Darstellung (historisch)

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Historische Bildbegriffe


Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs und das Übersetzungsproblem

Bei dem Ausdruck ‘Darstellung’ und dem zugehörigen Verb ‘darstellen’ handelt es sich um Sonder­entwicklungen im deutsch­sprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Bedeutungs­feld mit einer gewissen Annäherung dem der Ausdrücke ‘Repräsentation’ und ‘Präsentation’ sowie den entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen, eine einein­deutige fremd­sprachige Übersetzung wird sich jedoch nicht finden lassen.[1] Für das Englische schlägt Flusser vor, die Bedeutung des Ausdrucks ‘darstellen’ als „jene Grauzone“ zu beschreiben, „in welcher sich die Bedeutungen von ‘to represent’, ‘to expose’ und ‘to exhibit’ überschneiden.“ ([Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: 34). Die Liste ließe sich sicherlich noch um einige Ausdrücke erweitern.

Das Übersetzungs­problem ergibt sich einerseits aus der Viel­deutigkeit der fremdsprachigen Ausdrücke und ihren jeweiligen Konnotationen, andererseits aber auch aus der Vieldeutigkeit des Darstellungs­begriffs selber. So kann der Ausdruck ‘Darstellung’ in geeigneten Kontexten durch die Ausdrücke ‘Abbildung’, ‘Verkörperung’, ‘Wiedergabe’ und viele mehr ersetzt werden. Die Vieldeutigkeit des Darstellungs­begriffs ist wiederum Resultat seiner Begriffs­geschichte.


Geschichte des Darstellungsbegriffs

Für die Begriffsgeschichte von ‘Darstellung’ und die Ausbildung des heutigen Bedeutungs­spektrums sind besonders seine Karriere in der Poetik und Ästhetik und dabei sein wechselhaftes Verhältnis zum Natur­nachahmungs­begriff relevant. Denn gerade über ihr Verhältnis zum Natur­nachahmungs­begriff wurde Darstellung zu einem zentralen und zugleich verworrenen Begriff der Bild- und Zeichen­theorie. Die Entfaltung des heutigen Bedeutungs­spektrums möchte anhand von vier Stationen seiner Begriffs­geschichte darstellen, nämlich (1) der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen oder Präsentieren, (2) dem Import in die Ästhetik durch Lessing und Klopstock zur Bezeichnung der Präsentations­weise, (3) sein Bedeutungs­zuwachs durch die Verdrängung des Natur­nachahmungs­begriffs und (4) die Hinzunahme konstruktiver Momente durch die Abgrenzung vom Natur­nachahmungs­begriff.


1) Hinstellen und Verkörpern — Luther und die Schauspieler

Der Ausdruck ‘Darstellung’ gilt als Übersetzung der lateinischen Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘exhibitio’ ([Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig.
: S. 792). Eine der frühesten Verwendungs­weisen findet sich in Luthers Bibel­über­setzung: „Und Du sollst den Tisch darbringen und ihn zubereiten, und den Leuchter darstellen und die Lampen drauf setzen.“ (2. Mose 40,4).[2] In dieser Verwendung bezeichnet der Ausdruck das physische Hinstellen, die reine Präsentation eines Gegenstandes — ein ‘vor die Augen bringen/stellen’ —, ohne dass dieser Gegenstand als Zeichen noch auf etwas von sich Verschiedenes verweist.

In seinem frühen Gebrauch besitzt der Ausdruck also keinerlei semiotische Funktion. Mediale Darstellungen (in unserer heutigen Verwendung des Ausdrucks) werden zu dieser Zeit mittels der Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘imitatio’ (bzw. ihrer fremdsprachigen Entsprechungen) beschrieben. Die Adaption des Darstellungs­begriffs in (im weiteren Sinne) ästhetischen Kontexten erfolgt dement­sprechend zunächst im Rahmen der Schau­spiel­theorie und zwar ohne nennenswerte semiotische Implikationen. Der Schauspieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder verkörpert eine Figur auf der Bühne.

