Russisch: 'obraz'

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildtermini anderer Sprachen


‘Obraz’: Vorläufige Bestimmung

Der zentrale Bild-Begriff der russischen Sprache ist ‘образ’ (‘obraz’).[1] Die seman­tische Komple­xität und die sprach­imma­nente Spezi­fik dieses Begriffs lässt seine direk­te Über­tragung ins Deutsche als ‘Bild’ oder ‘sinnli­che Gestalt’/‘Form’ nur als behelfs­mäßig und eigent­lich als inad­äquat erschei­nen. Inner­halb der russi­schen Sprach­dyna­mik ist der Begriff tenden­ziell melio­rativ, trotz aller Viel­schich­tigkeit und seman­tischen Dialek­tik dieses Begriffs: Die Nähe zum Ursprüng­lichen, Wahren und Sakra­len zeichnet dieses Bild-Konzept aus. Bele­gen lässt sich diese Tendenz bereits an der zweiten Grundbe­deutung des Ausdrucks: ‘Obraz’ meint auch eine mani­feste Abbil­dung des Heili­gen in der Iko­ne. Eine Iko­ne erhielt ursprüng­lich nicht bloß stellver­tretend einen Heilig­keitssta­tus, sondern sie war durch das Darge­stellte selbst heilig. Die Rele­vanz des Begriffs »obraz« kann für die russi­sche Kultur im Ganzen und für die russi­sche Philo­sophie im Beson­deren kaum über­schätzt werden.[2] An dieser Stelle sei nur beispiel­haft auf Pavel Floren­skijs Schrift «Namen» verwie­sen ([Florenskij 2007a]Florenskij, Pavel (2007): Imena. Azbuka-klassika, Sankt Peterburg.
).


‘Obraz’: Etymologie und Seman­tik

Der Ausdruck ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhun­dert nachweis­bar. Der Wortstamm ist auf das Verb ‘rezat'’ (‘schneiden’, ‘eine Grenze ziehen’) zurück­zufüh­ren. ‘Rezat'’ meint ‘schneiden’, ‘in kleine­re Einhei­ten (‘raz’) teilen und dadurch Vielhei­ten schaffen’. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegen­stand Form, Gestalt. Demnach meint ‘obraz’ zunächst die einheit­liche Gestalt eines Gegen­standes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unter­scheidbar macht. Als etwas Gestal­tetes kann es auch ein Vollkom­menes sein – so wie auch im Griechi­schen ‘eikon’, ‘typos’ und ‘morphe’. Sergej M. Ėizen­štein ([Eizenštein 1975a]Ėizenštein, Sergej M. (1975): Perspektiven (1929). In: Ėizenštein, S. M. (Hg.), Schriften. Bd. 3. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Übersetzt von Hans-Joachim Schlegel
) sieht außer­dem eine ety­molo­gische Verwandt­schaft von ‘obraz’ mit ‘obnaruženie’ (‘Bloßle­gung’, ‘Hervor­treten’, 'Ent­decken'). Wird diese Bedeu­tung berück­sichtigt, so treten in dem Erschei­nen eines Gegen­standes, in seinem ‘obraz’, wesent­liche Zusam­menhän­ge prozess­haft zuta­ge. Charak­teris­tisch für die Seman­tik von ‘obraz’ ist die Ver­eini­gung von höchster Konkret­heit und Detail­liertheit mit Allge­meinheit und Abstrakt­heit – oder auch von Indi­vidua­lität mit Ganzheit­lichkeit.

