Bildsemantik

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Hauptpunkt zu: Bilder als Zeichen


Der Bedeutungsaspekt (im engeren Sinn) von Bildern

Die Fragestellung der Bild­seman­tik richtet den Blick auf die Bezie­hungen zwischen Bildträ­ger und den damit bezeich­neten Enti­täten, d.h. dem, was man umgangs­sprachlich als die Bedeu­tung des entspre­chenden Bildes im enge­ren Sinn versteht. Es geht also insbe­sonde­re um einen mögli­chen Sachbe­zug bildhaf­ter Zeichen oder, in Bühlers Termi­nolo­gie des Orga­non-Modells, um den Aspekt der Darstel­lung.[1]

Da sich Bedeutungs­phäno­mene auch bei Bildern auf verschie­denen Ebe­nen abspie­len können (⊳ Bedeu­tung und Refe­renz), wird insbe­sonde­re zwischen der Bedeu­tung in einem inten­siona­len Sinn, dem Bildin­halt, und der Bedeu­tung im exten­siona­len Sinn, der Bildre­ferenz, unter­schieden. Zudem können Konno­tatio­nen und symbo­lische Verwen­dungswei­sen zur Bedeu­tung beitra­gen, wobei sowohl bildsyn­takti­sche Ele­mente (z.B. Farbe) als auch Aspek­te der Primär­bedeu­tung (z.B. abge­bilde­te Körper) als Symbo­le für Bedeu­tungen auf einer höhe­ren Ebe­ne auftre­ten können (z.B. Taube für den hl. Geist). Letzte­res spielt vor allem für Struktur­bilder eine zentra­le Rolle, bei denen eigent­lich nicht sicht­bare Enti­täten oder Eigen­schaften, etwa Ato­me oder Tempe­ratur­werte, durch eine meta­phori­sche Bezie­hung mit sicht­baren Enti­täten oder Eigen­schaften, etwa mate­rielle Kugeln oder Farb­werte, asso­ziiert und so über­haupt erst abbild­bar werden.

Ähnlichkeit

Grundlage vieler bildse­manti­scher Ansät­ze ist eine – gege­benen­falls meta­phorisch vermit­telte – Ähnlich­keitsbe­ziehung zwischen Bild(trä­ger) und dem, was damit abge­bildet erscheint, wodurch der Bildträ­ger zu einem iko­nischen Zeichen wird. Der Bildträ­ger teilt also eini­ge, aber nicht alle Eigen­schaften mit jener Enti­tät – offen­sichtlich müssen das genau die bildsyn­taktisch rele­vanten Eigen­schaften sein. Die partiel­le Unähn­lichkeit, die von Hans Jonas als „onto­logi­sche Unvoll­ständig­keit“ bezeich­net wird ([Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.
Nicht angezeigt: Wieder abgedruckt in: Jonas, Hans: <em>Zwischen Nichts und Ewigkeit – Zur Lehre vom Menschen</em>. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, 26–43
: S. 29), ist dabei eben­falls bedeut­sam: Sie moti­vieren nicht nur die Unter­scheidung zu Repli­kas, sondern öffnet auch das Feld für stilis­tische Vari­atio­nen.

Mit dem Fokus auf Ähnlich­keit konzen­triert sich der theore­tische Blick zugleich vor allem auf Bilder von Szene­rien mate­riell-räum­licher Gegen­stände. Die Seman­tik ande­rer Bildar­ten muss daher bei Ähnlich­keitstheo­rien, wie oben bereits für logi­sche Bilder ange­deutet, durch zusätz­liche Bezie­hungen auf die als “grund­legend” ange­setzte Bildart zurück­bezo­gen werden, will man ihnen nicht gene­rell die Bildhaf­tigkeit abspre­chen.

