Fotografie

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Unterpunkt zu: Bildmedien


Bildwissenschaftliche Fragen an das Medium Foto­grafie

Für die bildwissenschaftliche Refle­xion auf das Bild, die Bilder und die Bild­medien stellt die Aus­einan­derset­zung mit der Foto­grafie ein bevor­zugtes Arbeits­gebiet dar. Wiewohl auch der Bild­begriff der Foto­grafie umstrit­ten, die Kontu­ren seines Terrains unscharf und die medi­alen Defi­niti­onen von Foto­grafie vielfäl­tig sind, spitzen sich in den bild­wissen­schaftli­chen Über­legun­gen zur Foto­grafie grund­sätz­liche Frage­stellun­gen der Bild­wissen­schaft prägnant zu. Histo­risch auf die Zeit nach 1830 datier­bar, technisch mit einem appa­rati­ven Dispo­sitiv verbun­den, zeichen­theore­tisch als Index bestimmt, kultur­wissen­schaftlich als Massen­medium beschreib­bar und mit der Idee der Repro­duzier­barkeit eng verknüpft, legi­timiert die Foto­grafie dabei nur auf den ersten Blick die verein­fachen­de Gleich­setzung von Bild/Ab­bild und damit ein vermeint­lich über­sicht­liches Ab­stecken bild­wissen­schaftli­cher Arbeits­felder. Auf den zweiten Blick zeigt sich auch und gerade anläss­lich der Foto­grafie, dass Bild­lichkeit immer nur in der two­foldness[1] von Trans­parenz und Opa­zität, von einem Sehen des Darge­stellten wie des Mediums der Dar­stellung, d.h. im Blick auf das Gezeig­te wie auf das Zei­gende, zu fassen ist.

Erste medienästhetisch akzen­tuier­te Bestim­mungen der Foto­grafie als Bild wurden im Kontext der Neuen Sach­lich­keit erprobt. Während das foto­grafi­sche Bild zuvor mit an der Kunst, insbe­sonde­re an der Male­rei, gewo­nnenen Krite­rien von Bild­lich­keit gemes­sen wurde, fragten Foto­grafen und Foto­grafie­theore­tiker wie Albert Renger-Patzsch ([Renger-Patzsch 2010a]Renger-Patzsch, Albert (2010): Die Freude am Gegenstand. Gesammelte Aufsätze zur Photographie. Wilhelm Fink , München.
Nicht angezeigt: hg. v. Stiegler, B. & Wilde, A. & Wilde, J.
), László Moho­ly-Nagy ([Moholy-Nagy 1986a]Moholy-Nagy, László (1986): Malerei Fotografie Film. Gebr. Mann, Berlin.
)[2], Ale­xander Rodtschen­ko oder Ernst Kallai in den 1920/30er Jahren[3] erstmals nach dem spezi­fisch bildli­chen Aussa­gepo­tential des „neuen Mediums“. Der Foto­grafie wurde dabei ein beson­derer Reali­tätsge­halt zuge­sprochen, der das technisch-appa­rati­ve, soge­nannte objek­tive Gemacht­sein des foto­grafi­schen Bildes beton­te und klassisch-ästhe­tischen Bestim­mungen von Bild­lich­keit, etwa der Idee von Ähn­lich­keit und Mime­sis, eine neue Ausrich­tung gab (vgl. [Moholy-Nagy 1986a]Moholy-Nagy, László (1986): Malerei Fotografie Film. Gebr. Mann, Berlin.
: S. 342-344).

