Bildakt-Theorie

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Bilder in Aktionszusammenhängen

Die Gründe dafür, dass der Status von Bildern in Ak­tions­zusam­men­hän­gen in den letzten drei Jahr­zehnten ver­stärkt unter­sucht wird, sie nicht mehr als Epi­phäno­mene, sondern als Akteure oder hand­lungs­stiftende Agenten thema­tisiert werden, sind viel­fältig. Sie liegen in der sich un­auf­hör­lichen steigernden Produk­tion wie Präsenz von Bildern im All­tag von Menschen und ihrem zuneh­menden Einfluss in allen Bereichen privaten und öffent­lichen Lebens wie Wissen­schaft, Werbung, Presse, Militär, aber auch in der leich­teren Zu­gäng­lich­keit von Bildern durch das Inter­net und sich verän­dernde Mög­lich­keiten der Bild­recher­che für die Wissen­schaftler, die sich mit Bildern be­schäf­tigen.

Die Ableitung des Terminus ‘Bild­akt’ vom sprach­pragma­tischen Ansatz John Langshaw Austins und seines Schülers John Searle, die mit «How to Do Things with Words» (vgl. [Austin 1972a]Austin, John L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte. Reclam, Stuttgart.
Nicht angezeigt: orig.: How to do things with Words, 1962
) und «Speech Acts» (vgl. [Searle 1971a]Searle, John R. (1971): Sprechakttheorie - Ein sprachphilosophischer Essay. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) die Sprech­akt­theorie begrün­deten, scheint evident zu sein, und auch die Ein­führung des Begriffs durch den Dänen Sören Kjörup, der mit «George Inness and the Battle at Hastings, or Doing Things with Pictures» (vgl. [Kjörup 1974a]Kjørup, Søren (1974): George Inness and the Battle at Hastings, or Doing Things with Pictures. The Monist, 58, 2.
) und «Pictorial Speech Acts» (vgl. [Kjörup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.
) eine von der Sprach­akt­theorie aus­gehende Bild­akt­theorie zu be­gründen ver­sucht, weist auf diesen Ur­sprung zurück. Phillipe Dubois, der wenig später – 1983 – in «L’Acte Photo­graphique» (vgl. [Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
) von ‘image-act’ spricht, stellt seine Ana­lysen der Foto­grafie eben­falls in einen prag­matischen Kontext, beruft sich jedoch auf Charles Sanders Peirce.

Einen Bruch mit der sprach­pragma­tischen Fundie­rung bildet Horst Brede­kamps Versuch einer Neu­bestim­mung, die mit den drei Grund­kate­gorien des schema­tischen, substi­tuti­ven und intrin­sischen Bildakts die Aktivität im Bild selbst und nicht im Sprecher oder Betrachter erkennt. Diese Bestimmung erfolgt im Kontext aktueller Ver­kör­pe­rungs­theo­rien.[1]


Agieren mit Bildern und agie­rende Bilder

Die Bandbreite dessen, was unter ‘Bild­akt’ oder ‘Bild­handeln’ in den ver­schie­denen Wissen­schaften ver­standen wird, ist groß; disparat er­scheinen die An­sätze, die sich bis­lang kaum gegen­seitig zur Kenntnis ge­nommen haben. Sie reichen von

1. Interpretations- oder Prä­di­ka­tions­leistun­gen, durch die Bilder erst zu Bildern werden, über
2. ein Handeln in und mit Bildern, in dem produzierte Bilder nach­träg­lich Werk­zeug­charak­ter er­halten, über
3. eine phänomenologisch orientierte Charak­teri­sierung des Inter­aktions­ge­füges von Rezi­pient und Bild, in der das Augen­merk auf die „pathi­schen“ Aspekte der Auf­merk­samkeit auf und Wahr­nehmung von Bildern gelegt wird, bis
4. zur An­nahme eines Handelns der Bilder selbst als Bild­akt, durch den Reali­täten erzeugt werden.

