Skulptur: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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==Skulptur im erwei­terten Feld==
==Skulptur im erwei­terten Feld==


Die Problematisierung der Beziehung von Skulptur und Raum begegnet ab den 1960er Jahren erneut in der Land Art, der Minimal Art und der Installationskunst. Die Vielzahl neuer künstlerischer Strategien führt zu einer Ausweitung der genutzten Materialien und auch des Skulpturbegriffs. Neben Alltagsgegenständen wird innerhalb von Body Art und [[Performance|Performance]]-Kunst auch der Körper der Künstler zur Skulptur, was sich in der auf die Inszenierungen von Gilbert & George ([https://www.google.de/search?client=safari&rls=en&q=living+sculptures+gilbert+and+george&oe=UTF-8&gfe_rd=cr&hl=de&sa=X&oi=image_result_group&ei=5EOSVdHZMaO6ygOx5YWYDw&ved=0CBQQsAQ&tbm=isch&gws_rd=cr]) gemünzten Bezeichnung ‘living sculptures’ verbal manifestiert. Der Langlebigkeit der traditionellen Materialien Stein, Marmor oder Bronze werden weiche, leicht formbare Stoffe und Textilien sowie auch flüchtige Materialien wie Wasser, Luft und Licht entgegengesetzt.<ref>Zur Entmaterialisierung des Kunstwerks vgl. <bib id='Lippard 1997a'></bib>, <bib id='Rübel 2012a'></bib> und <bib id='Porter 2014a'></bib>.</ref> Postmoderne Theoretiker haben versucht, das Phänomen der „Skulptur im erweiterten Feld“<ref>Rosalind Krauss’ gleichnamiger Aufsatz wirbt dafür, Skulptur nicht als ''umbrella term'', sondern als eine Position im erweiterten Feld der dreidimensionalen künstlerischen Strategien der Postmoderne anzusehen; vgl. <bib id='Krauss 2000b'></bib>.</ref> neu zu fassen, so zum Beispiel Donald Judd mit seiner Idee des Objekts (vgl. <bib id='Judd 1986a'></bib>).  
Die Proble&shy;mati&shy;sierung der Bezie&shy;hung von Skulptur und Raum begeg&shy;net ab den 1960er Jahren erneut in der Land Art, der Mini&shy;mal Art und der Instal&shy;lations&shy;kunst. Die Vielzahl neuer künstle&shy;rischer Strate&shy;gien führt zu einer Auswei&shy;tung der genutz&shy;ten Mate&shy;rialien und auch des Skulptur&shy;begriffs. Neben Alltags&shy;gegen&shy;ständen wird inner&shy;halb von Body Art und [[Performance|Perfor&shy;mance]]-&#8203;Kunst auch der Körper der Künstler zur Skulptur, was sich in der auf die Insze&shy;nierungen von Gilbert & George ([https://www.google.de/search?client=safari&rls=en&q=living+sculptures+gilbert+and+george&oe=UTF-8&gfe_rd=cr&hl=de&sa=X&oi=image_result_group&ei=5EOSVdHZMaO6ygOx5YWYDw&ved=0CBQQsAQ&tbm=isch&gws_rd=cr]) gemünz&shy;ten Bezeich&shy;nung ‘living sculptures’ verbal mani&shy;festiert. Der Langle&shy;bigkeit der tradi&shy;tionel&shy;len Materi&shy;alien Stein, Marmor oder Bronze werden weiche, leicht formba&shy;re Stoffe und Texti&shy;lien sowie auch flüchti&shy;ge Mate&shy;riali&shy;en wie Wasser, Luft und Licht entge&shy;genge&shy;setzt.<ref>Zur Ent&shy;ma&shy;te&shy;ri&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung des Kunst&shy;werks vgl. <bib id='Lippard 1997a'>Lip&shy;pard 1997a</bib>, <bib id='Rübel 2012a'>Rü&shy;bel 2012a</bib> und <bib id='Porter 2014a'>Por&shy;ter 2014a</bib>.</ref> Postmo&shy;derne Theore&shy;tiker haben versucht, das Phäno&shy;men der „Skulptur im erwei&shy;terten Feld“<ref>Ro&shy;sa&shy;lind Krauss’ gleich&shy;na&shy;mi&shy;ger Auf&shy;satz wirbt da&shy;für, Skulp&shy;tur nicht als ''um&shy;brella term'', son&shy;dern als ei&shy;ne Po&shy;si&shy;ti&shy;on im er&shy;wei&shy;ter&shy;ten Feld der drei&shy;di&shy;men&shy;si&shy;o&shy;na&shy;len kün&shy;stle&shy;ri&shy;schen Stra&shy;te&shy;gi&shy;en der Post&shy;mo&shy;der&shy;ne an&shy;zu&shy;se&shy;hen; vgl. <bib id='Krauss 2000b'></bib>.</ref> neu zu fassen, so zum Beispiel Donald Judd mit seiner Idee des Objekts (vgl. <bib id='Judd 1986a'></bib>).  
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[[Datei:Hanson.jpg|thumb|Abbildung 3: Duane Hanson, «Men on Bench» (1977)]]  
[[Datei:Hanson.jpg|thumb|Abbildung 3: Duane Hanson, «Men on Bench» (1977)]]  
Trotz Abstraktion und Diversifikation der Skulptur im 20. Jahrhundert vermag das dreidimensionale Medium immer noch zu irritieren. In der zeitgenössischen Kunst artikuliert zum Beispiel der Hyperrealismus eines Duane Hanson oder Ron Muck nach wie vor die der Skulptur innewohnende Herausforderung, Artefakt von Fakt zu unterscheiden (vgl. Abb. 3).
Trotz Ab&shy;strak&shy;ti&shy;on und Di&shy;ver&shy;si&shy;fi&shy;ka&shy;ti&shy;on der Skulp&shy;tur im 20. Jahr&shy;hun&shy;dert ver&shy;mag das drei&shy;di&shy;men&shy;si&shy;o&shy;na&shy;le Me&shy;di&shy;um im&shy;mer noch zu ir&shy;ri&shy;tie&shy;ren. In der zeit&shy;ge&shy;nös&shy;si&shy;schen Kunst ar&shy;ti&shy;ku&shy;liert zum Bei&shy;spiel der Hy&shy;per&shy;re&shy;a&shy;lis&shy;mus eines Du&shy;ane Han&shy;son oder Ron Muck nach wie vor die der Skulp&shy;tur in&shy;ne&shy;woh&shy;nen&shy;de He&shy;r&shy;aus&shy;for&shy;de&shy;rung, Ar&shy;te&shy;fakt von Fakt zu un&shy;ter&shy;schei&shy;den (vgl. Abb. 3).


