Perspektivik

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung


Perspektivik als relatio­nales Prinzip

Der Terminus ‘Perspektivik’ refe­riert auf ein basa­les kogni­tives Prinzip, das inso­fern auf der grundle­genden Dispo­sition menschli­cher Raum­wahrneh­mung basiert, als konkre­te Objek­te für das sehen­de, an einen Körper gebun­dene Subjekt immer nur aus einem bestimm­ten Blickwin­kel erfass­bar sind: Beim Blick auf eine Statue bestimmt der Standort des Betrach­ters, ob die Vorder-, Rück-, Ober- oder Unter­seite des Objekts wahrnehm­bar ist. Im kano­nischen Fall der konkre­ten Perzep­tionssi­tuation ist dieser Standort bedingt durch das Hier und Jetzt des Betrach­ters: die wahrge­nomme­nen Aspek­te sind Resul­tat der jewei­ligen spatio-tempo­ralen Situ­ierung, während jeder Posi­tionswech­sel einen Wechsel der Ansicht und damit eine Verän­derung der Erschei­nung des jewei­ligen Objekts nach sich zieht (vgl. [Foppa 2002a]Foppa, Klaus (2002): Knowledge and Perspective Setting. What Possible Consequences on Conversation Do we Have to Expect?. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 17; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 25f.). Gemäß dieser aus dem Leib­aprio­ri ableit­baren „Grundbe­dingung aller Wahrneh­mung“ ([Köller 2004a]Köller, Wilhelm (2004): Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 11) erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik als standort­abhän­gige Rela­tion zwischen wahrneh­menden Subjekt und wahrge­nomme­nen Objekt. In dieser Hinsicht hat Dürer das Auge, den „Gegen­wurf“ (als Lehn­über­setzung zu lat. objec­tum) und den Abstand zwischen diesen beiden Bezugs­punkten für die Beschrei­bung von Perspek­tive als konsti­tutiv erach­tet (vgl. auch Abb. 1):

Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese­hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen. ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373)[1]
Ab­bil­dung 1: Die per­spek­ti­vi­sche Seh-Kon­fi­gu­ra­ti­on bei Al­brecht Dü­rer (1525)

Von die­ser “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va na­tu­ra­lis) als grund­le­gend kog­ni­ti­vem wie ge­nu­in re­la­ti­o­na­lem Kon­zept ist die “künst­li­che” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va ar­ti­fi­ci­a­lis) als Dar­stel­lungs­mo­dus zu un­ter­schei­den, die auf ei­ner Über­tra­gung die­ses Grund­prin­zips ba­siert und auf­grund der Dif­fe­renz zwi­schen Ur­bild und Ab­bild in ei­nem Span­nungs­ver­hält­nis zu “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vie­rungs­struk­tu­ren steht. In die­ser ab­strak­ten Be­deu­tung er­weist sich das Prin­zip der Per­spek­ti­vik für die Sym­bol­sys­te­me Bild und Spra­che glei­cher­ma­ßen als ba­sal.

Vor dem Hintergrund erkennt­nistheo­reti­scher Frage­stellun­gen ist Perspek­tivi­tät zudem als Ordnungs­begriff zu verste­hen, der hinsicht­lich der konzep­tionel­len Erfas­sung von Bedeu­tungsin­halten durch die Rela­tion zwischen Objekt- und Subjekt­sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek­tivik ist damit vor dem Hinter­grund der Frage nach dem Verhält­nis von Kogni­tion, Symbol­system und seinem Verhält­nis zur Welt zu beschrei­ben, wie sie inner­halb der Bildwis­senschaft für die Problem­bereiche von ⊳ Mime­sis, ⊳ Natu­ralis­mus und Realis­mus, ⊳ Ähnlich­keit und wahr­nehmungs­nahe Zeichen verhan­delt wird.


Perspektivik: Perspekti­ven und ‘die Per­spek­tive’

Der Terminus ‘Perspek­tive’ entstammt dem Bereich der visu­ellen Wahrneh­mung und führt ety­molo­gisch zurück auf lat. perspi­cere (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu­tung bezeich­net die perspec­tiva natu­ralis (bzw. perspec­tiva commu­nis, visio perspec­tiva) als Über­setzung des griechi­schen Begriffs der optike techné (vgl. [Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 11) ursprüng­lich die anti­ke und mittel­alter­liche Theorie des „direk­ten, reflek­tierten oder gebro­chenen Sehens“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 85).

