Ästhesiologie: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
K Textersetzung - „{{GlosTab5}}↵<bibdummy>“ durch „{{GlosTab5}}“
 
(11 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 9: Zeile 9:
{{GlossarBoxMain}}
{{GlossarBoxMain}}
<!--Ende header-->
<!--Ende header-->
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt-->
==Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’==
==Der Ausdruck ‘Ästhesio&shy;logie’==


Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abgeleitet vom griechischen Wort ‘aisthesis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahrnehmung]]’. Er bedeutet im allgemeinen naturwissenschaftlichen oder medizinischen Sprachgebrauch die ‹Sinneslehre› oder die ‹Lehre von den Sinnesorganen bzw. Sinneswerkzeugen›.
Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge&shy;leitet vom grie&shy;chi&shy;schen Wort ‘aisthe&shy;sis’, ‘[[Wahrnehmungstheorien:_Übersicht|Wahr&shy;nehmung]]’. Er bedeu&shy;tet im all&shy;gemei&shy;nen natur&shy;wissen&shy;schaft&shy;lichen oder medizi&shy;nischen Sprach&shy;gebrauch die ‹Sinnes&shy;lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes&shy;orga&shy;nen bzw. Sinnes&shy;werkzeu&shy;gen›.




==Ästhesiologie bei Plessner==
==Ästhesiologie bei Plessner==
Im Anschluss an diese Begriffsbedeutung, aber mit dem spezifischen Zusatz ‘des Geistes’, konzipiert der Philosoph Helmuth Plessner (1892-1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Hauptwerk von 1923, eine umfassende Philosophie der menschlichen Sinne (<bib id='Plessner 1923a'></bib>). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzelnen sinnlichen [[Modalität|Modalitäten]] zu verstehen. Die “Ästhesiologie des Geistes” läuft damit auf eine “Hermeneutik der Sinne” hinaus. In ihrem Eigensinn verstanden werden die sinnlichen Modalitäten dadurch, dass exklusive Kooperationen der einzelnen Sinne mit bestimmten Sinngebungsformen analysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nachweis zu liefern, “dass zwischen der Differenzierung unserer Sinnlichkeit in optische, akustische und andere Modalitäten, unseren Bewegungsmöglichkeiten genauer gesagt: motorischen Ausdrucksmöglichkeiten, ''und'' den Richtungen, in denen unser Verständnis (künstlerisch, sprachlich, wissenschaftlich) sich bewegen kann, Entsprechungen bestehen, welche einen genaueren Einblick in den menschlichen Funktionszusammenhang zwischen Leib und Seele gestatten, als er uns bisher möglich gewesen war” (<bib id='Plessner 1951a'></bib>: S. 184).
Im Anschluss an diese Begriffs&shy;bedeu&shy;tung, aber mit dem spezi&shy;fischen Zusatz ‘des Geistes’, konzi&shy;piert der Philo&shy;soph Helmuth Plessner (1892-&#8203;1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Haupt&shy;werk von 1923, eine umfas&shy;sende Philo&shy;sophie der mensch&shy;lichen Sinne (<bib id='Plessner 1923a'></bib>). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzel&shy;nen sinn&shy;lichen [[Modalität|Moda&shy;litä&shy;ten]] zu ver&shy;stehen. Die ''Ästhe&shy;siolo&shy;gie des Geistes'' läuft damit auf eine ''Herme&shy;neutik der Sinne'' hinaus. In ihrem Eigen&shy;sinn ver&shy;standen werden die sinn&shy;lichen Moda&shy;litä&shy;ten dadurch, dass exklu&shy;sive Koope&shy;ratio&shy;nen der einzel&shy;nen Sinne mit bestimm&shy;ten Sinn&shy;gebungs&shy;formen ana&shy;lysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nach&shy;weis zu liefern,  
:
:
Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unterscheidet sich in signifikanter Weise von einer physikalischen, psychologischen oder physiologischen, d.h. empirischen Erforschung der menschlichen Sinnesmodalitäten. Ähnlich wie die philosophischen Normwissenschaften Logik, Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik, die ebenfalls nicht-emprisch verfahren, begreift Plessner die von ihm intendierte Theorie der Sinnesqualitäten als eine Normwissenschaft, die von ihm auch im Anschluss an eine Formulierung Goethes als eine “Kritik der Sinne” bezeichnet wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 31). Damit steht seine Ästhesiologie unter einem strikt durchgehaltenen “Primat des Geistes” (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 260).  
:''dass zwischen der Diffe&shy;renzie&shy;rung unse&shy;rer Sinn&shy;lich&shy;keit in opti&shy;sche, akus&shy;tische und ande&shy;re Moda&shy;litä&shy;ten, unse&shy;ren Bewe&shy;gungs&shy;möglich&shy;keiten genau&shy;er gesagt: moto&shy;rischen Aus&shy;drucks&shy;möglich&shy;keiten, ''und'' den Rich&shy;tungen, in denen unser Verständ&shy;nis (künst&shy;lerisch, sprach&shy;lich, wissen&shy;schaft&shy;lich) sich bewe&shy;gen kann, Ent&shy;sprechun&shy;gen beste&shy;hen, welche einen genaue&shy;ren Ein&shy;blick in den mensch&shy;lichen Funk&shy;tions&shy;zusam&shy;men&shy;hang zwischen Leib und Seele gestat&shy;ten, als er uns bisher möglich gewe&shy;sen war'' (<bib id='Plessner 1951a'></bib>: S. 184).
:
:
