Kommunikologie: Unterschied zwischen den Versionen
K Schützte „Kommunikologie“: Abschluß der Bearbeitung ([edit=sysop] (unbeschränkt) [move=sysop] (unbeschränkt)) |
K Textersetzung - „{{GlosTab5}}↵<bibdummy>“ durch „{{GlosTab5}}“ |
||
| (4 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 19: | Zeile 19: | ||
Flusser unterscheidet in seinem Buch «Kommu­niko­logie» zwei unter­schiedli­che Formen der Kommu­nika­tion, den Dialog und den Diskurs, die er später an Medien knüpft, welche er dahin­gehend in dialo­gische und diskur­sive Medien einteilt.<ref>Flus­sers Un­ter­schei­dung von Di­a­log und Dis­kurs ist stark von Mar­tin Bu­bers Ich-Du- und Ich-Es-Un­ter­schei­dung ge­prägt (vgl. <bib id='Buber 1995a'>Bu­ber 1995a</bib>, <bib id='Bidlo 2006a'>Bid­lo 2006a</bib>).</ref> | Flusser unterscheidet in seinem Buch «Kommu­niko­logie» zwei unter­schiedli­che Formen der Kommu­nika­tion, den Dialog und den Diskurs, die er später an Medien knüpft, welche er dahin­gehend in dialo­gische und diskur­sive Medien einteilt.<ref>Flus­sers Un­ter­schei­dung von Di­a­log und Dis­kurs ist stark von Mar­tin Bu­bers Ich-Du- und Ich-Es-Un­ter­schei­dung ge­prägt (vgl. <bib id='Buber 1995a'>Bu­ber 1995a</bib>, <bib id='Bidlo 2006a'>Bid­lo 2006a</bib>).</ref> | ||
: | : | ||
===Dialog und Diskurs=== | <!--===Dialog und Diskurs===--> | ||
Flusser versteht den Dia­log als einen Prozess, „bei dem auf verschie­dene Gedächt­nisse aufge­teilte Infor­matio­nen zu einer neuen Infor­mation synthe­tisiert werden“ (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 286). Dialo­gische Medien sind dann Medien, die den Dialog in seiner Entfal­tung unter­stützen und die Neuschöp­fung von Infor­matio­nen ermög­lichen. Der Diskurs verteilt dage­gen vorhan­dene Infor­matio­nen. Beide Formen, Dialog und Diskurs, benö­tigen einan­der; der Dialog benö­tigt Infor­matio­nen, die zuvor von den Betei­ligten durch Diskur­se ange­sammelt wurden. Der Diskurs wiede­rum entsteht erst aus der Vertei­lung von Infor­matio­nen, die zuvor in einem Dialog neu synthe­tisiert wurden. Solcher­art gibt es keine Präze­denz, denn jedes dialo­gische Medium kann zu einem diskur­siven und umge­kehrt werden. | Flusser versteht den Dia­log als einen Prozess, „bei dem auf verschie­dene Gedächt­nisse aufge­teilte Infor­matio­nen zu einer neuen Infor­mation synthe­tisiert werden“ (<bib id='Flusser 2003a'></bib>: S. 286). Dialo­gische Medien sind dann Medien, die den Dialog in seiner Entfal­tung unter­stützen und die Neuschöp­fung von Infor­matio­nen ermög­lichen. Der Diskurs verteilt dage­gen vorhan­dene Infor­matio­nen. Beide Formen, Dialog und Diskurs, benö­tigen einan­der; der Dialog benö­tigt Infor­matio­nen, die zuvor von den Betei­ligten durch Diskur­se ange­sammelt wurden. Der Diskurs wiede­rum entsteht erst aus der Vertei­lung von Infor­matio­nen, die zuvor in einem Dialog neu synthe­tisiert wurden. Solcher­art gibt es keine Präze­denz, denn jedes dialo­gische Medium kann zu einem diskur­siven und umge­kehrt werden. | ||
: | : | ||
| Zeile 48: | Zeile 48: | ||
{{GlosTab2}} | {{GlosTab2}} | ||
{{GlosTab3}} | {{GlosTab3}} | ||
''Ausgabe 1: 2013'' | |||