Von dieser “natür­lichen” Perspek­tive als psycho­physio­logi­schem Anschau­ungsmo­dus ist die perspec­tiva arti­ficia­lis als Darstel­lungsmo­dus (vgl. [Thaliat 2005a]Thaliat, Babu (2005): Perspektivierung als Modalität der Symbolisierung. Erwin Panofskys Unternehmung zur Ausweitung und Präzisierung des Symbolisierungsprozesses in der Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer. Königshausen & Neumann, Würzburg.
: S. 204) bzw. „Perspek­tive der Maler“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 11) zu trennen, wie sie termi­nolo­gisch auch unter den Aus­drücken der ‘ange­wandten Perspek­tive’, ‘ars perspec­tiva’, ‘künstle­rischen’ bzw. ‘künstli­chen Perspek­tive’ gefasst wird und sich beispiels­weise als Farb-, Licht- und Luftper­spekti­ve bzw. Bedeu­tungs-/Rele­vanzper­spekti­ve etc. objek­tiviert zeigt (⊳ Perspek­tive und Projek­tion). Seit der Renais­sance wird der Termi­nus der künstli­chen Perspek­tive nun nicht vorzugs­weise als allge­meine Bezeich­nungswei­se für Projek­tionsver­fahren spatia­ler Darstel­lung verwen­det, sondern eben­falls als Bezeich­nung für den spezi­fischen Darstel­lungsmo­dus der Zentral- bzw. Linear­perspek­tive als syste­mati­sche Verfah­renswei­se zur Darstel­lung des drei­dimen­siona­len Raumes auf einer zwei­dimen­siona­len Ober­fläche ([O’Riley 1998a]O’Riley, Tim (1998): Representing Illusions: Space, Narrative and the Spectator. College of Art & Design, Chelsea.
: S. 17), die seit ihrer Entwick­lung im 14. Jahrhun­dert als der korrek­te Darstel­lungsmo­dus der visio perspec­tiva menschli­cher Wahrneh­mung gilt und damit zur Perspek­tive per se wird. Diese Bedeu­tungsver­engung ist bereits in der Bezeich­nung Dürers der (Zentral-)Perspek­tive als „durch­sehung“ abzu­lesen („Item prospec­tiua ist ein latei­nisch wort, pedewt ein durch­sehung“, [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373), als das Bild des „Durch­blicks“ das linear­perspek­tivi­sche Konzept der Zentrie­rung des Blickfelds impli­ziert.

Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppel­deutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspek­tivik als uni­versa­le Basis­prämis­se für jede Wahrneh­mungs- wie Darstel­lungsform (⊳ Abschnitt 3). Zugleich wird vor dem Hinter­grund der obi­gen Begriffs­bestim­mung deutlich, dass zwischen den jewei­ligen Ausprä­gungen von Perspek­tivi­tät in Abhän­gigkeit zum jewei­ligen kultur­histo­rischen Bedin­gungsge­füge zu diffe­renzie­ren ist (⊳ Abschnitt 4). Diese Ambi­guität spiegelt sich exem­plarisch in den Kontro­versen um den Status der Zentral­perspek­tive wider: auf der indi­vidu­ellen Ebe­ne in der Frage nach dem Verhält­nis des zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungs- zum “natür­lichen” Wahrneh­mungsmo­dus (Natür­lichkeits­para­doxon), auf der kultu­rellen Ebe­ne in der Kontro­verse um den Status als symbo­lische Form bzw. kultur­gebun­denes Dispo­sitiv (⊳ Abschnitt 4.2).