Der Diskurs um die Medien­spezi­fik der Foto­grafie (wie der Diskurs um die Medien­spezi­fik ande­rer Medien gleicher­maßen) konnte eine essen­zia­listi­sche, zuwei­len empha­tisch vorge­trage­ne Perspek­tive nicht verleug­nen, die zahl­reiche Kriti­ker auf den Plan rief. Spätes­tens seit den 1960er/70er Jahren wurde im Zuge des Struktu­ralis­mus und des Poststruk­tura­lismus verstärkt der Kon­strukti­vität des Realen in der Foto­grafie bzw. der Kon­strukti­vität des Media­len im foto­grafi­schen Bild nachge­gangen. Statt von „der Foto­grafie“ ist seitdem gerne vom „Foto­grafi­schen“ (vgl. [Krauss 1998a]Krauss, Rosalind (1998): Das Photographische. Eine Theorie der Abstände. Wilhelm Fink, München.
Nicht angezeigt: übers. v. Henning Schmidgen
) die Rede, womit deut­lich werden soll, dass der „Status der Foto­grafie nicht aus bestimm­ten Eigen­schaften foto­grafi­scher Bilder“ ([Geimer 2009a]Geimer, Peter (2009): Theorien der Fotografie zur Einführung. Junius , Hamburg.
: S. 12) herge­leitet wird, sondern aus den Funk­tionen bzw. den Handlungs­kontex­ten der Foto­grafie qua medi­aler Produk­tion, Distri­bution und Rezep­tion.

Eine (notwendiger­weise unvoll­ständi­ge) Über­sicht über die unter­schiedli­chen bild­wissen­schaftli­chen Fragen an das Medium Foto­grafie kann vier Berei­che unter­scheiden:


Semiotische Ansätze

Die prominentesten Posi­tionen der philo­sophi­schen Bild­wissen­schaft der Foto­grafie argu­mentie­ren zeichentheoretisch, indem sie sich auf Charles Sanders Peirce beru­fen und die Foto­grafie als Index (d.h. über eine Kausal­rela­tion zwischen Zeichen­träger und Objekt) bestim­men. Hatte Peirce die Foto­grafie nur als ein Beispiel für den inde­xika­lischen Zeichen­typus unter ande­ren erwähnt und darü­ber hinaus auch die Ähnlich­keitsre­lation zwischen Zeichen­träger und Objekt in der Foto­grafie reflek­tiert (Foto­grafie als Ikon) (vgl. ([Geimer 2009a]Geimer, Peter (2009): Theorien der Fotografie zur Einführung. Junius , Hamburg.
: S. 18-25), so wurde die Foto­grafie bei – oder besser nach (‘nach’ im Sinne der zeit­lichen Nach­folge genau­so wie im Sinne des frz. ‘selon’/‘gemäß’) Roland Barthes (vgl. [Barthes 1989a]Barthes, Roland (1989): Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
), Rosa­lind Krauss (vgl. [Krauss 2000c]Philo (Hg.) (2000): Die Ori­gina­lität der Avant­garde und ande­re Mythen der Moder­ne. Amster­dam/Dres­den.
Nicht angezeigt: übers. v. Jörg Enninger
: S. 249-276) und Philippe Dubois (vgl. [Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
) als Spur des Realen schlechthin thema­tisiert. Alter­nati­ve Zeichen­modi (wie das Ikon) wurden kaum mehr im Hinblick auf ihre Tauglich­keit für die Frage nach der Foto­grafie/dem Foto­grafi­schen über­prüft. „An die Stelle der Ähn­lich­keit der Mime­sis [trat] nun die Natür­lichkeit der inde­xika­lischen Refe­rentia­lität“ ([Stiegler 2010a]Stiegler, Bernd (2010): Fotografie und Indexikalität. Einleitung. In: Stiegler, B. (Hg.), Texte zur Theorie der Fotografie. Reclam, Ditzingen.
: S. 74) als Para­digma des foto­grafi­schen Bildes. Je inten­siver diesem Zeichen­typus nachge­fragt wurde, desto essen­zialis­tischer aber geriet auch dessen Lesart, wiewohl dies der Inten­tion der post­struktu­ralis­tischen Foto­theorie wider­sprach. Insbe­sonde­re Roland Barthes Essay «Die helle Kammer» provo­zierte einsei­tige Rezep­tionsfor­men, je nachdem, ob die fast magisch anmu­tende Unmit­telbar­keit der „Ema­nation des Refe­renten“ ([Barthes 1989a]Barthes, Roland (1989): Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 90) oder aber der zeitlich beding­te, unhin­tergeh­bare „Entzug“ des Refe­renten – im Sinne der „Ema­nation des vergan­genen Wirk­lichen“ ([Barthes 1989a]Barthes, Roland (1989): Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 99; Hervor­hebun­gen im Ori­ginal) – die Bestim­mung der Foto­grafie/des Foto­grafi­schen nach Barthes domi­nierten.