{{GlosTab4}} | |||
''Verantwortlich:'' | ''Verantwortlich:'' | ||
| Zeile 55: | Zeile 57: | ||
''Lektorat:'' | ''Lektorat:'' | ||
* [[Benutzer:Mark A. Halawa|Halawa, Mark]] | * [[Benutzer:Mark A. Halawa|Halawa, Mark]] | ||
{{GlosTab5}} | |||
<!--den Schluß nicht verändern--> | <!--den Schluß nicht verändern--> | ||
{{ | {{GlosEndB}} | ||
<!--Das war's--> | <!--Das war's--> | ||
Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze
Kommunikologie als Lehre von der menschlichen KommunikationDer Begriff der Kommunikologie geht auf Vilém Flusser zurück.[1] Flusser bezeichnet die Lehre von der menschlichen Kommunikation als Kommunikologie. Menschliche Kommunikation ist ihm zufolge ein kultureller Vorgang, der sich auf die Erfindung von zu Codes organisierten Symbolen gründet. Diese Codes verhüllen die Natur, und diese Hülle ist für Flusser die Kultur. Und da die Welt der Symbole gedeutet und nicht erklärt werden muss, sie also interpretativ anzugehen ist, verortet er die menschliche Kommunikation in den Bereich der Geisteswissenschaft und verzichtet darauf, „in der Symbolisierung ein biologisches Phänomen zu sehen“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M. Flusser untersucht, wie über den kommunikativen Prozess Informationen gespeichert, verändert und weiterverteilt werden. Auf diesem Wege kommt er zu einer Sichtweise und Bewertung von (Medien)Technologie, durch die er einen Wandel im zwischenmenschlichen Verhältnis konstatiert. Die Codes, mit denen und durch die sich die Menschen verständigen und der Welt einen Sinn zu geben vermögen, wandeln sich. Flusser sieht sogar einen „Umsturz der Codes“ durch TV, Video und Computer gegeben, den er in seiner Heftigkeit mit der industriellen Revolution und ihrer Auswirkung auf die Arbeitswelt gleichsetzt. Ausgehend vom Menschen, seinen Codes, der Sprache, seinen Gesten, weitergehend in Richtung Bilder und Technobilder hin zu technischen Apparaturen wie TV, Video oder Computer wirft Flusser einen Blick auf die damit einhergehenden Veränderungen in der menschlichen Kommunikation und den Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Kommunikologie als Dialog und DiskursFlusser unterscheidet in seinem Buch «Kommunikologie» zwei unterschiedliche Formen der Kommunikation, den Dialog und den Diskurs, die er später an Medien knüpft, welche er dahingehend in dialogische und diskursive Medien einteilt.[2] Flusser versteht den Dialog als einen Prozess, „bei dem auf verschiedene Gedächtnisse aufgeteilte Informationen zu einer neuen Information synthetisiert werden“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M. Flusser synthestisiert aus zwei Dialogarten, die er unterscheidet, eine neue Form des Dialogs. Zum einen nennt Flusser den griechischen (kreisförmigen) Dialog, so wie er von Sokrates praktiziert wurde. Hier steht der Logos im Mittelpunkt und der Erkenntnisgewinn. Wissen soll durch den Dialog gewonnen (oder validiert) werden. Davon abzugrenzen ist nun eine jüdisch-christliche Dialogvorstellung, die Flusser als Netzdialog fasst und die bisher noch nicht oder nur wenig in den Blick der westlichen Denktradition gekommen ist.