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Version vom 13. Juli 2015, 21:51 Uhr

Unterpunkt zu: Bildmedien


Einleitung/Definition

Die Skulptur als Medium gehört neben der Archi­tektur, der Male­rei und der Druck­grafik zu den tradi­tionel­len Bild­künsten. Im ety­molo­gischen Sinne meint ‘Skulptur’ „ein durch Aus­hauen oder als Schnitze­rei aus festem Stoff entstan­denes dreidi­mensio­nales körper­haftes Kunstwerk“ ([Dürre 2007a]Dürre, Stefan (2007): Skulptur – Plastik – Bildhauerei. In: Dürre, S. (Hg.), Seemanns Lexikon der Skulptur. Seemann, Leipzig.
: S. 6) und wird mit der Plastik kontras­tiert, die addi­tive bildhau­eri­sche Verfah­ren wie zum Beispiel das Model­lieren oder Gusstech­niken benennt. Diese Begriffs­trennung, die sich auf die latei­nischen respek­tive griechi­schen Bezeich­nungen für die tradi­tionel­len Verfah­ren der Bild­haue­rei bezieht, ist mittler­weile nicht nur alltags­sprachlich aufge­löst.[1] Das Aufkom­men neuer Techni­ken, die sich nicht mehr der tradi­tionel­len subtrak­tiven oder addi­tiven Verfah­ren bedie­nen, lässt die Begriffs­trennung für die Kunstwis­senschaft nicht mehr produk­tiv erschei­nen.[2] Die Plastik wird daher zuneh­mend unter dem Begriff »Skulptur« sub­sumiert, der auch das Relief und so zum Beispiel auch die Münz- und Medail­lenkunst mit ein­schließt. Alex Potts’ iro­nisie­rende Defi­nition der Skulptur als „some­thing diffe­rent from painting“ ([Potts 2000a]Potts, Alex (2000): The Sculptural Imagination. Yale University Press, London/New Haven.
: S. ix) ist charak­teris­tisch für das Medium, das in der Theorie lange Zeit nur in Abgren­zung, Vergleich und Wett­streit zu seiner Schwester­kunst Male­rei gedacht wurde.[3] Wie Jens Schröter bemerkt, proble­mati­siert die Skulptur als Bild oder Bildwerk, als das sie histo­risch bezeich­net wurde, noch heute den Plano­zentris­mus auch aktu­eller Bild­defi­niti­onen ([Schröter 2006a]Schröter, Jens (2006): Wie man Skulpturen rendern soll. Zur Geschichte der transplanen Reproduktion. In: Winter, G.; Schröter, J. & Spies, C. (Hg.), Skulptur – Zwischen Realität und Virtualität. Fink , München.
: S. 237-​239, vgl. auch [Dobbe 2003a]Dobbe, Martina (2003): Das verkörperte Auge. Einige bildwissenschaftliche Fragen an das Medium Plastik. In: Dobbe, M. & Gendolla, P. (Hg.), Winter-Bilder. Zwischen Motiv und Medium. Festschrift für Gundolf Winter zum 60. Geburtstag. Universi, Siegen.
: S. 260-​261).


