Glossar-English:Image reception as a communication process
Unterpunkt zu: Bildpragmatik
Is image reception a case of sign use?If pictures are used as signs, it follows that objects can only be understood as images if they are viewed as components with a specific function in a communicative interaction between at least two individuals. This bipolar view of the reception situation seems to stand in direct contrast to the view, which has become standard in art history, of the reception situation as a monopolar action – i.e. an action carried out by an isolated individual alone – in front of the picture carrier. To put it another way, the question is: How can the sign theory of the image be conceptually reconciled with the apparently monopolar reception situation? The “classic” monopolar reception situation, the “active” image, and the auraIf art-historical considerations address the reception situations of the visual artifacts under consideration, one element is not abandoned, at least in their more traditionally oriented or vulgarized approaches, despite all the variances in the reception situations, if it is to be a question of a correct approach to the picture: the naive viewer, the professional art critic, the experienced art historians, they all stand alone in contemplation in front of the work. It is the picture that seems to turn to the lonely viewer standing in front of him and in it – suddenly or gradually, but always spontaneously – reveals its (the picture's) nature. Similar to the ideational essence view of phenomenology, only an essentially intensive but passive-patient attitude on the part of the recipient opens up access to the true nature of the work.[1] For Marshall McLuhan, however, this monopolar reception situation only represents a historically conditioned view, which from a media-theoretical perspective should be understood as a typical impact of social reactions to the “new” medium of book printing (“Gutenberg galaxy”) (cf. [McLuhan 1962a]McLuhan, Marshall (1962): The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man. University of Toronto Press, Toronto. With his concept of the aura, Walter Benjamin had already proposed a description of the bourgeois concept of art that rejects the monopolar reception situation as an outdated historical construct, if not as ideologically burdened ([Benjamin 1939a]Benjamin, Walter (2002): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Schöttker, D. (Hg.), Walter Benjamin: Medienästhetische Schriften. Suhrkamp , Frankfurt/M. Ultimately, the conception of the monopolar reception situation leads to the view that images – more precisely, it should probably mean: image carriers – are themselves active agents who first produce what is represented with them for the viewer (and independently of the viewer)(⊳ picture act theory). However, in this projection of an agent on the unsuitable image carrier, the conflict with the fundamentally bipolar sign-theoretical image approach is mitigated, as two agents are actually taken into account, only that the attribution of this predicate, at least for the image carrier, is – to put it mildly – unusual.
The classic bipolar reception situation of communicationDa Zeichenverwendungen sinnvoller Weise aus Kommunikationshandlungen abgeleitet werden, sind sie jeweils auf zwei zu entsprechend komplexen Handlungen fähigen Aktivitätsträgern aufgeteilt: In Kommunikationstheorien werden sie meist ‘Sender’ und ‘Empfänger’ genannt. Den damit gegebenen dreifachen Bezug eines als Zeichen verwendeten Trägerobjekts zu ‘Sender’, ‘Empfänger’ und ‘Referent’ hat Karl Bühler exemplarisch für Sprache in seinem Organon-Modell mit den Relationen ‘Ausdruck’, ‘Appell’ und ‘Darstellung’ entfaltet ([Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart. Die beiden Handlungs“pole” der Zeichenhandlungen bezeichnen dabei ganz allgemein Rollen des zugehörigen Interaktionsschemas.