|Sütterlin, Christa ]] | |||
[[Benutzer: | |||
{{GlosTab4}} | |||
''Lektorat:'' | |||
* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]] | |||
{{GlosTab5}} | |||
<!--den Schluß nicht verändern--> | <!--den Schluß nicht verändern--> | ||
{{ | {{GlosEndB}} | ||
<!--Das war's--> | <!--Das war's--> | ||
Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Bildverwendungstypen
Allgemeiner Horizont: KulturhistorischesWir überblicken zurzeit eine Bildgeschichte des menschlichen Gesichtes über einen Zeitraum von ca. 30.000 Jahren. Der „älteste Kunstgegenstand der Welt“ ([Morris 1994a]Morris, Desmond (1994): Das Tier Mensch. Verlagsgesellschaft, Köln. Es gibt vielerlei Gründe für ein bildnerisches Interesse am Motiv. Das Gesicht stellt zweifelsfrei das interessanteste, persönlichste und aufschlussreichste Merkmal des Menschen dar. In keinem Bereich der physischen menschlichen Erscheinung treten die individuellen Eigenschaften so dicht gehäuft zutage wie in der Physiognomie eines Menschen, sie bilden die wesentlichen Marker seiner Persönlichkeit und Identität. Darüber hinaus ist das Gesicht auch der expressivste und kommunikativste Teil des menschlichen Körpers und wesentlicher Träger des Ausdrucks von Stimmungen, Befindlichkeiten und Gefühl, die im Mienenspiel auf differenzierte Weise mitgeteilt werden (⊳ Affekt und Kommunikation). Auch Alter, Gesundheit und Geschlecht werden am Gesicht abgelesen, sodass sich damit eine Ressource für vielerlei Nachrichten erschließt, die bildlich genutzt werden können. Seltsamerweise dauert es historisch verhältnismäßig lange, bis diese Quelle erschlossen wurde. Was wir mit Entwicklungen der Gesichtsdarstellung verbinden, die in der Kunst von Holbein, Raffael, Rembrandt und Goya ihren Höhepunkt erreicht hat, geht auf die vergangenen 500 bis 2.000 Jahre zurück, eine erstaunlich kurze Zeitspanne für ein Motiv von dieser Bedeutung (Abb. 1). Von frühen Darstellungen ...Über weite Strecken der Vor- und Frühgeschichte erscheint die Darstellung des menschlichen Gesichtes unterdrückt, maskenhaft oder marginal, als rudimentäre Einzeichnung auf dem oft amorphen Fortsatz (Kopf) von recht einfachen, schematisierenden Körperdarstellungen aus Stein und Knochen (Vogelherd, Aurignacien; Dolni Vestonice, Gravettien). Es handelt sich um ein verallgemeinertes Gesichtsschema, um Merkmale, die von einem spezifischen morphologischen Typus absehen (Abb. 2). Auf eine charakteristische Kennzeichnung wird auch dann verzichtet, als die Materialien (Ton, Marmor) leichter zu bearbeiten sind, etwa auf sumerischen Siegeln oder kykladischen Idolen. Auf eine Darstellung von Individuen scheint es lange nicht anzukommen. Die Gesichtsdarstellung bleibt emblematisch, stereotyp bis typisierend. Dies gilt selbst noch für die griechische Plastik, wobei sich eine Ausprägung verschiedener Typen, differenziert nach geschlechtlichen und sozialen Rollen etabliert. Auch finden sich erste “ideal-typische” Ausprägungen, wo es sich um die Darstellung von Göttern handelt. ... zu personen-orientierten GesichtsdarstellungenDer Beginn einer personen-orientierten Gesichtsdarstellung findet sich in den ägyptischen Mumienbildern der ptolemäischen Zeit (Fayum), den Toten-Bildnissen in hellenistischer sowie den Herrscherbildnissen in römischer Zeit (Abb. 3). Mumien- wie Totenbildnis sind funktionell stärker an der Substitution der Person orientiert, während die Kaiserbildnisse durch die Ausdehnung des römischen Reiches als bildliche Vertretung (Symbol) der konkreten Herrscherperson in den Provinzen wichtig wurden. In der römischen Plastik spiegelt sich diese Tendenz durch eine stärkere Individualisierung bis hin zum Portrait wieder. Was wir mit Portrait-Darstellung verbinden, ist aber erst eine Frucht der Renaissancekunst, welche dem Ausdruck der souveränen Persönlichkeit erstmals eine eigene Bühne bereitet. Das personenbezogene Bildnis bleibt bis ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus (A. Jawlenski, P. Picasso, E.L. Kirchner, M. Beckmann etc.) eine viel gepflegte Bildgattung der Kunst. In der mehr bildbezogenen Rezeption moderner Darstellungen gewinnt das menschliche Gesicht als Motiv die Bedeutung einer neu zu erschließenden Reiz-Landschaft, als semiotisches Experimentierfeld sowie als Stimmungs- und Werbeträger mit höchst vielfältigem Nachrichtenpotential. Im Grunde jedoch geht es um die Erschließung einer visuellen Wirkungsdimension, die im Menschen präfiguriert ist und sich auch in viel früheren Gesichtsdarstellungen wie in einem Buddha-Kopf der Khmer oder einer hölzernen Idolstatue der Baule (Afrika) längst manifestiert hat.
Cerebrale Deutungsschichten: Zur Neuropsychologie der GesichtswahrnehmungGesichtsschema als angeborene WahrnehmungskategorieDas menschliche Gesicht stellt visuell auf verschiedene Ebenen möglicher Ausdeutungen ab, welche sich in der kulturhistorischen Matrix seiner Repräsentation durchaus abbilden. Die lange währende und universell über viele Kulturen zu beobachtende Präsenz des strengen maskenhaften Schemagesichtes in der frühen Bildgeschichte lässt sich einerseits mit der Darstellungsfunktion der persönlichen Verhüllung (Indifferenz) im Kult bzw. mit göttlicher oder spiritueller Bedeutung (Unbestimmbarkeit) im Bild verknüpfen. Auf das Individuum kam es kulturgeschichtlich offenbar nicht an, weit eher auf einen Umgang mit den höheren Mächten. Neuropsychologisch gibt es offenbar eine sehr alte Grundlage (Struktur), welche auf das visuelle Zeichen oder Emblem ‘Gesicht’ in autonomer Weise anspricht. Säuglinge bis zu einem Alter von 12 Wochen reagieren zunächst auf einfache Gesichtsattrappen stärker als auf bildliche Ausprägungen eines komplexeren oder individuellen Gesichtes, ausgenommen auf das der Mutter oder Bezugsperson ([Fantz 1966a]Fantz, Robert L. (1966): Pattern Discrimination and Selective Attention as Determinants of Perceptual Development from Birth. In: Kidd, A.H. & Rivoire, J.L (Hg.), Perceptual Development in Children. University Press, New York. Grundlage der Wahrnehmung individueller GesichterDie Ausprägung differenzierter persönlicher Gesichtsmerkmale, wie sie mit der Entwicklung des Portraits einhergeht und in der Malerei wie Skulptur zu ungeahnten künstlerischen Höhepunkten geführt hat, hängt kulturhistorisch mit der wachsenden Geltung individueller Leistungen des Menschen als Kulturträger wie auch als Verantwortungsträger in Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Neuropsychologisch gibt es auch dafür den Nachweis eigener Wahrnehmungsstrukturen im menschlichen Gehirn. Aus der Pathologie sind Hinweise bekannt, nach welchen offenbar kortikale Zellpopulationen im Temporalhirn für die Speicherung individueller Gesichter (Physiognomien) zuständig sind. Bei deren Beschädigung sind Menschen nicht mehr imstande, andere Menschen an ihrem Gesicht zu erkennen, wohl aber an zusätzlichen Merkmalen wie Stimme, Schritt, Haartracht etc. Dieser Ausfall nennt sich Prosopagnosie (Gesichtsblindheit). Nicht davon betroffen ist dabei das Erkennen mimischer Signale wie Lachen, Lächeln, Ausdruck von Zorn, Überraschung, Ekel etc., welches zu den grundlegenden Leistungen des Gehirns gehört und offenbar an einem anderen Ort stattfindet. Menschen mit dieser Beeinträchtigung sind also nicht mehr imstande zu sagen, ob sie das Gesicht einer Person schon einmal gesehen haben (kennen), wohl aber, ob es sich um ein fröhliches, trauriges oder zorniges Gesicht handelt. Mit diesen autonomen Formen der Gesichtsverarbeitung ist das Gehirn gegen einen ganzheitlichen Ausfall der Gesichtswahrnehmung gut abgesichert. Dass für die Wahrnehmung individueller Gesichter eine eigene neuronale Struktur aufgebaut wurde weist auf die zentrale Bedeutung des Erkennens einzelner Personen hin, das mit dem Wachsen menschlicher Verbände und Gesellschaften notwendig wurde. Kategoriale (Was-)Erkennung und physiognomische (Wer-)Unterscheidung stellen zwei verschiedene Leistungen der Gesichtswahrnehmung dar, welche unabhängig entstanden sind und auf neuronalen Strukturen beruhen. Die Annahme, dass das lange Vorherrschen des Elementargesichtes in der Bildentwicklung auf einer verzögerten Entwicklung der entsprechenden kortikalen Strukturen für physiognomisches Erkennen beruhe, wäre allerdings ein Fehlschluss. Individuelles Erkennen ist sicherlich so alt wie schematisch-kategoriales und war von Anbeginn für eine Hominisation in der Kleingruppe wichtig. Kulturgeschichtliche Faktoren spielen bei allen kulturellen Prozessen eine hemmende oder fördernde Rolle. Mimik als artspezifisches AusdrucksmittelAusdruck und Mimik sind ein weiteres differenziertes Gesichtsmerkmal, das zu den menschlichen Universalien gehört. Das Grundrepertoire ist artspezifisch angelegt und über alle Kulturen vergleichbar, vor allem in den Basis-Emotionen Angst, Zorn, Freude, Trauer, Ekel und Erschrecken. Grundlage dafür sind 23 Muskelpaare, deren Kontraktion je nach Emotion nach gleichem Muster erfolgt ([Darwin 1872a]Darwin, Charles (1872): On the Expression of the Emotions in Man and Animals. Murray, London.
Moderne GesichtsdeutungenAuch die moderne Gesichtsdarstellung zeigt sich in der Ausdeutung der drei verschiedenen Repräsentationen in Kunst und anderen Bildmedien ergiebig. Bildende KunstDas Elementargesicht erweist sich geradezu als ein bildlicher Archetyp in sehr persistenter Auflage, etwa bei P. Klee, J. Dubuffet, A. Jawlenski u.a.. (Abb. 4) Eine ganze Generation von öffentlichen Zeichen und Hinweisschildern bedient sich überdies des puren Gesichtsschemas, bis hin zu den Smilies auf urbanen Leerflächen (Graffiti) ([Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus & Sütterlin, Christa (2008): Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation. Brandstätter, Wien. Die Malerei selbst enthebt sich seit geraumer Zeit der konkreten Physiognomie, weil der Personenbezug nicht mehr wichtig erscheint; selbst im Fotorealismus (Ch. Close, F. Gertsch) geht es weniger um Portraits als um die Darstellung des physiognomischen Events als Beispiel unserer Gesellschaft. Physiognomie als Reiz überdauert das Interesse an der Person, indem sie per se eine Aussage ist. Ausnahmen bilden mit Sicherheit Francis Bacon und Lucian Freud, bei welchen die Gesichter in der dargestellten existentiellen Bild-Situation gleichsam für nichts anderes als für sich selber stehen. Physiognomien spielen allerdings gemeinsam mit mimischen Zeichen in den modernen Comics eine tragende Rolle, hier