Dispositive der Skulptur

Als Ursprung der Skulptur gibt Leon Battis­ta Alber­ti in «Das Standbild/​De Statua» das Ent­decken von dreidi­mensio­nalen Bildern in der Natur an, beispiels­weise der Ähnlich­keit eines Erdklum­pens oder eines Baumstam­mes mit einem Menschen ([Alberti 2000a]Alberti, Leon Battista (2000): De Statua – Das Standbild. In: Bätschmann, O. & Schäublin, C. (Hg.), Das Standbild. Die Malkunst. Grundlagen der Malerei. WBG, Darmstadt.
: S. 143). Ein Bezug zur Ätio­logie der Skulptur ist aber auch in einem der von Alber­ti ange­gebe­nen Ursprungs­mythen der Male­rei zu finden, der Praktik nämlich, Schatten­risse anzu­ferti­gen. Nach Plinius’ «Natur­geschich­te» (35. Buch, XLIII/​§151) zeichne­te die Tochter des Töpfers Buta­des anläss­lich der Abrei­se ihres Gelieb­ten dessen Schatten­umriss auf der Wand nach. Buta­des soll darauf­hin den zweidi­mensio­nalen Schatten­riss mit Ton aufge­füllt und so ein dreidi­mensio­nales Abbild des Herbei­gesehn­ten geschaf­fen haben (vgl. dazu [Gombrich 1996a]Gombrich, Ernst (1996): Schatten. Wagenbach, Berlin.
: S. 35 und [Baxandall 1998a]Baxandall, Michael (1998): Löcher Im Licht. Wilhelm Fink, München.
: S. 75). Der Buta­des-​Mythos betont zum einen die Entste­hung des dreidi­mensio­nalen Mediums aus dem zweidi­mensio­nalen, zum ande­ren weist er auf die Funktion der Skulptur als mime­tisches Abbild und Stellver­treter der verkör­perten Person hin.[4] Diese Verknüp­fung zeigt sich auch in der Verwen­dung von Denkmä­lern, Grab­reliefs und Ima­gines oder in der Praxis, Toten­masken und Effi­gien herzu­stellen ([Büttner 2002a]Büttner, Andreas (2002): Vom Körper zum Raum. Einige Anmerkungen zu den medialen Möglichkeiten der Plastik. In: Mai, E. (Hg.), Wettstreit der Künste. Edition Minerva, Wolfratshausen.
: S. 44).