Diese “Kritik der Sinne” zielt auf die Freilegung der “Sinngesetze der Sinnlichkeit” (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 32). Dazu arbeitet Plessner eine sehr komplexe und voraussetzungsreiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unternimmt, den “Sinn” der verschiedenen sinnlichen Modalitäten zu entdecken (vgl. <bib id='Lessing 1998a'></bib>).  
Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unter&shy;scheidet sich in signi&shy;fikan&shy;ter Weise von einer physika&shy;lischen, psycho&shy;logi&shy;schen oder physio&shy;logi&shy;schen, d.h. empi&shy;rischen Erfor&shy;schung der mensch&shy;lichen Sinnes&shy;modali&shy;täten. Ähnlich wie die philo&shy;sophi&shy;schen Norm&shy;wissen&shy;schaf&shy;ten Logik, Er&shy;kenntnis&shy;theorie, Ethik und Ästhe&shy;tik, die eben&shy;falls nicht-&#8203;emprisch verfah&shy;ren, begreift Plessner die von ihm inten&shy;dierte Theorie der Sinnes&shy;quali&shy;täten als eine Norm&shy;wissen&shy;schaft, die von ihm auch im An&shy;schluss an eine Formu&shy;lierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeich&shy;net wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 31). Damit steht seine Ästhe&shy;sio&shy;logie unter einem strikt durch&shy;gehal&shy;tenen „Primat des Geistes“ (ebd.: S. 260).  
:
:
Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinngebungsformen, die er mit dem Ziel konzipiert, “aus der Einheit des Sinns” die “Mannigfaltigkeit der physischen Sinne” zu verstehen (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 197). Plessners Grundgedanke ist dabei, dass die qualitative Verschiedenheit der menschlichen Sinne durch “je besondere geistige Leistungen” ausgewertet wird (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 201). Dazu muss sich die Ästhesiologie auf Auswertungsbeziehungen von Sinnesfeld oder –funktion durch je spezifische Leistungen des Geistes, also Formen der Sinngebung, konzentrieren, die sich als unvertretbare erweisen. Plessner macht drei Wertbereiche aus, die auf einer ausschließlichen Kooperation sinnlicher und geistiger Faktoren beruhen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissenschaft.  
Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Frei&shy;legung der „Sinn&shy;geset&shy;ze der Sinn&shy;lich&shy;keit“ (ebd.: S. 32). Dazu arbei&shy;tet Plessner eine sehr kom&shy;plexe und voraus&shy;setzungs&shy;reiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unter&shy;nimmt, den “Sinn” der ver&shy;schie&shy;denen sinnl&shy;ichen Moda&shy;litä&shy;ten zu ent&shy;decken (vgl. <bib id='Lessing 1998a'></bib>).  
:
:
Da für Plessner nur diejenigen kulturellen Phänomene ästhesiologisch bedeutsam sind, bei denen jeweils nur eine Sinngebungsform mit nur einer Sinnesmodalität ein Verbindung eingegangen sind, konzentriert sich die ästhesiologische Untersuchung auf die [[Raum und Geometrie|euklidische Geometrie]] (als Verbindung der Modalität des [[Sehen|Sehens]] mit der Sinngebungsform “Schematismus”) und die absolute Musik (als Verbindung der Modalität des Hörens mit der Sinngebungsform “Thematismus”). An diesen kulturellen Objektivationen entwickelt Plessner differenzierte Ästhesiologien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Einblick in den jeweiligen “Sinn” dieser Modi.  
Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinn&shy;gebungs&shy;formen, die er mit dem Ziel konzi&shy;piert, „aus der Ein&shy;heit des Sinns“ die „Mannig&shy;faltig&shy;keit der physi&shy;schen Sinne“ zu ver&shy;stehen (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 197). Plessners Grund&shy;gedan&shy;ke ist dabei, dass die quali&shy;tati&shy;ve Ver&shy;schieden&shy;heit der mensch&shy;lichen Sinne durch „je beson&shy;dere geisti&shy;ge Leistun&shy;gen“ ausge&shy;wertet wird (ebd.: S. 201). Dazu muss sich die Ästhe&shy;sio&shy;logie auf Aus&shy;wertungs&shy;bezie&shy;hungen von Sinnes&shy;feld oder –funktion durch je spezi&shy;fische Leistun&shy;gen des Geistes, also Formen der Sinn&shy;gebung, konzen&shy;trieren, die sich als unver&shy;tretba&shy;re erwei&shy;sen. Plessner macht drei Wert&shy;berei&shy;che aus, die auf einer aus&shy;schließ&shy;lichen Koope&shy;ration sinn&shy;licher und geisti&shy;ger Fakto&shy;ren beru&shy;hen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissen&shy;schaft.
:
Da für Plessner nur diejenigen kultu&shy;rellen Phäno&shy;mene ästhe&shy;sio&shy;logisch bedeut&shy;sam sind, bei denen jeweils nur eine Sinn&shy;gebungs&shy;form mit nur einer Sinnes&shy;modali&shy;tät ein Verbin&shy;dung einge&shy;gangen sind, konzen&shy;triert sich die ästhe&shy;siolo&shy;gische Unter&shy;suchung auf die [[Raum und Geometrie|eukli&shy;dische Geo&shy;metrie]] (als Verbin&shy;dung der Moda&shy;lität des [[Sehen|Sehens]] mit der Sinn&shy;gebungs&shy;form “Schema&shy;tismus”) und die abso&shy;lute Musik (als Verbin&shy;dung der Moda&shy;lität des Hörens mit der Sinn&shy;gebungs&shy;form “Thema&shy;tismus”). An diesen kultu&shy;rellen Objek&shy;tiva&shy;tionen ent&shy;wickelt Plessner diffe&shy;renzier&shy;te Ästhe&shy;siolo&shy;gien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Ein&shy;blick in den jewei&shy;ligen “Sinn” dieser Modi.  