Um die Vielfalt der Ansätze dennoch zu syste­mati­sieren, bietet sich eine grobe Unter­teilung in zwei Gruppen an: Zur ersten Gruppe ge­hören An­sätze, in denen das Wahr­nehmungs- und Hand­lungs­geschehen unter­sucht wird, das sich zwischen Bild und Betrachter voll­zieht. Dazu zählen auch solche An­sätze, die die beson­dere Wirk­mäch­tig­keit von Bil­dern unter­suchen und in denen Bilder zu Ak­teuren werden. Das Bild gene­riert dabei nicht nur eine eigene hand­lungs­aus­lösen­de Rea­lität, es wird selbst zur Tat. Diese Theo­rien, in denen zu­meist der Be­griff »Bild­akt« ver­wendet wird, stehen im Zentrum dieses Artikels und werden im folgenden Abschnitt an Beispie­len er­läutert.

Zur zweiten Gruppe gehören semiotisch und prag­matisch orien­tierte Theo­rien, die erklären, wie Menschen an und mit Bildern Hand­lungen voll­ziehen. In diesen Ver­wen­dungs­weisen des Aus­drucks ‘Bild­handeln’ werden inter­preta­torische oder kommu­nika­tive Akte bezeichnet, in denen Bild­trägern ein Bild­status zuge­schrieben wird, mit Bil­dern kommu­nika­tive Hand­lungen voll­zogen oder sie als Werk­zeuge ver­wendet werden.

Charakteristisch für diese an der Sprach­philo­sophie orien­tierten An­sätze ist, dass Bilder als Ab­bilder be­trachtet und zumeist als Zeichen be­handelt werden. Ihnen wohnt die Tendenz inne, Bilder mit Pro­posi­tionen oder Prä­dika­ten zu ver­gleichen oder ihnen eine sprach­unter­stüt­zende Funktion zuzu­schreiben (z.B. die­jenige, Begriffe zu ver­an­schau­lichen). Bilder sind in diesen Theorien keine Hand­lungs­sub­jekte. Menschen machen, dass Bilder etwas ab­bilden, indem sie mit ihnen einen Bild­akt voll­ziehen. Ver­treter dieser Rich­tungen sind z.B. Oliver Scholz oder Klaus Sachs-Hombach. Einen guten Über­blick über diese Rich­tungen gibt Silvia Seja in ihrem Buch «Hand­lungs­theo­rien des Bildes» (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
).


Spezielle Beispiele

Fotografie: Philippe Dubois

Für Philippe Dubois sind Fotografien von einer „un­wider­steh­liche[n], leben­dige[n] Kraft“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 19) belebt. Fotos sind „iko­nische Akte“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 19), „arbei­tende Bild[er]“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 19), die in ihrem prag­mati­schen Zu­sammen­hang, d.h. in ihrer Pro­duk­tion und Re­zep­tion, be­trachtet und nach­voll­zogen werden müssen. „Mit der Foto­grafie ist es uns nicht mehr mög­lich, das Bild außer­halb des Aktes zu denken, der es gene­riert“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 19). Um diese These sprach­lich zu unter­stützen, kreiert Dubois die Wort­syn­these ‘Bild-Akt’ bzw. frz. ‘image-act’. Sie drückt aus, dass in der Be­trach­tung der Foto­gra­fie „die üb­liche Spal­tung zwischen dem Produkt (der ferti­gen Mit­teilung) und dem Prozeß (dem gene­rieren­den Akt in seinem Voll­zug“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 61) über­wunden werden soll. Zum Akt der Er­zeu­gung einer Foto­gra­fie zählt Dubois sowohl die Pro­duk­tion, d.h. den Blick des Foto­grafen auf das Objekt und den Moment der Auf­nahme, als auch die Re­zep­tion, d.h. den Blick des Be­trac­hters und die in­hären­ten Inter­preta­tions­leistungen samt Kon­text­ab­hängig­keit.

