Bildwissenschaftliche Abgrenzungen: Unterschied zwischen den Versionen
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An Vorschlägen, wie sich diese Erklärungsnot beseitigen ließe, mangelt es aufgrund des gestiegenen Interesses an bildwissenschaftlichen Grundsatzfragen nicht. Alleine im deutschsprachigen Raum sind in den vergangenen Jahren mehr als ein halbes Dutzend Entwürfe für eine allgemeine Theorie des Bildes vorgestellt worden.<ref>Vgl. <bib id='Böhme 1999a'></bib>; <bib id='Brandt 1999a'></bib>; <bib id='Belting 2002a'></bib>; <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>; <bib id='Huber 2004a'></bib>; <bib id='Scholz 2004a'></bib>; <bib id='Wiesing 2008a'></bib>; <bib id='Halawa 2008a'></bib>.</ref> Sie alle machen es sich zum Ziel, sämtliche Schwierigkeiten aufzulösen, die bei dem Versuch auftreten, dem Wesen des Bildbegriffs auf den Grund zu kommen. | An Vorschlägen, wie sich diese Erklärungsnot beseitigen ließe, mangelt es aufgrund des gestiegenen Interesses an bildwissenschaftlichen Grundsatzfragen nicht. Alleine im deutschsprachigen Raum sind in den vergangenen Jahren mehr als ein halbes Dutzend Entwürfe für eine allgemeine Theorie des Bildes vorgestellt worden.<ref>Vgl. <bib id='Böhme 1999a'></bib>; <bib id='Brandt 1999a'></bib>; <bib id='Belting 2002a'></bib>; <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>; <bib id='Huber 2004a'></bib>; <bib id='Scholz 2004a'></bib>; <bib id='Wiesing 2008a'></bib>; <bib id='Halawa 2008a'></bib>.</ref> Sie alle machen es sich zum Ziel, sämtliche Schwierigkeiten aufzulösen, die bei dem Versuch auftreten, dem Wesen des Bildbegriffs auf den Grund zu kommen. | ||
Obwohl sich zwischen einigen dieser Arbeiten starke inhaltliche Überschneidungen ausfindig machen lassen, ist die bildwissenschaftliche Debatte insgesamt noch weit von der Formulierung und Etablierung einer konsensfähigen allgemeinen Bildtheorie entfernt. So klar es ist, dass sich „[e]ine Wissenschaft, die sich ‚Bildwissenschaft‘ nennt, […] der Erforschung des Bildes [widmet]“ (<bib id='Wiesing | Obwohl sich zwischen einigen dieser Arbeiten starke inhaltliche Überschneidungen ausfindig machen lassen, ist die bildwissenschaftliche Debatte insgesamt noch weit von der Formulierung und Etablierung einer konsensfähigen allgemeinen Bildtheorie entfernt. So klar es ist, dass sich „[e]ine Wissenschaft, die sich ‚Bildwissenschaft‘ nennt, […] der Erforschung des Bildes [widmet]“ (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 9), so strittig ist es, „welche spezifischen Aufgaben, Inhalte oder Methoden mit ihr verbunden sein sollen“ (ebd.). | ||
Daraus folgt, dass sich die Bildwissenschaft auf der Suche nach ihren theoretischen, methodischen und disziplinären Grundlagen noch in einem „vorparadigmatischen Stadium“ (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: S. 12) befindet. Dieser Umstand bringt es mit sich, dass sich durch die gegenwärtige Bilddebatte ein Positionenstreit zieht, der streckenweise nicht nur überaus kontrovers ausgetragen wird, sondern zudem eine Reihe von bildwissenschaftlichen Profilen zu Tage fördert, die im Hinblick auf die Frage nach dem Sinn und Zweck bildwissenschaftlichen Forschens zu vollkommen unterschiedlichen Antworten gelangen.<ref>Eine besonders große Uneinigkeit herrscht zum Beispiel in Bezug auf die Frage, ob Bilder prinzipiell Zeichen sind und die Bildwissenschaft von daher in der Semiotik ihre wichtigste theoretische und methodische Grundlagendisziplin findet ([[Bildsemiotik]]).