==Von der Ästhesiologie zur Anthropologie der Sinne==
==Von der Ästhesiologie zur Anthro&shy;polo&shy;gie der Sinne==
Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbesondere naturhermeneutische, erkenntnistheoretische und anthropologische, sondern auch dezidiert ästhetische Intentionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubismus, Futurismus und Expressionismus sowie am abstrakten Film um 1920: “Warum ist die bildende Kunst in ihrer thematischen Sinngebung an die Dinglichkeit der Darstellung gebunden? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so freischwebend behandeln wie die Töne?" (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 256). Plessner leitet seine Kritik aus einer “Wesensunvertauschbarkeit von Auge und Ohr” ab. Zusammen damit hängt die Entwicklung der “Grundlegung einer Philosophie der Musik”, die Plessner gewissermaßen als die “Theorie des musikalischen Verstehens” begreift, als ihre “aller Musikästhetik” vorausgehende Erkenntnistheorie (<bib id='Plessner 1923b'></bib>: S. 384). Als Konsequenz seiner Ästhesiologien des Sehens und Hörens behauptet Plessner, dass es “Licht (und Farben) und Schall (und Töne)” gibt, sei nicht zufällig, sondern “sinngemäß”. Damit ist verbunden “der werttheoretische, d.h. kulturkritische Nachweis einer gewissen Unvertauschbarkeit der Sinne, ihrer Unvertretbarkeit als wertspezifischer materiae primae”. Diese Unvertretbarkeit bedeutet einerseits, dass “in Farben und Umrißlinien nicht ''musiziert'' werden kann – was der ''Expressionismus'' wollte” und andererseits, dass in Tönen und Melodien nicht schematisiert werden könne (<bib id='Plessner 1923b'></bib>: S. 380).
Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe&shy;sonde&shy;re natur&shy;herme&shy;neuti&shy;sche, erkennt&shy;nistheo&shy;retische und anthro&shy;polo&shy;gische, sondern auch dezi&shy;diert ästhe&shy;tische Inten&shy;tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis&shy;mus, Futu&shy;rismus und Expres&shy;sionis&shy;mus sowie am abstrak&shy;ten Film um 1920:  
:
:''Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema&shy;tischen Sinn&shy;gebung an die Ding&shy;lich&shy;keit der Dar&shy;stellung gebun&shy;den? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei&shy;schwebend behan&shy;deln wie die Töne?'' (<bib id='Plessner 1923a'></bib>: S. 256).  
:
Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens&shy;unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit von Auge und Ohr“ ab. Zusam&shy;men damit hängt die Ent&shy;wicklung der „Grund&shy;legung einer Philo&shy;sophie der Musik“, die Plessner ge&shy;wisser&shy;maßen als die „Theorie des musi&shy;kali&shy;schen Verste&shy;hens“ begreift, als ihre „aller Musik&shy;ästhe&shy;tik“ voraus&shy;gehen&shy;de Erkennt&shy;nistheo&shy;rie (ebd.: S. 384). Als Konse&shy;quenz seiner Ästhe&shy;siolo&shy;gien des Sehens und Hörens behaup&shy;tet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl&shy;lig, sondern „sinn&shy;gemäß“. Damit ist verbun&shy;den „der wert&shy;theo&shy;reti&shy;sche, d.h. kultur&shy;kriti&shy;sche Nach&shy;weis einer gewis&shy;sen Unver&shy;tausch&shy;bar&shy;keit der Sinne, ihrer Un&shy;ver&shy;tret&shy;bar&shy;keit als wert&shy;spezi&shy;fischer mate&shy;riae primae“. Diese Unver&shy;tretbar&shy;keit bedeu&shy;tet einer&shy;seits, dass „in Farben und Umriß&shy;linien nicht ''musi&shy;ziert'' werden kann – was der ''Ex&shy;pressi&shy;onismus'' wollte“ und an&shy;derer&shy;seits, dass in Tönen und Melo&shy;dien nicht schema&shy;tisiert werden könne (ebd.: S. 380).
:
:
Der späte Plessner greift das sinnesphilosophische Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezidierte “Anthropologie” der Sinne entwickelt (<bib id='Plessner 1970a'></bib>) und sich von der Geisttheorie und dem transzendentalen Ansatz seines früheren Buches verabschiedet. Dabei revoziert er u.a. seine Kritik am Expressionismus, insofern er nun das Programm einer “Musikalisierung des Sehens” (<bib id='Plessner 1970a'></bib>: S. 340) nicht mehr als “Verirrung oder Abweichung vom rechten Weg” begreift (<bib id='Plessner 1970a'></bib>: S. 341).
Der späte Plessner greift das sinnes&shy;philo&shy;sophi&shy;sche Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezi&shy;dierte ''Anthro&shy;pologie'' der Sinne ent&shy;wickelt (<bib id='Plessner 1970a'></bib>) und sich von der Geist&shy;theorie und dem trans&shy;zenden&shy;talen Ansatz seines frühe&shy;ren Buches verab&shy;schiedet. Dabei revo&shy;ziert er u.a. seine Kritik am Expres&shy;sionis&shy;mus, inso&shy;fern er nun das Programm einer „Musi&shy;kali&shy;sierung des Sehens“ (ebd.: S. 340) nicht mehr als „Ver&shy;irrung oder Ab&shy;weichung vom rechten Weg“ begreift (ebd.: S. 341).
 