2) Präsentationsweise und Ausführung

Diese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexika des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. Die zu diesem Zeitpunkt im ästhetischen Kontext bereits weithin übliche Verwendung im Sinne von sinnlicher Vergegenwärtigung wird nur am Rande erwähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Verwendungs­weise auch eher randständig. Zwar nutzt August Buchner den Ausdruck ‘darstellen’ schon 1665 zur Wiedergabe der aristotelischen Mimesis, wenn er die Aufgabe des Poeten darin sieht, dass er „ein Thun darstelle / wie es entweder ist / seyn soll / oder mag“ ([Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg.
: 27; vgl. dazu [Aristoteles 1997a]Aristoteles (1997): Poetik. Griechisch/​Deutsch. Reclam, Stuttgart.
Nicht angezeigt: Übers. und Hrsg.: Manfred Fuhrmann
: 1460b), und setzt die Darstellung damit an die Stelle der damals üblichen Übersetzung als ‘Nachahmung’. Aber dieser Übersetzungs­vorschlag blieb weitestgehend folgenlos.

Erst Lessing führte den Ausdruck folgenreich in einen ästhetischen und semiotischen Zusammenhang ein. Er unterscheidet bei Kunstwerken die „Erfindung“ des Stoffes (des Darstellungsgehalts) von seiner „Ausführung“ als der technischen Realisierung im Medium. Die Ausführung bezeichnet er in diesem Zusammenhang auch als ‘Darstellung’:

Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und Darstellung gegen einander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem Meister an der einen so wiederum zu erlassen, als wir an der andern zu viel erhalten zu haben meinen. ([Lessing 1766a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe in zwölf Bänden. Bd. 5/2: Werke 1766-1769. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
: S. 98.)

Er-Findung und Ausführung/Darstellung gelten ihm als zwei Aspekte oder Momente der Natur­nachahmung. Lessings Verwendung von ‘Darstellung’ ist im Grunde noch sehr nahe an der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen und Vor-Augen-Stellen, und obgleich seine Unterscheidung zwischen Erfindung und Darstellung offensichtlich an der rhetorischen Unterscheidung zwischen inventio und elocutio orientiert ist, wertet er die Rolle der Darstellung (elocutio) im Rahmen seiner wirkungsästhetischen Argumentation erheblich auf. Eine geeignete Darstellung soll die Illusion – und das heißt bei ihm vor allem die Unauf­fälligkeit der zur Darstellung verwendeten Zeichen – gewährleisten. Die Zeichen­haftigkeit der verwendeten Zeichen soll in den Hintergrund treten, da sonst „die Intuition des Bezeichneten nicht zugleich mit der Intuition des Zeichens erfolgen kann.“ ([Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
: S. 304f.) Darauf zweckt das sogenannte bequeme Verhältnis ab.

Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte Tönen in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: so können nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren, aufeinanderfolgende Zeichen, aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen. ([Lessing 1766a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe in zwölf Bänden. Bd. 5/2: Werke 1766-1769. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
: S. 116)[3]

Den Hintergrund bildet James Harris’ Unterscheidung zwischen den koexistierenden Zeichen der bildenden Künste und den sukzessiven Zeichen der Dichtung und der Musik ([Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London.
Nicht angezeigt: 1. Auflage 1744
: S. 29 ff.; erste Auflage 1744). Das „bequeme Verhältnis“ soll durch eine Isomorphie zwischen der (räumlichen oder zeitlichen) Struktur der Referenten und der Syntax der verwendeten Zeichen erreicht werden. Die Körper bestehen als räumliche Gebilde aus nebeneinander angeordneten Teilen, weshalb koexistierende Zeichen für ihre Darstellung besonders geeignet sind; Handlungen verlaufen dagegen linear in der Zeit, weshalb sukzessive Zeichen für ihre Darstellung besonders geeignet sind.

Klopstock schließt offensichtlich an Lessings Ästhetik an: „Die Malerey zeigt ihre Gegenstände auf Einmal; die Dichtkunst zeigt sie in einer gewissen Zeit.“ ([Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.
: S. 171f.). Vor allem arbeitet er die wirkungs­theoretische Perspektive Lessings weiter aus und betont noch stärker die Rolle der Präsentationsweise, wobei ihm — wie Lessing — die durch die Etymologie des Darstellungs­begriffs ermöglichte Betonung der Performanz in die Hände spielt. Er nutzt den Darstellungs­begriff im Anschluss an Lessing zur Beschreibung der Präsentations­weise und verknüpft diese eng mit der Illusion: „Der Zwek der Darstellung ist Teüschung“ ([Klopstock 1779a]Klopstock, Friedrich Gottlieb (1779): Von der Darstellung. In: Klopstock, F.G. (Hg.), Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Heroldsche Buchhandlung, Hamburg.
: S. 246). Die Täuschung oder Illusion führt Klopstock auf die Leb­haftig­keit der Darstellung zurück — ein Gedanke, der sich in Ansätze auch bereits bei Lessing findet.