In den antiken Bild­theorien[2] wird von einer unab­hängig von einer Verwen­dung als Zeichen beste­henden Ähnlich­keitsre­lation zwischen zwei Gegen­ständen ausge­gangen, wie sie in bestimm­ten “natür­lichen Zeichen” (Anzei­chen; ⊳ "natür­liche" Bilder) auftritt: Der Schatten eines Menschen auf einer Wand, die an der Wasser­ober­fläche gespie­gelte Erschei­nung einer Brücke.[3] Solche vorge­funde­nen iko­nischen Anzei­chen sind, diesen Theo­rien zufol­ge, als Zeichen verwen­det der Ausgangs­punkt für das geziel­te Herstel­len von Bildern. Offen­sichtlich ist es bei einer solchen Betrach­tungswei­se ganz unpro­blema­tisch, Bedeu­tungsphä­nome­ne unab­hängig von der eigent­lichen Zeichen­verwen­dung unter­suchen zu wollen. Daher scheint die Seman­tik auch die Bildprag­matik zu deter­minie­ren: Die durch Ähnlich­keit ausge­löste Reprä­senta­tionsfunk­tion müsste entspre­chend alle Bildver­wendungs­weisen beherr­schen (⊳ Ähnlich­keit und wahrne­hmungsn­ahe Zeichen).

Phänomenologische bzw. wahrneh­mungstheo­retisch orien­tierte Bildtheo­rien[4] greifen dieses Primat der Seman­tik auf, verschie­ben den Fokus nun aber auf eine wahrge­nomme­ne Ähnlich­keit, die entspre­chend auch sozial modi­fiziert und sogar rein subjek­tiv konsti­tuiert werden kann. Dass ein Gegen­stand einem Löwen ähnlich sieht wird nur jeman­dem auffal­len, der einen Löwen visu­ell zu unter­scheiden imstan­de ist. Wer ande­rerseits ledig­lich fälschlich zu wissen glaubt, wie ein Löwen aussieht, kann gleichwohl ein Bild anfer­tigen, das in seinen Augen ein solches Tier darstellt: Auf diesem Weg wird für die Ähnlich­keitstheo­reti­ker überhaupt erst fassbar, warum es Bilder von fikti­ven Gegen­ständen geben kann.[5]

Diese “eng gefassten” Ähnlichkeitstheorien gehen stets davon aus, dass ein Bild bereits unabhängig von der konkreten Verwendung etwas ganz Bestimmtes bedeutet und dass diese Bedeutung dann für alle (möglichen) Verwendungen des Bildes (als eines Bildes) gilt mit nur marginalen Variationen durch den jeweiligen Kontext.


Kritik der eng gefassten Ähnlichkeitssemantiken

Allerdings sind jene Positionen immer wieder heftig kritisiert worden:[6] Abgesehen davon, dass die Ähnlichkeitsrelation symmetrisch ist – wenn A ähnlich zu B, dann auch B ähnlich zu A – und daher genauso gut als Motivation für eine Bildbedeutungsrelation in umgekehrter Richtung verwendet werden könnte,[7] ist mit der reinen ähnlichkeitsvermittelten Repräsentationsfunktion ohnehin nur ein Teil der alltäglichen Bedeutungsphänomene von Bildern erklärbar. Werden Bedeutungen verstanden als Aspekte von Bildzeichenhandlungen, so verengt sich nämlich durch die im engen Sinne ähnlichkeitstheoretisch gefassten semantischen Betrachtungen der Aufmerksamkeitsfokus auf solche Relationen, die nicht als Teil der umfassenderen durch den Handlungsbezug bestimmten Bildpragmatik verhandelt werden müssen – sofern von solchen pragmatikfreien Relationen überhaupt sinnvoll die Rede sein kann. Zeichentheoretische und insbesondere zeichenhandlungstheoretische Ansätze versuchen daher, die Ähnlichkeitsbeziehung auf andere, insbesondere handlungstheoretische Weise mit dem Kontext der Zeichenverwendung in Beziehung zusetzen, wobei es nun die Aspekte der Zeichenhandlung sind, die die Ausprägungen der Ähnlichkeitsbeziehung bestimmen (⊳ dezeptiver und immersiver Modus).