{{GlossarSiehe}}
{{GlossarSiehe}}
Zeile 39: Zeile 44:
* [[Sehen]]
* [[Sehen]]
* [[Wahrnehmung]]
* [[Wahrnehmung]]


<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern-->
<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern-->
<!--Anmerkungen und Literatur wird automatisch eingesetzt -->
<!--Anmerkungen und Literatur wird automatisch eingesetzt -->
<!--Literatur muß dazu mit entsprechender Bezeichnung in der Bibliogryphy-Seite eingetragen sein-->
<!--Literatur muß dazu mit entsprechender Bezeichnung in der Bibliography-Seite eingetragen sein-->
<!-- ... dazu den "Sammlung"-Link im Literaturkasten verwenden -->
<!-- ... dazu den "Sammlung"-Link im Literaturkasten verwenden -->
{{GlosTab2}}
{{GlosTab2}}
{{GlosTab3}}
{{GlosTab3}}
''Ausgabe 1: 2013''
{{GlosTab4}}
''Verantwortlich:''  
''Verantwortlich:''  


Zeile 55: Zeile 61:


* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]]
* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]]
{{GlosTab5}}
<!--den Schluß nicht verändern-->
<!--den Schluß nicht verändern-->
{{GlosEnd}}
{{GlosEndB}}
<!--Das war's-->
<!--Das war's-->

Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht


Der Ausdruck ‘Ästhesio­logie’

Der Ausdruck ‘Ästhesiologie’ ist abge­leitet vom grie­chi­schen Wort ‘aisthe­sis’, ‘Wahr­nehmung’. Er bedeu­tet im all­gemei­nen natur­wissen­schaft­lichen oder medizi­nischen Sprach­gebrauch die ‹Sinnes­lehre› oder die ‹Lehre von den Sinnes­orga­nen bzw. Sinnes­werkzeu­gen›.