Wahrnehmungstheore­tische An­sätze

Eine eher wahrnehmungs­theoretisch fokus­sierte Bild­wissen­schaft hat ihr Inte­resse vor allem auf das techni­sche Dispo­sitiv der Foto­grafie und von hier aus auf den Zusam­menhang von Wahrneh­mung und Bild gerich­tet. Im Rückgriff auf den Vergleich von Kame­ra und came­ra obscu­ra genau­so wie auf den Vergleich von Kame­ra/came­ra obscu­ra und Auge gilt ihr die Foto­grafie bzw. das Foto­grafi­sche als Ausgangs­punkt für eine Reka­pitu­lation verschie­dener Modi des Sehens und Model­le von Sicht­barkeit. Eine kultur­histo­rische Grund­legung für solche Über­legun­gen hatte Jona­than Crary 1990 erar­beitet, dessen an Foucault an­schließen­de, diskurs­ana­lyti­sche Studie «Tech­niques of the Obser­ver. On Vision and Moder­nity in the Nine­teenth Centu­ry» (vgl. [Crary 1990a]Crary, Jonathan (1990): Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the Nineteenth Century. MIT-Press, Cambridge, MA/London.
) die Erfin­dung und Verbrei­tung der Foto­grafie (sowie ande­rer Techni­ken des Betrach­ters, insbe­sonde­re die Stereo­skopie) als Symptom eines Para­digmen­wechsels von der geo­metri­schen Optik des 17. und 18. Jahr­hunderts zur physio­logischen Optik des 19. Jahr­hunderts und damit zu einem neu konzi­pierten Betrach­ter begreift. Ein diskurs­ana­lyti­scher Ansatz erwies sich auch für die von Bernd Stiegler ver­folgte «Theorie­geschich­te der Photo­graphie» (vgl. [Stiegler 2006a]Stiegler, Bernd (2006): Theoriegeschichte der Fotografie. Wilhelm Fink, München.
) als produk­tiv, eben­so wie für Peter Geimers «Bilder aus Verse­hen. Eine Geschich­te foto­grafi­scher Erschei­nungen» (vgl. [Geimer 2010a]Geimer, Peter (2010): Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen. Philo Fine Arts, Hamburg.
). Auch wenn sich diese Studien nicht dezi­diert im Kontext der Bild­wissen­schaft veror­ten, proble­mati­sieren sie gleich­wohl exemp­larisch, ausge­hend von der Geschich­te der Foto­grafie, die für die Bild­wissen­schaft zentra­le Frage nach dem Verhäl­tnis von (appa­rati­vem) Sehen, Wahr­nehmung und Bild.