Die Spannung des Verhält­nisses von Darstel­lendem und Darge­stelltem im Fall der Skulptur wird in mehrfa­chem Sinne anhand des Pygma­lion​-Mythos deutlich. Der zypri­oti­sche Bild­hauer Pygma­lion, promi­nent in Ovids «Meta­morpho­sen» (X, 243-​297) einge­fangen, erschafft eine Frauen­figur aus Elfen­bein, die so leben­dig wirkt, dass er sich in sie verliebt, was die Göttin Venus schließ­lich dazu bewegt, selbi­ge zum Leben zu erwe­cken. Wie Viktor I. Stoichi­ta zeigt, wird das Motiv der Verle­bendi­gung einer Skulptur inner­halb der «Meta­morpho­sen» mit dem Motiv der Verstei­nerung verknüpft (vgl. [Stoichita 2008a]Stoichita, Victor I. (2008): The Pygmalion Effect. Chicago University Press, Chicago.
: S. 9); Ovid schildert den Pyg­malion-​Mythos als Trauer­gesang des Orpheus in Reaktion auf die Verstei­nerung seiner Frau Eury­dike. Die Moti­ve der Verstei­nerung und Verle­bendi­gung exem­plifi­zieren das Problem der ikoni­schen Diffe­renz im Medium Plastik. Die Skulptur ist als Bild im Realraum präsent, die Masse von Darge­stelltem und Darstel­lendem kann iden­tisch sein ([Potts 2000a]Potts, Alex (2000): The Sculptural Imagination. Yale University Press, London/New Haven.
: S. 35). Stoichi­ta liest daher die Pyg­malion-​Erzäh­lung als Triumph des Bildes über das Ding; die imi­tatio natu­rae, poten­ziert durch körper­liche Präsenz, ist so über­zeugend, dass zwischen Kunst und Wirklich­keit nicht mehr unter­schieden werden kann.[5]


Paragone

Die Realprä­senz der Skulptur wird auch im Para­gone von Male­rei und Skulptur als Argu­ment ange­führt. Der Para­gone entwi­ckelte sich in der ita­lieni­schen Renais­sance als Folge der Etab­lierung der vormals als Handwerk gelten­den Künste Male­rei, Skulptur und Archi­tektur als artes libe­rales. Erste Argu­mente im Rahmen dieses Wett­streits prägt Alber­ti, der die Male­rei als Lehre­rin aller Künste bezeich­net und so die Skulptur herab­setzt ([Alberti 2000a]Alberti, Leon Battista (2000): De Statua – Das Standbild. In: Bätschmann, O. & Schäublin, C. (Hg.), Das Standbild. Die Malkunst. Grundlagen der Malerei. WBG, Darmstadt.
: S. 237). Zu­gunsten der Skulptur urteilt hinge­gen etwa Gian Loren­zo Berni­ni:

Skulptur ist Wahrheit, das muß selbst ein Blinder zuge­ben. Aber Male­rei ist Blend­werk, Lüge (Gian Loren­zo Berni­ni zit. nach: [Trier 1980a]Trier, Eduard (1980): Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert. Gebrüder Mann, Berlin.
Notiz: 2. Auflage
: S. 183).

Als Vorzüge der Skulptur werden Haltbar­keit, Dreidi­mensio­nali­tät und Vielan­sichtig­keit ange­führt.[6] Demge­genüber argu­mentiert Leo­nardo da Vinci, dass die räumli­che Präsenz der Skulptur nicht von Wahrheit zeuge und weni­ger Genie erfor­dere. Im Gegen­satz zur Male­rei falle die Skulptur wesent­lich bloß mit ihrem Erschei­nungsbild in eins. Zudem sei bei der Skulptur das Sujet durch das Medium limi­tiert, da dieses weder Farbe noch Licht noch Flüchti­ges adä­quat wieder­geben könne. Produk­tionsäs­thetisch führt der Para­gone bei der Skulptur zur Beto­nung der Dreidi­mensio­nali­tät durch komple­xe Torsi­onen und Verschlin­gungen von Körpern im Raum. Die Male­rei hinge­gen sucht im Kontext des Para­gone ihre Über­legen­heit durch eine mittels inner­bildli­cher Spiege­lungen vorge­führte Vielan­sichtig­keit oder durch das Motiv der drei Grazien zu demon­strieren. Im 18. und 19. Jahrhun­dert wurden dane­ben auch Darstel­lungen Pygma­lions, d.h. der Moment der Verle­bendi­gung der Figu­rine, genutzt, um die Starrheit der Skulptur mit dem leben­digen Kolo­rit der Male­rei zu konfron­tieren (vgl. [Preimesberger 2002a]Preimesberger, Rudolf (2002): Liebe zu Skulptur und Malerei. Vincenzo Giustiniani (1565-1637). Ein Sammler und seine Sammlung. In: Mai, E. (Hg.), Wettstreit der Künste. Malerei und Skulptur von Dürer bis Daumier. Edition Minerva, Wolfratshausen.
: S. 105f.).