Ästhesiologie bei Plessner

Im Anschluss an diese Begriffs­bedeu­tung, aber mit dem spezi­fischen Zusatz ‘des Geistes’, konzi­piert der Philo­soph Helmuth Plessner (1892-​1985) in seinem Buch «Einheit der Sinne», dem frühen Haupt­werk von 1923, eine umfas­sende Philo­sophie der mensch­lichen Sinne ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Dabei versucht Plessner, den “Sinn” der einzel­nen sinn­lichen Moda­litä­ten zu ver­stehen. Die Ästhe­siolo­gie des Geistes läuft damit auf eine Herme­neutik der Sinne hinaus. In ihrem Eigen­sinn ver­standen werden die sinn­lichen Moda­litä­ten dadurch, dass exklu­sive Koope­ratio­nen der einzel­nen Sinne mit bestimm­ten Sinn­gebungs­formen ana­lysiert werden. Plessner versucht dadurch den Nach­weis zu liefern,

dass zwischen der Diffe­renzie­rung unse­rer Sinn­lich­keit in opti­sche, akus­tische und ande­re Moda­litä­ten, unse­ren Bewe­gungs­möglich­keiten genau­er gesagt: moto­rischen Aus­drucks­möglich­keiten, und den Rich­tungen, in denen unser Verständ­nis (künst­lerisch, sprach­lich, wissen­schaft­lich) sich bewe­gen kann, Ent­sprechun­gen beste­hen, welche einen genaue­ren Ein­blick in den mensch­lichen Funk­tions­zusam­men­hang zwischen Leib und Seele gestat­ten, als er uns bisher möglich gewe­sen war ([Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 184).

Plessners “Ästhesiologie des Geistes” unter­scheidet sich in signi­fikan­ter Weise von einer physika­lischen, psycho­logi­schen oder physio­logi­schen, d.h. empi­rischen Erfor­schung der mensch­lichen Sinnes­modali­täten. Ähnlich wie die philo­sophi­schen Norm­wissen­schaf­ten Logik, Er­kenntnis­theorie, Ethik und Ästhe­tik, die eben­falls nicht-​emprisch verfah­ren, begreift Plessner die von ihm inten­dierte Theorie der Sinnes­quali­täten als eine Norm­wissen­schaft, die von ihm auch im An­schluss an eine Formu­lierung Goethes als eine ‘Kritik der Sinne’ bezeich­net wird ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 31). Damit steht seine Ästhe­sio­logie unter einem strikt durch­gehal­tenen „Primat des Geistes“ (ebd.: S. 260).

Diese „Kritik der Sinne“ zielt auf die Frei­legung der „Sinn­geset­ze der Sinn­lich­keit“ (ebd.: S. 32). Dazu arbei­tet Plessner eine sehr kom­plexe und voraus­setzungs­reiche neue Theorie des Geistes aus, mit deren Hilfe er den Versuch unter­nimmt, den “Sinn” der ver­schie­denen sinnl­ichen Moda­litä­ten zu ent­decken (vgl. [Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München
).

Im Zentrum dieser Theorie des Geistes steht eine Theorie der Sinn­gebungs­formen, die er mit dem Ziel konzi­piert, „aus der Ein­heit des Sinns“ die „Mannig­faltig­keit der physi­schen Sinne“ zu ver­stehen ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 197). Plessners Grund­gedan­ke ist dabei, dass die quali­tati­ve Ver­schieden­heit der mensch­lichen Sinne durch „je beson­dere geisti­ge Leistun­gen“ ausge­wertet wird (ebd.: S. 201). Dazu muss sich die Ästhe­sio­logie auf Aus­wertungs­bezie­hungen von Sinnes­feld oder –funktion durch je spezi­fische Leistun­gen des Geistes, also Formen der Sinn­gebung, konzen­trieren, die sich als unver­tretba­re erwei­sen. Plessner macht drei Wert­berei­che aus, die auf einer aus­schließ­lichen Koope­ration sinn­licher und geisti­ger Fakto­ren beru­hen. Diese sind die Kunst, die Sprache und die Wissen­schaft.

