Kontext

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht


Zeichenhandlungen und ihr Kontext

Allgemein werden als Kontext einer Zeichen­handlung Aspek­te der Äuße­rungssi­tuati­on betrach­tet, von denen das Gelin­gen der Zeichen­handlung abhängt ([Levinson 1983a]Levinson, Stephen C. (1983): Pragmatics. Cambridge University Press, Cambridge.
). Das ist beson­ders augen­fällig bei den deikti­schen Zeichen­kompo­nenten, bei denen der Zeichen­nutzer direkt (etwa gestisch) auf Teile der Äuße­rungssi­tuati­on zeigt, oder den ana­phori­schen Zeichen­kompo­nenten, bei denen er Verwei­se auf ande­re, unmit­telbar vorher durchge­führte Zeichen­handlun­gen (eige­ne und ande­re, insbe­sonde­re an ihn gerich­tete) verwen­det.

Es wird aber auch dem Einfluss des jewei­ligen Kontex­tes zuge­schrieben, wenn eigent­lich mehrdeu­tige Aus­drücke ohne entspre­chende Erläu­terung verstan­den werden: Ist etwa im Zusam­menhang mit einer Finanz­krise von einer ‘Bank’ die Rede, wird, wegen dieses Kontex­tes, niemand an ein Parkmö­bel denken. Auch bei Bildern können Inhalt und Verwen­dungswei­se von Aspek­ten der Gebrauchs­situa­tion abhän­gig sein.


Kontext und Sachbezug

Darüber hinaus kann nur im Zusam­menhang mit einem zuge­höri­gen Kontext vom Sachbe­zug einer Zeichen­handlung die Rede sein, denn der Sachbe­zug hängt von der Moda­lität der Zeichen­handlung ab. Das heißt, er lässt sich nur rela­tiv zu einer Situ­ation bestim­men, die man wahr­nehmen oder zu der man sich verhal­ten kann. Dies gilt insbe­sonde­re für die Nomi­nation, mit der, als einer notwen­digen Teilhand­lung jeder Propo­sition, versucht wird, einen Gegen­stand aus dem jeweils aktu­ellen Diskurs­uni­versum zu iden­tifi­zieren (vgl. [Tugendhat 1976a]Tugendhat, Ernst (1976): Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
).

Kontexte in diesem Sinn sind also von der Verwen­dungssi­tuation eines Zeichens auf belie­bige Situa­tionen verall­gemei­nert. Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug haben daher prinzi­piell einen doppel­ten Kontext­bezug, nämlich einer­seits hinsicht­lich ihrer Verwen­dungssi­tuation und ande­rerseits hinsicht­lich des (in der Regel davon abwei­chenden) Kontex­tes für ihren Sachbe­zug. Forma­le lingu­istisch-logi­sche Ansät­ze zu Kontex­ten finden sich etwa als Situ­ation Seman­tics ([Barwise & Perry 1984a]Barwise, Jon & Perry, John (1984): Situations and Attitudes. MIT Press, Cambridge, MA.
), Possible World Seman­tics ([Kripke 1972a]Kripke, Saul A. (1972): Naming and Necessity. In: Davidson, D. & Harman, G. (Hg.), Semantics of Natural Language. Reidel, Dordrecht.
), Mental Spaces Theory ([Fauconnier 1985a]Fauconnier, Gilles (1985): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language. MIT Press, Cambridge, MA.
) oder auch inner­halb der Dis­course Struc­ture Theory ([Kamp 1990a]Kamp, Hans (1990): On the Representation and Transmission of Information: Sketch of a Theory of Verbal Communication Based On Discourse Representation Theory. In: Klein, E. & Veltman, F. (Hg.), Natural Language and Speech. Springer, Berlin.
).

