Bildzitat
Unterpunkt zu: Bildpragmatik
FragestellungWas ist ein Bildzitat? In der Übertragung der Vorstellung eines sprachlichen Zitats ließe sich das Bildzitat grob als intramediale Referenz zwischen Bildwerken fassen. Bildzitate sind in unterschiedlichen Bildmedien (etwa in der Malerei, Fotografie, im Comic), historisch betrachtet in verschiedenen Epochen der Kunst, aber auch in der Werbung präsent. Kurz: in allen gesellschaftlichen Bereichen, in denen auf ein kulturelles Reservoir an Bildern zitierend Bezug genommen wird. An diesen Befund schließen sich bestimmte Fragen an: Wie ist ein Bildzitat zu definieren und lässt sich überhaupt sinnvoll von einem Zitieren im Medium des Bildes sprechen? Wie ist das Bildzitat von anderen Verweistechniken abzugrenzen? Kunsthistorische Perspektive: Das Bildzitat im Kontext weiterer BildbezügeIn der kunsthistorischen Forschung liegt eine Fülle an Begrifflichkeiten zur Beschreibung von Bildbeziehungen vor – etwa das Bild im Bild, die Hommage, Paraphrase, Kopie u. ä. Christoph Zuschlag beklagt diese uneinheitliche Begriffsverwendung in der Literatur und verweist auf die Schwierigkeit, die Vielfalt von Bildrelationen zu erfassen und zu systematisieren. Zudem liege weder eine konsensuelle theoretische Bestimmung des Bildzitats sowie eine Abgrenzung zu anderen Formen vor noch ein einheitliches Kategoriensystem zur Beschreibung und Analyse unterschiedlicher visueller Verweistechniken. So wünschenswert ein epochen- und gattungsübergreifender Theoriebau auch wäre, so unklar wäre dabei, ob dieser dem Wandel von Diskursen über die Kunst und von Bildbegriffen im Laufe der Kunstgeschichte gerecht würde ([Zuschlag 2006a]Zuschlag, Christoph (2006): Auf dem Weg zu einer Theorie der Interikonizität. In: Horstkotte, S. & Leonhard, K. (Hg.), Lesen ist wie Sehen. Intermediale Zitate in Bild und Text. Böhlau, Köln. Martina Sitt und Attila Horányi beispielsweise verwerfen den Begriff des Zitats, da er – ähnlich wie der Terminus des Einflusses ([Baader 2003a]Baader, Hannah (2003): Paragone. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen – Methoden – Begriffe. J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar. Bei Zuschlag wird das Bildzitat als Verweis auf konkrete Kunstwerke vom Phänomen der Metakunst ab den 1960er Jahren abgegrenzt. Metakunst referiert nicht auf ein spezifisches Bild, sondern entweder auf einen Topos, die Institution Kunst oder thematisiert auf einer selbstreflexiven Metaebene Kunst an sich ([Zuschlag 2002a]Zuschlag, Christoph (2002): Vom Kunstzitat zur Metakunst. Kunst über Kunst im 20. Jahrhundert. In: Mai, E. & Wettengl, K. (Hg.), Wettstreit der Künste. Malerei und Skulptur von Dürer bis Daumier. Edition Minerva, Wolfratshausen.
