Psychoanalytische Theorien des Bildes

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Allgemeine Charakteris­tika psycho­ana­lyti­scher Bild­theorie

Im Gegensatz zu den Kunstwissen­schaften, die über umfang­reiche und gut doku­mentier­te psycho­ana­lytisch orien­tierte Theorie­tradi­tionen verfü­gen, stellen psycho­ana­lyti­sche Ansät­ze inner­halb der allge­meinen Bild­theorie bisher ein Forschungs­desi­derat im Spannungs­feld phäno­meno­logi­scher, femi­nisti­scher sowie post­struktu­ralis­tischer Zugänge dar. Als ‘psycho­ana­lytisch’ wird eine Bild­theorie zumeist dann charak­teri­siert, wenn sie sich unter Rückgriff auf klassi­sche psycho­ana­lyti­sche sowie ideo­logie- und diskurs­kriti­sche Theorie­ansät­ze mit den Blickver­hältnis­sen und Blickre­gimen beschäf­tigt, die sich in Bildern als Sympto­me eines vorgän­gigen Weltver­hältnis­ses mani­festie­ren. Dies schließt die sozi­ale Konsti­tution von Sichtbar­keit und Bildlich­keit eben­so ein wie das Verhält­nis von Wahrneh­mung und Affekt im Sinne einer Affekt­öko­nomie des Bildli­chen. Die für psycho­ana­lyti­sche Ansät­ze grundle­gende Denkfi­gur lautet: Bilder werden als Mani­festa­tionen laten­ter Sinnge­halte oder Welt-/​Macht-/​Seinsver­hältnis­se verstanden (Traum­ana­logie).

Die Psychoanalyse ist eine Mytho­graphie des Selbst, die das Unbe­wusste als einen Code bestimmt, der entschlüs­selt werden muss, um zum eigent­lichen Sinnge­halt durchzu­dringen. Die psycho­ana­lyti­sche Metho­de ist dabei zutiefst von der herme­neuti­schen Tradi­tion geprägt, die im zwanzig­sten Jahrhun­dert wiede­rum durch die Psycho­ana­lyse entschei­dende Impul­se erhal­ten hat (vgl. [Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974): Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Dieser Umstand trug während dieses Zeitab­schnitts eben­so zur enor­men Wirkung des psycho­ana­lyti­schen Denkens wie zu dessen “Nieder­gang” bei. Die Gründe für die verhält­nismä­ßig gerin­ge Sichtbar­keit psycho­ana­lyti­scher Ansät­ze inner­halb der heuti­gen bildwis­senschaft­lichen Forschung sind eben hierin zu suchen, denn als zutiefst herme­neutisch gepräg­te Metho­de und Theorie wider­spricht die Psycho­ana­lyse – welcher die Tendenz zuge­schrieben wird, die Phäno­mene stets als Sympto­me eines tiefer liegen­den, “eigent­lichen” Sinnge­halts zu beschrei­ben – medien­theore­tischen, phäno­meno­logi­schen, kogni­tionsthe­oreti­schen und/​oder poststruk­tura­listi­schen Prämis­sen bild­wissen­schaftli­cher Theorie­bildung zu Beginn des 21. Jahrhun­derts. Einer­seits scheint die Psycho­ana­lyse aufgrund ihres starken Fokus auf tiefen­herme­neuti­sche Aspek­te weitge­hend diskre­ditiert, ande­rerseits erfreu­en sich Ansät­ze vor allem Lacan’scher Prove­nienz konstan­ter Popu­lari­tät. Dieser Umstand spiegelt jene Bandbrei­te psycho­ana­lyti­scher Theorie­bildung wider, die bereits bei Freud ange­legt ist und die seitdem stetig erwei­tert wurde und wird.


