Virtualität: Unterschied zwischen den Versionen

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Der Begriff Virtualität leitet sich aus dem lateinischen virtus ab. Virtus gibt auf Basis der lateinischen Bibelübersetzung die griechischen Wörter dynamis (δύναμις) bzw. dynaton (δυνατόν) wieder und fügt den Grundbedeutungen Tugend, Mannheit, Tüchtigkeit und Tapferkeit den Aspekt der Kraft, des Vermögens, hinzu (vgl. Okolowitz 2006: 35f./ vgl. Roth 2000: 33f.). <br>
Die moderne Übersetzung von Virtualität bezieht sich auf das Feld der Möglichkeit. In dieser Perspektive kommen dem Adjektiv virtuell folgende Bedeutungen zu: „entsprechend seiner Anlage als Möglichkeit vorhanden, die Möglichkeit zu etw. in sich begreifend“ (Duden 1999: 4331) und „nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend, dem Auge, den Sinnen vortäuschend“ (Duden 1999: 4331). <br>
Bei Bergson allerdings – wie schon zuvor bei Leibniz und später erneut bei Deleuze – findet sich die Abgrenzung des Virtuellen vom Möglichen, denn „das so verstandene Mögliche gehört in keinem Grad zum Virtuellen“ (Bergson 1948: 122). Clara Völker erklärt diese Aussage in ihrer Ideengeschichte der Virtualität folgendermaßen: „Während das Mögliche zeitlich nach dem Wirklichen entsteht, [...] ist das Virtuelle zeitlich vor dem Wirklichen existent, [...] und tritt nur durch etwas Aktuelles in Erscheinung“ (Völker 2010: 210). Dies zeigt, dass der Versuch, Realität und Virtualität durch Begriff wie Potentialität, Möglichkeit, Wirklichkeit, dynamis oder energeia klar voneinander abzugrenzen, kaum durchzuhalten ist. Dies ist dem Paradigma der Zweiteilung des Seins zuzuweisen, dass schon in der Philosophie des Aristoteles auftaucht, dessen Begriffe der dynamis (Vermögen) und energeia (wirkliche Tätigkeit) als die Bausteine der Wirklichkeit sich jedoch nicht gegenüberstehen, sondern zusammengedacht werden müssen. <br>
In der Verbindung der Konzepte Realität und Virtualität kommt dem Begriff der Virtuellen Realität schließlich eine technikbasierte Eigenbedeutung zu, als „vom Computer simulierte, künstliche Welt, in die sich jmd. mithilfe der entsprechenden technischen Ausrüstung scheinbar hineinversetzen kann“ (Duden 1999: 4331).
 
 


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Version vom 6. September 2010, 17:51 Uhr

Unterpunkt zu: Medientheorien: Übersicht


Begriffsstruktur

Der Begriff Virtualität leitet sich aus dem lateinischen virtus ab. Virtus gibt auf Basis der lateinischen Bibelübersetzung die griechischen Wörter dynamis (δύναμις) bzw. dynaton (δυνατόν) wieder und fügt den Grundbedeutungen Tugend, Mannheit, Tüchtigkeit und Tapferkeit den Aspekt der Kraft, des Vermögens, hinzu (vgl. Okolowitz 2006: 35f./ vgl. Roth 2000: 33f.).
Die moderne Übersetzung von Virtualität bezieht sich auf das Feld der Möglichkeit. In dieser Perspektive kommen dem Adjektiv virtuell folgende Bedeutungen zu: „entsprechend seiner Anlage als Möglichkeit vorhanden, die Möglichkeit zu etw. in sich begreifend“ (Duden 1999: 4331) und „nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend, dem Auge, den Sinnen vortäuschend“ (Duden 1999: 4331).
Bei Bergson allerdings – wie schon zuvor bei Leibniz und später erneut bei Deleuze – findet sich die Abgrenzung des Virtuellen vom Möglichen, denn „das so verstandene Mögliche gehört in keinem Grad zum Virtuellen“ (Bergson 1948: 122). Clara Völker erklärt diese Aussage in ihrer Ideengeschichte der Virtualität folgendermaßen: „Während das Mögliche zeitlich nach dem Wirklichen entsteht, [...] ist das Virtuelle zeitlich vor dem Wirklichen existent, [...] und tritt nur durch etwas Aktuelles in Erscheinung“ (Völker 2010: 210). Dies zeigt, dass der Versuch, Realität und Virtualität durch Begriff wie Potentialität, Möglichkeit, Wirklichkeit, dynamis oder energeia klar voneinander abzugrenzen, kaum durchzuhalten ist. Dies ist dem Paradigma der Zweiteilung des Seins zuzuweisen, dass schon in der Philosophie des Aristoteles auftaucht, dessen Begriffe der dynamis (Vermögen) und energeia (wirkliche Tätigkeit) als die Bausteine der Wirklichkeit sich jedoch nicht gegenüberstehen, sondern zusammengedacht werden müssen.
In der Verbindung der Konzepte Realität und Virtualität kommt dem Begriff der Virtuellen Realität schließlich eine technikbasierte Eigenbedeutung zu, als „vom Computer simulierte, künstliche Welt, in die sich jmd. mithilfe der entsprechenden technischen Ausrüstung scheinbar hineinversetzen kann“ (Duden 1999: 4331).