In diesem Zusammenhang bezieht sich Dubois auf Charles Sanders Peirces Dif­fe­ren­zie­rung von Index, Ikon und Symbol und ordnet die Foto­gra­fie der Kate­gorie der Indi­zes zu, die er auch als Spur oder Symp­tom versteht, da Fotos auf­grund ihrer chemi­schen Ent­stehung ma­te­ria­liter an ihre Re­fe­renz ge­bunden sind und bleiben, zu­gleich aber räum­lich und zeit­lich getrennt von ihr als Zeichen existie­ren. Aus dieser Ambi­valenz bezieht die Foto­grafie ihre Wirk­macht. In den Worten Dubois: „Dieses Geheim­nis, diese Kraft, die unter­irdisch jenseits des Ab­bildes […] in der Foto­grafie am Werk ist […], das ist die prag­matische Onto­logie des Index, das, was Barthes als ‘die meto­nymische Aus­dehnung des punctum’ bezeichnet, die die körper­liche An­wesen­heit des Objekts oder des ein­mali­gen Wesens selbst noch im Bild wieder­gibt. Eine An­wesen­heit, die Ab­wesen­heit aussagt.“ ([Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.
: S. 85)

Phänomenologische Ansätze: Gottfried Boehm, Eva Schür­mann, Bern­hard Wal­den­fels

Die besondere Wirkmächtigkeit von Bildern wird in der phäno­meno­logisch orien­tierten Rede vom Bild­handeln und der Wir­kung von Bil­dern unter­sucht, in der das Wahr­neh­mungs­gesche­hen von Bildern – mit Mau­rice Merleau-Ponty for­mu­liert: der vom Gegen­stand aus­gelöste Wahr­neh­mungs­akt (vgl. [Schürmann 2000a]Schürmann, Eva (2000): Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie Merleau-Pontys. Wilhelm Fink, München.
: S. 26) – in den Blick tritt.

Bernhard Waldenfels thematisiert die Bild­wirkung als Af­fek­tion, die der Bild&shywahr­neh­mung in­hä­rent ist und als Be­un­ru­hi­gung er­fahren wird (vgl. [Waldenfels 2008a]Waldenfels, Bernhard (2008): Von der Wirkmacht und Wirkkraft der Bilder. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Wilhelm Fink, München.
). Gott­fried Boehm spricht von einem „Ener­gie­ge­fälle, das sich zwischen Zeichen­haf­tig­keit und Im­pul­si­vi­tät auf­baut“ ([Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
: S. 37) und das er her­me­neu­tisch aus dem Kon­trast zwischen einer „er­starrten Visuel­len Set­zung“ und dem „Poten­tial ihrer viel­deuti­gen Les­bar­keit“ ([Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
: S. 38) her­lei­tet. Eva Schür­mann ver­wendet den Begriff des Bild­akts im Kontext ihrer Thema­tisie­rung von Blick- bzw. Wahr­neh­mungs­ak­ten: „Die Bil­der, die ein Ich durch sozia­les Sicht­bar­sein und Ge­sehen­werden heraus­bildet, stellen inso­fern Bild­akte dar, als sie per­forma­tiv und pro­zessual aus­gehan­delte Selbst- und Welt­rela­tionen hervor­bringen.“ Der Blick ist „ein per­forma­tives Ge­schehen, durch das ein Bild ge­bildet wird – vom Ich, dem anderen, der Situ­ation“ ([Schürmann 2011a]Schürmann, Eva (2011): Unendliches im Endlichen. Über einige Gemeinsamkeiten des Gesichter- und Bildersehens. In: Bredekamp, H. & Krois, J. M. (Hg.), Sehen und Handeln. Akademie, Berlin.
Nicht angezeigt: Reihe: Actus et Imago, Bd. 1
: S. 158). Charak­teris­tisch für die phäno­meno­logischen An­sätze ist eine Auf­hebung der klas­sischen Subjekt-Objekt­trennung in der Wahr­nehmung, die sowohl produk­tiv als auch rezep­tiv ver­standen wird, sowie eine an Maurice Merleau-Ponty orien­tierte Beschäf­tigung mit einer vor­symbo­lischen Wir­kung von Bildern, die ihre Zeichen­haftig­keit über­steigt und leib­lich emp­funden wird.