Wissenschaftshistorische An­sätze

Weniger als Instru­menta­rium des Sehens denn als Instru­menta­rium des vermeint­lich objek­tiven Aufzeich­nens figu­riert der Foto­appa­rat im Kontext einer (Stil-)Ge­schichte wissen­schaft­licher Bilder, seien dies die Bilder der Natur- und Technik­wissen­schaften, der Medi­zin oder der Kunst­wissen­schaften.[4] Das Bild/die Foto­grafie wird hier unter wissenschaftshistorischen Vorzei­chen befragt. Für Lorrai­ne Daston und Peter Gali­son (vgl. [Daston & Galison 1992a]Daston, Lorraine & Galison, Peter (1992): The Image of Objectivity. Representations, 40.
; [Daston & Galison 2007a]Daston, Lorraine & Galison, Peter (2007): Objektivität. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: übers. v. Christa Krüger
) stellt sich die Foto­grafie in den Wissen­schaften des 19. Jahr­hunderts als Medium einer (mora­lisie­renden) Objek­tivi­tätskon­struktion dar. Wissen­schaftler, so ihre These, „entdeck­ten das mecha­nische Bild als einen ethisch-epis­temi­schen Ausweg aus ihrer ständi­gen Sorge, der eige­nen Subjek­tivi­tät zu erlie­gen“ ([Daston & Galison 2007a]Daston, Lorraine & Galison, Peter (2007): Objektivität. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: übers. v. Christa Krüger
: S. 145). Durch die Ana­lyse wissen­schaft­licher Objek­tivi­tätsfik­tionen gewinnt die wissen­schaftshis­torisch gepräg­te Bild­wissen­schaft zugleich Erkennt­nisse über die verschie­denen Modi des Zeigens, die dem Bild bzw. der Foto­grafie (und den ande­ren Aufzeich­nungsme­dien) zuge­sprochen wurden. In vergleich­barer Absicht werden am Helmholtz-Zentrum für Kultur­technik in Berlin techni­sche Bilder (denen in der Regel das Foto­grafi­sche im Sinne des Inde­xika­lischen zu­grunde liegt) „nicht als illus­trieren­de Reprä­senta­tionen, sondern in ihrer produk­tiven Kraft als eigen­ständi­ges, mehr­schich­tiges Ele­ment des Erkennt­nisge­winns“ ([Bredekamp et al. 2008a]Bredekamp, Horst; Schneider, Birgit & Dünkel, Vera (2008): Das Technische Bild. Kompendium zu einer Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder. Akademie, Berlin.
: S. 8) unter­sucht.


Kunsthistorische Ansätze

Obwohl die Kunstge­schichte ange­sichts der Omni­präsenz des Foto­grafi­schen in der Bild­kultur der Moder­ne ihre Zustän­digkeit für die bild­wissen­schaftli­che Ana­lyse aller Bilder (künstle­rischer und nicht-künstle­rischer Art) wieder­holt betont hat und als Bild­wissen­schaft avant la lettre verstanden werden möchte[5], bleibt zu konsta­tieren, dass auch eine klassi­scher dimen­sionier­te Kunstge­schichte in ihrem kunst­histo­rischen Umgang mit der Foto­grafie (als Kunst) bild­wissen­schaft­lich rele­vante Frage­stellun­gen verfolgt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil gerade im Bereich der künstle­rischen Foto­grafie die Verhält­nisbe­stimmung von Bild und Abbild oft beson­ders prägnant zuge­spitzt wurde, sodass die Foto­grafie als Bild­medium damit dezi­diert selbst zur Diskus­sion gestellt wird.

In bildphilosophischer bzw. bild­wissen­schaftli­cher Hinsicht ist jeden­falls bezeich­nend, dass das Para­digma des Foto­grafi­schen zunächst für den Kontext der Kunst formu­liert wurde, bevor es zur Chiffre für das Inde­xika­lische wurde.[6] Da insbe­sonde­re der Foto­konzep­tualis­mus im Medium der Foto­grafie die Foto­grafie als Bild­medium reflek­tiert, finden sich gera­de in diesem Bereich Bilder, die, soweit dieses Vermö­gen Bildern über­haupt zuge­sprochen wird, selbst Bild­begrif­fe ent­wickeln und dement­sprechend kunsthis­torisch bzw. bild­wissen­schaft­lich zu befra­gen sind. Als Beispie­le für einen solchen selbst­refle­xiven Gebrauch des Mediums Foto­grafie im Foto­konzep­tualis­mus können frühe Foto­posi­tionen von Joseph Kosuth («One and three photo­graphs», 1965) oder von Jan Dibbets («Perspec­tive Correc­tion: My Studio I,I: Square on Wall», 1969) genannt werden (vgl. dazu [Dobbe 2010a]Dobbe, Martina (2010): Zeigen als ''faire voir''. Für eine Bildtheorie des Fotografischen. In: Boehm, G.& Egenhofer, S. & Spies, C. (Hg.), Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. Wilhelm Fink, München.
). Aber auch postkon­zeptua­listi­sche Foto­posi­tionen, wie beispiels­weise der Zyklus «For Example: Die Welt ist schön» (1993-2001) von Christo­pher Williams, bergen ein emi­nent bildkri­tisches Poten­zial. Wie Ale­xander Alber­ro zu Recht fest­stellte, war „der Konzep­tualis­mus zentral für die Befrei­ung der Kunst aus den [modernis­tischen, M.D.] Zwängen der Selbstre­feren­ziali­tät“ ([Alberro 2006a]Alberro, Alexander (2006): Einleitung. Der Weg raus führt rein. In: Alberro A. & Buchmann, S. (Hg.), Art After Conceptual Art. Generali Foundation, Wien.
: S. 14).