Perspektivik als anthropo­logi­sche Basis­prämisse

Perspektivik als kognitives Basis­konzept: Der Stand­ort des Be­trach­ters

Während die spatio-temporale Gebun­denheit des Indi­vidu­ums eine unhin­tergeh­bare Basis­prämis­se stellt, setzt das Prinzip der Perspek­tivik als standort­gebun­dene Wahrneh­mung eines Objekts die Gege­benheit poten­tieller Alter­nati­ven zum jeweils aktu­ellen Blickwin­kel voraus. Die Erkenn­tnis der mit dieser Grunddis­posi­tion verbun­denen Rela­tivi­tät der Betrach­tung und die daran geknüpf­te Fähig­keit, sich von der eige­nen Perspek­tive lösen zu können und ande­re poten­tielle Stand­orte als gleichbe­rechtig­te Alter­nati­ven zu erken­nen, ist die Voraus­setzung für perspek­tivi­sches Denken, wie es als inhä­rentes Charak­teris­tikum der menschli­chen Kogni­tion gilt (vgl. [Canisius 1987a]Canisius, Peter (1987): Einleitung. In: Canisius, P. & Gerlach, M. (Hg.), Perspektivität in Sprache und Text. Brockmeyer, Bochum.
: S. xiii), muss onto­gene­tisch aber erst erwor­ben werden: Leib­apri­orisch bedingt ist die primä­re Phase der Entwick­lung mono­perspek­tivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen ande­ren Sehe­punkt verset­zen zu können (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29). Erst durch die Über­windung des „intel­lektu­ellen Ego­zentris­mus“ ([Piaget & Inhelder 1972a]Piaget, Jean & Inhelder, Bärbel (1972): Die Psychologie des Kindes. Walter, Olten.
) kommt es mit der Entwick­lung des Bewusst­seins des eige­nen Subjekts zur Ausprä­gung der Fähig­keit perspek­tivi­schen Denkens.

Das bewusste Einnehmen einer Perspek­tive und deren Vermitt­lung sind in diesem Sinne abstrak­te menta­le Fähig­keiten. Obgleich ausge­hend vom konkre­ten Augen­punkt inner­halb der Perzep­tionssi­tuation ist damit der point of view als Ausgangs­punkt der Perspek­tiven­setzung nicht mit der physi­kali­schen Veror­tung eines aktu­ellen Betrach­ters gleichzu­setzen. Dies gilt auch für bildli­che Darstel­lungen, als auch dort der Ausgangs­punkt einer Perspek­tive – ana­log zur Konzep­tiona­lisie­rung von Raum-Rela­tionen in der Sprache (vgl. [Levinson 2003a]Levinson, Stephen C. (2003): Space in Language and Cognition. Explorations in Cognitive Diversity. Cambridge University Press, Cambridge.
) – als abstrak­tes Projek­tionszen­trum zu verste­hen ist, der „außer­räumlich ima­ginär“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 18) bleibt, vgl. [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
:

this point itself, although consti­tutive for the perspec­tival represen­tation, remains un­repre­sented and, hence, psycho­logical­ly incon­spicuous. In other words, the basic and consti­tutive implic­itness of perspec­tivity is to be seen in the non­represen­tational incon­spicuous­ness of the point of view, which in turn is consti­tutive of the perspec­tival structure of represen­tation. ([Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29)

Perspektivität als pragma­ti­sche Kate­gorie: »Subjek­tivi­tät«

Die Notwendigkeit der konzep­tuellen Trennung zwischen dem realen Betrach­ter und der inhä­renten Perspek­tivik einer bildli­chen Darstel­lung spiegelt sich auch in der Diskus­sion von Perspek­tivi­tät als subjek­tive Kate­gorie wider: Inner­halb einer konkre­ten Perzep­tionssi­tuati­on ist die Betrach­tung eines Objekts zunächst bedingt durch die Ego­zentrik menschli­cher Wahrneh­mung. Paral­lel hierzu ist auch jede abstrak­te Perspek­tiven­setzung bedingt durch einen Sehe­punkt, der impli­zit ein Subjekt voraus­setzt (vgl. [Mitchell 1992a]Mitchell, William J.T. (1992): The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era. MIT Press, Cambridge, MA.
: 134). Insbe­sonde­re der Darstel­lungsmo­dus der Zentral­perspek­tive wird in dieser Hinsicht als ‘subjek­tiv’ beschrie­ben, da die Zentrie­rung auf einen “Augen­punkt” als Rela­tion zum Subjekt gewer­tet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: 373) bzw. als primär konsti­tuieren­des Merkmal für jede (zentral-)perspek­tivi­sche Darstel­lung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspek­tivik als “subjek­tives” Prinzip und damit als pragma­tische Kate­gorie (⊳ Bildprag­matik) zu werten.

Die Bewertung als subjektiv bleibt termi­nolo­gisch jedoch inso­fern vage, als das abstrak­te Projek­tionszen­trum einer bildli­chen Darstel­lung nicht mit einem realen Betrach­ter gleichge­setzt werden kann und dadurch eine Dopplung von “Subjek­tivi­tät” auf unter­schiedli­chen Ebe­nen zu berück­sichti­gen ist. Vor diesem Hinter­grund ist auch die allge­meine Kritik am “Subjek­tivis­mus” bildwis­senschaft­licher Theorie­bildung von [Maynard 2003a]Maynard, Patrick (2003): Pictures of Perspective: Theory or Therapy?. In: Hecht, H. & Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
und Hyman zu lesen: Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alber­ti («De pittura», Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschrei­bung von Perspek­tive unab­hängig von der „Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung“ erfolgen (vgl. [Hyman 2006a]Hyman, John (2006): The Objective Eye: Color, Form, and Reality in the Theory of Art. University of Chicago Press, Chicago.
: S. 223 bzw. [Hyman 2009a]Hyman, John (2009): Perspective. In: Cooper, D. et al. (Hg.), A Companion to Aesthetics. Backwell, Oxford.
: S. 469).

