Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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==Zur Typologie der Zeichen==


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Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die An&shy;gabe des rele&shy;vanten Ober&shy;begriffs und der jewei&shy;ligen spezi&shy;fischen Differenz im Ver&shy;hältnis zu diesem unter&shy;geordneten Begriffen expli&shy;ziert. Bilder können diesem Ver&shy;fahren gemäß als spezielle [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen]] einge&shy;führt werden. Hier&shy;bei dient der Zeichen&shy;begriff als Ober&shy;begriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezi&shy;fisches, die unter&shy;schiedlichen Zeichen unter&shy;scheidendes Merk&shy;mal einge&shy;grenzt werden muss. Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe ist als ein solches Merk&shy;mal intendiert, das nur den bild&shy;lichen Zeichen zu&shy;kommen und das daher als spezi&shy;fische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigen&shy;schaft der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der [[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität|Ähn&shy;lich&shy;keit]], ist aber keineswegs mit Ähn&shy;lich&shy;keit zu iden&shy;tifi&shy;zieren. Gegen&shy;stände, die nach Ähn&shy;lich&shy;keits&shy;krite&shy;rien inter&shy;pretiert werden, müssen keine wahr&shy;nehmungs&shy;nahen Zeichen sein, zudem ist Ähn&shy;lich&shy;keit auch nicht das einzige Kriterium einer wahr&shy;nehmungs&shy;nahen Rezep&shy;tion.
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
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Die Explikation von Bildern als wahr&shy;nehmungs&shy;nahe Zeichen (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>) geht auf die ein&shy;fluss&shy;reiche Typo&shy;logie von [[Bildsemiotik|Charles S. Peirce]] zurück, nach dem die [[Symbol, Index, Ikon|ikoni&shy;schen]] Zeichen eine von drei Zeichen&shy;klassen (neben den indexi&shy;kalischen und symbo&shy;lischen Zeichen) bilden. Das Ikoni&shy;sche soll mit dem Begriff der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe genauer spezi&shy;fiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzu&shy;geben, dass der Status des jewei&shy;ligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die beson&shy;dere Rezep&shy;tion, insbe&shy;sondere durch das jeweils verwen&shy;dete Schluss&shy;verfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegen&shy;stand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammen&shy;hängen (als Wirkung und damit als An&shy;zeichen) oder in assozia&shy;tiven, ähn&shy;lich&shy;keits&shy;beding&shy;ten Zusammen&shy;hängen oder auch in regel&shy;geleiteten, konven&shy;tionellen Zusammen&shy;hängen inter&shy;pretiert wird. Entsprechend ist Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe eine Eigen&shy;schaft, mit der die&shy;jenigen Schluss&shy;verfahren charakte&shy;risiert werden sollen, die auf wahr&shy;nehmungs&shy;eigene Standards beruhen.  
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
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<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 




==Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezi&shy;fische Eigen&shy;schaft von Bildern==
Was zeichnet ''bildliche'' Zeichen aus? Die spezi&shy;fische Differenz, die Bilder vor allem von sprach&shy;lichen Zeichen abhebt, liegt dem Krite&shy;rium der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe zufolge darin, dass ihre Ver&shy;wendung in beson&shy;derer Weise an bestimmte [[Bildrezeption als Kommunikationsprozess|Wahr&shy;nehmungs&shy;prozesse]] gekoppelt ist. Diese Koppe&shy;lung muss natür&shy;lich mehr als die Wahr&shy;nehmung der Zeichen&shy;träger sein, denn auch sprach&shy;liche Zeichen müssen offen&shy;sicht&shy;lich wahrge&shy;nommen werden. Über die Wahr&shy;nehmung der Zeichen&shy;träger hinaus soll Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe für die Zeichen&shy;inter&shy;preta&shy;tion rele&shy;vant sein: Zumin&shy;dest einige Aspekte der Bedeu&shy;tung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich dem&shy;nach aus der Struktur der Zeichen&shy;träger ergeben, während die Zeichen&shy;träger arbi&shy;trärer Zeichen in der Regel keiner&shy;lei Hin&shy;weise auf die ent&shy;sprechen&shy;de Bedeu&shy;tung ent&shy;halten.  Dies entspricht dem semio&shy;tischen Begriff der Moti&shy;viert&shy;heit. Ein Gegen&shy;stand kann also immer dann als ein wahr&shy;nehmungs&shy;nahes Zeichen aufge&shy;fasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grund&shy;lage unserer Wahr&shy;nehmungs&shy;kompe&shy;tenzen zuweisen.
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Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahr&shy;nehmung logisch vorge&shy;schaltet. Während der Wahr&shy;nehmungs&shy;begriff eine spezielle Klasse psychi&shy;scher Erleb&shy;nisse umfasst, be&shy;zeichnet der Begriff der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe eine Relation, die wir einem Gegen&shy;stand mit Bezug auf eine spezi&shy;fische Ein&shy;stellung bzw. Wahr&shy;nehmung zu&shy;schreiben: Ein Zeichen ist wahr&shy;nehmungs&shy;nah relativ zum Wahr&shy;nehmen&shy;den und zu dessen Wahr&shy;nehmungs&shy;kompe&shy;tenzen, seien diese nun kultur&shy;inva&shy;riant oder nicht. Der Begriff der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe meint so&shy;dann eine vom Zeichen&shy;ver&shy;wender ab&shy;hängige gradu&shy;elle Eigen&shy;schaft.
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Die Besonderheit einer wahrnehmung&shy;snahen Inter&shy;pretation liegt am stärksten bei [[Simulation / Illusion|illu&shy;sionisti&shy;schen Bildern]] vor. Zwar müssen wir auch hier bereits ver&shy;standen haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine all&shy;gemeine Zeichen&shy;kompetenz besitzen, die auch konven&shy;tionelle Vor&shy;gaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild darge&shy;stellt ist, können wir im Wesent&shy;lichen auf die Prozesse zurück&shy;greifen, die wir mit der Fähig&shy;keit zur Gegen&shy;stands&shy;wahr&shy;nehmung bereits besitzen. Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe meint in diesem Fall also eine weit&shy;gehende Iden&shy;tität von [[Bildwahrnehmung vs. Objektwahrnehmung|Gegen&shy;stands- und Bild&shy;wahr&shy;nehmung]].
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Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegen&shy;stand als figür&shy;liches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegen&shy;stands&shy;wahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe ist aber durch&shy;aus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahr&shy;nehmungs&shy;modalitäten, sondern ist zudem auf Gegen&shy;stände anwendbar, die wir üblicher&shy;weise gar nicht als Zeichen auf&shy;fassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegen&shy;ständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hier&shy;von liegt bei [[Wahrnehmungsillusion|Wahr&shy;nehmungs&shy;täuschungen]] vor, wenn wir beispiels&shy;weise im Dämmer&shy;licht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visu&shy;ellen Eigen&shy;schaften und relativ zu unseren Wahr&shy;nehmungs&shy;standards eine Wahr&shy;nehmungs&shy;[[gestalt]] zu evo&shy;zieren ver&shy;mag, die üblicher&shy;weise für die Wahr&shy;nehmung von Per&shy;sonen vorge&shy;sehen ist (⊳ [[Dezeptiver und immersiver Modus|Dezep&shy;tiver und immer&shy;siver Modus]]).
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Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst einge&shy;setzt, wenn wir beispiels&shy;weise im wolken&shy;durch&shy;zogenen Abend&shy;himmel ausge&shy;dehnte Land&shy;schaften erkennen oder – einer Empfeh&shy;lung Leo&shy;nardo da Vincis folgend (vgl. <bib id='da Vinci 1990a'></bib>: S. 385) – bei der Betrach&shy;tung alter Mauern die verschie&shy;densten phan&shy;tastischen und wunder&shy;samen Gestalten erblicken. Hier&shy;bei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offen&shy;sichtlich lassen sich ihre Ober&shy;flächen&shy;strukturen aber in mehr oder weniger phantasie&shy;voller Weise inter&shy;pretieren, da sie einen mit&shy;unter sehr plastischen Eindruck von selbst nicht anwesenden Gegen&shy;ständen bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahr&shy;nehmungs&shy;erleb&shy;nis, bei dem wir von der Wahr&shy;nehmungs&shy;nähe Gebrauch machen, die [[Gegenstand der visuellen Wahrnehmung|Gegen&shy;stände]] relativ zu unserer beste&shy;henden Wahr&shy;nehmungs&shy;kompe&shy;tenz anderen Gegen&shy;ständen gegenüber aufweisen.
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=====Engere Begriffsbestimmung=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
==Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu ver&shy;wandten Be&shy;griffen==
 
