Syntaktisch unkorrekte Bilder

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildsyntax


Kann es bei Bildern syntaktische Fehler geben?

Der Begriff der syntaktischen Korrektheit ist zunächst in seinem sprachlichen Anwendungsfall vertraut:

  • Beispiel 1: “colorless green ideas sleep furiously”;
  • Beispiel 2: “sleep ideas green furiously colorless”.

Der Unterschied zwischen einem syntaktisch wohlgeformten Satz einerseits (s. Beispiel 1), mag er Bedeutung haben und praktisch verwendbar sein oder nicht, und einer syntaktisch nicht korrekten Folge von “Wörtern”[1] andererseits (s. Beispiel 2) ist für jeden, der Grundkenntnisse der englischen Sprache hat, evident ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.
: S. 15). Das historische Beispiel bezieht sich zwar nur auf die englische Sprache, doch gilt durchaus, dass Sprache generell – im Sinne von ‘la langue’ – aus der Mannigfaltigkeit der möglichen Folgen syntaktischer Elemente nur einen kleinen Teil als wohlgeformte Zeichenträger klassifiziert und von syntaktisch unkorrekten Kombinationen abgrenzt. Syntaktische Wohlgeformtheit unterscheiden zu können soll, so Chomsky, in der Sprachkompetenz selbst begründet liegen.

Kann man mit Erfolg für eine analoge Unterscheidung bei Bildern argumentieren? Hierbei ist zunächst einmal zu beachten, dass es bei dieser Frage letztlich stets weniger um Bilder (im eigentlichen, d.h. vollen Wortsinn) als um potentielle Bildträger geht: Der Ausdruck ‘Bild’ ist bestenfalls ungenau (und schlimmstenfalls schlicht verkehrt), wenn pragmatische und semantische Gesichtspunkte explizit außer Acht gelassen werden sollen.

Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich keine vergleichbare, also nur auf die Struktur des (potentiellen) Bildträgers bezogene Klassifikation zu geben (cf. [Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M.
). Eine räumliche Umordnung syntaktischer (oder morphologischer) Elemente allein, dem Sprachbeispiel nachempfunden, genügt offensichtlich nicht:[2] Das Ergebnis wird nach wie vor ein akzeptabler Bildträger sein – wovon sich im Übrigen jeder an einem computergestützten Bildbearbeitungssystem selbst leicht überzeugen kann.[3] Zwar gilt für bestimmte Teilklassen von Bildern, d.h. gewisse bildhafte Zeichensysteme, die nur einen kleinen Teil aller möglichen Bildträger umfassen, durchaus, dass sich die zugehörigen Zeichenträger nach sprachartigen syntaktischen Regeln in wohlgeformte und nicht-wohlgeformte unterteilen lassen – das System der technischen Zeichnungen mag als Beispiel dienen. Doch läßt sich hier nicht ohne weiteres sehen, wie dieser Regelbezug auf Bilder ganz allgemein übertragen und damit in der Bildkompetenz selbst begründet werden könnte ([Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.
).

Das vermutete Fehlen eines echten Kriteriums syntaktischer Wohlgeformtheit steht dabei in engem Zusammenhang mit dem oft behaupteten Fehlen eines bildhaften Alphabets (⊳ Bildgrammatik): Während für sprachliche Zeichensysteme stets gilt, dass eine echte Teilmenge der prizipiell möglichen Phoneme oder Grapheme als Bausteine komplexer Zeichen verwendet werden, scheint sich kein entsprechendes beschränktes graphisches Alphabet angeben zu lassen, das Bildern ganz allgemein zugrunde läge ([Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.
). Da das Fehlen eines Alphabets auch die kombinatorischen Regeln des korrekten Zusammensetzens obsolet macht, die syntaktische Wohlgeformtheit bei Sprache aber auf den jeweiligen Kombinationsregeln für komplexe Zeichen aus den Basiselementen des betrachteten Alphabets beruht, folgt nun, dass sich für Bilder kein entsprechendes Kriterium bilden ließe.