[3] Diese können tatsächlich nicht nur von unterschiedlichen, sondern durchaus auch vom selben Handlungsträger belegt werden. Das ist etwa bei Selbstgesprächen der Fall: Eine Person stellt dann sich selbst gegenüber bestimmte ihr wichtige Sachverhalte dar. Auf diese Weise fokussiert sie ihre Gedanken zu jenem Thema. Demnach könnte auch das einsame Betrachten eines Bildes in scheinbar monopolarer Situation tatsächlich als eine Art pikturalen Selbst“gesprächs” und damit als grundsätzlich bipolar verstanden werden: Jemand zeigt sich selbst mithilfe des Bildträgers, was immer ihm damit zu zeigen wichtig scheint, und fokussiert so seine Gedanken auf diese Aspekte. Eine solche Interpretation ist sicherlich vor allem für die sogenannten “natürlichen” Bilder sinnvoll. Doch wird damit bei anderen (“normalen”) Bildern der Bezug zu deren Produktionssituation weitgehend ausgehebelt. Kann man auf diese Weise überhaupt “von einem Bild überrascht werden”? Das wesentliche Problem liegt hier darin, dass bei Bildern – als sekundäre Medien – in der Regel Produktions- und Rezeptionssituationen zeitlich auseinander fallen. Nicht nur, dass Sender und Empfänger sich normalerweise nicht kennen. Es ist ihnen der temporalen Distanz wegen darüber hinaus meist auch unmöglich, überhaupt je miteinander bekannt zu werden. Daher sind Modifikationen des Kommunikationsbegriffs nötig, der am Kommunizieren in primären Medien mit den dort (wie auch in Tertiärmedien) gegebenen Möglichkeiten kommunikativen Feedbacks ausgerichtet war. Das bipolare Kommunikationsmodell muss für sekundäre Medien schon deshalb erweitert werden, weil dieser Medientypus nur für die besonders komplexe Klasse der bewussten Kommunikation – also der Zeichenhandlungen – verfügbar ist.[4]
Die quadrupolare Rezeptionssituation sekundärer MedienDer Übergang von einfachen kommunikativen Interaktionen, wie etwa Ausdrucksbewegungen und Signalverhalten, zu Zeichenhandlungen wird in der Fachliteratur insbesondere dadurch charakterisiert, dass das Vorführen von Verhaltensweisen, wie es für den Vollzug kommunikativer Handlungen wesentlich ist, verinnerlicht – internalisiert – wird (vgl. [Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M. Während ein in kommunikativer Absicht vorgeführtes Verhalten unter anderem so modifiziert wird, dass seine körperlichen Aspekte besonders deutlich und für den Empfänger besonders gut erkennbar artikuliert werden, führt die nun betrachtete Reflexivierung des Zeigens eines Verhaltens zu einer Reduktion seiner von außen klar erkennbaren Aspekte: Statt deutlich sichtbarer körperlicher Veränderungen (etwa das bei Wölfen als Geste aus dem Anfangselement einer Beißattacke entwickelte hervorgehobene Fletschen der Zähne[5]) genügt nun eine sehr schwache Aktivierung der entsprechenden Nervenbahnen, eine kaum merkliche Änderung des zugehörigen Muskeltonus.[6] Insbesondere können nun die Aktivitäten des Vorführens des einen Kommunikationspartners und die zugehörigen Reaktionen des anderen Kommunikationspartners aufeinander bezogen werden. Die Rolle des Gegenübers kann nämlich mit der Internalisierung vom Kommunizierenden selbst mit seiner eigenen Rolle in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden. Damit sind Individuen, die in Zeichenhandlungen eintreten können, stets als dyadisch zu verstehen: Jeder Begriff eines Handlungsträgers, der nur konsekutiv als Sender oder Empfänger agiert, und nicht simultan, kann nicht unter diesen Begriff von bewusster Kommunikation fallen. Die beiden Pole des bipolaren Kommunikationsmodells müssen nun selbst als jeweils zweigeteilt verstanden werden, da jeder davon die beiden Rollen von Sender und Empfänger internalisiert ausfüllt (vgl. Abb. 1). Kommunikativ wirksam können nun jeweils drei Interaktionen werden: (i) Die internalisierte Interaktion zwischen dem Selbstmodell des “aktiven” Zeichenhandelnden (Produzent) und seiner Vorstellung vom “passiven” Kommunikationspartner (Rezipient), (ii) die internalisierte Interaktion zwischen der Vorstellung eines Rezipienten vom Sender und dem eigenen Selbstmodell, (iii) die Interaktion zwischen dem Selbstmodell des Produzenten und dessen Partnermodell des Rezipienten. Weiterhin kann die Koordination zwischen den kommunikativen Teilhandlungen (i) und (iii) über das externe Feedback des Rezipienten – seine Reaktionen inklusive Rückfragen – (gestrichelte Linie im Bild) erreicht werden, die zwischen Teilkommunikationen (ii) und (iii) über weitere Zeichenhandlungen des Produzenten an diesen Rezipienten.[7] Bei Kommunikation über sekundäre Medien werden wegen der zeitlichen Separierung der Produktions- und Rezeptionssituationen die kommunikativen Teilhandlungen (i) und (ii) voneinander abgekoppelt, während (iii) in zwei Teile zerfällt, die über den persistenten Zeichenträger nur lose miteinander “harmonisiert” werden können (vgl. Abb. 2).[8]