Kontexte lassen sich zwar in erster Annä­herung umschrei­ben als struktu­rierte Mengen von inten­tiona­len Gegen­ständen, auf die man sich unter günsti­gen Bedin­gungen kommu­nika­tiv bezie­hen kann.[1] Adäquater ist allerdings die Festlegung als potentielle Verhaltenssituationen, auf die jemand seine Aufmerksamkeit richtet. Denn einerseits erfüllen Verhaltenssituationen intrinsisch die Eigenschaft der deduktiven Vollständigkeit, die über beliebigen Gegenstandsmengen erst extrinsisch erzeugt werden muss: Eine Situation wird in ihrer Totalität stets als in sich konsistent vorausgesetzt,[2] was für schlichte Mengen von Gegenständen nicht notwendig gilt. Andererseits sind Verhaltenssituationen interpretationsoffen: Eine Situation, in der man sich befindet, legt als solche bekanntlich noch nicht fest, ob man sie als Konfiguration miteinander wechselwirkender Elementarteilchen, als Ansammlung miteinander reagierender Moleküle, als interagierende Lebewesen oder als mehr oder weniger sachlich miteinander argumentierende Parteivorsitzende begreift. Um was für eine Art von Gegenstandsmenge es sich handelt, kann bei einem Kontext entsprechend unbestimmt bleiben. Es sind die auf den Kontext bezogene Sachbezüge von Zeichenhandlungen, durch deren Prädikationen eine Zuordnung zu bestimmten Begriffsfeldern erfolgt. Speziell in der modalen Bildtheorie spielt der Begriff des Kontextes eine zentrale Rolle ([Schirra 2001a]Schirra, Jörg R.J. (2001): Bilder   ——   Kontextbilder. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen. Skriptum, Magdeburg.
Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P01/P01-5/index.html
).

Als potentiell interindividuell geteilte Situationen stehen Kontexte mithin in den folgenden Zusammenhängen:

  • Sie sind das, worauf sich Aussagen (allgemeiner: Propositionen) beziehen;
  • Sie sind das, was in der Wahrnehmung Figur/Grund-Unterscheidungen unterworfen wird;
  • Sie sind das, worauf man reagiert (im Sinne Uexkülls: die jeweilige Umwelt);
  • Sie sind das, worin Gegenstände (im engeren Sinn, oder metaphorisch) jeweils erscheinen.

Da die jeweils aktuelle Umwelt eines Wesens die Basis für den Kontextbegriff liefert und damit alles einschließt, was es in der Situation wahrnimmt, kann man sich Kontexte grob vereinfacht als Raumzeit-Blasen vorstellen, die das Individuum umhüllen und in denen es agiert.

Abgesehen von der je aktuellen Verhaltenssituation eröffnet uns nur Zeichengebrauch den Zugang zu anderen, nicht-gegenwärtigen Kontexten: Die menschliche Aufmerksamkeit kann auf andere Situationen – räumlich oder zeitlich verschobene, abstrakte, hypothetische, fiktive, etc. – nur dadurch gerichtet werden, dass wir uns gegenseitig (oder uns selbst in der Rolle eines anderen) durch eine Zeichenhandlung auf jenen Kontext aufmerksam machen. Eine Zeichenhandlung, die das ermöglicht, erfüllt die pragmatische Funktion der Kontextbildung.

Gegenstände und Verhaltenssituationen

Der Zusammenhang zwischen konkreten Gegenständen und Verhaltenssituationen ist für den Kontextbegriff von großer Relevanz: Konkrete Gegenstände kommen nie isoliert vor, sondern begegnen uns stets in raumzeitlichen Zusammenhängen mit anderen Gegenständen. Die je aktuellen Situationen sind daher gegenüber den Gegenständen primär. Als Gegenstände (im engeren Sinn) erscheinen sie nur, insofern sie als Teil verschiedener Situationen verstanden werden – insofern sie uns in verschiedenen Gegebenheitsweisen begegnen ([Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892): Über Sinn und Bedeutung. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100.
Webadresse: www.gavagai.de/HHP31.htm
). Wahrnehmung bedeutet dabei insbesondere auch, dass – auf wechselnde Weise – etwas aus der aktuellen Situation als Figur vor den Grund der umgebenden Restsituation gehoben wird.