Abbildung 1: «Laokoon»

Der Ver­gleich der Skulp­tur mit an­de­ren Kün­sten fin­det sich im 18. Jahr­hun­dert u.a. in Les­sings Schrift «La­o­ko­on oder über die Gren­zen der Mah­le­rey und Po­e­sie» (1766) wie­der. Les­sing fasst un­ter Ma­le­rei „die bil­den­den Kün­ste über­haupt“ ([Lessing 1974a]Lessing, Gotthold Ephraim (1974): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: Göpfert, H. G. (Hg.), Werke, Bd. 6. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Erstveröffentlichung 1766
: S. 11) und kon­tras­tiert die­se mit der Dich­tung. Ziel sei­ner Aus­füh­run­gen, mit de­nen er auf Jo­hann Jo­a­chim Win­kel­manns Deu­tung der La­o­ko­on-​Grup­pe (vgl. Abb. 1) re­a­giert, ist nicht ei­ne Hier­ar­chi­sie­rung der Kün­ste, son­dern Dif­fe­ren­zie­rung der gat­tungs­ei­ge­nen Qua­li­tä­ten. Be­sag­te Grup­pe dient als An­schau­ungs­bei­spiel für Les­sings The­se, dass die Skulp­tur Zeit­lich­keit und so­mit auch Hand­lung nicht (oder zu­min­dest nicht di­rekt) dar­stel­len kön­ne. Zur Darstel­lung einer Geschich­te müsse man daher wie im Fall der Laokoon-​Gruppe einen „Augen­blick“ aus der Handlung und zwar den „prägnan­testen wählen, aus welchem das Vorher­gehende und das Folgen­de am begreif­lichsten wird“ ([Lessing 1974a]Lessing, Gotthold Ephraim (1974): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: Göpfert, H. G. (Hg.), Werke, Bd. 6. Hanser, München.
Nicht angezeigt: Erstveröffentlichung 1766
: S. 103). Weni­ge Jahre nach Lessing verfasst Herder die Schrift «Plastik. Eini­ge Wahrneh­mungen über Form und Gestalt aus Pygma­lions Bilden­dem Traume» (1778). Wie schon Berni­ni führt er als Refe­renzpunkt der Wahrneh­mung von dreidi­mensio­naler Kunst einen blinden Rezi­pienten an. Er kontras­tiert nicht Male­rei und Skulptur, sondern die Wahrneh­mung durch das „Gesicht“ (also durch die Augen) mit der Wahrneh­mung durch das „Gefühl“.[7] Auf der Basis seines Credos „Im Gesicht ist Traum. Im Gefühl ist Wahrheit“ ([Herder 1969a]Herder, Johann Gottfried (1969): Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions Bildendem Traume. Jakob Hegner, Köln.
: S. 38) schreibt Herder damit die „first modern pheno­meno­logy of the sculptu­ral“ ([Potts 2000a]Potts, Alex (2000): The Sculptural Imagination. Yale University Press, London/New Haven.
: S. 28).


Skulptur und (Betrachter-)​Raum

Abbildung 2: Rodin «Bürger von Calais»

Das Ver­hält­nis von Skulp­tur und Raum wird in The­o­rie und Pra­xis erst um 1900 re­flek­tiert. In «Das Pro­blem der Form in der bil­den­den Kunst» (1893) be­schreibt Adolf von Hil­de­brand die pro­duk­ti­ons- und re­zep­ti­ons­äs­the­ti­sche Re­le­vanz die­ses Ver­hält­nis­ses, wo­bei die Idee des rich­ti­gen Be­trach­tungs­punk­tes im Zen­trum steht ([Hildebrand 1893a]Hildebrand, Adolf von (1893): Das Problem der Form in der bildenden Kunst. Heitz , Strassburg.
). Na­he­zu gleich­zei­tig wird der Raum in den Wer­ken Au­guste Ro­dins the­ma­ti­siert. Sein Œuv­re wird seit Ro­sa­lind Krauss’ Mo­no­gra­phie «Pas­sa­ges in Mo­dern Sculp­ture» (1977) als Aus­gangs­punkt der mo­der­nen Skulp­tur be­trach­tet. Nach Krauss hebt die moder­ne Skulptur die dem Denkmal inhä­rente Logik auf, nämlich seine Funktion an einem bestimm­ten Standort zu reprä­sentie­ren. Die neu gewon­nene Auto­nomie der Skulptur zeigt sich bei Rodin demge­mäß nicht nur in der Unähn­lichkeit zum Darge­stellten («Balzac», 1897) oder dem fragmen­tari­schen und unfer­tigen Charak­ter der Skulptur;[8] Rodin bricht mit dem tradi­tionel­len Denkmal auch durch seinen Verzicht auf hohe Posta­mente oder Sockel, wofür die Skulp­turen-​Gruppe «Die Bürger von Calais» berühm­testes Beispiel ist (vgl. Abb. 2).[9] Die Refle­xion des Sockels zieht sich durch die Kunst des 20. und 21. Jahrhun­derts (vgl. [Brunner 2009a]Brunner, D. (Hg.) (2009): Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel in der Moderne. Edition Braus, Heidelberg.
, [Gerstein 2007a]Gerstein, Alexandra (Hg.) (2007): Display and Displacement. Sculpture and the Pedestral from Renaissance to Post-Modern. Holberton, London.
). Constan­tin Brancu­si etwa baute als vermut­lich erster Künstler ab 1919 Sockel selbst und versah Werke mit unter­schiedli­chen, mitun­ter rotie­renden Sockeln. Mit dem Verlust des Sockels über­windet die Skulptur die Trennung vom Raum des Betrach­ters und beginnt mit ihm densel­ben Boden zu teilen.[10] Hand in Hand mit dieser Entwick­lung vollzieht sich die Ausbrei­tung der Skulptur im Raum, was früh schon etwa Marcel Duchamps «Trébu­chet» (1917)[11] erfahr­bar werden lässt.