Da für Plessner nur diejenigen kultu­rellen Phäno­mene ästhe­sio­logisch bedeut­sam sind, bei denen jeweils nur eine Sinn­gebungs­form mit nur einer Sinnes­modali­tät ein Verbin­dung einge­gangen sind, konzen­triert sich die ästhe­siolo­gische Unter­suchung auf die eukli­dische Geo­metrie (als Verbin­dung der Moda­lität des Sehens mit der Sinn­gebungs­form “Schema­tismus”) und die abso­lute Musik (als Verbin­dung der Moda­lität des Hörens mit der Sinn­gebungs­form “Thema­tismus”). An diesen kultu­rellen Objek­tiva­tionen ent­wickelt Plessner diffe­renzier­te Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens und gewinnt dadurch ein Ein­blick in den jewei­ligen “Sinn” dieser Modi.


Von der Ästhesiologie zur Anthro­polo­gie der Sinne

Mit seiner Ästhesiologie verfolgt Plessner nicht nur insbe­sonde­re natur­herme­neuti­sche, erkennt­nistheo­retische und anthro­polo­gische, sondern auch dezi­diert ästhe­tische Inten­tionen. Dazu zählt seine Kritik an den Bildern des Kubis­mus, Futu­rismus und Expres­sionis­mus sowie am abstrak­ten Film um 1920:

Warum ist die bildende Kunst in ihrer thema­tischen Sinn­gebung an die Ding­lich­keit der Dar­stellung gebun­den? Warum lassen sich die Farben und Formen nicht so frei­schwebend behan­deln wie die Töne? ([Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 256).

Plessner leitet seine Kritik aus einer „Wesens­unver­tausch­bar­keit von Auge und Ohr“ ab. Zusam­men damit hängt die Ent­wicklung der „Grund­legung einer Philo­sophie der Musik“, die Plessner ge­wisser­maßen als die „Theorie des musi­kali­schen Verste­hens“ begreift, als ihre „aller Musik­ästhe­tik“ voraus­gehen­de Erkennt­nistheo­rie (ebd.: S. 384). Als Konse­quenz seiner Ästhe­siolo­gien des Sehens und Hörens behaup­tet Plessner, dass es „Licht (und Farben) und Schall (und Töne)“ gibt, sei nicht zufäl­lig, sondern „sinn­gemäß“. Damit ist verbun­den „der wert­theo­reti­sche, d.h. kultur­kriti­sche Nach­weis einer gewis­sen Unver­tausch­bar­keit der Sinne, ihrer Un­ver­tret­bar­keit als wert­spezi­fischer mate­riae primae“. Diese Unver­tretbar­keit bedeu­tet einer­seits, dass „in Farben und Umriß­linien nicht musi­ziert werden kann – was der Ex­pressi­onismus wollte“ und an­derer­seits, dass in Tönen und Melo­dien nicht schema­tisiert werden könne (ebd.: S. 380).

Der späte Plessner greift das sinnes­philo­sophi­sche Projekt der «Einheit der Sinne» wieder auf, indem er nun eine dezi­dierte Anthro­pologie der Sinne ent­wickelt ([Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) und sich von der Geist­theorie und dem trans­zenden­talen Ansatz seines frühe­ren Buches verab­schiedet. Dabei revo­ziert er u.a. seine Kritik am Expres­sionis­mus, inso­fern er nun das Programm einer „Musi­kali­sierung des Sehens“ (ebd.: S. 340) nicht mehr als „Ver­irrung oder Ab­weichung vom rechten Weg“ begreift (ebd.: S. 341).

Anmerkungen
Literatur
[Lessing 1998a]Lessing, Hans-Ulrich (1998): Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer „Ästhesiologie des Geistes“ nebst einem Plessner-Ineditum. Karl Alber, Freiburg, München [Plessner 1923a]Plessner, Helmuth (1980): Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1951a]Plessner, Helmuth (1982): Zur Anthropologie der Musik. In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band VII. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Plessner 1970a]Plessner, Helmuth (1980): Anthropologie der Sinne (1970). In: Dux, G.; Marquard, O. & Ströker, E. (Hg.), Gesammelte Schriften, Band III. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Zitierhinweis:

Lessing, Hans-Ulrich (2013). Ästhesiologie. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Ästhesiologie].