wiederum im Dienste eines Narrativs, welches Funktion und Rolle der Figuren bestimmt («Hard Boiled» von F. Miller und G. Darrow). Nicht einmal die graphischen Stereotypen von Roy Lichtenstein und Julian Opie vermögen es, physiogomische Zeichen und Mimik völlig aus den Gesichtern ihrer Protagonisten zu nehmen – weil wir sie auch in minimalen Zeichen lesen wollen und können (Abb. 5). WerbungAusdruck und Mimik gehören hingegen wie die Gesichtsschönheit zum zentralen Instrumentarium der Bildwerbung. Nach Studien von B. DePaulo wirken Menschen mit einer ausdrucksstarken Mimik sympathischer als solche mit wenig Mimik ([Depaulo 1992a]DePaulo, Bella M. (1992): Nonverbal Behavior and Self Presentation. Psychological Bulletin, 111, 2. FilmEin neueres Medium, das die Reize des Gesichtes semantisiert, ist der Film. Die volle Bandbreite der möglichen Charaktere vom Bösewicht und Feigling bis zum Helden wird hier physiognomisch ausgeschöpft, wobei die Hauptrollen meist durch “attraktive” Darsteller besetzt werden ([Etcoff 2001a]Etcoff, Nancy (2001): Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen. Diederichs, München. Perfekte Formen von Symmetrie und Durchschnittlichkeit können allerdings noch optimiert werden. Die Tendenz geht dabei in Richtung Grazilisierung ([Johnston & Franklin 1993a]Johnston, Victor S. & Franklin, Melissa (1993): Is Beauty in the Eye of the Beholder?. Ethology and Sociobiology, 14. Das Gesicht ist von den altsteinzeitlichen und Megalith-Kulturen bis in die Moderne ein Motiv von einzigartiger Aussagekraft für die vielfältige bildliche Ausdeutbarkeit des Menschen (⊳ Maske). Siehe auch: |
Anmerkungen
Literatur
[Cunningham 1986a]Cunningham, Michael R. (1986): Measuring the Physical in Physical Attractiveness: Quasi-Experiments on the Sociobiology of Female Facial Beauty. J. Personality and Social Psychology, 50.[Cunningham et al. 1995a]Cunningham, Michael R.; Roberts, Alan R.; Barbee, Anita P.; Druen, Perri B. & Wu, Cheng-Huan (1995): „Their Ideas of Beauty are, on the Whole, the Same as Ours“: Consistency and Variability in the Cross-Cultural Perception of Female Physical Attractiveness. J. Personality and Social Psychology, 68.[Darwin 1872a]Darwin, Charles (1872): On the Expression of the Emotions in Man and Animals. Murray, London.[Depaulo 1992a]DePaulo, Bella M. (1992): Nonverbal Behavior and Self Presentation. Psychological Bulletin, 111, 2.[Dion 2002a]Dion, Karen K. (2002): Cultural Perspectives on Facial Attractiveness. In: Rhodes, G. & Zebrowitz, L.A. (Hg.), Facial Attractiveness. Evolutionary, Cognitive, and Social Perspectives. Ablex, Westport, CT.[Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus & Sütterlin, Christa (2008): Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation. Brandstätter, Wien.[Eibl-Eibesfeldt 1973a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1973): The Expressive Behavior of the Deaf and Blind Born. In: Cranach, M. v. & Vine, I. (Hg.), Social Communication and Movement. Academic Press, London.[Eibl-Eibesfeldt 1995a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1995): Die Biologie menschlichen Verhaltens. Lehrbuch der Humanethologie. Piper, München.[Ekman 1973a]Ekman, Paul (Hg.) (1973): Darwin and Facial Expression. Academic Press, New York, London.[Ekman 1973b]Ekman, Paul (1973): Cross Cultural Studies of Facial Expression. In: Ekman, P. (Hg.), Darwin and Facial Expression. Academic Press, New York, London.