Skulptur im erwei­terten Feld

Die Proble­mati­sierung der Bezie­hung von Skulptur und Raum begeg­net ab den 1960er Jahren erneut in der Land Art, der Mini­mal Art und der Instal­lations­kunst. Die Vielzahl neuer künstle­rischer Strate­gien führt zu einer Auswei­tung der genutz­ten Mate­rialien und auch des Skulptur­begriffs. Neben Alltags­gegen­ständen wird inner­halb von Body Art und Perfor­mance-​Kunst auch der Körper der Künstler zur Skulptur, was sich in der auf die Insze­nierungen von Gilbert & George ([1]) gemünz­ten Bezeich­nung ‘living sculptures’ verbal mani­festiert. Der Langle­bigkeit der tradi­tionel­len Materi­alien Stein, Marmor oder Bronze werden weiche, leicht formba­re Stoffe und Texti­lien sowie auch flüchti­ge Mate­riali­en wie Wasser, Luft und Licht entge­genge­setzt.[12] Postmo­derne Theore­tiker haben versucht, das Phäno­men der „Skulptur im erwei­terten Feld“[13] neu zu fassen, so zum Beispiel Donald Judd mit seiner Idee des Objekts (vgl. [Judd 1986a]Judd, Donald (1986): Spezifische Objekte (1965). In: Rowell, M. (Hg.), Skulptur im 20. Jahrhundert. Prestel, München.
).

Abbildung 3: Duane Hanson, «Men on Bench» (1977)

Trotz Ab­strak­ti­on und Di­ver­si­fi­ka­ti­on der Skulp­tur im 20. Jahr­hun­dert ver­mag das drei­di­men­si­o­na­le Me­di­um im­mer noch zu ir­ri­tie­ren. In der zeit­ge­nös­si­schen Kunst ar­ti­ku­liert zum Bei­spiel der Hy­per­re­a­lis­mus eines Du­ane Han­son oder Ron Muck nach wie vor die der Skulp­tur in­ne­woh­nen­de He­r­aus­for­de­rung, Ar­te­fakt von Fakt zu un­ter­schei­den (vgl. Abb. 3).