Engere Begriffsbestimmung
Auswirkungen auf andere Begriffe

Subjektivität
Realität
Simulation
Bild
Raum
Interaktivität
Immersion


Literatur

Bergson, Henri (1948): Das Mögliche und das Wirkliche. In: ders., Denken und Schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge. Meisenheim am Glan: Hain. S. 110-125.
Böhme, Gernot (2004): Der Raum leiblicher Anwesenheit und der Raum als Medium von Darstellung, in: Krämer, Sybille (Hrsg.): Performativität und Medialität, München: Wilhelm Fink, S.129-140.
Deleuze, Gilles (1992): Differenz und Wiederholung. München: Wilhelm Fink.
Duden (1999): Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden, Mannheim, S.4331.
Heider, Don (Hrsg.): (2009): Living Virtually. Researching New Worlds, (Digital formations vol. 47), New York: Peter Lang Publishing.
Luhmann, Niklas (1993): Die Form der Schrift. In: Schrift, herausgegeben von Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer. München: Fink. S. 349-366.
Metzinger, Thomas (1999): Subjekt und Selbstmodell. Die Perspektivität phänomenalen Bewusstseins vor dem Hintergrund einer naturalistischen Theorie mentaler Repräsentation, Paderborn: mentis.
Metzinger, Thomas (2000): Philosophische Perspektiven auf das Selbstbewusstsein: Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität. In W. Greve (Hrsg.), Psychologie des Selbst. Psychologie Verlagsunion. Zitiert aus der überarbeiteten Version. Veröffentlicht in: http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/, S. 1-25.
Okolowitz, Herbert (2006): Virtualität bei G.W. Leibniz. Eine Retrospektive, (Diss. Universität Augsburg). Veröffentlicht in: http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=98278726X, S. 1-197.
Roth, Peter (2000): Virtualis als Sprachschöpfung mittelalterlicher Theologen, in: Die Anwesenheit des Abwesenden. Theologische Annäherungen an Begriff und Phänomene von Virtualität, Roth, Peter; Schreiber, Stefan; Siemons, Stefan (Hrsg.), Augsburg: Wißner, S.33-42.
Schwingeler, Stephan (2008): Die Raummaschine. Raum und Perspektive im Computerspiel (Reihe Game Studies), Boizenburg: Werner Hülsbusch.
Vaihinger, Dirk (1997): Virtualität und Realität – Die Fiktionalisierung der Wirklichkeit und die unendliche Information. In: Künstliche Paradiese, Virtuelle Realitäten. Künstliche Räume in Literatur-, Sozial-, und Naturwissenschaften. Herausgegeben von Holger Krapp und Thomas Wägenbaur. München: Wilhelm Fink, S. 19-43.
Völker, Clara (2010): Mobile Medien. Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von Virtualität. Bielefeld: Transcript.