Visual Culture/Visual Studies: W.J.T. Mitchell

W.J.T. Mitchell, der als Mitbegründer der Visual Culture bzw. Visual Studies gilt, operiert mit der These der Lebendigkeit der Bilder: „Bilder sind nicht einfach passive Wesen […]. Sie verändern die Art, in der wir denken, sehen und träumen. Sie funktionieren unsere Erinnerungen und Vorstellungen um, bringen neue Maßstäbe und neue Wünsche in die Welt“ ([Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: hrsg. von Gustav Frank
: S. 292). Mitchell geht von dem Faktum aus, dass wir gegenüber Bildern in einer magischen, vormodernen Haltung gefangen sind, denn wir erleben, dass Bilder Reaktionen fordern, provozieren und verführen und somit als Handelnde in einem Aktionszusammenhang anzusehen sind. Er glaubt jedoch nicht, dass Bilder tatsächlich lebendig sind, es sind „quasi-Akteure“ ([Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.
Nicht angezeigt: mit einem Vorwort von H. Belting, aus dem Englischen von A. Eschbach, A.-V. Eschbach & M. Halawa
: S. 66) – die Vorstellung eines lebendigen Bildes ist seiner Meinung nach eine „unvermeidliche Metapher“ ([Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.
Nicht angezeigt: mit einem Vorwort von H. Belting, aus dem Englischen von A. Eschbach, A.-V. Eschbach & M. Halawa
: S. 75). Die Frage, „Was will das Bild?“, die er in seinem Essay desselben Titels stellt, hat somit heuristische Funktion und dient dazu, die Wirkung von Bildern, die „Prozesse ausführlich darzulegen, durch die das Leben der Objekte in der menschlichen Erfahrung produziert wird“ ([Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.
Nicht angezeigt: mit einem Vorwort von H. Belting, aus dem Englischen von A. Eschbach, A.-V. Eschbach & M. Halawa
: S. 48). „Worauf es […] ankommt, ist nicht, als Schlüsselbegriff eine Personifikation des Kunstwerkes einzuführen, sondern unsere Beziehung zu diesem in Frage zu stellen, die Relationalität von Bild und Betrachter zum Gegenstand der Untersuchung zu machen. Die Idee ist, Bilder weniger begreiflich, weniger transparent zu machen; und außerdem die Analyse von Bildern auf Fragen nach Prozessen und Affekten hinzulenken sowie die Rolle des Betrachters in Frage zu stellen.“ ([Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.
Nicht angezeigt: mit einem Vorwort von H. Belting, aus dem Englischen von A. Eschbach, A.-V. Eschbach & M. Halawa
: S. 69)

Kunstgeschichte und Anthropologie: Horst Bredekamp

Unter dem Begriff des Bildakts unterzieht Horst Bredekamp die Abbildtheorie der Bilder einer umfassenden Revision. Im Zentrum seiner Untersuchungen stehen die aktivierende Lebendigkeit von Bildern sowie die These, dass Bilder im Bildakt erzeugen, was sie darstellen.

Im Unterschied zur semiotisch bzw. pragmatisch orientieren Theorie des Bildhandelns sind es hier nicht die Bilder erzeugenden und einsetzenden Personen, die Bildakte vollziehen, sondern die Bilder selbst, denen eine energetische oder generative Kraft innewohnt. Unter ‘Bildakt’ versteht Bredekamp „eine Wirkung auf das Empfinden, Denken und Handeln […] die aus der Kraft des Bildes und der Wechselwirkung mit dem betrachtenden, berührenden und auch hörenden Gegenüber entsteht“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 52).

Mit der These‚ wonach Bilder das erzeugen, was sie zeigen, wendet sich diese Bildakttheorie in erster Linie gegen die Vorstellung, dass Bilder etwas Vorgängiges abbilden oder repräsentieren. Da Bilder nicht nur kognitiv, sondern auch affektiv, synästhetisch und kinetisch wirken und daher den kognitiven Kontrollbereich verlassen, entwickelt Bredekamp die Bildakttheorie im Kontext aktueller Verkörperungstheorien. Bildakte, agierende Bilder untersucht Bredekamp im weitesten Bereich der Bildgeschichte, so auch im Bereich der Politik, wo Bilder als „Verbündete oder Verräter politischer Macht“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 14) erscheinen, des Militärs, wo sie „Waffengänge […] steuern oder gar zu ersetzen vermögen“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 14), und der Wissenschaft, wo sie „durchweg nicht als Darstellungsinstrument, sondern als eigenes Analysemittel eingesetzt werden“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 14).