[Ellgring 1989a]Ellgring, Heiner (1989): Nonverbal communication in depression. Cambridge University Press, Cambridge.[Etcoff 2001a]Etcoff, Nancy (2001): Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen. Diederichs, München.[Fantz 1966a]Fantz, Robert L. (1966): Pattern Discrimination and Selective Attention as Determinants of Perceptual Development from Birth. In: Kidd, A.H. & Rivoire, J.L (Hg.), Perceptual Development in Children. University Press, New York.[Goren et al. 1975a]Goren, Carolyn C.; Sarty, Merrill & Wu, Paull Y. K. (1975): Visual Following and Pattern Discrimination of Face-like Stimuli by Newborn Infants. Pediatrics, 56.[Grammer et al. 2002a]Grammer, Karl, Fink, Bernhard & Renninger, LeeAnn (2002): Dynamic Systems and Inferential Information Processing in Human Communication. Neuroendocrinology Letters, 23.[Groß et al. 1981a]Gross, C.G. & Bruce, C.J. & Desimone, R. & Fleming, J. & Gattass, R. (1981): Cortical Visual Areas of the Temporal Lobe: Three Areas in the Macaque. In: Woolsey, C.N. (Hg.), Cortical Sensory Organization. Vol. 2: Multiple Visual Areas. Humana Press, Totowa N.J.[Johnston & Franklin 1993a]Johnston, Victor S. & Franklin, Melissa (1993): Is Beauty in the Eye of the Beholder?. Ethology and Sociobiology, 14.[Johnston et al. 2001a]Johnston, Victor S. & Hagel, Rebecca & Franklin, Melissa & Fink, Bernhard & Grammer, Karl (2001): Male Facial Attractiveness. Evidence for Hormone-mediated Adaptive Design. Evolution and Human Behavior, 22.[Langlois & Roggman 1990a]Langlois, Judith H. & Roggman, Lori A. (1990): Attractive Faces Are Only Average. American Psychol. Society, 1/2.[Morris 1994a]Morris, Desmond (1994): Das Tier Mensch. Verlagsgesellschaft, Köln.[Musterle & Roessler 1986a]Musterle, Wilfried A. & Roessler, Otto E. (1986): Computer Faces: The Human Lorenz Matrix. Bio Systems, 19.[Pöppel 1982a]Pöppel, E. (1982): Lust und Schmerz. Severin & Siedler, München.[Renz 2006a]Renz, U. (2006): Schönheit. Eine Wissenschaft für sich. Berlin Verlag, Berlin.[Rosch 1978a]Rosch, E.H. (1978): Principles of Categorization. In: Rosch, E.H. & Lloyd, B. B. (Hg.), Cognition and Categorization. Erlbaum, Hillsdale, NJ.[Strauss 1979a]Strauss, M.S. (1979): Abstraction of Prototypical Information by Adults and 10-month-old Infants. J. of Experimental Psychology: Human Leraning and Memory, 5.[Sütterlin 1998a]Sütterlin, Christa (1998): Grenzen der Komplexität. Die Kunst als Bild der Wirklichkeit. Neuropsychologische und ethologische Erkenntnisse in der Kunst. In: Wobus, A.M. & Wobus, U. (Hg.), Vom Einfachen zur Ganzheitlichkeit. Das Problem der Komplexität auf organismischer und soziokultureller Ebene. Barth, Heidelberg [u.a.].[Thornhill & Gangestad 1993a]Thornhill, R. & Gangestad, S.W. (1993): Human Facial Beauty: Averageness, Symmetry, and Parasite Resistance. Human Nature, 4.[Valenza et al. 1996a]Valenza, E. & Simion, F. & Cassia, V.M. & Umiltà, C. (1996): Face Preference at Birth. J. of Experimental Psychology (Human Perception and Performance) , 22, 4.[de Schonen et al. 1994a]de Schonen, S.; Deruelle, C.; Pascalis, O.; & Mancini, J. (1994): About Functional Brain Specialization. The Development of Face Recognition (Functional Cerebral Specialization in the Development of Face Recognition / A propos de la notion de specialisation cerebrale fonctionnelle: le développement de la reconnaissance des visages). Psychologie française, 39, 3. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch und Marcel Lemmes — (Hinweis) Zitierhinweis: |