Es gibt wirkliche Dinge, und Forstellungen, di wir uns dafon machen. Di Forstellungen fon gewisen Dingen können so läbhaft wärden, daß dise uns gegenwertig, und beina di Dinge selbst zu sein scheinen. Dise For­stellungen nen ich fastwirkliche Dinge. Es gibt also wirkliche Dinge, fastwirkliche, und blosse Forstellungen. ([Klopstock 1779a]Klopstock, Friedrich Gottlieb (1779): Von der Darstellung. In: Klopstock, F.G. (Hg.), Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Heroldsche Buchhandlung, Hamburg.
: S. 244).[4]

Während Dinge und Vorstellungen ontologisch unterschieden sind, werden die „fastwirklichen Dinge“ auf der Basis der Wirkung ihrer Präsentation bestimmt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ wird bei Kloptock zum terminus technicus für eine besonders lebhafte Weise der Präsentation. Indem er sein Haupt­augenmerk auf die derart verstandene Darstellung legt, stellt er die Wirkungs­funktionen bestimmter medialer Eigenschaften der Dichtung (wie dem Metrum) in den Mittelpunkt seiner Poetik. Darstellungs­gehalte und Referenzen (der Erfindung bei Lessing) spielen demgegenüber bei Klopstock eine marginale Rolle. Eine explizite Bestimmung des Verhältnisses seines Darstellungs­begriffs zum Begriff der Naturnachahmung findet sich bei Klopstock allerdings nicht.

3) Verquickung von Präsentation und Repräsentation als Erbe der Naturnachahmung

Klopstock selber stellt den Darstellungs­begriff nicht explizit in Bezug zum Natur­nachahmungs­begriff und schon gar nicht in ein Konkurrenz­verhältnis, wenngleich seine Betonung der Rolle der Darstellung (der „Form“) die Rolle der Nachahmung (als Beschreibung des „Inhalts“ der Dichtung) deutlich marginalisiert. Damit stellt er die beiden Begriffe implizit in ein Konkurrenz­verhältnis. August Bürger stellt die beiden Begriffe wenig später in ein explizites Konkurrenz­verhältnis. Er fordert die Ersetzung der Natur­nachahmungs­theorie durch eine Darstellungs­theorie.

Man merkt schon, dass ich Darstellung an den Platz setze, wo sonst das erbärmliche Wort Nachahmung in den Poetiken stand. Nachahmung ist ein Bild, kümmerlich zurück geworfen von trüber Fläche; Darstellung aber leibt und lebt zurück vom blanken Spiegel. ([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Erstveröffentlichung 1784
: S. 727).

Die Darstellung zeichnet sich gegenüber der Nachahmung durch eine größere Anschaulichkeit aus, insofern die Darstellung stärker die Sinne und die Einbildungs­kraft anspricht([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Erstveröffentlichung 1784
: S. 728). Auf ähnliche Weise favorisiert auch Herder die Übersetzung von ‘Mimesis’ mit ‘Darstellung’, weil er die Darstellung anders als die bis dahin übliche Übersetzung ‘Nachahmung’ mit einer größeren Lebendigkeit assoziiert ([Herder 1800a]Herder, Johann Gottfried (1800): Sämtliche Werke. Bd. 22: Kalligone (1800). Olms-Weidmann, Berlin.
Notiz: Reprint
: S. 147).