Zur genaueren Behandlung der Frage, ob es syntaktisch unkorrekte Bilder geben kann, hat sich die Unterscheidung zwischen der geometrischen Basisstruktur und den visuellen Markerdimensionen als hilfreich herausgestellt.


Echte syntaktische Fehler: Störungen im geometrischen Grundgefüge

In der Tat führen ja alle Änderungen sowohl an der Menge und Auswahl der vorhandenen geometrischen Elemente und ihrer Anordnung wie auch an der Zuordnung visuell unterscheidbarer Markierungen der geometrischen Teile immer nur zu anderen Bildern, von denen sich lediglich sagen läßt, dass sie hinsichtlich bestimmter bildpragmatischer Funktionen besser oder schlechter zu gebrauchen sind, nicht aber, dass sie syntaktisch unkorrekt, also allein wegen gewisser Eigenheiten des "Materials" keine richtigen Bilder wären. Wie im Begriff der syntaktischen Dichte gefasst, führen bei Bildern im Prinzip beliebig kleine Veränderungen am Zeichenträger zu anderen Bildern: Daraus folgt, dass auch jede Folge solcher minimalen Veränderungen ebenfalls wieder zu einem Bild führt. Es kann mithin keine durch Verschieben oder Austauschen von Gebieten erzeugbare Veränderung einer Bildfläche geben, die nicht wiederum zu einer syntaktisch akzeptablen Bildfläche führt.

Abbildung 1: Ein syntaktisch unkorrektes Bild? (A. E. Arkhipov: Bauernmädchen (1920s), mit einem Riß des Bildträgers)

Allerdings gibt es durchaus ganz alltägliche Handlungen an einem Bildträger, die ganz unmittelbar seine Bildträgerfunktion von Grund auf beeinträchtigen: nämlich das Durchlöchern oder teilweise Zerschneiden oder Zerreißen des Papiers, der Leinwand etc. und ähnliche Beschädigungen. Ein Gemälde (etwa von Rembrandt), eine Skizze (beispielsweise von Picasso), der Papierauszug der Aufnahme einer Wärmebildkamera ebenso wie ein Familienschnappschuss werden jeweils mit einem Schnitt oder Loch nicht einfach zu einem anderen Bild, sondern zu demselben Bild mit einer Beschädigung (⊳ Identitätskriterien für Bildträger und Identität bildhafter Zeichen). Was geschieht hierbei, syntaktisch-morphologisch gesehen?

Wenn ein Bildträger auf die erwähnte Art verletzt wird, so wird letztlich die Topologie der zweidimensionalen geometrischen Basisstruktur partiell stark gestört: An Stelle der homogenen (d.h. gleichmäßig verteilten) und isotropen (d.h. in allen Richtungen der Bildfläche gleichermaßen gültigen) Nachbarschaftsbeziehungen zwischen den Raumstellen treten nun Lücken zwischen ursprünglich benachbarten Orten auf, die nicht zum Bildträger gehören, so dass diesen Raumstellen nun echte Nachbarpixeme einfach fehlen.[4] Die gesamte geometrische Organisation des Bildträgers ist damit gestört, denn auch alle Pixeme höherer Ordnung (⊳ Bildmorphologie), die auf diesen Nachbarschaften beruhen, sind davon betroffen. Solche Rupturen betreffen also insbesondere die geometrische Basisstruktur, die nun unvollständig und inkonsistent geworden ist.[5]

Auch die Annahme, dass Beschneidungen am Rand gegenüber Schnitten innerhalb der Bildfläche als qualitativ weniger gravierend gelten, da dabei zwar semantische und pragmatische Aspekte verändert, nicht aber der Zusammenhang der Orte innerhalb der Bildfläche gestört wird, spricht dafür, das Fehlen von Störungen im geometrischen Grundgefüge als die Basis für syntaktische Wohlgeformtheit von Bildern anzusetzen. Die vollständigen Abtrennungen eines Teils des Bildträgers führen letztlich zu zwei anderen (beschnittenen) Bildern, wobei die Art der Abtrennung eher nebensächlich ist: Auch ein gerissener Rand bildet einen akzeptablen Rahmen. Im Gegensatz dazu bleiben bei partiellen Rupturen die beide nun aufgetrennten Seiten Teil derselben Bildfläche, deren gestörte geometrische Basisstruktur die Wahrnehmung des Bildes beeinträchtigt.