Kernelemente psychoanalytischer Bild­theorie

Freud

Eine via regia zur Entschlüsselung unbe­wussten Sinns ist der Traum – oder genauer: die Traumar­beit, die von Sigmund Freud in dessen Traumdeu­tung (vgl.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.
) als ein Prozess darge­stellt wird, der sprachlich und propo­sitio­nal verfass­te „Traumge­danken“ in „Traum­bilder“ über­setzt. Diese Umfor­mung ist notwen­dig, da – Freuds Modell des psychi­schen Appa­rats zufol­ge – eine inner­psychi­sche Zensur den eigent­lichen Gehalt des Traumge­dankens nicht direkt, sondern nur in verschlüs­selter Form zugäng­lich machen kann (vgl. [Freud 1915a]Freud, Sigmund (1975): Die metapsychologischen Schriften von 1915. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.
, [Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.
). Diese verschlüs­selte Form ist dann zum Beispiel das Traumbild (ande­re Formen sind Witz, Verspre­cher und ande­re „Psycho­patho­logien des Alltags“ sowie die patho­logi­schen Zustän­de – Neuro­se, Psycho­se etc. –, die als solche laut Freud nur Zerrbil­der des psychi­schen Appa­rats in seinem “Normal­zustand” sind) und aus diesem Grund gibt es bereits in der Traumdeu­tung eine ausge­arbei­tete Bildtheo­rie, die darzu­stellen versucht, wie aus Traumge­danken (die für Freud gene­rell sprachlich verfasst sind) Bilder entste­hen. In zentra­len Kapi­teln der Traumdeu­tung wird daher beschrie­ben, wie die Traumar­beit mittels „Verdich­tung“ und „Verschie­bung“ ihre bildli­chen Gehal­te erzeugt und unter „Rücksicht auf Darstell­barkeit“ insze­niert (vgl. [Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.
: S. 285ff., S. 309ff., S. 341ff.). Traumbil­der weisen eine hohe „Verdich­tungsquo­te“ auf, die laut Freud als solche „unbe­stimmbar“ sei (vgl. ebd.: S. 285).

Für Freud sind Träume eine in der Ordnung des Visu­ellen arbe­itende Auffüh­rungspra­xis des Unbe­wussten, in der es um „Verbild­lichung des abstrak­ten Gedan­kens“ (ebd.: S. 344) gehe. Zu diesem Zweck bedie­ne sich die Traumar­beit eines ganzen Arse­nals von Möglich­keiten, aus logi­schen Bezie­hungen Bilder zu model­lieren, die dann durch Entstel­lung, Verdich­tung und Verschie­bung für das „phantas­tische Geprä­ge“ (ebd.: S. 327) des Traums verant­wortlich seien. Logi­sche Verhält­nisse wie „Kausal­bezie­hung“, „Entwe­der-​Oder“ oder „Nachein­ander“ würden in der Traum­arbeit zu bestimm­ten Bildkon­stella­tionen verdich­tet, die dann die „Traumre­quisi­ten“ (ebd.: S. 339) bereit­stellten oder auch sich der Ausfor­mung ins Bildli­che verwei­gerten, sodass der Traum diesen Miss­stand durch weite­re Entstel­lung und Verschie­bung umge­hen müsse, um zur Darstel­lung zu gelan­gen. Bildtheo­retisch rele­vant bleibt auch Freuds Antwort auf die Frage, warum der Traumge­danke über­haupt der Bilder bedarf, um “zur Sprache” zu kommen. Dabei zeigt sich, dass es hier vor allem um Proble­me der Effi­zienz geht, also das Unbe­wusste die Tendenz zu haben scheint, große Poly­semie auf kleinsten Raum zu proji­zieren. Bilder scheinen zu diesem Zwecke ein geeig­nete­res Medium zu sein als Sprache:

Das Bildliche ist für den Traum darstel­lungsfä­hig, lässt sich in eine Situ­ation einfü­gen, wo der abstrak­te Ausdruck der Traumdar­stellung ähnli­che Schwierig­keiten berei­ten würde wie ein poli­tischer Leitartikel einer Zeitung der Illus­tration“ (ebd.: S. 342).

Das Bildliche ist gegenüber dem Begriff­lichen „anknüp­fungsrei­cher“ (ebd.: S. 343) und kommt damit Zensur und Verdich­tung entge­gen.

Neben jener impliziten Bildtheorie, die Bestand­teil der Traumdeu­tung ist, hat sich Freud zu verschie­denen Zeiten auch mit Bildnis­sen aus der Kunstge­schichte befasst. Hervor­zuhe­ben sind hier vor allem die Studien «Eine Kindheits­erin­nerung des Leonar­do Da Vinci» (vgl. [Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001): Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X. Fischer, Frankfurt/M.
) und «Der Moses des Michel­ange­lo» (vgl. [Freud 1914a]Freud, Sigmund (2001): Der Moses des Michelangelo. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X . Fischer, Frankfurt/M.
). Von hier aus lassen sich zwei verschie­dene Zugangs­weisen einer psycho­ana­lyti­schen Bild­theorie im Anschluss an Freud rekon­struie­ren: Die an der Biogra­phie des Künstlers orien­tierte und von Freud soge­nannte Patho­graphie (Leonar­do-​Studie) und eine am Werk selbst ausge­richte­te Form­ana­lyse, welche vor dem Hinter­grund der Sichtbar­keit und Mate­riali­tät des jewei­ligen Bildnis­ses Rück­schlüsse auf Affekt­öko­nomie, Inten­tion und ästhe­tische Erfah­rung gewäh­ren soll (Moses-​Aufsatz).