Perspektivik als erkenntnis­theore­tische Kate­gorie: Rela­tivi­tät und point of view

Vor dem Hintergrund abstrakter Blick­winkel und der Frage nach dem Verhält­nis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspek­tivik für die Bildwis­senschaft nicht nur als Prinzip bildli­cher Darstel­lung in Bezug auf die techni­sche Konstruk­tionswei­se der Raumdar­stellung rele­vant, sondern prägt eben­falls in zentra­ler Weise die bildphi­loso­phische Diskus­sion um die Frage nach dem Verhält­nis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebun­denheit an einen Point of View beding­ten Rela­tivi­tät prägt die Subjekt-Objekt-Korre­lation als das „pola­re Grundge­rüst des Erken­nens“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 13) entschei­dend die Erfas­sung des Wahrneh­mungsob­jekts in seinem Verhält­nis zur „Welt“. Perspek­tivi­tät und Reali­tätsver­ständnis stehen damit in einem gegen­seiti­gen Abhän­gigkeits­verhält­nis, wie es neuzeit­lich durch das Primat der visu­ellen Wahrneh­mung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-vident, d.h. sichtbar ist. In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik als Verhält­nis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Inter­depen­denz mit Fragen der Welt­anschau­ung geprägt und damit histo­risch gese­hen als vari­abel. Die Frage nach einer mögli­chen Korre­lation zwischen Raumwahr­nehmung, Darstel­lungssys­tem und Denksys­tem spiegelt sich in der Diskus­sion um die histo­rischen Ausprä­gungen von Perspek­tivi­tät und deren Status als Dispo­sitiv, wie sie exem­plarisch in Bezug auf den Stellen­wert der Zentral­perspek­tive als symbo­lische Form verhan­delt wird.


Perspektivik als kultur­histo­risches Kon­zept

Von Aspektive zu Perspek­tive: Kunst­geschich­te als Per­spekti­venwan­del

Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhält­nis von Betrach­tersub­jekt und Wahrneh­mungsge­genstand dem histo­rischen Wandel unter­zogen, wie er in den verschie­denen Ausprä­gungen der Perspek­tivie­rungstech­niken inner­halb der verschie­denen Epo­chen sichtbar wird: Während grundsätz­lich alle Bilder – im allge­meinen Sinn des Wortes – perspek­tivisch sind, unter­scheiden sich die Darstel­lungsfor­men im histo­rischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstel­lungsprä­feren­zen und der einge­setzten Perspek­tivie­rungsmit­tel. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dicho­tomie »Aspek­tive vs. Perspek­tive« geprägt, wobei diese dicho­tomi­sche Gegen­über­stellung bereits eine Verwen­dung des Begriffs der Perspek­tive in der Bedeu­tung »Zentral­perspek­tive« impli­ziert. Aspek­tivi­sche Darstel­lungsfor­men, wie sie in den frühen Kultur­stufen im anti­ken Ägyp­ten bzw. in den geome­trischen und archa­ischen Stilfor­men des anti­ken Griechen­lands vorlie­gen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzel­ne konven­tionel­le Merkma­le als Charak­teris­tika d.h. „Aspek­te“ der damit als „Urbil­der“ bzw. „Begriffs­bilder“ konzep­tiona­lisier­ten Objek­te in einem Bild addi­tiv neben­einan­der gestellt werden, ohne dass ein einheit­licher Sehe­punkt als Orga­nisa­tionsprin­zip wirkt. Neben dem damit verbun­denen Fehlen opti­scher Verkür­zungen und tiefen­räumli­cher Wirkung sind aspek­tivi­sche Bilder insbe­sonde­re durch para­takti­sche Rela­tionen der einzel­nen Objek­te zuein­ander geprägt. Inner­halb des „Aggre­gatraums“ (in Abgren­zung zum späte­ren „System­raum“, vgl. [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
) unter­bleibt eine tempo­ral-loka­le Situ­ierung der Objek­te, die damit keinen refe­rentiel­len Eigen­wert besit­zen, sondern als „Begriffs­bilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungie­ren. Aspek­tivi­sche und perspek­tivi­sche Bilder unter­scheiden sich damit in Bezug auf das Verhält­nis ihrer Einzel­teile zum Bild­ganzen sowie in Bezug auf ihr Verhält­nis zuein­ander. In zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungen kommt es dage­gen zu einem einheit­lichen Sehe­punkt, der als Ordnungs­instanz die Raum­darstel­lung bestimmt, wie es auch im Bild der „Seh­strahlen“ bzw. „Seh­pyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).