Anmerkungen
  1. ↑ Die Be­griffs­tren­nung geht un­ter an­de­rem auf Leon Bat­tis­ta Al­ber­tis «De Sta­tua» zu­rück: „Man­che füg­ten hin­zu und nah­men eben­so auch weg: ge­nau wie die­je­ni­gen, die da­rauf be­dacht sind, in Wachs und Ton ein ge­plan­tes Werk aus­zu­füh­ren, und von den Grie­chen ‘plas­ti­koi’, von un­sern Lands­leu­ten ‘Bild­ner’ ge­nannt wer­den. An­de­re ver­min­der­ten le­dig­lich: ge­nau wie die­je­ni­gen, die ei­ne ge­sucht­e Men­schen­ge­stalt, als sei sie in ei­nen Mar­mor­block ein­ge­las­sen und in ihm ver­bor­gen, ans Licht be­för­dern, in­dem sie gleich­sam das Über­flüs­si­ge weg­schla­gen. Die­se nen­nen wir ‘Bild­hau­er’ [sculp­to­res, T. H./A. R.]“ ([Alberti 2000a]Alberti, Leon Battista (2000): De Statua – Das Standbild. In: Bätschmann, O. & Schäublin, C. (Hg.), Das Standbild. Die Malkunst. Grundlagen der Malerei. WBG, Darmstadt.
    : S. 143-​145).
  2. ↑ Zum Bei­spiel schreibt Mar­git Ro­well in der Ein­lei­tung zum Über­sichts­werk «Skulp­tur im 20. Jahr­hun­dert»: „Mit der Ent­ste­hung neu­er drei­di­men­si­o­na­ler Tech­ni­ken, die sich der klas­si­schen Ver­fah­ren des For­mens, Gie­ßens oder Hau­ens nicht mehr be­die­nen müs­sen, ist es zwei­fel­haft ge­wor­den, ob ei­ne prin­zi­pi­el­le Un­ter­schei­dung zwi­schen hin­zu­ge­ben­den und weg­neh­men­den Ver­fah­ren noch zum Ver­ständ­nis eines Wer­kes we­sent­lich bei­trägt“ [Rowell 1986a]Rowell, Margit (1986): Was ist die moderne Skulptur?. In: Rowell, M. (Hg.), Skulptur im 20. Jahrhundert. Prestel, München.
    : S. 7.
  3. ↑ Ins­be­son­de­re durch Gior­gio Va­sa­ri wur­de die Vor­stel­lung ka­no­nisch, Skulp­tur, Ma­le­rei und Ar­chi­tek­tur stamm­ten vom ge­mein­sa­men “Va­ter” Di­segno ab; vgl. [Vasari 2006a]Burioni, M. (Hg.) (2006): Einführung in die Künste der Architektur, Bildhauerei und Malerei. Klaus Wagenbach, Berlin.
    : S. 98.
  4. ↑ Sie­he zur Ent­ste­hung der Ma­le­rei nach Al­ber­ti: [Wolf 1999a]Wolf, Gerhard (1999): The Origins of Painting. Res. Anthropology and Aesthetics, 36.
    . Mo­ni­ka Wag­ner er­läu­tert, dass die Ge­schich­te von Bu­ta­des, wie sie in der Ma­le­rei ge­zeigt wird, vor al­lem als Ur­sprung der Zeich­nung an­ge­führt wird, we­ni­ger als Ur­sprung drei­di­men­si­o­na­ler Kunst. Wag­ner führt Bei­spie­le der Ver­bin­dung des Bu­ta­des-​My­thos mit der Töp­fer- und Re­li­ef­kunst aus dem 19. Jahr­hun­dert an ([Wagner 2011a]Wagner, Monika (2011): Ein materialistischer Butades. Berliner Plädoyer für Kunst und Gewerbe. Kritische Berichte, 3.
    ). Die äs­the­tisch-​on­to­lo­gi­sche Pro­ble­ma­tik der im My­thos an­ge­deu­te­ten Ent­wick­lung von drei­di­men­si­o­na­ler Plas­tik aus zwei­di­men­si­o­na­ler Zeich­nung the­ma­ti­siert auch [Hensel 2009a]Hensel, Thomas (2009): Aperspektive und Anamorphose. Zu Raumbildern der Vormoderne. In: Winter, G. & Schröter, J. & Barck, J. (Hg.), Das Raumbild. Bilder jenseits ihrer Flächen. Wilhelm Fink, München.
    : S. 162f.
  5. ↑ Die ero­ti­sche Wahr­neh­mung ei­ner sehr real wir­ken­den Skulp­tur wird nicht nur bei Ovid ge­schil­dert. So soll die kni­di­sche Aph­ro­di­te des Pra­xi­te­les der­art le­bens­echt und an­zie­hend ge­we­sen sein, dass sich ein jun­ger Mann nachts im Tem­pel ein­schlie­ßen ließ, um mit der Fi­gur zu ver­keh­ren; vgl. [Stoichita 2008a]Stoichita, Victor I. (2008): The Pygmalion Effect. Chicago University Press, Chicago.