Interbildlichkeit, Interpikturalität und InterikonizitätZur Darstellung von Bildbeziehungen wird häufig auf den literaturwissenschaftlichen Ansatz der Intertextualität zurückgegriffen, den Julia Kristeva in den 1970er Jahren zur Beschreibung von Textbeziehungen in Anlehnung an Michail Bachtins Konzept der Dialogizität entwickelte. Der Begriff der Intertextualität wird in kunstwissenschaftlichen Arbeiten zum Teil direkt auf das Medium Bild übertragen, da entweder explizit textähnliche Strukturen von Bild-Bild-Bezügen – etwa die intertextuelle Metamalerei (Stoichita 1998) – untersucht werden oder sich bildspezifischere Begrifflichkeiten noch nicht großflächig in der Forschung durchgesetzt haben ([Rose 2006a]Rose, Margaret A. (2006): Parodie, Intertextualität, Interbildlichkeit. Aisthesis, Bielefeld. Darüber hinaus finden sich verschiedene Termini in der Literatur, die intertextuelle Taxonomien und Herangehensweisen adaptieren:
Vereinzelt sind Arbeiten zu Bildzitaten in verschiedenen visuellen Formaten (Malerei, Fotografie, Film) ([Böhn 1999a]Böhn, Andreas (1999): Intermediale Form- und Stilzitate in Photographie und Film bei Godard, Greenaway und Cindy Sherman. In: Böhn, A. (Hg.), Formzitate, Gattungsparodien, ironische Formverwendung: Gattungsformen jenseits von Gattungsgrenzen. Röhrig, St. Ingbert. Mit diesen Begrifflichkeiten wird versucht, dem Bildtransfer nachzugehen, intermediale und interkulturelle Bildbeziehungen und damit verschiedenen Medien, Zeitschichten und Diskurse zu berücksichtigen ([Schulz 2010a]Schulz, Martin (2010): Das interchrone Bild der Landschaft. Raumfahrt und Zeitreise bei Pieter Bruegel dem Älteren. In: Jacob, J. & Mayer, M. (Hg.), Im Namen des Anderen. Die Ethik des Zitierens. Fink, München. Analytische Philosophie: Vom Bildzitat bis zum MusikzitatDas Bildzitat als juristischer Gegenstand |
Anmerkungen
Literatur
[Asemissen & Schweikhart 1994a]Asemissen, Hermann Ulrich & Schweikhart, Gunter (1994): Malerei als Thema der Malerei. Akademie, Berlin.[Baader 2003b]Baader, Hannah (2003): Einfluss. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen – Methoden – Begriffe. Metzler, Stuttgart, Weimar.[Bal 1999a]Bal, Mieke (1999): Quoting Caravaggio. Contemporary Art, Preposterous History. The University of Chicago Press, Chicago.[Barabash 2010a]Barabash, Igor (2010): Das Bildzitat im Internet. Shaker, Aachen.[Baxmann 2001a]Baxmann, Inge (2001): Körperzitate. In: Gutenberg, A. & Poole, R.J. (Hg.), Zitier-Fähigkeit. Findungen und Erfindungen des Anderen. Erich Schmidt, Berlin.[Belting 1998a]Belting, Hans (1998): Das unsichtbare Meisterwerk. Die modernen Mythen der Kunst. C.H. Beck, München.[Birk 2012a]Birk, Elisabeth (2012): Nelson Goodmans Begriff der Exemplifikation und seine Anwendung in den Bildwissenschaften. In: Jäger, L.; Fehrmann, G. & Adam M. (Hg.), Medienbewegungen. Praktiken der Bezugnahme. Fink, München.[Böhn 1999a]Böhn, Andreas (1999): Intermediale Form- und Stilzitate in Photographie und Film bei Godard, Greenaway und Cindy Sherman. In: Böhn, A. (Hg.), Formzitate, Gattungsparodien, ironische Formverwendung: Gattungsformen jenseits von Gattungsgrenzen. Röhrig, St. Ingbert.[Calame & Thouvenin 2008a]Calame, Thierry & Thouvenin, Florent (2008): Das Bildzitat. In: Schmitz, W. et al. (Hg.), Probleme des neuen Urheberrechts für die Wissenschaft, den Buchhandel und die Bibliotheken. Harrassowitz, Wiesbaden.[Eilert 1991a]Eilert, Heide (1991): Das Kunstzitat in der erzählenden Dichtung. Studien zur Literatur um 1900. Steiner, Stuttgart.[Gamer 2007a]Gamer, Elisabeth-Christine (2007): Überlegungen zur Interikonizität. Malewitsch, Duchamp, Warhol und die Mona Lisa. In: Herrmann, K. & Hübenthal, S. (Hg.), Intertextualität. Perspektiven auf ein interdiziplinäres Arbeitsfeld. Shaker, Aachen.