Chinesische Kalligraphie: Unterschied zwischen den Versionen
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Die ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (漢字 ''hànzi''), durch sie wird die Komposition, d.h. die Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt. Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (點 ''diăn''), horizontal (橫 ''héng''), vertikal (豎 ''shù''), abgesetzt und gekrümmt (折 ''zhé''), Haken (鈎 ''goū''), links hinunter (撇 ''piě''), rechts hinauf (提 ''tí'') und rechts hinunter (捺 ''nà''). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt. <bib id='Alleton 2003a'>Alleton 2003</bib> <bib id= Heng 2003a'>Heng 2003</bib> Der Schreiber muss die gegebene graphische Form der Schriftart akzeptieren, in der er das Schriftkunstwerk zu verfassen gedenkt, auch ist der umzusetzende Text nicht immer sein eigener, sein Beitrag liegt in der Nuancierung des Stils, die er in die Schrift einbringt. Durch die Grenzen, die der Kalligraphie mittels der gegebenen Schrifttypen gesetzt sind, ist jede Variation identifizierbar und einem bestimmten Kalligraphen zuzuordnen <bib id='Heng 2003a'>Heng 2003</bib> Das Erlernen der Kalligraphie erfordert Jahre gewissenhafter und steter Übung, wozu zunächst Schriftvorlagen alter Meister kopiert werden. Erst wenn der Schreiber die verschiedenen Stile durchdrungen hat, ist er in der Lage einen eigenen Stil zu entwickeln. Von alters her haben die Meister ihre Schüler dazu angeregt, dafür zusätzlich Inspiration in der Natur zu suchen. <bib id= 'Chen | Die ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (漢字 ''hànzi''), durch sie wird die Komposition, d.h. die Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt. Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (點 ''diăn''), horizontal (橫 ''héng''), vertikal (豎 ''shù''), abgesetzt und gekrümmt (折 ''zhé''), Haken (鈎 ''goū''), links hinunter (撇 ''piě''), rechts hinauf (提 ''tí'') und rechts hinunter (捺 ''nà''). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt. <bib id='Alleton 2003a'>Alleton 2003</bib> <bib id= Heng 2003a'>Heng 2003</bib> Der Schreiber muss die gegebene graphische Form der Schriftart akzeptieren, in der er das Schriftkunstwerk zu verfassen gedenkt, auch ist der umzusetzende Text nicht immer sein eigener, sein Beitrag liegt in der Nuancierung des Stils, die er in die Schrift einbringt. Durch die Grenzen, die der Kalligraphie mittels der gegebenen Schrifttypen gesetzt sind, ist jede Variation identifizierbar und einem bestimmten Kalligraphen zuzuordnen <bib id='Heng 2003a'>Heng 2003</bib> Das Erlernen der Kalligraphie erfordert Jahre gewissenhafter und steter Übung, wozu zunächst Schriftvorlagen alter Meister kopiert werden. Erst wenn der Schreiber die verschiedenen Stile durchdrungen hat, ist er in der Lage einen eigenen Stil zu entwickeln. Von alters her haben die Meister ihre Schüler dazu angeregt, dafür zusätzlich Inspiration in der Natur zu suchen. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> <bib id= 'Kwo 81a'>Kwo 1981</bib> Ein zentrales ästhetisches Problem der Kalligraphie besteht darin, entgegen der durch stete Übung bedingten Rationalisierung spontaner Effekte eine ursprüngliche Spontaneität zu erhalten bzw. wiederzugewinnen. <bib id= 'Ledderose 2003a'>Ledderose 2003</bib> | ||