Die “monologische” Rezeptionssituation des BildgebrauchsFür asynchrone Kommunikation, wie sie gerade bei Bildverwendung sehr häufig auftritt, hat die Meadsche doppelt-bipolare Konzeption entscheidende Konsequenzen. Insbesondere führt sie zu einer dem monopolaren Ansatz diametral entgegengesetzten Fassung einer Rezeptionsästhetik: Wer alleine einen Bildträger als Bild betrachtet, nimmt simultan die Rolle von Sender und Empfänger des Bildzeichens ein – er zeigt es sich selbst in der Rolle eines anderen. Dabei entspricht die Ambiguität der Phrase ‘in der Rolle eines Anderen’ in dem vorigen Satz durchaus den beiden Möglichkeiten: ‘er selbst in der Rolle des (vorgestellten) Senders (und den von ihm dem Sender zugeschriebenen Charakteristika) zeigt sich selbst das Bild’ (Abb. 3 (a)) vs. ‘er zeigt einem anderen, den er sich in der Rolle des Empfänger vorstellt, das Bild’ (Abb. 3 (b)). Diese Dopplung tritt aber nicht nur auf der Rezeptionsseite auf: Auch der Produzent hat bei der Herstellung des Bildes ja stets bestimmte Vorstellungen vom Empfänger, an den er sich richtet. Ganz entsprechend ist schon 1934 für John Dewey der Begriff der ästhetischen Erfahrung prinzipiell in einer zwar möglicherweise zeitlich aufgespalteten, gleichwohl nur im Zusammenhang zu denkenden Situation einer Zeichenhandlung zwischen Produzent und Rezipient zu verstehen (vgl. [Dewey 1934a]Dewey, John (1934): Art as Experience. Minton, Balch & Company, New York.
(2) Die ästhetische Erfahrung des Rezipienten (P2) umfasst
Je nach vorgestellten Kommunikationspartnern ergeben sich so tatsächlich jeweils unterschiedliche Varianten des Kommunikationsprozesses und damit des erreichten Bildverständnisses. Damit öffnen sich der theoretischen Betrachtung Spielräume für Wiederverwendungen und Reinterpretationen von Bildträgern jenseits einer einzigen als historisch korrekt markierten Deutung. Die Rekonstruktion der produktionsseitigen Kommunikationsintentionen im entsprechenden historischen Kontext mit einem angenommenen Selbstmodell des Produzenten und den vermutlich von ihm anvisierten Empfängern bildet eine (wenn auch etwa kunsthistorisch vor allem interessierende) Deutungsmöglichkeit neben vielen weiteren rezeptionsseitig induzierten Interpretationen. Die scheinbar monopolare Verwendungsweise eines Bildes entpuppt sich dabei als pikturales Analogon eines notwendig von Kommunikation abhängigen Monologs. |
Anmerkungen
Literatur
[Benjamin 1939a]Benjamin, Walter (2002): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Schöttker, D. (Hg.), Walter Benjamin: Medienästhetische Schriften. Suhrkamp , Frankfurt/M.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Dewey 1934a]Dewey, John (1934): Art as Experience. Minton, Balch & Company, New York.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[McLuhan 1962a]McLuhan, Marshall (1962): The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man. University of Toronto Press, Toronto.[Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.[Schirra 1994a]Schirra, Jörg R.J. (1994): Bildbeschreibung als Verbindung von visuellem und sprachlichem Raum. DISKI, St. Augustin.[Vogel 2001a]Vogel, Matthias (2001): Medien der Vernunft. Eine Theorie des Geistes und der Rationalität auf Grundlage einer Theorie der Medien. Suhrkamp, Frankfurt/M. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) Zitierhinweis: [Schirra 2013g-g]Schirra, Jörg R.J. (2013). Bildrezeption als Kommunikationsprozess. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Bildrezeption_als_Kommunikationsprozess]. |