Lacan

Jacques Lacan ist für jene Erneuerung der Psychoanalyse verantwortlich, die im Zeichen strukturalistischer und post-strukturalistischer Theorie bis heute von zentraler Bedeutung für die meisten filmwissenschaftlichen, kunsthistorischen und bildtheoretischen Zugänge psychoanalytischer Provenienz geblieben ist. Ihr Einfluss reicht von Louis Althussers Implementierung psychoanalytischer Theorie in eine marxistisch-strukturalistische Methodik, die in Marx’ eigener Interpretationspraxis eine Form von „symptomatischer Lektüre“ aufzuzeigen versucht (vgl. [Althusser & Balibar 1972a]Althusser, Louis & Balibar, Etienne (1972): Das Kapital lesen. Rowohlt, Reinbek.
), über die für die Filmwissenschaften entscheidende Arbeiten eines Christian Metz (vgl. [Metz 2000a]Metz, Christian (2000): Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Nodus, Münster.
) oder Michel Chion (vgl. [Chion 1999a]Chion, Michel (1999): The Voice in Cinema. Columbia University Press.
) bis zu medien- und bildwissenschaftlichen Ansätzen (vgl. [Kittler 2002b]Kittler, Friedrich (2002): Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve, Berlin.
, [Pfaller 2002a]Pfaller, Robert (2002): Die Illusion des Anderen. Suhrkamp.
, [Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.
und die dort enthaltene Bibliografie) jüngeren Datums. Lacan hat sich im Gegensatz zu Freud von Anfang an mit Bildlichkeit, Optik und dem Feld des Sichtbaren befasst. Einige der wichtigsten Grundtheoreme und Begriffe Lacans – etwa Spiegelstadium, Imaginäres, Tableau – sind direkt der Optik und dem Feld des Sichtbaren entnommen und zu psychoanalytischen Denkfiguren transformiert worden. Lacans Theorie ist – darin dem Freud’schen Vorbild verpflichtet – nicht nur eine Theorie des Psychischen, sondern immer auch eine philosophisch-ethisch ausgerichtete Kulturtheorie, in der Lacan stets eine ihm eigene strukturalistische Radikalisierung klassisch psychoanalytischer Positionen mit philosophischen, naturwissenschaftlichen, kunsthistorischen und epistemologischen Ansätzen (um nur einige zu nennen) eng verkoppelt.

Der Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion“ (vgl. [Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau.
) beschreibt auf der Grundlage der Freud’schen Narzissmus-Theorie (vgl. [Freud 1914b]Freud, Sigmund (1975): Zur Einführung in den Narzissmus. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.
) eine Frühphase der Subjektkonstitution, welche durch das frühkindliche Auftreten der drei Lacan’schen Ordnungen (Reales, Symbolisches, Imaginäres) gekennzeichnet ist. Das Spiegelstadium bezeichnet dabei eine Phase innerhalb der Entwicklung des Kleinkindes, in der es sich zum ersten Mal im Spiegel zu erkennen glaubt, wobei zentral ist, dass dieses Erkennen von Lacan als ein Verkennen konzipiert ist, das ab diesem Zeitpunkt als „Drama“ ([Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau.
: S. 67) das Subjekt für alle Zeiten bestimmen wird. Das Verkennen besteht in dem Umstand, dass das Spiegelbild dem Infans eine Integrität vorspiegelt, die es aufgrund körperlichen Entwicklungsstadiums jedoch noch nicht hat. Lacan wird zeitlebens von dieser Grundstruktur nicht abrücken und hier das Urdrama der Subjektwerdung verorten. „Jubilatorisch“ ist die Aufnahme des Spiegelbildes deshalb, weil es das Gefühl der Ohnmacht und existenziellen Abhängigkeit suspendiert und in einen ersten Akt der Selbstermächtigung mündet, welcher allerdings illusorisch ist, da die faktische Schwäche des kleinen Menschen ja dadurch nur kurzeitig „vergessen“, nicht jedoch abgeschafft wird. Das Medium dieser Suspension ist das Bild und hierin wird dann die Film- und Bildtheorie einen wichtigen Faktor der Faszinationskraft des Bildlichen entdecken. Dies ist das erste Auftreten jener Ordnung, die Lacan ein paar Jahre später „das Imaginäre“ nennen wird und die als der Bereich des „Bildes und der Vorstellung, der Täuschung und Enttäuschung“ ([Evans 2002a]Evans, Dylan (Hg.) (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia + Kant, Wien.
: S. 146) gilt. Wichtig ist zu betonen, dass es sich hierbei nicht um eine „Phase“ handelt, die vom Subjekt überwunden werden kann. Es geht nicht um eine Illusion, die abzuschütteln wäre. Das Imaginäre bleibt konstitutiv für das Subjekt und steht in einem permanenten psychodynamischen Austauschverhältnis mit dem Realen und dem Symbolischen. Das Imaginäre ist wesentlich für die Ich-Konstitution im Sinne des Selbstbildes (Imago) und bestimmt das Verhältnis zum Anderen. Auf Lacan aufbauend, hat Gilles Deleuze eine Theorie der "Bildwerdung" entwickelt, die mit Melanie Klein Lacans Theorie bildtheoretisch entscheidend erweitert (vgl. [Deleuze 1993a]Deleuze, Gilles (1993): Logik des Sinns. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 231-267).