(1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahr­bares meint ‘obraz’ eine äuße­re Erschei­nung, Darstel­lung oder Verkör­perung von etwas Nicht-Sicht­barem oder nicht unmit­telbar Zugäng­lichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlich­keit und Sinn. ‘Obraz’ meint die sinnli­che Erschei­nungswei­se des Nichtsinn­lichen. Als solche Erschei­nung ist ‘obraz’ tenden­ziell auch sinnbild­lich. Der mime­tische Bedeu­tungsas­pekt tritt eher bei ety­molo­gisch verwand­ten Bild-Termi­ni in den Vorder­grund (z.B. ‘izo­braže­nie’, ‘oto­braže­nie’, die ‘Abbild’, ‘Illus­tration’ bedeu­ten). Dement­sprechend meint ‘obraz’ im künstle­rischen oder lite­rari­schen Kontext die Veran­schauli­chung eines allge­meine­ren (gedank­lichen) Zusam­menhangs in einer indi­viduel­len Erschei­nung oder Figur. Für eine solche sinnli­che Darstel­lung ist Leben­digkeit und Dyna­mik charak­teris­tisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begrif­fen werden, wie es dage­gen etwa bei den Wörtern ‘kopija’ (dt. ‘Kopie’) oder ‘oto­braže­nie’ (dt. ‘Wider­spiege­lung’, ‘Abbild’) der Fall ist. Der dyna­mische Aspekt findet sich auch in der Bedeu­tung von ‘obraz’ als ›menschli­che Gestalt‹. Die Ganzheit­lichkeit und Dyna­mik eines obraz lässt sich in einem Erkennt­nispro­zess nicht vollstän­dig schema­tisch zerle­gen. Jeder­zeit bleibt ein Bedeu­tungsüber­schuss, eine Vielschich­tigkeit, die nicht in einer feststel­lenden mime­tischen Beschrei­bung zu erfas­sen ist.

(2) Das, was sich in einer konkreten sinnli­chen Erschei­nung zeigt, ist ein Typ, ein allge­meine­rer Charak­ter, ein Maß. Auch dies bringt ‘obraz’ zum Ausdruck. Als ein ideal­typi­sches Bild oder Eben­bild verweist ‘obraz’ auf ein Erstes (‘čelo­vek kak obraz i podobie Boga’: dt. ‘der Mensch als Eben­bild Gottes’).

(3) Das ideale Bedeutungsmoment ist es auch, das die Dyna­mik dieses Bild-Konzepts garan­tiert. Das Idea­le wird impli­zit als ein Ziel begrif­fen, aus dem heraus die Form und die Handlungs­weise, die Ordnung und die Tradi­tion (‘obraz žisni’: dt. ‘Lebens­weise’; ‘obraz mysli’: dt. ‘Denkungs­art’) entsteht. Das Deri­vat ‘obrazec’ (dt. ‘Vorbild’, ‘Maß’) unter­mauert die teleo­logi­sche Nuancie­rung der Seman­tik von ‘obraz’.[3]

(4) ‘Obraz’ meint auch ein/e lebendige/s anschauliche/s mentale Vorstellung/Bild von etwas. Das etymologisch verwandte Wort ‘voobraženie’ bedeutet ‘Einbildungskraft’, ‘Vorstellungsvermögen’. Überwiegt das Fließende, Bewegliche und Austauschbare bei einem obraz, so handelt es bei den Vorstellungen um (fiktive) Phantasiebilder. Wird dagegen das Wesentliche in einem obraz hervorgehoben, so ist es eine künstlerische Erfassung der Realität und eine zwischen dem Subjekt und der Realität vermittelnde Leistung, die das Reale (oder das Wahre) in einer neuen Form, in einem obraz, zur Erscheinung bringt. Betrachtet man die von ‘obraz’ abgeleiteten Bezeichnungen (‘bezobrazie’: dt. ‘Häßlichkeit’, ‘moralische Verwerflichkeit’; ‘preobraženie’: dt. ‘Verklärung’, ‘Verwandlung’), so wird offensichtlich, dass ‘obraz’ nicht eine beliebige äußere Form meint, sondern als eng verknüpft mit Schönem, Gutem und Wahrem zu denken ist. Das Böse ist demgegenüber als gestaltlos (d.h. als bez-obraznoe) zu verstehen.