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Der Ästhetik der Kalligraphie liegt die Vorstellung zugrunde, dass der individuelle Pinselzug ein unmittelbarer, sichtbar gewordener 'Abdruck' der Persönlichkeit ist. <bib id= 'Ledderose 85a'>Ledderose 1985</bib> Da Kalligraphie somit gewissermaßen in einem graphologischen Sinne als Ausdruck des Charakters verstanden wird, gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen rein ästhetischen und etwa moralisch-politischen Wertkategorien. Das bedeutet, dass eine Schrift aufgrund der in ihr zum Ausdruck kommenden moralischen Qualitäten des Schreibenden an ästhetischem Wert gewinnen kann. <bib id= 'Ledderose 2003a'>Ledderose 2003</bib> Kalligraphie erhält damit eine ethische Dimension: wer schön schreiben will, muss vordringlich nach innerer Schönheit streben. <bib id= 'Chen | Der Ästhetik der Kalligraphie liegt die Vorstellung zugrunde, dass der individuelle Pinselzug ein unmittelbarer, sichtbar gewordener 'Abdruck' der Persönlichkeit ist. <bib id= 'Ledderose 85a'>Ledderose 1985</bib> Da Kalligraphie somit gewissermaßen in einem graphologischen Sinne als Ausdruck des Charakters verstanden wird, gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen rein ästhetischen und etwa moralisch-politischen Wertkategorien. Das bedeutet, dass eine Schrift aufgrund der in ihr zum Ausdruck kommenden moralischen Qualitäten des Schreibenden an ästhetischem Wert gewinnen kann. <bib id= 'Ledderose 2003a'>Ledderose 2003</bib> Kalligraphie erhält damit eine ethische Dimension: wer schön schreiben will, muss vordringlich nach innerer Schönheit streben. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> Die Überzeugung, dass der Mensch durch die Disziplin der Kunst geformt werden, dass Ästhetik somit im Dienste der Ethik nutzbar gemacht werden kann, führte zu eine Vervielfältigung von Regeln, Methoden und Gesetzen zur Kalligraphie. <bib id= 'Heng 2003a'>Heng 2003</bib> Mit der Vorstellung, dass jedes Schriftzeichen die inneren Regungen des Schreibers offenbare, ist Kalligraphie zudem eine einzigartige Direktheit bzw. Prägnanz zueigen <bib id= 'Heng 2003a'>Heng 2003</bib>, 一字見心 (''yī zì jiàn xīn''), "in einem Zeichen sieht man schon das Herz" <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> - ein schriftlicher Text benötigt demgegenüber eine Anzahl von Wörtern, um etwas auszudrücken - Kalligraphie vermag damit direkt zu erreichen, was einem Zeichensystem nur indirekt gelingen kann. <bib id= 'Heng 2003a'>Heng 2003</bib> | ||
Eine gute Kalligraphie ist eine ausgewogenen Komposition ihrer integralen Bestandteile: die einzelnen Striche und Punkte müssen ein harmonisches Ganzes bilden. <bib id= 'Ch'en 66a'>Ch'en 1966</bib> Lebendigkeit, Energie, Spannung und Rhythmus sind hierbei ausschlaggebende Charakteristika. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> Da ein ausgeführter Strich nicht mehr korrigiert werden kann, steht vor der Ausführung ein Konzept der Komposition, 議在筆前 (''yì zài bî qián''). <bib id= 'Ch'en 66a'>Ch'en 1966</bib> Hierzu zählt auch die richtige Platzierung der Leeräume zwischen den konstitutiven Elementen des Bildes. | Eine gute Kalligraphie ist eine ausgewogenen Komposition ihrer integralen Bestandteile: die einzelnen Striche und Punkte müssen ein harmonisches Ganzes bilden. <bib id= 'Ch'en 66a'>Ch'en 1966</bib> Lebendigkeit, Energie, Spannung und Rhythmus sind hierbei ausschlaggebende Charakteristika. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> Da ein ausgeführter Strich nicht mehr korrigiert werden kann, steht vor der Ausführung ein Konzept der Komposition, 議在筆前 (''yì zài bî qián''). <bib id= 'Ch'en 66a'>Ch'en 1966</bib> Hierzu zählt auch die richtige Platzierung der Leeräume zwischen den konstitutiven Elementen des Bildes. <bib id= 'Kwo 81a'>Kwo 1981</bib> "Leere und Fülle" sollen dabei ein organisches Ganzes bilden. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> Des Weiteren muss die richtige Technik angewandt werden. Neben der Kontrolle des Pinsels ist ein angemessener Pinselauftrag erforderlich. <bib id= 'Ch'en 66a'>Ch'en 1966</bib> Fundamentales und konstituirendes Element eines Zeichens ist die Linie. Eine gute Linie muss Kraft (力lì) enthalten, d.h. sie muss eine gewisse Stärke und Festigkeit wiederspiegeln. Einer kraftvollen Linie ist zudem Qi (氣 qì) zueigen. Qi ist hier als innere Dynamik zu begreifen, welche die Linien und Punkte umgibt, sie alle als eine Einheit zusammenfasst <bib id= 'Kwo 81a'>Kwo 1981</bib> und somit die direkt sichtbare Schönheit der äußeren Form bestimmt. Die innere Schönheit, die passende Zusammenstellung der Striche, Punkte, Zeichen und Zeilen, ein wohlproportioniertes Arrangement, wird als Yun (韵 yùn) bezeichnet. Die Schönheit in der Kalligraphie, ihr 'ästhetischer Gehalt' ist 氣韵, die Verbindung von Qi und Yun. <bib id= 'Chen 2009a'>Chen 2009</bib> | ||
