Psychoanalytische Theorien des Bildes

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Darstellung des gr. Zusammenhangs

Im Gegensatz zu den Kunstwissenschaften, die über umfangreiche und gut dokumentierte psychoanalytisch orientierte Theorietraditionen verfügen, stellen psychoanalytische Ansätze innerhalb einer allgemeinen Bildtheorie bisher ein Forschungsdesiderat im Spannungsfeld phänomenologischer, feministischer sowie poststrukturalistischer Zugänge dar. Als „psychoanalytisch“ wird eine Bildtheorie zumeist dann charakterisiert, wenn sie sich unter Rückgriff auf klassisch psychoanalytische sowie ideologie- und diskurskritische Theorieansätze mit den Blickverhältnissen und Blickregimen beschäftigt, die sich in Bildern als Symptome eines vorgängigen Weltverhältnisses manifestieren. Dies schließt die soziale Konstitution von Sichtbarkeit und Bildlichkeit ebenso ein, wie das Verhältnis von Wahrnehmung und Affekt im Sinne einer Affektökonomie des Bildlichen. Die für psychoanalytische Ansätze grundlegende Denkfigur lautet: Bilder werden als Manifestationen latenter Sinngehalte oder Welt/Macht/Seinsverhältnisse verstanden (Traumanalogie).

Die Psychoanalyse ist eine Mythographie des Selbst, die das Unbewusste als einen Code bestimmt, der entschlüsselt werden muss, um zum eigentlichen Sinngehalt durchzudringen. Die psychoanalytische Methode ist dabei zutiefst von der hermeneutischen Tradition geprägt, die im zwanzigsten Jahrhundert wiederum durch sie entscheidende Impulse erhalten hat (Ricoeur 1974). Dieser Umstand trug während dieses Zeitabschnitts ebenso zur enormen Wirkung des psychoanalytischen Denkens, als auch zu dessen „Niedergang“ bei. Die Gründe für die verhältnismäßig geringe Visibilität psychoanalytischer Ansätze innerhalb heutiger Bildwissenschaften sind hierin zu suchen, denn als zutiefst hermeneutisch geprägte Methode und Theorie widerspricht die Psychoanalyse – welcher die Tendenz zugeschrieben wird, die Phänomene stets als Symptome eines tiefer liegenden, „eigentlichen“ Sinngehalts zu beschreiben – scheinbar bestimmten medientheoretischen, phänomenologischen und/oder poststrukturalistischer Prämissen bildwissenschaftlicher Theoriebildung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Einerseits scheint die Psychoanalyse aufgrund ihres notorischen ‚Inhaltismus‘ weitgehend diskreditiert, andererseits erfreuen sich Ansätze vor allem Lacan’scher Provenienz konstanter Popularität. Dieser Umstand spiegelt jene Bandbreite psychoanalytischer Theoriebildung, die bereits bei Freud angelegt ist und die seit dem stetig erweitert wird.


Engere Begriffsbestimmung
optional Beispiele
Auswirkungen auf andere Begriffe
Anmerkungen
Literatur
[Althusser & Balibar 1972a]Althusser, Louis & Balibar, Etienne (1972): Das Kapital lesen. Rowohlt, Reinbek.[Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Chion 1999a]Chion, Michel (1999): The Voice in Cinema. Columbia University Press.[Damisch 1987a]Damisch, Hubert (1987): L'origine de la perspective. Flammarion, Paris.[Deleuze 1993a]Deleuze, Gilles (1993): Logik des Sinns. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Didi-Huberman 1999a]Didi-Huberman, Georges (1999): Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. Fink, München.[Evans 2002a]Evans, Dylan (Hg.) (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia + Kant, Wien.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.[Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001): Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914a]Freud, Sigmund (2001): Der Moses des Michelangelo. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X . Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914b]Freud, Sigmund (1975): Zur Einführung in den Narzissmus. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1915a]Freud, Sigmund (1975): Die metapsychologischen Schriften von 1915. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Kittler 2002b]Kittler, Friedrich (2002): Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve, Berlin.[Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau.[Lacan 1996a]Lacan, Jaques (1996): Schriften I [1973]. Quadriga, Weinheim [Metz 2000a]Metz, Christian (2000): Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Nodus, Münster.[Pfaller 2002a]Pfaller, Robert (2002): Die Illusion des Anderen. Suhrkamp.[Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001): Mutterseelenallein. Kunst, Form, Psychoanalyse. Stroemfeld.[Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974): Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Runte 2005a]Runte, Annette (2005): Dinge sehen dich an: Die Melancholie des leeren Platzes in der metaphysischen Malerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.), Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010): Das Sein und das Nichts. Rowohlt.

Verantwortlich:

Markus Rautzenberg