In der Tat stehen uns konkrete Gegenstände empirisch ja stets nur in ihrer gerade beobachtbaren, daher instantanen (auf den aktuellen Verhaltenskontext beschränkten) Weise zur Verfügung. Denn die jedem Beobachtungsbegriff zugrunde liegende Unterscheidungspraxis greift nur in der Gegenwart. Dass ein Gegenstand tatsächlich über den jeweiligen Moment der Beobachtung hinaus "existiert", d.h. als ein Gegenstand mit einer individuellen Bahn durch die Raumzeit für einen Beobachter besteht, kann dieser nur durch eine Zuordnung der jeweils aktuellen Erscheinung unter einen entsprechenden Objektbegriff erfassen.

Ein solcher Begriff eines persistenten Gegenstands wird zudem benötigt, will man das Phänomen der Verwechslung bzw. Täuschung nicht nur erleben, sondern auch begreifen: Dass manche Gegenstände ganz anderes gearteten Gegenständen (täuschend) ähnlich sehen können, kann nämlich nur erkennen, wer momentane Erscheinungsweise und zeitübergreifende Identität miteinander in Beziehung zu setzen versteht. Daher beruhen auch anspruchsvolle Ähnlichkeitsbegriffe auf der Fähigkeit des Urteilenden, mit verschiedenen Kontexte mit unterschiedlichen Gegebenheitsweisen von individuierten Gegenständen umzugehen (⊳ Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität).

Im Umkehrung davon hatte Frege darauf hingewiesen, dass Identitätsbehauptungen (etwa: ‘Der Morgenstern ist der Abendstern’) nur dann informativ sind (und also als Behauptungen wirken können), wenn damit (anscheinend unverbundene) Erscheinungen in verschiedenen Kontexten zu Gegebenheitsweisen desselben persistenten, individuellen Gegenstands verbunden werden. In der Philosophie werden Gegenstandbegriffe dieser Art oft ‘sortale Begriffe’ genannt, entsprechende Gegenstände daher auch ‘sortale Gegenstände’ (⊳ sortale Gegenstände und Individuation).

Durch Raum-Metaphorik ist es zudem möglich, auch abstrakte Gegenstände in Analogie zu konkreten, individuierten Objekten als in quasi-raumzeitlichen Zusammenhängen befindlich zu situieren, so dass man (scheinbar) auf sie zeigen und sie auf entsprechende Weise in Propositionen ansprechen kann.[3] Der Schule der cognitive linguistics folgend sind derartige metaphorische Übertragungen sogar die eigentliche Basis dafür, überhaupt mit Abstrakta umgehen zu können (vgl. etwa [Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.
). Der metaphorische Raum liefert den Kontext: eine imaginäre Verhaltenssituation, in der solche eigentlich nicht raumzeitlich eingeordnete Gegenstände überhaupt erscheinen können, so dass es möglich wird, über sie interindividuell mittels Zeichenhandlungen mit Sachbezug zu kommunizieren.


Bild und Kontext

Der Zusammenhang zwischen den Begriffen »Bild« und »Kontext«  besteht auf zwei Ebenen: Zum einen ist die Bildverwendung selbst kontextabhängig. Zum anderen werden Bilder oft, wenn nicht gar grundsätzlich, zur Kontextbildung verwendet.

