Darstellung (historisch)

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Historische Bildbegriffe


Darstellung des gr. Zusammenhangs

Der Ausdruck 'Darstellung’ und das zugehörige Verb ‘darstellen’ sind eine Sonderentwicklung im deutschsprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Bedeutungsfeld mit einer gewissen Annäherung dem der Ausdrücke ‘Repräsentation’ und ‘Präsentation’ sowie den entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen, eine eineindeutige fremdsprachige Übersetzung wird sich jedoch nicht finden lassen.[1] Für das Englische schlägt Flusser vor, die Bedeutung des Ausdrucks ‘arstellen’ als “jene Grauzone” zu beschreiben, “in welcher sich die Bedeutungen von 'to represent', 'to expose' und 'to exhibit' überschneiden.”[2] Die Liste ließe sich sicherlich noch um einige Ausdrücke erweitern.

Das Übersetzungsproblem ergibt sich einerseits aus der Vieldeutigkeit der fremdsprachigen Ausdrücke und ihren jeweiligen Konnotationen, andererseits aber auch aus der Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs selber. So kann der Ausdruck 'Darstellung' in geeigneten Kontexten durch die Ausdrücke 'Abbildung', 'Verkörperung', 'Wiedergabe' und viele mehr ersetzt werden. Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs ist wiederum Resultat seiner Begriffsgeschichte.


Engere Begriffsbestimmungen

Für die Begriffsgeschichte von 'Darstellung' und die Ausbildung des heutigen Bedeutungsspektrums sind besonders seine Karriere in der Poetik und Ästhetik und dabei sein wechselhaftes Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff relevant. Denn gerade über ihr Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff wurde Darstellung zu einem zentralen und zugleich verworrenen Begriff der Bild- und Zeichentheorie. Die Entfaltung des heutigen Bedeutungsspektrums möchte anhand von vier Stationen seiner Begriffsgeschichte darstellen, nämlich (1) der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen oder Präsentieren, (2) dem Import in die Ästhetik durch Lessing und Klopstock zur Bezeichnung der Präsentationsweise, (3) sein Bedeutungszuwachs durch die Verdrängung des Naturnachahmungsbegriffs und (4) die Hinzunahme konstruktiver Momente durch die Abgrenzung vom Naturnachahmungsbegriff.

1) Hinstellen und Verkörpern — Luther und die Schauspieler

Der Ausdruck 'Darstellung' gilt als Übersetzung der lateinischen Ausdrücke 'repraesentatio' und 'exhibitio'. (Vgl. Grimm 1860: 792.) Eine der frühesten Verwendungsweisen findet sich in Luthers Bibelübersetzung. "Und Du sollst den Tisch darbringen und ihn zubereiten, und den Leuchter darstellen und die Lampen drauf setzen."[3] In dieser Verwendung bezeichnet der Ausdruck das physische Hinstellen, die reine Präsentation eines Gegenstandes — ein 'vor die Augen bringen/stellen' —, ohne dass dieser Gegenstand als Zeichen noch auf etwas von sich Verschiedenes verweist.


In dieser Verwendung besitzt der Ausdruck also keinerlei semiotische Funktion. Mediale Darstellungen (in unserer heutigen Verwendung des Ausdrucks) werden zu dieser Zeit mittels der Ausdrücke 'repraesentatio' und 'imitatio' (bzw. ihrer fremdsprachigen) Entsprechungen beschrieben. Die Adaption des Darstellungsbegriffs in (im weiteren Sinne) ästhetischen Kontexten erfolgt dementsprechend zunächst im Rahmen der Schauspieltheorie und zwar ohne nennenswerte semiotische Implikationen. Der Schauspieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder verkörpert eine Figur auf der Bühne.


2) Präsentationsweise und Ausführung

Diese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexika des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts noch im Vordergrund. Die zu diesem Zeitpunkt im ästhetischen Kontext bereits weithin übliche Verwendung im Sinne von \emph{sinnlicher Vergegenwärtigung} wird nur am Rande erwähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Verwendungsweise auch eher randständig. Zwar nutzt August Buchner den Ausdruck 'darstellen' schon 1665 zur Wiedergabe der aristotelischen Mimesis, wenn er die Aufgabe des Poeten darin sieht, dass er "ein Thun darstelle / wie es entweder ist / seyn soll / oder mag"[4] und setzt die Darstellung damit an die Stelle der damals üblichen Übersetzung als Nachahmung. Aber dieser Übersetzungsvorschlag blieb weitestgehend folgenlos.

Erst Lessing führte den Ausdruck folgenreich in einen ästhetischen und semiotischen Zusammenhang ein. Er unterscheidet bei Kunstwerken die 'Erfindung' des Stoffes (des Darstellungsgehalts) von seiner 'Ausführung' als der technischen Realisierung im Medium. Die Ausführung bezeichnet er in diesem Zusammenhang auch als Darstellung: "Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und Darstellung gegen einander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem Meister an der einen so wiederum zu erlassen, als wir an der andern zu viel erhalten zu haben meinen." (Lessing 1766: 98.)