Weitere Bild-Termini

Außer ‘obraz’ existieren noch viele andere Bild-Ausdrücke in der russischen Sprache. Neben den schon erwähnten ‘kopija’ und ‘otobraženie’ sei hier nur noch ein weiteres Wort zusätzlich angeführt: ‘kartina’. Die Bedeutungssphären der beiden Bezeichnungen ‘obraz’ und ‘kartina’ verhalten sich komplementär zueinander. Wenn ‘obraz’ eher mit dem englischen ‘image’ vergleichbar ist, dann entspricht die Bedeutung von ‘kartina’ eher ‘picture’. Die materielle und künstliche Beschaffenheit eines Objekts tritt bei diesem Bild-Begriff deutlicher in den Vordergrund. In Abgrenzung zu ‘obraz’ vermittelt ‘kartina’ einen tendenziell statischen Gesamteindruck über eine Reihe von Gestalten.

Anmerkungen
  1. ↑ Ei­nen Über­blick über die­sen und an­de­re Bild­be­grif­fe bie­ten: [Ivanov 1985a]Ivanov, Vjačeslav (1985): Einführung in allgemeine Probleme der Semiotik. Narr, Tübingen.
    Nicht angezeigt: Herausgegeben und eingeleitet von W. Eismann
    , [Vasmer 1986a]Vasmer, Max (1986): Ėtimologičeskij slovar' russkogo jazyka. Perevod s nemeckogo jazyka O. N. Trubačeva. V četyrëch tomach. Progress, Moskva.
    Notiz: 2. Auflage
    , [Cernych 2001a]Černych, Pavel (2001): Istoriko-ėtimologičeskij slovar' russkogo jazyka. V dvuch tomach. Russkij jazyk, Moskva.
    und [Zyganenko 1989a]Der Eintrag existiert noch nicht..
  2. ↑ Auch für die rus­si­sche Kunst- und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft ist die­ser Be­griff von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Vgl. bei­spiels­wei­se den obraz-Be­griff bei Gustav Špet, Ale­xan­der Po­teb­nja, Vik­tor Šklov­skij. In die li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Ter­mi­no­lo­gie wur­de der Aus­druck 1838 von Vis­sa­rion Be­lin­skij (in sei­nem Auf­satz «Fon­vi­zin i Za­gos­kin» in der Zeit­schrift «Mos­kovs­kij nab­lju­da­te­lj'») als ei­ne ein­heit­li­che Über­set­zung der He­gel­schen kunst­phi­lo­so­phi­schen Be­grif­fe »Bild« und »Ge­stalt« ein­ge­führt. Auf Be­lin­skij geht auch die For­mel „poė­zija est' myš­lenie v obra­zach“ („Poe­sie ist Den­ken in Bil­dern“) zu­rück, die im Kon­text der Re­zep­tion He­gels zu se­hen ist.
  3. ↑ Vgl. auch das Idi­om ‘po­te­rjat' obraz če­lo­ve­če­skij’, das sich als ‘al­les Mensch­li­che ein­bü­ßen’ ins Deut­sche über­tra­gen lässt.
Literatur
[Cernych 2001a]Černych, Pavel (2001): Istoriko-ėtimologičeskij slovar' russkogo jazyka. V dvuch tomach. Russkij jazyk, Moskva.[Cyganenko 1989a]Cyganenko, Galina (1989): Ėtimologičeskij slovar' russkogo jazyka. Rad. shkola, Kiev.[Eizenštein 1975a]Ėizenštein, Sergej M. (1975): Perspektiven (1929). In: Ėizenštein, S. M. (Hg.), Schriften. Bd. 3. Hanser, München.[Florenskij 2007a]Florenskij, Pavel (2007): Imena. Azbuka-klassika, Sankt Peterburg.[Ivanov 1985a]Ivanov, Vjačeslav (1985): Einführung in allgemeine Probleme der Semiotik. Narr, Tübingen.[Vasmer 1986a]Vasmer, Max (1986): Ėtimologičeskij slovar' russkogo jazyka. Perevod s nemeckogo jazyka O. N. Trubačeva. V četyrëch tomach. Progress, Moskva.

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