Situationsabhängigkeit der Bildverwendung

Abgesehen davon, dass ein Gegenstand nur, insofern einer ihn auf bestimmte Weise verwendet, überhaupt zum Bild wird, macht sich auch innerhalb seiner Verwendung als Bild der Einfluss des jeweiligen Verwendungskontextes unumgänglich bemerkbar. Einerseits hängt die Bildverwendung etwa direkt von den Lichtverhältnissen im jeweiligen Kontext ab: Ein Tafelbild beispielsweise in einer dämmrigen Kathedrale unter durch bunte Glasfenster eingefärbtem Licht oder bei flackerndem Kerzenschein zu sehen oder aber in einem gut und neutral ausgeleuchteten Museumssaal prägt dem jeweiligen Bilderlebnis zweifelsohne einen je eigenen Stempel auf. Dass die Bildfläche selbst gegebenenfalls durch Reflexion, Transparenz oder texturbedingten Schattenwurf indexikalische Momente aufweist, kann dabei als eine lediglich besonders ausgeprägte Form dieser eher auf syntaktische Aspekte bezogenen Art von Kontextabhängigkeit verstanden werden. Soll in dieser Hinsicht also mit Blick auf einen Bildträger von dem Bild gesprochen werden, so wird implizit eine Standardsituation für Beleuchtung und indexikalisch wirksame Umgebungseinflüsse vorausgesetzt, die keineswegs interkulturell eindeutig ist.

Andererseits konstituieren die jeweiligen Verwendungsabsichten der Beteiligten überhaupt erst die aktuell wirksamen Bildinhalte und Bildreferenzen: Ein und derselbe Bildträger mag daher tatsächlich in unterschiedlicher Absicht als verschiedene Bilder erscheinen. Der in Zeitungen publizierte Ausschnitt eines von Nick Ut aufgenommenen Photos aus dem Vietnamkrieg wurde entsprechend sowohl von Kriegsgegnern wie -befürwortern mit ganz unterschiedlichen Rollenzuweisungen der abgebildeten Figuren verwendet. Auch hier bleibt bei der Rede von dem Bild angesichts eines Bildträgers nur zu oft eine vorausgesetzte Standardsituation von Verwendungs­intentionen und benötigtem Kontextwissen implizit. Entsprechend verweisen die neueren kunsthistorischen Ansätze zurecht auf die Bedeutung der expliziten Kontextualisierung bei jeder Bildanalyse.

Des weiteren können im Umfeld vorhandene Bilder die Verwendung eines Bildträgers beeinflussen: Die Hängung in einer Ausstellung, das Zusammenstellen in einer Bilderfolge etwa im Rahmen einer Gebrauchsanweisung oder als Comic sind hierfür typische Beispiele. Zusammenstellungen mit Texten oder Zeichen in anderen Medien kommen für diese Art der Kontextabhängigkeit ebenfalls in Frage. Allerdings ist bei solchen Anordnungen – seien es nun nur Bilder oder Bilder mit anderen Medien – darauf zu achten, ob der wechselseitige kontextuelle Einfluss übergeht zu einer neuen Zeichenbildung auf höherer Ebene.[4]

Bildinhalt als Kontext

Von der Renaissance-Vorstellung von Albertis “Fenster” bis zur Konzeption von Gegenständen in “reiner Sichtbarkeit” in phänomenologischen Bildtheorien des 20. Jh.s sind die mithilfe von Bildern evozierten und interindividuell vor Augen geführten Szenen als Kontexte verstanden worden. Über sie kann man sich etwa mittels sachbezüglicher Sprechakte austauschen, auf darin enthaltene Gegenstände (oder bestimmte derer Eigenschaften) mit Zeigegesten aufmerksam machen. Sofern es sich dabei um sortale Gegenstände handelt, können die im Bild vorgeführten Erscheinungen mit Erscheinungen in anderen Kontexten identifiziert werden, etwa mithilfe von Identitätsbehauptungen.[5] Gerade auch beim bildlichen Zugang zu abstrakten “Gegenständen” in Strukturbildern werden diese an sich nicht raumzeitlich einordenbaren Gegenstände als (mehr oder weniger) eindeutig abgrenzbare räumliche (oder raumzeitliche) Entitäten in einer Situation, einem metaphorischen Kontext präsentiert, wo sie und bestimmte ihrer Eigenschaften und Relationen untereinander in (visuelle) Erscheinen treten.[6]