Die Ersetzung des Nachahmungs- durch den Darstellungs­begriff verläuft also über den Gedanken der Lebendigkeit durch eine bestimmte Präsentations­weise. Indem aber der Natur­nachahmungs­begriff durch den Darstellungs­begriff ersetzt wird, kauft man sich zugleich unter der Hand Aufgaben und Funktionen des Natur­nachahmungs­begriffs ein. Der Darstellungs­begriff hat demnach auch Referenzen und Darstellungs­gehalte zu beschreiben. Das, was Lessing mit den Ausdrücken ‘Erfindung’ und ‘Darstellung’ terminologisch getrennt hält, fällt nun in einem Begriff zusammen und zwar in dem der Darstellung. Präsentation(sweise) und Repräsentation werden miteinander verquickt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ kann sich sowohl auf Qualitäten der Darstellungs­weise (Wie wird etwas dargestellt?) als auch auf den Gehalt der Darstellung bzw. ihre Referenz (Was wird dargestellt?) beziehen.

Damit sind Verwendungen des Darstellungs­begriffs wie die Kants möglich geworden. „Wenn der Begriff von einem Gegenstande gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urteilskraft im Gebrauche desselben zum Erkenntnis in der Darstellung (exhibitio), d.i. darin, dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung zur Seite zu stellen […]“ ([Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: A XLVII und B XLIX). Die Darstellung bezeichnet hier die Veranschaulichung oder Versinn­lichung eines Begriffs, als einer abstrakten Erkenntnis. Der Sache nach ist dieser Gedanke nicht völlig neu, findet sich doch Ähnliches bereits bei Mendelssohn und Lessing, wenn sie Dichtung als Transformation einer symbolischen in eine intuitive Erkenntnis beschreiben, also Dichtung als Veranschaulichung von etwas Abstraktem begreifen. Der Unterschied zu Kants Konzeption ist vor allem darin zu sehen, dass für Kant Begriff und Anschauung zwei getrennte Stämme der Erkenntnis sind, wohingegen für Mendelssohn und Lessing symbolische und intuitive Erkenntnis im Anschluss an Wolff zwei Pole eines Kontinuums darstellen. Aber Mendelssohn und Lessing bezeichnen diesen Vorgang der Veranschaulichung nicht als Darstellung und können das im Rahmen ihrer Terminologie nicht.

4) Erfindung vs. Kopieren — Konstruktive Momente der Darstellung

Den Unterschied zwischen Nachahmung und Darstellung sieht Bürger offenbar nicht darin, dass die eine an der Natur orientiert sei und die andere nicht. Beide gelten ihm als „Nach­bildnerei“ ([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Erstveröffentlichung 1784
: S. 725). Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an wird aber die Ablehnung des Natur­nachahmungs­begriffs zur Beschreibung der Kunst zunehmend damit begründet, dass die Nachahmung die Erfindung ausschlösse und sich in einem Kopieren der empirischen Wirklichkeit erschöpfe: „[…] die Nachahmung der Natur ist noch keine Dichtung, weil die Kopie nicht mehr enthalten kann als das Urbild.“ ([Jean Paul 1795a]Jean Paul (1847): Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft [1795]. In: ??? (Hg.), Ausgewählte Werke. Bd. 7/8: Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelschaften gezogen, nebst einem Mußtheil und einigen Jus de tablette. Reimer, Berlin.
: S. 261).[5]

Wenn im Zuge der Lösung von der Natur­nachahmungs­formel der Natur­nachahmungs­begriff auf ein Kopieren eingeschränkt wird — entgegen seiner bis dahin üblichen Bedeutung(en) — und zugleich der Darstellungs­begriff (wie auch der Repräsentations­begriff) als Alternative aufgebaut wird, wird letzterem zugleich ein erfindendes oder konstruktives Moment zugesprochen. Begünstigt wird eine solche Auffassung von »Darstellung« durch die Entwicklung antirealistischer Semantiken. Ansätze einer solchen Semantik finden sich bereits bei Humboldt, wenn er — anders als Kant — die Sprache nicht mehr als Nullmedium betrachtet.[6] Die Annahme, dass Zeichen, Wörter usw. lediglich eine bereits unabhängig von dem jeweiligen Symbol­system vorliegenden Welt nachzeichnet, weicht der Annahme, dass das Symbol­system allererst eine gliedernde Funktion innehat. In der Umkehrung können derartige Semantiken zu einer Sprach­skepsis führen, insofern ein solches Sprachverständnis keine neutrale, objektive Darstellung der Welt mehr versprechen kann ([Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.
). Diese Konsequenz tritt gerade in strukturalistischen Semantiken des 20. Jahrhunderts zutage, insofern diese auf einen Anti­repräsenta­tionalismus der Sprache (und anderer Symbol­systeme) hinauslaufen ([Bertram et al. 2008a]Bertram, Georg W.; Lauer, David; Liptow, Jasper; & Seel, Martin (2008): In der Welt der Sprache: Konsequenzen des semantischen Holismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.
).