    : S. 8.
  6. ↑ Zum Pa­ra­go­ne vgl. [Gastel et al. 2014a]Gastel, Joris van & Hadjinicolaou, Yannis & Rath, Markus (Hg.) (2014): Paragone als Mitstreit. Akademie, Berlin.
    ,[Hessler 2014a]Hessler, Christiane J. (2014): Zum Paragone. Malerei, Skulptur und Dichtung in der Rangstreitkultur des Quattrocento. Akademie, Berlin.
    sowie [Mai 2002a]Mai, Ekkehard (Hg.) (2002): Wettstreit der Künste. Malerei und Skulptur von Dürer bis Daumier. Edition Minerva, Wolfratshausen.
    , darin besonders: [Hess­ler 2002a]Der Eintrag existiert noch nicht. so­wie die Zu­sam­men­fas­sung von Ste­fa­nie Sonn­tag auf S. 286. Der Band ent­hält au­ßer­dem ei­ne um­fang­rei­che Bi­bli­o­gra­phie.
  7. ↑ Zur Zwei­deu­tig­keit des Her­der­schen Ge­fühls­be­griffs, bei dem der Tast­sinn nur ein As­pekt von vie­len ist, vgl. [Liebsch 2010a]Liebsch, Dimitri (2010): Herders Gefühle. Einige Anmerkungen zum ‘Vierten Kritischen Wäldchen’ und zur ‘Plastik’. Das Achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts, 34, 1.
    .
  8. ↑ Vgl. [Krauss 1990a]Krauss, Rosalind (1990): Passages in Modern Sculpture. MIT Press, London.
    Notiz: Reprint der Erstausgabe von 1977
    , vor al­lem S. 5-​29. Zu Ro­dins Neu­e­run­gen in der Skulp­tur vgl. auch [Boehm 1977a]Boehm, Gottfried (1977): Plastik und plastischer Raum. In: Bußmann, K. & König, K. (Hg.), Skulptur. Ausstellung in Münster. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster.
    .
  9. ↑ Frü­her als die «Bür­ger von Ca­lais» wur­de Ro­dins «Eva» schon eben­er­dig aus­ge­stellt, und zwar 1899; vgl. [Hartog 2009a]Hartog, Arie (2009): Die Frage der Augenhöhe: Beobachtungen zu Sockeln in der Bildhauerei um 1900. In: Brunner, D. (Hg.), Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel in der Moderne. Edition Braus, Heidelberg.
    : S. 42f.
  10. ↑ Zur Funk­ti­on des So­ckels vgl. [Brunner 2009a]Brunner, D. (Hg.) (2009): Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel in der Moderne. Edition Braus, Heidelberg.
    : S. 9. — Ei­ne ver­gleich­ba­re Gren­ze pro­ble­ma­ti­siert die Ma­le­rei in ih­rem Um­gang mit dem Rah­men.
  11. ↑ Ju­lia Ot­to führt die­ses Werk als frü­he Bo­den­plas­tik an; vgl. [Otto 2001a]Otto, Julia (2001): Skulptur als Feld. In: Otto, J. (Hg.), Skulptur als Feld. Hatje-Cantz, Ostfildern-Ruit.
    : S. 9-​14.
  12. ↑ Zur Ent­ma­te­ri­a­li­sie­rung des Kunst­werks vgl. [Lippard 1997a]Lippard, Lucy R. (Hg.) (1997): Six Years. The Dematerialization of the Art Object from 1966 to 1972. University of California Press, Berkeley.
    , [Rübel 2012a]Rübel, Dietmar (2012): Plastizität. Eine Kunstgeschichte des Veränderlichen. Silke Schreiber, München.
    und [Porter 2014a]Porter, Jenelle (Hg.) (2014): Fiber. Sculpture 1960 – present. Prestel, München, London, New York.
    .
  13. ↑ Ro­sa­lind Krauss’ gleich­na­mi­ger Auf­satz wirbt da­für, Skulp­tur nicht als um­brella term, son­dern als ei­ne Po­si­ti­on im er­wei­ter­ten Feld der drei­di­men­si­o­na­len kün­stle­ri­schen Stra­te­gi­en der Post­mo­der­ne an­zu­se­hen; vgl. [Krauss 2000b]Krauss, Rosalind (2000): Skulptur im erwei­terten Feld (1978). In: Wolf, H. (Hg.), Die Ori­gina­lität der Avant­garde und ande­re Mythen der Moder­ne. Verlag der Kunst, Amster­dam.
    .
Literatur
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Ausgabe 1: 2015

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