Mit dem so angesetzten Primat der Pragmatik vor der Semantik verschiebt sich der Aufmerksamkeitsfokus zudem von “der” Bedeutung eines Bildes zu den Bedeutungen verschiedener Bildverwendungen: Wenn die Bedeutungen eines Bildes wesentlich von Faktoren des jeweiligen Gebrauchskontextes abhängen, dann macht es gar keinen Sinn, von einer Bedeutung zu sprechen, die unabhängig von einem solchen Verwendungszusammenhang für das Bild bestünde. Annäherungsweise ließe sich davon höchstens in einem bildpragmatischen Sinn reden, nämlich als Bedeutung relativ zu einem sozial etablierten (und damit letztlich variablen) Standardverwendungszusammenhang, von dem immer dann auszugehen wäre, wenn keine spezifischeren Angaben zur Gebrauchssituation bekannt sind.

Zu den Unterpunkten

Die Schlagworte zur Bildsemantik lassen sich grob aufteilen in solche, die eher mit dem Wesen der semantischen Beziehung befasst sind, und solche, die den Zielpunkt dieser Beziehung näher beleuchten. Offensichtlich sollten die beiden Komplexe nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, hängt doch die Art der Beziehung vom Typ der aufeinander bezogenen Gegenstände ebenso ab, wie umgekehrt.

Die Natur der semantischen Beziehung bei Bildern

Wie ist die Natur der semantischen Beziehung bei Bildern im Unterschied zu anderen Zeichenarten verfasst? Lässt sich eine Gruppe charakteristischer Eigenheiten dieser Beziehung bestimmen – oder sollten vielleicht mehrere verschiedene solcher Gruppen in Betracht gezogen werden? Auf die unterschiedlichen Bedeutungsrelationen “Bildinhalt” und “Bildreferenz” ist bereits oben hingewiesen worden. Eine zentrale Rolle für die Art der Bedeutungsbeziehung bei Bildern spielt das Wechselspiel zwischen Ähnlichkeit und Abstraktion: Wie verändert sich die Ähnlichkeitsbewertung durch Variieren des Grades und der Arten von Abstraktionen und umgekehrt? Welche Aspekte werden überhaupt bei der Ähnlichkeitsbewertung berücksichtigt? Historisch wie systematisch ist hier insbesondere die Rolle von Perspektive als sowohl geometrischer wie zeitlicher Projektion zu beachten, wobei beides ins Verhältnis zu der mathematisch-abstrakten Eigenschaft Isomorphie zu setzen ist. Dem besonderen Gewicht einer Ähnlichkeitsrelation für die Bildsemantik verdankt es sich auch, dass die Möglichkeit echter pikturaler Negation immer wieder bezweifelt worden ist. Daraus ergeben sich für Bilder sehr spezifische Verhältnisse zwischen den beiden Begriffen Darstellung und Repräsentation.

Der Zielpunkt der semantischen Beziehung bei Bildern

Welche Entitäten können durch Bilder bezeichnet werden bzw. welche Entitäten können als Bedeutung von Bildern auftreten? Primär handelt es sich dabei zwar um beliebige visuell wahrnehmbare Entitäten (⊳ Gegenstand der visuellen Wahrnehmung), jedoch spielen insbesondere die so genannten sortalen Gegenstände eine zentrale Rolle, also jene Art von materiellen, räumlich abgegrenzten und zeitlich ausgedehnten Gegenständen, die wir auch umgangssprachlich als Gegenstände im engeren Sinne verstehen. Insofern auch nicht-visuelle Phänomene zunächst metaphorisch auf Visuelles, das dann abgebildet wird, bezogen ist, hängt die Semantik logischer Bilder ebenfalls von diesen auf besondere Weise individuierten Gegenständen ab. Für die Semantik ungegenständlicher Bilder ist hingegen insbesondere die Unterscheidung von Referenz, Denotation, Exemplifikation bestimmend.



Anmerkungen
  1. ↑ Von ei­nem Sach­be­zug im ei­gent­li­chen Sin­ne wä­re nur zu spre­chen, wenn die Be­deu­tung ei­nes Bil­des als äqui­va­lent zu ei­ner (mehr oder we­ni­ger kom­ple­xen) Pro­po­si­ti­on oder – in ei­nem schon et­was wei­te­ren Sinn – zu ei­nem der pro­po­si­ti­o­na­len Tei­le (Prä­di­ka­ti­on oder No­mi­na­ti­on) be­grif­fen wird. Da ei­ni­ge Bild­the­o­ri­en die­se Vo­r­aus­set­zung ab­strei­ten, kann in ih­rem Rah­men le­dig­lich in ei­nem noch all­ge­mei­ne­ren, je­weils ge­nau­er zu prä­zi­sie­ren­den Sinn vom Sach­be­zug ei­nes Bil­des oder ei­ner Bild­zei­chen­hand­lung ge­re­det wer­den (⊳ Kon­text­bil­dung).
  2. ↑ Hier ist ne­ben Pla­ton (vgl. ins­bes. Po­li­teia und So­phis­tes) vor al­lem die Samm­lung bild­the­o­re­ti­scher Be­trach­tun­gen von Pli­ni­us Se­cun­dus d.Ä. zu nen­nen ([Plinius 2004a]König, Roderich et al. (Hg.) (1990): G. Plinius Secundus d. Ä: Naturkunde / Naturalis historia: lateinisch-deutsch. Artemis, Zürich.
    Nicht angezeigt: unkritische volume des lateinischen Textes mit Übersetzung und Erläuterungen
    : B. XXXV); eben­so ⊳ Mi­me­sis.
  3. ↑ In der De­bu­ta­des-Epi­sode bei Pli­nius wird die En­ste­hung von Ma­le­rei (und Plas­tik) be­kannt­lich auf den fi­xier­ten Schat­ten­wurf zu­rück­ge­führt: Ei­ne jun­ge Ko­rin­the­rin, Toch­ter des Töp­fers De­bu­ta­des, ver­dau­ert den Schat­ten ih­res Ab­schied neh­men­den Ge­lieb­ten mit ei­ner Um­riß­li­nie; [Plinius 2004a]König, Roderich et al. (Hg.) (1990): G. Plinius Secundus d. Ä: Naturkunde / Naturalis historia: lateinisch-deutsch. Artemis, Zürich.
    Nicht angezeigt: unkritische volume des lateinischen Textes mit Übersetzung und Erläuterungen
    : B. XXXVI 151.
  4. ↑ vgl. etwa [Waldenfels 1999a]Waldenfels, Bernhard (1999): Ordnungen des Sichtbaren. In: Waldenfels, B. (Hg.), Sinnesschwellen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    bzw. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
    .
  5. ↑ In die­sem Zu­sam­men­hang ist auf­schluss­reich, wie sich die Er­klär­bar­keit fik­ti­ver, wi­der­sprüch­li­cher und lee­rer Be­grif­fe beim Über­gang zur be­wusst­seins­the­o­re­ti­schen Phi­lo­so­phie ge­gen­über der an­ti­ken Po­si­ti­on he­raus­ge­bil­det hat; vgl. [Ros 1989a]Ros, Arno (1989): “Bedeutung”, “Idee” und “Begriff” – Zur Behandlung einiger bedeutungstheoretischer Paradoxien durch Leibniz. Studia Leibnitiana, 21.
    .
  6. ↑ Hierzu insbesondere [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
    Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
    Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
    , [Goodman & Elgin 1988]Der Eintrag existiert noch nicht. und [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
    .
  7. ↑ Doch wer verweist schon mithilfe des Freundes auf dessen Schatten, statt umgekehrt?
Literatur
[Goodman & Elgin 1988a]Goodman, Nelson & Elgin, Catherine Z. (1988): Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences. Hackett, Indianapolis.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Plinius 2004a]König, Roderich et al. (Hg.) (1990): G. Plinius Secundus d. Ä: Naturkunde / Naturalis historia: lateinisch-deutsch. Artemis, Zürich.[Ros 1989a]Ros, Arno (1989): “Bedeutung”, “Idee” und “Begriff” – Zur Behandlung einiger bedeutungstheoretischer Paradoxien durch Leibniz. Studia Leibnitiana, 21.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Waldenfels 1999a]Waldenfels, Bernhard (1999): Ordnungen des Sichtbaren. In: Waldenfels, B. (Hg.), Sinnesschwellen. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Emilia Didier — (Hinweis)