Diese Konzeption erlaubt es Lacan dann unter Hinzuziehung phänomenologischer Positionen (vgl. v.a. [Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010): Das Sein und das Nichts. Rowohlt.
: S. 457-539) die Entwicklung des für eine Bildtheorie zentralen Konzepts der "Spaltung von Auge und Blick". Innerhalb der imaginären Ordnung verortet sich das Subjekt selbst über eine Verkennungsfunktion, die ihr Modell im Konzept des Spiegelstadiums hat. Für die soziale Subjektkonstitution ist jedoch nicht so sehr das eigene Sehen, sondern das Gesehen-Werden von entscheidender Bedeutung (vgl. [Lacan 1996a]Lacan, Jaques (1996): Schriften I [1973]. Quadriga, Weinheim
: S. 73-112). Dieses Gesehen-Werden ist jener Blick, den Lacan in Anlehnung an Sartre vom Auge (im Sinne visueller Sinneswahrnehmung) abkoppelt. Die Attraktivität dieser Konzeption gerade für post-strukturalistische Theoriebildung besteht darin, dass die Blickverhältnisse von Intentionalitäten sehender Subjekte unabhängig sind und somit auch in Dingen (und damit auch Bildern) verortet werden können. Die Formel „Was wir sehen blickt uns an“ (vgl. [Didi-Huberman 1999a]Didi-Huberman, Georges (1999): Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. Fink, München.
) bezieht nicht zuletzt hieraus ihre Plausibilität. Für Lacan ist entscheidend: „Statt in interesseloser Distanz zu verharren, wird das Subjekt als sehendes und begehrendes von den Bildern getroffen“ ([Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.
: S. 9) - „getroffen“, weil das Subjekt als Angeblicktes selbst zum Objekt unter anderen wird.

Hieraus resultiert schließlich Lacans Kritik an der frühneuzeitlichen Epistemologie Descartes’, die er exemplarisch in Form der Zentralperspektive verkörpert sieht. Was hier laut Lacan zutage tritt, ist eine zu einem Dispositiv geronnene Selbstermächtigungsphantasie des Subjekts, dessen Ganzheitsphantasma sich im despotischen Blick der Zentralperspektive manifestiert. Das cartesianische Subjekt setzt sich als Geometral- und Perspektivpunkt selbst in den blinden Fleck des zentralperspektivischen Bildes ein und bringt das Feld des Sehens dadurch in seine Gewalt. Die Anamorphose wiederum subvertiert diese Bildordnung mit den Mitteln der Zentralperspektive und erinnert „im Vorbeigehen“ den Betrachter an seinen chiastischen Platz im Feld der Sichtbarkeit – als gleichzeitig sehendes und gesehenes Objekt unter anderen, als Bildfunktion: „Die Psychoanalyse Lacans bricht [...] mit einer cartesianischen Geometrie, der gemäß der Mensch als ›punctus subjectivus‹ einer ausgedehnten Gegenstandswelt gegenübersteht, ebenso wie mit dem metaphysischen Dualismus, dem gemäß das Objekt dasjenige sei, was vorgestellt wird und den Sinn affiziert.“ ([Runte 2005a]Runte, Annette (2005): Dinge sehen dich an: Die Melancholie des leeren Platzes in der metaphysischen Malerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.), Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.
: S. 415-416) Zur psychoanalytisch motivierten Kritik der Zentralperspektive im Anschluss an Freud und Lacan siehe [Damisch 1987a]Damisch, Hubert (1987): L'origine de la perspective. Flammarion, Paris.
.