Allerdings bleiben die oben genannten Konzeptionen der Spezifität piktorialer Kontexte wichtige Aspekte schuldig: Die Konzeption von Albertis Fenster ignoriert, dass mit dem Bildgebrauch ein Kontext eröffnet wird, der gemeinhin nicht mit dem Verwendungskontext identisch ist: Die Szene hinter einem echten Fenster bleibt hingegen stets einfach nur ein Teil des je aktuellen Kontextes. Die Bildfläche wird hier als transparente Glasscheibe missverstanden, wobei die scheinbare “Transparenz des Mediums”, wie sie nur für trompe l'oeils typisch wäre, eine wesentlichen Komponente der Bildfunktion verschleiert: Das Heraustreten aus dem Gegebenen des “Hier und Jetzt”.

Die Konzeption von Gegenständen in reiner Sichtbarkeit bezieht sich im Grunde zwar gerade auf Gegenständen, die unter sortale Begriffe fallen.[7] Doch wird dabei außer Acht gelassen, dass etwa ein nur sichtbares Haus, das also weder Gewicht hat noch Widerstand leistet, wenn man sich daran anlehnt und sich insgesamt also nicht nach den für (sortale) Häuser normalerweise geltenden physikalischen Gesetzen verhalten würde, überhaupt nicht unter unseren üblichen Begriff eines Hauses fallen würde und somit auch gar nicht ohne Weiteres als Haus klassifiziert werden kann: Was aber in einem entsprechenden Bild erscheint, wird gemeinhin durchaus als ein solches sortales Individuum begriffen – oder genauer: als aktuelle Erscheinung eines solchen, denn sortale Gegenstände begegnen uns nie anders. Andernfalls würden alle entsprechenden Sprechakte, die sich mit ihrem Sachbezug auf den Inhalt des Bildraums richten, entweder unverständlich oder stark erklärungsbedürftig, denn eine Regel für einen von der Norm abweichenden Sondergebrauch ist hier keineswegs offensichtlich. So bleibt bei jenen “Gegenständen in reiner Sichtbarkeit” also unklar, was für Gegenstände das eigentlich sein sollen.

Die modale Bildtheorie versucht, diese Unzulänglichkeiten der älteren Ansätze zu vermeiden, indem Bildgebrauch ausdrücklich als kontextbildende Nutzung von Bildträgern angesetzt wird. Mit dem Bild versucht einer, eine in der Regel nicht anwesenden Situation als interindividuell verfügbaren Kontext zu etablieren. Auch für diesen Kontext gelten natürlich die oben erwähnten vier Gebrauchszusammenhänge, wobei hier insbesondere auch die Gestaltbildung durch visuelle Wahrnehmung der Situation verfügbar wird (empirische Kontextbildung).


Kontext und Diegese

Der Kontextbegriff der modalen Bildtheorie ist eng verwandt mit der film- und literaturwissenschaftlichen Verwendung des Ausdrucks ‘Diegese’.[8] Nach [Wulff 2007a]Wulff, Hans J. (2007): Schichtenbau und Prozesshaftigkeit des Diegetischen: Zwei Anmerkungen. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 16, 2.
„hat sich die Bezeichnung Diegese für die Weltvorstellung, die eine Fiktion anbietet, seit Etienne Souriau eingebürgert“ (S. 40; vgl. [Souriau 1951a]Souriau, Etienne (1951): La structure de l’univers filmique et le vocabulaire de la filmologie. Revue de Filmologie, 7, 8.
Notiz: Dt.: Die Struktur des filmischen Universums und das Vokabular der Filmologie. In: Montage AV 6,2, 1997, S. 140–157
; [Souriau 1953a]Souriau, Etienne (1953): L’Univers filmique. Flammarion, Paris.
). Für Souriau ist „alles, was man als vom Film dargestellt betrachtet und was zur Wirklichkeit, die er in seiner Bedeutung voraussetzt, gehört“ Teil der ‘diégèse’ ([Souriau 1951a]Souriau, Etienne (1951): La structure de l’univers filmique et le vocabulaire de la filmologie. Revue de Filmologie, 7, 8.
Notiz: Dt.: Die Struktur des filmischen Universums und das Vokabular der Filmologie. In: Montage AV 6,2, 1997, S. 140–157
: (dt.) S. 151). Ganz entsprechend begreift auch Dominique Chateau die Diegese eines Films als eine durch diverse Vorgaben vorstrukturierte Menge von Verhaltenssituationen, die wechselseitig zugänglich sind ([Chateau 1976a]Chateau, Dominique (1976): La sémantique du récit. Semiotica, 18.
: S. 215). Dabei werden die jeweiligen Zugänge insbesondere durch film-narrative Elemente etabliert. Von seiner filmwissenschaftlichen Einführung in den 50er Jahren des 20. Jahrhundert ist der Diegesebegriff insbesondere in Frankreich in den 1970er und 1980er-Jahren in die Literaturwissenschaft übernommen worden (etwa [Genette 1972a]Genette, Gérard (1972): Figures III. Seuil, Paris.
).[9]