Der Netzdialog ist vom Kreisdialog durch seine Offenheit zu unterscheiden und fußt auf eine andere, eben jüdische Ontologie. In der griechischen Ontologie wird der Mensch zur Welt in einem Subjekt-Objekt-Verhältnis gesehen: Der Mensch ist als »Ich« der Welt als »Es« gegenübergestellt. Im Judentum dagegen steigt das »Ich« aus dem Angesprochenwerden des »Du Gottes« empor. Es ist ein partnerschaftliches „»Du«“, das den Griechen fremd ist. Während die Form des griechischen Dialogs auf die Bildung neuer Informationen aus ist, betont der jüdische Dialog das Antworten auf das Angesprochenwerden und die daraus erwachsende Verantwortung für das Du. Aus diesen beiden Dialogformen synthetisiert Flusser seine Dialogform, die zum einen die Erzeugung von Informationen als Kennzeichen des griechischen Dialogs beinhaltet. Zum anderen kommt damit der Aspekt des Antwortens und Verantwortens als existenzieller Aspekt des jüdischen Dialogs hinzu. Die Einschränkungen des Kreisdialogs führen Flusser zur Präferenz einer Netzstruktur als das Muster, welches die Bedingungen – Informationsgenerierung und Ausbildung zwischenmenschlicher Beziehung als existentielle Erfüllung des Menschen – am besten erfüllen und sich zugleich den sich ausbreitenden Diskursen entgegenstellen kann. Kommunikation kann nach Flusser nur dann ihren Zweck erfüllen, nämlich die Einsamkeit und Sinnlosigkeit zu überwinden, „wenn sich Diskurs und Dialog das Gleichgewicht halten“ ([Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M. Durch die Unterscheidung der beiden Kommunikationsformen »Dialog« und »Diskurs« kommt Flusser zu einer Einteilung der Medien, die sich in diskursive und dialogische Medien einteilen lassen und in denen besonders die elektronischen Medien zur Geltung kommen. Denn gerade das Fernsehen ist ein Beispiel für eine Besiedlung des Lebensraumes der Menschen mit einer Diskursform, die keine Antwort- und Reaktionsmöglichkeit mehr gestattet. Und ein weiterer wichtiger Punkt tritt in diesem Zusammenhang auf, der über die strukturellen Aspekte hinaus geht. Denn z.B. mit dem Fernseher ist eine besondere Plattform für die Technobilder geboten: diese stellen einen völlig anderen Code dar, der ein anderes Grundverständnis als der alte alphanumerische Code und das traditionelle Bild als Code erfordern. Der Code der technischen Bilder, der nun Einzug in die Wohnzimmer hält, ist als ein Wechsel in der Kodierung anzusehen. Und die Codes sind es, die uns programmieren. Die menschliche Kommunikation, so wie sie Flusser in seiner Kommunikologie fasst, dient dazu, Informationen zu speichern, zu prozessieren und zugleich weiterzugeben. Entsprechend ist Kultur eine menschliche Vorrichtung, um Informationen zu speichern und weiterzugeben. Die Menschen versuchen durch Kommunikation zugleich sich selbst zu transzendieren, indem sie neue Informationen prozessieren, um so der Entropie des Universums zu entkommen. Der Mensch kommuniziert dergestalt, um den Tod und die Einsamkeit zu überwinden. |
Anmerkungen
Literatur
[Bidlo 2006a]Bidlo, Oliver (2002): Martin Buber. Ein vergessener Klassiker der Kommunikationswissenschaft? Dialogphilosophie in kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Tectum, Marburg.[Bidlo 2008a]Bidlo, Oliver (2008): Vilém Flusser. Einführung. Oldib, Essen.[Buber 1995a]Martin Buber (1995): Ich und Du. Reclam, Stuttgart.[Flusser 2003a]Flusser, Vilém (2003): Kommunikologie. Fischer, Frankfurt/M. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa, Oliver Bidlo und Marcel Lemmes — (Hinweis) Zitierhinweis: |