Abbildung 1: Das Bild als Schnitt durch die Sehpyramide bei Leon Battista Alberti (1436)

Die Unterschiede zwischen Aspektive und Perspektive führt [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 3) auf unterschiedliche kognitive Wahrnehmungsleistungen zurück, wie sie sich auch in unterschiedlichen Bereichen wie Menschenbild, Religion, Mythos, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Die damit angesprochene Frage nach einem Zusammenhang zwischen Repräsentationssystem und Wahrnehmungsmodus steht in der Tradition der von [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
angestoßenen Debatte nach dem Status der Zentralperspektive, die dieser – ausgehend von der Beobachtung der historischen Varianz perspektivischer Darstellungen und der Argumentation [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
gegen die „Natürlichkeit“ der Zentralperspektive – als eine historische Variante im Sinn einer „symbolischen Form“ [Cassirer 2010a]Cassirer, Ernst (2010): Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil: Phänomenologie der Erkenntnis. Meiner, Hamburg.
Nicht angezeigt: hrsg. von B. Recki
wertet. Diese These hat seitdem in der Bildwissenschaft zu einer „Sapir-Whorf-Kontroverse“ geführt, als in ihr in nuce zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt verhandelt werden.

Die Zentralperspektive als symbo­lische Form: Das Natür­lichkeits­para­doxon

Die Zentralperspektive bzw. costruzione legittima, gilt seit ihrer Entstehung im 14. Jahrhundert aufgrund der einheitlichen Zentrierung des Blicks auf einen „Augenpunkt“ als die „natürliche“ Form der Perspektive. Hinsichtlich des Verhältnisses von Wahrnehmungssubjekt und Objekt scheint die Bewertung als „natürlich“ zunächst intuitiv plausibel, da das Ziel des zentralperspektivischen Darstellungsmodus danach zu streben scheint, einen natürlichen und in diesem Sinn „realistischen“ Seheindruck wiederzugeben; eine Intention, wie sie seit der Renaissance in der Metapher des „geöffneten Fensters“ (finestra aperta, Alberti) bzw. eines „Spiegels der Welt“ deutlich wird:

Die Perspektive ist nichts anderes, als wenn man eine Szene hinter einem flachen und gut durchsichtigen Glas sieht, auf dessen Fläche alle Gegenstände aufgezeichnet sind, die sich hinter dem Glas befinden. (Leonardo da Vinci, Libro di pittura, in [Chastel 1990a]Chastel, André (1990): Leonardo. Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/Mosel, München.
: 246)

Gegen die Bewertung der Zentralperspektive als „natürlich“ sind unterschiedliche Gegenargumente vorgebracht worden. Die Diskussion fokussiert dabei zum einen auf die Differenzen zwischen Abbild und natürlichem Sehvorgang (so ist in dieser Hinsicht u.a. vorgebracht worden, dass der Ausgangspunkt zentralperspektivischer Darstellungen auf das Auge eines „Zyklopen“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 55) reduziert werde sowie dass gekrümmte Linien dem retinalen Seheindruck eher als gerade Linien entsprechen würden (vgl. [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
; zur kritischen Bewertung vgl. [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
: S. 169; [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
: 186f.). Zum anderen wird argumentiert, dass die perspektivische Darstellung grundsätzlich zu einer „Verzerrung“ der Abbildung führen müsse und damit einem natürlichen Seheindruck entgegen stehe (vgl. bereits bei Platon; [Hub 2009a]Hub, Berthold (2009): Platon und die bildende Kunst. Eine Revision. Plato. The Internet Journal of the International Plato Society, 9.
Webadresse: gramata.univ-paris1.fr/Plato
). Beide Einwände lassen dabei jedoch die grundlegende Unterscheidung zwischen perzeptiver Wahrnehmung und konzept-bedingten Darstellungsformen unberücksichtigt, so dass die Natürlichkeitsthese vor der Beobachtung der historischen Varianz der Perspektivierungsformen als paradox erscheint: Die Rolle der Zentralperspektive als „seltener Sonderfall“ ([Schweitzer 1953a]Schweitzer, Bernhard (1953): Vom Sinn der Perspektive. Niemeyer, Tübingen.
: 11) in der Kunstgeschichte und die analog dazu sich bei Kindern erst spät entwickelnde perspektivische Darstellung (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
) deuten darauf hin, dass die Zentralperspektive aus phylo- wie ontogenetischer Sicht eine komplexe Entwicklungsstufe darstellt und nicht als „natürlich“ beschrieben werden kann.