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semio&shy;tik gebräuch&shy;lichen Begriffen der Moti&shy;viert&shy;heit und der Ikoni&shy;zität (vgl. <bib id='Sonesson 1989a'></bib>). In neueren Arbeiten zur semio&shy;tischen Bild&shy;theorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradi&shy;tion verhalten, lässt sich eine enge Verbin&shy;dung des Ikoni&shy;zitäts&shy;modells sowohl zu pragma&shy;tischen als auch zu wahr&shy;nehmungs&shy;theore&shy;tischen und kogni&shy;tions&shy;wissen&shy;schaft&shy;lichen Frage&shy;stellungen fest&shy;stellen (vgl. <bib id='Blanke 2003a'></bib>). Ent&shy;sprechend sind diese Modelle gleicher&shy;maßen perzep&shy;tuellen und semio&shy;tischen Intui&shy;tionen verpflichtet.
 
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=====optional Beispiele=====
Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbe&shy;sondere an Richard Wollheims Theorie der Bild&shy;wahr&shy;nehmung, für die er den Ausdruck ‘Seeing-in’ vorge&shy;schlagen hat (vgl. <bib id='Wollheim 1982a'></bib> und <bib id='Wollheim 1987a'></bib>). Die Bild&shy;wahr&shy;nehmung zeichnet sich nach Woll&shy;heim dadurch aus, dass wir etwas ''in'' etwas sehen. Sie ent&shy;hält deshalb not&shy;wendig zwei Kompo&shy;nenten: Die Wahr&shy;nehmung des als Bild geltenden Gegen&shy;standes als Ober&shy;fläche und die Wahr&shy;nehmung eines weiteren Gegen&shy;standes oder Sach&shy;verhaltes in bzw. auf dieser Ober&shy;fläche. Hierbei wird voraus&shy;gesetzt, dass beide Kompo&shy;nenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert ist (vgl. <bib id='Hopkins 1998a'>Hopkins 1998</bib>: S. 15-20). Diese Eigen&shy;schaft der Bild&shy;wahr&shy;nehmung hat Wollheim als ‘Two&shy;fold&shy;ness’ bezeichnet.
 
:
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Wollheims Theorie des ''Seeing-In'' wird oft der Gombrich zuge&shy;schriebe&shy;nen ''Illusions&shy;theorie'' gegen&shy;über&shy;gestellt. Gombrich hatte in «Art and Illusion» die Bild&shy;wahr&shy;nehmung in Zusammen&shy;hang mit dem [[Sehen|Aspekt&shy;sehen]] erläu&shy;tert (vgl. <bib id='Gombrich 1962a'></bib>: S. 6) und gefol&shy;gert, dass der Bild&shy;betrachter entweder nur die Ober&shy;flächen&shy;struktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim [[Kippbild|Hasen-Enten-Bild]] entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berech&shy;tigter&shy;weise Wollheims Two&shy;foldness-Bedingung, die ihrer&shy;seits aber dem Vorwurf ausge&shy;setzt ist, dass sie den Unter&shy;schied zu anderen Formen der Wahr&shy;nehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhalt&shy;liche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. <bib id='Lopes 1996a'></bib>: S. 43-51, insbes. S. 50). Woll&shy;heims Theorie ist damit indiffe&shy;rent gegen&shy;über den beste&shy;henden Theorien.
 
