Chinesische Kalligraphie
Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit
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Auf der Basis der chinesischen Schriftzeichen entwickelte sich Schrift zu einer hohen Kunst des persönlichen Ausdrucks. Die Schrifttypen, die charakteristische graphische Form und die Struktur der chinesischen Schriftzeichen haben diese Entwicklung der Kalligraphie erst ermöglicht. [Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.
Die Schrift – Entwicklung der SchrifttypenDie vier Hauptschriftarten entwickelten sich aufeinander folgend.[Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York. Zur Zeit der sechs Dynastien (六朝 liù chaó 3.-6.Jh.) entwickelte sich die Schrift zu einer von der Schicht der Literaten-Beamten[2] gepflegten Kunstform und löste sich infolgedessen aus der handwerklichen Anonymität. Man begann Schriftkunstwerke aufgrund ihres ästhetischen Wertes zu schätzen. Technische Meisterschaft sowie die in der Schrift zum Ausdruck kommende Persönlichkeit und kunsthistorische Bildung des Schreibers wurden zu Bewertungskriterien der ästhetischen Qualität von Schrift(kunstwerken). Zwar musste eine gute Schrift Individualität besitzen, sie musste jedoch zudem erkennen lassen, dass ihr Schreiber die Geschichte der Schriftkunst theoretisch wie auch praktisch beherrschte; dem Schreiber und dem Betrachter waren die stilistischen Zitate und Schichten eines Schriftkunstwerkes bewusst. Seit der Zeit der sechs Dynastien gibt es Schriftsammlungen und eine theoretische Literatur zur Schriftkunst, deren ästhetische Terminologie weitgehend der Poetik entlehnt ist und die ihrerseits auf die ca. 500 v. Chr. entstehende Maltheorie einwirkte. Wang Xizhi 王羲之 (303-361) ist der berühmteste Kalligraph dieser Zeit und der gesamten Kalligraphiegeschichte überhaupt.[Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.
Engere BegriffsbestimmungDie ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (漢字 hànzi), durch sie wird die Komposition, d.h. die Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt. [3] Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (點 diăn), horizontal (橫 héng), vertikal (豎 shù), abgesetzt und gekrümmt (折 zhé), Haken (鈎 goū), links hinunter (撇 piě), rechts hinauf (提 tí) und rechts hinunter (捺 nà). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt. [Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg. Die Grasschrift, insbesondere die Wilde Grasschrift (狂草 kuáng căo), ist der freieste Schrifttyp, die Gesetze und Regeln der übrigen Stile schränken sie nich ein; die Striche der einzelnen Schriftzeichen sind durchgehend miteinander verbunden. [Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing. Der Ästhetik der Kalligraphie liegt die Vorstellung zugrunde, dass der individuelle Pinselzug ein unmittelbarer, sichtbar gewordener 'Abdruck' der Persönlichkeit ist. [Ledderose 85a]Der Eintrag existiert noch nicht. Da Kalligraphie somit gewissermaßen in einem graphologischen Sinne als Ausdruck des Charakters verstanden wird, gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen rein ästhetischen und etwa moralisch-politischen Wertkategorien. Das bedeutet, dass eine Schrift aufgrund der in ihr zum Ausdruck kommenden moralischen Qualitäten des Schreibenden an ästhetischem Wert gewinnen kann. [Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg. Eine gute Kalligraphie ist eine ausgewogenen Komposition ihrer integralen Bestandteile: die einzelnen Striche und Punkte müssen ein harmonisches Ganzes bilden. [Ch]Der Eintrag existiert noch nicht. Lebendigkeit, Energie, Spannung und Rhythmus sind hierbei ausschlaggebende Charakteristika. [Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.
BeispieleOrakelknochenschrift 甲骨文 jiăgŭwén. Kleine Siegelschrift 小篆 xiăo zhuān. Die Kanzleischrift 隸書 lĭ shū. Die Normal- oder Standardschrift 楷書 kăishū. Vorwort zum Treffen bei der Orchideen-Pagode von Wang Xizhi 王羲之. Selbstdarstellung in Wilder Grasschrift 狂草 kuáng căo von Huai Su (Detail), Tang-Dynastie (618 - 907). Ein Gedicht von Du Fu an He Lanxian in Grasschrift 草書 căo shū von Huang Tingjian aus der Song-Dynastie (960 - 1279) (Detail).
Der Einfluss der Kalligraphie auf die MalereiIn dem Bestreben, sich von der professionellen, handwerklichen Malerei, die sich im allgemeinen durch starke Farbigkeit und eine sehr realistische Darstellung auszeichnete, zu distanzieren, setzten die Literaten eine Malerei, die sich nicht nur technisch sondern auch ästhetisch an der Kalligraphie orientierte. Die bildnerischen Mittel, insbesondere der Pinselstrich gewannen dadurch an Selbständigkeit und gestalterischen Eigenleben; die Darstellung wurde dem gewählten Pinselduktus angepasst. Diese Tendenz setzte sich in der Yuan元-Zeit (1271-1368) allgemein durch. Womit die Malerei von ihrer reinen Abbildfunktion und der unbedingten Forderung nach der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit befreit wurde. Wie schon die Kalligraphie wandelte sich das Bild damit zur „gestalteten Manifestation der Künstlerpersönlichkeit“. [Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.
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Anmerkungen
Literatur
[Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.[Chiang 1973a]Chiang, Yee (1973): Chinese Calligraphy – An Introduction to Its Aesthetic and Technique. Havard University Press, Cambridge, Massachusetts, London.[Ch’en 1966a]Ch’en, Chih-mai (1966): Chinese Calligraphers and Their Art. Melbourne University Press, Carlton.[Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York.[Kwo 1981a]Kwo, Da-wei (1981): Chinese Brushwork – Its History, Aesthetics and Techniques. Allanheld & Schram, Montclair.[Ledderose 1985a]Ledderose, Lothar (1985): Die Malerei der Literaten. In: Ledderose, L. (Hg.), Im Schatten hoher Bäume. Malerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911) aus der Volksrepublik China. Staatl. Kunsthalle, Baden-Baden.[Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Qiu 2000a]Qiu Xigui (2000): Chinese Writing. Birdtrack Press, New Haven.[Tseng 1993a]Tseng, Yu-ho (1993): A History of Chinese Calligraphy. Chinese University Press, Hongkong. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Julia Nissen, Joerg R.J. Schirra, Sandra Gilgan und Marcel Lemmes — (Hinweis) |