</ref> | Daraus folgt, dass sich die Bildwissenschaft auf der Suche nach ihren theoretischen, methodischen und disziplinären Grundlagen noch in einem „vorparadigmatischen Stadium“ (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: S. 12) befindet. Dieser Umstand bringt es mit sich, dass sich durch die gegenwärtige Bilddebatte ein Positionenstreit zieht, der streckenweise nicht nur überaus kontrovers ausgetragen wird, sondern zudem eine Reihe von bildwissenschaftlichen Profilen zu Tage fördert, die im Hinblick auf die Frage nach dem Sinn und Zweck bildwissenschaftlichen Forschens zu vollkommen unterschiedlichen Antworten gelangen.<ref>Eine besonders große Uneinigkeit herrscht zum Beispiel in Bezug auf die Frage, ob Bilder prinzipiell Zeichen sind und die Bildwissenschaft von daher in der Semiotik ihre wichtigste theoretische und methodische Grundlagendisziplin findet ([[Bildsemiotik]]).</ref> | ||
Version vom 25. Oktober 2010, 14:39 Uhr
Hauptpunkt zu: Bildtheorie/Bildwissenschaft/Bildkritik
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Wer sich heutzutage für bildwissenschaftliche Fragestellungen interessiert, sieht sich schnell mit einer schier unüberschaubaren Masse von Forschungsliteratur konfrontiert. Nachdem Gottfried Boehm und W.J.T. Mitchell in der ersten Hälfte der 1990er Jahre den iconic ([Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Auch wenn es zweifelhaft ist, dass sich „[e]rst im 20. Jahrhundert […] Ansätze für einen wissenschaftlichen Bilddiskurs aus[bildeten]“ ([Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin. Folgende Frage steht in diesem Zusammenhang im Mittelpunkt: Was ist ein Bild? ([Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Tatsächlich führt eine kritische Erörterung der Frage Was ist ein Bild? zu ähnlichen Erklärungsnöten, wie sie sich beispielsweise im Rahmen einer Reflexion auf die Frage Was ist Zeit? einstellen. Was Augustinus im Hinblick auf den Zeitbegriff eingestehen musste, lässt sich in gleicher Weise über den Begriff des Bildes sagen: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht“([Augustinus 2002a]Augustinus (2002): Was ist Zeit? Confessiones XI/Bekenntnisse 11. Meiner, Hamburg. An Vorschlägen, wie sich diese Erklärungsnot beseitigen ließe, mangelt es aufgrund des gestiegenen Interesses an bildwissenschaftlichen Grundsatzfragen nicht. Alleine im deutschsprachigen Raum sind in den vergangenen Jahren mehr als ein halbes Dutzend Entwürfe für eine allgemeine Theorie des Bildes vorgestellt worden.[2] Sie alle machen es sich zum Ziel, sämtliche Schwierigkeiten aufzulösen, die bei dem Versuch auftreten, dem Wesen des Bildbegriffs auf den Grund zu kommen. Obwohl sich zwischen einigen dieser Arbeiten starke inhaltliche Überschneidungen ausfindig machen lassen, ist die bildwissenschaftliche Debatte insgesamt noch weit von der Formulierung und Etablierung einer konsensfähigen allgemeinen Bildtheorie entfernt. So klar es ist, dass sich „[e]ine Wissenschaft, die sich ‚Bildwissenschaft‘ nennt, […] der Erforschung des Bildes [widmet]“ ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M. Daraus folgt, dass sich die Bildwissenschaft auf der Suche nach ihren theoretischen, methodischen und disziplinären Grundlagen noch in einem „vorparadigmatischen Stadium“ ([Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln. Ziel der nachstehenden Abschnitte ist es, die Heterogenität des bildwissenschaftlichen Diskussionsstandes übersichtlich und einführend darzustellen. Neben den theoretischen und methodischen Kernprämissen der wichtigsten Bilddisziplinen sollen außerdem die von ihnen anvisierten Aufgaben und Inhalte erläutert werden. Auch wenn sämtliche Unterpunkte dieses Themenabschnitts als eigenständige Beiträge gelesen werden können, soll diese Sektion dazu dienen, einen vergleichenden Überblick über die gegenwärtige bildwissenschaftliche Forschungssituation zu erlauben. Schließlich nimmt die Vielzahl von Bildbegriffen, die in den unterschiedlichen Bildkonzeptionen im Umlauf ist, einen entscheidenden Einfluss darauf, wie die Frage, was eine Bilddisziplin leisten kann und soll, im Einzelfall beantwortet wird.