Eine Störung der geometrischen Basisstruktur muß im Übrigen unterschieden werden von transparenten Bildstellen, wie sie etwa bei Glasmalerei oder Bildfenstern auftreten: Solche transparenten Bereiche entsprechen ganz regulären Pixemen mit einer speziellen, wenn auch im Vergleich aller Bilder weniger häufig verwendeten Markierung. In der Tat haben syntaktische Störungen wie Reflexion und Transparenz in Bildern eine implizit deiktische Qualität: Hier spielen Aspekte der Umgebung des Bildträgers hinein. Bei Betrachtung des Bild(träger)s aus nur einer Perspektive fallen sie daher nicht unbedingt auf – es könnte sich um eine entsprechende reguläre Farbgebung der Stelle handeln. Erst eine Bewegung des Betrachters und die damit erreichte perspektivische Verschiebung läßt deutlich werden, dass diese Stellen variabel sind und von der Umgebung abhängen.[6]

Dieser Zusammenhang macht das Anführen syntaktisch unkorrekter Bilder oft problematisch: wenn nämlich statt des zerstörten Bildträgers selbst ein Bild von ihm präsentiert wird. Wie in Abbildung 1 demonstriert, ist die Abbildung eines syntaktisch unkorrekten Bildes tatsächlich selbst wiederum (in aller Regel) ein syntaktisch wohlgeformtes Bild: Der Schnitt wird dabei durch ein regelrechtes Pixem mit ganz normalen Farbmarkierungen dargestellt, die Topologie der Basisstruktur ist nicht beeinträchtigt.


Pragmato-syntaktische Fehler: Störungen in der Markerzuordnung

Während Beschädigungen des räumlichen Zusammenhalts der geometrischen Basisstruktur zu echten syntaktischen Fehlern führen, die also allein schon aufgrund syntaktischer Eigenschaften unterscheidbar sind, können Probleme in den Dimensionen der Markerwerte nur solche Störungen der Syntax auslösen, die lediglich durch pragmatische Faktoren als solche bestimmbaren sind. Das Absplittern von Pigmenten, das den Grund sichtbar werden lässt, kann nur relativ zu einem für das jeweils betrachtete Bild angestetzten “Normalzustand” als Fehler in der Zuordnung der Markerwerte und damit als Nicht-Pixem ermittelt werden. Es könnte sich ebensogut um Absicht, also um ein in dieser Form intendiertes Pixem handeln (vgl. etwa Sgraffito-Techniken). Das zeigt sich auch darin, dass das bildhafte Anführen eines so gestörten Bildes deutlich weniger problematisch ist: Die Farb- und Texturwerte, die das Zitat an der geschädigten Stelle aufzeigt, befindet sich ja in der Tat im beschädigten Original an dieser Stelle.


Reflexive Nutzung syntaktisch unkorrekter Bilder

Als indirektes bildhaftes Zitat stellt Abbildung 1 einen typischen Fall reflexiver Bildnutzung dar: Mit der Präsentation des Bildes soll hier nicht auf ein Bauernmädchen hingewiesen werden, sondern exemplarisch auf einige Aspekte der Bildverwendung selbst. So, wie das Beispiel einer syntaktisch unkorrekten Wortfolge in einem Buch zur Sprachsyntax zitiert wird, wird das Beispiel eines geometrisch gestörten Bildträgers als negatives Exempel für die syntaktische Wohlgeformtheit von Bildträgern gezeigt.

Abbildung 2: Lucio Fontana: Concetto Spaziale (1965)

Reflexiv genutzte syntaktisch unkorrekte Bilder direkt kommen ansonsten auch im künstlerischen Kontext auf: Insbesondere L. Fontana (1899–1968) spielt mit der Abweichung von syntaktisch wohlgeformten Bildträgern. Seine “Schnittbilder” sind reflexiv verwendete Bildträger, mit deren Hilfe die Aufmerksamkeit durch eine negative Exemplifikation auf die “Materialität” als Grundbedingung des Bildgebrauchs gelenkt werden kann (cf. [Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London.
, [Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005): Rethinking Reductionism. Culture Machine, 7.
Webadresse: www.culturemachine.net/index.php/cm/article/viewArticle/33/41
Notiz: online journal
und [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
: S. 212ff). Gerade durch ihre Verletzung sticht die Voraussetzung einer ungestörten zweidimensionalen Räumlichkeit als geometrische Basistruktur des physischen Bildträgers für die reguläre Bildverwendung ins Auge.[7]

Demnach wären "Bilder", von der Art des in Abbildung 2 wiedergegebene Beispiels, wenn man sie nicht ohnehin als Grenzfälle zur Skulptur verstehen möchte, nur in demselben uneigentlichen Sinn Bilder, wie die Buchstabenfolge in Beispiel 2 oben in einem nur uneigentlichen Sinn als Satz eines Linguistiklehrbuchs auftritt. Begriffe man sie hingegen als ganz reguläre Bilder, überginge man gerade die Pointe, die etwa auch den wesentlichen Unterschied zwischen dem Bild "Abbildung 2" selbst und dem dort wiedergegebenen Werk von Fontana ausmacht.


Syntaktische (Un-)Korrektheit bei speziellen Bildklassen

Diagramme, technische Zeichnungen und andere Gruppen von Strukturbildern sind in der Regel mit bestimmten expliziten Darstellungskonventionen verbunden. Diese Regeln lassen sich teilweise auf syntaktischer Ebene prüfen, so dass sich für diese Bildgruppen dann auch aus entsprechenden Verstößen gegen die jeweilige Darstellungskonvention eine Form der syntaktischen Unkorrekteit definieren läßt. Ähnliches gilt für andere Konventionen zur Abgrenzung eines Teilbereichs von Bildern oder eines Bildmediums, sofern diese Konventionen sich anhand syntaktischer Merkmale bestimmen lassen. Das kann insbesondere Aspekte des Stils betreffen, so dass sich etwa hinsichtlich einer bestimmten kunstgeschichtlichen Epoche ein Bild als syntaktisch wohlgeformt oder aber unkorrekt beurteilen läßt.

Ursache sind in der Regel syntaktisch diskrete Subsysteme, die in die an sich syntaktisch dichten Dimensionen bildhafter Zeichen eingebettet sind. Das gilt mithin auch für die einfacheren Versionen von Digitalbildern mit ihren örtlichen (gegebenenfalls auch zeitlichen) und den Farbraum betreffenden Rasterungen. Relativ zu den eingeschränkten Bildmanigfaltigkeiten, die durch einen solchen Notationsformalismus umfasst werden, müssen Bilder mit Pixemen jenseits der Rasterung als syntaktisch unkorrekt gelten. Praktisch ist dieser Fall für die Computervisualistik wenig relevant, da üblicherweise dann statt eines solchen syntaktich hinsichtlich der Digitalisierungskonvention unkorrekten Bildes einfach das ähnlichste syntaktisch korrekte Bild substituiert wird, was häufig ausreicht.

Allerdings können verschiedene technische Probleme auch in der Computervisualistik zum Auftreten syntaktisch unkorrekter Bilder im engeren Sinn führen. Natürlich geht es hierbei nicht um digitale Bilder von syntaktisch unkorrekten Bildern (wie etwa Abb. 1), die in der Regel ja selbst durchaus syntaktisch korrekt sind. So können etwa Störungen der Markerwerte entstehen durch Fehler beim Projektionsverfahren: "Blinde" Stellen des Bildschirms führen etwa dazu, dass an bestimmten Orten die Farbdarstellung nicht mehr richtig funktioniert. Noch gravierender sind technische Probleme beim Übertragen oder Abspeichern, die zu Fehlern in der Notation führen: Die syntaktische Beschreibung des Bildträgers kann unvollständig oder inkonsistent werden. Im Grenzfall lassen sich dann immer noch Teile der Bildfläche projizieren, doch gibt es, wie im Fall der zerrissenen Leinwand, Flächen innerhalb des Rahmens, die tatsächlich gar nicht zum Bildträger gehören – also eine massive Störung der geometrischen Basisstruktur dieses Bildes.


Anmerkungen
  1. ↑ Tatsächlich ist bei Beispiel 2 keineswegs klar, dass die verwendeten Entitäten tatsächlch als Wörter gesehen werden sollten oder nicht vielmehr als bloße Buchstabenfolgen; vgl. etwa [Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.
    : S. 174f.
  2. ↑ Man stelle sich etwa vor, zwei beliebige gleich große und gleich geformte Bereiche eines Bildes werden ausgetauscht.
  3. ↑ Da bei Betrachtung der syntaktischen Wohlgeformtheit semantische und pragmatische Aspekte ausdrücklich nicht berücksichtigt werden, spielt es keine Rolle, wenn sich für den entstehenden Bildträger keine sinnvoll erscheinenden semantischen oder pragmatischen Zusammenhänge aufdrängen. Formal erfüllt die Neukombination alles, was von einem Bildträger erwartet wird, ganz im Gegensatz zu der Umordnung der Wörter im sprachlichen Beispiel.
  4. ↑ Auf der semantischen Ebene treten also mitten im Bildraum undefinierte Nicht-Orte auf.
    In gewissen Grenzen sind diese syntaktischen Störungen mit den Auswirkungen von Beschädigungen der Netzhaut vergleichbar, die zu stellenweiser Blindheit führen, welche aber oft von den Betroffenen garnicht bemerkt wird (vgl. [...]Der Eintrag existiert noch nicht.): Die ungesehenen Orte werden zu einem nicht-wahrnehmbaren Un-Raum.
  5. ↑ Für eine äquivalente syntaktische Störung im Medium der zeitbasierten Zeichensysteme, etwa der Musik, muß entsprechend die Kontinuität der zeitlichen Basistruktur verletzt sein: Eine “springende” Vinylplatte mag dafür ein an“schau”liches Beispiel geben. Fehlerhafte Wiedergabe ohne Störungen der temporalen Nachbarschaftsbeziehungen, etwa zugefügtes Rauschen, sind keine syntaktischen Fehler, da die Geräusche des Rauschens auch als reguläre Markerwerte verwendet werden können.
  6. ↑ Ganz ähnlich können “blinde Stellen” eines Fernsehbildschirms – also Orte, an denen infolge eines technischen Defekts kein Licht emitiert wird – nur erkannt werden, wenn das gezeigte Bild bewegt ist, so dass ein Wechsel der Markerwerte zu erwarten wäre. Da das nicht geschieht, kann die Schirmstelle als nicht tatsächlich zur geometrischen Basisstruktur des Bildes gehörig beurteilt werden.
  7. ↑ Da es sich um Argumente handelt, die ganz klar auf der pragmatischen Ebene spielen, wird die ironische Dopplung von Pinselstrich und Schnitt, die ebenfalls im Hintergrund von Fontanas Werken steht, an dieser Stelle nicht weiter berücksichtigt.
Literatur
[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005): Rethinking Reductionism. Culture Machine, 7.[Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M.[Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Sacks 1996a]Sacks, Oliver (1996): Migräne. Rowohlt , Hamburg.[Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London.

Verantwortlich:

Jörg R.J. Schirra