Wulff verweist in dem bereits erwähnten Artikel insbesondere darauf, dass das Diegetische eines Films in der Regel als ausgesprochen komplexe, raumzeitliche, zudem auf mehrere Ebenen verteilte Struktur von Situationen zu verstehen ist, in denen die Akteure handeln, die von ihnen (und bei Filmen in Grenzen eben auch von den Zuschauern) wahrgenommen werden können – und schließlich: über die (propositional) gesprochen werden kann. Es handelt sich also, anders gesagt, um eine Vielzahl von miteinander verbundenen Verhaltenssituationen – Kontexten im oben ausgeführten Sinn.

Im Gegensatz zum Kontextbegriff der modalen Bildtheorie mit ihren über Einzelanalysen weit hinausreichenden Bezügen zur logischen Propädeutik, Sprachphilosophie und Bildanthropologie wird der Begriff der Diegese bislang hauptsächlich dazu eingesetzt, die Strukturen eines Werkes zu analysieren.[10]

Anmerkungen
  1. ↑ In­ten­ti­o­na­ler Ge­gen­stand ist al­les, wo­rauf je­mand sei­ne Auf­merk­sam­keit rich­tet, un­ab­hän­gig da­von, ob es sich um ein re­a­les, fik­ti­ves, hal­lu­zi­nier­tes oder zu­künf­ti­ges ge­plan­tes Ob­jekt han­delt; vgl. ins­be­son­de­re [Brentano 1874a]Brentano, Franz (1874): Psychologie vom empirischen Standpunkt. Duncker & Humblot, Leipzig.
    , [Meinong 1907a]Meinong, Alexius (1907): Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften. Voigtländer, Leipzig
    und [Husserl 1929a]Husserl, Edmund (1929): Formale und Transzendentale Logik. Niemeyer, Halle (Saale).
    . Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: In­ten­ti­o­na­li­tät.
  2. ↑ Inkonsistent sind höchstens Interpretationen einer Situation.
  3. ↑ Im strengen Sinn gehören auch die zeitlich ausgedehnten sortalen Individuen zu den Abstrakta. Die Vergegenwärtigung ihrer raumzeitlichen Spuren ist letztlich ebenfalls eine Raummetapher der Zeit.
  4. ↑ In einem dann zu betrachtenden komplexen Zeichen können die Elementzeichen einen Teil ihrer jeweiligen Charakteristiken verlieren: So werden virtuelle Räume in immersiven Systemen zwar mit Hilfe von Bildern im Zusammenhang mit Geräuschen aufgebaut, doch verlieren diese Bilder dabei zumindest tendenziell den Bildcharakter, nimmt man sie im immersiven Zusammenhang doch meist nicht mehr als Bilder wahr (⊳ interaktives Bild, Cyberspace).
  5. ↑ Einen Sonderfall stellen hier sicher Bilder dar, bei denen mehrere Erscheinungen desselben sortalen Individuums vorkommen: Allerdings können solche Exemplare auch als Bildfolgen mit unklaren Bildgrenzen interpretiert werden, deren Zweck es insbesondere ist, Beziehungen zwischen verschiedenen Kontexten herzustellen (LIT).
  6. ↑ Lediglich für die reflexiv verwendeten Bilder sind Ausnahmen möglich; ⊳ auch Kontextbildung.
  7. ↑ Hierfür sprechen die von den zugehörigen Autoren angeführten Beispiele eine eindeutige Sprache, geht es doch etwa um Häuser; vgl. [Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
    Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
    .
  8. ↑ vgl. Wikipedia: Diegese.
  9. ↑ Man beachte den Bedeutungswandel gegenüber dem älteren, direkter auf die antike Philosophie zurückgehenden Diegesis-Begriff in der Literaturwissenschaft (vgl. Wikipedia:Diegesis): Diegesis bezeichnet einen bestimmten Modus der poetischen Handlung, der im Gegensatz zur Mimesis steht. Nicht durch Nachahmung sondern durch Bericht wird ein Teil der Welt modelliert. Der moderne Diegese-Begriff verweist hingegen auf die (als logisch abgeschlossen begriffene) Weltstruktur, die durch eine poetische Handlung “zugänglich” wird. Damit steht Diegese dem Kontextbegriff nahe, Diegesis dem Begriff der Kontextbildung.
  10. ↑ Vgl. aber auch den Übersichtsartikel zur Formalisierung diegetischer Betrachtungen durch modallogische Ansätze in [Kaczmarek 2007a]Kaczmarek, Ludger (2007): Allyfying Leibniz. Einige Aspekte von Kompossibilität und Diegese in filmischen Texten. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 12, 2.
    .
Literatur
[Barwise & Perry 1984a]Barwise, Jon & Perry, John (1984): Situations and Attitudes. MIT Press, Cambridge, MA.[Brentano 1874a]Brentano, Franz (1874): Psychologie vom empirischen Standpunkt. Duncker & Humblot, Leipzig.[Chateau 1976a]Chateau, Dominique (1976): La sémantique du récit. Semiotica, 18.[Fauconnier 1985a]Fauconnier, Gilles (1985): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language. MIT Press, Cambridge, MA.[Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892): Über Sinn und Bedeutung. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100.[Genette 1972a]Genette, Gérard (1972): Figures III. Seuil, Paris.[Husserl 1929a]Husserl, Edmund (1929): Formale und Transzendentale Logik. Niemeyer, Halle (Saale).[Kaczmarek 2007a]Kaczmarek, Ludger (2007): Allyfying Leibniz. Einige Aspekte von Kompossibilität und Diegese in filmischen Texten. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 12, 2.[Kamp 1990a]Kamp, Hans (1990): On the Representation and Transmission of Information: Sketch of a Theory of Verbal Communication Based On Discourse Representation Theory. In: Klein, E. & Veltman, F. (Hg.), Natural Language and Speech. Springer, Berlin.[Kripke 1972a]Kripke, Saul A. (1972): Naming and Necessity. In: Davidson, D. & Harman, G. (Hg.), Semantics of Natural Language. Reidel, Dordrecht.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Levinson 1983a]Levinson, Stephen C. (1983): Pragmatics. Cambridge University Press, Cambridge.[Meinong 1907a]Meinong, Alexius (1907): Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften. Voigtländer, Leipzig [Schirra 2001a]Schirra, Jörg R.J. (2001): Bilder   ——   Kontextbilder. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen. Skriptum, Magdeburg.[Souriau 1951a]Souriau, Etienne (1951): La structure de l’univers filmique et le vocabulaire de la filmologie. Revue de Filmologie, 7, 8.[Souriau 1953a]Souriau, Etienne (1953): L’Univers filmique. Flammarion, Paris.[Tugendhat 1976a]Tugendhat, Ernst (1976): Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.[Wulff 2007a]Wulff, Hans J. (2007): Schichtenbau und Prozesshaftigkeit des Diegetischen: Zwei Anmerkungen. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 16, 2.

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