:
 
Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bild&shy;theorie, wie sie etwa Woll&shy;heim beschreibt, wird von [[Phänomenologische Bildtheorien|phäno&shy;meno&shy;logischer]] Seite üblicher&shy;weise akzep&shy;tiert. Diffe&shy;renzen gibt es in der Regel mit der Good&shy;man nahe stehenden Tradi&shy;tion der semio&shy;tischen Bild&shy;theorie, wenn diese als dezi&shy;diert anti-perzep&shy;tual&shy;istisch verstanden wird. Legt man jedoch Woll&shy;heims Charak&shy;teri&shy;sierung der Bild&shy;wahr&shy;nehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Über&shy;legungen offen, ob sie mit Good&shy;mans Theorie in Konflikt steht. Denn Good&shy;man bestrei&shy;tet nicht generell die Rele&shy;vanz von Wahr&shy;nehmungs&shy;aspek&shy;ten für die Bild&shy;rezep&shy;tion, sondern ledig&shy;lich die ähn&shy;lich&shy;keits&shy;theore&shy;tische Variante der perzep&shy;tuellen Bild&shy;theorie.
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
:
 
{{GlossarSiehe}}
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* [[Bildsemiotik]]
* [[Bildrezeption als Kommunikationsprozess]]
* [[Bildwahrnehmung vs. Objektwahrnehmung]]
* [[Dezeptiver und immersiver Modus]]
* [[Gegenstand der visuellen Wahrnehmung]]
* [[Gestalt]]
* [[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität]]
* [[Sehen]]
* [[Simulation / Illusion]]
* [[Symbol, Index, Ikon]]
* [[Wahrnehmungsillusion]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]


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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsemantik


Zur Typologie der Zeichen

Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die An­gabe des rele­vanten Ober­begriffs und der jewei­ligen spezi­fischen Differenz im Ver­hältnis zu diesem unter­geordneten Begriffen expli­ziert. Bilder können diesem Ver­fahren gemäß als spezielle Zeichen einge­führt werden. Hier­bei dient der Zeichen­begriff als Ober­begriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezi­fisches, die unter­schiedlichen Zeichen unter­scheidendes Merk­mal einge­grenzt werden muss. Wahr­nehmungs­nähe ist als ein solches Merk­mal intendiert, das nur den bild­lichen Zeichen zu­kommen und das daher als spezi­fische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigen­schaft der Wahr­nehmungs­nähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähn­lich­keit, ist aber keineswegs mit Ähn­lich­keit zu iden­tifi­zieren. Gegen­stände, die nach Ähn­lich­keits­krite­rien inter­pretiert werden, müssen keine wahr­nehmungs­nahen Zeichen sein, zudem ist Ähn­lich­keit auch nicht das einzige Kriterium einer wahr­nehmungs­nahen Rezep­tion.

Die Explikation von Bildern als wahr­nehmungs­nahe Zeichen (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
) geht auf die ein­fluss­reiche Typo­logie von Charles S. Peirce zurück, nach dem die ikoni­schen Zeichen eine von drei Zeichen­klassen (neben den indexi­kalischen und symbo­lischen Zeichen) bilden. Das Ikoni­sche soll mit dem Begriff der Wahr­nehmungs­nähe genauer spezi­fiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzu­geben, dass der Status des jewei­ligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die beson­dere Rezep­tion, insbe­sondere durch das jeweils verwen­dete Schluss­verfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegen­stand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammen­hängen (als Wirkung und damit als An­zeichen) oder in assozia­tiven, ähn­lich­keits­beding­ten Zusammen­hängen oder auch in regel­geleiteten, konven­tionellen Zusammen­hängen inter­pretiert wird. Entsprechend ist Wahr­nehmungs­nähe eine Eigen­schaft, mit der die­jenigen Schluss­verfahren charakte­risiert werden sollen, die auf wahr­nehmungs­eigene Standards beruhen.


Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezi­fische Eigen­schaft von Bildern

Was zeichnet bildliche Zeichen aus? Die spezi­fische Differenz, die Bilder vor allem von sprach­lichen Zeichen abhebt, liegt dem Krite­rium der Wahr­nehmungs­nähe zufolge darin, dass ihre Ver­wendung in beson­derer Weise an bestimmte Wahr­nehmungs­prozesse gekoppelt ist. Diese Koppe­lung muss natür­lich mehr als die Wahr­nehmung der Zeichen­träger sein, denn auch sprach­liche Zeichen müssen offen­sicht­lich wahrge­nommen werden. Über die Wahr­nehmung der Zeichen­träger hinaus soll Wahr­nehmungs­nähe für die Zeichen­inter­preta­tion rele­vant sein: Zumin­dest einige Aspekte der Bedeu­tung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich dem­nach aus der Struktur der Zeichen­träger ergeben, während die Zeichen­träger arbi­trärer Zeichen in der Regel keiner­lei Hin­weise auf die ent­sprechen­de Bedeu­tung ent­halten. Dies entspricht dem semio­tischen Begriff der Moti­viert­heit. Ein Gegen­stand kann also immer dann als ein wahr­nehmungs­nahes Zeichen aufge­fasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grund­lage unserer Wahr­nehmungs­kompe­tenzen zuweisen.

Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahr­nehmung logisch vorge­schaltet. Während der Wahr­nehmungs­begriff eine spezielle Klasse psychi­scher Erleb­nisse umfasst, be­zeichnet der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe eine Relation, die wir einem Gegen­stand mit Bezug auf eine spezi­fische Ein­stellung bzw. Wahr­nehmung zu­schreiben: Ein Zeichen ist wahr­nehmungs­nah relativ zum Wahr­nehmen­den und zu dessen Wahr­nehmungs­kompe­tenzen, seien diese nun kultur­inva­riant oder nicht. Der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe meint so­dann eine vom Zeichen­ver­wender ab­hängige gradu­elle Eigen­schaft.

Die Besonderheit einer wahrnehmung­snahen Inter­pretation liegt am stärksten bei illu­sionisti­schen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits ver­standen haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine all­gemeine Zeichen­kompetenz besitzen, die auch konven­tionelle Vor­gaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild darge­stellt ist, können wir im Wesent­lichen auf die Prozesse zurück­greifen, die wir mit der Fähig­keit zur Gegen­stands­wahr­nehmung bereits besitzen. Wahr­nehmungs­nähe meint in diesem Fall also eine weit­gehende Iden­tität von Gegen­stands- und Bild­wahr­nehmung.

Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegen­stand als figür­liches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegen­stands­wahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe ist aber durch­aus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahr­nehmungs­modalitäten, sondern ist zudem auf Gegen­stände anwendbar, die wir üblicher­weise gar nicht als Zeichen auf­fassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegen­ständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hier­von liegt bei Wahr­nehmungs­täuschungen vor, wenn wir beispiels­weise im Dämmer­licht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahr­nehmungs­nähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visu­ellen Eigen­schaften und relativ zu unseren Wahr­nehmungs­standards eine Wahr­nehmungs­gestalt zu evo­zieren ver­mag, die üblicher­weise für die Wahr­nehmung von Per­sonen vorge­sehen ist (⊳ Dezep­tiver und immer­siver Modus).

Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst einge­setzt, wenn wir beispiels­weise im wolken­durch­zogenen Abend­himmel ausge­dehnte Land­schaften erkennen oder – einer Empfeh­lung Leo­nardo da Vincis folgend (vgl. [da Vinci 1990a]da Vinci, Leonardo (1990): Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/​Mosel, München.
Nicht angezeigt: hg. v. André Chastel, übers. v. Marianne Schneider
: S. 385) – bei der Betrach­tung alter Mauern die verschie­densten phan­tastischen und wunder­samen Gestalten erblicken. Hier­bei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offen­sichtlich lassen sich ihre Ober­flächen­strukturen aber in mehr oder weniger phantasie­voller Weise inter­pretieren, da sie einen mit­unter sehr plastischen Eindruck von selbst nicht anwesenden Gegen­ständen bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahr­nehmungs­erleb­nis, bei dem wir von der Wahr­nehmungs­nähe Gebrauch machen, die Gegen­stände relativ zu unserer beste­henden Wahr­nehmungs­kompe­tenz anderen Gegen­ständen gegenüber aufweisen.


Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu ver­wandten Be­griffen

Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semio­tik gebräuch­lichen Begriffen der Moti­viert­heit und der Ikoni­zität (vgl. [Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.
). In neueren Arbeiten zur semio­tischen Bild­theorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradi­tion verhalten, lässt sich eine enge Verbin­dung des Ikoni­zitäts­modells sowohl zu pragma­tischen als auch zu wahr­nehmungs­theore­tischen und kogni­tions­wissen­schaft­lichen Frage­stellungen fest­stellen (vgl. [Blanke 2003a]Blanke, Börries (2003): Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden.
Nicht angezeigt: Reihe Bildwissenschaft, Bd. 4
). Ent­sprechend sind diese Modelle gleicher­maßen perzep­tuellen und semio­tischen Intui­tionen verpflichtet.

Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbe­sondere an Richard Wollheims Theorie der Bild­wahr­nehmung, für die er den Ausdruck ‘Seeing-in’ vorge­schlagen hat (vgl. [Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: übersetzt von Looser, Max
und [Wollheim 1987a]Wollheim, Richard (1987): Painting, Metaphor, and the Body: Titian, Bellini, De Kooning, etc.. In: Wollheim, R. (Hg.), Painting as an Art. Princeton University Press, Princeton.
). Die Bild­wahr­nehmung zeichnet sich nach Woll­heim dadurch aus, dass wir etwas in etwas sehen. Sie ent­hält deshalb not­wendig zwei Kompo­nenten: Die Wahr­nehmung des als Bild geltenden Gegen­standes als Ober­fläche und die Wahr­nehmung eines weiteren Gegen­standes oder Sach­verhaltes in bzw. auf dieser Ober­fläche. Hierbei wird voraus­gesetzt, dass beide Kompo­nenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert ist (vgl. [Hopkins 1998a]Hopkins, Robert (1998): Picture, Image and Experience. Cambridge University Press, Cambridge.
: S. 15-20). Diese Eigen­schaft der Bild­wahr­nehmung hat Wollheim als ‘Two­fold­ness’ bezeichnet.

Wollheims Theorie des Seeing-In wird oft der Gombrich zuge­schriebe­nen Illusions­theorie gegen­über­gestellt. Gombrich hatte in «Art and Illusion» die Bild­wahr­nehmung in Zusammen­hang mit dem Aspekt­sehen erläu­tert (vgl. [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.
: S. 6) und gefol­gert, dass der Bild­betrachter entweder nur die Ober­flächen­struktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim Hasen-Enten-Bild entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berech­tigter­weise Wollheims Two­foldness-Bedingung, die ihrer­seits aber dem Vorwurf ausge­setzt ist, dass sie den Unter­schied zu anderen Formen der Wahr­nehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhalt­liche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. [Lopes 1996a]Lopes, Dominic (1996): Understanding Pictures. Claredon Press, Oxford.
: S. 43-51, insbes. S. 50). Woll­heims Theorie ist damit indiffe­rent gegen­über den beste­henden Theorien.

Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bild­theorie, wie sie etwa Woll­heim beschreibt, wird von phäno­meno­logischer Seite üblicher­weise akzep­tiert. Diffe­renzen gibt es in der Regel mit der Good­man nahe stehenden Tradi­tion der semio­tischen Bild­theorie, wenn diese als dezi­diert anti-perzep­tual­istisch verstanden wird. Legt man jedoch Woll­heims Charak­teri­sierung der Bild­wahr­nehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Über­legungen offen, ob sie mit Good­mans Theorie in Konflikt steht. Denn Good­man bestrei­tet nicht generell die Rele­vanz von Wahr­nehmungs­aspek­ten für die Bild­rezep­tion, sondern ledig­lich die ähn­lich­keits­theore­tische Variante der perzep­tuellen Bild­theorie.

Anmerkungen
Literatur
[Blanke 2003a]Blanke, Börries (2003): Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden.[Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.[Hopkins 1998a]Hopkins, Robert (1998): Picture, Image and Experience. Cambridge University Press, Cambridge.[Lopes 1996a]Lopes, Dominic (1996): Understanding Pictures. Claredon Press, Oxford.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.[Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wollheim 1987a]Wollheim, Richard (1987): Painting, Metaphor, and the Body: Titian, Bellini, De Kooning, etc.. In: Wollheim, R. (Hg.), Painting as an Art. Princeton University Press, Princeton.[da Vinci 1990a]da Vinci, Leonardo (1990): Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/​Mosel, München.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Zitierhinweis:

Sachs-Hombach, Klaus (2013). Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Ähnlichkeit_und_wahrnehmungsnahe_Zeichen].