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Version vom 3. Januar 2012, 19:25 Uhr
Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit
Darstellung des gr. ZusammenhangsAuf der Basis der chinesischen Schriftzeichen entwickelte sich Schrift zu einer hohen Kunst des persönlichen Ausdrucks. Die Schrifttypen, die charakteristische graphische Form und die Struktur der chinesischen Schriftzeichen haben diese Entwicklung der Kalligraphie erst ermöglicht. [Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing. Die Schrift - Entwicklung der Schrifttypen Die vier Hauptschriftarten entwickelten sich aufeinander folgend.[Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York.
Engere BegriffsbestimmungDie ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (漢字 hànzi), durch sie wird die Komposition, d.h. die Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt. Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (點 diăn), horizontal (橫 héng), vertikal (豎 shù), abgesetzt und gekrümmt (折 zhé), Haken (鈎 goū), links hinunter (撇 piě), rechts hinauf (提 tí) und rechts hinunter (捺 nà). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt. [Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.
Optionale BeispieleAuswirkungen auf andere BegriffeDer Einfluss der Kalligraphie auf die Malerei In dem Bestreben, sich von der professionellen, handwerklichen Malerei, die sich im allgemeinen durch starke Farbigkeit und eine sehr realistische Darstellung auszeichnete, zu distanzieren, setzten die Literaten eine Malerei (Xieyi-Stil, 寫意 xiěyì, wörtl.‚geschriebener Sinn/Bedeutung’), die sich nicht nur technisch sondern auch ästhetisch an der Kalligraphie orientierte. Die bildnerischen Mittel, insbesondere der Pinselstrich gewannen dadurch an Selbständigkeit und gestalterischen Eigenleben; die Darstellung wurde dem gewählten Pinselduktus angepasst. Diese Tendenz setzte sich in der Yuan元-Zeit (1271-1368) allgemein durch. Womit die Malerei von ihrer reinen Abbildfunktion und der unbedingten Forderung nach der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit befreit wurde. Wie schon die Kalligraphie wandelte sich das Bild damit zur „gestalteten Manifestation der Künstlerpersönlichkeit“.
[Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg. |
Anmerkungen
Literatur
[Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.[Chiang 1973a]Chiang, Yee (1973): Chinese Calligraphy – An Introduction to Its Aesthetic and Technique. Havard University Press, Cambridge, Massachusetts, London.[Ch’en 1966a]Ch’en, Chih-mai (1966): Chinese Calligraphers and Their Art. Melbourne University Press, Carlton.[Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York.[Kwo 1981a]Kwo, Da-wei (1981): Chinese Brushwork – Its History, Aesthetics and Techniques. Allanheld & Schram, Montclair.[Ledderose 1985a]Ledderose, Lothar (1985): Die Malerei der Literaten. In: Ledderose, L. (Hg.), Im Schatten hoher Bäume. Malerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911) aus der Volksrepublik China. Staatl. Kunsthalle, Baden-Baden.[Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Qiu 2000a]Qiu Xigui (2000): Chinese Writing. Birdtrack Press, New Haven.[Tseng 1993a]Tseng, Yu-ho (1993): A History of Chinese Calligraphy. Chinese University Press, Hongkong. Seitenbearbeitungen durch: Julia Nissen, Joerg R.J. Schirra, Sandra Gilgan und Marcel Lemmes — (Hinweis) |