AufteilungDie Uneinigkeit, die den bildwissenschaftlichen Forschungsdiskurs charakterisiert, lässt sich bereits im Hinblick auf die Frage, welcher Oberbegriff für die wissenschaftliche Erforschung des Bildes gewählt werden sollte, beobachten. Dass das Wort ‚Bildwissenschaft‘ „in den letzten Jahren zu einem oft pauschal eingesetzten Sammelbegriff für jegliche Art der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Bildern geworden [ist]“ ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Lambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mit Hilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R.J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in Bilderwissenschaft vs. Bildwissenschaft für sinnvoll, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch grundsätzlich voneinander unterscheiden. Was Wiesing und Sachs-Hombach/Schirra für den Bereich der Philosophie demonstrieren, lässt sich nun ebenfalls auf dem Gebiet der Kunstgeschichte beobachten. So nutzt der Kunsthistoriker Hans Belting seine bildwissenschaftlichen Untersuchungen in einer ausgesprochen reformatorischen Absicht: Sein Ziel ist es, der Kunstgeschichte durch eine historische Reflexion auf den Bildbegriff sowohl in inhaltlicher als auch in methodischer Hinsicht ein neues Gesicht zu geben: Kunstgeschichte als Bildgeschichte. Wie das Beispiel Hans Beltings zeigt, repräsentiert die philosophische Erörterung allgemeiner Bildfragen lediglich eine von vielen weiteren Facetten bildwissenschaftlichen Forschens; und auch wenn sich in ihr eine ausgesprochen populäre Annäherung an das Phänomen des Bildes widerspiegelt, ist sie keineswegs unumstritten. Einer der schärfsten Kritiker ist der Kunsthistoriker Horst Bredekamp: das Wort ‚Bildwissenschaft‘ verbindet er in erster Linie mit einer lange Zeit „vernachlässigten Tradition“ ([Bredekamp 2003a]Bredekamp, Horst (2003): A Neglected Tradition? Art History as Bildwissenschaft. Critical Inquiry, 29, 3. Was Horst Bredekamp und Hans Belting unter überwiegend kunsthistorischen Vorzeichen realisieren möchten, eruiert Gottfried Boehm an der Schnittstelle zwischen Kunstgeschichte und Philosophie. Ebenso wie Bredekamp begreift Boehm die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bild als ein sprachkritisches Unternehmen: Bildwissenschaft als Sprach- und Bildkritik.
Sonstiges...
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Unterpunkte
Anmerkungen
Literatur
[Alloa 2011a]Alloa, Emmanuel (2011): Das durchscheinende Bild. Konturen einer medialen Phänomenologie. diaphanes, Zürich/Berlin.[Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München.[Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.[Boehm 1994c]Boehm, Gottfried (Hg.) (1994): Was ist ein Bild?. Fink, München.[Brandt 1999a]Brandt, Reinhard (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Sehen und Erkennen – Vom Spiegel zum Kunstbild. Carl Hanser, München.[Böhme 1999a]Böhme, Gernot (1999): Theorie des Bildes. Wilhelm Fink, München.[Halawa 2008a]Halawa, Mark A. (2008): Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs. Halem, Köln.[Huber 2004a]Huber, Hans Dieter (2004): Bild Beobachter Milieu. Entwurf einer allgemeinen Bildwissenschaft. Hatje Cantz, Ostfildern.[Husserl 2006a]Husserl, Edmund (2006): Phantasie und Bildbewußtsein. Felix Meiner, Hamburg.[Hüppauf & Wulf 2006a]Hüppauf, Bernd & Wulf, Christoph (2006): Warum Bilder die Einbildungskraft brauchen. In: Hüppauf, B. & Wulf, C. (Hg.), Bild und Einbildungskraft. Fink, München.[Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Mitchell 1986a]Mitchell, William J.T. (1986): Iconology. Image, Text, Ideology. University of Chicago Press, Chicago, London.[Neuber 2010a]Neuber, Simone (2010): Versuch einer einleitenden historisch-semantischen Rekonstruktion. In: Neuber, S. & Veressov, R. (Hg.), Das Bild als Denkfigur. Funktionen des Bildbegriffs in der Philosophie.[Platon 2008a]Platon (2008): Politeia. In: Wolf, U. (Hg.), Sämtliche Werke, Band 2. Rowohlt, Reinbek.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Sachs-Hombach 2005a]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Sachs-Hombach 2005b]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra und Franziska Kurz — (Hinweis) |