Ähnlich wie der Mini­malis­mus der 1960er Jahre ope­rieren konzep­tualis­tische und postkon­zeptua­listi­sche Posi­tionen dabei freilich in einer „Crux“ (vgl. [Foster 1995a]Foster, Hal (1995): Die Crux des Minimalismus. In: Stemmrich, G. (Hg.), Minimal Art. Eine kritische Retrospektive. Philo, Dresden/Basel.
), der Crux nämlich, ihre Refe­renzia­lität „nicht mehr in der Orien­tierung am Modell des Bildes und seines schritt­weisen Rück­zugs aus der darge­stellten Welt“ ([Egenhofer 2002a]Egenhofer, Sebastian (2002): Minimal Art. In: Butin, H. (Hg.), DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. DuMont, Köln.
: S. 212)[7] bestim­men zu können. Daher rührt, dass die Ana­lyse des Bild­status (post)kon­zeptua­listi­scher (Foto)Po­sitio­nen so unter­schiedlich ausfällt: Während etwa Thomas Crow der Auffas­sung ist, „daß der Konzep­tualis­mus mit seiner Infra­gestel­lung moder­nisti­scher Prämis­sen das über­schritten hat, was mit der Kate­gorie des Bildes zu fassen war“ (zit. n. [Alberro 2006a]Alberro, Alexander (2006): Einleitung. Der Weg raus führt rein. In: Alberro A. & Buchmann, S. (Hg.), Art After Conceptual Art. Generali Foundation, Wien.
: S. 17)[8], spricht Jeff Wall, nahe­zu umge­kehrt, dem Foto­konzep­tualis­mus das Verdienst zu, die Voraus­setzun­gen dafür geschaf­fen zu haben, dass das „Konzept des Bildes […] als eine zentra­le Kate­gorie der Gegen­warts­kunst“ ([Wall 1997a]Wall, Jeff (1997): Zeichen der Indifferenz: Aspekte der Photographie in der, oder als, Konzeptkunst. In: Stemmrich, G. (Hg.), Szenarien im Bildraum der Wirklichkeit. Essays, Interviews. Amsterdam/Dresden, Philo.
: S. 434) erscheint, nachdem jeder essen­zialis­tische Versuch, die Medien der Künste zu bestim­men, als geschei­tert ange­sehen wird (vgl. dazu auch [Dobbe 2006a]Dobbe, Martina (2006): Die Fotografie im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlagen der interdisziplinären Bildwissenschaft. Halem, Köln.
).

Vielleicht kann man die Widersprüchlichkeit der beiden genannten Auffassungen aber auch dadurch relativieren, dass man betont, dass bei Wall ausdrücklich vom Foto-Konzeptualismus die Rede ist. Gerade der Foto-Konzeptualismus, so wäre zu folgern, lebt aus jenem Spannungsverhältnis von Abbild und Bild, welches für die genauere Bestimmung des Bildmediums Fotografie – wie hier im Glossar Bildphilosophie – eine bleibende Herausforderung ist.