[Goodman 1990a]Goodman, Nelson (1990): Weisen der Welterzeugung. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hammer-Tugendhat 2009a]Hammer-Tugendhat, Daniela (2009): Das Sichtbare und das Unsichtbare. Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Böhlau, Köln.[Horstkotte & Leonhard 2006a]Horstkotte, Silke & Leonhard, Karin (Hg.) (2006): Lesen ist wie Sehen. Intermediale Zitate in Bild und Text. Böhlau, Köln.[Keitz 1994a]Keitz, Ursula von (1994): Dialogizität der Bilder. Bemerkungen zum Verhältnis von Bildender Kunst und Film aus semiotischer Sicht. In: Paech, J. (Hg.), Film, Fernsehen, Video. Strategien der Intermedialität. Metzler, Weimar.[Kemp 1995a]Kemp, Wolfgang (1995): Praktische Bildbeschreibung. Über Bilder in Bildern, besonders bei Van Eyck und Mantegna. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst – Kunstbeschreibung. Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.[Neumann 1980a]Neumann, Horst Peter (1980): Das Eigene und das Fremde. Über die Wünschbarkeit einer Theorie des Zitierens. Akzente. Zeitschrift für Literatur, 27, 4.[Rose 2006a]Rose, Margaret A. (2006): Parodie, Intertextualität, Interbildlichkeit. Aisthesis, Bielefeld.[Rosen 2003a]Rosen, Valeska von (2003): Interpikturalität. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. Metzler, Weimar.[Rosen et al. 2003a]Rosen, Valeska von; Krüger, Klaus & Preimesberger, Rudolf (2003): Der stumme Diskurs der Bilder. Reflexionsformen des Ästhetischen in der Kunst der Frühen Neuzeit. Deutscher Kunstverlag, Berlin.[Schmidt 2000a]Schmidt, Ulrike Kristin (2000): Kunstzitat und Provokation im 20. Jahrhundert. VDG, Weimar.[Schulz 2010a]Schulz, Martin (2010): Das interchrone Bild der Landschaft. Raumfahrt und Zeitreise bei Pieter Bruegel dem Älteren. In: Jacob, J. & Mayer, M. (Hg.), Im Namen des Anderen. Die Ethik des Zitierens. Fink, München.[Sello 1979a]Sello, Katrin (1979): Vom Nutzen und Nachteil des Zitierens für die Kunst. In: Sello, K. (Hg.), Vom Nutzen und Nachteil des Zitierens für die Kunst. Kunstverein Hannover, Hannover.[Sitt & Horányi 1993a]Sitt, Martina & Horányi, Attila (1993): Kunsthistorische Suite über das Thema des Zitats in der Kunst. In: Seipel, W. (Hg.), Diskurse der Bilder. Photokünstlerische Reprisen kunsthistorischer Werke. Kunsthistorisches Museum, Wien.[Steinbrenner 1999a]Steinbrenner, Jakob (1999): Zitatzeit – oder Füßchen der Gänse überall – oder worauf Zitate Bezug nehmen. In: Sachs-Hombach, K & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik.Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Steinbrenner 2004a]Steinbrenner, Jakob (2004): Zeichen über Zeichen. Grundlagen einer Theorie der Metabezugnahme. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg.[Stoichita 1998a]Stoichita, Victor I. (1998): Das selbstbewusste Bild. Vom Ursprung der Metamalerei. Fink, München.[Wagner 2006a]Wagner, Peter (2006): Nachwort. In: Horstkotte, S. & Leonhard, K. (Hg.), Lesen ist wie Sehen. Intermediale Zitate in Bild und Text. Böhlau, Köln.[Wege 1999a]Wege, Astrid (1999): Appropriation Art. In: Sagner-Düchting, K. & Düchting, H. (Hg.), Prestel Lexikon Kunst und Künstler im 20. Jahrhundert. Prestel, München, London, New York.[Zuschlag 2002a]Zuschlag, Christoph (2002): Vom Kunstzitat zur Metakunst. Kunst über Kunst im 20. Jahrhundert. In: Mai, E. & Wettengl, K. (Hg.), Wettstreit der Künste. Malerei und Skulptur von Dürer bis Daumier. Edition Minerva, Wolfratshausen.[Zuschlag 2006a]Zuschlag, Christoph (2006): Auf dem Weg zu einer Theorie der Interikonizität. In: Horstkotte, S. & Leonhard, K. (Hg.), Lesen ist wie Sehen. Intermediale Zitate in Bild und Text. Böhlau, Köln. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Anna Valentine Ullrich, Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch und Marcel Lemmes — (Hinweis) |