Anmerkungen
Literatur
[Aristoteles 1997a]Aristoteles (1997): Poetik. Griechisch/​Deutsch. Reclam, Stuttgart.[Bergson 1948a]Bergson, Henri (1948): Das Mögliche und das Wirkliche. In: Bergson, H. (Hg.), Denken und Schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge. Hain, Meisenheim am Glan.[Böcking 2008a]Böcking, Saskia (2008): Grenzen der Fiktion? Von Suspension of Disbelief zu einer Toleranztheorie für die Filmrezeption. Halem, Köln.[Böhme 2004a]Böhme, Gernot (2004): Der Raum leiblicher Anwesenheit und der Raum als Medium von Darstellung. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Wilhelm Fink, München.[Duden 2013a]Duden (2013): Homepage. Dudenverlag, Mannheim.[Eco 1998b]Eco, Umberto (1998): Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten. dtv, München.[Esposito 1998a]Esposito, Elena (1998): Fiktion und Virtualität. In: Krämer, S. (Hg.), Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Gemoll & Vretska 2006a]Gemoll, Wilhelm & Vretska, Karl (2006): Gemoll. Griechisch-deutsches Schulwörterbuch und Handwörterbuch. Oldenbourg Schulbuchverlag, München.[Heider 2009a]Heider, Don (2009): Living Virtually. Researching New Worlds. Peter Lang Publishing, New York.[Huber 2004a]Huber, Hans Dieter (2004): Bild Beobachter Milieu. Entwurf einer allgemeinen Bildwissenschaft. Hatje Cantz, Ostfildern.[Ingarden 1962a]Ingarden, Roman (1962): Untersuchungen zur Ontologie der Kunst. Musikwerk – Bild – Architektur – Film. Max Niemeyer, Tübingen.[Kemp 1985a]Kemp, Wolfgang (1985): Verständlichkeit und Spannung. Über Leerstellen in der Malerei des 19. Jahrhunderts. In: Kemp, W. (Hg.), Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft und Rezeptionsästhetik. DuMont, Köln.[Luhmann 1993a]Luhmann, Niklas (1993): Die Form der Schrift. In: Gumbrecht, H. U. & Pfeiffer, K. L. (Hg.), Schrift. Fink, München.[Metzinger 2000a]Metzinger, Thomas (2000): Philosophische Perspektiven auf das Selbstbewusstsein: Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität. In: Greve, W. (Hg.), Psychologie des Selbst. Beltz PVU, Weinheim.[Okolowitz 2006a]Okolowitz, Herbert (2006): Virtualität bei G.W. Leibniz. Eine Retrospektive.[Roth 2000a]Roth, Peter (2000): Virtualis als Sprachschöpfung mittelalterlicher Theologen. In: Roth, P. & Schreiber, S. & Siemons, S. (Hg.), Die Anwesenheit des Abwesenden. Theologische Annäherungen an Begriff und Phänomene von Virtualität. Wißner, Augsburg.[Ryan 2001a]Ryan, Marie-Laure (2001): Narrative as Virtual Reality. Immersion and Interactivity in Literature and Electronic Media. The Johns Hopkins University Press, Baltimore, London.[Schirra 1995a]Schirra, Jörg R.J. (1995): Understanding Radio Broadcasts On Soccer. The Concept »Mental Image« and Its Use in Spatial Reasoning. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bilder im Geiste: Zur kognitiven und erkenntnistheoretischen Funktion piktorialer Repräsentationen. Rodopi, Amsterdam.[Schwingeler 2008a]Schwingeler, Stephan (2008): Die Raummaschine. Raum und Perspektive im Computerspiel. Werner Hülsbusch, Boizenburg.[Stowasser et al. 1998a]Stowasser, J. M. & Petschenig, M. & Skutsch, Fr. (1998): Stowasser. Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch. In: Stowasser & Petschenig & Skutsch (Hg.), Sto­wasser. La­tei­nisch-​Deutsches Schul­wörter­buch. Oldenbourg Schulbuchverlag, München.[Vaihinger 1997a]Vaihinger, Dirk (1997): Virtualität und Realität – Die Fiktionalisierung der Wirklichkeit und die unendliche Information. In: Krapp, H. & Wägenbaur, T. (Hg.), Künstliche Paradiese, virtuelle Realitäten. Künstliche Räume in Literatur-, Sozial-, und Naturwissenschaften. Wilhelm Fink, München.[Völker 2010a]Völker, Clara (2010): Mobile Medien. Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von Virtualität. Transcript, Bielefeld.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Patrick Kruse

Lars Grabbe