Das Spektrum der Bedeutungen von ‘Darstellung’ in neueren Diskussionen

Die Begriffsgeschichte des Darstellungs­begriffs ist als eine Geschichte der Erweiterung des Bedeutungs­spektrums zu lesen. Die früheren Bedeutungen werden nicht durch die später hinzukommenden Bedeutungen verdrängt. Daraus speist sich die Vieldeutigkeit des Ausdrucks ‘Darstellung’ – von dem bloßen Hinstellen bzw. Präsentieren über die Präsentations- oder Darstellungs­weise bis hin zum Darstellungs­gehalt, der sich aus der Referenz speisen kann, aber auch konstruktive Momente einschließen kann. Die aktuellen Verwendungen des Ausdrucks unterscheiden sich durch die je eigene Gewichtung dieser Bedeutungs­dimensionen sowie durch die jeweils vorgenommenen Binnen­differenzierungen (wie z.B. Bühlers Differenzierung der Funktionen eine Sprechaktes in »Darstellung«, »Ausdruck« und »Appell«; [Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.
: bes. S. 28 ff.).

Die Konsequenzen der Begriffs­geschichte von ‘Darstellung’ für den Bild­begriff ergeben sich daraus, dass Ausdrücke wie ‘representation’ und ‘depiction’ in der Regel mit dem Ausdruck ‘Darstellung’ übersetzt werden, oftmals durch Attribute wie ‘bildlich’ oder ‘bildhaft’ spezifiziert. Für die Beschreibung von Bildern ist ‘Darstellung’ gerade wegen der Bedeutungs­dimension des Hinstellens bzw. Präsentierens geeignet. Durch die Bedeutungs­dimension der Präsentations­weise eignet sich der Ausdruck auch für die Diskussion der Unterschiede zwischen bildlicher und sprachlicher Darstellung. Zugegeben: Diese beiden Aspekte (‹Ausstellung› und ‹Präsentations­weise› bzw. ‹Stil›) stehen in den aktuellen Diskussion eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Fragen nach dem Bezug und dem Gehalt der Darstellung, insbesondere in Gestalt der Konstitutions­frage ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
und [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: bes. S. 23-66). Was konstituiert die bildliche Darstellung? Ist es eine Ähnlichkeitsrelation zum Dargestelltem oder eine Kausalbeziehung? Oder wird die Darstellung durch die Zugehörigkeit zu einem Symbolsystem konstituiert oder durch den Gebrauch eines Dings als Bild? Wenngleich diese Fragen die Diskussionen dominieren, spielen die mit den anderen Bedeutungs­dimensionen assoziierten Fragen immer auch eine Rolle.