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. zur Über­nah­me die­ses Aus­drucks von Ri­chard Woll­heim [Schürmann 2008a]Schürmann, Eva (2008): Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S. 120.
  2. ↑ Ver­streut pub­li­zier­te Tex­te Mo­ho­ly-Nagys sind wie­der­ab­ge­druckt in [Passuth 1987a]Passuth, Krisztina (1986): Moholy-Nagy. Verlag der Kunst & Kunstverlag Weingarten, Dresden/Weingarten.
    Nicht angezeigt: übers. v. Heribert Thierry
    .
  3. ↑ Vgl. im Über­blick Band 2 der Edi­tion The­o­rie der Fo­to­gra­fie [Kemp 1979a]Kemp, Wolfgang (Hg.) (1979): Theorie der Fotografie II, 1912-1945. Schirmer/Mosel, München.
    .
  4. ↑ Vgl. zur Fo­to­gra­fie im Kon­text der Wis­sen­schafts­ge­schich­te der Kunst­ge­schich­te [Caraffa 2009a]Caraffa, Constanza (Hg.) (2009): Fotografie als Instrument und Medium der Kunstgeschichte. Deutscher Kunstverlag, Berlin.
    .
  5. ↑ Vgl. [Bredekamp 2003b]Bredekamp, Horst (2003): Bildwissenschaft. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar.
    : S. 56: „Die Kunst­ge­schich­te des 19. Jahr­hun­derts hat ih­re Me­tho­den zwar an den kom­ple­xes­ten Ge­bil­den der sog. Hoch­kunst ent­wickelt und ge­schärft, kei­nes­falls aber auf die­sen Werk­kreis be­schränkt; viel­mehr wur­den […] auch nicht-künst­le­ri­sche Bil­der al­ler Art ein­ge­schlos­sen.“ Hier­zu zählt für Bre­de­kamp we­sent­lich auch die Fo­to­gra­fie, ja „in der Aus­ei­nan­der­set­zung mit der Fo­to­gra­fie (sic!)“ liegt für Bre­de­kamp ein ent­schei­den­der „Grund für die Etab­lie­rung der Kunst­ge­schich­te als Bild­wis­sen­schaft“ ([Bredekamp 2003b]Bredekamp, Horst (2003): Bildwissenschaft. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar.
    : ebd.). ⊳ Kunst­ge­schich­te als Bild­ge­schich­te.
  6. ↑ Peter Geimer be­tont zu Recht, dass Krauss’ Fo­to­the­o­rie ei­ne „Ge­gen­läu­fig­keit“ in­hä­riert, näm­lich „‘das Fo­to­gra­fi­sche’ als spe­zi­fi­sche Ab­bil­dungs­form zu de­fi­nie­ren, die­se De­fi­ni­tion dann aber ver­ges­sen zu müs­sen, so­bald es da­rum geht, die Fo­to­gra­fie als all­ge­mei­nes Mo­dell für die Lo­gik der Kunst aus­zu­ge­ben“ ([Geimer 2009a]Geimer, Peter (2009): Theorien der Fotografie zur Einführung. Junius , Hamburg.
    : S. 31).
  7. ↑ Be­zo­gen auf den Mi­ni­ma­lis­mus heißt es bei Egen­ho­fer ge­nau­er: „Aus der Kreu­zung von spät­mo­der­ner Ab­strak­tion und al­le­go­ri­scher De­struk­ti­on der Au­tor­schaft ent­steht so ein Werk­typ, in des­sen Prä­senz die Be­mü­hung der mo­der­nen ab­strak­ten Kunst um Di­rekt­heit und Un­mit­tel­bar­keit der äs­the­ti­schen Er­fah­rung kul­mi­niert, der aber im sel­ben Zug die grund­le­gen­de Vo­raus­set­zung des Ab­strak­ti­ons­ge­dan­kens e­li­mi­niert hat: das Welt­ver­hält­nis des mi­ni­ma­li­sti­schen Ob­jekts kann nicht mehr in der O­rien­tie­rung am Mo­dell des Bil­des und sei­nes schritt­wei­sen Rück­zugs aus der dar­ge­stell­ten Welt be­stimmt wer­den.“ ([Egenhofer 2002a]Egenhofer, Sebastian (2002): Minimal Art. In: Butin, H. (Hg.), DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. DuMont, Köln.
    : ebd.)
  8. ↑ Alberro be­zieht sich hier auf [Crow 2006a]Crow, Thomas (2006): Ungeschriebene Geschichten der Konzeptkunst. In: Alberro, A. & Buchmann, S. (Hg.), Art After Conceptual Art. Generali Foundation, Wien.
    .
Literatur