Anwendungsfelder

Nach Reiche (vgl. [Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001): Mutterseelenallein. Kunst, Form, Psychoanalyse. Stroemfeld.
) lassen sich fünf Wege der Anwendung ausmachen, auf dessen Pfaden eine psychoanalytisch orientierte Bildtheorie bisher verortet werden kann:

1. Der Einbau der Psychoanalyse in eine globale Kunsttheorie. Hiermit beschreibt Reiche die Integration psychoanalytischer Methoden und Denkfiguren in ein bereits existierendes Denkgebäude, wobei er qualitativ zwischen „gelungenen Assimilationen“ (ebd.: S. 26) und „äußerlichem Anbau“ (ebd.) unterscheidet.

2. „Ein psychopathographischer, über die Autorpsyche laufender Zugang“ (ebd.: S. 28). Jener Zugang, der in Freuds Leonardo-Studie sein Vorbild hat (s.o.), gilt heute als wissenschaftlich weitgehend diskreditiert und findet kaum mehr Anwendung.

3. In der Nachfolge von Phyllis Greenacre, Marion Milner und Donald W. Winnicott kann die therapeutische Situation selbst als ästhetisches Ensemble beschrieben werden. Da dieser Ansatz „nicht so sehr das Werk, als den Prozess seiner Erschaffung“ (ebd.: S. 28) in den Mittelpunkt stellt, werden hier Psychodynamiken der Werkgenese und damit Aspekte der Kreativität fokussiert.

4. Die „Gegenübetragungsthese“ hat insbesondere innerhalb der Filmwissenschaft eine lange Tradition und wurde von Alfred Lorenzer zu einer „tiefenhermeneutischen Kulturanalyse“ ausgebaut. Der aus der therapeutischen Praxis stammende Begriff der Gegenübertragung birgt allerdings nicht unbeträchtliche Risiken: „Die große Attraktion dieser Methode für alle Freunde der Psychoanalyse ist zugleich ihre Achillesverse: die je meinige Gefühlsantwort auf das Werk wird in den Mittelpunkt gestellt und als Gegenübertragung deklariert.“ (ebd.: S. 30)

5. „Zugänge über die Form“ (ebd.: S. 32), welche von Reiche selbst favorisiert werden, nehmen im Falle Reiches ihren Ausgang sowohl von Freuds Bildtheorie der Traumarbeit als auch von jenen Formanalysen, die Freud in "Der Moses des Michelangelo" erprobt hat. Ob dabei jedoch von einer „Strukturanalogie von Traum und Kunstwerk“ (Ebd.: S. 34) auszugehen ist, muss dahingestellt bleiben.

Anmerkungen
Literatur
[Althusser & Balibar 1972a]Althusser, Louis & Balibar, Etienne (1972): Das Kapital lesen. Rowohlt, Reinbek.[Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Chion 1999a]Chion, Michel (1999): The Voice in Cinema. Columbia University Press.[Damisch 1987a]Damisch, Hubert (1987): L'origine de la perspective. Flammarion, Paris.[Deleuze 1993a]Deleuze, Gilles (1993): Logik des Sinns. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Didi-Huberman 1999a]Didi-Huberman, Georges (1999): Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. Fink, München.[Evans 2002a]Evans, Dylan (Hg.) (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia + Kant, Wien.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.[Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001): Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914a]Freud, Sigmund (2001): Der Moses des Michelangelo. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X . Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914b]Freud, Sigmund (1975): Zur Einführung in den Narzissmus. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1915a]Freud, Sigmund (1975): Die metapsychologischen Schriften von 1915. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Kittler 2002b]Kittler, Friedrich (2002): Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve, Berlin.[Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau.[Lacan 1996a]Lacan, Jaques (1996): Schriften I [1973]. Quadriga, Weinheim [Metz 2000a]Metz, Christian (2000): Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Nodus, Münster.[Pfaller 2002a]Pfaller, Robert (2002): Die Illusion des Anderen. Suhrkamp.[Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001): Mutterseelenallein. Kunst, Form, Psychoanalyse. Stroemfeld.[Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974): Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Runte 2005a]Runte, Annette (2005): Dinge sehen dich an: Die Melancholie des leeren Platzes in der metaphysischen Malerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.), Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010): Das Sein und das Nichts. Rowohlt.

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