Er-Findung und Ausführung/Darstellung gelten ihm als zwei Aspekte oder Momente der Naturnachahmung. Lessings Verwendung von 'Darstellung' ist im Grunde noch sehr nahe an der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen und Vor-Augen-Stellen und obgleich seine Unterscheidung zwischen Erfindung und Darstellung offensichtlich an der rhetorischen Unterscheidung zwischen inventio und elocutio orientiert ist, wertet er die Rolle der Darstellung (elocutio) im Rahmen seiner wirkungsästhetischen Argumentation erheblich auf. Eine geeignete Darstellung soll die Illusion -- und das heißt bei ihm vor allem die Unauffälligkeit der zur Darstellung verwendeten Zeichen -- gewährleisten. Die Zeichenhaftigkeit der verwendeten Zeichen soll in den Hintergrund treten, da sonst "die Intuition des Bezeichneten nicht zugleich mit der Intuition des Zeichens erfolgen kann." (Lessing 1788: 304 f.) Darauf zweckt das sogenannte bequeme Verhältnis ab.

"Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte Tönen in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: so können nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren, aufeinanderfolgende Zeichen, aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen." (Lessing Lessing 1766: 116. Vgl. hierzu und zum folgenden den Artikel Mimesis.)

Den Hintergrund bildet Harris' Unterscheidung zwischen den koexistierenden Zeichen der bildenden Künste und den sukzessiven Zeichen der Dichtung und der Musik. Das 'bequeme Verhältnis' soll durch eine Isomorphie zwischen der (räumlichen oder zeitlichen) Struktur der Referenten und der Syntax der verwendeten Zeichen erreicht werden. Die Körper bestehen als räumliche Gebilde aus nebeneinander angeordneten Teilen, weshalb koexistierende Zeichen für ihre Darstellung besonders geeignet sind; Handlungen verlaufen dagegen linear in der Zeit, weshalb sukzessive Zeichen für ihre Darstellung besonders geeignet sind. Klopstock schließt offensichtlich an Lessings Ästhetik an. "Die Malerey zeigt ihre Gegenstände auf Einmal; die Dichtkunst zeigt sie in einer gewissen Zeit." (Klopstock 1774: 171 f.) Vor allem arbeitet er die wirkungstheoretische Perspektive Lessings weiter aus und betont noch stärker die Rolle der Präsentationsweise, wobei ihm -- wie Lessing -- die durch die Etymologie des Darstellungsbegriffs ermöglichte Betonung der Performanz in die Hände spielt. Er nutzt den Darstellungsbegriff im Anschluss an Lessing zur Beschreibung der Präsentationsweise und verknüpft diese eng mit der Illusion. "Der Zwek der Darstellung ist Teüschung." (Klopstock 1779: 246.) Die Täuschung oder Illusion führt Klopstock auf die Lebhaftigkeit der Darstellung zurück — ein Gedanke, der sich in Ansätze auch bereits bei Lessing findet.

"Es gibt wirkliche Dinge, und Forstellungen, di wir uns dafon machen. Di Forstellungen fon gewisen Dingen können so läbhaft wärden, daß dise uns gegenwertig, und beina di Dinge selbst zu sein scheinen. Dise Forstellungen nen ich fastwirkliche Dinge. Es gibt also wirkliche Dinge, fastwirkliche, und blosse Forstellungen."[5]

Während Dinge und Vorstellungen ontologisch unterschieden sind, werden die 'fastwirklichen Dinge' auf der Basis der Wirkung ihrer Präsentation bestimmt. Der Ausdruck 'Darstellung' wird bei Kloptock zum terminus technicus für eine besonders lebhafte Weise der Präsentation. Indem er sein Hauptaugenmerk auf die derart verstandene Darstellung legt, stellt er die Wirkungsfunktionen bestimmter medialer Eigenschaften der Dichtung (wie dem Metrum) in den Mittelpunkt seiner Poetik. Darstellungsgehalte und Referenzen (der Erfindung bei Lessing) spielen demgegenüber bei Klopstock eine marginale Rolle. Eine explizite Bestimmung des Verhältnisses seines Darstellungsbegriffs zum Begriff der Naturnachahmung findet sich bei Klopstock allerdings nicht.

optional Beispiele
Auswirkungen auf andere Begriffe
Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden Schlenstedt 2000: 847.
  2. ↑ Flusser 1994: 34.
  3. ↑ 2. Mose 40,4. Vgl. hierzu und zum folgenden auch den Artikel "darstellen" in Trübner (1940: 27), Adelung (1811: 1402-1403) und in Grimm (1860: 701 f.) sowie Mülder-Bach (1998: 78 f.)
  4. ↑ Buchner 1665: 27; vgl. dazu Aristoteles: Poetik, 1460b.
  5. ↑ Klopstock 1779: 244. Die eigenwillige Orthographie ist Ausdruck von Klopstocks Poetik.
Literatur
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Verantwortlich:

Schöttler, Tobias