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden [Schlenstedt 2000a]Schlenstedt, Dieter (2000): Darstellung. In: Karlheinz Barck et al. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Ein historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 1: : Absenz – Darstellung. J. B. Metzler, Stuttgart.
    : S. 847.
  2. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden auch die Artikel «darstellen» in [Trübner 1940a]Alfred Göze (Hg.) (1940): Trübners Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: C-F. de Gruyter , Berlin.
    Notiz: Art. „darstellen“, S. 27
    : S. 27, in [Adelung 1811a]Adelung, Johann Christoph (Hg.) (1811): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Erster Teil: A-E. Mit D. W. Soltau's Beyträgen; revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger, Doctor der freyen Künste und Philosophie. Bauer, Wien.
    : S. 1402-1403 und in [Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig.
    : S. 791f. sowie [Mülder-Bach 1998a]Mülder-Bach, Inka (1998): Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der „Darstellung“ im 18. Jahrhunderts. Fink, München.
    : S. 78f.
  3. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden den Artikel Mimesis.
  4. ↑ Die eigenwillige Ortho­graphie ist Ausdruck von Klopstocks Poetik.
  5. ↑ Ähnliche Argumente finden sich bei [Meier 1757a]Meier, Georg Friedrich (1757): Betrachtungen über den ersten Grundsatz aller Schönen Künste und Wissenschaften. Carl Hermann Hemmerde, Halle.
    : S. 38 (§ 18) und [Hegel 1835a]Hegel, Georg W. F. (1967): Einleitung in die Ästhetik. Mit den beiden Vorreden von Heinrich Gustav Hotho (1835). Fink, München.
    : S. 67ff., [Hegel 1826a]Gethmann-Siefert, A.; Kwon, J. & Berr, K. (Hg.) (2005): Philosophie der Kunst. Vorlesung von 1826. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    : S. 55 sowie [Hegel 1830a]Nicolin, F. & Pöggeler, O. (Hg.) (1959): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). Meiner, Hamburg.
    : § 558. Im späten 20. Jahrhundert wird dieser Einwand besonders von [Petersen 2000a]Petersen, Jürgen H. (2000): Mimesis – Imitatio – Nachahmung. Eine Geschichte der europäischen Poetik. UTB, Stuttgart.
    immer wieder betont.
  6. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden [Humboldt 1820a]Humboldt, Wilhelm (1905): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung (1820). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 4: 1820-1822. Behr, Berlin.
    : S. 21 und 27 sowie [Humboldt 1830-1835a]Humboldt, Wilhelm (1907): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1830-1835). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 7.1. Behr, Berlin.
    : S. 60 und 190.
Literatur
[Adelung 1811a]Adelung, Johann Christoph (Hg.) (1811): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Erster Teil: A-E. Mit D. W. Soltau's Beyträgen; revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger, Doctor der freyen Künste und Philosophie. Bauer, Wien.[Aristoteles 1997a]Aristoteles (1997): Poetik. Griechisch/​Deutsch. Reclam, Stuttgart.[Bertram et al. 2008a]Bertram, Georg W.; Lauer, David; Liptow, Jasper; & Seel, Martin (2008): In der Welt der Sprache: Konsequenzen des semantischen Holismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.[Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig.[Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London.[Hegel 1826a]Gethmann-Siefert, A.; Kwon, J. & Berr, K. (Hg.) (2005): Philosophie der Kunst. Vorlesung von 1826. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hegel 1830a]Nicolin, F. & Pöggeler, O. (Hg.) (1959): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). Meiner, Hamburg.[Hegel 1835a]Hegel, Georg W. F. (1967): Einleitung in die Ästhetik. Mit den beiden Vorreden von Heinrich Gustav Hotho (1835). Fink, München.[Herder 1800a]Herder, Johann Gottfried (1800): Sämtliche Werke. Bd. 22: Kalligone (1800). Olms-Weidmann, Berlin.[Humboldt 1820a]Humboldt, Wilhelm (1905): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung (1820). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 4: 1820-1822. Behr, Berlin.[Humboldt 1830-1835a]Humboldt, Wilhelm (1907): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1830-1835). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 7.1. Behr, Berlin.[Jean Paul 1795a]Jean Paul (1847): Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft [1795]. In: ??? (Hg.), Ausgewählte Werke. Bd. 7/8: Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelschaften gezogen, nebst einem Mußtheil und einigen Jus de tablette. Reimer, Berlin.[Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.[Klopstock 1779a]Klopstock, Friedrich Gottlieb (1779): Von der Darstellung. In: Klopstock, F.G. (Hg.), Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Heroldsche Buchhandlung, Hamburg.[Lessing 1766a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe in zwölf Bänden. Bd. 5/2: Werke 1766-1769. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Meier 1757a]Meier, Georg Friedrich (1757): Betrachtungen über den ersten Grundsatz aller Schönen Künste und Wissenschaften. Carl Hermann Hemmerde, Halle.[Mülder-Bach 1998a]Mülder-Bach, Inka (1998): Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der „Darstellung“ im 18. Jahrhunderts. Fink, München.[Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.[Petersen 2000a]Petersen, Jürgen H. (2000): Mimesis – Imitatio – Nachahmung. Eine Geschichte der europäischen Poetik. UTB, Stuttgart.[Schlenstedt 2000a]Schlenstedt, Dieter (2000): Darstellung. In: Karlheinz Barck et al. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Ein historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 1: : Absenz – Darstellung. J. B. Metzler, Stuttgart.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Trübner 1940a]Alfred Göze (Hg.) (1940): Trübners Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: C-F. de Gruyter , Berlin.

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