Ebenso wie Dubois bringt Bredekamp die Wirkmacht von Bildern mit ihrer materiellen Gegenständlichkeit in Verbindung: Allein die physische Präsenz birgt jene „aristotelische enargeia, die in jedem Artefakt eine Energiequelle wähnt, die dem Werk erlaubt, zu einer wirkenden Kraft zu werden“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 5). Bredekamps Bildakttheorie zielt auf die „in der Form steckende potentia“ ([Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 55) ab.

Visual History: Gerhard Paul

In direktem Anschluss an Horst Bredekamp begreift Gerhard Paul im Rahmen der sich etablierenden Visual History Bilder nicht nur als Quellenmaterial, in dem Geschichte sich dokumentiert, sondern als Agenten, die Geschichte beeinflussen oder schreiben. Angeregt durch die Debatten, die sich anlässlich der Wehrmachtsausstellung des Instituts für Sozialforschung (1995-1999) um die Beweiskraft bzw. Manipulierbarkeit von Bildern entzündet haben, werden diese von den Geschichtswissenschaften zunehmend als Instanzen, die Wahrnehmungsmuster und Sichtweisen prägen, und als „Realität erzeugende Bildakte“ ([Paul 2010a]Paul, Gerhard (2010): Visual History, Version: 1.0. Docupedia-Zeitgeschichte, 11.
Webadresse: docupedia.de/docupedia/index.php?title=Visual_History&oldid=68958
: S. 15) betrachtet. „Für die Analyse und den Umgang mit Bildern bedeutet das“, so Gerhard Paul, „diese auch als Aktiva ernster zu nehmen: […] als Medien der Geschichts- und Erinnerungspolitik, die eine bestimmte Deutung von Geschichte generieren und transportieren, als Medien der kommerziellen Reklame, der politischen Propaganda und der Herrschaftssicherung sowie schließlich als Medium kollektiver Identitätsbildung, über die soziale und politische Kollektive ihre Identität herausbilden und abzusichern versuchen.“ ([Paul 2010a]Paul, Gerhard (2010): Visual History, Version: 1.0. Docupedia-Zeitgeschichte, 11.
Webadresse: docupedia.de/docupedia/index.php?title=Visual_History&oldid=68958
: S. 10) Wie Bredekamp betrachtet auch Paul Bilder, deren Reichweite im medialen Zeitalter potenziell unbegrenzt ist, als integrale Bestandteile politischer und militärischer Strategien. Visual History nimmt auch diese Bildakte, in denen die Dokumentation zum eigentlichen Ziel der Aktion wird, in den Blick.

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl.hierzu auch Kolleg-Forscher­gruppe Bild­akt und Ver­körpe­rung der Humboldt-Universität zu Berlin.
Literatur
[Austin 1972a]Austin, John L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte. Reclam, Stuttgart.[Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.[Bredekamp 2010a]Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dubois 1998a]Dubois, Philippe (1998): Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv. Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam.[Kjörup 1974a]Kjørup, Søren (1974): George Inness and the Battle at Hastings, or Doing Things with Pictures. The Monist, 58, 2.[Kjörup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.[Mitchell 2008a]Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.[Paul 2010a]Paul, Gerhard (2010): Visual History, Version: 1.0. Docupedia-Zeitgeschichte, 11.[Schürmann 2000a]Schürmann, Eva (2000): Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie Merleau-Pontys. Wilhelm Fink, München.[Schürmann 2011a]Schürmann, Eva (2011): Unendliches im Endlichen. Über einige Gemeinsamkeiten des Gesichter- und Bildersehens. In: Bredekamp, H. & Krois, J. M. (Hg.), Sehen und Handeln. Akademie, Berlin.[Searle 1971a]Searle, John R. (1971): Sprechakttheorie - Ein sprachphilosophischer Essay. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Waldenfels 2008a]Waldenfels, Bernhard (2008): Von der Wirkmacht und Wirkkraft der Bilder. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Wilhelm Fink, München.

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