Gestalt
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
1. Historische Wurzeln/IdeengeschichteDer Begriff “Gestalt” wurde von Christian von Ehrenfels (#EHRENFELS 1890a) einem Schüler von Franz Brentano, geprägt. Brentano hatte die Wichtigkeit der direkten Erfahrung betont, da er die Aufgabe der Psychologie (als empirischer Wissenschaft) in der Beschreibung derjenigen Phänomene sah, die man direkt durch innere Wahrnehmung erlebt. Ehrenfels nannte diese Art Psychologie “deskriptive Psychologie” manchmal auch “Phänomenologie” und setzte sie in Gegensatz zur genetischen Psychologie, die psychologische Phänomene aus der Perspektive der dritten Person untersucht. Ehrenfels’ formulierte seine einflussreichste Idee im Rahmen des Problems der komplexen Wahrnehmung. Die atomistische Psychologie des 19. Jahrhunderts hatte die Möglichkeit einer Addition von einfachen Wahrnehmungen vorausgesetzt. Ernst Mach teilte diesen Standpunkt und behauptete, dass nur die einfachen Elemente unserer Empfindungen real seien, allerdings erkannte er das Problem der komplexen Wahrnehmung an. Nach Ehrenfels hingegen können wir die Wahrnehmung von komplexen Formen, Melodien etc. nur verstehen, wenn wir von einer einfachen und unmitellbar# zusammengesetzten Wahrnehmung ausgehen; und das beinhaltet die Aufgabe der atomistischen Sichtweise. Die Gestaltpsychologie entwickelte ihre grundsätzlichen Ideen vor dem Hintergrund zweier rivalisierender# Schulenim Rahmen der Auseinandersetzung mit zwei Denkrichtungen: dem Strukturalismus und dem Behaviorismus. Um dem Phänomen der Kognition näherzukommen – so der Grundgedanke der Gestaltpsychologie – soll sich die Untersuchung weder allein auf die geistig-mentalen Aspekte (wie im Strukturalismus) noch ausschließlich allein auf die Verhaltensaspekte wie im Behaviorismus beziehen, sondern stets auf die Ganzheit. Bewusstes Erleben# ist eine Ganzheit, die sowohl die mentale als auch physische Seite des Individuums involviert; ebenso stehen bewusstes Erleben und Hinrnaktivität in Beziehung zueinander. In methodischer Hinsicht legen diese Annahmen nahe, dass sich die Untersuchung nicht auf Sinnesdaten beschränke kann, sondern die gegebenen Phänomene in Betracht ziehen muss. Insofern ist es notwendig, für das dem Experiment ausgesetzte Individuum gewöhnliche und natürlichen Bedingungen zu schaffen, also ein sogenanntes biotisches Experiment anzustellen. Die Psychologen der sogenannten Berliner Schule, Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtigsten Vertreter der Gestaltpsychologie betrachtet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppierungen, wobei die Eigenschaften von Stimuli uns zwingen, unsere jeweiligen (z.B. visuellen) Wahrnehmungen von vornherein in bestimmter Weise anzuordnen. 1912 entdeckte Wertheimer das sogenannte Phi-Phänomen. Nachdem Wertheimer das Phänomen der von einem Pol zu einem anderem springenden Lichter auf einem Eisenbahnzug bemerkt hatte, führte er weitere Versuche durch. Sie belegten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimmten# Geschwindigkeit aufleuchten, ein einzelnes Licht wahrnehmen, das sich hin und her bewegt. Diese optische Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen, die nicht existieren, erfinden, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit und der Einfachheit.
Engere BegriffsbestimmungDas deutsche “Gestalt” entspricht dem englischen “form” oder “shape”. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson "configuration" als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen “stalla” (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische “stall”. Die normale Bedeutung von “Gestalt” ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex. (#Smith 14) Nach Ehrenfels, “[a] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehrenfels and his fellow Brentanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensations of individual elements having ‘distinct spatial determinations’.” (#Ibid.) Wir machen häufig die Erfahrung, dass wir wahrnehmen, dass Dinge dieselbe Gestalt besitzen, obwohl sie individuell/an sich # sonst nichts gemein haben. “According to the later Berlin conception, in contrast, a collection of data (or any other psychological formation) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are themselves determined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind”. (#Smith 13) Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” (#Helson 364) optional BeispieleAuswirkungen auf andere Begriffe |
Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |