Phänomenologische Bildtheorien

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Wurzeln in Husserls phäno­meno­logi­scher Ana­lyse des Bild­bewusst­seins

Die theoretische Grundlage für die zahlreichen Spiel­arten phäno­meno­logi­scher Bild­ana­lysen liefert Edmund Husserl ([Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.
) mit seinen bahnbre­chenden Studien zum phäno­meno­logi­schen Bildbe­wusstsein. Seine Leistung für die Bild­theorie ist in drei Aspek­ten zu resü­mieren. Erstens hat seine Destruk­tion der erkennt­nistheo­reti­schen Bilder­theorie einen wesent­lichen Beitrag zur nachfol­genden Vielfalt der Bildbe­griffe ermög­licht (Bild als ima­ginä­re Projek­tionsflä­che, als Fenster, als Nichtung, als Zug, als ‘Sehen gemäß…’, als Darstel­lung, als Erschei­nen von Sichtbar­keit usw.). Zweitens haben seine Studien zum Bildbe­wusstsein den Weg für die Berück­sichti­gung produk­tiver Konsti­tutions­leistun­gen geebnet, die in der nachfol­genden Phäno­meno­logie eine wesent­liche Rolle spielen. Drittens hat die Rele­vanz der Inten­tiona­lität bemer­kenswer­te Ana­logi­sierun­gen von Phäno­meno­logie und Male­rei ermög­licht.

Wesentliches Motiv ist die Abgren­zung gegen­über einer herkömm­lichen Abbild­theorie als Erkennt­nistheo­rie, die in den Spiel­arten von Natu­ralis­mus und Histo­rismus das Bild als Abbild der Wirklich­keit betrach­tet und als Repro­duktion der äuße­ren Reali­tät im Bewusst­sein eines Betrach­ters auffasst. Husserl unter­läuft diese bildtheo­reti­sche Dicho­tomie mithil­fe eines inten­tiona­len Bildbe­wusstseins, in dessen Zentrum die Frage steht, wie die Dinge im Wie ihres Wahrge­nommen­seins im Medium der Bilder erschei­nen. Die ursprüng­lich transzen­dentale Phäno­meno­logie wird in eine gene­tische Phäno­meno­logie umge­arbei­tet, die das Feld für zahlrei­che metho­dische Varia­tionen öffnet (anthro­polo­gische, onto­logi­sche, struktu­rale, exis­tenzia­le, dekon­strukti­ve, archäo­logi­sche, respon­sive, mate­riale Phäno­meno­logie usw.).[1]


Drei Hauptaspek­te

Ausgangspunkt der phänomenologischen Bildtheorie ist das Prinzip, dass der Anfang jeder Beschreibung „die reine und sozusagen noch stumme Erfahrung“ sei, die erst zur reinen Aussprache ihres eigenen Sinnes zu bringen sei. Die Wahrnehmung gilt als Urmodus eines Erscheinens, in der was und wie der Erscheinung intentional verklammert sind. Bildlichkeit entstehe, wenn ein „Bildding“ (⊳ Bildträger) als ein Bild aufgefasst wird und auf diese Weise im Bild ein Bildsujet (⊳ Bildinhalt) zu sehen ist. Eine Bildlichkeit geht daher nicht auf eine Verdoppelung der äußeren Wirklichkeit zurück, die “re-präsentiert” werde. Husserl unterscheidet vielmehr zwischen dem physischen Ding (Trägermaterial), dem Bildobjekt (das Erscheinende bzw. der Repräsentant) und dem Bildsujet (das Repräsentierte). Das Bild selbst ist dabei „unsichtbar“, da es nur im Bildhaften der Dinge und des Sehens auftaucht. Das Hervortretenlassen als Bild gilt als eigentliche Leistung des Bildbewusstseins, das Aspekte wie die Fiktivität der Objekte, die Unterscheidung zwischen einem Bild- und einem Zeichenbewusstsein, den Widerstreit zwischen Fiktion und Realität, Neutralitätsmodifikationen, eine mehrfältige Bildlichkeit und höherstufige Bildvorstellungen umfasst. Bewusstsein sei immer Bewusstsein von etwas, wobei zu diesen Modifikationen zahlreiche Aspekte gehörten, so Aktualität und Potentialität, Mehrmeinung und Verschattetes, räumliche und zeitliche Horizonte, identifikatorische Synthesen und Passivitäten sowie Modi der Aufmerksamkeit.

Die signifikative Differenz

Wichtig wird für phänomenologische Bildtheorien die signifikative Differenz, derzufolge etwas als etwas erscheint oder sichtbar (oder hörbar usw.) wird. Bereits Husserl betont, dass wir es nicht erst mit Dingen zu tun haben, die wir auf eíner zweiten Stufe als Bilder wahrnehmen, sondern dass etwas als etwas im Bild sichtbar wird. An diese signifikative Differenz schließt sich die sogenannte pikturale ([Waldenfels 2010a]Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) oder ikonische Differenz ([Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.
) an. Das Bild verdoppelt oder differenziert sich in das, was ins Bild kommt, und das, worin etwas ins Bild kommt, so dass wir es nach phänomenologischer Bildtheorie nicht mit der Dichotomie von realem Bildding und subjektiver Bildauffassung zu tun haben, sondern mit der Frage, wie sich ein Etwas (Flecken oder Farbpigmente auf einem Untergrund) mit einem Sinn “beseelt” und im Bild als Bild wahrgenommen wird. Zwar öffnen sich von hier aus Grenzformen (z.B. Materialisierungen von Farbe oder Transfigurationen zu Bilddingen oder Dingbildern), aber die pikturale oder ikonische Differenz selbst verschwindet nicht. Dieses Phänomen gibt Raum für potenzierte Sichtbarkeiten, Verkörperungen im Bild, Bildereignisse oder Bildtypen. Das Bild als „Spiegelbild“ geht von einer Selbstverdoppelung und Selbstvervielfältigung des bildhaft Sichtbaren aus ([Waldenfels 2010a]Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Die Struktur dieses Bildtypus besagt: ‘x ähnelt y’ oder ‘x sieht aus wie y’. Hier geht es um eine Verähnlichung. Der entsprechende Prototyp ist der Spiegel, in dem eines auf anderes verweist und der Wiederholungseffekte erzeugt.

Der Aspekt der Vergegenwärtigung

Die zweite Dimension des Bildes als „Spur“ folgt den Prozessen der Vergegenwärtigung. Die Rolle dieses Bildes besteht in einer Vergegenwärtigung, die Abwesendes und Fernes in Nähe verwandelt (⊳ Kontextbildung). Die Strukturform dieses Erinnerungsbildes besteht in einer repräsentativen Funktion: ‘x erinnert an y’. Durch dieses Verhältnis der Repräsentation wird das primäre Spiegelbild, das auf einer ursprünglich ikonischen Fiktion beruht (‘x sieht aus wie y’), bereichert durch verweisende Spuren, die mit affektiven Aufladungen einhergehen.

Der Aspekt des Entzugs

Die dritte Kategorie von Bildern konstituiert gemäß phänomenologischer Bildtheorien den Typus eines Entzuges, der auf Fremdheiten zurückgeht. Diese Bilder erzeugen keine Evidenz, sondern Brechungen und Entgegenwärtigungen. Diese Bildoperationen beruhen nicht auf Ähnlichkeit und Repräsentation. Im Zentrum dieser Bildstrategie steht vielmehr eine responsive Struktur, die sich in der Formel bekundet: ‘x fordert auf zu y’. In dieser appellativen Dimension verwirklicht sich das eigentlich Unsichtbare von Bildern (⊳ Bildakt-Theorie).


Vergleich mit anderen Ansätzen

Gegenüber einer Bildanthropologie erlaubt die phänomenologische Bildtheorie komplexere Reflexionen bezüglich des Verhältnisses von Sichtbarem und Unsichtbarem. Gegenüber der sprachanalytischen Bildtheorie wird der reichhaltige Raum vorprädikativer Erfahrungen in der Konstitution von Bildern berücksichtigt. Gegenüber der Semiotik werden die zahlreichen überschüssigen Prozesse betont, die über einen Zeichengebrauch hinausgehen. Sehen ist mehr als nur Entzifferung von Zeichen als „Lektüre eines Gesagten“. Es ist vielmehr produktives und konstituierendes Sehen (überschüssiges Sagen). Im Kontrast zur Semiotik kommt es zu einer eigenen pikturalen Logik, die von der diskursiven Logik verschiedenen ist. Chiasmatische Prozesse zwischen Einfallen und Auffallen spielen dabei ebenso eine Rolle wie Grenzüberschreitungen (von Konventionen, Regeln, Habitualitäten, Prozessen und Ordnungen) und Transfigurationen.

Anmerkungen
  1. ↑ Wich­tig sind hier ins­be­son­de­re: [Heidegger 1986a]Heidegger, Martin (1986): Ursprung des Kunstwerkes (1935/36). Reclam, Philipp, jun., Ditzingen.
    , [Sartre 1999a]Sartre, Jean Paul (1999): Die Suche nach dem Absoluten. Texte zur bildenden Kunst. Rowohlt, Hamburg.
    , [Merleau-Ponty 1993a]Merleau-Ponty, Maurice (1993): Die Prosa der Welt. Fink, München.
    Notiz: 2. Aufl.
    , [Merleau-Ponty 2003a]Merleau-Ponty, Maurice (2003): Das Auge und der Geist. Philosophisches Essays. Meiner, Hamburg.
    , [Waldenfels 1999a]Waldenfels, Bernhard (1999): Ordnungen des Sichtbaren. In: Waldenfels, B. (Hg.), Sinnesschwellen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    , [Waldenfels 2010a]Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    , [Nancy 2006a]Nancy, Jean Luc (2006): Am Grund der Bilder. Diaphanes, Zürich, Berlin.
    , [Nancy 2006b]Nancy, Jean Luc & Ferrari, Federico (2006): Die Haut der Bilder. Diaphanes, Berlin.
    , [Derrida 1992a]Derrida, Jacques (1992): Die Wahrheit in der Malerei. Passagen, Wien.
    , [Derrida 2007a]Derrida, Jacques (2007): Aufzeichnungen eines Blinden. Das Selbstporträt und andere Ruinen. Fink, München.
    Notiz: 2. Aufl.
    , [Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.
    , [Mersch 2002a]Mersch, Dieter (2002): Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis. Fink, München.
    , [Sallis 1998a]Sallis, John (1998): Shades. Of Painting at the Limit. Indiana University Press, Bloomington.
    , [Sallis 2008a]Sallis, John (2008): Transfigurements: On the True Sense of Art. University Of Chicago Press, Chicago.
    , [Casey 2002a]Casey, Edward S. (2002): Representing Place. Landscape Painting and Maps. University of Minnesota Press, Minnesota.
    , [Casey 2005a]Casey, Edward S. (2005): Earth-Mapping. Artists Reshaping Landscape. University of Minnesota Press, Minnesota.
    , [Casey 2007a]Casey, Edward S. (2007): The World at a Glance. Indiana University Press, Bloomington.
    und [Carbone 2001a]Mauro, Carbone (2001): La visibilité de l’invisible. Olms, Hildesheim.
    .
Literatur
[Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.[Carbone 2001a]Mauro, Carbone (2001): La visibilité de l’invisible. Olms, Hildesheim.[Casey 2002a]Casey, Edward S. (2002): Representing Place. Landscape Painting and Maps. University of Minnesota Press, Minnesota.[Casey 2005a]Casey, Edward S. (2005): Earth-Mapping. Artists Reshaping Landscape. University of Minnesota Press, Minnesota.[Casey 2007a]Casey, Edward S. (2007): The World at a Glance. Indiana University Press, Bloomington.[Derrida 1992a]Derrida, Jacques (1992): Die Wahrheit in der Malerei. Passagen, Wien.[Derrida 2007a]Derrida, Jacques (2007): Aufzeichnungen eines Blinden. Das Selbstporträt und andere Ruinen. Fink, München.[Heidegger 1986a]Der Eintrag existiert noch nicht.[Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.[Merleau-Ponty 1993a]Merleau-Ponty, Maurice (1993): Die Prosa der Welt. Fink, München.[Merleau-Ponty 2003a]Merleau-Ponty, Maurice (2003): Das Auge und der Geist. Philosophisches Essays. Meiner, Hamburg.[Mersch 2002a]Mersch, Dieter (2002): Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis. Fink, München.[Nancy 2006a]Nancy, Jean Luc (2006): Am Grund der Bilder. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Nancy 2006b]Nancy, Jean Luc & Ferrari, Federico (2006): Die Haut der Bilder. Diaphanes, Berlin.[Sallis 1998a]Sallis, John (1998): Shades. Of Painting at the Limit. Indiana University Press, Bloomington.[Sallis 2008a]Sallis, John (2008): Transfigurements: On the True Sense of Art. University Of Chicago Press, Chicago.[Sartre 1999a]Sartre, Jean Paul (1999): Die Suche nach dem Absoluten. Texte zur bildenden Kunst. Rowohlt, Hamburg.[Waldenfels 1999a]Waldenfels, Bernhard (1999): Ordnungen des Sichtbaren. In: Waldenfels, B. (Hg.), Sinnesschwellen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 2010a]Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Franziska Kurz und Marcel Lemmes — (Hinweis)