Als Frage nach der theoretischen Erfassung der Relation zwischen Bild und Welt erweist sich die Kontroverse um die „Natürlichkeit“ insofern als relevant, als diese an die für die Bildphilosophie zentrale Frage geknüpft ist, ob die Relation von Bild und Welt grundsätzlich als ein genuines Entsprechungsverhältnis zwischen Bild und Abgebildetem (vgl. [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
; [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
: S. 170; [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.
) oder als historisch bedingte Konvention (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) zu gelten hat. Die Bewertung der „Natürlichkeit“ steht damit zum einen in Abhängigkeit der jeweils zugrunde gelegten Axiomatik. Gleichzeitig wird vor der Differenzierung der mit dem Prinzip der Perspektivik verbundenen Relationen deutlich, dass zwischen den Fragen, wie bzw. was wir sehen – zwei Fragen, die in der auf dem visuellen Primat gründenden Wirklichkeitsauffassung der Neuzeit häufig gleichgesetzt werden – zu trennen ist (vgl. auch [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
: S. 184): Während sich in Bezug auf das Verhältnis der Dinge zur Welt angesichts der Unterschiede innerhalb der historischen Darstellungsformen die diesbezügliche Ähnlichkeitsrelation als „historische Variable“ ([Giuliani 2003a]Giuliani, Luca (2003): Bild und Mythos. Geschichte der Bilderzählung in der griechischen Kunst. C.H. Beck, München.
: S. 25) erweist, ist in Bezug auf die für das Prinzip der Perspektivik konstitutive Relation zwischen Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand – wie sie sich rekursiv auf mehreren Ebenen der Bildbetrachtung zeigt – zwischen dem Seheindruck der perspectiva naturalis, der dem strukturellen Prinzip der visuellen Wahrnehmung folgt, und der perspectiva artificialis als Darstellungsmodus zu unterscheiden. Aufgrund der sich gegenseitig bedingenden Verschränkung dieser Ebenen und ihrer Interdependenz zum Realitätsverständnis, wie sie insbesondere im neuzeitlichen Denken anhand der Subjektivismus-Debatte deutlich wird, zeigt sich eine Bewertung perspektivischer Bilder hinsichtlich der Relation zwischen Darstellungsmodus und abgebildetem Gegenstand damit nur vor der Folie des kultur-historischen Bedingungsgefüges als möglich.


Perspektivik im Schnittpunkt bild­wissen­schaft­licher Frage­stellun­gen

Für den bildwissenschaftlichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspektivik in seiner doppelten Bedeutung (anthropologische Prämisse bzw. unhintergehbares Basis-Prinzip einerseits, kultur-historische Variable in Bezug auf die jeweiligen historischen Ausprägungen perspektivischer Mittel andererseits) als zentrales Konzept, das – wie in der Diskussion des zentral­perspektivischen „Natürlichkeitsparadoxons“ vorgeführt – im Schnittpunkt der bildphilosophischen Kontroversen um das Verhältnis von Bild und Abbild ( ⊳ Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen, ⊳ Theorien des Bildraums) und der Relation zwischen Subjekt und Welt (⊳ Wahrnehmung und Rezeption, ⊳ Bildpragmatik) situiert ist.

Anmerkungen
  1. ↑ Dü­rer nennt an die­ser Stel­le ins­ge­samt fünf kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te der Per­spek­ti­ve, wo­bei die bei­den wei­te­ren Merk­ma­le („Daz firt: al­ding sicht man durch ge­rad li­nj, daz sind dy kürt­zes­ten li­nj. Item daz fünft ist dy teil­lung von ein an­der der ding, dy dw sichst“; zit. nach [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
    : S. 373) durch die spe­zi­fi­sche Cha­rak­te­ris­tik der Zen­tral­per­spek­ti­ve be­dingt sind, die für Dü­rer als die Per­spek­ti­ve gilt.
Literatur
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