[Alberro 2006a]Alberro, Alexander (2006): Einleitung. Der Weg raus führt rein. In: Alberro A. & Buchmann, S. (Hg.), Art After Conceptual Art. Generali Foundation, Wien.[Barthes 1989a]Barthes, Roland (1989): Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bredekamp 2003b]Bredekamp, Horst (2003): Bildwissenschaft. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar.[Bredekamp et al. 2008a]Bredekamp, Horst; Schneider, Birgit & Dünkel, Vera (2008): Das Technische Bild. Kompendium zu einer Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder. Akademie, Berlin.[Caraffa 2009a]Caraffa, Constanza (Hg.) (2009): Fotografie als Instrument und Medium der Kunstgeschichte. Deutscher Kunstverlag, Berlin.[Crary 1990a]Crary, Jonathan (1990): Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the Nineteenth Century. MIT-Press, Cambridge, MA/London.[Crow 2006a]Crow, Thomas (2006): Ungeschriebene Geschichten der Konzeptkunst. In: Alberro, A. & Buchmann, S. (Hg.), Art After Conceptual Art. Generali Foundation, Wien.[Daston & Galison 1992a]Daston, Lorraine & Galison, Peter (1992): The Image of Objectivity. Representations, 40.[Daston & Galison 2007a]Daston, Lorraine & Galison, Peter (2007): Objektivität. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dobbe 2006a]Dobbe, Martina (2006): Die Fotografie im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlagen der interdisziplinären Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Dobbe 2010a]Dobbe, Martina (2010): Zeigen als ''faire voir''. Für eine Bildtheorie des Fotografischen. In: Boehm, G.& Egenhofer, S. & Spies, C. (Hg.), Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. Wilhelm Fink, München.[Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.[Egenhofer 2002a]Egenhofer, Sebastian (2002): Minimal Art. In: Butin, H. (Hg.), DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. DuMont, Köln.[Foster 1995a]Foster, Hal (1995): Die Crux des Minimalismus. In: Stemmrich, G. (Hg.), Minimal Art. Eine kritische Retrospektive. Philo, Dresden/Basel.[Geimer 2009a]Geimer, Peter (2009): Theorien der Fotografie zur Einführung. Junius , Hamburg.[Geimer 2010a]Geimer, Peter (2010): Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen. Philo Fine Arts, Hamburg.[Kemp 1979a]Kemp, Wolfgang (Hg.) (1979): Theorie der Fotografie II, 1912-1945. Schirmer/Mosel, München.[Krauss 1998a]Krauss, Rosalind (1998): Das Photographische. Eine Theorie der Abstände. Wilhelm Fink, München.[Krauss 2000c]Philo (Hg.) (2000): Die Ori­gina­lität der Avant­garde und ande­re Mythen der Moder­ne. Amster­dam/Dres­den.[Moholy-Nagy 1986a]Moholy-Nagy, László (1986): Malerei Fotografie Film. Gebr. Mann, Berlin.[Passuth 1987a]Passuth, Krisztina (1986): Moholy-Nagy. Verlag der Kunst & Kunstverlag Weingarten, Dresden/Weingarten.[Renger-Patzsch 2010a]Renger-Patzsch, Albert (2010): Die Freude am Gegenstand. Gesammelte Aufsätze zur Photographie. Wilhelm Fink , München.[Schürmann 2008a]Schürmann, Eva (2008): Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Stiegler 2006a]Stiegler, Bernd (2006): Theoriegeschichte der Fotografie. Wilhelm Fink, München.[Stiegler 2010a]Stiegler, Bernd (2010): Fotografie und Indexikalität. Einleitung. In: Stiegler, B. (Hg.), Texte zur Theorie der Fotografie. Reclam, Ditzingen.[Wall 1997a]Wall, Jeff (1997): Zeichen der Indifferenz: Aspekte der Photographie in der, oder als, Konzeptkunst. In: Stemmrich, G. (Hg.), Szenarien im Bildraum der Wirklichkeit. Essays, Interviews. Amsterdam/Dresden, Philo.

Verantwortlich:

Lektorat: